Zu dem Begriff „realistische Kunst“ gehört ganz entschieden das

Unterstreichen der Wirklichkeit. Realistisch ist Menzel, weil ihm der

Fingernagel genau so wichtig ist, wie der ganze Mensch. Man denke sich

ihn ohne militärische Uniformen, ohne die prickelnden Niedlichkeiten

des Rokoko, kurz, ohne jene Einzelheiten, die seine Schöpfungen so

gut gesehen, so vollkommen erscheinen lassen, und man wird entdecken,

daß in ihnen, in all’ diesen kleinen Wirklichkeiten und Pikanterien

das Wesentliche von Menzels Kunst steckt und ihre Wirkung ausmacht,

während Liebermann nur die große Wirklichkeit gibt. Es ist auch ganz

sicher, daß die meisten Menschen von Menzels Bildern die Empfindungen

mitnehmen, sie seien treue Wiedergaben der Natur, und ebenso

sicher, daß sie bemerken, Liebermanns Bilder seien oberflächliche,

unvollkommene Wiedergaben der Natur. Ein Zeichen, daß sie keinen Sinn

haben für die +großen+ Schönheiten der Natur, und daß sie Natur nur

dort sehen, wo es ins Einzelne geht, daß erst die unterstrichene,

bemerkbar gemachte Wirklichkeit ihnen Wirklichkeit zu sein scheint.

Hier sind aber die Grenzen zwischen realistischer und idealistischer

Kunst. Menzel betont die Realität bis ins äußerste, Liebermann nur

das Notwendige, ihre großen Formen: er scheidet sie in Wesentliches

und Unwesentliches, er entwickelt Urteilskraft, Menzel mehr Sehkraft

und Handgeschicklichkeit. Dieser geht der Natur mit Schrauben und

Hebeln zu Leibe, Liebermann sucht ihr mit Gefühl nahe zu kommen. Ohne

Menzels Bedeutung anzutasten, kann man doch sagen, daß seine Kunst

ohne erzieherische Kraft war, nicht weil sie nicht Kunst gewesen wäre,

sondern weil ihr das Befreiende fehlt. Liebermann aber, der so fein in

der Natur wählt, der nicht an das Verblüffen durch Fertigkeiten denkt

und, trotz manchmal trüber Farben, einen Farbengeschmack verrät, wie

ihn nur die Besten besaßen, übte Wirkung auf die zeitgenössische Kunst

aus. Und gerade das Idealistische bei Liebermann, sein Beispiel, wie

die Wirklichkeit gepackt werden könne, ohne das Nebensächliche, sein

inniges Verhältnis zu dem mächtigsten Idealisierer aller Wirklichkeit,

zum Licht, läßt ihn so einzig erscheinen.

[Illustration: Abb. 105. +Kanal in Leyden+ (1899). Zeichnung.]

[Illustration: Abb. 106. +In den Dünen+ (1899). Federzeichnung.]

Realistisch ist Liebermanns Kunst nur soweit, als sie keinen

idealistischen Inhalt besitzt und ihren Maßstab in der realen

Wirklichkeit hat; ihre Absicht aber, die Natur in ihrer Einfachheit

und Größe malerisch aufzufassen, ohne Atelier und Theaterkram und

Hadern, ist die idealste von der Welt, und „nicht was wir meinen,

sondern wie wir’s meinen“, darin liegt das Entscheidende. Man könnte

ja auch behaupten, Liebermann sei ein temperamentsloser Künstler, denn

in seinem ganzen Lebenswerk findet sich kein Bild, in dem es eine

Darstellung von leidenschaftlichen Empfindungen gibt. Ruhig, ernst,

ohne Lust und ohne Klage verrichten seine Menschen ihre Arbeit, selbst

seine Kinder führen nicht eigentlich ausgelassene Spiele. Es wird aber

niemand beifallen, diese Behauptung aufzustellen, denn die Art, wie

der Künstler diese ruhigen Existenzen schildert, zeugt von einem so

leidenschaftlichen Empfinden bei ihm, von einem so stürmischen und

begehrlichen Werben um die Natur und von einer solchen innerlichen

Begeisterung, daß die Bezeichnung „temperamentslos“ für Liebermann

und seine Kunst ganz sinnlos wäre. Nur für die alleräußerlichste

Betrachtung erscheint er uninteressiert. Aber noch Eins spricht für die

idealistische Tendenz der Liebermannschen Kunst: daß sie nach einem

Monumentalstil drängt.

[Illustration: Abb. 107. +Studie+ zum „Schulgang“ (1899).]

[Illustration: Abb. 108. +Studie+ zum „Schulgang“ (1899).]

Die ganze Anschauungsweise des Künstlers seit Mitte der achtziger Jahre

ist fest auf den Stil gerichtet, auf die Art, wie er die Erscheinungen

der Natur für das Auge als geschlossene Einheit, als Bild zusammenfaßt,

wie er vermeidet, daß die von ihm dargestellten Bewegungen als Unruhe

empfunden werden, wie er es erreicht, daß jede Einzelheit im Bilde

als abhängig vom Ganzen, als Notwendigkeit empfunden wird. Wenn man

das feine Raumgefühl Liebermanns rühmt, so lobt man eigentlich schon

etwas, was zu seinem Stil gehört. Die Gliederung des Raumes ergibt sich

natürlich auch bei ihm durch Linien, durch die beherrschende Macht der

Vertikalen und Horizontalen und Verwendung von Gegensätzen, sowohl

in Linien als in Proportionen. Je weniger Mittel, desto feiner die

Wirkung. „Die Größe der Bildfläche hat auch hier keine Bedeutung. Die

typische Größe der Form und Gestaltung, gleichviel ob farbig oder grau

in grau, ist allein maßgebend.“ Liebermanns Handzeichnungen haben nicht

weniger Stil als seine Bilder. Besonders fein ist, wie schon an anderer

Stelle hervorgehoben, bei ihm die Empfindung für das Verhältnis, ohne

die keine monumentale Wirkung denkbar ist. Die Hauptfigur in seinen

„Netzeflickerinnen“ (Abb. 47) wirkt darum so mächtig, weil sie einen

Gegensatz in der Kleinheit der anderen Gestalten hat. Ihre Bewegung,

an sich nicht stark, erscheint so, weil sie sich in dem geschleiften

Netz fortsetzt, weil die der anderen Gestalten viel weniger deutlich

gemacht ist. Die Erscheinung der „Frau mit den Ziegen“ (Abb. 52) macht

einen so ungeheuren Eindruck, weil sie in der Linie zusammenfließt mit

der der Ziege, die die Frau am Seil sich nachzieht. Wie auffallend wird

die Bewegung des Arbeitens der Mädchen in der „Flachsscheuer“ (Abb.

44) gemacht durch die unbewegten Linien des Gebälkes und der den Raum

durchlaufenden Fäden. In diesem Bilde machen sich die Haltung gebenden

Vertikalen und Horizontalen besonders stark bemerkbar und ebenso die

Bevorzugung der Profilstellung, die an die Schöpfungen der Primitiven

denken läßt. Die vielen Vertikalen und Horizontalen geben aber den

Bildern Liebermanns nicht nur die Einfachheit und Größe, sondern auch

den ernsten Ausdruck. Selbst die einfachsten seiner Schöpfungen, wie

etwa die „Kuhhirtin“ (Abb. 99) oder der „Bauer mit der Kuh“ (Abb.

85) oder die „Schafhirtin“ (Abb. 59), die durch ihren Inhalt harmlos

erscheinen könnten, erhalten durch die Darstellungsweise etwas

Erhabenes, Monumentales.

[Illustration: Abb. 109. +Kirmeß in Laren+ (1899). Zeichnung.]

[Illustration: Abb. 110. +Aus Scheveningen+ (1899).]

Von den einfachen stillen Farben, die durch sinngemäße Verteilung

und ruhige Fleckenwirkung soviel zu dem großzügigen Eindruck der

Bilder beitragen, war bereits die Rede. Alles kommt zusammen, um

eine Steigerung des Natürlichen ins Erhabene herbeizuführen und so

den Schöpfungen Liebermanns Stil zu geben. Wie er den Weg gewiesen

hat von dem bloß Malerischen zur wirklichen Malerei, so zeigt er

auch, wie man zu einem Stil gelangen kann, ohne die Eselsbrücke des

Stilisierens. Es ist ewig schade, daß man sich diese bedeutungsvolle

Seite von Liebermanns Kunst theoretisch klar machen muß, daß dem

Künstler keine Wandflächen zur Verfügung gestanden haben, wo er

vor allem Volke hätte beweisen können, wie groß und schön und rein

er eine Welt sieht und darzustellen weiß, die man bis zu seinem

Erscheinen ohne diese Eigenschaften glaubte. Die Dekorationen für den

Saal eines Mecklenburger Schlosses (Abb. 101 u. 102) sind leider der

Öffentlichkeit entzogen. Wie bestätigen sie aber die Ansicht, daß

Liebermanns Kunst alle Kennzeichen der Monumentalität trägt!

Es ist ein eigenes Schicksal, daß die einzigen drei Künstler des

neunzehnten Jahrhunderts, die berufen waren, einer von der Malerei

bisher noch nicht dargestellten Erscheinungswelt im Sinne großer

Kunst den höchsten Ausdruck zu geben, die vermocht hatten, Wesen und

Fühlen ihrer Zeit in neuer Weise zu fassen und zu gestalten, daß

diese drei Künstler -- der Franzose Millet, der Deutsche Liebermann

und der Italiener Segantini -- nicht Gelegenheit gefunden haben, der

Nachwelt in auch äußerlich monumentalen Werken Spuren ihres Daseins zu

hinterlassen. Um wieviel größer würden sie erscheinen! Aber trotzdem:

Die Kunst der drei wird ewig leben, weil sie einen ewigen Typus für die

Kunst lebendig gemacht hat, den des arbeitenden Menschen. Und gerade

das Zeitlose seiner Erscheinung ist es, was ihn so mächtig aus den

Werken der drei Künstler wirken läßt. --

[Illustration: Abb. 111. +Nach Hause+ (1899). Kreidezeichnung.]

[Illustration: Abb. 112. +Badende Jungen.+]

Vielleicht erwartet man jetzt eine Klarlegung der Mängel von

Liebermanns Kunst, und vielleicht wäre es nicht schwierig, sie

zu bieten, aber die Gelegenheit erscheint schlecht gewählt; denn

über Liebermann schreiben, heißt immer noch die Gründe darthun, um

derentwillen er bewundert werden muß. Eine eingeschränkte Bewunderung

aber macht niemandem warm. Jeder Künstler hat die Mängel seiner

Tugenden, also auch Liebermann. Es gab und gibt Künstler, die

Gewaltigeres vollbracht haben, die bezwingendere, erhebendere Werke

schufen, aber es gibt wenige Künstler, die die Natur inniger, treuer

erfaßt und natürlicher dargestellt haben. Er ist kein Virtuose. Das

wäre ein Widerspruch zu seiner ganzen Art; aber er hat Naivetät und

jene unbedingte Hingabe an seinen Gegenstand, ohne die große Kunstwerke

nicht geschaffen werden. Es sieht zuweilen unbeholfen aus, was er

macht, aber immer fühlt man, daß es ihm um die ganze, nicht um die

halbe Wahrheit und Kunst geht. Er ist mehr als bloß ein Maler, er

ist eine Persönlichkeit, eine feine, starke und im tiefsten Grunde

ihres Wesens künstlerische Persönlichkeit. Das gibt seinem Schaffen

die Bedeutung, seinen Werken die unvergängliche Lebenskraft und

erklärt die Größe seiner Wirkung auf die Kunst seiner Zeit, aber es

ergibt sich daraus auch die Schwierigkeit, das letzte Wort über ihn

zu sagen. Das Beste von Liebermanns Kunst läßt sich nur fühlen, nicht

durch die Sprache ausdrücken. „Es gibt in der Natur ein Zugängliches

und ein Unzugängliches. Dieses unterscheide und bedenke man wohl und

habe Respekt. Es ist uns schon geholfen, wenn wir es überall nur

wissen, wiewohl es immer sehr schwer bleibt, zu sehen, wo das eine

aufhört und das andere beginnt. -- Wer es aber weiß und klug ist,

wird sich am Zugänglichen halten, und indem er in dieser Region nach

allen Seiten geht und sich befestigt, wird er sogar auf diesem Wege

dem Unzugänglichen etwas abgewinnen können, wiewohl er hier doch

zuletzt gestehen wird, daß manchen Dingen nur bis zu einem gewissen

Grade beizukommen ist und die Natur immer etwas Problematisches hinter

sich behalte, welches zu ergründen die menschlichen Fähigkeiten nicht

hinreichen.“

[Illustration: Abb. 113. +Kartoffelernte+ (1895).

Im Besitz der Kunsthandlung von Bruno & Paul Cassirer in Berlin.]

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