Leben und Bewegung darzustellen, das ist es, worin Liebermann die

Aufgabe seiner Kunst sieht. Als er begann, war es die materiellste

aller Bewegungen, die ihn anzog, die Arbeit. Er hat Gänserupferinnen,

Konservenmacherinnen, Feldarbeiter, Weber, Seiler, Kartoffelgräber,

Netzeflickerinnen, Schuster, Klöpplerinnen, Näherinnen u. s. w. gemalt.

Dann kamen einfachere Bewegungen: Gehen, laufen, tragen, wiegen,

spielen, Vieh hüten, reiten, fahren und endlich die immateriellen

Bewegungen: das Wehen der Luft, das Eilen des Lichtes. Auf Liebermanns

Bildern geschieht nichts, sie wollen nicht mit dem Verstande

betrachtet, sie wollen gesehen sein. Was ist daran, wenn sieben junge

und wenig hübsche Holländerinnen (Abb. 51) in weißen Hauben, dunklen

Kleidern und blauen Schürzen vor dem Hause auf einer Bank sitzen und

nähen, die eine an einem großen Stück Linnen, die anderen an Tüchern

und dergleichen? Gar nichts, wenn nicht ein geschmackvolles Stück

Malerei gezeigt würde, wenn man nicht die verschiedenen Arten, ein und

dieselbe Arbeit zu verrichten, an ihnen beobachten könnte. Mag das Bild

auch den allgemeinen Vorstellungen von „fertig“ nicht entsprechen, Eins

ist bis ins Letzte vollkommen gegeben: die Bewegung des Arbeitens.

Kein anderer Künstler hat sie intimer dargestellt. Ein anderer

würde vielleicht Mühe darauf verwendet haben, die Gesichter mit den

gesenkten Augen, die Hände mit den flinken Fingern recht ausführlich

zu malen; Liebermann fand einer ganz genauen Darstellung nur wert, wie

die Mädchen sich beim Arbeiten halten, welche Bewegungen ihre Arme

machen. Er sah das Wesentliche, jener das Nebensächliche, Zufällige.

Kunst ist Wahl, wie Whistler meint. Bei solchen Gelegenheiten wird

man darüber klar, und in dem, was er wählt, erkennt man die Eigenart

eines Künstlers. Der triviale Künstler sucht das Leichtdarstellbare,

der bedeutende die Schwierigkeiten. Jener wiederholt und variiert

bekannte und oft dargestellte Motive, dieser schaut sich nach neuen

um. Daraus erklärt sich auch Liebermanns Vorliebe für Darstellungen

aus der sogenannten niederen Sphäre des Volkes, hinter der von

Einigen dekadente Neigungen vermutet werden. Was man dem in den

behaglichsten Verhältnissen von der Welt lebenden Künstler als eine

Marotte anrechnet, ist einfach ein konsequenter Vorgang in der

Entwickelungsgeschichte der Kunst. Die Kunst müßte nicht Spiegel der

Kultur sein, wenn die sozialen Bewegungen der Gegenwart ohne Wirkung

auf sie geblieben wären.

[Illustration: Abb. 93. +Studie+ zum „Kirchgang in Laren“ (1898).]

Als die Religion die Gemüter beherrschte, als die Erlangung eines

Platzes im himmlischen Jenseits Zweck und Ziel des Lebens schien, malte

man die Gottheit und die Heiligen, zu denen man betend die Hände erhob;

als sich dann die Augen vom goldglänzenden Himmel zur Erde wandten,

sah man, wie schön diese war, wie voller Freuden. Und man malte, was

man von dieser Schönheit und diesen Freuden nur erreichen konnte: die

Macht des Fürsten und des Reichtums, die Anmut des Weibes und die

Kraft des Mannes. Darauf wieder ein kurzes Besinnen auf den Himmel,

auf die Macht der göttlichen Herrschaft, auf die Erlösungswerke des

Heilandes und der Heiligen, dann beginnt die Betrachtung der Welt vom

sozialen Standpunkt. Die Maler schildern nach einander den Glanz des

Königstums, die Pracht der Höfe, die adlige Eleganz der Vornehmen, die

stille Würde des Bürgertums. Ein Elementarereignis, die Revolution,

tritt hier ein und hindert die Kunst am Weitergehen. Sie vermag sich in

dem entstandenen Durcheinander von alten und neuen Anschauungen, von

Recht und Gewalt nicht zurechtzufinden und macht Selbstbetrachtungen,

sie flüchtet in die Vergangenheit und erlebt noch einmal ihr ganzes

Dasein. Erst als sie an dem Punkt angelangt ist, wo sie von der

Revolution gestört wurde, erwacht sie aus ihrem Traumleben und schaut

wieder mit wachen Augen in die Welt. Dem Bürgertum vermag sie nicht

mehr viel abzugewinnen, und nachdem sie sich eine kurze Zeit mit den

Bauern amüsiert, beginnt sie den Stand zu betrachten, der ihr jetzt als

der herrschende erscheint: den Stand der arbeitenden Menschen. Courbet

schuf das Programm, Millet entfernte das Tendenziöse daraus, Liebermann

verband den neuen Stoff mit neuen künstlerischen Ausdrucksmitteln.

[Illustration: Abb. 94. +Studie+ zum „Schulgang“ (1898).]

Es ist nicht anzunehmen, daß der Künstler aus einem Bedürfnis nach

Sensation sich seinen Stoffen zugewendet hat. Man würde dann irgendwo

ein Außerhalbstehen spüren. Nein, die Idee lag in der Luft und bot

der Kunst Aufgaben, die zur Lösung reizten, wenigstens einen Künstler

reizen mußten, der erkannt hatte, daß alles übrige bereits gesagt

war und die Malerei nicht weiter käme, wenn das Oftgesagte nur immer

wiederholt würde. Liebermann suchte das Leben zu packen an einer Seite,

an der man es in Deutschland noch nicht gepackt hatte. Es ist ziemlich

gleichgültig für die Beurteilung des Wertes von Liebermanns Schaffen,

ob man dem Künstler das als Instinkt oder als Überlegung, als ein

richtiges Gefühl oder kluge Absicht auslegen will -- die Art, wie er

die Sache angriff und durchführte, erscheint zu unbefangen, wirkt zu

unmittelbar und lebhaft, als daß man an Berechnung glauben dürfte.

Jan Veth, der holländische Zeichner und Maler, der neben dem

ausgezeichneten Hermann Helferich, neben dem feinsinnigen Ludwig

Kaemmerer, Woldemar von Seidlitz, Cornelius Gurlitt, neben Richard

Muther und Richard Graul das Besondere von Liebermanns Kunst am

feinsten erfaßt hat, bestätigt diese Annahme, indem er sich über

ihn folgendermaßen äußert: „Ich möchte behaupten, der innere Wert

seines künstlerischen Wesens liege in der Unbefangenheit, wie er zu

sehen, nachzufühlen, wiederzugeben vermag. Ich als Holländer und

meine Landsleute, wir können das besser als andere erkennen. Haben

wir doch seit unserer Kindheit traulichen Verkehr mit allem dem, was

wohl die besten Gemälde Liebermanns uns schildern. Jene Gestalten

aus dem Altmännerhaus, jene Waisenmädchen, jene Flachsspinnerinnen,

Wäscherinnen und Klöpplerinnen, jene Fischer und Netzeflickerinnen,

jene Hirten, Schuster, Bauern und Weber, wir haben sie allesamt näher

kennen gelernt, als es Liebermann selbst möglich gewesen ist. Er aber

weiß an ihnen etwas Charakteristisches zu entdecken, etwas, das wir zu

sehen verlernt haben und das vielleicht doch ihr wirkliches Wesen am

nächsten berührt.“

[Illustration: Abb. 95. +Alte Frau+ (1898). Zeichnung. Aus der

Liebermann-Mappe.]

Wenn Liebermann sich aus anderen als künstlerischen Gründen der

Darstellung arbeitender Menschen und einer den Meisten reizlos

erscheinenden Natur zugewendet hätte, würde dieses nicht mit der

Andacht geschehen sein, die man seinen Schöpfungen anmerkt. Man

wird ihn nie auf einer gedankenlosen Betrachtung und Wiedergabe der

Natur ertappen, aber immer wird man finden, daß er den empfangenen

Eindruck möglichst unmittelbar überliefern will. Daher die

außerordentliche Frische in seinen Arbeiten, aber auch gelegentliche

Unvollkommenheit. Mehr als bei anderen Malern ist bei Liebermann die

Kunst Temperamentssache. Hat er irgend eine Erscheinung, eine Bewegung,

die ihn anregte, erfaßt und, sei es mit dem Pinsel, sei es mit dem

Stift, fixiert, so interessiert ihn leicht das übrige nicht weiter. Er

vermag seine Begeisterung nicht immer genügend lange warm zu halten,

und so erscheinen manche seiner Arbeiten nicht soweit gebracht, wie

man wohl wünschen möchte. Seine künstlerische Konzentration ist mehr

intensiver, als extensiver Art. Daher die im Verhältnis zu seinen

wichtigeren Schöpfungen so ungeheure Masse von Studien und Skizzen. So

wunderbar dieselben zum größten Teil sind, soviel echter künstlerischer

Geist darin steckt und so reich, gesund und schöpferisch Liebermann

in ihnen erscheint -- es wird immer Bedauern erregen, daß diese

kolossale Potenz ihre Mittel nicht rationeller verwendet hat. Wenn

man auch von keinem Mangel an Wollen sprechen darf, die Thatsache,

daß Liebermann als Künstler häufig nur dem Augenblicke gelebt hat,

ist nicht zu leugnen. Indem man dieser Ansicht Worte gibt, fragt man

sich bereits, ob die impulsive Art, sich der Natur zu nähern, nicht

eigentlich das Große und Unbegreifliche in Liebermanns Kunst ist, ob

in diesen Augenblicksarbeiten nicht eine Erhöhung der Persönlichkeit

gefunden werden muß, die so beinahe hinreißender wirkt, als wenn sie

sich offiziell in äußerlich imposanten Werken darstellte? Es ist

nicht schwer, in einer umständlichen Beschreibung etwas zu schildern,

aber es gehört Geist dazu, in einem kurzen Satze das Wesen der

Sache erschöpfend zu kennzeichnen. Von solchem Geiste ist viel in

Liebermann, in seinen Studien und Skizzen. Er findet es langweilig,

eine Abhandlung zu liefern, wo es ein Aperçu auch thut. Und wenn man

seine Frische rühmt, die Lebendigkeit seines künstlerischen Ausdruckes

-- denkt man da nicht fast mehr an seine mit schneller Hand auf die

Leinwand gebrachten Impressionen, als an seine eigentlichen Bilder?

Und Liebermanns Geschmack! Würde man ihn so hoch preisen dürfen,

wenn er nicht von jedem Wisch leuchtete, den er als Künstler berührt

hat? Wer außer Liebermann hat in Deutschland überhaupt Studien und

Skizzen von einer so starken künstlerischen Haltung, so persönlich

in allem aufzuweisen? Menzel! -- nun ja, Menzel, aber bewundert man

sie nicht eigentlich mehr mit dem Verstande, als mit den Sinnen? Es

sind merkwürdige Arbeiten. Man ist erstaunt, welche Schwierigkeiten

überwunden wurden, welche Kraft des Sehens, welche unglaubliche

Handgeschicklichkeit der Künstler besitzt, aber es fehlt ihnen

das eigentlich Hinreißende, Erwärmende. Vor den Studien Menzels

erscheint die Kunst unendlich schwer, von denen Liebermanns möchte

man glauben, sie seien zu machen ganz leicht. Man bewundert dort die

außerordentliche Konzentration des Willens zum Sehen, hier Empfindung,

spielende Kraft und Inspiration. In Menzels Studien ist alles gesagt,

jeder Zweifel gelöst, aber auch jede mitschaffende Thätigkeit des

Beschauers ausgeschlossen; sie haben die überzeugende Kraft des

Positiven. Bei Liebermann dagegen ist alles Selbstverständliche

verschwiegen, nur das gesagt, was den Vorstellungen des Beschauers

ihren Weg vorschreibt. Er deutet nur an und nötigt dadurch den

Betrachtenden, Mitkünstler zu werden. Liebermanns Kunst ist in hohem

Grade suggestiv. Das ist der Grund, warum Menzel so Vielen, Liebermann

so verhältnismäßig Wenigen verständlich ist. Jener kann vollständig vom

Verstande begriffen werden, das Gefühl braucht ihm gegenüber kaum in

Thätigkeit gesetzt zu werden; diesem kann man nur mit dem Gefühl und

mit Aufwand eigener Phantasie näher kommen.

[Illustration: Abb. 96. +Umschlagzeichnung für die Liebermann-Mappe.+

(XXV Lichtdrucke nach Max Liebermann. Verlag von Bruno & Paul

Cassirer in Berlin.)]

Alle diese Vergleiche könnten überflüssig erscheinen, wenn es möglich

wäre, die Eigenart Liebermanns für sich darzustellen; aber er ist

gerade in dem groß, worin er sich von anderen Großen, also auch

von Menzel, unterscheidet, und man bekäme ein falsches Bild vom

deutschen Realismus, würde nicht gezeigt, wie wenig ähnlich sich

seine beiden bedeutendsten Vertreter sehen. Jedenfalls spielen die

so lebhaft gefühlten und schließlich nicht vollendeten Bilder in

Liebermanns Lebenswerk keine geringe Rolle. Die sich darin äußernde

Unerschöpflichkeit von künstlerischer Kraft, der beständig darin

vorhandene künstlerische Sinn sprechen lauter fast noch, als die

abgeschlossenen Werke, dafür, daß Liebermann eine „Natur“ ist, ein

Wesen, das das Maß seines Wertes in sich trägt. Und noch Eins kann

man diesen Skizzen nachrühmen und dem Meister, der sie schuf: sie

sind frei von aller Methode. Es ist unmöglich, Liebermanns Art, die

Natur anzupacken, in Regeln zu spannen. Auf immer neuen Wegen naht er

sich ihr und scheut nicht vor dem, was als nicht darstellbar gilt.

Dieser Kühnheit und Unerschrockenheit verdankt er seine schönsten

künstlerischen Erfolge und den Einfluß, den er auf die deutsche

Kunst noch besitzt, obgleich die Bewegung scheinbar über ihn bereits

fortgeschritten ist. Bei fast allen Künstlern in Liebermanns Alter ist

man gewiß, daß sie nichts Neues mehr bieten werden; von ihm, der nicht

aufgehört hat, sich zu rühren, kann man noch alles mögliche erwarten

und erwartet es auch.

[Illustration: Abb. 97. +Studie+ zu einem biblischen Thema (1898).]

Die Wirkung, die Liebermann auf die deutsche Kunst noch immer ausübt,

beruht nicht zum wenigsten in der von ihm ausgehenden erzieherischen

Kraft. Er brachte als erster eine gegenwärtige, nicht eine der

Vergangenheit entnommene malerische Kultur nach Deutschland. Er zeigte,

daß die Harmonie der Farben in einem Bilde durch das Verhältnis der

Farben zu einander, nicht durch einen braunen, schwarzen oder grauen

Ton erreicht werden müsse; er wies auf Licht und Luft als die großen

Medien der Malerei hin, die Schönheit brächten und das Widerstrebende

vereinten. Er zeigte, daß Schönheit Charakter sei, bestimmt und

individuell ausgedrückt, daß es auf Beobachtung der Natur, nicht auf

ihre Nachahmung ankäme. Er predigte, ohne zu reden, Rückkehr zur Natur,

Einfachheit und Größe, erschütterte durch die Macht seines Beispiels

das Ansehen der toten und von den Akademikern so hochgehaltenen Ideale

und, was die Hauptsache ist: er brachte neue Ideale und half damit

den Glauben zerstören an die Ewiggültigkeit der von der alten Kunst,

besonders von der der Renaissance aufgestellten Ideale. Gerade hierin

geht er über Menzel hinaus, der freilich auch nicht gewillt war, sich

der Vergangenheit zu beugen, dessen Kunst aber die Großzügigkeit und

Einfachheit fehlt, ohne die es nun einmal keine Ideale gibt. Und trotz

alledem hat Liebermanns Kunst nichts Theoretisches. Er huldigt nur dem

einen Grundsatz, der Künstler müsse sich von der Natur inspirieren

lassen, von einem von ihr empfangenen Eindruck ausgehen und nicht mit

einem fertigen Plane vor sie hintreten. Für sich selbst hat er die

Richtigkeit dieses Grundsatzes jedenfalls schlagend bewiesen, und wenn

sich Andere dazu bekennen, so ist es freilich sehr fraglich, ob sie zu

denselben Resultaten gelangen werden, wie Liebermann, aber sie werden

sicher viele der Irrtümer vermeiden, mit denen sich die idealistische

Malerei um ihr einstiges Ansehen gebracht hat.

* *

*

[Illustration: Abb. 98. +In der Sommerfrische+ (1898). Zeichnung. Im

Privatbesitz in Berlin.]

Die Anerkennung, die gegenwärtig nach langem Zögern und Zureden und

mit manchen Einschränkungen Liebermann entgegengebracht wird, macht

leider Halt vor seinen jüngsten Werken, in denen er sich der Lösung

luminaristischer Probleme widmet, und auch seinen Bildnissen steht die

Allgemeinheit noch sehr skeptisch gegenüber. Dafür gibt es nur zwei

Erklärungen: entweder hat sich die künstlerische Kraft Liebermanns

verringert, oder aber er ist, wie schon einmal, seiner Zeit wieder weit

voraus. Zu der ersten Annahme scheint man durch Beobachtungen, die man

bei anderen Künstlern sehr oft machen kann, berechtigt, die Möglichkeit

der anderen wird schon darum nicht gern zugestanden, weil sie geeignet

ist, das Kunstgefühl des Urteilenden als unsicher zu kennzeichnen. Es

bedarf indessen nur einigen Nachdenkens, um die Haltlosigkeit jener den

Künstler verkleinernden Meinung klarzustellen. Fast alle die Künstler,

bei denen man ein Nachlassen der künstlerischen Potenz bemerkt,

haben dasselbe meist dadurch verschuldet, daß sie ihr künstlerisches

Gewissen materiellen Vorteilen geopfert und, statt Kunst, Geld machen

wollten. Nicht geübte Fähigkeiten gehen verloren, und eines schönen

Tages bemerkt solch ein Künstler, daß es ihm einfach unmöglich ist,

eine neue künstlerische Aufgabe zu lösen. Er malt ruhig nach seinem

bewährten Rezept weiter; das Künstlerische in seinen Bildern wird immer

konventioneller, und schließlich hört er überhaupt auf, Künstler zu

sein. Nun hat Liebermann eher alles andere gethan, als aufgehört, seine

Fähigkeiten in Atem zu halten. Er hat nie die geringste Neigung zur

Bequemlichkeit gezeigt, und jedes neue künstlerische Problem entzündete

noch immer seinen ganzen Ehrgeiz. Wenn seine letzten Arbeiten weniger

wirksam erscheinen, als seine früheren, so wird man nie behaupten

können, daß ihnen die Frische fehle, und indem man ihnen diese

Eigenschaft zuerkennt, sagt man eigentlich schon, daß ein Überschuß

von Kraft da ist. Bei Abnahme von Kraft aber gibt es keinen Überschuß

mehr, und deshalb läßt sich die Behauptung von einem Nachlassen der

künstlerischen Kraft Liebermanns nicht gut aufrecht erhalten. So bleibt

schließlich nichts anderes übrig, als anzunehmen, daß dem Beschauer

die Fähigkeit mangele, die neuen Absichten des Künstlers zu erkennen,

und daß daraus die Unterschätzung seiner Leistung resultierte. Und so

ist es in der That. Man versteht diese neuen Bilder nicht, wenn man

nicht vergißt, wie der Künstler ähnliche Aufgaben im „Altmännerhaus“

und im „Waisenhausgarten“ behandelt hat. Man versteht auch Liebermanns

Bildnisse nicht, weil man all’ die glatten rasselosen Porträts im Kopfe

hat, denen man überall in unseren Häusern und noch öfter in unseren

Ausstellungen begegnet.

[Illustration: Abb. 99. +Die Kuhhirtin.+ Im Privatbesitz in Frankfurt

am Main.]

[Illustration: Abb. 100. +Schreibende Dame+ (1898). Zeichnung. Im

Privatbesitz in Berlin.]

Der Künstler verfährt bei seinen Bildnissen ähnlich, wie bei seinen

sonstigen Bildern. Er will Menschen darstellen und dabei auch den

flüchtigsten Ausdruck des Lebens festhalten. Daher fehlt seinen

Porträts das Feierliche, Zurechtgemachte, jede Art von Pose; zugleich

aber vermeidet Liebermann sorgsam jede Überhöhung des Ausdruckes.

Seine Menschen sind belebt, aber nicht aufgeregt. Sie sind gesehen

in einem Moment geistiger Gegenwart, während dessen sie nicht daran

dachten, einem Maler Modell zu sitzen oder zu stehen. Bei dem Bildnis

von Liebermanns kleinem Töchterchen (Abb. 38) bemerkt man dieses

Bestreben des Künstlers am deutlichsten, weil man zugleich die Ursache

vor Augen hat. Blitzschnell hat der Vater den Ausdruck der Lust

erfaßt, mit dem die Kleine die rote Puppe zwischen ihren Händchen

anjauchzt. In diesem momentanen Ausdruck liegt das ganze Wesen des

Kindes. Bei den Bildnissen der großen Menschen konnte er natürlich

den äußeren Anlaß für die augenblickliche Stimmung nicht mitmalen,

darum wird die Absicht des Künstlers von Vielen nicht verstanden.

Natürlichkeit erscheint den meisten noch nicht als eine notwendige

Art der Auffassung. Und doch: Wie weit entfernt sind Liebermanns

Bildnisse von der Momentphotographie! Das Zufällige ist ihm ein Reiz,

kein Endzweck. Knauf hielt es noch für nötig, Mommsens und Helmholtz’

Bedeutung für die Wissenschaft durch den Apparat des Studierzimmers

klarzustellen. Er hätte auch Virchow wohl im anatomischen Museum

oder mindestens mit dem Mikroskop beschäftigt vorgeführt. Liebermann

bedurfte gar keiner äußerlichen Zuthat, um den Gelehrten als solchen

zu charakterisieren. Ein Lichtstrahl thut’s auch, der über den feinen

Schädel gleitet und die tausend charaktervollen Linien beleuchtet, die

die Thätigkeit des Denkens und Forschens in das Antlitz des Gelehrten

gezeichnet, und der halb müde, halb beobachtende Blick der Augen. Wie

prachtvoll ist die nervöse Spannung im Gesicht des Dichters Grisebach

als charakterisierendes Moment benutzt, und wie köstlich ist die

Mischung von liebenswürdigem Selbstbewußtsein und freiem Menschentum

in Fontanes Wesen getroffen! Man ist bei uns nicht gewöhnt, praktische

Psychologie in Verbindung mit künstlerischen Absichten zu sehen und

zweifelt an der geistigen Vertiefung von Liebermanns Porträts, weil man

sich nicht vorstellen kann, daß der Künstler zwei Aufgaben gleichzeitig

löst. So betrachten die einen seine Bildnisse nur von der Seite der

Persönlichkeitsschilderung, die anderen nur von der Malerei. Dabei

fühlen sich beide Parteien wenig befriedigt, denn Liebermann hat die

geistige Auffassung von der künstlerischen nicht getrennt, so daß man

dem Psychologen Liebermann nicht folgen kann, wenn man sich um den

Maler nicht kümmert und umgekehrt. Auch hierin liegt ein Beweis für

das Streben des Künstlers nach Einfachheit, obgleich zunächst der

Anschein erweckt ist, als seien die Bildnisse Liebermanns komplizierte

Leistungen. Er sucht den Gegenstand mit dem künstlerischen Ausdruck zu

identifizieren, was entschieden eine Vereinfachung bedeutet. Und gerade

beim Porträt erscheint das schwierig, weil es mit seinem geistigen

Inhalt eine Unterordnung der künstlerischen Tendenz zu fordern scheint.

[Illustration: Abb. 101. +Der Sommer+ (1898).

Wanddekoration für ein Schloß in Mecklenburg.]

[Illustration: Abb. 102. +Der Winter+ (1898).

Wanddekoration für ein Schloß in Mecklenburg.]

[Illustration: Abb. 103. +Sonntag in Laren+ (1898). In Privatbesitz in

Berlin. (Mit Erlaubnis von Bruno & Paul Cassirer in Berlin.)]

Je besser man Liebermann als Künstler kennen lernt, um so weniger

ist man geneigt, ihn für einen Naturalisten oder auch nur für einen

Realisten zu halten. Er ist vor allem Künstler, mithin mehr, als

bloß der Vertreter einer Richtung. Der Gegenstand der Kunst ist

doch nur teilweise bestimmend für die Wirkungen, die der Künstler

erzielt. Man kann sagen, Liebermann malt nichts Poetisches, aber

fehlt es darum seinen Bildern an Poesie? Wenn ein Maler die Stimmung

eines Sonntagsnachmittags auf einer Dorfstraße dem Beschauer so zu

übermitteln vermag, daß dieser das Behagliche der Stunde vollkommen

mitfühlt, und diese Wirkung dadurch erzielt, daß er ein paar Mädchen

zeigt, die am hellen Tage in sauberen Kleidern in einer Reihe auf der

Straße daherschlendern, so kann man die Wirkung wohl poetisch nennen.

Umgekehrt kann ein anderer Maler den Tanz der Horen malen und die

poetische Wirkung doch ausbleiben. Man verwechselt einfach wieder

Subjekt und Objekt. Die ideale oder reale Wirkung hat mit dem Objekt

des Künstlers gar nichts zu thun, sondern hängt von ihm, von seiner

Thätigkeit ab. Und wo man auch hinschaut in der Kunst -- immer wirken

jene Werke am meisten ideal, die sehr realistisch sind. Mag man an

Homers Odyssee oder Michelangelos Moses, an Rembrandts Nachtwache oder

Goethes Faust, an Romeo und Julia oder die Hilanderas des Velasquez

denken. Wie an sich nichts gut oder böse ist, sondern erst das Urteil

dazu kommen muß, um zu entscheiden, so hängt die Bestimmung von

idealistisch und realistisch in der Kunst davon ab, ob der Künstler

Empfindungen zu erregen vermag, die über das Beschränkte des von

ihm gewählten Gegenstandes hinausgehen oder nicht. Je zwangloser

und zugleich sicherer die Phantasie des Kunstgenießenden geleitet,

und je stärker sie in Bewegung gebracht wird, um so idealer das

Kunstwerk. Das sind die stumpfen Geister, die das Ideale in der Kunst

in Handgreiflichkeiten suchen, die die Attribute idealer Erscheinungen

schon für das Ideale halten, für die der Todesengel etwa eine höhere

Vorstellung ist als der Tod. Für die wird Liebermann freilich immer der

Realist bleiben, weil sie nur das Wahre in seiner Kunst sehen, nicht

die wahre Empfindung, die unendlich viel mehr ist. Die Vorstellung

von Liebermann als Künstler hängt ja natürlich aufs innigste mit

dem Gegenstande seiner Kunst, mit weiten grauen Dünenlandschaften,

mit Waisenmädchen, mit Fischern und Arbeitenden zusammen, aber das

Wesentliche bleibt doch die Persönlichkeit Liebermanns, die Art, wie

er sich zu diesem Gegenständlichen verhalten hat. Geht man dem auf

den Grund, so wird man finden, daß sein Bestreben darauf gerichtet

war, in dieser armen Wirklichkeit das Schöne zu suchen, ihre Mängel

zu umkleiden mit dem Gewande der Kunst. Sein Verdienst ist aber um so

höher zu veranschlagen, als die von ihm gewählten künstlerischen Mittel

die allerfeinsten sind und die von ihm erreichten Wirkungen ihnen

entsprechen.

[Illustration: Abb. 104. +Spielende Kinder+ (1899). Zeichnung. Im

Privatbesitz in Berlin.]

Liebermann · 第 6 / 7 段