Liebermann hat sich die Anerkennung seiner Künstlerschaft Sc

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Liebhaber-Ausgaben

[Illustration]

Künstler-Monographien

In Verbindung mit Andern herausgegeben

von

H. Knackfuß

XLV

Liebermann

=Bielefeld= und =Leipzig=

Verlag von Velhagen & Klasing

1900

Liebermann

Von

Hans Rosenhagen

Mit 115 Abbildungen nach Gemälden und Zeichnungen

[Illustration]

=Bielefeld= und =Leipzig=

Verlag von Velhagen & Klasing

1900

Von diesem Werke ist für Liebhaber und Freunde besonders luxuriös

ausgestatteter Bücher außer der vorliegenden Ausgabe

_eine numerierte Ausgabe_

veranstaltet, von der nur 50 Exemplare auf Extra-Kunstdruckpapier

hergestellt sind. Jedes Exemplar ist in der Presse sorgfältig numeriert

(von 1-50) und in einen reichen Ganzlederband gebunden. Der Preis eines

solchen Exemplars betragt 20 M. Ein Nachdruck dieser Ausgabe, auf

welche jede Buchhandlung Bestellungen annimmt, wird nicht veranstaltet.

Die Verlagshandlung.

Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.

[Illustration: +Max Liebermann.+

(Nach einer Aufnahme der Hofphotographen Reichard & Lindner in

Berlin.)]

Max Liebermann.

[Illustration: +Max Liebermann als Fünfundzwanzigjähriger in Weimar.+

Weimar 1872.]

Die aufregendsten Begebenheiten in der Kunstgeschichte der letzten

dreißig Jahre, die widerspruchsvollsten Äußerungen der Zeitgenossen

über Künstler und Kunstwerke und schließlich der entscheidende Sieg

von Anschauungen, die der Kunst am Ende des neunzehnten Jahrhunderts

die charakteristische Physiognomie gegeben, stehen im unmittelbarsten

Zusammenhange mit dem Dasein von zwei Malern, an deren Bedeutung

heute nur noch Übelwollende oder gegen alle Entwickelung sich

Abschließende zweifeln können. Der eine dieser Maler ist +Edouard

Manet+, der andere +Max Liebermann+. Beide haben der Kunst neue Ziele

gesetzt, und wenn es auch bei Manet wahrscheinlich und bei Liebermann

gewiß ist, daß Andere vor ihnen Gleiches gewollt und dafür gekämpft

haben, so waren sie doch die ersten großen Künstler, die die latent

gebliebenen Ideen in vollkommenen Kunstwerken zusammenfaßten und damit

die Aufmerksamkeit der Mitwelt auf sie hinlenkten. Und darauf ist es

in der Kunst immer angekommen. Unzweifelhaft ist Manet der Kühnere

von beiden; aber darin begegnet er sich mit Liebermann, daß er nicht

in der Darstellung der Dinge an sich, sondern in der Schilderung

ihrer Zustände unter der Wirkung von Luft und Licht die zu lösende

künstlerische Aufgabe sah und so wieder zur Malerei kam, woraus sich

mit Notwendigkeit ein Zusammenhang zwischen ihm und der alten Kunst

ergeben mußte. Und auch darin besteht eine Gemeinsamkeit zwischen

beiden Künstlern, daß sie alle Bitternisse des Verkanntseins in ihren

Absichten, alle Beschimpfungen der Menge und die volle Verachtung der

in ihrem Schlummer gestörten Ästhetik kosten mußten. Manet hat leider

nicht mehr das Glück erlebt, die ungeheure Wirkung seines Beispieles

zu sehen; aber Liebermann wandelt noch in ungebrochener Kraft unter

uns und behauptet seine künstlerische Stellung mit einer Energie und

einem Erfolge, die nur den heroischen Erscheinungen der Kunstgeschichte

beschieden sind.

Fast alle diejenigen, die über Manet und Liebermann geschrieben,

haben -- der Eine mehr, der Andere weniger -- ihren Äußerungen den

Charakter von Verteidigungsschriften geben müssen, vor allem waren sie

genötigt, ihre Helden gegen den Vorwurf, die Gefühle des Publikums

durch die gewählten Stoffe verletzen zu wollen, in Schutz zu nehmen.

Das ist bezeichnend genug für die Art des Widerspruches, mit dem die

Allgemeinheit den Künstlern begegnete, die, wie jetzt feststeht, eine

neue Schönheit aus der Natur herausgesehen. Allerdings war der Abstand

von der neuen Schönheit, die jene beiden Künstler brachten, zu der, die

alle Welt anerkannte, noch niemals so groß gewesen. Man empfand das

Neue als eine Beleidigung und verhielt sich danach. Man sah das Wahre

in den Bildern Manets und Liebermanns für ein bewußtes Herauskehren

und Betonen des Häßlichen an, gegen das man sich wehren müsse um jeden

Preis. Die schwersten Geschütze aus dem Arsenal der Ästhetik donnerten

Vernichtung gegen die Frevler an den heiligsten Gütern der Menschheit.

Und doch war im Grunde weiter nichts geschehen, als daß ein paar Maler

das innerliche Bedürfnis gefühlt hatten, die Welt, wie sie war, zu

sehen und darzustellen, also soweit als möglich, +objektiv+ zu sein.

[Illustration: Abb. 1. +Im Atelier+ (1872). Im Privatbesitz in Berlin.]

Es ist sehr fraglich, ob das Ach- und Wehgeschrei, das sich Ende

der siebziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts über die Verrohung

der Künstler in Deutschland zu erheben begann, verstummt wäre,

wenn man das Zeugnis Goethes dafür beigebracht hätte, daß dieser

verachtete Naturalismus die Morgenröte einer vorschreitenden Epoche

in der Kunst bedeute. Höchst wahrscheinlich würde man seinen von der

allertiefsten Einsicht in das Wesen der Kunst zeugenden Ausspruch:

„Alle im Rückschreiten und in der Auflösung begriffenen Epochen sind

subjektiv, dagegen aber haben alle vorschreitenden Epochen eine

objektive Richtung. -- Jedes tüchtige Bestreben wendet sich aus dem

Inneren hinaus auf die Welt, wie man an allen großen Epochen sieht,

die wirklich im Streben und Vorschreiten und alle objektiver Natur

waren“ dahin ausgelegt haben, daß die Subjektivität auf seiten der

frechen Neuerer, und in ihren Werken der Niedergang der Kunst offenbar

sei. Aber es ist wohl überhaupt eine Schwäche der menschlichen Natur,

Subjektives und Objektives miteinander zu verwechseln. Eins ist

sicher: Niemals hat sensationslosere Kunst mehr Sensation gemacht als

in den Bildern Manets und Liebermanns, und wenn man heute von diesem

Sensationellen, das man einst den Werken dieser Künstler nachsagte,

nichts mehr bemerkt, so liegt darin schon eine Anerkennung ihrer

Bedeutung. Denn nicht sie haben sich geändert, sondern die ganze Kunst

hat getrachtet, ihnen ähnlich zu werden, ist ihnen nachgewachsen, so

daß kein äußerlicher Gegensatz mehr besteht.

[Illustration: Abb. 2. +Die Gänserupferinnen+ (1873). In der königl.

Nationalgalerie zu Berlin.]

[Illustration: Abb. 3. +Die Konservenmacherinnen+ (1873). In Berliner

Privatbesitz.]

* *

*

Um die kunstgeschichtliche Stellung eines Künstlers zu präzisieren und

ihm zugleich als Persönlichkeit gerecht zu werden, ist zweierlei nötig:

Nachzuweisen, was ihn mit der Vergangenheit verbindet und klarzulegen,

durch welches Neue er sich von ihr unterscheidet. Ehe jedoch die

künstlerische Thätigkeit Liebermanns eine Untersuchung in diesem Sinne

erfährt, dürfte es, um durch Wiederholungen von Thatsachen nicht zu

häufig aufgehalten zu werden, angebracht sein, über sein Leben und

seine Thätigkeit kurz zu berichten.

[Illustration: Abb. 4. +Der Witwer+ (1873). Im Besitz des Herrn

Geheimen Kommerzienrat Spindler zu Berlin.]

[Illustration: Abb. 5. +Die Invaliden im Lotsenhause+ (1874).

(Mit Erlaubnis der Herren Bruno und Paul Cassirer zu Berlin.)]

Max Liebermann ist ein Berliner Kind. Er wurde am 20. Juli 1847[1]

als Sohn eines wohlhabenden Fabrikanten geboren, verlebte in dem

behaglichen Heim seiner Eltern eine glückliche Jugend und bezog

nach auf einem Gymnasium absolvierter Schulzeit 1868 die Berliner

Universität, wo er sich in die philosophische Fakultät inskribieren

ließ; freilich ganz gegen seine Neigung und nur, um ein Zerwürfnis

mit seinem Vater zu vermeiden, der von dem Wunsche des Sohnes, Maler

zu werden, durchaus nichts hören wollte. Aber anstatt sich mit den

Ideen Schellings und Hegels bekannt zu machen, zog es der junge

Liebermann vor, heimlich die Akademie zu besuchen und sich von Karl

Steffeck in der Kunst des Malens unterrichten zu lassen. Er malte

und zeichnete in dessen Atelier Menschen, Pferde, Hunde und war nach

einem Jahre so weit vorgeschritten, daß er an Steffecks großem Bilde

„Sadowa“ mitmalen durfte. Aber obgleich sich der Lehrer von seinen

Leistungen für befriedigt erklärte -- Liebermann selbst fühlte die

Unzulänglichkeit seiner Ausbildung zu lebhaft, als daß er Genüge an

seinen Schülererfolgen gefunden hätte. Mit Einwilligung seines Vaters,

der sich am Ende doch entschlossen hatte, der Neigung des Sohnes

freien Lauf zu lassen, ging er nach anderthalbjährigem Studium bei

Steffeck im Jahre 1869 nach Weimar. Es war nicht Sympathie für den dort

noch vorhandenen Überrest von klassizistischer Kunst, die den jungen

Künstler dorthin führte. Aber in der Stadt Goethes wirkte als Lehrer

an der Kunstschule der Belgier +Ferdinand Pauwels+ (geb. 1830), der

als Schüler Wappers den glänzenden malerischen Stil und den Realismus

der belgischen Historienmalerei mitgebracht hatte. Liebermann ging nun

systematisch zu Werke; er zeichnete bei Thumann fleißig nach Gips und

malte bei Pauwels; jedoch seine Versuche, Bilder in der Art seiner

Lehrer zu malen, schlugen durchaus fehl. Da brachte ihn der Zufall auf

einen Weg, der künftig +sein+ Weg werden sollte. Nach einer glücklich

überstandenen Krankheit spazierte er an einem Sommermorgen vor den

Thoren Weimars. Auf einem Felde, an dem sein Weg vorüberführte, sah er

einen Bauer mit seinen Leuten arbeiten, und wie er gern erzählt, ist

ihm beim Anblick dieser fleißigen Menschen zuerst der Gedanke gekommen:

Das mußt du malen, genau so, wie es ist. Wenn es nun auch nicht sofort

dazu kam, so war sich der junge Maler doch darüber klar geworden, was

ihn künstlerisch zu reizen vermochte. 1873 entstand Liebermanns erstes

größeres Bild „Die Gänserupferinnen“, jetzt im Besitze der Berliner

Nationalgalerie. Als Malerei, trotz dem von Munkaczy übernommenen

schwärzlichen Kolorit, ziemlich akademisch, erregte es durch seinen

Inhalt überall den heftigsten Anstoß. Man fand es unerhört, dem

Publikum den Anblick eines so gewöhnlichen Schauspieles zu bieten:

Alte häßliche Weiber in einer schwärzlichen Scheune bei einer zwar

nützlichen, aber doch eigentlich gemeinen Arbeit. Indessen das Bild

machte, wo es auch gezeigt wurde -- in Weimar, Hamburg und Berlin --

Aufsehen und fand schließlich, obwohl sich die gesamte Kritik gegen den

„Rhyparographen“, den „Apostel der Häßlichkeit“ Liebermann aussprach,

seinen Käufer. Das erhaltene Geld benutzte der ermutigte Künstler

zu einer Reise nach Paris, wo er sich sogleich mit Munkaczy, den er

in jener Zeit besonders lebhaft verehrte, in Verbindung setzte. Ein

Abstecher nach Holland ließ ihn das Motiv zu den „Konservenmacherinnen“

finden, die er, nach dem kurzen Ausfluge nach Weimar zurückgekehrt,

sofort in Angriff nahm.

[1] Diese Angabe entspricht allein der Wahrheit. Die in allen

biographischen Mitteilungen über Liebermann zu findende Angabe,

der 29. Juli 1849 sei der Geburtstag des Künstlers, erklärt

sich daraus, daß der Künstler in dem ihm zur Durchsicht s. Z.

übersandten Korrekturabzug des ihn betreffenden Artikels in

Brockhaus’ Konversationslexikon die Änderung des falschen Datums

und Geburtsjahres versäumt hat.

[Illustration: Abb. 6. +Bauernhof+ (1875). Im Privatbesitz in Paris.]

In Weimar wirkte seit 1872 neben Pauwels noch ein zweiter Belgier an

der Kunstschule: der unter dem Einflusse Courbets stehende Charles

Verlat. Seine fabelhafte Routine im Malen, seine frische Art, die Natur

anzupacken, waren nicht ohne Eindruck auf Liebermann geblieben und

übten schon in dem neuen Bilde ihre Wirkung aus. Verlat war es, der

dem jungen Künstler den Rat gab, die „Konservenmacherinnen“ nicht in

Deutschland auszustellen, sondern auf die in Antwerpen im Sommer 1873

stattfindende Ausstellung zu schicken. Ein neuer Erfolg! Das Bild wurde

nicht allein verkauft, sondern mehrfach nachbestellt. Französische

und belgische Kunsthändler machten dem Berliner Maler Anerbietungen,

und der junge Künstler, dem das Ausland so viel mehr Verständnis und

Sympathien entgegenbrachte als sein Vaterland, entschloß sich kurzer

Hand, dauernden Aufenthalt in Frankreich zu nehmen. Im Dezember 1873

siedelte Liebermann nach Paris über.

[Illustration: Abb. 7. +Arbeiter im Rübenfelde+ (1876). Im Privatbesitz

in Berlin.]

Es gehörte damals einiger Mut dazu, sich als Deutscher nach Frankreich

zu wagen. Der Chauvinismus stand in üppigster Blüte, jeder Deutsche

wurde beargwöhnt. Liebermann jedoch blieb unangefochten. Munkaczy

und sein Talent hatten ihn empfohlen. Außerdem arbeitete er fleißig.

Die Werke der Troyon, Daubigny, Corot und vor allem die Bauernbilder

Millets, die er in Paris kennen lernte, machten in ihm den Wunsch

lebendig, auch selbst noch von den Vorteilen der Fontainebleau-Schule

zu profitieren. Im Sommer 1874 zog er nach Barbizon, jenem kleinen,

im Walde von Fontainebleau gelegenen Dörfchen, das durch Rousseau und

Millet für die Kunst des neunzehnten Jahrhunderts so wichtig geworden

ist, wie Weimar für dessen Litteratur. Millet lebte allerdings dort

noch unter den „Bäumen, die untereinander reden“; aber Liebermann

gelang es nicht mehr, mit ihm persönlich in Berührung zu kommen,

zumal Millet bald starb. Um so inniger schloß sich der junge Künstler

geistig an den verehrten Meister an. Seine im Salon 1876 ausgestellten

„Arbeiter im Rübenfelde“ zeugen besser als alle Worte dafür. Aber das

von Millet in die Seele des Berliner Malers gesenkte Samenkorn sollte

erst außerhalb Frankreichs wirklich aufgehen, in Holland.

[Illustration: Abb. 8. +Die Geschwister+ (1876). Im Privatbesitz in

Mainz.

(Nach einer Radierung von Professor Karl Köpping.)]

[Illustration: Abb. 9. +Die Zimmermannswerkstatt+ (1877). Im

Privatbesitz in Berlin.]

Man führt die Hollandschwärmerei, die die Landschafter der ganzen Welt

seit zwanzig Jahren befallen hat, gern auf ein litterarisches Ereignis,

auf das 1876 erfolgte Erscheinen von Eugène Fromentins geistvollem

Buche „~Les maîtres d’autrefois~“ zurück, in dem der berühmte

Orientmaler über die während einer Reise in Holland empfangenen

Eindrücke berichtet, und das wegen der feinen Analysen des technischen

und geistigen Inhaltes bedeutsamer Meisterwerke in der Kunstlitteratur

ganz einzig dasteht. Es ist deshalb nötig, festzustellen, daß

Liebermann, der die Aufmerksamkeit der deutschen Maler auf Holland

besonders gelenkt hat, seine Motive von dorther geholt, ehe Fromentin

jenes Signal gab und die Prophezeiung aussprechen konnte, daß man „~de

la littérature à la nature, de la nature à la peinture~“ kommen werde.

Die „Konservenmacherinnen“, die „Invaliden im Lotsenhause“ und allerlei

Studien waren gemalt, ehe Fromentin seine Reise nach Holland antrat.

Aber jenes Land, in dem so vielen Malern die Augen für malerische

Schönheit geöffnet wurden, ist noch in anderer Beziehung für Liebermann

von Bedeutung geworden: er erfuhr von Franz Hals und Rembrandt, was

große Kunst sei, und begann im Freien zu malen. Paris verlor nach

diesen holländischen Studienreisen für Liebermann mehr und mehr an

Interesse, und als im Jahre 1878 die Eltern seine Rückkehr verlangten,

setzte er ihren Wünschen keinen Widerstand entgegen. Kaum wieder

daheim, hatte er das Unglück, auf der dunklen Treppe zu seinem Atelier

auszugleiten und das Bein zu brechen. Die Heilung nahm mehrere Monate

in Anspruch, und schließlich schickte man den Künstler zur gänzlichen

Wiederherstellung nach Gastein. Die guten Wirkungen des Bades blieben

nicht aus, und mit einer Reise durch Tirol nach Venedig suchte sich

der Künstler für die ausgestandenen Schmerzen zu entschädigen. Zwei

Monate lang ließ er den Zauber Venedigs und seiner Kunst auf sich

wirken. Malte er nicht, so weilte er mit Vorliebe in den Sälen der

Akademie, die die figuren- und wahrheitsreichen Bildercyklen von

Gentile Bellini und Carpaccio enthalten. In Venedig lernte Liebermann

mehrere Münchener Künstler, darunter auch Lenbach, kennen, die ihm

die Vorteile, die München einem Maler von seiner fortschrittlichen

Richtung böte, so lebhaft zu schildern wußten, daß er sich kurzer Hand

entschloß, gar nicht erst wieder nach Berlin zurückzukehren, sondern

gleich nach München zu gehen. Im Dezember 1878 langte er in Bayerns

Hauptstadt an und machte sich sogleich an ein großes Bild, mit dem er

die Jahresausstellung von 1879 zu beschicken gedachte. Das Bild wurde

vollendet, von der Jury der Ausstellung mit Ausdrücken der Bewunderung

entgegengenommen; aber die Wirkung, die es im Glaspalast ausübte,

äußerte sich doch in sehr viel anderer Form, als der Künstler erwartet

hatte. Das Bild stellte „Jesus unter den Schriftgelehrten“ dar, in

einer den bayerischen Klerus zu hellen Zornausbrüchen veranlassenden

realistischen Auffassung. Sogar im bayerischen Landtage kam das Bild

zur Besprechung, und statt Ehren und Ruhm erntete der Maler nur Ärger

und Verdruß mit seiner Schöpfung. Obgleich namhafte Künstler, wie

Lenbach, Gedon und Wagmüller, auf das Wärmste für Liebermann Partei

nahmen und die außerordentlichen künstlerischen Eigenschaften, die

der junge Berliner darin gezeigt, nicht genug zu rühmen wußten -- die

öffentliche Meinung ließ sich nicht besänftigen. Liebermann hat nie

wieder ein religiöses Bild gemalt.

[Illustration: Abb. 10. +Mutter und Kind+ (1878). Im Privatbesitz in

Hamburg.]

Während der Kampf um jenen „Jesus unter den Schriftgelehrten“ noch

tobte, weilte der Künstler schon wieder in Holland, um Stoffe zu neuen

Werken zu sammeln. München hatte zwar den Ruhm, einem bedeutenden

jungen deutschen Maler als Aufenthaltsort zu dienen; aber dieser zog

es nach den gemachten Erfahrungen doch vor, seine Bilder vorerst

nach Paris zu schicken, wo man künstlerische Empfindungen nicht mit

anderen zusammenwarf. Trotz alledem leugnet Liebermann nicht, daß der

Aufenthalt in München, die Anregungen, die sich aus dem Verkehr mit

gleichstrebenden Künstlern dort ergaben, sein Schaffen in günstigster

Weise beeinflußt hätten. Verließen doch in den sechs Jahren, die er

in München weilte, jene Werke sein Atelier, die seinen Ruhm begründet

und zur Verjüngung der deutschen Kunst das Meiste beigetragen haben.

Indessen ist weder München, noch Paris, noch Berlin als Wiege der

charaktervollen Kunst Liebermanns anzusehen, sondern allein Holland.

[Illustration: Abb. 11. +Jesus unter den Schriftgelehrten+ (1879).

Nach einer Zeichnung in Berliner Privatbesitz.]

In Holland fand Liebermann sowohl in der Natur, wie bei den Bewohnern

der Küste das als gegebenen Zustand vor, was ihm bei Millet so

bewunderungswürdig erschienen war: die Einfachheit. Er gehört unter

die Ersten, die ihren Reiz ganz lebhaft empfunden und ihr in der

Kunst das Wort geredet haben. Und weil Liebermann die einfache Natur

geben wollte, die die meisten Menschen zu uninteressant finden, um

sie anzuschauen, mußte er suchen, sie künstlerisch zu verklären.

Er that es nicht, indem er sie in ihrem Wesen veränderte, sondern

indem er sie mit der Schönheit des Lebens umgab, die Luft und

Licht um die ärmlichsten Erscheinungen weben. Nichts war schön auf

Liebermanns Bildern als das Zuständliche. Im Jahre 1879 also malte

Liebermann während eines dreimonatlichen Aufenthaltes in Holland „Die

Kleinkinderschule in Amsterdam“, die er zusammen mit einer abgeänderten

und in der Farbe aufgehellten Wiederholung der „Konservenmacherinnen“

in die Pariser Salonausstellung von 1880 schickte. Im folgenden Jahre

entstand das köstliche „Altmännerhaus in Amsterdam“, das ihm in Paris

eine Medaille eintrug, die erste Auszeichnung, die einem Deutschen

nach dem Kriege in Frankreich zu teil wurde, und die „Alte Frau am

Fenster“. 1881 ist das Geburtsjahr der in der Berliner Nationalgalerie

befindlichen „Schusterwerkstatt“ und des auf dem Umwege über Paris

und Berlin 1900 in die Galerie des Städelschen Instituts zu Frankfurt

gelangten „Hofes des Waisenhauses in Amsterdam“. Das Jahr 1883 brachte

„Die Bleiche“ und 1884 ein Bild, zu dem er die Anregung in Bayerns

Metropole erhalten hatte: das „Münchener Bierkonzert“. Inzwischen

war Liebermann in Paris Mitglied der vornehmsten der dortigen

Künstlervereinigungen, des „~Cercle des XV~“, geworden, dem Künstler

wie Stevens und Bastien-Lepage angehörten, und stellte seitdem

alljährlich im Salon Petit aus. Der Aufenthalt in München nahm 1884 ein

Ende. Der Künstler verheiratete sich in Berlin, wo er seitdem seinen

ständigen Wohnsitz hat; aber Holland blieb seine Schatzkammer bis auf

diesen Tag. Die „Flachsscheuer in Laren“ (in der Nationalgalerie),

„Die Frau mit den Ziegen“ (Neue Pinakothek, München), „Die

Netzeflickerinnen“ (Kunsthalle zu Hamburg), „Holländische Dorfstraße“,

„Spitalgarten in Leyden“, „In den Dünen“ (Leipziger Museum),

„Dünenarbeiter“ (Königsberger Galerie), „Badende Jungen“, „Sonntag

in Laren“, „Schulgang“ und viele andere seiner vorzüglichsten Bilder

entstammen dieser Unerschöpflichen. Nur zuweilen einige Motive von wo

andersher, wie etwa bei der „Gedächtnisfeier für Kaiser Friedrich in

Kösen“, dem „Kinderspielplatz im Tiergarten“ oder dem „Biergarten in

Brannenburg“. Seit Anfang der neunziger Jahre hat sich Liebermann auch

der Bildnismalerei zugewendet. Seine Porträts gehören nicht nur zu den

eigenartigsten, sondern auch zu den künstlerisch stärksten, die in

Deutschland am Ende des Jahrhunderts entstanden sind. Bildnisse, wie

das des Bürgermeisters Petersen (Hamburg), das von Virchow, Gerhart

Hauptmann sind Proben eines Porträtstils, über den in der ganzen Welt

nur ein einziger Künstler -- Liebermann -- verfügt. Auch als Radierer

ist der Künstler von Bedeutung. Unter seinen Kalte-Nadel-Arbeiten sind

einige, die den Vergleich mit Blättern Rembrandts nicht zu scheuen

brauchen; in anderen tiefgeätzten Platten hat er Wirkungen erreicht,

die es an malerischer Haltung mit seinen Bildern aufnehmen.

[Illustration: Abb. 12. +Studie+ zu den „Konservenmacherinnen“ im

Leipziger Museum.]

Liebermann hat sich die Anerkennung seiner Künstlerschaft Schritt für

Schritt erobern müssen, wenigstens in Deutschland, und am allerlängsten

hat man in Berlin gezögert, seinem Talent die gebührende Würdigung zu

teil werden zu lassen. In Paris verstand und bewunderte ihn alle Welt,

in München wenigstens die Künstler, in seiner Vaterstadt hat man ihn so

lange übersehen, als es nur irgend anging; und noch heute sind gewisse

Kreise vorhanden, die nicht zu fassen vermögen, warum Liebermann,

dessen Schöpfungen ihrer Meinung nach so gar nichts Ideales haben, der

von der Schönheit, wie sie sie verstehen, nichts zu wissen scheint und

nichts wissen will, ein großer Künstler sein soll. Es war wohl immer so

in Berlin, daß man in Sachen des Kunstgeschmackes nicht auf der Höhe,

sondern recht eigentlich altmodisch war und nur das als künstlerisch

schön gelten lassen mochte, was außerhalb der jedem erreichbaren Sphäre

lag. Und ferner verbindet man in Berlin den Begriff von Schönheit

gern mit der Vorstellung einer höheren Bildung, die der gemeinen

Wirklichkeit mit Vorsicht aus dem Wege geht. Gegen die Schönheit, deren

Wesen Wahrheit ist, hat man in der Stadt der Intelligenz immer eine

Abneigung gehabt; und wenn Menzel nicht Gelegenheit gefunden hätte, der

Wahrheit, die er geben wollte, ein historisches Mäntelchen umzuhängen,

und nicht zugleich ein witziger Kopf gewesen wäre -- die Berliner

würden vielleicht auch heute noch im Zweifel sein, ob er ein wirklicher

Künstler oder nur eine Modegröße ist.

* *

*

[Illustration: Abb. 13. +Zeichnung+ (1880). Im Besitz des königl.

Kupferstichkabinetts zu München.]

[Illustration: Abb. 14. +Altmännerhaus in Amsterdam+ (1880). Im Besitz

der Kunsthandlung Bruno & Paul Cassirer in Berlin.]

[Illustration: Abb. 15. +Studie+ zum Bilde „Altmännerhaus in Amsterdam“

(1880).]

Kein Meister fällt vom Himmel, am allerwenigsten in der Kunst, obschon

in dieser nicht selten Ereignisse zu bemerken sind, die unvermittelt

wirken. Beim näheren Zusehen aber findet man auch bei diesen in der

Regel den beruhigenden Zusammenhang mit vorhanden gewesenen Ursachen.

Sogar die großen Eroberer, von denen die Kunstgeschichte zu erzählen

weiß, sind nur Schritt für Schritt vorwärts gedrungen, haben Vorbilder

gehabt und benutzt, bis sie in sich so weit fertig waren, um Eigenes

bieten zu können. Es gibt keinen großen Künstler, der zu Beginn seiner

Thätigkeit nicht in die Fußstapfen seines Lehrers oder eines frei

gewählten Vorbildes getreten wäre. Mag man an Raffael oder Rembrandt,

an Dürer oder Tizian, an Franz Hals oder Velasquez denken. Sie gingen

von einem Vorhandenen aus, und daran mißt man ihre Größe, wie weit

sie über dieses hinausgelangt sind. Selbst Menzel, den man so leicht

geneigt ist, als ein künstlerisches Phänomen zu betrachten, ist nicht

als fertiger Künstler auf der Bildfläche erschienen, sondern hat sich

das Seinige mühsam zusammengesucht. Nur darin ist er ein Phänomen,

daß er sich außerhalb der Zeitströmung hielt, das Schöne nicht da

suchte, wo es Andere schon längst vorher entdeckt, sondern dort, wo es

die Anderen nicht vermutet hatten. Auch Liebermann hat sich, als er

anfing, sein künstlerisches Rüstzeug von Anderen geliehen. Er besaß

schon, als er bei Steffeck arbeitete, eine gründliche Abneigung gegen

den von Cogniet und Couture abstammenden Berliner Kolorismus. Er

empfand das Unwahre, Hohle, Gemachte dieser Art zu malen zu lebhaft,

als daß sie ihm irgendwie erstrebenswert erschienen wäre. Auch die

Malerei von Pauwels sagte ihm nicht besonders zu; er fand auch sie

noch zu pompös für die Darstellung der Wirklichkeit, um die es ihm nun

einmal ging. In München hatten auf der internationalen Kunstausstellung

von 1869 zum erstenmal Courbet und Munkaczy die Aufmerksamkeit der

jungen Künstler Deutschlands auf sich gelenkt. Die gemauerten, derben

Farben des Franzosen, die vornehm wirkende schwärzliche Untermalung

des Ungarn stellten den deutschen Kolorismus bedenklich in den

Schatten. Die sparsame Verwendung der warmen Töne bei dem Einen, die

Vermeidung aller ausgleichenden Lasuren bei dem Anderen imponierten dem

jüngeren Geschlecht. Die handfeste Manier Courbets stand so vorzüglich

in Übereinstimmung mit seinen Wirklichkeitsbildern, und Munkaczys

Düsterheit stimmte ausgezeichnet mit den romantischen Typen, die er

zu zeigen liebte. Courbet und Munkaczy waren es, an deren Bildern

Liebermann beim Malen seiner „Gänserupferinnen“ gedacht. Jener hatte

ihm Mut gemacht, anstatt des für Anfänger üblichen Historienbildes

ein völlig antiakademisches Motiv zu wählen; dieser ermöglichte es

ihm, eine malerische Ausdrucksweise zu zeigen, die von der allgemein

üblichen damals auffallend abwich. Man hat heute keine Empfindung mehr

für das Aufrührerische in der Tendenz des Liebermannschen Bildes; aber

vor dreißig Jahren wirkte es und sogar auf einen so vorgeschrittenen

Künstler wie Menzel. Er erkundigte sich bei dem Kunsthändler Lepke,

bei dem damals die „Gänserupferinnen“ (Abb. 2) zu sehen waren, nach

dem Maler des Bildes und drückte den Wunsch aus, ihn kennen zu lernen.

Liebermann, ungeheuer stolz auf das Interesse, das der von ihm

bewunderte Künstler an seinem Bilde nimmt, geht sofort nach seiner

Rückkehr von Paris zu Menzel und wird mit folgenden Worten empfangen:

„Also Sie sind der Liebermann, der das Bild gemalt hat. Wissen Sie

was? Das Bild sollte man Ihnen um die Ohren schlagen -- es ist

ausgezeichnet; aber so etwas macht man erst mit fünfzig.“ Liebermann

hat erst lange nachher die Bemerkung des berühmten Künstlers richtig

verstanden, nämlich, daß er viel zu jung sei, um sich eine derartige

Auflehnung gegen die Tradition erlauben zu dürfen, daß eine Freiheit

der Mache in dem Bilde wäre, die sich für einen Anfänger nicht schicke.

Der beglückte junge Maler hörte in jener Zeit nur das Lob. Und was

hätte ihn mehr darin bestärken können, auf seinem Wege fortzuschreiten,

als es von dieser Seite zu empfangen! Es ist in der That etwas

Altmeisterliches in dem Bilde. Der schwärzliche Gesamtton hält die paar

Farben in den Kleidern und Schürzen der alten Weiber gut zusammen, und

wenn er dem Künstler bei der Berliner Kritik damals auch den Namen

„Sohn der Finsternis“ eintrug -- es gab in jener Zeit wenige Bilder,

die „malerischer“ gewirkt hätten. Aber in einem wich das Bild noch

viel weiter von dem Üblichen ab: im Inhalt. Nach damaliger Gewohnheit

war es als „Genrebild“ registriert worden, wie unendlich fern jedoch

stand es dem eigentlichen Genre! Es erzählte nichts und unterhielt

nicht, der Künstler hatte in keiner Richtung den Versuch gemacht, an

das Gemüt oder den Verstand der Beschauer zu appellieren, auch nicht

die Spur einer Absicht gezeigt, sich deren Wohlwollen durch Wiedergabe

von Schönheit und Anmut zu erwerben. Das Bild war ein Bericht darüber,

wie es aussieht, wenn alte Weiber in einer dunklen Scheune sitzen

und Gänsen die feinen Federn ausrupfen, die für die Betten gebraucht

werden. Der Gegenstand erschien weder würdig im Sinne der alten

Ästhetik, noch spürte man jene von allen gemeinen Zufälligkeiten

gereinigte Natürlichkeit, die für erlaubt galt. Für den malerischen

Reiz des Bildes, die amüsante Wirkung der Lichtquelle im Hintergrunde

hatte man kein Gefühl. Man sah nur die Sache und fand sie scheußlich,

weil man nicht daran gewöhnt war, Kunst anders als mit dem Verstande zu

betrachten, und auch dieser nur auf das Unterhaltende und Belehrende,

nicht auf das Wirkliche und Richtige dressiert war.

[Illustration: Abb. 16. +Alte Frau am Fenster+ (1880). Im Besitz der

Kunsthandlung Bruno & Paul Cassirer in Berlin.]

[Illustration: Abb. 17. +Die Spinnerinnen+ (1880). Im Besitz des Herrn

Professor Franz von Defregger in München.]

Der ein Jahr früher entstandene „Atelierwinkel“ (Abb. 1), in dem ein

alter Mann in Mappen herumkramt, war auch nicht malerisch im Sinne der

Zeit. Dazu hätten historische Kostüme, glänzende Waffen, der ganze

prunkende Apparat einer auch äußerlich auf Unterscheidung von der

Mitwelt bedachten Künstlerexistenz gehört. Liebermann gab die an sich

nüchterne Wand eines Arbeitsraumes mit ein paar darauf hängenden,

nicht erkennbaren Studien, ein Regal mit Farbentöpfen und eben jenen

alten Mann, der eine Zeichnung mit Aufmerksamkeit betrachtet. Das

Malerische daran war nicht die Sache selbst, sondern das sanfte Licht,

das in der bräunlichen Dämmerung leise über die Wand, das Regal und

das weiße Haupt des Alten floß, dort eine Farbe, hier einen Reflex,

da eine Form sichtbar werden ließ. Der junge Künstler läßt in diesem

Werke schon deutlich erkennen, daß er sich des Unterschiedes zwischen

pittoresk und malerisch wohl bewußt ist.

[Illustration: Abb. 18. +Die Klöpplerin+ (1881). Im Besitz der

Kunsthalle zu Hamburg.]

In den „Konservenmacherinnen“ und in den „Invaliden im Lotsenhaus“

beginnt sich der schwärzliche Ton der Liebermannschen Bilder schon

aufzulichten. Statt Beinschwarz verwendet der Künstler Asphalt,

auf dessen durchsichtigem Braun die Farben anfänglich warm und

leuchtend stehen, um allerdings später durch die zersetzende

Kraft des Bitumens stumpfer zu werden. Nach der psychologischen

Seite ist ein außerordentlicher Fortschritt zu konstatieren. Die

„Konservenmacherinnen“ (Abb. 3) -- derbe, kräftige Weiber, abgerackerte

Arbeitsfrauen und wunschlos gewordene alte Mütterchen -- sitzen auf

hölzernen Bänken und Fässern in einem dunklen, niedrigen Arbeitsraume

an einem improvisierten Tische und putzen mit kurzen Messern die

verschiedenartigsten Gemüse. Kein Blick aus all’ den Augen fällt auf

den Beschauer. Keine der Arbeiterinnen hat eine Empfindung davon, daß

eines Malers Auge auf ihr geruht. Die unendliche Natürlichkeit in dem

still vor sich Hinbrüten der Einen, die bewegliche Geschäftigkeit der

Anderen, der unbewußte Ausdruck der zwölf oder dreizehn Gesichter

gibt der Darstellung den wunderbarsten Reiz. Unwillkürlich gerät man

in Versuchung, Charakterstudien zu machen, und ist erstaunt, welche

Fülle von Individualitäten der Künstler in diesem einen Bilde gibt.

Freilich muß man lesen können in Menschengesichtern, wird dann aber

von diesem Bilde die Überzeugung mitnehmen, daß sein Urheber den

Menschen, die er dargestellt, bis ins Herz gesehen hat. Dieselbe

vollendete Natürlichkeit zeigen die „Invaliden im Lotsenhause“ (Abb.

5). Dieses ruhige Herumsitzen in dem hohen verräucherten Raume um den

qualmenden Kamin, halb nachdenklich, halb gedankenlos, entspricht auf

das Vollkommenste dem Wesen der Männer, die gewohnt sind, wortlos

ihre Pflicht zu thun. Auch hier wieder wirkliche Menschen, nicht

bloße Typen, und das Rot in den Hemden der bedächtig ihre Thonpfeife

rauchenden Seeleute mit ihren sonderbaren hohen Hüten von feinster

malerischer Wirkung zwischen Schwarz und Braun.

[Illustration: Abb. 19. +Ölstudie+ zu den „Klöpplerinnen“ (1881

Venedig).]

[Illustration: Abb. 20. +Schusterwerkstatt+ (1881). In der königl.

Nationalgalerie zu Berlin.]

Liebermanns Thätigkeit in Paris und Barbizon gipfelt in dem bald als

„Arbeiter im Rübenfelde“, bald als „Im Runkelpark“ bezeichneten großen

Bilde (Abb. 7), das als eines seiner Hauptwerke gilt. Der geistige

Vater dieses Bildes ist ja wohl ohne Zweifel Millet, aber doch nur

insoweit, als der junge Berliner durch diesen großen Künstler auf die

wirksame Verbindung und den geistigen Zusammenhang von Mensch und

Landschaft hingewiesen wurde. Die Anekdote, von der bis zum Erscheinen

Millets das Bauernbild seine Daseinsberechtigung hergenommen, war

für Liebermann von vornherein ein überwundener Standpunkt, und ehe

er Bilder Millets gesehen, war die Darstellung arbeitender Menschen

das, was ihn künstlerisch gereizt hatte. Nun gewann der Mensch als

Erscheinung in der Natur für ihn eine tiefere Bedeutung. Sein Gefühl

für das Verhältnis der Erscheinung zu ihrer Umgebung erfuhr durch das

Beispiel des bewunderten Meisters die erwünschte Bekräftigung. Auch das

in Barbizon entstandene Bild ist noch sehr dunkel, von einer schweren,

mehr an Courbet als an Millet erinnernden Farbe; aber in der Landschaft

und in der Beleuchtung kündigt sich schon ein Neues an. Ungehindert

schweift der Blick an ein paar Bäumen vorbei über weite Felder bis zu

der hoch gelegenen, von den Gestalten der im Vordergrunde thätigen

Arbeiter nicht überschnittenen Horizontlinie. Sechs Weiber und drei

Männer schaufeln, jäten und graben auf dem Acker. Zwei der Weiber

ruhen, auf ihre Hacken gestützt, aus. In den Figuren ist jede Art von

Bewegung dargestellt, die die Feldarbeit erfordert, so daß die mit

Ausnahme eines weiter vorgerückten Weibes in einer Reihe Arbeitenden

für die Betrachtung reiche Abwechselung bieten. Vielleicht aber ist

dieses Werk das einzige Liebermanns, bei dem man einen gewissen Mangel

an Frische und Unmittelbarkeit nachweisen könnte. Es zeigt des Malers

ganzes großes Können, aber es hat weniger Natürlichkeit als seine

sonstigen Bilder. Die Figuren sind zu nahe bei einander, und einige

posieren, was bei Liebermann sonst nie vorkommt. Das Programmatische

stört. Unter der Wirkung von Millet stehen auch zwei größere Skizzen,

die je einen Mann und eine Frau in einem Kartoffelacker arbeitend

zeigen. Hinter beiden Figuren sieht man dieselbe braunbewachsene

Böschung, über beiden den gleichen grauen Oktoberhimmel. Die

außerordentliche Einfachheit des Motives, die wenigen Farben bringen

diese Studien ähnlichen Schöpfungen des Meisters von Barbizon ganz

nahe. Aber schon in den „Geschwistern“ (Abb. 8) ist Liebermann wieder

frei von allen Erinnerungen und ganz er selbst. Wie ausgezeichnet ist

die Haltung und Bewegung des halbwüchsigen Mädchens gesehen, dem die

Last des kleinen Bruders zu schwer geworden, und das sich das Gewicht

zu erleichtern sucht, indem es das linke Knie hochzieht und damit das

Kind stützt! Ein Lichtstrahl, der den Kopf des Mädchens streift und

das Gesicht des Kindes voll beleuchtet, gibt Modellierung und farbige

Gegensätze. Die Annäherung an Franz Hals spürt man bei den Schöpfungen

dieser Zeit wohl am lebhaftesten bei dem Bilde „Mutter und Kind“ (Abb.

10), das schon ins Monumentale gesteigerte Intimität verrät und mit

einer geradezu verblüffenden Kraft und Breite hingestrichen ist.

Es spricht für die außerordentliche Beweglichkeit des Künstlers, daß er

nach dieser großzügigen Leistung sich einem Motiv zuwendet, das ganz

andere Ansprüche an ihn stellt und Fröhlichkeit und Liebenswürdigkeit

verlangt, um zu wirken; aber das Gebiet der Kinderdarstellung war schon

in den beiden letzten Bildern beschritten, und die Schilderung einer

„Kleinkinderschule in Amsterdam“ bot dem Künstler eine sehr dankbare

Aufgabe. Wer hätte dem Naturalisten Liebermann dieses offene Auge für

Kinderschönheit und Anmut zugetraut? Gegen diese hübschen, frischen,

naiven Mädchen und Bübchen, die sich mit der ganzen Unbefangenheit

wirklicher Kinder belustigen, hier miteinander plaudern, dort mit

großgeöffneten Augen der Erzählung einer Größeren lauschen, da Schreib-

und Malversuche machen oder zusehen, wie ein kleiner Hungriger

gelabt wird, wirken die meisten von Knaus gemalten Kinder geziert

und konventionell. Das Heitere und Bezaubernde der unschuldsvollen

Menschenblüten wird noch gehoben durch einen Gegensatz, durch die

Anwesenheit der alten und runzligen Herrscherin in diesem Reich,

die neben dem Kinderschulbänkchen auf einem erhöhten Sitz vor ihrem

Nähtisch sitzt und gedankenlos, das Geschwätz der Kleinen im Ohr, einen

Strumpf strickt. Und lustig wie die Kinder und hell wie der Tag, der

ins Zimmer hineinscheint, sind die Farben des Bildes, Weiß und Rosa,

Himmelblau und Rot. Der Maler sorgengefurchter Gesichter, zerarbeiteter

Hände, gebeugter Rücken und des hoffnungslosen Alters weiß auch

den Sonnenschein des Lebens, lachende Augen und blonde Kinderköpfe

darzustellen.

[Illustration: Abb. 21. +Studie+ zur „Schusterwerkstatt“.]

[Illustration: Abb. 22. +Der Hof des Waisenhauses in Amsterdam+ (1881).

Im Besitz des Städelschen Kunstinstituts zu Frankfurt am Main.]

[Illustration: Abb. 23. +Studie+ zu einem holländischen Waisenmädchen

(1881).]

Zwischen diesen Bildern des Lebens kann der „Jesus unter den

Schriftgelehrten“ (Abb. 11) nur als ein Intermezzo angesehen werden,

als ein Versuch des Künstlers, nachzuprüfen, ob sich seine Art mit

einem außerhalb der Malerei als solcher liegenden Gedanken verbinden

lasse. Auch als „Rückfall in die Menzelperiode“ hat man diesen Jesus

Liebermanns bezeichnet; aber mit der denselben Stoff behandelnden

Lithographie Menzels verbindet ihn nur die rationalistische Auffassung,

nicht die künstlerische. Menzel hätte nie gewagt, unwissenschaftlich

zu sein, um wahrer zu wirken. Während Menzels Jesus als ein

geistreich blickender Judenknabe mit der traditionellen Aureole

unter stattlichen, in reiche Gewänder gehüllten jüdischen Gelehrten

in einer Tempelhalle steht und seine Mutter in der Idealkleidung

der Marien herbeieilt, ist Liebermanns Jesus ein flinker, kleiner,

schlecht gewachsener, wie ein Händler mit den Händen gestikulierender

Judenjunge, die Gelehrten gleichen ehrbaren, polnischen Juden im

Gebetsmantel und Ort der Handlung ist irgend eine kleinstädtische

Synagoge. Man kann ohne weiteres zugeben, daß für den Christusknaben

sich leicht ein sympathischeres jüdisches Modell hätte finden lassen;

aber Liebermann hat wohl kaum die Absicht gehabt, einen neuen Typus

des jugendlichen Christus in die Welt zu setzen, ihm lag wohl mehr

daran, das Dramatische des Vorganges zum Ausdruck zu bringen. Wie

der Junge lebhaft und eindringlich und klug redet und die Männer

zuhören und über das Gehörte nachdenken und staunen, ist niemals

überzeugender, der Vorgang selbst niemals konzentrierter geschildert

worden. Menzel brauchte für seinen Jesus die Aureole, weil er sonst

unter den stattlichen Gestalten der Schriftgelehrten verschwunden

wäre; bei Liebermann ist der kleine unscheinbare Junge der natürliche

Mittelpunkt alles Geschehens auf dem Bilde, und als Malerei kann es

dieses Werk wohl mit fast allen Bildern aufnehmen, die dasselbe Thema

behandeln. Liebermanns „Jesus“ gehört heute Fritz von Uhde, der in

seinen Christusbildern Ähnliches gewollt, viel mehr Rücksicht auf

die Empfindungen der Allgemeinheit genommen, aber dafür auch niemals

die steile künstlerische Höhe erreicht hat, die der Berliner Maler in

dieser vielgeschmähten Schöpfung zeigt.

[Illustration: Abb. 24. +Die Bleiche+ (1882). Im Privatbesitz in

Frankfurt am Main.]

Vor sich selbst und seinen Freunden glich Liebermann diesen Mißerfolg

bei dem großen Publikum mit einem Bilde aus, das zu seinen kostbarsten

Schöpfungen gehört, mit nichts auf der Welt, als mit sich selbst,

verglichen werden kann und den jungen Künstler im Auslande als den

bedeutendsten Vertreter der deutschen Kunst erscheinen ließ, mit dem

„Altmännerhaus in Amsterdam“ (Abb. 14). Mag auch das Prinzip Millets:

„~Mettre l’homme vrai dans son milieu vrai~“ bei der Wahl des Stoffes

mitbestimmend gewirkt haben -- Millet hätte dieses Bild schwerlich

gemalt, schwerlich malen können, und ebensowenig würde Menzel imstande

gewesen sein, eine an sich so wenig äußerliches Interesse bietende

Wirklichkeit künstlerisch so interessant zu gestalten. In dem

„Altmännerhaus“ künden sich ferner neue luminaristische Bestrebungen

an, die für Liebermanns künftiges Schaffen von besonderer Bedeutung

werden. Man sieht in den hinten von einem Laubengange abgeschlossenen

Garten des „Oude Mannenhuis“. In einer schattigen Allee sind zu beiden

Seiten Bänke aufgestellt, auf denen sitzend die Insassen des Hauses den

schönen Tag genießen. Alte würdige Herren, denen die schwarze Kleidung

und die weiße Binde den Anschein des Wohlgestelltseins gibt. Die

Anstaltsmütze auf den greisen Köpfen sitzen sie bei einander, brüten

vor sich hin, rauchen mit Behagen ihre langen Pfeifen, reden mit dem

Nachbar, lesen Zeitung oder lassen sich von der Sonne bescheinen. Ein

paar von ihnen stehen, andere schreiten in dem Laubengange auf und

nieder. Über den Platanen und Kastanien des Gartens steht leuchtend

die warme Sonne und sendet ihre goldenen Strahlen durch das grüne

Laubdach. Lustig hüpfen sie über die alten Gesichter, die welken Hände,

die schwarzen Röcke der Männer, über den sauberen Kiesweg zu ihren

Füßen. Wie eine Stätte des Friedens, wohin der Lärm des Lebens, seine

Sorgen und Enttäuschungen nicht mehr dringen, liegt der Garten da.

Die auf den Bänken haben abgeschlossen mit dem Dasein; aber der milde

Sommertag thut ihnen wohl, und seine goldene Sonne zaubert den Schein

des Glückes um ihre greisen Häupter. Ein prächtiges, versöhnliches

Bild. Von ähnlicher innerlicher und äußerlicher Schönheit ist die

„Alte Frau am Fenster“ (Abb. 16), die so ganz in das Stopfen ihrer

Strümpfe vertieft ist, daß sie den hellen sonnigen Frühlingstag vor dem

kleinen Fenster ihres armseligen Zimmerchens nicht sieht. Sanft gleitet

das Tageslicht über ihre große weiße Haube, das von tausend Fältchen

durchzogene Gesicht und die alten steifen Hände. Man bemerkt schon, daß

sie eine arme Frau ist, aber Niemand wird verleitet, sie für besonders

bedauernswert zu halten. Sie ist weder mit den Augen eines Mitleidigen,

noch mit denen eines Spötters gesehen. Das ist das Leben, das Schwerste

und das Selbstverständlichste in einer Erscheinung. Anstatt unser

Gefühl für die bedürftige Armut anzurufen, läßt Liebermann sie arbeiten

und zeigt, wie selbst in der traurigsten Hütte die Natur für den, der

sehen kann, tausend Schönheiten ausbreitet. Seit Pieter de Hooch ist

ein holländisches Interieur nicht feiner gemalt worden, wenigstens

nicht mit mehr Empfindung für den Zauber des Lichtes im Raume. Ohne

einem alten Meister nachzugehen, erreicht Liebermann hier dasselbe, wie

jener, durch die sorgfältige Beobachtung der Natur, und was wichtiger

ist, ihrer malerischen Zustände. Nichts von Übernommenem in diesem

Bilde, jeder Pinselstrich die Niederschrift eines Erlebnisses vor der

Natur.

[Illustration: Abb. 25. +Holländisches Interieur+ (1882).]

[Illustration: Abb. 26. +Kinderspielplatz im Berliner Tiergarten+

(1882) [unvollendet]. Im Privatbesitz in Berlin.]

Liebermann · 第 1 / 7 段