Aber es reizte den Künstler, dieselben Probleme in schwierigeren Fällen

zu lösen. Der „Hof des Waisenhauses in Amsterdam“ (Abb. 22) bedeutet

schon in der Farbe einen Fortschritt gegen das „Altmännerhaus“. Hier

erscheint zum erstenmal das wunderbare Liebermannsche Rot, ein Rot von

einer Nuance, die außer Liebermann Niemand hat, und das im Ensemble

seiner Farben geradezu berückend wirkt. Man hat rechts im Bilde die

Hinterfront des Waisenhauses mit den Backsteinpfeilern, zwischen

denen Bänke stehen, mit den hellgestrichenen Fensterumrahmungen, den

vergitterten Fenstern und dem Blumenschmuck davor. Ein langer Gang, den

links grüne Bäume einfassen, führt an dem Hause vorüber. An seinem Ende

eine Pforte in einem Quergebäude, aus der die Waisenmädchen in den Hof

gelangen. Ein schöner warmer Sommertag hat die Kinder herausgelockt,

und nun führen sie ihre halb schwarzen, halb roten Kleider, ihre weißen

Schürzen und Häubchen im Sonnenschein spazieren. Die Kleineren spielen,

die Älteren wandeln langsam unter den grünen Bäumen dahin, und die ganz

Gesetzten haben ihr Nähzeug zur Hand genommen und sitzen, an großen

Stücken Linnen arbeitend, auf den Bänken am Hause. Keins der Mädchen

sieht aus, als wäre es gemalt worden. Die vollendetste Natürlichkeit

in jeder Bewegung, im Gesichtsausdruck. Durch ein Wunder scheinen sie

da auf die Leinwand gebracht zu sein. Wie köstlich ist die Perspektive

des Bildes! Man meint, den Sommerwind in den Bäumen rauschen zu hören

und die Sonnenstrahlen auf dem Wege tanzen zu sehen. Als das Bild

1882 im Salon erschien, schrieb der Pariser Kunstkritiker Hochedé:

„Herr Liebermann hat der Sonne einige von ihren Strahlen gestohlen und

bedient sich ihrer wie Phöbus selbst.“ Auf alle Fälle ein Bild, wie

es noch nie gemalt worden war. Dasselbe kann man von dem zweiten, im

selben Salon ausgestellten, jetzt in der Nationalgalerie befindlichen

Bilde „Die Schusterwerkstatt“ (Abb. 20) sagen, das Hochedé mit den für

den deutschen Künstler höchst schmeichelhaften Worten begrüßte: „Wenn

Sie die Geheimnisse des Freilichts gefunden haben, mein lieber Manet,

Herr Liebermann versteht das Licht im Raume zu belauschen. Um sein

kleines Bild zu besitzen, würde ich gern 500 ~qm~ Malerei im Salon

hingeben.“ Aber nicht nur die Wirkung des grauen Tageslichtes im Raume

ist in unübertrefflicher Weise geschildert, auch die Darstellung der

Menschen -- des Schusters und seines Lehrjungen -- ist ausgezeichnet.

Jede Bewegung erscheint der Wirklichkeit abgesehen. So faßt der

Schuster die Zange, so hebt er den Arm, wenn er den Absatz rund machen

will. Und über die fleißigen Arbeiter fort blickt man durch ein großes

Fenster in die grüne Natur. Kein Schwarz, keine Dunkelheit mehr im

Bilde. Das Licht hat Alles besiegt. Liebermanns Bild gab den Anstoß zu

einer Bewegung in Deutschland, die man bis jetzt noch spürt. Ungefähr

in dieser Zeit -- die Bilder sind 1881 gemalt -- lernte der Künstler

Josef Israels, den größten Vertreter einer ähnlichen Richtung in

Holland, kennen. Man pflegt der damals beginnenden Freundschaft der

beiden bedeutenden Maler einen großen Einfluß auf die Entwickelung

Liebermanns zuzuschreiben; aber wohl kaum mit Recht. In Liebermanns

Entwickelung gibt es keine Brüche. Seit dem „Altmännerhaus“ ist er auf

einem selbstgefundenen Wege geblieben. Wohl möglich aber, daß Israels

ihn dazu ermuntert hat, sich mit den Problemen zu beschäftigen, die die

holländische Küste dem Landschafts- und Figurenmaler bieten. Nur einmal

hat Liebermann in einem Bilde ein Motiv behandelt, das Israels vor ihm

gemalt, im „Tischgebet“ (Abb. 32). Die Kunst des Holländers besitzt

viel mehr Traditionelles als die des Berliner Künstlers. In ihr steckt

noch ein gutes Teil von der malerischen Kultur, deren Vater Rembrandt

ist. Ohne Zweifel indessen hat Israels den jüngeren Künstler darin

bestärkt, den beschrittenen Weg weiterzugehen. Liebermann jedoch ist

ein zu starkes Temperament, um überhaupt im Fahrwasser eines Anderen

segeln zu können.

[Illustration: Abb. 27. +Der Weber+ (1883). Im Privatbesitz in Berlin.]

[Illustration: Abb. 28. +Münchener Bierkonzert+ (1883). Im Besitz des

Herrn von Kauffmann in Florenz.]

Nachdem der Künstler sich einmal der Freilichtmalerei zugewendet,

haben ihn deren Probleme dauernd beschäftigt. In der 1882

entstandenen „Bleiche“ (Abb. 24) läßt er das Licht des Tages durch

die dichtbelaubten Äste eines Birnbaumes über grünen Rasen und weiße

Leinwand rieseln. Aber auch den Lichtwirkungen im Raume geht er noch

weiter nach. Vor der „Schusterwerkstatt“ waren 1880 „Die Spinnerinnen“

(Abb. 17) entstanden, die zu dreien mit ihren Rädern um einen mit

Kaffeeschälchen besetzten Tisch sitzen, während eine vierte am Herde im

Winkel hantiert. Neben dem Herde ist links ein Fenster, durch das man

in ein Gärtchen sieht. Das graue Tageslicht läßt die weißen Hauben

der Alten aufleuchten und wird von einer hellen Wand reflektiert. Zu

den feinsten seiner Bilder in dieser Art gehört jedoch „Der Weber“

(Abb. 27). Die Lichtquelle bilden zwei Fenster im Hintergrunde des

engen Gemaches. Der Weber sitzt in seinem Stuhle und will eben einen

neuen Faden einsetzen. Im Vordergrunde, auf einem Schemel, eine der

reizendsten Gestalten, die Liebermann geschaffen, ein Mädchen, das

mit einem großen Rade den Faden auf die Spule dreht. Es ist nun

wunderschön zu sehen, wie das Licht über das Gewebe im Stuhl läuft,

die verarbeiteten Züge des Webers beleuchtet, um schließlich auf dem

Häubchen des Mädchens, dem verschlissenen Rot ihrer Taille, ihrem

wohlgeformten Arm und dem sausenden Rade auszuruhen. Man muß schon

Terborch citieren, um eine Vorstellung von der malerischen Schönheit

der Kurbeldreherin anzuregen.

[Illustration: Abb. 29. +Holländischer Bauer+ (1886). Ölstudie.]

[Illustration: Abb. 30. +Holländischer Kanal+ (1884). Im königl.

Kupferstichkabinett zu Dresden.

(Aus der Liebermann-Mappe. Verlag von Bruno & Paul Cassirer in Berlin.)]

Wenn man von einer Menzelperiode Liebermanns sprechen will, so

kann man es nur mit Hinsicht auf ein paar Bilder thun, in denen

der Künstler es versucht hat, in der Art Menzels eine Vielheit von

Erscheinungen in einem Bilde zu vereinigen. Das wichtigste dieser

Bilder ist das 1883 gemalte „Münchener Bierkonzert“ (Abb. 28), dem

1878 ein weniger bekannt gewordenes, von einem englischen Kunsthändler

falsch getauftes ähnliches kleines Werk „In den Champs-Elysées“ -- es

zeigt ein paar Kinderfrauen mit ihren Schützlingen auf einer Bank im

Münchener Hofgarten -- voraufgegangen ist. An Menzel erinnert vor allem

die zeichnerische Durchbildung des Ganzen. Jedes der vielen Gesichter

wirkt wie ein Porträt. Selbst den Posaunenbläser in dem Musikpavillon

im Hintergrunde sieht man noch ganz scharf. Liebermann bewährt sich in

dem Bilde, das bei Menzel vielleicht ein Gegenstück in dessen „Sonntag

im Tuileriengarten“ hat, sowohl als Beobachter, wie als Psycholog; aber

in mehr als einer Hinsicht bedeutet diese Leistung einen Schritt über

Menzel hinaus. Vor allem ist das „Bierkonzert“ malerischer als das

Menzelsche Bild, und die Pointen sind nicht unterstrichen. Liebermann

hat nicht den Versuch gemacht, den Menzel nie unterlassen haben würde,

den Beschauer mit einigen Gestalten in Verbindung zu setzen. Bei dem

älteren Künstler wäre man sofort darüber im klaren: Mit dem Manne hat

der Maler einen Dichter, mit jenem einen Lebemann, einen Künstler oder

sonst einen in der allgemeinen Vorstellung gültigen Typus darstellen

wollen. Diese billige Art, die Leute zu interessieren, hat Liebermann

durchaus verschmäht. Eine Gruppe von so entzückender Natürlichkeit,

wie die Kinderfrau mit dem kleinen Mädchen, das sie aus einem Glase

trinken läßt, konnte nur Liebermann geben, und ein so kindliches

Kind, wie den kleinen im Sande spielenden Blondkopf, hat Menzel in

all’ seinen Bildern nicht aufzuweisen. Es ist ungemein viel Leben

in dem Bilde, und es wird erhöht durch die überall umherhüpfenden

Sonnenstrahlen. Vielleicht läßt noch die „Gedächtnisfeier für Kaiser

Friedrich in Kösen“, 1888 gemalt (Abb. 50), an Menzel denken, an dessen

„Gottesdienst in Kösen“; aber doch nur für einen oberflächlichen

Beschauer. Liebermann gibt eine feierliche Impression von hohen

grünen Bäumen, fröhlichem Sonnenschein und schwarzgekleideten

Menschen, Menzel eine ausführliche Schilderung mit allerlei amüsanten

Nebensächlichkeiten. Bei Liebermann ist die Natur die Hauptsache,

bei Menzel die Gesellschaft, die den Gottesdienst im Freien in einem

beliebten Badeort besucht.

[Illustration: Abb. 31. +Im Walde+ (1884). Handzeichnung im

Kupferstichkabinett zu Dresden. (Aus der Liebermann-Mappe. Verlag von

Bruno & Paul Cassirer in Berlin.)]

1884 beschäftigen den Künstler noch einmal „Waisenmädchen“ (Abb. 36),

jetzt in der Hamburger Kunsthalle, 1885 malt er die „Holländische

Dorfstraße“ (Abb. 37). Wieder Holland, wieder Freilicht. Auf der

von einem heftigen Sommerregen nassen Dorfstraße begegnen sich zwei

frische, junge Dirnen; die eine hat auf dem Felde Gras geschnitten,

die andere will ihre Kuh auf die Weide führen. Die mit der Kuh bleibt

stehen, die mit der Karre hält an, und es werden ein paar Worte

gewechselt. Jede Bewegung ist ausgezeichnet beobachtet: Wie das Mädchen

den Strick hält, an den die Kuh gefesselt ist; wie diese das Gras an

der Straße abrupft, wie die zweite die Karre gefaßt hält, wie ein Mann

in Holzschuhen über die Straße geht, ein Junge eine Kuh treibt, ein

Ackerwagen dahinfährt, ein anderer Junge über einen Zaun steigt. Und

alles wird von einem weichen, grauen Licht und feuchter Luft umspült.

Die Pfützen auf der Straße spiegeln den Glanz des sich auflichtenden

Himmels wieder, und die nassen grünen Blätter der Linden an der Straße

schütteln sich über einem roten Häuschen.

[Illustration: Abb. 32. +Das Tischgebet+ (1884). Im Besitz des Herrn

Claassen auf Knoop bei Kiel.]

[Illustration: Abb. 33. +Porträtskizze+ (1884).]

[Illustration: Abb. 34. +Handzeichnung+ (1884).]

Mit der „Flachsscheuer in Laren“ von 1887 (Abb. 44), einem der

wertvollsten Bilder der Berliner Nationalgalerie, tritt Liebermann in

die Periode seines Schaffens, die man die epische nennen möchte, wo er

eine Höhe, Macht und Vollendung der Anschauung und des künstlerischen

Ausdruckes erreicht hat, wie kein anderer zeitgenössischer Künstler.

Millet und Courbet haben zuerst gezeigt, daß der arbeitende Mensch

künstlerisch dargestellt werden könne, Courbet mit seiner massiven

Brutalität, Millet in zarter lyrischer Empfindung. Liebermann war es

vorbehalten, ihre Absichten ins Erhabene zu übertragen, das gewaltige

Schlußwort zu sprechen. Das Thema erscheint durch ihn vollkommen

erledigt, und Liebermann selbst hat sich, wohl aus Erkenntnis, daß er

Werke wie die „Flachsscheuer“ und die „Netzeflickerinnen“ in ihrer

Art nicht übertreffen könne, anderen Stoffgebieten zugewendet. Gegen

seine „Flachsscheuer“ wirkt Menzels vielbewundertes „Eisenwalzwerk“

kleinlich und komponiert. Man sieht auf Liebermanns Bild in einen

niedrigen, aus Holz gebauten Arbeitssaal, den links vier, hinten

ein Fenster beleuchten. Unter den Fenstern links sitzen auf kleinen

Bänken Burschen und Mädchen und drehen große Holzräder, die Spulen in

Bewegung setzen. In der Mitte des Raumes stehen, mit Flachsbündeln

unter dem Arm, aus denen sie die Fäden drehen, die jene aufspulen, fünf

Spinnerinnen, prachtvolle Gestalten von der Grenze des Kindesalters bis

zum reifen Weibe. Vor dem Fenster im Hintergrunde noch mehrere ähnliche

Erscheinungen, rechts ein paar Mädchen, die frischen Arbeitsstoff

bringen, und noch einige Spinnerinnen. Die Räder sausen, die Spulen

fliegen, und windschnell rühren die Mädchen die Hände, damit die

Fäden, die von ihnen aus bis zu den Spulen an den Fenstern gehen,

nicht reißen. Helles Licht strömt von links und von hinten durch den

Raum über die Köpfe der Raddreher fort und umspielt mit fröhlichem

Glanz die Gestalten der Spinnerinnen, ihre weißen Hauben und die

frischen Gesichter darunter, die blauen Schürzen, die dunklen Röcke,

die fleißigen Hände und den gelben Flachs. Es gleitet über die grauen,

mit Flocken bedeckten Dielen, die gelben Holzschuhe der Mädchen und

ruhet nimmer. Das Bild ist lebendig, wie die Wirklichkeit selbst: Man

denkt überhaupt gar nicht daran, daß es gemalt ist, und es ist doch

ganz anders gemalt, als die früheren Bilder des Künstlers, breiter,

wuchtiger, mit wenig Rücksicht auf Einzelheiten. Aber gerade diese

Art, wo eine Farbe einmal aus dem Ensemble stärker hervortritt,

weil das Licht sie voll trifft, andere Farben zurücktreten, weil sie

kein direktes Licht empfangen, gibt eine unvergleichliche Frische

und Wahrheit der Erscheinung. Die Impression gibt Impressionen. Das

Auge schafft da weiter, wo der Maler nur andeutet. Und wieder das

Wunderbarste: die Natürlichkeit. Keine Figur steht Modell, wie so

viele auf Menzels Bild. Alles ist wie die Wirklichkeit selbst, als

habe der Maler die Menschen heimlich durch einen Spalt in der Holzwand

beobachtet.

[Illustration: Abb. 35. +Holländisches Mädchen+ (1885). Zeichnung im

königl. Kupferstichkabinett zu Dresden.

(Aus der Liebermann-Mappe. Verlag von Bruno & Paul Cassirer in Berlin.)]

Das landschaftliche Gegenstück zu diesem Prachtbilde sind die

„Netzeflickerinnen“ (Abb. 47) der Hamburger Kunsthalle, des

gigantischen Naturgefühles Liebermanns gewaltigste Offenbarung. Das

ist jenes Bild, vor dem man mit Leichtigkeit nachweisen könnte, daß

Liebermann ein kompletter Idealist ist. Jedenfalls hat niemand vor ihm

aus einem scheinbar so ärmlichen Gegenstande einen so reichen Schatz

erhabenster Poesie herausziehen und künstlerisch gestalten können.

Dabei ist weder der Natur oder, was dasselbe sagt, der Wahrheit die

geringste Gewalt geschehen. Man blickt über eine weite graugrüne,

öde Ebene, wie sie oft zwischen den Dünen und Deichen der Nordsee zu

finden ist. Auf dieser unendlichen, melancholischen Fläche sind Frauen

und Töchter der Fischer beschäftigt, die beim letzten Fange benutzten

Netze wieder in Ordnung zu bringen. Sie breiten sie auf den Boden

aus, um die beschädigten Stellen zu finden, ziehen die verzogenen

Maschen zurecht, ergänzen die zerrissenen mit der Filetnadel, knüpfen

und stopfen. Ganz in der Ferne fährt ein mit Körben beladener

Fischerkarren. Fast am Rande des Bildes sieht man vorn eine Gestalt

in das Bild hineinschreiten, eine junge Fischerstochter, groß, blond

und kräftig, mühsam ein schweres Netz schleppend. Und nicht allein mit

diesem hat sie zu thun, sondern auch mit dem heftigen Seewind, der

ihr im Rücken sitzt, sich in ihren Kleidern fängt und ihre blonden

Haare, die sie unter dem weißen Häubchen geborgen hatte, flattern

macht. Ein Sinnbild des im Kampfe mit den Elementen erstarkten Volkes

steht sie da, eine der charaktervollsten Erscheinungen, die Liebermann

geschaffen. Aber sie wäre bedeutungslos, wenn der sie nicht in diese

herbe, entsagungsvolle Natur hineingesetzt hätte, in dieses Stück Erde,

um das sich Sturm und Meerflut streiten, unter diesen grauen, von

zerrissenen Wolken bedeckten Himmel, inmitten dieser Menschen, die hart

um ihr Dasein ringen müssen. In innigerer Verbindung sind Mensch und

Landschaft kaum dargestellt worden, der auf seine Kraft angewiesene,

auf sich selbst gestellte Mensch und die rauhe Natur.

[Illustration: Abb. 36. +Holländische Waisenmädchen+ (1885). Im Besitz

der Kunsthalle zu Hamburg.]

[Illustration: Abb. 37. +Holländische Dorfstraße+ (1885). Im

Provinzialmuseum zu Hannover.]

Unter den Schöpfungen der folgenden Jahre erscheint noch einmal ein

Werk von fast gleich starker Wirkung: „Die Frau mit den Ziegen“

(Abb. 52), die der Münchener Pinakothek gehört. Auch hier wieder die

unlösbare Zusammengehörigkeit von Mensch und Scholle und wieder eine

ungemein charaktervolle Erscheinung, deren kräftige Silhouette gegen

die graugrüne Düne und den trostlos grauen Himmel man, einmal gesehen,

ebensowenig vergißt, wie die kühne jener blonden Fischerstochter. Wie

eine Personifikation der weltentrückten Einsamkeit zieht die Alte mit

ihren beiden Ziegen über die sandige Düne.

Mit dem „Spitalgarten in Leyden“ von 1890 kehrt Liebermann zu dem

Stoffkreis zurück, den er bereits in dem „Altmännerhaus“ mit so viel

Erfolg erschlossen hatte; aber in seiner Kunst ist schon mehr Freiheit,

sein Blick mehr auf das große Ganze als auf die Einzelheiten gerichtet.

Zogen in jenem Bilde die ernsten Gestalten der von dem Schauplatz des

Lebens abgetretenen Männer sogleich den Blick des Beschauers auf sich,

so sieht man hier zunächst den Spitalgarten mit seinen buntblühenden

Beeten und erst dann die alten Mütterchen auf den Bänken am Hause, die

der warme Sonnenschein hinausgelockt hat, wie sie, den Strickstrumpf

zwischen den welken, steifen Händen, die müden, alten Glieder wärmen.

Gibt er in diesem Werke eine Schilderung des vegetativen Daseins, so

zeigt er in dem Bilde „Die Seiler“ (Abb. 45) das Glück des stillen

Dahinarbeitens. Die ihre Taue drehenden Männer schreiten, unbekümmert

um jeden Zuschauer, ihre Bahnen unter dem grünen, sonnendurchleuchteten

Baumdach auf und nieder. Sie thun nichts, um den Zuschauer zu

amüsieren; sie arbeiten nur, und der Sonnenschein verklärt ihr Thun.

[Illustration: Abb. 38. +Das Töchterchen des Künstlers+ (1885).

Besitzer: Der Künstler.]

Der „Karren in den Dünen“ (Studie dazu Abb. 68) berührt noch einmal das

in der „Frau mit den Ziegen“ gelöste Motiv, ohne doch, obschon an sich

wieder eine durch ihre Selbstverständlichkeit imponierende Leistung,

die Wirkung jenes Bildes zu erreichen.

Im Jahre 1890 malt Liebermann das Bildnis des Hamburger Bürgermeisters

Petersen (Abb. 58) und stellt sich damit sogleich in die Reihe der

ersten Porträtmaler der Zeit. Die Verehrung des Künstlers für Franz

Hals wird in eine That umgesetzt, die die Bewunderung aller Kenner

findet, nur leider nicht die der Familie des Dargestellten, und die

darum bedauerlicherweise der Öffentlichkeit vorenthalten wird, der

sie von Rechts wegen gehört. Das Bildnis verdankt seine Entstehung

einer Anregung des um die Belebung des Hamburger Kunstlebens so hoch

verdienten Alfred Lichtwark, der es für die unter seiner Leitung

stehende Kunsthalle gewünscht hatte. Es stellt den etwas gebrechlichen,

alten Herrn in seiner schwarzen altholländischen Amtstracht mit dem

weißen Mühlsteinkragen, den spitzen spanischen Hut im Arm, vor einem

grauen Grunde stehend, dar. Auf den kräftig modellierten, von einem

kurzen Bart und starkem, weißem Haar umrahmten Kopf fällt volles Licht.

Der Darstellung fehlt jede Pose, wie der Künstler auch nichts gethan

hat, um die Runzeln und Falten des Alters auszulöschen. Man wird nicht

leicht ein geistreicher gemaltes Porträt finden und noch weniger leicht

eins, das trotz der altertümlichen Tracht keinen Zweifel darüber läßt,

daß der Dargestellte ein Mensch des neunzehnten Jahrhunderts ist. Um so

unbegreiflicher erscheint der Wunsch der Familie, daß das Bild in der

Kunsthalle nicht aufgehängt werde. Das später von dem Berliner Maler

Hugo Vogel gemalte und in der Kunsthalle zu sehende Bildnis desselben,

inzwischen verstorbenen Bürgermeisters ist die lobendste Kritik für

Liebermanns Schöpfung. Wie das Bildnis des Doktor Petersen nicht die

erste Leistung des Künstlers auf diesem Gebiete war, so blieb es, trotz

der ungünstigen Meinung der Familie des Porträtierten, nicht seine

letzte.

[Illustration: Abb. 39. +Kinderstudie+ (1885). Besitzer: Der Künstler.]

Als Geschenk zu deren goldener Hochzeit schuf er 1892 das

Doppelbildnis seiner Eltern. Die Malerei ziemlich sachlich, die

Charakterschilderung sehr fein. Noch früher war das Bildnis

Wilhelm Bodes, des ausgezeichneten Direktors der Berliner Galerie,

entstanden, eine Kreidezeichnung für Schorers Familienblatt (Abb.

55). Die Ähnlichkeit war schlagend, die Haltung des Gelehrten, der

Ausdruck, mit dem er die kleine Renaissancebronze in seinen Händen

kritisch prüft, von vollendeter Wahrheit. Nicht weniger hervorragend

als Persönlichkeitsschilderung war das Bildnis Fritz von Uhdes.

Die Porträts des Grafen Kayserlinck, des Professors Bernstein, ein

Damenbildnis, folgten. Besonders gelungen erscheint das Bildnis Gerhart

Hauptmanns (Abb. 63). Der feste Blick der sinnenden Augen unter der

geistreichen Stirn, der willensstarke Mund des Dichters der „Weber“

sind unglaublich gut beobachtet. Man hat sofort das Gefühl, einer

geistigen Gewalt gegenüber zu stehen. Das Bildnis Virchows (Abb.

71) war bemerkenswert wegen der Sicherheit, mit der Liebermann den

durchdringenden Geist des Forschers mit der Zweifelsucht des Gelehrten

in dem Antlitz des berühmten Physiologen zu vereinigen gewußt hatte.

Eine überraschend farbenfrohe Leistung war das Porträt der Gattin des

Künstlers (Abb. 64), die ~en plein air~ auf einer Terrasse oder einem

Balkon sitzt. Die rosa Bluse der in einem Schaukelstuhl Ruhenden,

der orangefarbene Umschlag einer Zeitschrift, in der sie liest, die

helle sonnige Luft geben dem Bilde eine farbige Heiterkeit, die bei

Liebermann nicht gerade häufig erscheint. Eine der allerreizvollsten

Leistungen auf diesem Gebiete war das Bildnis der kleinen Käthe,

der Tochter des Künstlers, die in ihrem hellen Kleidchen vor einer

dunkelbraunen Renaissancetruhe steht und eifrig in einem Schälchen auf

ihrem Puppenherde rührt. In der auch lithographierten Zeichnung, die

Liebermann von Theodor Fontane gemacht hat (Abb. 81), sind sowohl die

Neigung für Humor, die der Dichter besaß, als auch sein liebenswürdiges

Poetentum und der vornehme, gute Mensch aufs glücklichste vereint zu

finden. Auch das Bildnis des belgischen Bildhauers Constantin Meunier

(Abb. 88) gibt die Art des merkwürdigen Mannes vorzüglich wieder. Aus

der letzten Zeit wären als besonders lebens- und geistvolle Schöpfungen

des Künstlers die Porträts des Dichters Eduard Grisebach (Abb. 75),

des durch seine Forschungsreisen in Persien bekannt gewordenen

Kunsthistorikers ~Dr.~ Sarre, des Kunstfreundes und Augenarztes ~Dr.~

Max Linde in Lübeck und eines italienischen Herrn zu erwähnen.

[Illustration: Abb. 40. +Nähendes Mädchen+ (1886). Federzeichnung.]

[Illustration: Abb. 41. +Schweinefamilie+ (1886). Federzeichnung.]

[Illustration: Abb. 42. +Hände wärmen+ (1886). Kohlenskizze.]

Eine Sommerreise in die bayerischen Vorberge und nach Tirol 1893 lenkt

die Aufmerksamkeit Liebermanns auf ein Problem, das ihn schon in dem

„Altmännerhaus“ beschäftigt hatte: die Darstellung von Luft und Sonne

unter dem Grün der Bäume. Der Künstler hatte bemerkt, daß die Bewegung

der Blätter dem Sonnenlicht etwas Flimmeriges gibt, und daß dieses

Flimmern das Auge verhindert, einen Gegenstand in festen, bestimmten

Formen zu sehen. Um also einen der Wirklichkeit ähnlichen Eindruck

hervorzurufen, mußte auf etwas verzichtet werden, was bisher als ein

wichtiges Erfordernis in der Malerei galt, auf ein ausführliches

Betonen der Form. Der Künstler sah häufig unter der Wirkung des

zerstreuten Sonnenlichts nur einen aufleuchtenden Farbenfleck, wo

bei stetigem Licht unbedingt auch die Form vollkommen zur Geltung

gekommen wäre. Die Illusion des unter einem Blätterdache gefangenen

Sonnenlichtes ließ sich nur erreichen, wenn die aufdringliche

Sachlichkeit beseitigt wurde. Liebermann malte jene bekannten „Alleen

in Rosenheim“, wo die Sonne über dichten grünen Buchenkronen steht

und ihre Strahlen über den Waldboden tanzen läßt, immer und immer

wieder, bis er die Schwierigkeiten so weit überwunden zu haben

glaubte, um auch eine kompliziertere Aufgabe dieser Art bewältigen

zu können. Sie bot sich ihm in dem hübschen Städtchen Brannenburg,

nicht weit von Kufstein gelegen, wo es einen berühmten Biergarten mit

schönen hohen, alten Bäumen gibt. Diesen „Biergarten in Brannenburg“

(Abb. 67) hat Liebermann an einem schönen Sonntag, wenn von nah und

fern Gäste herbeiströmen, um sich an dem guten Biere des Wirtes im

Schatten der Bäume gütlich zu thun, gemalt. Die langen Bänke neben

den langen Tischen sind von Eingeborenen, Sommergästen und Fremden

dicht besetzt. Aus dem alten Wirtshaus links werden die Maßkrüge

getragen. Man ist lustig und guter Dinge; denn das Bier ist gut, und

der Aufenthalt unter den schattigen Bäumen angenehm. Man sieht sie alle

dasitzen, die braven Leute in der grünen Dämmerung, aber der vorwitzige

Sonnenschein blendet. Man bemerkt schon, daß da eine Bäuerin mit

weißen Hemdsärmeln, dort ein reicher Viehhändler, hier ein Stadtherr

sitzt, aber man erkennt die Menschen mehr an ihrer charakteristischen

Haltung, an einem besonderen Hut, an der aufleuchtenden Farbe des

Gewandes als an ihren Gesichtern. Die Illusion jedoch, daß man in einen

wohlgefüllten Gasthofsgarten voll schöner Buchenbäume blickt, in dem

die Sonnenstrahlen neckisch über den saubergekehrten Gang, über Tisch

und Bänke und die Köpfe der Leute hüpfen, ist vollkommen erreicht.

Das Liebermannsche Bild, eins der frischesten und heitersten, die er

gemalt, hängt jetzt im Luxembourg-Museum in Paris, für das es vom

französischen Staate erworben wurde. Ein noch komplizierteres Thema

behandelt der Künstler in dem „Schweinemarkt in Amsterdam“ von 1895, wo

ein Durcheinander von hin- und hergehenden Menschen, von Sonne, Luft

und Farben zu einem Bilde wechselvollster Lebensbethätigung gesammelt

erscheint.

[Illustration: Abb. 43. +Schweinefamilie+ (1886). Im Privatbesitz in

Wiesbaden.]

[Illustration: Abb. 44. +Flachsscheuer in Laren+ (1887). In der königl.

Nationalgalerie zu Berlin.]

Liebermann · 第 2 / 7 段