Der sichere Blick Liebermanns für charaktervolle Typen, den man an

unzähligen Studien des Künstlers, die Männer und Frauen, Mädchen

und Kinder in allen möglichen Thätigkeiten darstellen, zu bewundern

Gelegenheit hat, ließ zwei sehr eigenartige Bilder entstehen, die wie

wenige andere von ihm dafür zeugen, daß in seinem Schaffen ein Zug ins

Monumentale vorherrscht. Es sind das die lebensgroßen Darstellungen

eines holländischen Käskopers, der einmal als „Schreitender Bauer“

(Abb. 69) (in der Königsberger Galerie), das andere Mal sitzend

ausruhend „In den Dünen“ (Abb. 74) (Leipziger Museum) von dem

Künstler gemalt wurde. Es gehört schon etwas dazu, aus einer solchen

Erscheinung, der die meisten Menschen im Leben nichts absehen

würden, ein Bild zu machen, ein lebensgroßes, anspruchsvolles

Bild; aber Liebermann fand keine Schwierigkeit darin, den Alten in

braunroter Jacke und geflickten Hosen, dessen Gesicht tausend Fältchen

durchziehen, in das volle Licht des hellen Tages hinzustellen und zu

malen. Und wie lebt dieser Kerl im Bilde, der seine Kiepe auf dem

Rücken, den derben Stock in der Hand, mit plumpen Stiefeln zwischen

den mit dürftigem grauen Hafer bewachsenen Dünen daherstapft! Nichts

Pathetisches in diesem wetterharten Gesellen, der, von dem schimmernden

Dünensande geblendet, die Augen zusammenkneift, nur Größe und Wahrheit.

Der sitzende Käskoper hat vor dem ein Jahr früher (1894) entstandenen

schreitenden vielleicht eine flottere malerische Behandlung voraus,

aber in der feinen Beobachtung der Wirklichkeit, besonders auch in der

schwierigen Wiedergabe der allseitigen Belichtung gibt keins der Bilder

dem anderen etwas nach.

[Illustration: Abb. 45. +Die Seiler+ (1887). Besitzer: Herr Geheimrat

~Dr.~ Hänel in Kiel.]

Immer lebhafter fühlt sich der Künstler von solchen schwierigen

Lichtproblemen angezogen. Es reizt ihn, den Glanz der Sonne auf

unbekleideten Menschenkörpern zu malen, Reflexe wiederzugeben, die

von lichtgetroffenem Wasser und blitzendem Dünensande herrühren, und

er nimmt nach einem Aquarell, das badende Jungen an einem Landsee

zeigt, -- auch als Radierung vorhanden (Abb. 84) -- das große Bild

„Badende Jungen in Zantvoort“ (Abb. 86) in Angriff. Liebermanns Farben

sind nie die hellsten gewesen, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß

seine „Badenden Jungen“ etwa neben der bekannten „Badenden“ von Anders

Zorn trübe und grau wirken würden; aber an sich ist das Liebermannsche

Bild so hell, so voll von Sonne, daß man förmlich geblendet ist,

wenn man längere Zeit auf diese von strahlendem Licht überschütteten

Knabenkörper, die glänzendweißen Hemden, den blinkenden Dünensand, das

funkelnde Wasser geschaut hat. Und welche Lichtwogen wirft erst der

halbbedeckte Himmel dem Beschauer ins Auge! Dabei ist nicht eine harte

Farbe, kein einziger starker Kontrast in dem Bilde. Milde und weich

umflutet die feuchte Luft alles: Land, Wasser und Menschen. Zugleich

bietet das Bild eine Fülle von Bewegungsmotiven. Alle Stadien des

Anziehens und des Abtrocknens. Diesen „Badenden Jungen“, die allerdings

bereits gebadet haben, von 1896 hat Liebermann 1899 eine wirkliche

Badescene entgegengesetzt, die die Jungen im Wasser zeigt, unter leicht

bedecktem Himmel, noch überzeugender und bei aller Helligkeit wunderbar

stark in der Farbe (Abb. 112). Ein Meisterwerk!

[Illustration: Abb. 46. +Studie+ zu den „Netzeflickerinnen“ (1887).]

Neben jenem Zantvoorter Bilde hat Liebermann dann noch einmal „Weber“

gemalt, keine Wiederholung des köstlichen Arbeitsidylls von 1882,

sondern einen vergrößerten Betrieb mit vielen Personen und Maschinen,

auch nicht mit so viel Intimität in den Einzelheiten, aber mit erhöhten

Beleuchtungsschwierigkeiten.

[Illustration: Abb. 47. +Die Netzeflickerinnen+ (1888). Im Besitz der

Kunsthalle zu Hamburg.]

Das Jahr 1898 findet den Künstler wieder bei der Gestaltung von

Vorwürfen, die sich um die Darstellung von Menschen unter grünen

Bäumen, im Schein der Sonne drehen. Eins der liebenswürdigsten

dieser Bilder ist der „Sonntagnachmittag in Laren“ (Abb. 103) mit

den blitzsauberen fünf Mejsjes, die in ihrem Feststaat, mit blauen

und roten Schürzen und weißen Häubchen, Arm in Arm, lachend und

scherzend, die von Bäumen eingefaßte Dorfstraße entlangspazieren. Der

„Schulgang“ (Studien Abb. 94, 107, 108), der eine Fülle gutgesehener

Kindergestalten in farbigen Kleidern, dem vielfenstrigen Schulhause

zueilend, enthält, zeichnete sich durch Frische in der Darstellung

von Bewegungen laufender kleiner Mädchen, der „Kirchgang“ (Studie

Abb. 93) mit einer alten Bäuerin im Vordergrunde durch eine in ihrer

Bescheidenheit schöne, von warmer Sommersonne durchflutete Landschaft

aus. Dasselbe Jahr brachte dem Künstler die erste monumentale Aufgabe,

den Auftrag, den Festsaal eines in Mecklenburg gelegenen Schlosses

mit Fresken zu schmücken. Liebermann wählte eine Darstellung der

Jahreszeiten Sommer, Herbst und Winter (Abb. 101, 102) und gab darin

gleichzeitig einen Extrakt aus seinen Werken, wenigstens einige

besonders charakteristische Gestalten daraus, zugleich aber auch einige

für ihn neue Figuren, worunter der Pflüger hinter seinen Pferden

eine der vorzüglichsten ist, die er überhaupt geschaffen. Bei diesen

Arbeiten empfand man recht deutlich das Großzügige von Liebermanns

Kunst, seinen Geschmack, sein Gefühl für Raumwirkung und die unendliche

Vornehmheit seines farbigen Ausdruckes.

Im Jahre 1899 sammelte der Künstler Eindrücke für neue Arbeiten in

Scheveningen. Vor allem interessierte ihn das Leben am Strande. Er,

der bisher bestrebt war, die natürlichen Schönheiten der Nordseeküste,

das eigenartige Volk der Küstenbewohner und Fischer, den Menschen in

harter Arbeit, im mühseligen Ringen mit den Elementen, für die Kunst zu

gewinnen, findet Vergnügen daran, die internationale Gesellschaft in

einem Weltbade zu beobachten, den Reitern und Reiterinnen am Strande

nachzusehen, ein Auge auf glänzende Frauentoiletten zu werfen, sich um

die Haltung der Lawn-Tennis-Spieler zu kümmern, die Spiele der Kinder

zu inspizieren -- kurz alles einzufangen, was ihm malerisch dünkt. Sein

Blick, der sich sonst an den reizvollen Dunkelheiten verräucherter

Fischerstuben, dem malerischen grauen Dunst der Dünen geweidet

hatte, fliegt durch die sonnendurchglänzte Luft über wohlgepflegte

Strandpromenaden, der Maler der Armen und Ärmsten achtet auf das

lustige Wehen weißer Strandkostüme, begeistert sich für Eleganz und

läßt diesen neuen Geist in glänzenden, freudigen, hellen Farben und

höchst amüsanten Kompositionen wiederklingen. Eine neue Jugend scheint

über ihn gekommen. Oder steht er vor neuen Zielen? Denn das ist das

Wunderbare an diesem Künstler, daß er immer vorwärts strebt, immer nach

neuen Wegen sucht, auf denen er der Natur entgegentreten, sie fassen

kann mit seinen starken Armen. Das erhebt ihn weit über diejenigen, mit

denen er einst in einer Reihe zu stehen schien. Er ist niemals fertig

in dem Sinne, daß er glaubt, auf dem erreichten Punkte stehen bleiben

zu können. Das Ziel der Meisten ist, in Behagen das gewonnene Ansehen

zu genießen, das Liebermanns ist, Kunst zu machen, die Grenzen seiner

Anschauung und seines Könnens zu erweitern. Mag man’s Ehrgeiz nennen,

wie man es auch heißen möchte -- es bleibt künstlerischer Sinn, und

aus dem allein werden die großen Werke und der Ruhm geboren, der die

Jahrhunderte überdauert.

[Illustration: Abb. 48. +Studie+ zu den „Netzeflickerinnen“ (1887).]

[Illustration: Abb. 49. +Strickende Frau+ (1888). Studie.]

[Illustration: Abb. 50. +Gedächtnisfeier für Kaiser Friedrich in Kösen+

(1888). Im Privatbesitz in Berlin.]

[Illustration: Abb. 51. +Holländische Nähschule+ (1889). Pastell. Im

Privatbesitz in Berlin.]

Liebermanns Thätigkeit ist im vorstehenden aber nur zum kleinsten Teil

geschildert worden. Weit größer als die Zahl seiner abgeschlossenen

Werke ist diejenige der der Meinung des großen Publikums nach

unfertigen, die man Skizzen oder Studien nennen mag. Es verlohnte

nicht, diese Arbeiten zu erwähnen, wenn in ihnen nicht ein großer Teil

von Liebermanns feinsten künstlerischen Offenbarungen steckte, und wenn

es möglich wäre, ein Bild von seiner eminenten Künstlerschaft zu geben,

ohne seine Leistungen auf dieser Seite einer eingehenden Betrachtung

zu unterziehen. Es gibt kaum einen zweiten Künstler in der Welt, in

dessen Studien und Skizzen sich der angeborene künstlerische Sinn so

auffällig bemerkbar machte, wie bei Liebermann. Wo andere ringen und

sorgen, das Richtige zu treffen, oder stümpern, folgt er ruhig seinem

Gefühl, und dieses ist bei ihm von einer solchen Zuverlässigkeit, daß

es ihn das Rechte sofort finden läßt. Das wunderbar wahre Wort Goethes:

„Das Werk eines großen Künstlers ist in jedem Zustande fertig“ paßt

prachtvoll zu Liebermanns Thätigkeit in dieser Richtung. Was heißt denn

das „Fertig“, von dem so viel gesprochen wird, wenn man neue Kunst zu

alter in Gegensatz bringen will? Gibt es überhaupt im letzten Sinne

„fertige“ Kunstwerke? Ganz gewiß nicht. Kunst besteht auch gar nicht

darin, etwas so fertig zu machen, so weit zu bringen, daß es mit der

Wirklichkeit verwechselt werden könnte, sonst wären die Figuren in

den Wachsfigurenkabinetten, die, wie gewöhnliche Menschen gekleidet,

herumstehen oder sitzen und vom Publikum ob ihrer Menschenähnlichkeit

angesprochen werden, die allerbewunderungswürdigsten Kunstwerke. Die

Kunst kann nie Wirklichkeit geben, nur den Schein derselben, und

dieser Schein soll Vorstellungen auslösen. Geschieht das nicht, so

taugt entweder die Kunst nichts oder der Beschauer hat kein oder nur

ein verkümmertes Vorstellungsvermögen. Die Kunst vermag Vorstellungen

allgemeiner Natur und solche besonderer Natur hervorzurufen.

Allgemeine sind die dimensionalen von Höhe, Breite und Tiefe, die

aufs innigste verbunden sind mit den Vorstellungen von Raum und

Form. Allgemeine Vorstellungen sind auch noch Mensch, Tier, Baum,

Gebäude u. s. w.; sie werden aber sofort zu besonderen, wenn dafür

gesetzt wird: Kind, Hund, Nadelbaum, Kirche. Je nach seiner Absicht

oder je nach Bedürfnis kann der Künstler allgemeine oder besondere

Vorstellungen erregen. Bis zu einem gewissen Grade vermag er z. B.

die Vorstellung von einem Menschen dadurch zu erzeugen, daß er ganz

oberflächlich die Verhältnisse einer menschlichen Gestalt, sei es mit

dem Zeichenstift, sei es mit Farbe auf einer Fläche richtig angibt.

Für bestimmte Zwecke genügt dieser angedeutete Mensch vollkommen, ist

für solch ein allgemeines Stadium fertig und kann sogar künstlerisch

gut sein. Die allgemeine Vorstellung von einem Menschen zu einer

besonderen und bestimmten zu machen, ist nur insoweit eine Aufgabe für

den Künstler, als es darauf ankommt, allgemeinen Vorstellungen eine

bestimmte Richtung zu geben. Soll die Vorstellung einer sich bückenden

Frau angeregt werden, wobei es nötig ist, daß man eine Frau sieht, die

diese und keine andere Bewegung macht, so ist es zunächst durchaus

nebensächlich, ob diese Frau näher zu erkennen ist oder nicht. Nur

eins ist bei den verschiedenen Stadien zur Erreichung bestimmterer

Vorstellungen unbedingt erforderlich: Daß das für das einzelne Stadium

Charakteristische herausgebracht ist. Man darf nicht in Zweifel sein,

ob die sich bückende Frau eine Verneigung macht, ob sie etwas aufhebt

oder eine Wurzel aus der Erde reißt. Und je einfacher die Mittel sind,

mit denen eine solche je nach Bedarf bestimmte oder unbestimmte, für

den einzelnen Fall aber charakteristische Vorstellung erzeugt wird,

um so größer die Kunst. Von hier aus wird man ausgehen müssen, um den

Begriff des Fertigen bei Kunstwerken festzustellen. Unfertig ist ein

Kunstwerk, im gegebenen Falle ein Bild dann, wenn es dem Künstler

nicht gelungen ist, die von ihm beabsichtigte Vorstellung beim

Betrachtenden zu erzeugen. Wenn Velasquez bei einigen seiner Porträts

die Vorstellung eines Mundes mit einem einzigen Pinselstrich gibt,

so mag dieser Mund sehr vielen Menschen auch unfertig erscheinen,

weil ihnen diese Art, einen Mund zu malen, zu einfach dünkt. Nun ist

aber die Art von Velasquez unzweifelhaft Kunst, während die Art, die

jenen Menschen als Kunst erscheint, der mühselig gemalte Mund mit den

deutlich sichtbaren Lippen und dem Glanzlicht auf deren Wölbungen,

meist nicht Kunst ist, sondern nur der allgemein üblichen Vorstellung

von einem Munde mehr entspricht. Der ganze Streit um „fertig“ und

„unfertig“ dreht sich also wohl darum, daß die Allgemeinheit unter

fertigen Kunstwerken solche versteht, bei denen die Ausführung der

Nebensächlichkeiten den konventionellen Vorstellungen von diesen

entspricht, unfertig dagegen jene nennt, bei denen das Wesentliche

auf Kosten der Nebensächlichkeiten charakteristisch und individuell

gestaltet wurde. Bei Beurteilung künstlerischer Leistungen kommt es

aber nur darauf an, ob es der Künstler vermocht hat, das, worauf es

ankommt, das Wesentliche, bestehe es nun in der Darstellung eines

Charakters, einer Erscheinung, eines Vorgangs, einer Bewegung, in der

Wiedergabe eines Licht- oder Farbenphänomens, einer Stimmung u. s. w.

charakteristisch und überzeugend zum Ausdruck zu bringen. Alle die

Bilder, auf denen die Nebensächlichkeiten die Hauptsache sind, kommen

als Kunstwerke gewöhnlich selten in Betracht; denn es widerspricht

dem Wesen der Kunst, der Natur in ihren tausend Einzelerscheinungen

zu folgen; sie muß generalisieren, muß ganze Erscheinungskomplexe

zusammenfassen, um bestimmte Eindrücke zu erzeugen.

[Illustration: Abb. 52. +Die Frau mit den Ziegen+ (1890). Im Besitz der

königl. Pinakothek zu München.]

[Illustration: Abb. 53. +Ziegenstudien+ (1890).]

[Illustration: Abb. 54. +Junge mit Ziegen+ (1889). Handzeichnung im

Besitz der königl. Nationalgalerie zu Berlin.]

Von diesem Standpunkt aus muß man, um das richtige Verhältnis zu ihnen

zu gewinnen, den Studien, Skizzen und Zeichnungen Liebermanns gegenüber

treten. Sie sind niemals fertig in dem gewöhnlichen Sinne, fast immer

aber fertig in jenem höheren, und darum nicht selten ganz hervorragende

Kunstwerke. In Liebermanns Kunst drängt alles ungestüm nach Charakter.

Für ihn gewinnen jedoch viele Erscheinungen erst Charakter durch

Bewegung, und er hat eine unglaubliche Gewandtheit darin erlangt,

Bewegungen zu beobachten und wiederzugeben. Von seinem „Mann mit der

Kuh“ (Abb. 85) sieht man eben nicht mehr, als den Rücken; aber auch

wenn dieser nicht gebeugt wäre, würde man aus der Art, wie der Mann

geht, den Schluß ziehen müssen, daß er alt ist. Die Kuh schnuppert

nicht nur am Grase, sie frißt; man kann gar nicht daran zweifeln. Wie

ausgezeichnet beobachtet ist die Bewegung des Jungen, von dessen

Ziegen die eine vor-, die andere rückwärts will (Abb. 54)! Die Studien

zu den „Spitzenklöpplerinnen“ (Abb. 19) und den „Netzeflickerinnen“

(Abb. 48), zum „Schulgang“ (Abb. 94), zu dem seine Sense dengelnden

Bauer (Abb. 60), zum „Schuster“ (Abb. 21) und viele andere sind

daraufhin anzusehen. Liebermann hat viele neue Bewegungsmotive in

die Kunst gebracht. Aber neben seiner außerordentlichen Fähigkeit,

mit einem Nichts von Mitteln zahlreiche Vorstellungen anzuregen,

wofür in besonderem Maße u. a. seine kleinen Landschaftszeichnungen

zeugen, treten noch zwei andere Eigenschaften bei seinen Studien und

Zeichnungen hervor, die ihn zu einer eigenartigen Erscheinung machen:

die malerische Empfindung und das sichere Gefühl für Raumwirkung.

Sollte man nicht glauben, daß einige der hier fast in Originalgröße

wiedergegebenen Blätter aus Liebermanns kleinem Taschenskizzenbuch,

wie „Kanal in Leyden“ (Abb. 105), „Kirmes in Laren“ (Abb. 109),

„Schulgang“ (Abb. 94) Reproduktionen nach farbigen Originalen wären?

Vermißt man Farbe bei der Kohlenskizze der sich die Hände wärmenden

Frau (Abb. 42), bei der Kreidezeichnung „Nach Hause“ (Abb. 110), bei

der Federzeichnung „In den Dünen“ (Abb. 106)? Alle diese Blätter geben,

obwohl sie nur Zeichnungen, also schwarz und weiß sind, doch ganz

vollkommene Vorstellungen von den Farbenwerten (~valeurs~), die der

Künstler in der Natur fand. Natürlich kann man, wo es sich nicht um ein

für allemal feststehende Thatsachen, wie, daß Bäume grün, ein bewölkter

Himmel grau, ein Kornfeld gelb sind, handelt, über eine einzelne Farbe

im Unklaren sein, aber man ist niemals im Zweifel über das Verhältnis

der Farben zu einander, die Liebermann vor Augen hatte. Und das ist es,

worauf es ankommt. Zur Erreichung malerischer Wirkungen gehört aber

noch ein anderes: die Berücksichtigung der Lichtverhältnisse, im Grunde

also auch eine Darstellung von Bewegungen, aber nicht am Individuum,

sondern am Größeren, an der Natur. Hierin ist Liebermann ein Meister

ersten Ranges, und nur wenn es sich um Spezialbeobachtungen handelt,

wie etwa bei den Studienzeichnungen zum „Altmännerhaus“ (Abb. 15) oder

zu den „Konservenmacherinnen“ (Abb. 12) sieht er von einer Wiedergabe

luminaristischer Zustände ab. Welche bedeutsame Rolle spielt das Licht

bei dem schon erwähnten „Schulgang“ (Abb. 94), dem „Mann mit der Kuh“,

dem „Lesenden Mädchen“ (Abb. 66), bei dem Blatt „In der Sommerfrische“

(Abb. 98), bei der „Porträtstudie“ (Abb. 90), bei der Zeichnung des

Kindes in der Wiege (Abb. 57)! --

[Illustration: Abb. 55. +Wilhelm Bode+ (1890).

Handzeichnung, im Besitz des Herrn Geheimrat ~Dr.~ von Seidlitz in

Dresden.]

[Illustration: Abb. 56. +Schweinefamilie+ (1890). Im Privatbesitz in

Berlin.]

Nun zu dem Raumgefühl Liebermanns. Was heißt Raumgefühl? Zunächst

Empfindung für das Verhältnis der von einem Raum umschlossenen

Erscheinungen zu diesem, alsdann Empfindung für die wirkungsvollste

und richtige Verteilung der Erscheinungen im Raum und schließlich

für die Begrenzung des Raums selbst mit Rücksicht auf die von ihm

umschlossenen Erscheinungen und des mit diesen beabsichtigten

Eindrucks. Auf den Akademien sucht man den jungen Leuten eine Ahnung

von Raumgefühl in der Kompositionslehre beizubringen und kann doch

höchstens denjenigen damit einen Dienst erweisen, denen der Sinn für

räumliche Wirkung von Natur verliehen ist. Wäre Raumgefühl eine bei

der Mehrzahl der Künstler anzutreffende Eigenschaft, so würde man

keinen Grund haben, sie bei Liebermann zu rühmen. Raumgefühl spricht

sich darin aus, daß eine bildliche Darstellung, handele es sich um

ein Porträt, ein Figurenbild oder eine Landschaft, so beschaffen ist,

daß weder die Größe des dargestellten Gegenstandes zu der Fläche,

auf der er erscheint, noch der Ort, wo er auf dieser erscheint, noch

die Fläche selbst in ihrer Ausdehnung geändert werden können, ohne

eine empfindliche Schädigung der Gesamtwirkung herbeizuführen. Man

sehe daraufhin einmal Liebermanns Kohlenstudie „Kartoffelernte“ (Abb.

62) an. Wäre es möglich, das Blatt nur um Fingersbreite irgendwo zu

beschneiden, ohne es des glücklichen und künstlerischen Verhältnisses

der Figur zur Scholle, der Scholle zur Luft zu berauben? Ganz gewiß

nicht. Die ganze Komposition müßte geändert werden, wenn auf der

Zeichnung „Junge mit Ziegen“ (Abb. 54) der Junge kleiner wirken sollte.

An den Verhältnissen des sitzenden „Käskopers“ in der Studie zum „Mann

in den Dünen“ (Abb. 73) kann auch nicht das Geringste geändert werden,

ohne das Beste an der Sache zu zerstören. Alles muß notwendig so

sein, wie es ist. Bei dem Bilde selbst hat Liebermann die Komposition

geändert, um das Abschließende der Dünen stärker zu betonen, als

ihre Öde. Der Kopf des Bauern ragt nicht mehr über die Horizontlinie

hinaus, sondern steht gegen das Graugrün der Düne. Um der Erscheinung

des Bauern mehr Masse zu geben, hat er ihn auf seinem Sitz mehr

vorgerückt, und die Kiepe auf dem Rücken spricht stärker mit, indem

man sie unverkürzt sieht. Man könnte die Aufstellung solcher Beispiele

für das feine Raumgefühl Liebermanns ins Unendliche fortsetzen. Nur

auf seine Bildnisse sei noch hingewiesen, wo es sich ebenfalls auf das

glücklichste offenbart. Aber das Lob, das man dem Künstler in dieser

Richtung spendet, würde übertrieben gescholten werden können, wenn man

nicht gleichzeitig betonte, daß Liebermanns Raumgefühl eine natürliche

Gabe ist, nicht das Produkt einer Überlegung. Es läßt sich manches

durch Herumprobieren finden, bei Liebermann ist die Entscheidung für

das Richtige, Wirksame sofort da. In dieser Selbstverständlichkeit

liegt ein großer Teil des Reizes, den des Künstlers flüchtige

Studienblättchen ausüben.

[Illustration: Abb. 57. +Schlafendes Kind+ (1890). Handzeichnung.]

Eine gleich bedeutsame Begabung zeigen seine Ölstudien nach der

Seite der Farbengebung. Man möchte die Menschen bedauern, die nur

Klecksereien in einigen von diesen flüchtigen Farbennotizen sehen;

denn sie entbehren den großen Genuß, etwas unendlich Geschmackvolles

bewundern zu können. Es gibt für an großen malerischen Kunstwerken

erzogene Augen kaum einen angenehmeren Genuß, als gemalte Studien

Liebermanns anzusehen. Die Harmonie seiner wenigen Farben ist zuweilen

von hinreißender Schönheit, zeugt aber in den meisten Fällen mindestens

von einem ganz selten feinem Geschmack. Er verwendet niemals reine,

sondern fast immer gebrochene Farben, ohne daß diese jedoch flau oder

schwächlich wirkten -- im Gegenteil! Das Ensemble seiner Farben ist

stets kräftig und sogar ausgesprochen herb. Der Künstler haßt in der

Farbe nur jede Brutalität, das Schreien und das Effektvolle, was so

vielen als das eigentlich Malerische gilt. Wenn die Bezeichnung nicht

den Beigeschmack von etwas Nachgemachtem, Akademischem hätte, möchte

man sagen, seine Farbengebung sei von altmeisterlicher Schönheit. Der

Künstler begegnet sich mit den alten Meistern jedoch nur in jenem

höheren Sinne, in dem alle große Kunst sich ähnlich sieht. Liebermanns

Kolorit ist viel zu individuell, als daß es von irgendwoher übernommen

sein könnte, aber es ist so fein, daß seine Bilder oder auch nur seine

gemalten Studien in eine Galerie alter Meister aufgehängt, neben den

Bildern der Alten ebensowenig verlieren würden, wie sie neben einem

japanischen Holzschnitt verlieren. Wer für das sprühende Temperament,

den Reiz der Handschrift in Liebermanns hingehauenen Studien kein

Verständnis besitzt, sollte wenigstens die außerordentliche Kultur

bewundern können, die in Liebermanns Farben steckt.

[Illustration: Abb. 58. +Bürgermeister ~Dr.~ Petersen+ † (1890).

Im Besitz der Kunsthalle zu Hamburg.]

Was an den Handzeichnungen des Künstlers zu rühmen war, gilt natürlich

auch für seine Radierungen. Es ist klar, daß jemand, der so malerische

Zeichnungen produziert, auch in seinen Nadelarbeiten nach ähnlichen

Wirkungen strebt. Zu den Tugenden von Liebermanns Handzeichnungen

treten nun noch die Zufälligkeitsreize der Radierung. Zu leichte oder

zu starke Ätzung der Platte, Verletzungen des Ätzgrundes, Entgleisungen

der Nadel, stehengebliebener Grat u. s. w. Vor einem Teil seiner

Radierungen muß man fast an Kohlenzeichnungen denken, so derb und

rauh und breit ist die Nadel über die Kupferplatte gefahren. Eine

Zeit lang hat er die Technik des ~vernis mou~ sehr bevorzugt; denn

diese Art, wo die Zeichnung auf einem über den erweichten Ätzgrund

gelegten dünnen Papier gemacht wird, gewährte ihm die Möglichkeit,

etwas herauszubringen, was seinen Handzeichnungen ähnlich sah und

gelegentlich noch malerischer wirkte. In der letzten Zeit findet er

Vergnügen daran, mit der kalten Nadel zu arbeiten. Die äußerst feinen

Linien, die die Schneidenadel in das Kupfer gräbt, sind sehr geeignet,

die Farblosigkeit von Dünenlandschaften, die weiche verschleiernde

Luft der Küste und duftig in der Ferne auftauchende Kirchtürme und

Maste wiederzugeben (Abb. 80). Und gerade diese Blätter sind es, vor

denen die Erinnerung an Rembrandt wach wird, an die sich weithin

dehnenden Ebenen und freien, hohen und weichen Lüfte seiner radierten

Landschaften.

[Illustration: Abb. 59. +Die Schäferin+ (1890). Besitzer: Fürst

Lichtenstein in Wien.]

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Liebermann · 第 3 / 7 段