Wenn die neuere Kunstbetrachtung auch den Grundsatz hat, die Bewertung

von Kunstwerken nicht mehr in Abhängigkeit zu bringen von dem

Gegenständlichen, wenn sie auch überzeugt ist, daß ein gutgemalter

Kürbis ein größeres Kunstwerk ist, als eine schlechtgemalte Hochzeit

zu Cana, so steht sie doch nicht an, innerhalb der guten Malerei auch

dem Stoffgebiet eine bestimmende Stellung einzuräumen; denn sie kann

sich der Einsicht nicht verschließen, daß ein größerer Aufwand von

künstlerischer Intelligenz und Konzentration dazu gehört, eine Summe

von Lebenserscheinungen zusammenzufassen, als die Zustände eines

einzelnen leblosen Objekts darzustellen. Es ist einfach undenkbar,

daß Liebermann die Stellung als Künstler einnehmen würde, die man ihm

zuerkennt, wenn er nur Stilleben gemalt hätte, und ebensowenig wäre

man geneigt, das Genie Menzels besonders hoch einzuschätzen, würde er

sich darin erschöpft haben, die Reliquien des Rokoko künstlerisch zu

verherrlichen. Neben dem Künstlerischen hat auch der Stoff in der Kunst

seine Bedeutung. „Alles Talent ist verschwendet, wenn der Gegenstand

nichts taugt.“ Ein schöner Teil von Liebermanns Erfolgen beruht

unzweifelhaft auf dem Gegenstande seiner Kunst, und deshalb verdient

auch dieser eine nähere Betrachtung.

[Illustration: Abb. 60. +Der Dengler.+ Radierung auf weichem Grunde

(~Vernis mou~) 1890.

Mit Erlaubnis der Photographischen Gesellschaft zu Berlin.]

[Illustration: Abb. 61. +Katwyk+ (1890). Zeichnung.]

[Illustration: Abb. 62. +Kartoffelernte+ (1891). Kohlenstudie.]

Es liegt eine gewisse Ungerechtigkeit darin, Liebermann immer als

den Nachfolger, wenn nicht gar Nachahmer Millets hinzustellen,

auch hinsichtlich seines Stoffgebietes. Wenn er nicht über Millet

hinausgekommen wäre, so würde man ebensowenig von ihm sprechen, wie

man von Fritz Werner spricht, der sich bemühte, die Wege Menzels

zu gehen. Man unterschätzt Liebermanns künstlerische Gesinnung und

die neue Schönheit, die er in die Kunst gebracht hat, wenn man ihren

Ursprung außer ihm sucht und zu finden meint. Niemand wird leugnen,

daß er derjenige war, der in Deutschland den Blick auf die Wandlungen

gelenkt hat, die in der französischen Kunst seit 1860 vor sich gegangen

waren, und so gleichsam ein Apostel neuer künstlerischer Lehren

geworden ist; wäre aber nicht zugleich ein starker Strom persönlicher

künstlerischer Macht von ihm ausgegangen, so würde man sich in

Deutschland vielleicht heute noch nicht viel um Millet und seine

künstlerischen Grundsätze bekümmern. Millet hat Barbizon entdeckt, mit

seinen stillen, wehmütigen Bauern, die, als verrichteten sie feierliche

Handlungen, das Feld bestellen, Bäume fällen, Strümpfe stricken und

Ähren sammeln. Liebermann zog für die Mitwelt den Schleier fort,

hinter dem eine vergessene Welt lag, voll Eigenart und Schönheit; er

that die Thüren auf zu den Schatzkammern, aus denen die feinsten Maler

des siebzehnten Jahrhunderts geschöpft, er fand Holland wieder, das

malerischste Land der Welt. Die Rousseau, Troyon, Daubigny, Dupré, die

Ehrwürdigen von Fontainebleau hatten die Prinzipien der holländischen

Landschafter des siebzehnten Jahrhunderts für die Gegenwart lebendig

gemacht. Liebermann ging zu den Quellen. Er hatte den Mut, sich

nicht darum zu kümmern, was und wo die anderen gemalt; er sah selbst

zu, was es zu malen gab. Diese Selbständigkeit im Ermitteln von

malerischen Motiven kündigt sich freilich in seinem ersten Bilde, den

„Gänserupferinnen“, noch nicht an. Die Idee zu solchen Bildern lag

in der Luft. Paul Meyerheim hatte 1871 eine „Schafschur“ gemalt. Es

sei ferner an Hirth du Frênes’ „Hopfenernte“ erinnert, auf der sich

sogar auch der dem Ostade, Jan Steen oder irgend einem anderen der

holländischen Sittenmaler abgesehene Lichteffekt mit dem Fenster im

Hintergrunde und den darunter in schummeriger Beleuchtung stehenden

Personen vorfindet. Nur daß Rudolf Hirth noch nicht so völlig darauf

verzichtet hatte, dem Publikum etwas zu erzählen und inmitten

der in ihre Arbeit vertieften Weiber ein Liebespaar setzt. Auch

Liebermanns erste „Konservenmacherinnen“ -- die Abb. 3 gibt die zweite

Wiederholung; das im Leipziger Museum befindliche 1878 gemalte Bild

hat damit weder in Farbe noch Komposition Ähnlichkeit -- zeigen noch

keine veränderte künstlerische Anschauung. Das Licht- und Schattenspiel

rechts im Hintergrunde ist beibehalten. Aber schon in den „Invaliden“

von 1874 kündigt sich die Gabe Liebermanns, eigenartige neue Motive aus

der Wirklichkeit herauszusehen, an, und auch die künstlerische Idee

gelangt fester und stärker zum Ausdruck. War auf den ersten Bildern die

Lichtquelle im Hintergrunde nur Episode, um dessen nächtliche Schwärze

aufzulichten, so ist sie hier eben schon hauptsächliche künstlerische

Idee, mit Verständnis, aber noch nicht eigentlich in einem neuen Sinne

durchgeführt. Auch der „Bauernhof“ von 1875 (Abb. 6) zeigt ein damals

noch ungewöhnliches Motiv, zugleich aber schon ein bemerkenswert

sicheres Gefühl für die Verteilung der hellen und dunklen Flecken im

Bilde.

[Illustration: Abb. 63. +Gerhart Hauptmann.+ Pastell 1892. Besitzer:

Fürst Lichtenstein in Wien.]

[Illustration: Abb. 64. +Damenbildnis+ (1892). Im Privatbesitz in

Berlin.]

Den „Arbeitern im Rübenfelde“ glaubt man anzusehen, wie sich der

Künstler bemüht hat, dem Bannkreise Millets fern zu bleiben. Während

Millets Gestalten dessen Landschaften leicht beherrschen, läßt

Liebermann die Landschaft das große Wort führen. Die Figuren der

Arbeiter gehen fast darin auf. Daher erscheinen sie weniger bedeutend,

als die Millets, obgleich ihnen der Künstler einen gewissen starken

Ausdruck hat geben wollen. Von nun an läßt den Künstler die Empfindung,

daß es ein Mittel geben müsse, die Einzelerscheinungen zu Gunsten

einer größeren Gesamtwirkung zurücktreten zu lassen, nicht mehr

los. Daß es der bloße „Ton“, den es nur in Bildern und nicht in der

Natur gibt, nicht sein könne, wird ihm immer klarer, und er versucht

zunächst, das Sonnenlicht als Medium zu benutzen. Das kleine Bild

„In den Champs Elysées“ steht am Anfang der Versuche; es folgt das

„Altmännerhaus“ und als brillantes Schlußstück der „Waisenhaushof“.

Alle drei Bilder lassen wieder den fabelhaft sicheren Blick für

wirksame Motive bemerken. Dergleichen war noch nie gemalt worden. Hatte

das Sonnenlicht, das die Wärterinnen mit den Kindern auf der Bank

im Grünen umfloß, den Zweck, das Anmutige des Vorganges zu erhöhen,

so diente es auf den beiden anderen Bildern dazu, das Mitgefühl des

Beschauers mit den dargestellten Personen zu dämpfen, das an und für

sich Traurige der Situation der alten Hospitaliten und der elternlosen

Kinder zu verdecken. Dabei war kein Angriff auf die Wahrheit gemacht.

Man konnte das gegebene Objekt nicht leicht natürlicher in den Dienst

einer künstlerischen Absicht stellen. Heute, wo man die Entwickelung

Liebermanns ganz oder doch zum größten Teil überschauen kann, bewundert

man freilich weniger die Durchführung der künstlerischen Absicht, als

die ungeheure Energie, mit der der Künstler sich die Sache selbst

erobert hat. Es ist alles gesagt, kein ungelöster Rest geblieben,

eine Fülle von individuell schönen Erscheinungen, schönen Bewegungen

und schönen Farben gegeben. Nirgends eine Spur von Koketterie, sei es

mit technischen Fertigkeiten oder mit den Neigungen des Publikums.

Die „Kleinkinderschule“, die „Frau am Fenster“ und die „Schuster“

zeigen die Anwendung der gleichen künstlerischen Idee auf Innenräume,

zum Teil schon in meisterhafter Weise. Die vereinfachten Motive in

den beiden letzten Bildern erlauben dem Künstler der Beobachtung der

Zustände eine größere Aufmerksamkeit zuzuwenden, die künstlerische

Absicht konzentrierter zu geben. Bei der „Frau am Fenster“ und noch

auffallender bei den „Schustern“ beherrscht das Licht alles, so daß das

Sachliche eigentlich nur noch als dessen Träger erscheint. Hier ist der

Anschluß an die alten Meister bereits vollkommen erreicht, ohne daß

er durch historische Kostüme oder den sogenannten Galerieton markiert

wäre, lediglich durch das Bestreben in ihrer Art zu arbeiten, die im

fortwährenden Befragen der Natur bestand.

[Illustration: Abb. 65. +Kinderbildnis+ (1892). Federzeichnung.]

Es ist hier vielleicht die beste Gelegenheit, darzulegen, warum das

eine That war, und warum die „Schuster“ Liebermanns ein größeres

Kunstwerk sind, als etwa Pilotys „Seni an Wallensteins Leiche“.

[Illustration: Abb. 66. +Lesendes Mädchen+ (1893).

Originallithographie.]

[Illustration: Abb. 67. +Bierkeller in Brannenburg.+ (1893). Galérie du

Luxembourg in Paris.]

Eigentlich wäre die Sache schon erledigt, wenn man darauf hinwiese,

daß Pilotys Bild eine Theaterscene sei, die „Schuster“ aber ein Stück

Wirklichkeit vorstellten. Nun könnte jedoch gesagt werden, daß der

selige Piloty sicherlich nicht ohne Modell gearbeitet, also auch

Wirklichkeit vor sich gehabt habe, genau wie Liebermann. Das läßt

sich nicht leugnen; es kommt nur darauf an, ob man der Wirklichkeit

die üblichen oder die feineren Schönheiten absieht. Auf Pilotys Bild

wird das Licht des grauenden Morgens von seidenen Stoffen und Vorhängen

zurückgeworfen, ein Durcheinander von prächtigen Farben glänzt auf.

Das Auge wird durch eine Fülle schöner, wohlklingender Töne geblendet.

Ein starker Effekt. Liebermann bedarf keiner glänzenden Farben, um die

Suggestion des Lichtes zu erzeugen, er wendet keines der Mittel an, die

man schon hundertmal gesehen, malt nicht Rezeptlicht, sondern jenes

Licht, das man nirgendwo anders sehen konnte, als in jener Werkstatt

mit dem breiten Fenster. Er malte kein lebendes Bild, sondern das

Leben, keine übernommene Anschauung, sondern eigene. Piloty konnte

nur eine überlieferte Vorstellung von Licht geben; denn er schilderte

kein persönliches künstlerisches Erlebnis, sondern ein geschichtliches

Ereignis. Von der Seite des Stoffes betrachtet, sind Seni und der tote

Wallenstein bedeutendere Erscheinungen, als der Schuster mit seinem

Lehrling; aber künstlerischer angesehen und wiedergegeben sind diese,

und sie stehen so hoch über jenen, wie das Leben über einem Schauspiel,

wie individuelle Beobachtung über konventionellem Nachahmen steht.

[Illustration: Abb. 68. +Karre in den Dünen+ (1894). Zeichnung.]

In Liebermanns „Bleiche“ bemerkt man das Bestreben des Künstlers, die

Einzelheiten zurücktreten zu lassen, bereits deutlicher. Ein ruhiges

mildes Licht waltet im Bilde. Auch der „Weber“ ist schon einfacher

gemalt, als der „Schuster“. Zwischen diesen Werken erscheinen immer

wieder einige frühere Absichten noch einmal aufgenommen, wie bei der

„Zimmermannswerkstatt“ von 1879 (Abb. 9) und jenen alten „Spinnerinnen“

(Abb. 17). Der „Münchener Biergarten“ ist eine Fortentwickelung

und Vollendung der in den „Champs-Elysées“ angerührten Ideen. Die

„Holländischen Waisenmädchen“ von 1884 (Kunsthalle in Hamburg) (Abb.

36) stehen in Zusammenhang mit den Waisenmädchen von 1881. Neben der

reizend intimen „Dorfstraße“ (Abb. 37) erscheint 1885 ganz unvermittelt

ein breit und keck gemaltes Bild der kleinen Tochter des Künstlers

(Abb. 38) im weißen Kleidchen, die mit einer roten Puppe spielt. Man

muß nun doch schon einen alten Meister zitieren, um den Eindruck dieses

Bildes nach der künstlerischen Seite hin festzustellen: Franz Hals.

[Illustration: Abb. 69. +Schreitender Bauer+ (1894). Im städtischen

Museum zu Königsberg i. Pr.]

Die 1886 gemalte „Schweinefamilie“ (Abb. 43) ist ein kühner Griff in

eine bisher für nicht darstellungswürdig gehaltene Sphäre. Das Publikum

sah nur, daß sich jemand erkühnte, ihm empörende Dinge anzubieten.

Der Gipfel des Naturalismus schien erreicht. Daß es Kunst war, die

sich darin offenbarte, wie Liebermann das lustige Gewuhsel kleiner

Ferkel am Futtertroge dargestellt, beachtete man nicht. Dann kam

die „Flachsscheuer in Laren“, das erste Bild des Künstlers, wo die

zeichnerische Durchbildung zurücktritt und die Form nur noch durch

Farbe unter Wirkung des Lichtes herausgebracht wird. Nicht allein die

Arbeitenden scheinen sich zu bewegen, man meint auch die Bewegung der

Luft zu sehen, die von den sausenden Rädern und fliegenden Spulen

erzeugt wird. Man hat nicht mehr den Eindruck von etwas Beobachtetem,

sondern den von Wirklichkeit. Noch gewaltiger erscheinen die

atmosphärischen Mächte in den „Netzeflickerinnen“. Der Sturm braust,

der salzige Odem des Meeres umhüllt Menschen und Landschaft. Nichts

von Zeichnung im gewöhnlichen Sinne, aber großartige Silhouetten und

eine Charakteristik der Bewegungen, wie sie noch nicht in der Kunst

existiert hat. Dann die „Frau mit den Ziegen“. Es wird immer bewundert

werden, wie Liebermann darin die Suggestion von Licht hervorruft. Gar

keine Gegensätze von Hell und Dunkel, sondern eine fast gleichmäßige,

trübe Farbe; dabei aber eine Leuchtkraft, als ob man in die Natur

sähe. Man müßte schließlich wieder alle Bilder des Künstlers einzeln

durchnehmen, um zu zeigen, wie er nicht nur durch neue, noch von

keinem Früheren entdeckte Stoffe, sondern auch durch eigenartige

Behandlung derselben wirkt.

* *

*

[Illustration: Abb. 70. +Studie+ zum schreitenden Bauer (1894).

(Aus der Liebermann-Mappe. Verlag von Bruno & Paul Cassirer in Berlin.)]

[Illustration: Abb. 71. +Rudolf Virchow+ (1894). Pastell. Im

Privatbesitz in Berlin.]

Was ist nun aber das Wesentliche in Liebermanns Kunst, ihr Sinn,

ihre Schönheit, und warum hat sie in so starkem Maße die Kunst am

Ausgang des neunzehnten Jahrhunderts beeinflussen können? Die Frage

ist ebenso leicht zu stellen, wie sie schwer zu beantworten ist.

Liebermanns Vorliebe für die scheinbar gleichgültigsten Dinge, für

wenige, schlichte Farben, für arbeitende Menschen, für Licht, seine

Abneigung gegen alles sogenannte Ideale, gegen Pose und Pathos und

gemeine Sensationen sind Charaktereigentümlichkeiten von ihm, aber das

Wesen seiner Kunst wird damit noch nicht gekennzeichnet; denn Kunst

ist, außer einer Summe von Fähigkeiten und Eigenschaften, auch das

Ergebnis einer Weltanschauung, wenigstens kann man das von jeder großen

Kunst behaupten. +Weltanschauung!+ Wie schaut Liebermann die Welt an?

Die Einen sagen mit den Augen eines unerbittlichen Naturalisten, die

Anderen behaupten mit den Augen eines Mitleidigen. Vor allem sieht

Liebermann aber die Welt wohl als Maler an. Er hat selbst einmal

ausgesprochen, daß es ihm darum ginge, die Natur malerisch aufzufassen,

daß er keineswegs das sogenannte Malerische wolle, sondern die Natur

in ihrer Einfachheit und Größe. Sein Naturalismus bestand darin, daß

er der Ansicht war, man merke in den vorhandenen Bildern zu deutlich,

daß die Natur für den besonderen Zweck zurecht gemacht worden; und

sein Mitleid ist auf die einfache Erkenntnis zurückzuführen, daß man

Natürlichkeit dort suchen müsse, wo sie noch vorhanden sei, beim

Volke. Liebermann fand ferner, daß Malerei ein Handwerk geworden war

und aufgehört hatte, eine Kunst zu sein. Man bemühte sich nicht mehr,

das in der Natur selbst Gesehene, sondern dafür durch Übereinkommen

festgesetzte Hieroglyphen auf die Leinwand zu bringen. Er wagte es,

dieses Übereinkommen für albern, für der Kunst schädlich und gegen

ihre Weiterentwickelung gerichtet zu erklären. Er hat aber niemals

behauptet und zu beweisen gesucht, daß die ganze Kunst darin bestände,

die Natur nachzuahmen, und wenn man ihn für einen Naturalisten hält, so

nimmt man Natürlichkeit für Natur. Kunst besteht niemals in Nachahmung,

sondern in einem Übersetzen der Natur. Kunst setzt Empfindung und

geistige Thätigkeit voraus, und das aufgewendete Maß beider bestimmt

den Wert ihrer Erzeugnisse. Die Benutzung der Hieroglyphe aber drückt

den Aufwand von geistiger künstlerischer Thätigkeit auf ein Minimum

herab und beschränkt den Ausdruck der persönlichen Empfindung in hohem

Grade. Der vielgescholtene Naturalismus Liebermanns besteht eigentlich

nur darin, daß er darauf verzichtete, die Stoffe zu malen, die alle

malten, und so zu malen, wie die Akademien lehrten, kurzum, daß er das

Schema haßte und statt der bewährten alten Entdeckungen neue machen

wollte. Liebermann schaut die Welt als Empiriker an, und weil er

kein System dafür hat, wie er sich der Natur anders gegenüberstellen

könnte, denn als Einer, der von ihr belehrt sein will, ist eine

Naivetät in seiner Kunst, wie bei einem der Primitiven. Seine Kunst

wird ferner dadurch gekennzeichnet, daß er nach Größe strebt und

nach Einfachheit, in Formen und Linien sowohl, als in Farben, und

endlich durch sein Nachdrucklegen auf das Charakteristische. Alle

diese Neigungen erscheinen in seinen Schöpfungen vereint oder einzeln,

ganz stark oder schwächer, je nachdem ihn der Gegenstand künstlerisch

gereizt hat. Der Empiriker in Liebermann läßt diesen Künstler auch

immer frisch erscheinen. Er erschrickt weder vor den Wandlungen des

Geschmackes, noch vor neuen wissenschaftlichen Entdeckungen, die auf

die Anschauungen der Künstler Einfluß gewinnen können. Er ist immer

bereit, zu lernen, aber er verschmäht es, die empfangenen Belehrungen

von sich zu geben, ehe sie mit seinen Erfahrungen zusammengewachsen

sind. Darum hat seine Kunst niemals aufgehört, interessant zu sein, und

darum scheint sie auch dem Wechsel der Kunstmode so wenig unterworfen.

Man mag Liebermanns Bilder nicht alle gleich gut finden, niemals wird

man sagen können, sie seien langweilig; man weiß immer, warum, aus

welchem künstlerischen Grunde sie gemalt wurden, und wird stets das

Vorhandensein einer künstlerischen Pointe bemerken.

[Illustration: Abb. 72. +Nähende Frau+ (1894). Zeichnung.]

[Illustration: Abb. 73. +Studie+ zu: „In den Dünen“.]

Liebermanns Stoffkreis ist nur äußerlich charakteristisch für das Wesen

seiner Kunst. Nicht menschliches Mitleid ließ ihn Gefallen finden an

armen Arbeitern und Bauersleuten, sondern der Instinkt, daß bei ihnen

und auf ihrer Scholle viel mehr für einen Künstler zu holen war, als

zwischen den Mauern der Stadt. Weil er sie nicht mit den Augen eines

sich klüger, gebildeter oder wohlhabender Dünkenden ansah, weil er

sie nicht dem Gelächter preisgab, weil er sie in seinen Bildern weder

Komödien, noch Tragödien aufführen ließ, mußte er sie durchaus aus

Mitleid malen. Mit demselben Rechte könnte man behaupten, Menzel

zeichne einen Pferdemaulkorb aus der Barockzeit aus Freude darüber,

daß man den Tieren in unserer Zeit, auch wenn sie bissig wären, ein so

schweres Martyrium nicht mehr zumute. Es ist bezeichnend genug, daß man

nach menschlichen Vorwänden auch da forscht, wo künstlerische genügen

könnten und sollten. Schließlich ist es doch eigentlich Holland, das

Stück Erde, wo eine wassergesättigte Luft das Licht heller, die Umrisse

weicher, die Farben harmonischer macht, was Liebermann dazu bringt,

Fischer und Schäfer, Arbeiter und arme Leute zu malen. An Hollands

Atmosphäre konnte er die Bewegungen des Lichtes, an seiner Bevölkerung

Bewegungsmotive der menschlichen Gestalt besser beobachten, als

irgendwo. Das war für ihn entscheidend und vielleicht dazu der Wunsch,

den Leuten, die vom Künstler ideale Erscheinungen verlangen, zu zeigen,

daß man dieser nicht bedürfe, um sich als Künstler zu legitimieren.

[Illustration: Abb. 74. +In den Dünen+ (1895). In der städtischen

Galerie zu Leipzig.]

„Die Kunst soll für diejenigen Organe bilden, mit denen wir sie

auffassen; thut sie das nicht, so verfehlt sie ihren Zweck und geht

ohne die eigentliche Wirkung an uns vorüber.“ Darum verzichtet

Liebermann darauf, seinen Bildern einen unterhaltenden Inhalt zu

geben; denn er beabsichtigt nicht, sich an den Verstand der Beschauer

seiner Bilder zu wenden, sondern er will ihre Augen erfreuen, indem

er ihnen irgend etwas Schönes zeigt, was er mit seinen forschenden

Künstleraugen in der Natur oder in einer armen Hütte gesehen. Und

gerade weil er sich nicht darum kümmert, was das Publikum gemalt haben

möchte, hat seine Kunst von Anfang an etwas Provozierendes für die

Menge gehabt. Vielleicht nicht ganz ohne Schuld des Malers. Da er sah,

wie gründlich man ihn mißverstand, wie wenig Eindruck sein ernsthaftes

Ringen mit der Natur den Leuten machte, packte ihn wohl manchmal die

Lust, dem Philister gehörig einzuheizen. Er ging dem Natürlich-Schönen

gelegentlich nicht ohne Absichtlichkeit aus dem Wege, um recht

sinnfällig zu zeigen, daß es nur +ein+ Schönes gebe, das unantastbar

sei, das Künstlerisch-Schöne. Jeder andere, als ein wirklich großer

Künstler, hätte dabei den Kürzeren gezogen. Liebermann wuchs, je mehr

Widerstände er zu überwinden hatte, seine Kunst wurde immer freier, der

letzte Rest von übernommener Technik abgestoßen. Der Künstler scheint

jetzt nur er selbst und keine Spur von Anschauungen, die andere vor

ihm besessen, ist in seinen Bildern noch zu finden. Allerdings macht

es manchmal den Eindruck, als fehle seinen letzten Schöpfungen die

Vollendung, die frühere Arbeiten von ihm besitzen. Ein Irrtum! Wenn

zwanzig Jahre vergangen sein werden, wird man finden, daß Liebermanns

letzte Bilder genau das enthalten, was der Künstler zeigen wollte.

Ist doch das Publikum hinter die Feinheiten des „Altmännerhauses“

und der „Waisenmädchen“, des „Schusters“ und der „Netzeflickerinnen“

erst gekommen, nachdem sie die Patina des Alters angesetzt hatten.

Das Wesen der Liebermannschen Kunst ist Beweglichkeit, nicht in dem

Sinne, daß der Maler heut diesen, morgen jenen Anschauungen nachgeht,

sondern darin, daß er sich bemüht, alle künstlerischen Schönheiten,

die in der Natur vorhanden sind, so weit es ihm sein Talent erlaubt,

festzustellen, nicht sprungweise, vielmehr von Fall zu Fall. Seine

Methode hat hierbei fast etwas von Wissenschaftlichkeit. Zunächst fühlt

er das Vorhandensein irgend eines künstlerischen Reizes, er sucht ihm

beizukommen, prüft ihn auf seinen Wert und stellt ihn dann, nachdem

seine Verwendbarkeit erwiesen, in den Dienst größerer Absichten. Diese

Methode hat dem Künstler mit Recht den Ehrentitel eines „Pfadfinders“

und „Bahnbrechers“ eingetragen.

[Illustration: Abb. 75. +Eduard Grisebach+ (1896).]

[Illustration: Abb. 76. +Strandhäuser+ (1895). Radierung. Im Besitz von

Bruno & Paul Cassirer in Berlin.]

Liebermanns Kunst hätte niemals befruchtend wirken, niemals eine neue

Kunst in Deutschland zeugen können, wenn sie nicht absolut männlich

gewesen wäre vom ersten Augenblicke an. Darin liegt aber vielleicht

auch eine Erklärung für ihre verspätete Anerkennung von seiten des

Publikums. Wie Leibl, Menzel und Böcklin in Deutschland, Millet,

Courbet und Manet in Frankreich, brachte Liebermann zeugungsfähige

männliche Kunst zu einer Zeit hervor, wo eine weibliche Kunst mit ihrer

Neigung für das Unterhaltsame und Launische, für die Abwechselung alle

Aufmerksamkeit auf sich zog. Nicht im Gefühl eigener Armut, sondern

aus dem Bewußtsein heraus, daß es sein gutes Recht sei, das Gute

seiner Vorgänger zu benutzen, um möglichst bald und sicher zu +seinen+

Zielen zu gelangen, hat er Anschluß an Courbet und Millet gesucht. Er

hat auch, als er in Deutschland zu wirken begann, nichts Entliehenes

oder Fremdes weitergegeben, sondern Eigenes. Er ist kein Planet,

der sein Licht von einer Sonne erhält, sondern ein Fixstern, der im

eigenen Glanze am Himmel der Kunst leuchtet. Die herbe Männlichkeit in

Liebermanns Schöpfungen verhindert die Meisten, sich mit seiner Kunst

vertraut zu machen. Hat man sie aber einmal kennen und lieben gelernt,

so wird man finden, daß sie trotz ihrer scheinbaren Rauheit unendlich

fein ist und eine Fülle von zarten Schönheiten besitzt, wie kaum eine

andere.

[Illustration: Abb. 77. +Lesendes Mädchen+ (1895).

Original in der königl. Nationalgalerie zu Berlin.]

Liebermann · 第 4 / 7 段