Der Empiriker Liebermann arbeitet mit dem Künstler Liebermann

gemeinsam. Er ist immer geneigt, seine Entdeckungen den höheren

Gesetzen der Kunst unterzuordnen, was leider von vielen anderen Malern

vergessen wird, so daß ihre Bilder zuweilen eher wie physikalische

Demonstrationsobjekte als wie Bilder wirken. Als man entdeckt hatte,

daß das in seine prismatischen Bestandteile zerlegte Licht im Bilde

viel heller und lebendiger wirke als der einfache helle Ton, nahm

auch Liebermann diese Neuerung auf, aber in einer Weise, daß sie

sich niemand aufdrängte. Keine Spur von der auffälligen Manier der

Pointillisten und Neo-Impressionisten. Es ist einer der Grundsätze

Liebermanns, daß Kunst nie aussehen dürfe wie Arbeit. Und während

Andere Bilder malen, in denen neue Entdeckungen als Selbstzweck

erscheinen, wird man kein Bild Liebermanns namhaft machen können,

das diesen Eindruck hervorriefe; und doch war er selbst einer der

glücklichsten Entdecker, der von keinem Anderen noch empfundene und

entdeckte Stimmungsreize auf die Leinwand gebracht hat.

[Illustration: Abb. 78. +Dünenlandschaft+ (1895).

(Aus der Liebermann-Mappe. Verlag von Bruno & Paul Cassirer in Berlin.)]

[Illustration: Abb. 79. +Laren+ (1895). Handzeichnung.]

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Man kann von jeder starken Künstlerpersönlichkeit behaupten, daß

sie Wirkung auf die Kunst ihrer Zeit ausübe; aber nur dem ist es

beschieden, nachhaltigen Einfluß zu gewinnen, der die Grenzen der

künstlerischen Anschauungen zu erweitern vermag, der einen neuen

Geist, eine neue Gesinnung gegenüber dem Objekt der Kunst -- der Natur

zeigt. Wenn Liebermann der deutschen Kunst am Ausgang des neunzehnten

Jahrhunderts eine veränderte Richtung gab, so hat daran das als wichtig

erkannte Neue in seiner Gesinnung mindestens ebensoviel Anteil als das

stofflich Neue in seinen Bildern. Die von ihm ausgehende Wirkung ist

nicht damit gekennzeichnet, daß gesagt wird, er habe den Naturalismus

oder Realismus nach Deutschland importiert. Das war gar nicht nötig,

denn man hätte ja, wenn das Bedürfnis vorgelegen haben würde, sich

mit dem Realismus bekannt zu machen, bei Menzel lange vor Liebermann

Gelegenheit dazu gehabt. Nein, Liebermanns That bestand darin, daß er

eine neue Art, die Wirklichkeit zu sehen, in die Kunst brachte, und

zeigte, +daß es nicht darauf ankäme, die Wirklichkeit wiederzugeben,

sondern das, was dem Künstlerauge als Wirklichkeit erscheint+. Schon

darum ist der Künstler kein Naturalist, wofern das Wesen eines

solchen darin besteht, daß er als Person gänzlich hinter seinem Werke

verschwindet. Im Gegenteil, Liebermann hat die Kunst recht eigentlich

vor der Gefahr bewahrt, im Naturalismus zu ersticken, indem er dahin

drängte, die Natur nicht im Kleinen, sondern im Großen und persönlich

zu sehen. An die Stelle der Beobachtung unwichtiger Kleinigkeiten

und Nebensächlichkeiten setzte er die Beobachtung des Wesentlichen,

der Gesamterscheinung, der farbigen Gegensätze, der sich aus diesen

ergebenden Linien und Formen und das Verhalten derselben unter der

Wirkung von Licht.

[Illustration: Abb. 80. +Stranddorf+ (1895). Kalt-Nadel-Arbeit.

Erschienen bei Bruno & Paul Cassirer in Berlin.]

[Illustration: Abb. 81. +Theodor Fontane+ (1896). Kreidezeichnung.

In der königl. Nationalgalerie zu Berlin.]

Liebermann war unter den deutschen Malern der erste, der die

Entdeckungen der Landschafter in konsequenter Weise auf das

Figurenbild übertrug, der den Übergang von der „Stimmung“ zum „Milieu“

fand. Seine Landschaften, in denen Menschen sich bewegen, sind ebenso

gut Milieudarstellungen, wie seine Interieurs Stimmungsstücke.

Diese Richtung des Blickes auf die Gesamterscheinung bedingt in

seinen Bildern alles. Er gerät selten in Versuchung, zu ausführlich

zu werden, weil er sich bewußt ist, daß Ausführlichkeit bei einer

gewissen Grenze die Wahrheit im großen aufheben muß; und um einen

Ersatz dafür zu bieten, strebt er nach Ausdruck, und zwar nach Ausdruck

durch Charakterisierung. Es war schon bei Erwähnung seiner Studien

darauf hingewiesen worden, mit welcher Unermüdlichkeit Liebermann

Charakteristik sucht. In einer Landschaft, so resümiert er, sieht man

in einiger Entfernung von dem einzelnen Menschen wenig mehr, als den

Umriß der Gestalt, und sucht sich unwillkürlich durch Beobachtung von

Haltung und Bewegungen über die Persönlichkeit klar zu werden; von

einem Baum bemerkt man, wenn man nicht in nächster Nähe ist, auch nur

die Form und die Farbe. Was das Auge nicht zu unterscheiden vermag,

darf im Bilde nicht durchgebildet werden. Während die alten Maler ihre

Bilder so malten, daß sie jeden Gegenstand auf denselben -- einen

Baum, einen Menschen, eine Wiese, eine Ziege -- für sich darstellten

und auf diese Weise den Eindruck hervorrufen, als verfügten sie zum

Unterschiede vom normalen Menschen über mehr als einen Augenpunkt,

sucht Liebermann, und mit ihm die ganze neuere Kunst, eine Landschaft

oder einen Innenraum mit den von ihnen umschlossenen Erscheinungen, von

einer ganz bestimmten Stelle aus, mit +einem+ Augenpunkt gesehen,

wiederzugeben. Daher die große Rolle, die die Farben oder vielmehr

die durch das Licht nüancierten Tonmassen in seinen Bildern spielen.

Allerdings noch nicht in seinen ersten, obwohl er sich auch schon in

diesen zuweilen geneigt zeigt, die Lokalfarbe durch den Lokalton zu

ersetzen.

[Illustration: Abb. 82. +Kinderbildnis+ (1896). Besitzer: Der Künstler.]

Trotz dieses scheinbar Negativen in Liebermanns Bildern wohnt ihnen

doch eine große suggestive Kraft bei. Das erreicht der Künstler durch

Anwendung einer Reihe von Mitteln, die einer Betrachtung wohl wert sind.

Sein Hauptaugenmerk richtet Liebermann vor allem darauf, bei dem

Beschauer das Gefühl des Räumlichen hervorzurufen. Bei seinen älteren

Bildern hat er sich mit Vorliebe der nach dem Hintergrunde verlaufenden

Linien hierzu bedient, später, wo er viel mit Horizontalen in der

Komposition arbeitet, gibt er das Räumliche lediglich durch Luft und

Farbenperspektive oder durch sinnvolle Lichtführung. Ein Meisterstück

in dieser Hinsicht ist die „Frau mit den Ziegen“, in dem er die riesige

Tiefe des Bildes durch eine fast unmerkliche Abtönung des Graugrüns

der Düne in Verbindung mit der Bewegung der Alten hervorruft. Von

ähnlicher Feinheit ist die Illusion des Räumlichen bei dem „Mann mit

der Kuh“, dem „Schreitenden Bauer“. Bei anderen Gelegenheiten sind es

Menschengestalten in äußerst wirksamen allmählichen Verkleinerungen,

durch die er die Vorstellung von einer unendlichen Ausdehnung des

Raumes erreicht, so besonders bei den „Netzeflickerinnen“, den

„Badenden Jungen“, beim „Biergarten in Rosenheim“, bei der „Bleiche“,

bei der „Gedächtnisfeier für Kaiser Friedrich“ und anderen Bildern.

Bei der Verfügung über das Räumliche seiner Bilder wird Liebermann von

einem bewundernswerten Feingefühl für die glückliche Verteilung der

Erscheinungen darin unterstützt. Es wird nie vorkommen, daß eine Figur,

wo er sie auch hingestellt haben mag, in irgend einem Verhältnis zu

groß oder zu klein wirkt oder die Meinung erweckt, sie würde an einer

anderen Stelle im Bilde vorteilhafter erscheinen. Keine Gestalt in dem

Bilde „Flachsscheuer in Laren“, die nicht an dem Platze wäre, wo sie

dem Gesamteindruck am meisten nützt. Dieses Gefühl, daß alles genau

so sein und bleiben müsse, wie es ist, gegenüber den Liebermannschen

Bildern trägt nicht wenig zu ihrer starken Wirkung bei. Es grenzt an

Naivetät, zu glauben, daß dieser Eindruck durch eine bloße Abschrift

der Natur hervorgerufen werden könne. Wenn auch natürliche Begabung

mitwirkt, es ist Kunst, die in diesem Falle als Natur erscheint. Von

Komposition in dem üblichen Sinne ist in den Bildern Liebermanns nichts

zu merken, aber man darf darum nicht meinen, sie fehle ganz. Wie sich

der Künstler bemüht, den Eindruck zu vermeiden, als habe irgend eine

der Figuren seiner Bilder Modell gestanden, ebenso ist er bestrebt,

den Gedanken an eine Gesetzmäßigkeit in der Anordnung des Bildinhaltes

nicht aufkommen zu lassen. Alles scheint Zufall und ist doch Absicht.

Eine Erklärung findet dieser Eindruck darin, daß der Künstler der Natur

gegenüber keine vorgefaßte Kompositionsidee im Kopfe hat. Er wendet

das Gesetz nicht auf die Gelegenheit an, sondern sucht das Gegebene

gesetzmäßig zu fassen, was viel mehr künstlerischen Geist verrät,

als wenn aus den Gesetzen der Komposition Zwangsjacken für die Natur

geschmiedet werden. Es ist kaum möglich, Liebermann auf diesem Gebiete

zu fassen. Wenn man glaubt, sich an einem seiner Bilder klar gemacht zu

haben, wie er komponiert hat, so läßt ein anderes Bild nur zu leicht

das Thörichte dieser Annahme erkennen.

[Illustration: Abb. 83. +Strand in Scheveningen+ (1896). Lithographie.]

[Illustration: Abb. 84. +Badende Knaben+ (1896). Radierung. Eigentum

von Bruno & Paul Cassirer in Berlin.]

Weder in den „Gänserupferinnen“, noch in den „Konservenmacherinnen“

ist die Komposition sehr originell zu nennen, obschon sie zwanglos

erscheint. Bei den „Arbeitern im Rübenfelde“ macht sich die Absicht,

von der Schablone loszukommen, angenehmer bemerkbar als die Art, wie

es geschieht. Es ist kein rechter Zusammenhang da. Die Unterordnung

der Figuren unter die Landschaft gibt eine etwas gewaltsame

Geschlossenheit. Um so glücklicher ist die Abwendung von den Regeln

der Schule im „Altmännerhaus“. Man kann wirklich nicht leicht ein paar

Dutzend Menschen besser in einem Bilde verteilen, ohne sie einzeln

wirken und dabei doch den Raum so außerordentlich stark mitsprechen

zu lassen, wie es auf Liebermanns Bild der Fall ist. Die stark in

Verkürzung gesehene Bank links mit den Männern daraus wird aufs

unauffälligste durch den vor dem Zeitungsleser stehenden Alten, die

hinten im Gange stehende Gruppe und den im Laubengang Promenierenden

mit der Bank rechts und den darauf Sitzenden in Verbindung gebracht.

Wie mächtig und schließlich doch wie unauffällig wirkt der fast die

Hälfte des Bildes einnehmende Erdboden mit den leisen Sonnenflecken

als Stimmungsfaktor! Er ist es, der den Eindruck der Abgeschiedenheit

vom Leben, des einsamen Ausruhens, den die Gestalten der alten Männer

mit ihren schwarzen Röcken und weißen Halsbinden erwecken, verstärkt.

Der „Hof des Waisenmädchenhauses in Amsterdam“ hat scheinbar eine

gewisse Ähnlichkeit in der Komposition mit jenem Bilde, besonders

durch die mit Gestalten besetzte Diagonale, die die Fläche des Bildes

von rechts unten nach links oben schneidet; aber im Grunde ist doch

alles anders. Beim „Altmännerhaus“ schritt der Beschauer gewissermaßen

auf die Bank links zu, hier würde er geradeswegs auf die Pforte im

Hintergrunde stoßen. Das soll aber nicht sein, und so wird sein Blick

gefangen genommen durch die Gruppe der jungen Näherinnen rechts

im Vordergrunde. Um die Diagonale im Bilde zu unterbrechen und zu

verdecken und zugleich, um die das Auge auf sich ziehende Masse des

Weiß zu vermehren, sitzt das eine Mädchen mit seiner Näharbeit vor

den übrigen an der Erde. Die Gruppe erscheint in kühler Beleuchtung

und bildet dadurch einen wirksamen Gegensatz zu dem Sonnengeflimmer

im übrigen Bilde, was aber wieder durch die reichliche Verwendung

von Weiß unauffällig geschieht. Das Weiß von vorn klingt dann an den

verschiedenen Gestalten des Mittelgrundes in Schürzen und Hauben aus

und findet schließlich Abschluß in den sonnenbeglänzten Figuren im

Hintergrunde.

[Illustration: Abb. 85. +Heimkehrender Bauer mit Kuh+ (1896). Im

Privatbesitz in Paris.]

Eins der Geheimnisse der Wirkung von Liebermanns Bildern besteht

indessen ohne Zweifel darin, daß das Terrain als Stimmungsfaktor

verwendet wird. Sei es graugelb wie bei der „Flachsscheuer“, graugrün

wie bei der „Frau mit den Ziegen“, gelbgrün wie bei der „Kuhhirtin“,

warmbraun, mit kühlgrünen Reflexen dazwischen, wie bei dem „Sonntag in

Laren“ -- immer ist dadurch der Ausdruck des Bildes bestimmt und ihm

eine unerschütterliche Tonigkeit gegeben. Dazu dient es in besonderem

Maße als Reflektor der Lichtmassen, die der Künstler vom grauen oder

sonnigen Himmel oder durch Fenster über Landschaften oder Innenräume

schüttet. Wenige Maler vor Liebermann -- die Holländer des siebzehnten

Jahrhunderts nicht in Betracht gezogen -- haben durch Benutzung einer

scheinbaren Nebensächlichkeit solche Wirkungen zu erreichen gesucht,

keiner besaß die Kühnheit, den nackten Boden in diesem Sinne zu

verwenden. Gras, Blumen, Wasser dürfen bei den Anderen nicht fehlen.

Man fürchtet sonst, uninteressant zu sein. Liebermann hat gezeigt, daß

es für einen wirklichen Maler nichts Uninteressantes gibt. Er ist von

unzähligen Künstlern nachgeahmt worden. Man hat ihm von den weißen

Mützen bis zu den Holzschuhen, von den Greisenspitälern bis zu den

Fischerhäusern ganz Holland abgesehen; aber kaum Einer hat etwas von

dem Wirksamen an Liebermanns Bildern in dessen Darstellung des Grundes

gesucht, aus dem seine Bäume wachsen, auf dem seine Menschen sich

bewegen. Und wenn man auch viele Bilder aufzählen könnte, bei denen die

Horizontlinie bis nahe an den oberen Rand des Rahmens oder gar noch

darüber hinaus liegt, wo also eigentlich alles Terrain ist -- es sind

ganz wenige, wo eine gleich starke und zugleich diskrete Wirkung mit

so einfachen Mitteln erzielt wurde. Man stelle sich den „Schreitenden

Bauer“ oder die „Dorfstraße“ ohne den Stimmungsreiz vor, der dort von

der schmutziggrauen Düne, hier von der durchnäßten Straße kommt --

die Bilder wären nicht annähernd das, was sie sind. Bei den „Badenden

Jungen“ gibt der Licht und Wärme zurückstrahlende Strand erst die volle

Illusion des glühenden, hellen Sommertages.

[Illustration: Abb. 86. +Badende Jungen+ (1897). Im Privatbesitz in

Frankfurt am Main.]

Um die Suggestion von „Luft“ im Bilde zu erzeugen, bedarf Liebermann

nicht des blauen Himmels oder der Wolken, nur des Lichtes. Er

nüanciert damit auf das feinste. Man vergleiche daraufhin nur den

„Kinderspielplatz im Tiergarten“ (Abb. 26) mit dem „Schulgang“ (Abb.

94), den „Biergarten in Brannenburg“ (Abb. 67) mit der „Gedächtnisfeier

für Kaiser Friedrich“ (Abb. 50), worauf überall nicht das gefunden

wird, was bei Bildern „Luft“ heißt, aber man meint, in jedem Falle eine

andere Art von Luft zu empfinden, die da unter den grünen Bäumen weht.

Und wie malt er Licht! Es gibt viele Maler, die ungleich heller malen

als Liebermann, viele, deren Farben sehr viel weniger materiell

sind als die seinen; aber von wenigen Bildern hat man so lebhaft

die Empfindung, daß in ihnen das Wesen des Lichtes so vollkommen

ausgedrückt wäre, als von jenen Liebermanns; denn er malt nicht

Effekte, sondern Beobachtungen. Es liegt ihm gar nicht daran, zu

verblüffen. Daß man das absolute Licht nicht malen kann, weiß jeder. Es

muß also in seinen Wirkungen auf die Dinge dargestellt werden. Während

andere diese Wirkungen dort suchen, wo sie am meisten auffallen, wo

leuchtende Farben das Licht glänzend zurückwerfen und starke Gegensätze

von Dunkel und Helle entstehen, hat Liebermann in den Bildern seiner

mittleren Periode, die für die Beurteilung seiner Wirkung auf die

deutsche Malerei einstweilen noch als die ausschlaggebende gilt,

obwohl die letzte Periode vielleicht noch bedeutungsvoller werden

kann, bewiesen, daß man dergleichen nicht bedarf, um lichtvolle

Bilder zu malen. Die Farben in seiner „Flachsscheuer“, in den

„Netzeflickerinnen“, der „Frau mit den Ziegen“ sind alles andere,

nur nicht leuchtend; man kann sie eher trübe oder schmutzig nennen;

aber wer je diese Bilder unter anderen, farbigeren in Ausstellungen

gesehen hat, wird sich erinnern, wie luminös sie jenen gegenüber

erschienen, wie die Sonnigkeit der anderen Bilder verblich gegen das

milde Licht, das die Bilder Liebermanns ausströmten, auf denen es doch

nur graue, dunkle Wolken und schwere Farben gab. Die Erklärung für

diese Erscheinung ist wohl darin zu suchen, daß die Schatten in den

Liebermannschen Bildern in einem weniger gegensätzlichen Verhältnis zu

den Lichtpartien stehen als in anderen Bildern. Seine Bilder sind nicht

hell, aber sie wirken so, und das gibt den Ausschlag.

[Illustration: Abb. 87. +Mädchen mit Kuh+ (1897). Pastell. Im

Privatbesitz in Berlin.]

Liebermann hat in diesen Werken durchaus das Prinzip der alten

Meister zu dem seinen gemacht, und man kann ihre Wirkung kaum besser

beschreiben, als mit den Worten, die ein feiner Kenner[2] gebraucht,

um den Eindruck Rembrandtscher Bilder zu schildern: „Was bei dem

ersten Blick an seinen Gemälden frappiert, ist die massenhafte Wirkung

und harmonische Haltung. Man hänge eins seiner Bilder unter zwanzig

andere, auf der Stelle wird man es daraus hervorstechen sehen durch die

Fülle und Belebtheit des Kolorits, und mehr noch durch die mächtige

Harmonie der Tonart. Hierin ist er wirklich originell und meisterhaft,

und hiermit machte er zu seiner Zeit um so größeres Aufsehen, als

man damals fleißiges gelecktes Auspinseln mit glänzenden Farben für

koloriert hielt und vom Helldunkelen in weitläufigen Kompositionen, vom

Zusammenhalten des Lichts und Schattens in bestimmten Massen, welche

Gruppen bilden, keine wahre Vorstellung hatte.“

[2] Eduard Koloff, „Rembrandts Leben und Werke“, 1853.

[Illustration: Abb. 88. +Constantin Meunier+ (1897). Im Besitz

Constantin Meuniers.]

[Illustration: Abb. 89. +Studie+ (1898).]

In den Bildern seiner ersten Zeit, die für ihn als Maler weniger

charakteristisch sind als die von Anfang der achtziger Jahre

an entstandenen, erscheint Liebermann in gewissem Sinne fast

konventionell. Er ist geschmackvoller als die Zeitgenossen, ihnen in

geistiger Beziehung, vor allem in dem tiefen Ernst seiner Absichten und

Anschauungen überlegen, aber seine malerischen Ausdrucksmittel stimmen

im großen und ganzen doch mit denen der übrigen Künstler überein. Seine

letzte Periode, deren Beginn noch in die erste Hälfte der neunziger

Jahre fällt, zeigt den Künstler bei dem Bestreben, farbiger zu werden,

sein Kolorit aufzulichten. Er löst zu diesem Zweck die Tonmassen auf,

indem er nüanciert, viele Abstufungen sehen läßt. Dabei hat allerdings

sein „Strich“ gelitten und die Technik scheinbar etwas Kleinliches

erhalten, aber er ist der Natur wieder um einige Schritte näher

gekommen, und seine letzten Bilder lassen erkennen, daß er sich auch

in diesem neuen Sinne wieder einer Vollendung nähert. Trotz ihrer

großen Helligkeit fehlt diesen Bildern nicht das Ambiante. Liebermann

begegnet sich hier recht eigentlich mit Manet, mit dem Meister, dessen

künstlerische Grundsätze mit den seinen die größte Ähnlichkeit haben.

Das Verhältnis der beiden Künstler zu einander in ihrer Malerei ist --

mit vielen Einschränkungen natürlich -- ähnlich wie das von Rembrandt

zu Velasquez.

[Illustration: Abb. 90. +Porträtstudie+ (1898). Im Privatbesitz in

Berlin.]

Der Vergleich mit Rembrandt drängt sich aber noch in einer besonderen

Beziehung auf. Es soll indessen damit Liebermann kein Relief gegeben

werden. Es handelt sich vielmehr darum, die von den farblosen

Reproduktionen seiner Bilder erzeugten Vorstellungen in einer

bestimmten Richtung zu ergänzen. Wenn man nämlich von Liebermanns

Farben sagt, sie seien wahr, so stellen sich vielleicht Viele diese

Farben so reich und bunt vor, wie man sie in der Natur zu sehen gewohnt

ist. Man würde genau denselben Irrtum begehen, wenn man Rembrandts

Farben, die doch auch für wahr gelten, in diesem Sinne mit denen in

der Natur vergleichen wollte. Die Wahrheit von Liebermanns Farben

besteht, gerade wie bei jenem Göttlichen, nur in der Wahrheit ihres

Verhältnisses zu einander. Wenn man zugibt, daß Rembrandts Weiß, das

wie heller Bernstein aussieht oder perlgrau ist, Weiß sei, so stimmen

auch alle übrigen Farben in ihrem vertieften Glanz dazu. Genau so ist

es bei Liebermann. Sein Grün gleicht nicht dem in der Natur, aber

neben der Hautfarbe seiner Menschen, dem dumpfen Ton ihrer Gewänder

wirkt es so wie in der Natur. Die Logik des farbigen Ausdruckes gibt

den Bildern des Künstlers jenen harmonischen Ton, der sie dem Auge

so angenehm macht. Das ist ja überhaupt Malerei, daß das Verhältnis

der Farben zu einander wahr und harmonisch, gesetzmäßig und zugleich

schön wirkt. Insofern erscheint die Kunst Liebermanns nicht sowohl auf

Beobachtung als auf Empfindung aufgebaut. Es steht nicht Wissenschaft,

sondern Kultur dahinter. Das Thatsächliche in seinen Bildern macht

immer den Eindruck, als habe es unter der Kontrolle eines besonders gut

organisierten Geschmackes gestanden. Jene, die von Liebermanns Bildern

behaupten, ihnen fehle die Schönheit, mögen doch einmal seine Farben

auf sich wirken lassen. Gewiß, sie gleißen nicht und glänzen nicht, sie

haben nichts Berauschendes und Pikantes, aber sie besitzen dafür eine

unendlich feine Harmonie in sich. Wie er ein Weiß zu Grau und Blau, ein

Grün zu Braun und dazwischen ein Rot setzt -- das muß man sehen, um

bemerken zu können, daß so etwas nicht alle Tage mit diesem Geschmack,

mit diesem sicheren Gefühl für Schönheit im Verhältnis geschieht.

„Unbekümmert um akademische Schulregeln und Satzungen, versenkte er

sich in die unbetretenen Regionen des freien Naturwirkens und brachte

von seinen Ausflügen das Geheimnis einer Malerei mit, die zu ihren

Farben weniger Ocker und Asphalt als Herz und Seele verwendet.“

[Illustration: Abb. 91. +Menukarte+ (1898).]

Daß solchen Vorzügen gewisse Mängel gegenüberstehen müssen, ist bei

der Unzulänglichkeit der menschlichen Natur begreiflich. Liebermann

macht wundervolle Zeichnungen, aber er ist nicht eigentlich, was man

einen Zeichner nennt. Er sieht nicht Linien in der Natur, sondern

Farben, nicht Formen, sondern Flecken. Man vermißt daher bei seinen

letzten, malerischen Arbeiten jene Durchbildung, die eine Verschmelzung

zeichnerischer und malerischer Anschauung vorstellen würde, und die

das letzte Ziel der „Kunst in der Fläche“ bildet. Soll man ihm daraus

einen Vorwurf machen? Heißt es nicht seine Verdienste schmälern,

wenn man etwas von ihm verlangt, was außerhalb seiner Macht steht?

Daß Liebermann zeichnen kann, auch mit dem Pinsel, beweisen seine

ersten Bilder, die -- es sei nur an das Bierkonzert erinnert -- in

der zeichnerischen Durchbildung mit denen Menzels wetteifern könnten.

Unzweifelhaft sind diese ersten Bilder „fertiger“ als seine letzten;

aber sind sie künstlerischer? Kunst besteht nicht in Ausführlichkeit,

auch Schönheit nicht. Die künstlerischen Absichten Liebermanns haben

seit diesen ersten Bildern eine Wandlung erfahren. Zu dem, was

er damals ausdrücken wollte, genügte jene, in ihren Mitteln wenig

eigenartige Methode; für die Darstellung der Phänomene, die ihn jetzt

anziehen, genügt sie nicht, ist dazu sogar ganz unbrauchbar. Das ist

überhaupt der Punkt, wo die ältere Richtung in der Kunst der neueren

völlig verständnislos gegenübersteht. Sie hält die impressionistische

Art zu malen für ein Ziel, während sie doch nur ein Mittel ist, um

auszudrücken, was in jener alten Art nicht ausgedrückt werden konnte.

Sie ist von dieser so verschieden, wie Rembrandts Kunst von der der

Eycks. Es wird immer nötig sein, einige Vorteile aufzugeben, um andere

zu gewinnen; es darf nur nicht unbedacht geschehen. Gewisse Dinge sind

allerdings vielleicht überhaupt unmöglich. Die klare Zeichnung Dürers

wird nie mit dem Ambianten von Velasquez zu vereinigen sein. Wenn

Liebermann sich beifallen ließe, seine letzten Bilder zeichnerisch

so durchzubilden, wie seine ersten, so würden sie unzweifelhaft das

verlieren, was er ihnen hauptsächlich geben wollte: Leben und Bewegung.

[Illustration: Abb. 92. +Kinderstudie+ (1898).]

Liebermann · 第 5 / 7 段