Auf dem Boden Italiens hatte das Wiederaufleben der Antike
stattgefunden, dort entstanden durch *Galilei* und seine Schüler auch
die Grundlagen der neueren Naturwissenschaft. Zu der Zeit, als sich das
Dunkel des Mittelalters zu lichten begann, war Italien in zahlreiche
Republiken und Fürstentümer zerfallen, die in kriegerischem, sowie
in friedlichem Wettbewerb um die Herrschaft rangen. Ihre Nahrung
zogen diese kleinen Staatsgebilde vorwiegend aus dem Handel und dem
Gewerbe. Seitdem sich die italienischen Seefahrer der Bussole und der
geographischen Karten bedienten, hatte sich ein steigender Verkehr
nach der Levante entwickelt. Eine Folge davon war das Emporblühen
des Kunstgewerbes. Venedigs Glasgegenstände, sowie die Majoliken und
Metallgüsse anderer italienischen Städte galten als unübertroffen.
Auf solchem Boden erwuchs auch die Kunst eines *Lionardo da Vinci*,
*Raphael* und *Michel Angelo*, nachdem im Beginn dieses Zeitalters
*Dante* und *Petrarca* ihre unvergänglichen Dichtungen geschaffen. In
dem Maße, wie die Blüte der Kunst sich ihrem Ende zuneigte, begann der
wissenschaftliche Geist seine Schwingen zu regen. An demselben Tage, an
dem *Michel Angelo* die Augen für immer schloß, erblickte *Galilei* das
Licht der Welt. Die Natur, sagt *Libri*[30], schien damit andeuten zu
wollen, daß die Kunst das Scepter an die Wissenschaft abgetreten habe.
Leben und Entwicklungsgang Galileis.
*Galileo Galilei*[31] wurde am 18. Februar (alten Stils), nach neueren
Forschungen wahrscheinlich am 15. Februar, des Jahres 1564 in Pisa
geboren. Diese Stadt war im Mittelalter eine freie gewesen; zur Zeit
*Galileis* befand sie sich unter florentinischer Herrschaft, die damals
in den Händen des berühmten Geschlechts der Mediceer ruhte. Der Vater
*Galileis*, *Vincenzio Galilei*, ein verarmter Edelmann, besaß eine
große Vorliebe für Musik und Mathematik. Offenbar hat *Galilei* von
ihm seine auf die Naturwissenschaften und gegen den Autoritätsglauben
gerichteten geistigen Anlagen empfangen. Bezeichnend hierfür ist, daß
*Galileis* Vater auch schon die Form des Dialogs bevorzugte und einen
solchen über die alte und die neuere Musik verfaßte, sowie, daß er sich
darin gegen die Berufung auf Autoritäten aussprach.
Der junge *Galilei* ragte durch Lernbegierde, sowie durch
Selbständigkeit des Denkens unter seinen Altersgenossen hervor.
Er widmete sich in Pisa zunächst dem Studium der Medizin, einer
Wissenschaft, die in ihrer damaligen Verfassung wenig geeignet war,
einen Geist wie denjenigen *Galileis* zu fesseln. Es wird erzählt, daß
er vor der Tür den Vorträgen eines Mathematikers lauschte und von den
Hörern einige Brocken zu erhaschen suchte. Sobald der Mathematiker
davon erfuhr, nahm er sich des jungen Menschen an und bewirkte, daß
dieser das Studium der Heilkunde mit dem der Mathematik und der Physik
vertauschte.
Auf dem Gebiete der Physik herrschten damals die aristotelischen Lehren
noch so gut wie unangefochten. Sie wurden in Italien zu jener Zeit wie
ein Evangelium betrachtet[32]. Als *Galilei* den »Aristoteles« zu lesen
begann, hatte er sich über viele Naturvorgänge schon eigene Meinungen
gebildet. Er war nun in hohem Grade erstaunt, daß diese mit den
herrschenden Lehren des griechischen Philosophen so wenig im Einklang
waren. Bei weiterer Prüfung verwandelte sich dieses Staunen in Zweifel
und endlich in völlige Abkehr von den als unrichtig erkannten, älteren
Lehrmeinungen.
Als Fünfundzwanzigjähriger bestieg *Galilei* die Lehrkanzel und trat
nun öffentlich als Gegner der aristotelischen Physik auf. Da er dabei
mit großer Kühnheit die eigene wissenschaftliche Überzeugung über die
Autorität stellte, machte er sich in Pisa, wo man ihn des beharrlichen
Verfechtens seiner Meinung wegen den Zänker nannte, auf die Dauer
unmöglich. Mit Freuden folgte er deshalb einem vom venetianischen Senat
an ihn ergangenen Ruf an die Universität Padua, wo er im Dezember des
Jahres 1592 seine Antrittsvorlesung hielt.
Die Eigenart *Galileis*, seine Ansichten auf eigene Beobachtungen und
zweckmäßig ersonnene Versuche zu stützen, hat sich schon in den ersten
Jahren seiner Tätigkeit in Pisa geäußert. So ließ er Holz, Marmor und
Blei aus bedeutender Höhe herabfallen und zeigte, daß, entgegen der
Behauptung der Aristoteliker, die Fallzeit für Körper von verschiedenem
Gewicht dieselbe sei. »Daß dies der Ansicht vieler widerspricht«, sagt
er in seiner Jugendarbeit, die von dem Fall der Körper handelt (De motu
gravium), »ist mir ganz gleichgültig, wenn es nur mit der Vernunft und
der Erfahrung übereinstimmt«.
Durch den Luftzug in Schwingungen versetzte Lampen sollen seine
später zu besprechenden Forschungen über die Pendelbewegung veranlaßt
haben. Es wird erzählt, *Galilei* habe, als er eine an einer langen
Kette schwankende Lampe im Dom seiner Vaterstadt beobachtete, die
Schwingungszeit aus der Zahl seiner Pulsschläge ermittelt und auf diese
Weise den Isochronismus der Pendelschwingungen entdeckt, d. h. die
Tatsache, daß Schwingungen von kleinerem und größerem Ausschlag bei
unveränderter Länge des Pendels die gleiche Zeit beanspruchen.
*Euklid*, *Apollonios* und *Archimedes* boten ihm während dieser
Zeit des wissenschaftlichen Heranreifens die meiste Anregung.
Aus dem Schüler wurde aber bald ein Meister, der seine Lehrer
überflügelte. Nicht in dem Erlernen, sondern in der Weiterentwicklung
der Wissenschaft erblickte *Galilei* seine Aufgabe. Wo Erstarrung
eingetreten war, galt es, durch neue Wege und bessere Methoden den
Fortschritt der Erkenntnis herbeizuführen. In dieser Richtung sehen wir
ihn in wachsendem Maße sich betätigen, seitdem er das Lehramt in Padua
angetreten. Auch war er schon frühzeitig der koppernikanischen Lehre
zugetan. In einem 1597 an *Kepler* geschriebenen Briefe bekennt er
nämlich, daß er »seit vielen Jahren« Anhänger der neuen Weltanschauung
sei.
Dieser Brief, in dem er *Kepler* für die Übersendung des »Prodomus«,
der Erstlingsarbeit des großen Deutschen, seinen Dank ausspricht, ist
für die Stellung, die beide Männer zu ihren Zeitgenossen einnahmen, so
bezeichnend, daß er im Auszuge hier Platz finden möge. »Ich preise mich
glücklich«, schreibt *Galilei*, »in dem Suchen nach Wahrheit einen so
großen Bundesgenossen gefunden zu haben. Es ist wirklich erbärmlich,
daß es so wenige gibt, die nach dem Wahren streben und bereit sind,
von der verkehrten Art zu philosophieren abzugehen. Aber es ist hier
nicht am Platz, die Jämmerlichkeit unserer Zeit zu beklagen, sondern
Dir zu Deinen herrlichen Forschungen Glück zu wünschen. Ich tue das um
so lieber, als ich seit vielen Jahren Anhänger der koppernikanischen
Lehre bin. Sie erklärt mir die Ursache vieler Erscheinungen, die aus
der allgemein gültigen Ansicht ganz unbegreiflich sind. Ich habe zur
Widerlegung der letzteren viele Gründe gesammelt, doch wage ich es
nicht, sie ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen. Wahrlich, ich würde
es wagen, wenn es mehr solche Männer, wie Du bist, gäbe. Da dies aber
nicht der Fall ist, so spare ich es mir auf«[33].
*Galilei* hatte allen Grund vorsichtig zu sein, denn ein Jahr, nachdem
er diese Zeilen geschrieben, wurde *Giordano Bruno*, der begeisterte
Verfechter der koppernikanischen Lehre, der römischen Inquisition
ausgeliefert, um später seine Kühnheit auf dem Scheiterhaufen zu
büßen[34].
Die Befreiung aus den Banden der Scholastik fand auch darin ihren
Ausdruck, daß *Galilei*, obwohl er das Latein, die Sprache des
Mittelalters, beherrschte, in Wort und Schrift sich meist der
Muttersprache bediente. Dank für dieses Unterfangen erwies ihm jedoch
nur die lernbegierige Jugend, welche dem begeisterten Verkünder einer
neuen Zeit in Scharen zuströmte. Auch *Gustav Adolf*, der als Kronprinz
in Italien weilte, soll, nach *Vivianis* Erzählung, sich in Padua unter
seinen Zuhörern befunden haben[35].
Zu einem Zusammenstoß zwischen *Galilei* und den Scholastikern kam
es, als 1604 plötzlich der neue Stern erschien, über den *Kepler* und
*Fabricius* (siehe an späterer Stelle) so eingehend berichtet haben. Da
nach der Lehre des *Aristoteles* der Himmel unveränderlich sein und die
Sphäre des Veränderlichen erst unterhalb des Mondes beginnen sollte,
so wurde der neue Stern in diese Sphäre verlegt. Dagegen wandte sich
*Galilei*, indem er aus denselben Gründen wie *Kepler* darauf hinwies,
daß sich der neue Himmelskörper weit außerhalb der Sphären der Planeten
zwischen den Fixsternen befinden müsse.
Galileis astronomische Entdeckungen.
Wir sahen, welche Rolle *Galilei* in der Geschichte des Fernrohrs
spielte. Die Erfindung dieses Instruments veranlaßte ihn, sich seit dem
Jahre 1608 mit großem Eifer und Erfolge astronomischen Beobachtungen
zu widmen. Von besonderer Wichtigkeit war die Entdeckung, daß vier
kleinere Weltkörper den Jupiter umkreisen. Dieses Gestirn mit seinen
Trabanten bot ihm nämlich einen Analogiebeweis für die Richtigkeit der
koppernikanischen Weltansicht[36].
»Ich bin vor Verwunderung ganz außer mir«, schrieb *Galilei* damals,
»und sage Gott unendlichen Dank, daß es ihm gefallen hat, so große
und allen Jahrhunderten unbekannte Wunder durch mich entdecken zu
lassen. Daß der Mond ein der Erde gleicher Körper sei, dessen war ich
schon versichert. Auch habe ich eine Menge nie gesehener Fixsterne,
welche die Zahl derer, die man mit bloßem Auge sehen kann, mehr als
zehnmal übertrifft, entdeckt und weiß nun, was die Milchstraße ist.
Ferner habe ich gefunden, daß Saturn aus drei Kugeln besteht, die sich
fast berühren, nie ihre Stelle gegeneinander verändern und längs des
Tierkreises in einer Reihe, wie [Illustration] stehen, dergestalt, daß
der mittlere die anderen dreimal an Größe übertrifft«[37].
Von der Gleichgültigkeit und dem Widerstande, dem damals die größten
Entdeckungen begegneten, zeugt eine Stelle in einem Briefe *Galileis*
an *Kepler*. Sie lautet: »Als ich den Professoren am Gymnasium zu
Florenz die Jupitertrabanten durch mein Fernrohr zu zeigen wünschte,
wollten sie weder diese noch das Rohr sehen. Diese Menschen glauben, in
der Natur sei keine Wahrheit zu suchen, sondern nur in der Vergleichung
der Texte«[38].
Ausführlicher hat *Galilei* über seine astronomischen Entdeckungen
in dem »Himmelsboten«[39] berichtet, einem Buch, das großes Aufsehen
erregte, aber auch eine ganze Schar von Gegnern in Bewegung setzte.
Eine weitere Stütze erhielt das koppernikanische System durch die
Entdeckung, daß ein Planet wie die Venus, ähnlich wie der Mond,
Lichtgestalten aufweist. Sie erschien nämlich bald als leuchtende
Scheibe, bald war sie von halbkreis- oder sichelförmiger Gestalt.
Letzteres war der Fall, wenn sie ihre von der Sonne beleuchtete Hälfte
nicht voll dem Beschauer zukehrte. Damit war einer der Nachweise
geliefert, den die Gegner des *Koppernikus* forderten. Die Fixsterne
erschienen *Galilei* dagegen nur als leuchtende Punkte und sind es
trotz aller Zunahme der vergrößernden Kraft des Fernrohrs bis auf den
heutigen Tag geblieben. Sobald *Galilei* indes das bewaffnete Auge auf
den Himmel richtete, erkannte er, daß die Zahl der Fixsterne viele Male
die Zahl der mit bloßem Auge sichtbaren Sterne übertrifft[40].
Den Ruhm, die Sonnenflecken entdeckt zu haben, mußte *Galilei* jedoch
mit mehreren zeitgenössischen Astronomen teilen[41]. Die Sonnenflecken
hatten sich selbst *Kepler* in eigentümlicher Weise bemerkbar gemacht,
ohne daß er sich dabei eines Fernrohrs bedient hätte[42]. Der aus
der Bewegung der Flecken gezogene Schluß, daß die Sonne sich dreht,
war eine weitere Tatsache, die zur Stütze der neuen Weltansicht
herangezogen werden konnte.
Als *Galilei* seine astronomischen Entdeckungen begann, richtete auch
der Deutsche *Johann Fabricius*[43] das kurz zuvor in Holland erfundene
Fernrohr auf den Himmel. Diesem *Fabricius* gebührt hinsichtlich der
Sonnenflecken sogar die Priorität der Entdeckung, um die zwischen
*Galilei* und *Scheiner* mit so großer Heftigkeit gestritten wurde.
In einer 1611 erschienenen Schrift[44] berichtet *Fabricius* über
seine Beobachtung mit folgenden Worten: »Als ich den Rand der Sonne
aufmerksam betrachtete, zeigte sich mir unerwartet ein schwärzlicher
Fleck. Zuerst glaubte ich, es sei eine vorüberziehende Wolke. Am
nächsten Morgen erschien aber beim ersten Anblick der Fleck wieder,
indes schien er ein wenig seine Stellung verändert zu haben. Darauf
herrschte drei Tage trübes Wetter. Als wir wieder heiteren Himmel
bekamen, war der Fleck von Ost nach West gerückt, und kleinere waren
an seine Stelle getreten. Darauf entzog sich der große Fleck am
entgegengesetzten Rande nach und nach den Blicken. Daß den kleineren
dasselbe bevorstand, sah man aus ihrer Bewegung. Eine unbestimmte
Hoffnung ließ mich die Wiederkehr der Flecken erwarten. Und in der Tat,
nach 10 Tagen begann der größere Fleck am östlichen Rande von neuem
hervorzutreten«.
Neben *Galilei* und *Fabricius* verdient auch *Scheiner*[45] als
Astronom, der die Sonnenflecken selbständig entdeckte, genannt zu
werden. Er berichtete über seine Beobachtungen in einigen, an den
Bürgermeister von Augsburg gerichteten Briefen[46], welche die
Mitteilung enthielten, *Scheiner* habe im April des Jahres 1611 dunkle
Flecken auf der Sonnenscheibe wahrgenommen. Der Bürgermeister sandte
diese Briefe an *Galilei*, um dessen Meinung zu erfahren und erhielt
von *Galilei* die Antwort, er habe dieselbe Erscheinung schon im
Oktober 1610 wahrgenommen und sie auch anderen gezeigt. *Scheiner* war
im Zweifel, ob die Flecke sich auf oder dicht über dem Sonnenkörper
befänden. Trotzdem schloß er aus ihrer Bewegung, die er mit größter
Ausdauer verfolgte, auf eine Drehung der Sonne. Zuerst hatte er an eine
optische Täuschung oder an einen Fehler seines Instruments gedacht.
Erst nachdem er acht Fernrohre auf die Sonne gerichtet, und sie ihm und
den herbeigerufenen Zeugen stets dasselbe gezeigt hatten, glaubte er
seiner Sache sicher zu sein.
Als Ursache der eigentümlichen Erscheinung gab es zwei Möglichkeiten,
die beide eingehend erörtert wurden. Entweder gehörten die Flecken dem
Sonnenkörper an -- und diese Ansicht vertrat von vornherein *Fabricius*
-- oder man hatte es mit dunklen, die Sonne umkreisenden Körpern zu
tun, eine Annahme, die besonders unter denjenigen Astronomen Anhänger
fand, welche die neue Erscheinung mit der aristotelischen Lehre von
der Reinheit der Sonne in Einklang zu bringen suchten. Fortgesetzte
Beobachtungen verhalfen jedoch der ersten Ansicht zum Siege. Blieb es
auch unentschieden, welchen Ursprung die Flecken besitzen, so zögerte
man doch nicht, nachdem man sie als Teile der Sonne erkannt hatte, aus
ihrer Bewegung auf eine Achsendrehung dieses Weltkörpers zu schließen,
sowie daraus die Dauer jener Bewegung und die Lage des Sonnenäquators
abzuleiten.
Um diese Zeit wurden auch die ersten Nebel entdeckt, und zwar zunächst
diejenigen, die bei sehr klarer Luft mit unbewaffnetem Auge als ganz
blasse Lichtschimmer wahrgenommen werden können. Es sind das die Nebel
im Orion und in der Andromeda. Ersterer wird 1618 zuerst erwähnt. Den
Andromedanebel entdeckte *Simon Marius* im Jahre 1612.
Wissenschaft und Kirche.
Diese Fülle von astronomischen Entdeckungen hatte zur Folge, daß
die Frage nach der Richtigkeit des koppernikanischen Systems in
den Mittelpunkt der Erörterung gerückt wurde. Alles was in Italien
an Frömmelei, an scholastischem Dünkel und an Neid gegen den Ruhm
*Galileis* herrschte, vereinigte sich, um unter dem Vorgeben, die
von *Koppernikus* begründete und von *Galilei* verteidigte Lehre
sei der heiligen Schrift zuwider, den großen Entdecker zu Fall zu
bringen. Es ist dies eins der dunkelsten Blätter in der Geschichte
der Wissenschaften. Jene angeblich religiösen Bedenken gegen den
Fortschritt der letzteren hat keiner mit solch treffenden Worten
zurückgewiesen wie *Galilei* selbst. Es geschah dies in einem Briefe,
aus dem hier einige Stellen[47] Platz finden mögen:
»Wir bringen das Neue nicht, um die Geister zu verwirren, sondern
um sie aufzuklären, nicht um die Wissenschaft zu zerstören, sondern
um sie wahrhaft zu begründen. Unsere Gegner aber nennen, was sie
nicht widerlegen können, falsch und ketzerisch, indem sie sich aus
erheucheltem Religionseifer einen Schild machen und die heilige Schrift
zur Dienerin ihrer Absichten erniedrigen.
Wer sich an den nackten, grammatischen Sinn halten wollte, müßte die
Bibel Widersprüche zeihen, wenn sie von Gottes Auge, Hand oder Zorn
redet. Wenn aber solches, der Fassungskraft des Volkes entsprechend,
vorkommt, um wieviel mehr mußte diese bei Gegenständen berücksichtigt
werden, die von der Wahrnehmung der Menge weit abliegen und nicht das
Seelenheil betreffen, wie es auf dem Gebiete der Naturwissenschaften
der Fall ist. Hier muß man nicht mit der Autorität der Bibel beginnen,
sondern mit der Wahrnehmung und dem Beweis. Da die Bibel vieles
figürlich sagt, so darf das, was Wahrnehmung und Beweis uns ersichtlich
machen, nicht durch solche Stellen der heiligen Schrift in Zweifel
gezogen werden, die einen doppelten Sinn haben. Vor allem muß man sich
der Tatsache versichern; ihr *kann* die Bibel nicht entgegen sein,
sonst würde Gott sich selbst widersprechen. Die Bibel redet, wie das
damalige Volk die Sache ansah. Hätte sie der Erde Bewegung und der
Sonne Ruhe beigelegt, so würde das die Fassungskraft der Menge verwirrt
haben. Wo hat aber die Bibel die neue Lehre verdammt? Man setzt das
Ansehen der Bibel aufs Spiel, wenn man die Sache anders nimmt und,
statt nach erwiesenen Tatsachen den Sinn der Schrift zu deuten, lieber
die Natur zwingen, den Versuch leugnen, den Beweis verschmähen will.
Das Verbieten der Wissenschaft selbst aber wäre gegen die Bibel, die
an hundert Stellen lehrt, wie der Ruhm und die Größe Gottes wunderbar
aus allen seinen Werken hervorleuchten und vor allem im offenen Buche
des Himmels zu lesen sind. Und glaube niemand, daß das Lesen der
erhabensten Gedanken, die auf diesen Blättern geschrieben stehen,
damit getan sei, daß man bloß den Glanz der Sterne angafft. Da sind
so tiefe Geheimnisse und so erhabene Begriffe, daß die Nachtarbeiten
und Studien von hundert und aber hundert der schärfsten Geister in
tausendjährigem Forschen noch nicht durchgedrungen sind und die Lust
des Forschens und Findens ewig währt.«
Trotz aller Bemühungen und Vermittlungsversuche, die *Galilei*
zugunsten der heliozentrischen Weltansicht unternahm, fanden in Rom,
wo man ihm anfangs geneigt war, von fanatischen Mönchen ausgehende
Anschuldigungen schließlich Gehör. Im Jahre 1616 kam es zum Verbot
aller Schriften, welche die Bewegung der Erde behaupteten. *Galilei*
wurde befohlen, seine Meinung aufzugeben; wenigstens sollte er
sich enthalten, diese Meinung zu verteidigen oder zu lehren. Im
Übertretungsfalle werde man ihn einkerkern. Das Werk des *Koppernikus*
aber wurde einer entsprechenden Änderung unterzogen. Das bezügliche
Dekret lautete: »Behaupten, die Sonne stehe unbeweglich im Mittelpunkt
der Welt, ist töricht, philosophisch falsch und, weil ausdrücklich
der heiligen Schrift zuwider, förmlich ketzerisch. Behaupten, die
Erde stehe nicht im Mittelpunkt der Welt und habe sogar eine tägliche
Umdrehung, ist philosophisch falsch und zum mindesten ein irriger
Glaube.«
Die Ironie des Schicksals fügte es, daß zur selben Zeit, als *Galilei*
diesen Kampf gegen Unwissenheit und Autoritätsglauben führte, das
heliozentrische System, dem bis dahin noch manche Unvollkommenheiten
anhafteten, durch die Arbeiten *Keplers* auf den Rang einer
wohlbegründeten Theorie erhoben wurde.
*Galilei* lehrte, als das soeben erwähnte Dekret erschien, nicht
mehr in Padua. In seinem engeren Vaterlande, in Florenz, war ein
Fürst, den er als Prinzen unterrichtet hatte, zur Regierung gelangt.
Dieser wünschte dem Lehrer seine Dankbarkeit zu beweisen und ihn als
Zierde des eigenen Landes wirken zu sehen. *Galilei* ließ sich gern
zur Rückkehr bewegen, da er mit seiner neuen Anstellung nicht die
Verpflichtung übernahm, Vorträge zu halten, sondern ausschließlich
seiner wissenschaftlichen Tätigkeit leben durfte. Länger als ein
Jahrzehnt hat er diese ungestört ausgeübt. Zwar starb sein hochherziger
Gönner. Doch gestalteten sich in Rom selbst die Verhältnisse günstiger,
indem mit *Urban VIII.* ein von regem Eifer für die astronomische
Wissenschaft beseelter Mann den päpstlichen Stuhl einnahm. *Urban*
hatte sogar Gedichte auf die Entdeckung der Jupitertrabanten verfaßt
und brachte *Galilei* großes Wohlwollen entgegen. Alle Bemühungen des
letzteren, den Papst von der Richtigkeit der koppernikanischen Lehre
zu überzeugen und eine Zurücknahme der kirchlichen Entscheidung vom
Jahre 1616 herbeizuführen, waren jedoch vergeblich.
Galileis Eintreten für die koppernikanische Lehre.
Unterdessen schrieb *Galilei* in der Stille seines Landhauses den
»Dialog über die beiden hauptsächlichsten Weltsysteme«, ein Buch, das
die glänzendste Verteidigung der koppernikanischen Lehre darstellt[48].
Der Dialog, der aus vier umfangreichen Gesprächen oder Tagen, wie
*Galilei* sich ausdrückt, besteht, ist eins der merkwürdigsten Werke,
das je geschrieben worden ist. Handelt es sich doch nicht darum, zu
entscheiden, welches von den beiden Weltsystemen das richtige sei,
sondern um die Darlegung einer Methode wissenschaftlichen Forschens und
Denkens, die zu dem bisher meist geübten Verfahren in einem schroffen
Gegensatze stand. Der Geist, der sich in diesem Buche ausspricht,
bezeichnet eine Überwindung der bisherigen Stufe, einen Schritt
vorwärts, den die Menschheit auf dem Wege des Denkens machte, wenn auch
manches schon vor *Galilei* im Keime vorhanden war. Mit Recht ist daher
*Galileis* Dialog als eins der wichtigsten Dokumente in der Geschichte
des menschlichen Geistes bezeichnet worden.
Die Gesprächsform wählte *Galilei* in diesem und auch in späteren
Werken teils aus ästhetischen, teils aus didaktischen Gründen. Auch mag
ihn das Vorbild der platonischen Dialoge dazu veranlaßt haben. Außerdem
sprachen Opportunitätsrücksichten für diese Art der Veröffentlichung.
Von den sich unterredenden Personen sind *Salviati* und *Sagredo*
Freunde und Anhänger *Galileis*, denen er im Dialog ein Denkmal
setzt, indem er sie zu Trägern seiner Ansichten macht. *Simplicio*,
eine fingierte Persönlichkeit, ist der Verfechter der zu *Galileis*
Zeiten überwuchernden, dem blinden Autoritätsglauben huldigenden
Buchgelehrsamkeit[49].
Im ersten Gespräch wird die Lehre des Aristoteles von der besonderen,
im Gegensatz zu allem Irdischen stehenden Natur der Himmelskörper
angefochten. Das Erscheinen neuer Sterne und die Sonnenflecken dienen
*Galilei* als wichtige Beweisstücke gegen die aristotelische Ansicht
von der Unveränderlichkeit des Himmels. Gegen die von *Aristoteles*
behauptete vollkommene Kugelgestalt der Gestirne führt *Galilei* die
durch ihn entdeckten Berge des Mondes ins Feld. Die Unvergänglichkeit
ist ferner nach ihm ein Attribut aller Materie und nicht etwa der
himmlischen allein. »Ich habe«, läßt er *Salviati* sagen, »nie eine
Umwandlung der Stoffe ineinander begreifen können, vermöge deren ein
Körper als vernichtet zu gelten hat und ein völlig verschiedener Körper
aus ihm hervorgegangen sein soll. Ich halte es für möglich, daß die
Umwandlung durch eine bloße Veränderung in der Anordnung der Teile
geschieht, ohne daß etwas vernichtet oder etwas Neues erzeugt wird.«
So sehen wir *Galilei* in die, aus a priori aufgestellten Sätzen
abgeleiteten Lehren des *Aristoteles*, dessen Methode bis dahin die
herrschende gewesen war, erfolgreich Bresche legen. Bewundernswert ist
der Geist, mit dem er jede Spitzfindigkeit der Aristoteliker, die er
dem *Simplicio* in den Mund legt, ad absurdum führt. Wenn *Simplicio*
sich zu dem Ausspruch versteigt, *Aristoteles* könne keinen Denkfehler
machen, da er der Erfinder der Logik sei, so ist *Galilei* sofort mit
dem treffenden Einwand bei der Hand, es könne jemand sehr wohl ein
guter Instrumentenmacher sein, ohne deshalb kunstgeübt auf seinen
Instrumenten spielen zu können[50].
Was nun die Frage anbetrifft, ob sich sämtliche Himmelskörper in 24
Stunden um die Erde, oder letztere in der gleichen Zeit sich um sich
selbst bewegt, so gibt *Galilei* zu, daß allerdings beide Annahmen auf
den ersten Blick wohl die beobachteten Erscheinungen erklären können.
Die Gründe, die sich für eine Drehung der Erde anführen ließen, seien
jedoch überwältigend.
»Wenn wir«, meint *Galilei*, »nur den ungeheuren Umfang der
Sternensphäre betrachten, im Vergleiche zu der Kleinheit des Erdballs,
der in jener viele Millionen mal enthalten ist, und sodann an die
Geschwindigkeit der Bewegung denken, infolge deren in einem Tage eine
ganze Umdrehung des Himmel sich vollziehen müßte, so kann ich mir
nicht einreden, daß die Himmelssphäre sich dreht, der Erdball dagegen
in Ruhe bleibt.« Wolle man aber jene gewaltige Bewegung dem Himmel
beilegen, so müsse man notwendigerweise diese als entgegengesetzt den
besonderen Bewegungen der sämtlichen Planeten betrachten, die alle ihre
eigene Bewegung von West nach Ost besäßen und zwar eine sehr langsame.
Lasse man dagegen die Erde sich um sich selbst bewegen, so falle jener
Gegensatz der Bewegungen fort.
Eine dritte Schwierigkeit bestehe darin, daß, je größer die Sphäre sei,
der Umlauf um so längere Zeit in Anspruch nehme. Saturn, dessen Bahn an
Größe die aller Planeten übertreffe, vollende seinen Umlauf in dreißig
Jahren. Jupiter beschreibe seinen eigenen Kreislauf in zwölf Jahren,
Mars in zweien, der Mond endlich, das uns nächste Gestirn, innerhalb
eines Monats. Dasselbe hatten *Galilei* die Jupitertrabanten gelehrt,
für die sich als Umlaufszeiten für den innersten Trabanten 42 Stunden,
für den folgenden 3½ Tage, den nächsten 7 und den äußersten endlich
16 Tage ergeben hatten.
Wolle man nun die Erde ruhen lassen, so müsse man von dem ganz kurzen
Umlauf des Mondes zu immer größeren übergehen, zu dem zweijährigen des
Mars, dem zwölfjährigen des Jupiter, dem dreißigjährigen des Saturn,
dann aber plötzlich zu einer unvergleichlich viel größeren Sphäre, der
man gleichwohl eine volle Umdrehung in 24 Stunden beilegen müsse. Nehme
man aber eine Bewegung der Erde an, so werde die Geschwindigkeit der
Perioden aufs beste gewahrt: Von der trägsten Sphäre des Saturn gelange
man dann zu den ganz unbeweglichen Fixsternen.
Als weitere Schwierigkeit der Ptolemäischen Weltanschauung führt
*Galilei* die gewaltige Ungleichheit in den Bewegungen der Fixsterne
an, von denen einige sich außerordentlich schnell in ungeheuren Kreisen
drehen müßten, andere langsam in kleinen Kreisen, da sich die einen in
größerer, die anderen in geringerer Entfernung vom Himmelspole befänden.
Noch verwickelter aber werde die Sache dadurch, daß die Fixsterne in
ihrer Stellung langsamen Änderungen unterworfen seien. »Diejenigen
nämlich,« führt er aus, »die vor Jahrtausenden im Äquator standen und
folglich bei ihrer Bewegung größte Kreise beschrieben, müssen, weil
sie heutzutage mehrere Grade von ihm entfernt sind, sich langsamer und
in kleineren Kreisen bewegen. Auch wird es sogar geschehen, daß einer
von denen, die sich bisher stets bewegt haben, schließlich mit dem
Pole zusammenfällt und dann feststeht, nach einiger Zeit der Ruhe aber
wiederum anfängt sich zu bewegen.«
Bezüglich der Entstehung des Sonnensystems hatte *Galilei* sich eine
Ansicht gebildet, welche der auf *Laplace* und *Kant* zurückzuführenden
Anschauung, nach der die Planeten aus der Sonne hervorgegangen sind,
genau entgegengesetzt ist. *Galilei* stellte sich vor, der göttliche
Baumeister habe zuerst die Sonne gebildet und ihr einen festen Platz
verliehen. Dann seien aus seiner Hand die Planeten hervorgegangen.
Diese hätten sich von dem Orte ihrer Entstehung mit wachsender
Geschwindigkeit nach der Sonne hinbewegt. Dann seien sie, wiederum
durch göttlichen Eingriff, an einem bestimmten Punkte mit der bis dahin
erlangten Geschwindigkeit aus der Fall- in eine Drehbewegung versetzt
worden. Nach *Galilei* sind z. B. Jupiter und Saturn von demselben
Punkte nach der Sonne hin gefallen. Da Jupiter tiefer fiel, erlangte er
eine größere Geschwindigkeit, mit der er sich jetzt innerhalb der Bahn
des langsamer umlaufenden Saturns um die Sonne bewegt.
Man kann noch weiter gehen, meint *Galilei*, und aus dem Verhältnis
der Geschwindigkeiten von Jupiter und Saturn, die sich ja aus dem
Abstand von der Sonne und der Umlaufszeit ergeben, und aus dem Maße der
Beschleunigung einer nach dem Zentrum gerichteten Bewegung berechnen,
in welcher Entfernung von diesem Zentrum der Ort sich befunden hat, von
dem die Planeten ausgingen.
Dafür, daß die Erde und die Himmelskörper gleichartiger Natur seien,
führt *Galilei* besonders die Gebirge des Mondes ins Feld. Sind doch
die Gestirne nach der neuen Lehre Erden wie unsere Erde, während sie
vorher, wenn auch nicht mehr als göttliche, so doch als übernatürliche
Wesen gegolten hatten. In diesem Versetzen der Erde unter die Sterne,
unter Aufgabe des anthropozentrischen Standpunktes, liegt eben das
Umwälzende, die befangene Menge Aufregende, der neuen Weltanschauung.
*Galilei* wies auch darauf hin, daß die Sonnenflecken eine
verhältnismäßig geringe Beständigkeit besitzen. Er sah sie entstehen
und sich allmählich wieder auflösen und verschwinden[51]. Daraus nahm
*Galilei* besonders Anlaß, sich gegen die Lehre von der Unwandelbarkeit
der Gestirne und gegen die Vorstellung, daß das Beständige und
Unveränderliche das Vollkommenere sei, zu wenden. Hierin zeigt sich
vor allem der Wandel, den das Weltbild an der Schwelle der Neuzeit
erfährt. Die Starrheit, die es im Altertum und ganz besonders im
Mittelalter besessen, weicht der Vorstellung, daß überall ein Werden,
eine Entwicklung vor sich geht. Und dieser Entwicklungsgedanke ist es,
der bis auf den heutigen Tag an Kraft und Ausdehnung stetig zugenommen
hat und in der Gegenwart nicht nur die wissenschaftlichen, sondern auch
alle übrigen, selbst die metaphysischen Vorstellungen beherrscht.
*Galilei* verleiht diesem Gedanken in folgenden Worten Ausdruck: »Ich
kann nur mit dem größten Widerstreben hören, daß die Eigenschaften des
Unwandelbaren und Unveränderlichen als etwas Vornehmes und Vollkommenes
gelten und im Gegensatz dazu die Veränderlichkeit als etwas
Unvollkommenes betrachtet wird. Ich halte die Erde für höchst vornehm
gerade wegen der Wandlungen, die sich auf ihr abspielen, und dasselbe
gilt von dem Monde, vom Jupiter und anderen Weltkugeln.«
Worin diese Wandlungen der Gestirne beständen, vermöge sich die
mächtigste Einbildungskraft nicht vorzustellen. Deshalb tritt *Galilei*
auch der Annahme, daß die Gestirne den irdischen Geschöpfen ähnliche
Lebewesen beherbergen, entgegen.
Den Fixsternen hatte man vor *Galilei*, durch die Irradiation
verleitet, eine bedeutende scheinbare Größe zugeschrieben und sie für
verhältnismäßig nahe Weltkörper gehalten. Durch *Koppernikus* und
mehr noch durch *Galilei*, der sie zuerst als bloße Lichtpünktchen
wahrnahm, wurden sie in unermeßliche Fernen gerückt, zumal, nachdem
*Galilei* gezeigt hatte, daß sie in Wahrheit einen wenigstens
tausendmal geringeren scheinbaren Durchmesser besitzen, als es infolge
der Irradiation den Anschein hat[52]. Während nämlich noch *Tycho*
für einen Fixstern erster Größe einen scheinbaren Durchmesser von 2
Minuten gemessen zu haben glaubte, eben weil er auf die Irradiation
keine Rücksicht nahm, gibt *Galilei* für den Durchmesser eines
solchen Sternes als obere Grenze den Wert von 5 Sekunden an. Spätere
Untersuchungen haben ergeben, daß sich für die Fixsterne überhaupt kein
scheinbarer Durchmesser nachweisen läßt.
Dafür, daß nicht nur auf der Sonne, sondern auch in der unendlich viel
weiter entfernten Region der Fixsterne Entwicklung, Vernichtung,
kurz ein den irdischen Vorgängen ähnlicher Wechsel besteht, führt
*Galilei* das plötzliche Erscheinen neuer Sterne in den Jahren
1572 und 1604 ins Feld. Für das Sonnensystem dagegen bezeugen ihm
nicht nur die am Zentralkörper auftretenden, ihre Form und Größe
ändernden Flecken, sondern auch das Auftauchen und das Verschwinden
von Kometen, daß überall in der Welt ein natürliches Geschehen
stattfindet und daß der Himmel keine über das Naturgesetz hinausgehende
Sonderstellung einnimmt. Außer den astronomischen Gründen, welche
der vorkoppernikanischen Astronomie für eine Bewegung der Gestirne
um die im Weltzentrum ruhende Erde zu sprechen schienen, gab es für
diese Annahme noch einige physikalische Scheingründe, die *Galilei*
gleichfalls widerlegte[53]. *Aristoteles* und seine Anhänger
behaupteten nämlich, daß der senkrechte Fall die Ruhe der Erde beweise.
Rotiere diese nämlich, so könne ein senkrecht emporgeworfener Körper
nicht längs derselben Linie an den nämlichen Ort zurückkehren, von
dem aus er geworfen wurde. Während der für das Steigen und Fallen
erforderlichen Zeit habe sich der Ort, wenn eine Rotation vorhanden
sei, um ein bedeutendes Stück nach Osten verschoben, der Körper müsse
also nach Westen abweichen. Dem widerspräche aber die Beobachtung. Der
zweite Einwurf besagte, daß die Erde, wenn sie rotiere, alle nicht in
der Nähe der Pole befindlichen Gegenstände vermöge der Schwungkraft von
ihrer Oberfläche abschleudern müsse.
Dem ersten Einwurf gegenüber hebt *Galilei* hervor, daß der Turm,
von dem man den Stein herabfallen läßt, sich mit der gleichen
Geschwindigkeit nach Osten bewegt wie der Stein. Ein ähnliches
Verhalten zeige sich, wenn man einen schweren Körper von dem Maste
eines ruhenden und eines schnell fahrenden Schiffes herabfallen
lasse. In beiden Fällen treffe nämlich der Körper dieselbe Stelle am
Fuße des Mastes. Scharfsinnig hebt *Galilei* hervor, daß eine kleine
Abweichung, die bei diesem Experiment eintreten könne, auf Rechnung
des Luftwiderstandes gesetzt werden müsse. Die Luft sei nämlich in
bezug auf das fahrende Schiff in Ruhe, während beim Fall von einem Turm
sowohl der Turm und der Körper, als auch das Medium an der Erdumdrehung
in völlig gleicher Weise teilnähmen. Das Medium könne unter diesen
Umständen also auf die Bewegung des fallenden Körpers nicht störend
einwirken, wie es bei dem bewegten Schiffe bei großer Geschwindigkeit
möglich sei. Es ist also immer wieder der erweiterte Begriff des
Beharrungsvermögens, der bei *Galilei* bald mehr, bald minder deutlich
zum Ausdruck kommt, ein Begriff, der seinen Gegnern fehlte und daher
ihre Einwürfe gegen die koppernikanische Ansicht von ihrem Standpunkte
aus als berechtigt erscheinen ließ.
Den zweiten Einwurf, daß in der Nähe des Äquators befindliche Körper
bei einer Rotation von der Erde abgeschleudert werden müßten, widerlegt
*Galilei* gleichfalls. Er zeigt nämlich, daß die Schwungkraft in
Anbetracht der verhältnismäßig geringen Rotationsgeschwindigkeit
so klein ist, daß ihre Wirkung durch die Schwerkraft viele Male
übertroffen wird[54].
Nachdem *Galilei* die ältere Weltanschauung abgelehnt und die von ihren
Anhängern erhobenen Einwürfe beseitigt hat, bringt er eine ausführliche
Darstellung des koppernikanischen Systems. Für dieses System spreche
mehr wie alles andere der Umstand, daß das Stehenbleiben, Rückwärts-
und Vorwärtsgehen der Planeten aus der jährlichen Bewegung der
Erde folge. Aufgabe der Astronomie sei es, Rechenschaft von den
Erscheinungen zu geben, und das habe die geozentrische Lehre nicht
vermocht, da sie zu den ungereimtesten Theorien gegriffen habe, um die
Stillstände und die Rückgänge der Planeten zu erklären.
Dem Einwurf, daß die von *Koppernikus* behauptete Ortsveränderung
der Erde um ihren doppelten Abstand von der Sonne parallaktische
Verschiebungen am Fixsternhimmel zur Folge haben müsse, wußte *Galilei*
durch die Annahme zu begegnen[55], daß die Fixsternsphäre wenigstens
10000 Sonnenweiten vom Sonnensystem entfernt sei. Infolgedessen
entziehe sich eine durch die Erdbewegung hervorgebrachte, äußerst
geringfügige Verschiebung der Fixsterne unserer Beobachtung.
Die bisher erwähnten Anzeichen, die für eine Bewegung der Erde
sprachen, bezogen sich sämtlich auf Himmelserscheinungen. Irdische
Vorgänge schienen für den Nachweis, ob die Erde sich dreht oder
fest steht, nicht in Betracht zu kommen. Nur an dem Wasser, meinte
*Galilei*, das infolge seiner Flüssigkeit gewissermaßen »unter eigener
Botmäßigkeit« stehe, ließe sich vielleicht ein Anzeichen finden,
aus dem man entnehmen könne, ob die Erde sich dreht oder nicht. Ein
solches Anzeichen erblickte *Galilei* in den Gezeiten. Wenn auch erst
*Newton* imstande war, eine befriedigende Theorie der Gezeiten zu
geben, so verdienen doch Galileis *scharfsinnige* Betrachtungen über
diesen Gegenstand unsere Beachtung[56]. Man muß sich vergegenwärtigen,
daß *Galilei* die Gravitation der Weltkörper zur Erklärung der
Gezeiten noch nicht verwerten konnte, weil man von einer zwischen den
Weltkörpern wirkenden Kraft wohl eine dunkle Ahnung, aber noch keine
festgegründete Lehre besaß. *Galilei* setzte also noch keine anziehende
Kraft des Mondes voraus, sondern erklärte die Gezeiten folgendermaßen:
Ist der Erdball unbeweglich, so kann keine Ebbe und Flut stattfinden.
Gibt man der Erde aber die Bewegungen, die *Koppernikus* ihr
zuschreibt, so muß das Meer in einer den Beobachtungen entsprechenden
Weise der Ebbe und der Flut unterliegen. Und zwar geschieht dies nach
*Galilei*, weil, infolge der Zusammensetzung der jährlichen Bewegung
mit der Drehung, gewisse Teile der Erdoberfläche in ihrer absoluten
Bewegung beschleunigt, andere dagegen verzögert werden. Nehmen wir mit
*Galilei* an, in A befinde sich die Sonne. Der große Kreis sei die
Erdbahn und der kleine die Erde selbst. Bewegt sich letztere von B nach
C, während sie gleichzeitig in der Richtung DEFG rotiert, so erkennt
man ohne weiteres, daß sich der Punkt D der Erdoberfläche, absolut
genommen, am schnellsten bewegt, während derselbe Punkt, wenn er in F
angelangt ist, seine geringste Geschwindigkeit besitzt, weil dort die
tägliche Bewegung der jährlichen entgegengesetzt und deshalb von ihr in
Abzug zu bringen ist. Ähnlich wie nun in einem bewegten Wasserbecken,
dessen Geschwindigkeit sich ändert, das Wasser auf der einen Seite
steigen und auf der anderen fallen wird, ähnlich muß nach *Galilei*
der erwähnte Einfluß ein Steigen und ein Fallen der Wassermasse im
Meeresbecken hervorrufen. Daß dieser Schluß zutrifft, läßt sich
nicht in Abrede stellen, und es ist wohl möglich, daß die erwähnte
Verschiedenheit der Geschwindigkeiten in D und F (Abb. 5) von Einfluß
ist. Da jedoch die Geschwindigkeit der jährlichen Bewegung viele
Male größer ist als die Rotationsgeschwindigkeit eines in der Nähe
des Äquators gelegenen Punktes, so kann der von *Galilei* behauptete
Einfluß jedenfalls nur gering sein und höchstens Nebenerscheinungen
veranlassen. *Galilei* unterschätzte nämlich jenes Verhältnis, da er
den Durchmesser der Sonnenbahn etwa 20mal zu klein annahm[57].
[Illustration: Abb. 5. Galileis Erklärung der Gezeiten[58].]
Galileis Inquisitionsprozeß.
Der »Dialog« ist, wie wir sahen, eins der merkwürdigsten und in seinen
Folgen wichtigsten Bücher, die je geschrieben wurden[59]. Es nimmt
für seine Zeit dieselbe Bedeutung ein, welche die »Kreisbewegungen«
des *Koppernikus* für das 15. Jahrhundert und *Newtons* »Prinzipien«
für das auf *Galilei* folgende Zeitalter besitzen. Diese drei Werke
bezeichnen Fortschritte in der Entwicklung der Weltanschauung, d.
h. des Weltbildes, der Vorstellungen vom Kosmos, wie sie seitdem
kaum wieder gemacht wurden. Wir haben uns deshalb mit dem Inhalt des
»Dialogs« eingehender befaßt und wollen nun auch seine Geschichte
kennen lernen. Wenn je von einem Buche, so gilt nämlich von diesem das
bekannte Wort: Habent sua fata libelli. Auch hat wohl selten ein Werk
in solchem Maße das Schicksal seines Verfassers bestimmt, wie es der
»Dialog« getan hat.
Mit dem Verbot vom Jahre 1616 suchte sich *Galilei* dadurch abzufinden,
daß er die Lehre des *Koppernikus* nicht als eigene Meinung vortrug,
sondern sie einer der sich unterredenden Personen, dem *Salviati*,
in den Mund legte, während das ptolemäische System von *Simplicio*
verteidigt wurde. Jeder Einsichtige konnte indessen leicht erkennen,
daß mit *Salviati* der Verfasser selbst gemeint sei.
Trotzdem erteilte die römische Zensurbehörde, nachdem auf ihren
Wunsch einige Änderungen vorgenommen waren, die Erlaubnis zum Druck
des »Dialogs«. Das Buch erschien 1632. Es erregte großes Aufsehen,
rief aber auch die Tätigkeit der Feinde und Neider *Galileis* von
neuem wach. Insbesondere war es der Jesuit *Scheiner*, derselbe, mit
dem *Galilei* einen Prioritätsstreit hinsichtlich der Entdeckung
der Sonnenflecken ausgefochten hatte[60], der gegen ihn mit allen
Mitteln zu Felde zog und die Angelegenheit vor die Inquisition zu
bringen suchte. Die freundliche Gesinnung, die *Urban VIII.* bisher
gegen *Galilei* gehegt, verstand man in das Gegenteil zu verkehren.
Man redete dem Papste nämlich ein, in *Simplicio*, dem ungeschickten
Verteidiger der ptolemäischen Ansicht, habe *Galilei* ihn zu verspotten
gesucht.
Es würde hier zu weit führen, wenn wir uns mit den Einzelheiten des
gegen *Galilei* in Szene gesetzten Inquisitionsverfahrens näher
befassen wollten[61]. Der siebzigjährige, durch Krankheit gebeugte
Greis, dem sein Vaterland unsterblichen Ruhm verdankt, wurde
gezwungen, nach Rom zu reisen. Dort mußte das weitere Verfahren ihn
bald überzeugen, daß es hier nur zwei Wege gab. Entweder er teilte
das Schicksal *Giordano Brunos*, der 1600 in Rom den Scheiterhaufen
bestiegen hatte, oder er widerrief den Inhalt seines ganzen bisherigen
Lebens, indem er nach der Forderung der Inquisition die Lehre des
*Koppernikus* als irrtümlich abschwor und verfluchte. *Galilei*
wählte das letztere. Er beugte sich dem Zwange. Auch mochte ihn die
Überzeugung leiten, daß sein Märtyrertod ebensowenig der Wissenschaft
wie der Kirche zum Vorteil gereichen könne. Die Abschwörungsformel, die
er nach Androhung der Tortur, unter schmachvollen Formen -- er war nur
mit einem Hemd bekleidet -- aussprechen mußte, bildet das unwürdigste
Gegenstück zu den Worten, mit denen er selbst in dem oben mitgeteilten
Briefe Duldsamkeit gepredigt. Sie lautet[62] nach einigen Kürzungen:
»Ich beuge meine Knie vor den ehrwürdigen General-Inquisitoren, berühre
das heilige Evangelium und versichere, daß ich glaube und in Zukunft
alles glauben werde, was die Kirche für wahr erkennt und lehrt.
Mir war von der heiligen Inquisition befohlen, daß ich die falsche
Lehre von der Bewegung der Erde und dem Stillstand der Sonne weder
glauben noch lehren dürfe, weil sie der heiligen Schrift zuwider sei.
Trotzdem habe ich ein Buch geschrieben, und es sogar drucken lassen, in
dem ich diese verdammte Lehre vortrage und mit großer Stärke Gründe zu
ihren Gunsten vorbringe. Ich bin deswegen der Ketzerei für verdächtig
erklärt worden.
Um nun jedem katholischen Christen den mit Recht gegen mich gefaßten
Verdacht zu benehmen, schwöre ich ab und verfluche ich die erwähnten
Irrtümer und Ketzereien und überhaupt jeden anderen Irrtum und jede
Meinung, die gegen die Lehre der Kirche ist. Zugleich schwöre ich, in
Zukunft nie etwas mündlich oder schriftlich zu äußern, das mich in
einen gleichen Verdacht bringen könnte. Sondern ich will, wenn ich
irgendwo Ketzerei finde oder vermute, es gleich dem heiligen Gericht
anzeigen.« Der ganze berechnete, fanatische Haß der kirchlichen
Machthaber geht aus dem letzten Satze hervor, durch den *Galilei* auch
noch zum Angeber gegen jede weitere Regung der freien Forschung gemacht
werden sollte.
Das *Galilei* zugeschriebene Wort: »Und sie bewegt sich doch« ist gewiß
nicht bei diesem Anlaß gesprochen worden[63]. Daß es jedoch im Grunde
seines Herzens erklungen, wer möchte daran zweifeln!
Der gegen *Galilei* geführte Inquisitionsprozeß ist nicht nur
kulturgeschichtlich eine der merkwürdigsten Begebenheiten. Er muß auch
späteren Zeiten immer wieder als warnendes Beispiel hingestellt werden,
da er mit erschreckender Deutlichkeit zeigt, wohin Unduldsamkeit
und religiöser Fanatismus in ihren letzten Konsequenzen geführt
haben und immer wieder führen können, wenn nicht durch die stetig
wachsende Einsicht weiterer Kreise der trüben Flut ein starker Damm
entgegengesetzt wird.
=Galileis letzte Lebensjahre.=
Die Jahre, welche *Galilei* nach diesen Ereignissen noch gelebt hat,
waren voll Bitternis. Die Inquisition wies ihm ein Landhaus bei
Florenz als Wohnsitz an, erstreckte jedoch ihre Überwachung auf seine
persönlichen Angelegenheiten, so daß er, wenn auch nicht dem Namen
nach, so doch tatsächlich, ihr Gefangener blieb. In *Galileis* Wunsch,
nach Florenz übersiedeln zu dürfen, willigte man erst ein, nachdem sein
Augenleiden zu völliger Erblindung geführt hatte.
Dennoch war die Schaffenskraft *Galileis*, die in steigendem Maße,
trotz seiner Niederlage in dem Inquisitionsprozeß, die Bewunderung der
Zeitgenossen errang, keineswegs gelähmt. Zwar beschäftigten ihn nach
seiner Verurteilung nur noch solche astronomische Aufgaben, bei denen
keine Erneuerung des Streites mit der römischen Kirche zu befürchten
war. So fuhr er, ungeachtet seines beginnenden Augenleidens, mit
teleskopischen Untersuchungen fort und entdeckte die Libration des
Mondes[64]. Unter Libration versteht man kleine Schwankungen des Mondes
in seiner Stellung zur Erde, die bewirken, daß, vom Erdmittelpunkte
aus betrachtet, nicht stets derselbe Punkt der Mondoberfläche im
Zentrum der Mondscheibe gesehen wird. Man unterscheidet Libration
in Länge (in der Ebene des Mondäquators) und Libration in Breite
(senkrecht zur Ebene des Mondäquators). Aber auch abgesehen von
derartigen Schwankungen wird die Mondscheibe, von verschiedenen
Punkten der Erdoberfläche aus beobachtet oder für denselben Ort zu
verschiedenen Tageszeiten, nicht genau dieselbe sein. Es ist dies eine
nur scheinbare, parallaktisch genannte Libration. *Galilei* wies auf
letztere hin und entdeckte die Libration in Breite. Die Libration in
Länge bemerkte erst *Hevel*, der bedeutendste Selenograph der neueren
Zeit[65].
Auch das Problem der Längenbestimmung, das für alle
schiffahrttreibenden Nationen die größte Bedeutung hatte, beschäftigte
*Galilei* von neuem. Sein Lieblingsplan, die Verfinsterungen der
Jupitermonde zu diesem Zwecke zu verwerten, wurde, nachdem er zwei
Jahrzehnte geruht hatte, wieder aufgenommen[66]. Im Grunde war es
derselbe Gedanke, der schon die Alten bei ihren Längenbestimmungen
leitete. Periodisch wiederkehrende Himmelsereignisse, die von einem
großen Teile der Erde gesehen werden, bieten in beiden Fällen einen
Anhalt zur Ermittelung des Zeitunterschiedes für den in Betracht
kommenden und einen seiner geographischen Länge nach bekannten Ort.
Im Altertum hatte man sich hierzu des Eintritts der Mondfinsternisse
bedient. Doch ist ein solches Ereignis so selten, daß es für die
Schifffahrt nicht von Belang sein kann. Die Umlaufszeiten der
Jupitermonde sind dagegen von so kurzer Dauer, daß fast in jeder Nacht
einer derselben durch den Zentralkörper verfinstert wird. Ist nun,
schloß *Galilei*, die Umlaufsbewegung dieser Monde genau bekannt und
in Tabellen für den täglichen Gebrauch der Seefahrer niedergelegt, so
stellt das System des Jupiters sozusagen eine im Weltraum schwebende,
der Beobachtung durch gute Teleskope zugängliche Uhr dar, aus deren
Vergleich mit einer nach der Sonne gestellten Uhr der Längenunterschied
zwischen dem Ort, auf den sich die Tabellen beziehen, und demjenigen,
an dem sich das Schiff befindet, gefunden werden kann. *Galilei* wußte
für seine Methode die Vereinigten Staaten von Holland zu gewinnen und
stellte ihnen Ephemeriden der Jupitertrabanten, sowie hinlänglich genau
gehende Uhren in Aussicht. Zunehmendes körperliches Leiden brachte
jedoch seine Bemühungen, die auch ohnehin schwerlich zu einem Gelingen
geführt haben würden, zum Stillstande. Erst im 18. Jahrhundert waren
Theorie und Praxis weit genug fortgeschritten, um die Mittel zur Lösung
des so überaus wichtigen und schwierigen Problems an die Hand zu geben.
Über das weitere Schicksal des Dialogs, des astronomischen Hauptwerks
*Galileis*, sei noch bemerkt, daß es mit anderen das koppernikanische
Weltsystem betreffenden Schriften bis ins 19. Jahrhundert auf dem
Index der von der Kirche verbotenen Bücher blieb. Vergebens bemühte
sich um die Mitte des 18. Jahrhunderts der große französische
Astronom *Lalande*, die Streichung dieser Schriften aus dem Index
durchzusetzen. Erst 1822 entschied das Kardinalskollegium, daß fortan
die koppernikanische Lehre in den katholischen Ländern unbeanstandet
verkündet werden dürfe. »So endete nach zwei Jahrhunderten dieser
denkwürdige Streit der Kirche gegen den vorwärts schreitenden
Menschengeist mit einer kläglichen Niederlage der ersteren«[67].
Galileis Untersuchungen über die Kohäsion und über das Gewicht der Luft.
Wir gelangen jetzt zu *Galileis* Arbeiten auf dem Gebiete der Mechanik.
Diese Arbeiten waren in solchem Maße grundlegend, daß *Galilei* in
seinem Hauptwerk über diesen Gegenstand, den »Unterredungen«, mit
Recht von neuen Wissenszweigen sprechen durfte. Die Zeitgenossen zwar,
soweit sie nicht vom Fanatismus geblendet waren, bewunderten vorwiegend
seine Leistungen auf astronomischem Gebiete. Die Nachwelt hat jedoch
erkannt, daß die Begründung des dynamischen Teiles der Mechanik eine
Geistestat von weit höherem Range und weit größerer Bedeutung für den
Fortschritt der menschlichen Erkenntnis war, als jene Beobachtungen,
von denen, ohne das Verdienst *Galileis* zu schmälern, gesagt werden
kann, daß sie jedes andere, mit einem guten Fernrohr bewaffnete Auge
gleichfalls gemacht haben würde. Die »Unterredungen« dagegen bezeichnen
den bedeutendsten Fortschritt der Mechanik seit *Archimedes*.
Mit mechanischen Problemen hatte sich *Galilei*, anknüpfend
an *Archimedes* und im Kampfe gegen die irrigen Ansichten der
Peripatetiker, während seiner ganzen Laufbahn beschäftigt. Nach seiner
Verurteilung unternahm er es, die Ergebnisse seiner Forschungen zu
dem genannten Hauptwerk[68] zusammenzufassen. Bei dieser Arbeit hatte
er wenigstens keine Belästigung von seiten kurzsichtiger Gegner zu
befürchten.
Das Werk ist wie der »Dialog« in Gesprächsform abgefaßt. *Simplicio*
verficht die Ansichten des *Aristoteles*. *Sagredo* und insbesondere
*Salviati* entwickeln dagegen die Lehren *Galileis*.
Die neuen Prinzipien, die *Galilei* in die Naturwissenschaft einführte,
betreffen vor allem die Dynamik oder die Lehre von der Bewegung
der Körper, deren Ansätze wir bereits bei *Lionardo da Vinci* und
einigen andern Forschern vorfanden[69]. Durch seine Untersuchung des
Falles, der Wurf- und der Pendelbewegung zeigte *Galilei*, wie durch
die Vereinigung von messender Beobachtung mit dem mathematischen
Beweisverfahren an die Stelle unklarer, schwankender Begriffe
wissenschaftliche Erkenntnis gesetzt werden kann. Er schuf so die
Methode, die auf naturwissenschaftlichem Gebiete allein zur Auffindung
der Wahrheit führt und der im weiteren Verfolg alle bewundernswerten
Fortschritte der neueren Zeit zu danken sind.
»Der oberflächlichen Beobachtung ist es zwar nicht entgangen, daß die
Geschwindigkeit frei fallender Körper mit der Fallzeit zunimmt. In
welchem Maße aber die Beschleunigung stattfindet, ist bisher nicht
ausgesprochen worden. Denn soviel ich weiß, hat niemand bewiesen, daß
die vom fallenden Körper in gleichen Zeiten zurückgelegten Strecken
sich zueinander wie die ungeraden Zahlen verhalten.« Mit diesen Worten
leitet *Galilei* den dritten Abschnitt[70] seiner »Unterredungen«
ein. »Man hat beobachtet«, so fährt er fort, »daß die Wurfgeschosse
eine gewisse Kurve beschreiben, daß letztere aber eine Parabel ist,
hat niemand gelehrt. Daß aber dieses sich so verhält und noch vieles
andere nicht minder Wissenswerte, soll von mir bewiesen werden. Zu
dem, was noch zu tun übrig bleibt, wird die Bahn geebnet, nämlich zur
Errichtung einer sehr weiten, außerordentlich wichtigen Wissenschaft,
deren Anfangsgründe die vorliegende Arbeit bietet, in deren tiefere
Geheimnisse einzudringen aber Geistern vorbehalten bleibt, die
mir überlegen sind.« In diesen Worten sprechen sich zwei schöne
Eigenschaften *Galileis* aus, Wertschätzung eigener Errungenschaften
gepaart mit wahrer Bescheidenheit.
Wir wollen jetzt die wesentlichsten Punkte der »Unterredungen« einer
kurzen Betrachtung unterziehen. Die Peripatetiker hatten eine Reihe
von Naturerscheinungen, wie das Saugen, das Aneinanderhaften glatter
Platten, das Aufsteigen von Flüssigkeiten in der Pumpe usw. darauf
zurückgeführt, daß die Natur kein Vakuum, d. h. keinen leeren Raum
zulasse. In Ermangelung eines mechanischen Prinzips dichtete man
auf solche Weise der Natur ein psychisches Vermögen an. In dieser
Vakuumtheorie bleibt *Galilei* noch befangen; aus ihr sucht er z. B.
die Kohäsion zu erklären.
Die Kohäsion ist nach *Galileis* Ansicht auf zwei Ursachen
zurückzuführen, einmal auf das Widerstreben der Natur, einen leeren
Raum zuzulassen. Zweitens müsse ein Mittel angenommen werden, das die
Teilchen der Körper fest miteinander verbinde. »Um dies zu beweisen,«
sagt *Galilei*, »nehme man zwei völlig glatt polierte Marmorplatten.
Legt man die eine auf die andere, so lassen sie sich leicht
gegeneinander verschieben, offenbar ein Beweis, daß kein Bindemittel
sie vereinigt. Gegen jede Trennung aber tritt ein Widerstand auf, so
daß die obere Platte die untere tragen kann.« Ein solcher Widerstand,
der so fühlbar zwischen den Platten sich zeige, sei ohne Zweifel
auch zwischen den Teilen eines festen Körpers vorhanden und zum Teil
wenigstens die Ursache ihres Zusammenhanges[71].
Ein wesentlicher Fortschritt den bloßen Spekulationen seiner Vorgänger
gegenüber ist es, daß *Galilei* überall das Experiment anwendet und
daher auch die Größe des Widerstandes, den das Vakuum hervorruft, zu
bestimmen sucht. Dies geschieht, indem ein Kolben aus einem mit Wasser
gefüllten, die Öffnung nach unten kehrenden Zylinder herausgezogen und
die Größe des hierzu erforderlichen Gewichts ermittelt wird (siehe
Abb. 6). *Galilei* kennt auch die Erscheinung, daß das Wasser mittelst
Pumpen nur auf eine Höhe von 18 Ellen gehoben werden kann. Tatsächlich
wird in beiden Fällen die Größe des Luftdrucks gemessen. Durch Versuche
gewonnene Ergebnisse besitzen also immer Wert, gleichgültig, ob die
daran geknüpfte Theorie sie richtig deutet oder nicht.
[Illustration: Abb. 6. Galileis Versuch, den Widerstand des Vakuums zu
messen.]
Daß *Galilei* das Steigen von Flüssigkeiten und verwandte Erscheinungen
nicht auf den Luftdruck zurückführte, ist um so verwunderlicher,
als ihm die Tatsache, daß die Luft Gewicht besitzt, bekannt war.
*Aristoteles* hatte der Luft und dem Feuer absolute Leichtigkeit,
d. h. das Bestreben, sich in gerader Linie vom Mittelpunkt der Erde
fortzubewegen, zugeschrieben. Wäre diese Annahme richtig, so würde,
wie *Galilei*[72] anführt, daraus folgen, daß beim Verdichten der Luft
die Leichtigkeit und damit das Streben nach oben zunimmt. Der Versuch
lehrte indes das Gegenteil. *Galilei* nahm einen Glaskolben und preßte
mittelst einer Spritze Luft hinein. Dann wurde der Kolben auf einer
genauen Wage ins Gleichgewicht gebracht. Öffnete man ihn jetzt, so
trat die zusammengepreßte Luft heraus, und das Gefäß wurde merklich
leichter, so daß von der Tara etwas fortgenommen werden mußte, um das
Gleichgewicht wieder herzustellen. »Unzweifelhaft ist das Gewicht
des Fortgenommenen«, sagt *Galilei*, »genau gleich dem der Luft, die
gewaltsam hineingepreßt war«[73].
Hatte man einmal die Luft als einen schweren Körper erkannt, so lag
die Frage nahe, wie groß ihr Gewicht im Verhältnis zu demjenigen
anderer Stoffe, z. B. des Wassers, sei. Auch diese Aufgabe, das
spezifische Gewicht der Luft zu bestimmen, löste *Galilei* durch den
Versuch[74]. Er preßte Wasser in einen mit Luft gefüllten Kolben, bis
er zu dreiviertel seines Inhalts mit Wasser angefüllt war, ohne daß die
Luft entweichen konnte. Das Gewicht dieses Gefäßes mit seinem Inhalt
wurde bestimmt. Darauf wurde eine die komprimierte Luft abschließende
Haut durchstochen, um diejenige Luftmenge, die vorher drei Viertel des
Kolbens eingenommen hatte, entweichen zu lassen. *Galilei* wog jetzt
wieder und fand einen dem Gewichte jener Luftmenge entsprechenden
Unterschied. War diese Bestimmung bei den damaligen Hilfsmitteln und
den der Methode anhaftenden Unvollkommenheiten auch keine genaue, so
ergab sich doch, daß die Luft sehr viel leichter als das Wasser ist[75].
Die Fallbewegung.
Größeres als in der Physik der gasförmigen Körper, deren
experimenteller Ausbau insbesondere auf deutschem Boden durch *Otto von
Guericke* erfolgte, hat *Galilei* dadurch geleistet, daß er den Begriff
der gleichmäßig beschleunigten Bewegung erörterte und durch Versuche
nachwies, daß der Fall über die schiefe Ebene eine derartige Bewegung
sei.
Zur genaueren Untersuchung der Fallbewegung wurde *Galilei* durch die
Behauptung des *Aristoteles* geführt, daß verschiedene Körper in ein-
und demselben Mittel mit verschiedener Geschwindigkeit sich bewegen
sollten, und zwar proportional den Gewichten. Demnach müßten z. B.
zwei Steine, deren Gewichte sich wie 1 : 10 verhalten, wenn man sie
gleichzeitig 100 Ellen hoch herabfallen läßt, so verschieden in ihrer
Bewegung sein, daß bei der Ankunft des größeren der kleinere erst 10
Ellen zurückgelegt haben würde. *Galilei* bezweifelte dies. Man darf
jedoch nicht annehmen, daß sich nicht schon früher Zweifel geregt
hätten. Es fehlte selbst nicht an älteren Versuchen zur Nachprüfung
der aristotelischen Lehre[76]. Ja, *Philoponos*, der alexandrinische
Kommentator des *Aristoteles*, bemerkte schon tausend Jahre vor
*Galilei*, daß jene Lehre durch Versuche widerlegt werde. *Philoponos*
tut dies mit folgenden Worten[77]: »Nach *Aristoteles* müssen, wenn
das Medium, durch welches die Bewegung stattfindet, dasselbe ist, die
Fallzeiten sich wie die Gewichte der bewegten Körper verhalten. Das
ist aber, wie der Augenschein besser als jeder logische Beweis dartut,
gänzlich falsch. Läßt man nämlich zwei an Schwere sehr verschiedene
Körper gleichzeitig aus derselben Höhe herabfallen, so wird man sehen,
daß die Fallzeiten sich nicht wie die Gewichte verhalten, sondern
daß nur eine sehr geringe Verschiedenheit in bezug auf die Zeiten
stattfindet«.
Um eine Entscheidung herbeizuführen, ließ *Galilei*, wie *Viviani*
berichtet hat, vom schiefen Turm zu Pisa, der sich für Fallversuche
trefflich eignete, eine halbpfündige Kugel und eine hundertpfündige
Bombe herabfallen. Dabei eilte letztere nur um wenige Zoll voran[78].
Die Verschiedenheiten in der Geschwindigkeit freifallender Körper
führt *Galilei* lediglich auf den Widerstand der Luft zurück. Wenn man
diesen Widerstand aufheben, mit anderen Worten einen luftleeren Raum
herstellen könne, »so würden alle Körper gleich schnell fallen«.
Für *Galilei* blieb der Nachweis dieses Satzes, für den er nur
einen hohen Grad von Wahrscheinlichkeit annehmen konnte, eine
wissenschaftliche Utopie. Erst nach der Erfindung der Luftpumpe
wurde dieser Nachweis zu einem Versuch, der in jedem elementaren
Physikunterricht angestellt wird.
Wir wenden uns jetzt *Galileis* Versuchen und Betrachtungen über
das Gesetz der Fallbewegung zu. Sie sind von größter Wichtigkeit,
weil sie den Ausgangspunkt für die Entwicklung der Dynamik bilden.
*Galilei* behandelte seine Aufgabe zuerst rein phoronomisch, d. h.
als Problem der Bewegungslehre. Er stellte der gleichförmigen die
gleichförmig beschleunigte Bewegung gegenüber und schuf den Begriff
der gleichförmigen Beschleunigung[79]. Gleichförmig beschleunigt nennt
*Galilei* diejenige Bewegung, bei der von Anfang an in gleichen Zeiten
gleiche Geschwindigkeitszunahmen erfolgen.
Daß sich die Geschwindigkeit fallender Körper stetig vergrößert,
konnte der frühesten Beobachtung nicht entgehen. Indessen von dieser
Beobachtung bis zur Auffindung von Gesetz und Ursache war ein weiter
Weg. Rein begrifflich hatte sich mit der gleichförmig beschleunigten
Bewegung um die Mitte des 14. Jahrhunderts schon *Oresme*, einer der
hervorragendsten Mathematiker des Mittelalters, befaßt. In einem um
dieselbe Zeit entstandenen Kommentare heißt es, die Zeit, in der eine
Wegstrecke bei gleichförmig beschleunigter Bewegung zurückgelegt werde,
sei gleich der Zeit, in der dieselbe Strecke bei einer gleichförmigen
Bewegung zurückgelegt werde, für welche die Geschwindigkeit das Mittel
aus der geringsten und der größten Geschwindigkeit sei. Derartige
begriffliche Untersuchungen sind von Einfluß auf *Galilei* gewesen, der
sich zunächst mit der scholastischen Physik vertraut gemacht hatte[80].
Letztere erblickte die Ursache des Fallens in einer verborgenen
Qualität, in einem dem Körper innewohnenden Streben nach »seinem Orte«.
Die auf solche Weise hervorgerufene Bewegung sollte schneller werden,
indem die Luft, die sich über dem fallenden Körper stets wieder
zusammenschließt, dabei fortgesetzt einen neuen Antrieb ausübe. Im
vollsten Gegensatz dazu behauptete *Galilei*, daß die Luft kein Mittel
zur Beschleunigung sei, sondern vielmehr durch ihren Widerstand die
Fallbewegung verzögere. Die experimentelle Probe konnte *Galilei*, wie
gesagt, nicht machen, da ihm die Luftpumpe noch nicht zur Verfügung
stand. War die Ansicht der älteren Physiker richtig, so hätten die
Körper nach Fortnahme der Luft sich gleichförmig bewegen müssen,
während doch, wie *Galilei* voraussah und spätere Versuche bewiesen,
die Körper im luftleeren Raum erst recht deutlich die gleichförmig
beschleunigte Bewegung erkennen lassen.
Sehr ausführlich sucht *Galilei* darzutun, daß der fallende Körper
nach Verlauf des ersten, sehr kleinen Zeitteilchens eine von Null kaum
verschiedene Geschwindigkeit besitzt. Daß der Körper seine Bewegung
»mit unendlich großer Langsamkeit« beginnt, schließt *Galilei* auch
aus dem Verhalten beim senkrechten Wurf. Man könne nicht zweifeln, daß
der Zuwachs an Geschwindigkeit beim Fall in derselben Ordnung vor sich
gehe, wie die Abnahme beim senkrechten Wurf. Bei letzterem werde die
Geschwindigkeit allmählich ganz vernichtet. Bevor der Stein zur Ruhe
komme, müsse er daher alle Grade der Langsamkeit durchgemacht haben.
Um zu einer richtigen Vorstellung von der Fall- und von der
Wurfbewegung zu gelangen, bedurfte es einer Erweiterung des
Trägheitsgesetzes. Daß ein ruhender Körper im Zustande der Ruhe
beharrt und nur durch die Wirkung einer Kraft in den Zustand der
Bewegung übergeht, war ein Satz, den *Galilei* nicht erst zu entdecken
brauchte. Dieser Satz war stets, stillschweigend oder ausgesprochen,
die Voraussetzung mechanischer Erörterungen gewesen. Wohl aber blieb es
*Galilei* vorbehalten, irrtümliche und unklare Vorstellungen, die man
sich über den Zustand der Bewegung gebildet hatte, zu berichtigen oder
zu klären. Vor ihm herrschte die Meinung, jede Bewegung müsse auch ohne
äußere Hindernisse endlich aufhören, wenn sie nicht durch eine Kraft
unterhalten werde. *Galilei* dagegen erweiterte das Trägheitsgesetz
dahin, daß ein sich bewegender Körper weder seine Geschwindigkeit
noch seine Richtung ändert, wenn nicht eine Kraft auf ihn einwirkt.
Wirkt aber eine Kraft, so ist, wie *Galilei* gleichfalls erkannte,
die Größe ihrer Wirkung die gleiche, einerlei ob der Körper ruht
oder sich bewegt. Da nun beim freien Fall eine Kraft ununterbrochen
wirkt, so werden sich ihre Wirkungen stetig summieren, da jede einmal
hervorgerufene Wirkung, dem Trägheitsgesetz zufolge, erhalten bleibt.
Diese Summation bewirkt *Galilei* auf folgende Weise: AB stelle die
Zeit t vor, in der ein Körper eine bestimmte Strecke, mit der Ruhelage
beginnend, mit gleichförmig beschleunigter Bewegung zurücklegt.
Die Gesamtzeit teile man in Zeitteilchen und trage die einem jeden
entsprechenden Geschwindigkeitsbeträge senkrecht auf AB ab. EB sei
die Endgeschwindigkeit v. Verbindet man dann sämtliche Endpunkte der
senkrecht zu AB errichteten Strecken, so erhält man die Linie AE,
die mit EB (v) und AB (t) ein Dreieck bildet. Errichtet man dann
über FB = 1/2 EB = 1/2 v ein Parallelogramm, so erhält man zwei
flächengleiche Figuren ABE und ABFG. Beide sind, wie aus der Größe
der Stücke AB, EB und FB folgt, gleich (v·t)/2. Innerhalb der
Zeit t legt somit ein Körper bei gleichförmig beschleunigter Bewegung
den gleichen Weg zurück, als ob er sich während der Zeit t mit der sich
stets gleichbleibenden Geschwindigkeit v/2 bewegt hätte. »Denn«, sagt
*Galilei*, »was bei der beschleunigten Bewegung während der ersten
Zeithälfte an Bewegung fehlt, entsprechend den Parallelen im kleinen
Dreieck AGJ, wird während der zweiten Hälfte der Bewegung ersetzt
durch den Überschuß, den die Parallelen in dem AGJ flächengleichen
kleinen Dreieck EFJ vorstellen.«
[Illustration: Abb. 7. Galilei ermittelt das Gesetz der gleichförmig
beschleunigten Bewegung.]
Aus der auf solche Weise gewonnenen Grundvorstellung, nach welcher der
Weg bei einer gleichförmig beschleunigten Bewegung gleich dem Produkt
aus der Zeit und der halben Endgeschwindigkeit ist (s = v/2·t), folgen
nun die übrigen Fallgesetze rein mathematisch. So bewies denn *Galilei*
im Anschluß an dieses Grundgesetz den Satz, daß, wenn ein Körper von
der Ruhelage aus gleichförmig beschleunigt fällt, die in bestimmten
Zeiten zurückgelegten Strecken sich wie die Quadrate der Zeiten
verhalten. Wird nämlich v = gt, so ist s = (g/2)·t^2. Daraus schloß
*Galilei* weiter, daß sich die Fallstrecken, die in gleichen Zeiten
zurückgelegt werden, wie die ungeraden Zahlen 1, 3, 5, 7 ... verhalten
müssen. Dies ergibt sich, wenn wir die Unterschiede der Fallräume für t
= 1, 2, 3, 4 ... bilden.
Die Größe der Beschleunigung für den freien Fall zu bestimmen,
gelang *Galilei* noch nicht. So gibt er an, eine eiserne Kugel sei
nach wiederholt angestellten Versuchen aus einer Höhe von 100 Ellen,
das sind etwa 60 m, in 5 Sekunden herabgefallen[81]. In Wahrheit
würde der Fallraum für diese Zeit aber mehr als das Doppelte (122
m) betragen. *Galilei* konnte zwar den Einfluß des Luftwiderstandes
noch nicht in Rechnung ziehen, nichtsdestoweniger ist der Fehler,
den er beging, auffallend groß, da sich aus seinen Versuchen für die
Beschleunigung nur der Wert von 5 m ergab. Erst *Huygens* stellte fest,
daß der Geschwindigkeitszuwachs 10 m beträgt, so daß ein Körper nach
Ablauf der 1., 2., 3. ... Sekunde eine Geschwindigkeit von 10, 20,
30 ... Metern besitzt. Solche Größen ließen sich durch unmittelbare
Beobachtung nicht gut messen. *Galilei* suchte deshalb nach einem
Mittel, die Fallgeschwindigkeit zu vermindern. Als solches schien ihm
die schiefe Ebene besonders geeignet. Es sei bekannt, so führt er aus,
daß die Geschwindigkeiten ein und desselben Körpers bei verschiedenen
Neigungen der Ebene verschieden groß seien. Den größten Wert habe die
Geschwindigkeit bei senkrechter Richtung. Die Geschwindigkeit sei um so
geringer, je mehr die Ebene vom Lot abweiche. Es zeige sich also, daß
der Impuls, die Energie oder die Tendenz zum Fall[82] durch die Ebene,
auf welche der Körper sich stützt, vermindert werde. *Galilei* bestimmt
auch die Abhängigkeit der Impulse von den Neigungswinkeln und zeigt,
daß der Impuls, den der Körper beim freien Fall erhält, und derjenige,
der längs der schiefen Ebene wirkt (der in ihrer Richtung wirkenden
Seitenkraft oder Komponente, würden wir heute sagen), sich wie die
Länge zur Höhe der schiefen Ebene verhalten[83].
Die schiefe Ebene war somit, weil dem geringeren Impulse auch ein
geringerer Geschwindigkeitszuwachs entspricht, vortrefflich geeignet,
die Schlüsse, zu denen *Galilei* über den Verlauf einer gleichförmig
beschleunigten Bewegung gekommen war, experimentell auf ihre
Richtigkeit zu prüfen. »Denn«, sagt er, »die Prinzipien sind durch
Versuche zu erhärten, und diese bilden die Grundlage für den ganzen
späteren Aufbau.«
Über seine Versuche mit der schiefen Ebene gibt uns *Galilei* folgenden
Bericht[84]: In einem Brett von 12 Ellen Länge wurde eine Rinne von
einem halben Zoll Breite hergestellt. Sie wurde gerade gezogen und
mit sehr glattem Pergament ausgekleidet. Das Brett wurde darauf an
dem einen Ende gehoben, bald eine, bald zwei Ellen hoch. Sodann ließ
*Galilei* eine glatt polierte Messingkugel durch die Rinne laufen
und bestimmte die Fallzeit für die ganze Länge der Rinne. Ließ er
dagegen die Kugel nur durch ¼ der Rinne laufen, so erforderte dies
genau die halbe Zeit. Die Strecken verhielten sich somit wie 1 : 4,
wenn die Fallzeiten in dem Verhältnis 1 : 2 standen; allgemeiner
ausgedrückt: die Strecken verhielten sich wie die Quadrate der Zeiten.
Daß dieses Gesetz nicht nur in dem gewählten Beispiel seine Richtigkeit
hat, sondern eine für alle Fälle zutreffende Regel ist, wurde durch
hundertfache Wiederholung unter jedesmaliger Abänderung der Strecke und
des Neigungswinkels dargetan.
Zur genaueren Bestimmung der Fallzeit diente folgende Vorrichtung: Ein
größeres Gefäß war mit Wasser gefüllt und besaß eine enge Öffnung im
Boden, durch die sich ein feiner Strahl ergoß. Dieser wurde während
jeder Beobachtungszeit in ein kleineres Gefäß geleitet. Die auf
solche Weise aufgefangene Flüssigkeitsmenge wog man mittels einer
sehr genauen Wage. Aus den Differenzen der Wägungen ergab sich das
Verhältnis der Gewichte. Es entsprach dem Verhältnis der Zeiten mit
solcher Genauigkeit, daß die zahlreichen Beobachtungen niemals merklich
voneinander abwichen.
Wir haben *Galileis* Versuchen mit der schiefen Ebene eine etwas
größere Ausführlichkeit gewidmet, weil sie eine der ersten, bis zur
Auffindung des Naturgesetzes durchgeführten Versuchsreihen darstellen.
[Illustration: Abb. 8. Galilei untersucht die Bewegung auf der schiefen
Ebene.]
*Galilei* erkannte auch, daß die Geschwindigkeiten, die beim Falle über
die schiefe Ebene erlangt werden, nur von der Höhe und nicht von der
Neigung abhängen. Ein Körper wird demnach, wenn er von C nach A und ein
anderes Mal von C nach D gelangt (Abb. 8), in A und in D die gleiche
Geschwindigkeit haben. Und zwar ist die Geschwindigkeit dieselbe, als
wenn der Körper im freien Fall von C nach B gelangt wäre.
Daß die Geschwindigkeiten eines Körpers, der durch die Schwerkraft
auf beliebiger Bahn zur selben Horizontalebene hinabsteigt, unter der
Voraussetzung, daß keine Widerstände die Bewegung hemmen, sämtlich
gleich sind, bewies *Galilei* noch durch folgenden Versuch. Er ließ
das einfache Pendel AB vor einer Wand schwingen, so daß es den
Bogen CBD beschrieb. Das Pendel wird dann, indem es durch den Bogen
BD ansteigt, fast bis zur Horizontalebene CD gelangen und nur ein
kleines Stück darunter bleiben, einzig und allein deshalb, weil infolge
des Widerstandes der Luft und des Fadens das Pendel an der genauen
Rückkehr in dieselbe Horizontalebene gehindert wird.
Befestigt man darauf bei E einen Nagel in der unmittelbar hinter
dem Pendel befindlichen Wand, so wird das Pendel dadurch gezwungen,
den Bogen BG um E als Mittelpunkt zu beschreiben. Es wird aber,
von der erwähnten kleinen Ungenauigkeit abgesehen, wieder dieselbe
Horizontalebene CD erreichen. Das gleiche ist der Fall, wenn der
Nagel in F angebracht wird. Nur wird das Pendel diesmal wieder einen
anderen Bogen und zwar BJ durchlaufen. Es sind folglich alle Momente
und alle Geschwindigkeiten, mit denen sich das Pendel durch B bewegt,
gleich groß. Wenn wir die Bewegung in D, G oder J anfangen lassen, so
wird das Pendel auf der anderen Seite stets bis C steigen. Folglich
sind auch alle Momente, beziehungsweise Geschwindigkeiten, die beim
Durchlaufen der so verschiedenen Bahnen DB, GB, JB hervorgerufen
werden, einander gleich.
[Illustration: Abb. 9. Galileis Versuch, der später auf das Gesetz von
der Erhaltung der Kraft geführt hat.]
An dieser Stelle begegnet uns also im Grunde schon, angewandt auf
den Fall der Pendelbewegung, jene Vorstellung, welche unter der
Bezeichnung des Prinzips von der Erhaltung der Kraft das Fundament der
gesamten Naturerklärung bildet. Ist doch die Erkenntnis, daß ein frei
fallender Körper infolge der erlangten Geschwindigkeit gerade zu seiner
ursprünglichen Höhe wieder emporzusteigen vermag, für alle späteren
Vorstellungen, die man sich über die Erhaltung der Kraft gebildet hat,
grundlegend geblieben. Es erübrigte nur, die an dem einzelnen Körper
gewonnene Erkenntnis auf ein System von Körpern zu übertragen, eine
Erweiterung des Prinzips, die, wie sich später zeigen wird, *Huygens*
vollzog.
Die Pendelbewegung.
Wir wollen jetzt die leitenden Gesichtspunkte und Versuche kennen
lernen, die *Galilei* zur Erklärung der Pendel- und der Wurfbewegung
geführt haben, und uns dabei eng an die von ihm selbst gegebene
Darstellung anschließen.
*Galilei* hatte bei seinen Versuchen neben einer Verringerung der
Beschleunigung stets eine Herabminderung des Widerstandes im Auge.
»Läßt man zwei an Gewicht verschiedene Körper fallen,« so führt er
aus, »etwa eine Kork- und eine Bleikugel, so wird die Luft, die
stets verdrängt und zur Seite geschoben werden muß, einen größeren
Einfluß auf den leichteren Körper ausüben als auf den mit einem
heftigeren Antrieb begabten schwereren. Der erste wird infolgedessen
zurückbleiben.«
Wenn auch der Widerstand der Luft durch die Verlangsamung, welche der
Fall bei der schiefen Ebene erfährt, hinreichend vermindert wird, so
ließ sich doch nicht verkennen, daß durch die Berührung mit dieser
Ebene ein neuer Widerstand auftrat. Gab es nun ein Mittel, den Einfluß
dieses Widerstandes zu beseitigen? Das letztere wurde erreicht,
indem man die Kork- sowie die Bleikugel an zwei gleichen, feinen
Fäden von 4-5 Ellen Länge aufhing. Entfernte man dann beide Körper
aus der Ruhelage und ließ sie gleichzeitig los, so wurden Kreisbögen
von gleichen Halbmessern beschrieben. Die Kugeln schwangen über ihre
ursprüngliche Lage hinaus und kehrten auf denselben Wegen zurück.
Nachdem sie sehr oft hin- und hergegangen waren, zeigte sich deutlich,
daß die Bewegung des schwereren Körpers so sehr mit derjenigen des
leichteren übereinstimmte, daß kaum eine Verschiedenheit zu bemerken
war. Die Pendelbewegung stellte sich somit als eine Fallbewegung dar,
bei welcher der Widerstand des Mittels sehr eingeschränkt und der bei
einer geneigten Ebene vorhandene Reibungswiderstand vermieden ist.
Noch eine weitere Ähnlichkeit zwischen der Pendelbewegung und dem Fall
über die schiefe Ebene ließ sich erkennen: *Galilei* hatte gezeigt[85],
daß ein Körper, welcher längs der zu einem beliebigen Bogen gehörigen
Sehne herabfällt, z. B. von A, B, C, D oder E nach F, die gleiche
Zeit gebraucht, einerlei ob der entsprechende Bogen volle 180° oder
weniger beträgt. Auch für ein um A schwingendes Pendel ergab sich,
daß es in der gleichen Zeit, in der es den Weg *E_{1}F* (der Sehne
EF entsprechend) zurücklegt, bei größerem Ausschlage die Strecke
*D_{1}F* (entsprechend der Sehne DF) durchfällt. Hatte man z. B.
das Bleipendel um 50° von dem Lote entfernt[86] und ließ man es frei
schwingen, so beschrieb es jenseits des Lotes gleichfalls nahezu 50°,
im ganzen also 100°. Zurückkehrend, beschrieb es einen etwas kleineren
Bogen und gelangte nach einer großen Anzahl von Schwingungen endlich
zur Ruhe. Jede dieser Schwingungen kam in einer sich stets gleich
bleibenden Zeit zustande, sowohl die von 50° Ausschlag, wie diejenigen
von 20° oder 10°. Die Geschwindigkeit nahm also allmählich ab, da in
gleichen Zeiten immer kleinere Bögen beschrieben wurden[87].
[Illustration: Abb. 10. Zur Erklärung der Isochronie der
Pendelschwingungen.]
Ganz denselben Vorgang nahm *Galilei* bei der Korkkugel wahr, wenn er
sie an einem ebenso langen Faden befestigte. Nur daß die Korkkugel nach
einer kleineren Zahl von Schwingungen zur Ruhe kam. Alle Schwingungen
geschahen in gleichen Zeiten, und zwar in derselben Zeit wie die
Schwingungen der Bleikugel.
[Illustration: Abb. 11. Kreis und Zykloide als Bahnen des schwingenden
Körpers.]
Für größere Ausschläge des Pendels besitzt, wie man später erkannte,
dieses Gesetz nicht mehr die volle Gültigkeit, da der Kreisbogen
keine Isochrone, d. h. keine Kurve gleicher Schwingungsdauer ist.
*Huygens* wies später nach, daß dies aber für die Zykloide zutrifft.
Da die Krümmung beider Kurven in der Nähe der Ruhelage F jedoch (s.
Abb. 11) nahezu gleich ist, so gilt das Gesetz von der Isochronie
der Pendelschwingungen für kleine Ausschlagswinkel mit hinreichender
Genauigkeit. Auffallend bleibt es allerdings, daß *Galilei* den bei
größeren Winkeln eintretenden Unterschied nicht erwähnt. Es geschah
dies wohl daher, weil er ihn allein auf den wachsenden Widerstand des
Mediums bei der schnelleren Bewegung durch einen größeren Kreisbogen
zurückführte. Überhaupt beschränkt sich *Galilei* vorwiegend auf
die experimentelle Erforschung der Pendelbewegung, während ihre
mathematische Analyse späteren Jahrzehnten vorbehalten blieb. Wieder
war es *Huygens*, dem wir die Formel für diese Bewegung, sowie die
Verwendung des Pendels in den Uhren verdanken. Der Gedanke, das Pendel
zur Zeitmessung zu verwenden, ist *Galilei* indessen auch schon
gekommen[88].
Auch die Heilkunde hatte sich zu Anfang des 17. Jahrhunderts dieses
Gedankens bemächtigt. So findet sich ein zur Pulszählung dienendes
Instrument in einem 1602 erschienenen Buche beschrieben. Es bestand[89]
aus einer Bleikugel, die der Arzt an einer langen Schnur hielt. Man
brachte die Schwingungen dieses Pendels mit dem Puls in Übereinstimmung
und las dann die Pendellänge an einer Skala ab.
[Illustration: Abb. 12. Galilei verbindet das Pendel mit einem
Zählwerk.]
*Galilei* hat seinem Sohne und seinem Schüler *Viviani*, wie aus dessen
Aufzeichnungen hervorgeht, kurz vor seinem Tode sogar die Konstruktion
einer Pendeluhr entwickelt.
Sie besaß folgende Einrichtung. An dem Pendel AB (Abb. 12) ist eine
starke Borste C befestigt. Diese greift in eine Lücke des Zahnrades
D, das sich auf der Achse F drehen kann. Es ist ersichtlich, daß
die Borste bei jedem Hin- und Hergehen des Pendels dem Rädchen eine
Drehung um einen Zahn erteilt. Diese Drehung ließ sich leicht auf
ein Zählwerk übertragen. Nur bedurfte das Pendel, damit es nicht
schließlich stillstand, von Zeit zu Zeit eines Anstoßes. *Galileis*
Bemühen mußte sich ganz naturgemäß darauf richten, diesen Anstoß durch
eine mechanische Vorrichtung herbeizuführen. Abb. 13 gibt *Galileis*
Zeichnung wieder, die er kurz vor seinem Tode anfertigen ließ[90]. Über
die Prioritätsansprüche ist man geteilter Ansicht. Jedenfalls hat
*Huygens* die Pendeluhr unabhängig von *Galileis* Vorarbeiten erfunden.
[Illustration Abb. 13. Galileis Entwurf einer Pendeluhr[91].]
*Galilei* dehnte seine Untersuchungen auch auf Pendel verschiedener
Länge aus und fand, daß ein Pendel, um doppelt so langsam zu schwingen
wie ein anderes, viermal so lang sein muß, während der neunfachen Länge
eine dreimal so große Schwingungszeit entspricht, so daß sich also die
Pendellängen wie die Quadrate der entsprechenden Schwingungszeiten
verhalten[92].
Man vermöge daher, fügt *Galilei* hinzu, sofort die Länge eines Pendels
von beliebiger Länge zu berechnen, auch wenn sein Aufhängepunkt
unsichtbar sei und man nur das untere Ende beobachten könne. *Galilei*
gibt dazu folgendes Beispiel: »Während mein Gehilfe einige Schwingungen
zählt, beobachte ich die Schwingungszahl eines anderen Pendels von
genau einer Elle Länge. Angenommen mein Gehilfe habe 20 Schwingungen
gezählt, während ich 240 erhalten habe. Die Quadrate dieser Zahlen sind
400 und 57600. Das lange Pendel enthält somit 57600 solcher Teile, von
denen 400 auf eine Elle gehen. Seine Länge ist also 57600 : 400 gleich
144 Ellen.«
Der Wurf.
Nachdem die Pendelbewegung als eine Modifikation der Fallbewegung
erkannt war, ergab sich dem Scharfsinn *Galileis* dasselbe für den
Wurf. Bezüglich dieses Vorganges war die bloße Spekulation zu den
ungereimtesten Ansichten gelangt. Einige Klarheit findet sich zwar
schon bei den Vorläufern *Galileis*[93]. Diesem blieb es jedoch
vorbehalten, auf Grund der von ihm erkannten Prinzipien eine wahre und
erschöpfende Analyse der Wurfbewegung zu geben. Es war dies zunächst
das Prinzip der Trägheit oder des Beharrungsvermögens. Danach ist
die Bewegung auf einer unbegrenzten horizontalen Ebene, wenn alle
Widerstände ausgeschlossen sind, gleichförmig und unaufhörlich[94].
Wird dann, so lautet das zweite Prinzip, der in Bewegung begriffene
Körper einer Kraft unterworfen, so setzt sich die neue Bewegung,
die aus der Wirkung jener Kraft hervorgeht, mit der ersten, schon
bestehenden zusammen.
Wahrscheinlich hat *Galilei* diese beiden Grundprinzipien der Mechanik,
nämlich das Trägheitsgesetz und das Gesetz von der gegenseitigen
Unabhängigkeit der auf einen Körper einwirkenden Kräfte, aufgestellt,
um das Koppernikanische System darauf zu stützen. Man geht sogar so
weit, diese Prinzipien weniger als das Ergebnis von Versuchen, denn als
Folgerungen aus dem Koppernikanischen System anzusehen[95]. Richtiger
ist wohl, daß *Galilei* die Ergebnisse der Erforschung irdischer
mechanischer Vorgänge mit den nach der Theorie des *Koppernikus*
gedeuteten Himmelserscheinungen in gutem Einklang fand.
Im Grunde genommen handelt es sich bei *Galileis* Untersuchung des
Wurfes zunächst um die Anwendung des Gesetzes vom Parallelogramm der
Bewegungen, das uns bei ihm zum erstenmal als allgemeines Prinzip
begegnet, und noch nicht um das Gesetz vom Parallelogramm der
Kräfte, das sich zuerst in voller Klarheit in *Newtons* Prinzipien
ausgesprochen findet. Andererseits betrachtete aber schon *Galilei*
die erzeugten Bewegungen nicht rein phoronomisch, sondern er faßte sie
auch als Wirkungen von Kräften auf. Mit Recht aber gilt es als einer
der wichtigsten Fortschritte der Mechanik, daß *Galilei* die Umstände,
welche die Bewegungen veranlassen, in ihren Wirkungen als unabhängig
voneinander erkannte. *Newton* selbst hat ihn deshalb als den Entdecker
des Satzes vom Parallelogramm der Kräfte bezeichnet[96]. Wären
*Galilei* indessen die in diesem Satz enthaltenen Vorstellungsweisen
so geläufig gewesen wie die Zusammensetzung der Bewegungen, so würde
er den Satz vom Parallelogramm der Kräfte auf statische Probleme, wie
sie z. B. das Verhalten der Körper auf der schiefen Ebene darbietet,
angewandt haben. Sehen wir jetzt an einem besonderen Fall, wie
*Galilei* die von ihm erkannten, soeben erwähnten Prinzipien anwendet.
Ist die horizontale Ebene, auf der ein Körper sich dem Gesetz der
Trägheit zufolge fortbewegt, nicht unendlich, sondern begrenzt, so wird
der Körper, am Ende der Ebene angelangt, sich zwar weiter bewegen,
zu seiner gleichförmigen unzerstörbaren Bewegung wird sich indes die
durch die Schwerkraft erzeugte gesellen, so daß eine zusammengesetzte
Bewegung entsteht. Solcher Art nun ist die Wurfbewegung. Der Körper
wird eine Bahn von stetiger Krümmung beschreiben, und zwar, wie sich
leicht zeigen läßt, eine Halbparabel.
Die horizontale Ebene, längs der sich der Körper gleichförmig
fortbewegt, sei AB. Am Ende B der Ebene fehlt die Stütze, und der
Körper unterliegt infolge seiner Schwere einer Bewegung längs der
Senkrechten BN. Man denke sich AB nach E hin fortgesetzt und teile
gewisse gleiche Strecken BC, CD, DE darauf ab. Gelangt der
Körper infolge seiner gleichförmigen Bewegung nach C, so denken wir
uns das durch den Fall bedingte Stück CJ hinzugefügt. Der Körper
wird sich somit nach Ablauf derjenigen Zeit, welche der Bewegung von
B nach C entspricht, im Punkte J befinden. Während der Körper infolge
der gleichförmigen Bewegung von C nach D gelangt, also dasselbe Stück
zurücklegt wie vorher, ist die Fallstrecke gleich *3CJ* oder der
Gesamtfallraum DF gleich *4CJ*. Hat endlich nach Ablauf des dritten
Zeitteils der Körper infolge der gleichmäßigen Bewegung die dreifache
Strecke BE zurückgelegt, so würde ihn der Fall von B nach L geführt
haben, welche Strecke das Neunfache von CJ ist usf. Nun verhalten
sich die Quadrate von BC, BD und BE, welche Stücke man als die
Ordinaten der Kurvenpunkte J, F und H bezeichnet, wie die Strecken
CJ, DF und EH, nämlich wie 1 : 4 : 9. Diese Strecken CJ, DF
und EH sind die Abszissen der Punkte J, F und H. Die analytische
Geometrie lehrt aber, daß alle Punkte, deren Abszissen sich verhalten
wie die Quadrate der zugehörigen Ordinaten, einer Parabel angehören[97].
[Illustration Abb. 14. Galileis Ableitung der Wurfkurve[98].]
*Galilei* zeigte dann, daß der schräg aufwärts gerichtete Wurf nichts
neues darbietet, sondern in der gleichen Weise aus zwei Bewegungen
hervorgeht, deren Zusammensetzung als Wurfbahn wieder eine Parabel
liefert. Er bestimmt auch die Parabelamplituden (Wurfweiten) und weist
nach, daß Körper, die mit gleicher Anfangsgeschwindigkeit (»gleichen
Impulsen«) unter Winkeln abgeschossen werden, die nach oben und unten
gleich viel von 45° abweichen, dieselbe Wurfweite besitzen[99].
Aus der Tatsache, daß beim Spannen eines Seiles auch zwei Kräfte
wirken, nämlich die horizontale Spannkraft und das in vertikaler
Richtung wirkende Gewicht des Seiles, leitet *Galilei* die Erscheinung
ab, daß das Seil stets die Form einer krummen Linie annimmt und bei
einiger Länge nicht vollkommen horizontal ausgespannt werden kann.
*Galilei* ist oft des Irrtums geziehen worden, daß er jene Linie, die
später Kettenlinie genannt wurde, mit der Parabel verwechselt habe.
Er sagt aber ausdrücklich, daß nicht gleiche, sondern nur ähnliche
Verhältnisse vorlägen und das gespannte Seil sich der parabolischen
Form nur nähere[100].
Obgleich *Galilei* sehr wohl wußte, daß die Wurflinie durch den
Luftwiderstand bedeutende Änderungen erfährt, hat er letzteren bei
seinen Ableitungen doch außer Betracht gelassen. Daß die Ergebnisse
der Theorie in der Wirklichkeit durch eine Reihe von Nebenumständen
beeinflußt werden, ohne jedoch deshalb ihren Wert zu verlieren, war ihm
vollkommen klar. Er selbst beweist in aller Ausführlichkeit, daß genau
genommen weder die durch den Stoß hervorgerufene Bewegung gleichförmig,
noch die Fallbewegung gleichförmig beschleunigt, noch die Wurfkurve
eine Parabel ist. Letzteres treffe schon deshalb nicht zu, weil die
Richtung der Schwerkraft nicht sich gleich bleibt, sondern sämtliche
Lote nach dem Erdmittelpunkte zusammenlaufen. Bei weiten Würfen aus
Geschützen müsse dieser Umstand die Form der Kurve, ganz abgesehen von
dem Widerstand der Luft, schon merklich beeinflussen. Wir sehen, daß
hier schon im Keime das Problem der Zentralbewegung, deren Gesetze
erst *Newton* und *Huygens* ermittelten, gegeben ist. Die durch den
Stoß hervorgerufene, der Theorie nach gleichförmige Bewegung wird
aber, wie *Galilei* weiter ausführt, durch den Luftwiderstand nicht
nur verzögert, sondern schließlich ganz vernichtet; und zwar geschehe
dies um so schneller, je leichter der Körper sei. Jede Fallbewegung
müsse endlich, auch bei den schwersten Körpern, infolge des mit der
Geschwindigkeit sehr stark anwachsenden Widerstandes der Luft in eine
gleichförmige Bewegung übergehen. Um dies zu entscheiden, empfiehlt
*Galilei*, je eine Kugel aus großer und aus geringer Höhe senkrecht
herabzuschießen. Obgleich der Theorie nach im ersten Fall die Wirkung
eine größere sein müsse, so werde man doch das Umgekehrte finden, weil
der Luftwiderstand die Geschwindigkeit, die dem Geschoß durch die Kraft
des Pulvers erteilt werde, auf dem größeren Wege bedeutender hemme
als auf dem kleineren[101]. Beim schrägen Wurf müsse aus demselben
Grunde die Gestalt der Wurfkurve um so mehr von der Parabel abweichen,
je größer die Anfangsgeschwindigkeit sei. Die Nebenumstände, die bei
der Wurfbewegung in Betracht kommen, hat *Galilei* somit erkannt und
ihre Wirkung richtig ermessen. Er kommt indessen zu der Ansicht, daß
über all die unendlich verschiedenen Möglichkeiten, die hinsichtlich
der Schwere, der Geschwindigkeit und der Form des geworfenen Körpers
bestehen, keine Theorie gegeben werden könne. Es bedurfte einer
bedeutenden Fortentwicklung der mathematischen Analyse und der
Experimentierkunst, um das »ballistische« Problem zu bewältigen und
die wirkliche Bahn eines geworfenen Körpers, die »ballistische Kurve«
zu bestimmen. Erst im 18. Jahrhundert haben *Johann Bernoulli* und
andere[102] eine angenäherte Lösung dieser Aufgabe gefunden[103].
Das Prinzip der virtuellen Geschwindigkeiten.
Hiermit verlassen wir *Galileis* Untersuchungen über die Fall- und
Wurfbewegung, welche den dritten und vierten Tag seiner »Unterredungen«
ausfüllen und hier nur skizzenhaft geschildert werden konnten. Diese
Untersuchungen werden mit Recht als die hervorragendste Leistung
*Galileis* bezeichnet. Erst wenn man berücksichtigt, daß *Galilei* auf
diesem Gebiete kaum etwas anderes vorfand als irrige Meinungen, vermag
man den Ausspruch *Lagranges* zu würdigen, daß ein außerordentliches
Genie dazu gehörte, um diesen Teil der »Unterredungen«, den man nie
genug bewundern könne, zu verfassen.
Wie wir sahen, liegen die Hauptverdienste *Galileis* auf dem Gebiete
der Dynamik. Ja, er hat diesen Teil der Mechanik, von dem vor ihm
nur einige verhältnismäßig unbedeutende, durch *Lionardo da Vinci*,
*Tartaglia*, *Benedetti* und andere geschaffene Ansätze vorhanden
waren, erst von Grund aus geschaffen. Die Fundamente der Statik hatte
die neuere Zeit dagegen aus dem Altertum überliefert bekommen. Doch war
auf diesem Gebiete von *Archimedes* bis *Galilei* so wenig geschehen,
daß letzterem auch hier nicht nur die schärfere Begründung der schon
bekannten Sätze, sondern auch die Auffindung mancher neuen Wahrheit
vorbehalten blieb.
[Illustration: Abb. 15. Ableitung des Hebelgesetzes aus dem Prinzip der
virtuellen Geschwindigkeiten.]
Vor allem verdanken wir *Galilei* jene eigentümliche Verbindung
statischer und dynamischer Grundsätze, die wir heute als das Prinzip
der virtuellen, d. h. möglichen Geschwindigkeiten oder Verschiebungen
bezeichnen. Man versteht darunter die Geschwindigkeiten, welche die
Punkte eines Systems, an dem sich Kräfte das Gleichgewicht halten,
in dem Momente annehmen würden, in dem das Gleichgewicht gestört
wird. Das neue Prinzip besagt, daß die im Gleichgewicht befindlichen
Kräfte sich umgekehrt wie jene Wege oder Verschiebungen verhalten.
Findet die zunächst nur gedachte Verschiebung wirklich statt, so
ist die bei der einen Bewegung geleistete Arbeit gleich derjenigen,
die bei der entgegengesetzten Bewegung geleistet würde. Wie an
Hand dieser Vorstellungsweise verborgene statische Beziehungen als
bestimmte Verhältnisse hervortreten, möge an einigen Beispielen aus
*Galileis* Schriften gezeigt werden. So ergibt sich die Bedingung
für das Gleichgewicht am Hebel aus dem Prinzip der virtuellen
Geschwindigkeiten[104] folgendermaßen: Zwei Kräfte P und Q (Abb. 15)
greifen an den Armen des Hebels ACB unter einem rechten Winkel an.
Die Verschiebungen bei einer Störung des Gleichgewichts sind AD und
BE. Diese können für einen sehr kleinen Winkel als gerade, zu ACB
senkrechte Stücke betrachtet werden. Es verhalten sich dann die Kräfte,
wenn Gleichgewicht besteht, umgekehrt wie diese Verschiebungen (P :
Q = BE : AD). Auf solche Weise erkannte *Galilei* die Wahrheit,
daß bei jeder Maschine das, was an Kraft gewonnen wird, an Weg wieder
verloren geht.
In ähnlicher Weise dehnt *Galilei* die Betrachtung an Hand des neuen
Prinzips, das er, ohne es mit einem besonderen Ausdruck zu benennen,
bei allen statischen Untersuchungen anwendet, auf den Flaschenzug und
auf die schiefe Ebene aus. Das Gleichgewicht auf letzterer untersucht
er für den Fall, daß ihre Länge das Doppelte der Höhe beträgt
(Abb. 16). Es ist dann P = Q/2. Wie *Galilei* hervorhebt, wird das
Gleichgewicht auch durch die mögliche Annäherung und Entfernung der
Gewichte in bezug auf den Erdmittelpunkt bestimmt[105]. Sinkt nämlich
P um h, so steigt Q längs AB um h/2. Die Produkte aus dem bewegten
Gewicht und der Bewegung in vertikaler Richtung P · h und Q h/2 sind
aber gleich, da ja P = Q/2 ist.
[Illustration: Abb. 16. Galilei wendet das Prinzip der virtuellen
Geschwindigkeiten auf die schiefe Ebene an.]
Durch die Ermittlung der möglichen Verschiebungen findet *Galilei*
auch das Verhältnis von Kraft und Last beim Flaschenzug. Er gelangt
unter der Voraussetzung, daß die Wege s und w der Kraft und der Last
sich verhalten wie die Zahl der Seilstücke, über welche sich die
Last verteilt, zu der Gleichung P · s = Q · w. An Stelle vorher zur
Beurteilung des Gleichgewichts allein maßgebender statischer Momente
benützt *Galilei* für diesen Zweck die Produkte aus den Gewichten und
den Falltiefen, d. h. die Arbeit, und erkennt als die Bedingung des
Gleichgewichts den Satz, daß die Arbeit der Kraft (Kraft mal Kraftweg)
gleich der Arbeit der Last (Last mal Lastweg) ist.
Die Gleichung P · s = Q · w führt auf die Proportion P : Q = w : s. In
Worten: Wenn zwei Kräfte im Gleichgewicht stehen, so verhalten sie sich
umgekehrt wie die entsprechenden Wege. Oder auch: Was man mit einer
Maschine an Kraft ersparen kann, geht an Weg verloren. Man hat diesen
Grundsatz wohl nach *Descartes* benannt. In Wahrheit aber ist auch er
auf *Galilei* zurückzuführen.
Mängel der Galileischen Mechanik.
Die wesentlichste Unfertigkeit, welche für die Mechanik trotz dieser
Erfolge zunächst noch bestehen blieb, war der Mangel einer klaren
Einsicht in das Gesetz vom Parallelogramm der Kräfte. *Galilei* kannte
zwar das Parallelogrammgesetz, er wandte es aber, wie wir bei seiner
Untersuchung der Wurfbewegung sahen, nur zur Zusammensetzung von
Bewegungen an. Dagegen findet sich bei ihm kein Fall einer statischen
Anwendung des Prinzips von der Zusammensetzung der Kräfte.
Unfertig waren auch die Vorstellungen, zu denen *Galilei* hinsichtlich
des Wesens und der Wirkung des Stoßes gelangte. Seine dynamischen
Untersuchungen waren erfolgreich, solange er sich auf die Wirkung von
Kräften auf eine einzige Masse beschränkte, wie es bei der Fall-, der
Pendel- und der Wurfbewegung zutrifft. Bei der Stoßbewegung liegt nun
eine Aufgabe höherer Ordnung vor, da es sich hier um das Verhalten
von wenigstens zwei Massen unter der Wirkung von Kräften handelt.
Die Schwierigkeit dieses Problems ahnte schon das Altertum, als es
die Frage aufwarf, warum ein kleiner Stoß auf einen Keil viel mehr
ausrichten könne als ein großer Druck[106]. *Galilei* widmete dem
Problem einen ganzen Abschnitt seiner »Unterredungen«. Und wenn er
es auch nicht auf mathematisch formulierte Gesetze zurückzuführen
vermochte, so ist doch der Grad der Einsicht, zu dem er gelangte, ein
hoher und für die weiteren Fortschritte bedeutsamer gewesen.
Mit voller Klarheit spricht es *Galilei* aus, daß die Kraft beim
Stoße von zwei Umständen abhängt, die beide die zu messende Energie
bestimmen, nämlich von der Masse des stoßenden Körpers und von seiner
Geschwindigkeit. *Galilei* hebt hervor, daß jeder Stoß Arbeit leistet,
während das ruhende Gewicht keine Arbeit leistet. Daher rührt auch
seine Vorstellung, daß die Kraft des Stoßes im Verhältnis zur Kraft des
bloßen Druckes gleichsam unendlich sei, weil bei letzterem der eine,
die Energie mitbestimmende Faktor, die Geschwindigkeit nämlich, gleich
Null ist.
*Galilei* braucht daher für das ruhende, nur einen Druck ausübende
Gewicht mitunter den bekannt gewordenen Ausdruck totes Gewicht
(Peso morto). Seine Anschauung entspricht durchaus der heutigen
Vorstellungsweise, nach welcher die Bewegungsgröße eine andere
Dimension als der Druck besitzt und letzterer sich somit zum Moment
des Stoßes wie die Linie zur Fläche verhält. Wenn also *Galilei*
sagt, die Kraft des Stoßes sei im Verhältnis zur Kraft des Druckes
unbegrenzt groß[107], so liegt darin nichts Unklares, wie man ihm wohl
vorgeworfen hat. Man muß vielmehr in diesem Ergebnis die glänzende
Verstandesschärfe *Galileis* anerkennen und zugeben, daß das Wesen der
Sache ohne die Anwendung einer mathematischen Formel kaum zutreffender
ausgedrückt werden konnte.
[Illustration: Abb. 17. Galileis Versuch über Kräftebeziehungen in
einem System von Körpern[108].]
In seine Betrachtungen über das Wesen des Stoßes hat *Galilei* einen
Versuch eingeflochten, der zu den später entdeckten Kräftebeziehungen,
die sich innerhalb eines Systems von Körpern darbieten, hinüberleitet.
*Galilei* brachte an einer Wage zwei übereinander befindliche Eimer
durch ein Gegengewicht ins Gleichgewicht. Von diesen Eimern war der
obere mit Wasser gefüllt, der untere dagegen leer. Darauf ließ er das
Wasser durch eine im Boden des oberen Eimers vorhandene Öffnung in den
unteren Eimer fließen und beobachtete, ob durch den Stoß des Wassers
auf den unteren Eimer das Gleichgewicht gestört wird. Es zeigte sich
folgender unerwarteter Verlauf. Während das Wasser aus dem oberen
Eimer in den unteren lief, blieb der Gleichgewichtszustand des ganzen
Systems trotz des Anpralls der Flüssigkeit vollkommen erhalten. Die
Seite mit den Eimern senkte sich nicht um eines Haares Breite. In
dem Augenblicke, in welchem das Ausfließen begann, senkte sich das
Gegengewicht jedoch, das System erschien also sogar leichter. Sobald
aber das Wasser den unteren Eimer erreicht hatte, ging das System in
den ursprünglichen Gleichgewichtszustand zurück.
*Galilei* nennt diesen Versuch zwar sinnreich, vermochte sich aber
die Erscheinung doch nicht recht zu erklären. Wir wissen, daß das
anfängliche Steigen des mit den Eimern beschwerten Wagearmes auf den
Reaktionsdruck des ausfließenden Wassers zurückzuführen ist. Eine
zweite Druckverminderung tritt für diesen linken Arm der Wage dadurch
ein, daß das Gewicht des in der Luft schwebenden, also noch im Fall
begriffenen Wassers nicht wirksam ist. Beide, ein Steigen des linken
Armes bewirkende Druckverminderungen werden aber von dem Augenblicke
an, in dem der Strahl den Boden des unteren Eimers erreicht, durch die
Wirkung des Stoßes vollkommen ausgeglichen.
Galilei untersucht die Festigkeit der Körper.
Grundlegend sind auch *Galileis* Untersuchungen über die Festigkeit
gewesen, wenn er auch unter dem Einfluß der Lehre vom Horror vacui zu
unrichtigen Vorstellungen gelangt ist.
Zunächst stellte er sich die Aufgabe, die Zugfestigkeit und die
Bruchfestigkeit zu bestimmen und ihr Verhältnis zu ermitteln. Es waren
Erfahrungen des praktischen Lebens, insbesondere der Bau- und der
Maschinentechnik, welche den Ausgangspunkt für diese Untersuchungen
bildeten. Es sei eine bekannte Erfahrung, meint *Galilei*, daß eine
Maschine mitunter im Kleinen als Modell wohl gelinge, im Großen
ausgeführt, aber nicht bestehen könne. Eine größere Maschine, in den
gleichen Proportionen wie eine kleine hergestellt, besitze nämlich
eine viel geringere Festigkeit. So könne man auch kleine Obelisken
und Säulen handhaben und aufrichten ohne die Gefahr des Zerbrechens,
während sehr große infolge der eigenen großen Last bei jedem Zufall
Gefahr liefen, zu bersten. Nicht nur für Maschinen und Kunstwerke,
sondern auch für alle Naturkörper bestehe daher eine notwendige Grenze,
über die man nicht hinausgehen könne, wenn das Material dasselbe bleibt
und auch die Proportionen gewahrt werden. So würden bei einem Baume
von 200 Ellen Höhe zweifelsohne die Zweige unter ihrem Eigengewicht
abbrechen; es müßte denn die Materie widerstandsfähiger gewählt, oder
es müßten die Verhältnisse geändert, z. B. bei sehr großen Tieren die
Knochen unförmlich dick gestaltet werden. Aus diesem Grunde fänden sich
die Riesen des Tierreiches nur im Wasser, weil dort ihr Gewicht durch
den Auftrieb ausgeglichen würde. Andererseits finde man, daß bei einer
Verminderung des Körpers die Kräfte nicht im gleichen Maße abnehmen,
sondern sogar relativ größer sind. Z. B. könne ein kleiner Hund drei
andere von gleicher Größe tragen, während ein Pferd wohl kaum imstande
sei, auch nur ein einziges Pferd auf seinem Rücken fortzuschleppen.
Es sind das für die Einsicht in die Mechanik der Tiere und der Pflanzen
sehr wichtige Bemerkungen, die wir *Galilei* verdanken. Zu ihnen
fügt er die weitere Einsicht, daß auch die Anordnung der Materie die
Festigkeit in hohem Grade bedingt. Die Kunst und die Natur, sagt er,
bedienten sich der hohlen Körper in tausend Fällen. Denn hier werde
ohne Gewichtsvermehrung die Festigkeit bedeutend gesteigert. Als
Beispiele führt er die Knochen und die Grashalme an. *Galilei* begnügt
sich aber nicht mit der allgemeinen Beobachtung dieser Tatsache,
sondern er zeigt auch, daß sich die Bruchfestigkeiten zweier Zylinder
von gleicher Masse und Länge (Abb. 18), von denen der eine hohl, der
andere massiv ist, zueinander wie ihre Durchmesser verhalten.
[Illustration: Abb. 18. Galilei vergleicht die Bruchfestigkeit hohler
und massiver Zylinder.]
Auch für die oben erwähnten Beobachtungen über die Inanspruchnahme
größerer und kleinerer Gegenstände, Organismen und Maschinen findet
*Galilei* den Grund in einem Satz der Festigkeitslehre. Dieser
besagt, daß der Widerstand der Körper gegen das Zerbrechen, wenn die
Formverhältnisse dieselben bleiben, nicht mit der Masse, sondern in
geringerem Maße wächst. Während nämlich die Massen prismatischer Körper
sich wie die dritten Potenzen der ähnlichen Seiten verhalten, wächst
der Widerstand gegen das Zerbrechen nur wie die Quadrate dieser Seiten.
Seine Theorie der Bruchfestigkeit begründet *Galilei* in folgender
Weise. Denken wir uns (Abb. 19) einen parallelepipedischen Balken in
einer Mauer befestigt und mit Q belastet, so können wir ihn als einen
Winkelhebel STU betrachten, dessen Drehpunkt T ist. An dem Arme TU
wirkt die Last Q, an TS wirkt der Gesamtwiderstand aller Fasern. TS
ist die Hälfte der Höhe h des Prismas, TU ist seine Länge. Setzen wir
die Momente gleich, so ist der Gesamtwiderstand X multipliziert mit h/2
= Q · l. Der Gesamtwiderstand ist aber gleich einer Konstanten für die
Einheit des Querschnittes, multipliziert mit dem Querschnitt (b · h),
also gleich K · bh. Die Gleichung, eine der wichtigsten der technischen
Mechanik, nimmt also die Form an: