den juengsten Bestandteilen der roemischen Vorgeschichte zu gehoeren.

--------------------------------------- ^5 Diese Richtung der Sage

erhellt deutlich aus dem aelteren Plinius (nat. 36, 15, 100). ^6 Man

rechnete, wie es scheint, drei Geschlechter auf ein Jahrhundert und

rundete die Ziffer 233 1/3 auf 240 ab, aehnlich wie die Epoche zwischen

der Koenigsflucht und dem Stadtbrand auf 120 Jahre abgerundet ward.

Wodurch man gerade auf diese Zahlen gefuehrt ward, zeigt zum

Beispiel die oben eroerterte Feststellung des Flaechenmasses.

-------------------------------------- Analog diesen Anfaengen der

Gemeinde sind auch die Stammbaeume der edlen Geschlechter in aehnlicher

Weise vervollstaendigt und in beliebter heraldischer Manier durchgaengig

auf erlauchte Ahnen zurueckgefuehrt worden; wie denn zum Beispiel die

Aemilier, Calpurnier, Pinarier und Pomponier von den vier Soehnen des

Numa: Mamercus, Calpus, Pinus und Pompo, die Aemilier ueberdies noch von

dem Sohne des Pythagoras Mamercus, der "Wohlredende" (aim?los) genannt,

abstammen wollten. Dennoch darf trotz der ueberall hervortretenden

hellenischen Reminiszenzen diese Vorgeschichte der Gemeinde wie der

Geschlechter wenigstens relativ eine nationale genannt werden, insofern

sie teils in Rom entstanden, teils ihre Tendenz zunaechst nicht darauf

gerichtet ist, eine Bruecke zwischen Rom und Griechenland, sondern eine

Bruecke zwischen Rom und Latium zu schlagen. Es war die hellenische

Erzaehlung und Dichtung, welche jener anderen Aufgabe sich unterzog. Die

hellenische Sage zeigt durchgaengig das Bestreben, mit der allmaehlich

sich erweiternden geographischen Kunde Schritt zu halten und mit Hilfe

ihrer zahllosen Wander- und Schiffergeschichten eine dramatisierte

Erdbeschreibung zu gestalten. Indes verfaehrt sie dabei selten naiv.

Ein Bericht wie der des aeltesten Rom erwaehnenden griechischen

Geschichtswerkes, der sizilischen Geschichte des Antiochos von Syrakus

(geschlossen 330 424): dass ein Mann namens Sikelos aus Rom nach Italia,

das heisst nach der brettischen Halbinsel gewandert sei - ein solcher,

einfach die Stammverwandtschaft der Roemer, Siculer und Brettier

historisierender und von aller hellenisierenden Faerbung freier Bericht

ist eine seltene Erscheinung. Im ganzen ist die Sage, und je spaeter

desto mehr, beherrscht von der Tendenz, die ganze Barbarenwelt

darzustellen als von den Griechen entweder ausgegangen oder doch

unterworfen; und frueh zog sie in diesem Sinn ihre Faeden auch ueber den

Westen. Fuer Italien sind weniger die Herakles- und Argonautensage

von Bedeutung geworden, obwohl bereits Hekataeos (+ nach 257 497) die

Saeulen des Herakles kennt und die Argo aus dem Schwarzen Meer in den

Atlantischen Ozean, aus diesem in den Nil und zurueck in das Mittelmeer

fuehrt, als die an den Fall Ilions anknuepfenden Heimfahrten. Mit

der ersten aufdaemmernden Kunde von Italien beginnt auch Diomedes

im Adriatischen, Odysseus im Tyrrhenischen Meer zu irren, wie denn

wenigstens die letztere Lokalisierung schon der Homerischen Fassung

der Sage nahe genug lag. Bis in die Zeiten Alexanders hinein haben die

Landschaften am Tyrrhenischen Meer in der hellenischen Fabulierung zum

Gebiet der Odysseussage gehoert; noch Ephoros, der mit dem Jahre 414

(340) schloss, und der sogenannte Skylax (um 418 336) folgen wesentlich

dieser. Von troischen Seefahrten weiss die ganze aeltere Poesie nichts;

bei Homer herrscht Aeneas nach Ilions Fall ueber die in der Heimat

zurueckbleibenden Troer. Erst der grosse Mythenwandler Stesichoros

(122-201 632-553) fuehrte in seiner 'Zerstoerung Ilions' den Aeneas in

das Westland, um die Fabelwelt seiner Geburts- und seiner Wahlheimat,

Siziliens und Unteritaliens, durch den Gegensatz der troischen Helden

gegen die hellenischen poetisch zu bereichern. Von ihm ruehren die

seitdem feststehenden dichterischen Umrisse dieser Fabel her, namentlich

die Gruppe des Helden, wie er mit der Gattin und dem Soehnchen und

dem alten, die Hausgoetter tragenden Vater aus dem brennenden

Ilion davongeht, und die wichtige Identifizierung der Troer mit den

sizilischen und italischen Autochthonen, welche besonders in dem

troischen Trompeter Misenos, dem Eponymos des Misenischen Vorgebirges,

schon deutlich hervortritt ^7. Den alten Dichter leitete dabei das

Gefuehl, dass die italischen Barbaren den Hellenen minder fern als

die uebrigen standen und das Verhaeltnis der Hellenen und der Italiker

dichterisch angemessen dem der homerischen Achaeer und Troer gleich

gefasst werden konnte. Bald mischt sich denn diese neue Troerfabel mit

der aelteren Odysseussage, indem sie zugleich sich weiter ueber Italien

verbreitet. Nach Hellanikos (schrieb um 350 400) kamen Odysseus und

Aeneas durch die thrakische und molottische (epeirotische) Landschaft

nach Italien, wo die mitgefuehrten troischen Frauen die Schiffe

verbrennen und Aeneas die Stadt Rom gruendet und sie nach dem Namen

einer dieser Troerinnen benennt; aehnlich, nur minder unsinnig,

erzaehlte Aristoteles (370- 432 384-322), dass ein achaeisches, an die

latinische Kueste verschlagenes Geschwader von den troischen Sklavinnen

angezuendet worden und aus den Nachkommen der also zum Dableiben

genoetigten achaeischen Maenner und ihrer troischen Frauen die Latiner

hervorgegangen seien. Damit mischten denn auch sich Elemente der

einheimischen Sage, wovon der rege Verkehr zwischen Sizilien und

Italien wenigstens gegen das Ende dieser Epoche schon die Kunde bis nach

Sizilien verbreitet hatte; in der Version von Roms Entstehung, welche

der Sizilianer Kallias um 465 (289) aufzeichnete, sind Odysseus-,

Aeneas- und Romulusfabeln ineinandergeflossen ^8. Aber der eigentliche

Vollender der spaeter gelaeufigen Fassung dieser Troerwanderung ist

Timaeos von Tauromenion auf Sizilien, der sein Geschichtswerk 492 (262)

schloss. Er ist es, bei dem Aeneas zuerst Lavinium mit dem Heiligtum

der troischen Penaten und dann erst Rom gruendet; er muss auch schon die

Tyrerin Elisa oder Dido in die Aeneassage eingeflochten haben, da bei

ihm Dido Karthagos Gruenderin ist und Rom und Karthago ihm in demselben

Jahre erbaut heissen. Den Anstoss zu diesen Neuerungen gaben, neben

der eben zu der Zeit und an dem Orte, wo Timaeos schrieb, sich

vorbereitenden Krise zwischen den Roemern und den Karthagern, offenbar

gewisse nach Sizilien gelangte Berichte ueber latinische Sitten und

Gebraeuche; im wesentlichen aber kann die Erzaehlung nicht von Latium

heruebergenommen, sondern nur die eigene nichtsnutzige Erfindung der

alten "Sammelvettel" gewesen sein. Timaeos hatte von dem uralten Tempel

der Hausgoetter in Lavinium erzaehlen hoeren; aber dass diese den

Lavinaten als die von den Aeneiaden aus Ilion mitgebrachten Penaten

gaelten, hat er ebenso sicher von dem Seinigen hinzugetan, wie die

scharfsinnige Parallele zwischen dem roemischen Oktoberross und dem

Trojanischen Pferde und die genaue Inventarisierung der lavinischen

Heiligtuemer - es waren, sagt der wuerdige Gewaehrsmann, Heroldstaebe

von Eisen und Kupfer und ein toenerner Topf troischer Fabrik! Freilich

durften eben die Penaten noch Jahrhunderte spaeter durchaus von keinem

geschaut werden; aber Timaeos war einer von den Historikern, die ueber

nichts so genau Bescheid wissen als ueber unwissbare Dinge. Nicht mit

Unrecht riet Polybios, der den Mann kannte, ihm nirgend zu trauen, am

wenigsten aber da, wo er - wie hier - sich auf urkundliche Beweisstuecke

berufe. In der Tat war der sizilische Rhetor, der das Grab des

Thukydides in Italien zu zeigen wusste und der fuer Alexander kein

hoeheres Lob fand, als dass er schneller mit Asien fertig geworden sei

als Isokrates mit seiner 'Lobrede', vollkommen berufen, aus der naiven

Dichtung der aelteren Zeit den wuesten Brei zu kneten, welchem das

Spiel des Zufalls eine so seltsame Zelebritaet verliehen hat.

---------------------------------------------------- ^7 Auch die

troischen Kolonien" auf Sizilien, die Thukydides, Pseudoskylax und

andere nennen, sowie die Bezeichnung Capuas als einer troischen

Gruendung bei Hekataeos werden auf Stesichoros und auf dessen

Identifizierung der italischen und sizilischen Eingeborenen mit den

Troern zurueckgehen. ^8 Nach ihm vermaehlte sich eine aus Ilion nach Rom

gefluechtete Frau Rome oder vielmehr deren gleichnamige Tochter mit dem

Koenig der Aboriginer Latinos und gebar ihm drei Soehne, Romos, Romylos

und Telegonos. Der letzte, der ohne Zweifel hier als Gruender von

Tusculum und Praeneste auftritt, gehoert bekanntlich der Odysseussage

an. -------------------------------------------------- Inwieweit die

hellenische Fabulierung ueber italische Dinge, wie sie zunaechst in

Sizilien entstand, schon jetzt in Italien selbst Eingang gefunden

hat, ist nicht mit Sicherheit zu bestimmen. Die Anknuepfungen an

den odysseischen Kreis, welche spaeterhin in den Gruendungssagen von

Tusculum, Praeneste, Antium, Ardea, Cortona begegnen, werden wohl

schon in dieser Zeit sich angesponnen haben; und auch der Glaube an die

Abstammung der Roemer von Troern oder Troerinnen musste schon am Schluss

dieser Epoche in Rom feststehen, da die erste nachweisliche Beruehrung

zwischen Rom und dem griechischen Osten die Verwendung des Senats fuer

die "stammverwandten" Ilier im Jahre 472 (282) ist. Dass aber dennoch

die Aeneasfabel in Italien verhaeltnismaessig jung ist, beweist ihre im

Vergleich mit der odysseischen hoechst duerftige Lokalisierung; und die

Schlussredaktion dieser Erzaehlungen sowie ihre Ausgleichung mit der

roemischen Ursprungssage gehoert auf jeden Fall erst der Folgezeit an.

Waehrend also bei den Hellenen die Geschichtschreibung, oder was so

genannt ward, sich um die Vorgeschichte Italiens in ihrer Art bemuehte,

liess sie in einer fuer den gesunkenen Zustand der hellenischen Historie

ebenso bezeichnenden wie fuer uns empfindlichen Weise die gleichzeitige

italische Geschichte so gut wie vollstaendig liegen. Kaum dass

Theopomp von Chios (schloss 418 336) der Einnahme Roms durch die

Kelten beilaeufig gedachte und Aristoteles, Kleitarchos, Theophrastos,

Herakleides von Pontos (+ um 450 300) einzelne Rom betreffende

Ereignisse gelegentlich erwaehnten; erst mit Hieronymos von Kardia,

der als Geschichtschreiber des Pyrrhos auch dessen italische Kriege

erzaehlte, wird die griechische Historiographie zugleich Quelle fuer die

roemische Geschichte. Unter den Wissenschaften empfing die Jurisprudenz

eine unschaetzbare Grundlage durch die Aufzeichnung des Stadtrechts in

den Jahren 303, 304 (451, 450). Dieses unter dem Namen der Zwoelf Tafeln

bekannte Weistum ist wohl das aelteste roemische Schriftstueck, das

den Namen eines Buches verdient. Nicht viel juenger mag der Kern

der sogenannten "koeniglichen Gesetze" sein, das heisst gewisser,

vorzugsweise sakraler Vorschriften, die auf Herkommen beruhten und

wahrscheinlich von dem Kollegium der Pontifices, das zur Gesetzgebung

nicht, wohl aber zur Gesetzweisung befugt war, unter der Form

koeniglicher Verordnungen zu allgemeiner Kunde gebracht wurden.

Ausserdem sind vermutlich schon seit dem Anfang dieser Periode wenn

nicht die Volks-, so doch die wichtigsten Senatsbeschluesse regelmaessig

schriftlich verzeichnet worden; wie denn ueber deren Aufbewahrung

bereits in den fruehesten staendischen Kaempfen mitgestritten ward.

Waehrend also die Masse der geschriebenen Rechtsurkunden sich mehrte,

stellten auch die Grundlagen einer eigentlichen Rechtswissenschaft sich

fest. Sowohl den jaehrlich wechselnden Beamten als den aus dem Volke

herausgegriffenen Geschworenen war es Beduerfnis, an sachkundige

Maenner sich wenden zu koennen, welche den Rechtsgang kannten und nach

Praezedentien oder in deren Ermangelung nach Gruenden eine Entscheidung

an die Hand zu geben wussten. Die Pontifices, die es gewohnt waren,

sowohl wegen der Gerichtstage als wegen aller auf die Goetterverehrung

bezueglichen Bedenken und Rechtsakte vom Volke angegangen zu werden,

gaben auch in anderen Rechtspunkten auf Verlangen Ratschlaege und

Gutachten ab und entwickelten so im Schoss ihres Kollegiums die

Tradition, die dem roemischen Privatrecht zugrunde liegt, vor allem die

Formeln der rechten Klage fuer jeden einzelnen Fall. Ein Spiegel,

der all diese Klagen zusammenfasste, nebst einem Kalender, der die

Gerichtstage angab, wurde um 450 (300) von Appius Claudius oder von

dessen Schreiber Gnaeus Flavius dem Volk bekanntgemacht. Indes

dieser Versuch, die ihrer selbst noch nicht bewusste Wissenschaft zu

formulieren, steht fuer lange Zeit gaenzlich vereinzelt da. Dass die

Kunde des Rechtes und die Rechtweisung schon jetzt ein Mittel war,

dem Volk sich zu empfehlen und zu Staatsaemtern zu gelangen, ist

begreiflich, wenn auch die Erzaehlung, dass der erste plebejische

Pontifex Publius Sempronius Sophus (Konsul 450 304) und der erste

plebejische Oberpontifex Tiberius Coruncanius (Konsul 474 280) diese

Priesterehren ihrer Rechtskenntnis verdankten, wohl eher Mutmassung

Spaeterer ist als Ueberlieferung. Dass die eigentliche Genesis der

lateinischen und wohl auch der anderen italischen Sprachen vor diese

Periode faellt und schon zu Anfang derselben die lateinische Sprache im

wesentlichen fertig war, zeigen die freilich durch ihre halb muendliche

Tradition stark modernisierten Bruchstuecke der Zwoelf Tafeln, welche

wohl eine Anzahl veralteter Woerter und schroffer Verbindungen,

namentlich infolge der Weglassung des unbestimmten Subjekts, aber

doch keineswegs, wie das Arvalied, wesentliche Schwierigkeiten des

Verstaendnisses darbieten und weit mehr mit der Sprache Catos als mit

der der alten Litaneien uebereinkommen. Wenn die Roemer im Anfang des

siebenten Jahrhunderts Muehe hatten, Urkunden des fuenften zu verstehen,

so kam dies ohne Zweifel nur daher, dass es damals in Rom noch keine

eigentliche Forschung, am wenigsten eine Urkundenforschung gab. Dagegen

wird in dieser Zeit der beginnenden Rechtweisung und Gesetzesredaktion

auch der roemische Geschaeftsstil zuerst sich festgestellt haben,

welcher, wenigstens in seiner entwickelten Gestalt, an feststehenden

Formeln und Wendungen, endloser Aufzaehlung der Einzelheiten und

langatmigen Perioden der heutigen englischen Gerichtssprache nichts

nachgibt und sich dem Eingeweihten durch Schaerfe und Bestimmtheit

empfiehlt, waehrend der Laie je nach Art und Laune mit Ehrfurcht,

Ungeduld oder Aerger nichtsverstehend zuhoert. Ferner begann in dieser

Epoche die rationelle Behandlung der einheimischen Sprachen. Um

den Anfang derselben drohte, wie wir sahen, das sabellische wie das

latinische Idiom sich zu barbarisieren und griff die Verschleifung

der Endungen, die Verdumpfung der Vokale und der feineren Konsonanten

aehnlich um sich wie im fuenften und sechsten Jahrhundert unserer

Zeitrechnung innerhalb der romanischen Sprachen. Hiergegen trat aber

eine Reaktion ein: im Oskischen werden die zusammengefallenen Laute

d und r, im Lateinischen die zusammengefallenen Laute g und k wieder

geschieden und jeder mit seinem eigenen Zeichen versehen; o und u,

fuer die es im oskischen Alphabet von Haus aus an gesonderten Zeichen

gemangelt hatte und die im Lateinischen zwar urspruenglich geschieden

waren, aber zusammenzufallen drohten, traten wieder auseinander, ja im

Oskischen wird sogar das i in zwei lautlich und graphisch verschiedene

Zeichen aufgeloest; endlich schliesst die Schreibung sich der Aussprache

wieder genauer an, wie zum Beispiel bei den Roemern vielfaeltig s durch

r ersetzt ward. Die chronologischen Spuren fuehren fuer diese Reaktion

auf das fuenfte Jahrhundert; das lateinische g zum Beispiel war um das

Jahr 300 (450) noch nicht, wohl aber um das Jahr 500 (250) vorhanden;

der erste des Papirischen Geschlechts, der sich Papirius statt Papisius

nannte, war der Konsul des Jahres 418 (336); die Einfuehrung jenes r

anstatt des s wird dem Appius Claudius, Zensor 442 (312) beigelegt.

Ohne Zweifel steht die Zurueckfuehrung einer feineren und schaerferen

Aussprache im Zusammenhang mit dem steigenden Einfluss der griechischen

Zivilisation, welcher eben in dieser Zeit sich auf allen Gebieten des

italischen Wesens bemerklich macht; und wie die Silbermuenzen von Capua

und Nola weit vollkommener sind als die gleichzeitigen Asse von Ardea

und Rom, so scheint auch Schrift und Sprache rascher und vollstaendiger

sich im kampanischen Lande reguliert zu haben als in Latium. Wie wenig

trotz der darauf gewandten Muehe die roemische Sprache und Schreibweise

noch am Schlusse dieser Epoche festgestellt war, beweisen die aus

dem Ende des fuenften Jahrhunderts erhaltenen Inschriften, in denen

namentlich in der Setzung oder Weglassung von m, d und s im Auslaut

und n im Inlaut und in der Unterscheidung der Vokale o u und e i die

groesste Willkuer herrscht ^9; es ist wahrscheinlich, dass gleichzeitig

die Sabeller hierin schon weiter waren, waehrend die Umbrer von dem

regenerierenden hellenischen Einfluss nur wenig beruehrt worden sind.

----------------------------------------------------- ^9 In den beiden

Grabschriften des Lucius Scipio, Konsul 456 (298), und des gleichnamigen

Konsuls vom Jahre 495 (259) fehlen m und d im Auslaut der Beugungen

regelmaessig, doch findet sich einmal Luciom und einmal Gnaivod; es

steht nebeneinander im Nominativ Cornelio und filios; cosol, cesor und

consol censor; aidiles, dedet, ploirume (= plurimi), hec (Nom.

Sing.) neben aidilis, cepit, quei, hic. Der Rhotazismus ist bereits

vollstaendig durchgefuehrt; man findet duonoro (= bonorum),

ploirume, nicht wie im saliarischen Liede foedesum, plusima. Unsere

inschriftlichen Ueberreste reichen ueberhaupt im allgemeinen nicht ueber

den Rhotazismus hinauf; von dem aelteren s begegnen nur einzelne

Spuren, wie noch spaeterhin honos, labos neben honor und labor und

die aehnlichen Frauenvornamen Maio (maios, maior) und Mino auf

neu gefundenen Grabschriften von Praeneste.

---------------------------------------------------- Durch diese

Steigerung der Jurisprudenz und Grammatik muss auch der elementare

Schulunterricht, der an sich wohl schon frueher aufgekommen war, eine

gewisse Steigerung erfahren haben. Wie Homer das aelteste griechische,

die Zwoelf Tafeln das aelteste roemische Buch waren, so wurden auch

beide in ihrer Heimat die wesentliche Grundlage des Unterrichts und das

Auswendiglernen des juristisch-politischen Katechismus ein Hauptstueck

der roemischen Kindererziehung. Neben den lateinischen "Schreibmeistern"

(litteratores) gab es natuerlich, seit die Kunde des Griechischen

fuer jeden Staats- und Handelsmann Beduerfnis war, auch griechische

Sprachlehrer (grammatici ^10), teils Hofmeister-Sklaven, teils

Privatlehrer, die in ihrer Wohnung oder in der des Schuelers Anweisung

zum Lesen und Sprechen des Griechischen erteilten. Dass wie im

Kriegswesen und bei der Polizei so auch bei dem Unterricht der Stock

seine Rolle spielte, versteht sich von selbst ^11. Die elementare Stufe

indes kann der Unterricht dieser Zeit noch nicht ueberstiegen haben;

es gab keine irgend wesentliche soziale Abstufung zwischen dem

unterrichteten und dem nichtunterrichteten Roemer. Dass die Roemer in

den mathematischen und mechanischen Wissenschaften zu keiner Zeit

sich ausgezeichnet haben, ist bekannt und bewaehrt sich auch fuer die

gegenwaertige Epoche an dem fast einzigen Faktum, welches mit Sicherheit

hierhergezogen werden kann, der von den Dezemvirn versuchten Regulierung

des Kalenders. Sie wollten den bisherigen, auf der alten, hoechst

unvollkommenen Trieteris beruhenden vertauschen mit dem damaligen

attischen der Oktaeteris, welcher den Mondmonat von 29« Tagen

beibehielt, das Sonnenjahr aber statt auf 368_ a vielmehr auf 365¬ Tage

ansetzte und demnach bei unveraenderter gemeiner Jahrlaenge von 354

Tagen nicht, wie frueher, auf je vier Jahre 59, sondern auf je acht

Jahre 90 Tage einschaltete. In demselben Sinne beabsichtigten die

roemischen Kalenderverbesserer unter sonstiger Beibehaltung des

geltenden Kalenders in den zwei Schaltjahren des vierjaehrigen Zyklus

nicht die Schaltmonate, aber die beiden Februare um je sieben Tage zu

verkuerzen, also diesen Monat in den Schaltjahren statt zu 29 und 28 zu

22 und 21 Tagen anzusetzen. Allein mathematische Gedankenlosigkeit und

theologische Bedenken, namentlich die Ruecksicht auf das eben in die

betreffenden Februartage fallende Jahrfest des Terminus, zerruetteten

die beabsichtigte Reform in der Art, dass der Schaltjahrfebruar vielmehr

24- und 23taegig ward, also das neue roemische Sonnenjahr in der Tat auf

366¬ Tag auskam. Einige Abhilfe fuer die hieraus folgenden praktischen

Uebelstaende ward darin gefunden, dass, unter Beseitigung der bei den

jetzt so ungleich gewordenen Monaten nicht mehr anwendbaren Rechnung

nach Monaten oder Zehnmonaten des Kalenders, man sich gewoehnte, wo es

auf genauere Bestimmungen ankam, nach Zehnmonatfristen eines Sonnenjahrs

von 365 Tagen oder dem sogenannten zehnmonatlichen Jahre von 304 Tagen

zu rechnen. ueberdies kam besonders fuer baeuerliche Zwecke der auf

das aegyptische 365¬taegige Sonnenjahr von Eudoxos (blueht 386

368) gegruendete Bauernkalender auch in Italien frueh in Gebrauch.

------------------------------------------- ^10 Litterator und

grammaticus verhalten sich ungefaehr wie Lehrer und Maitre; die letztere

Benennung kommt nach dem aelteren Sprachgebrauch nur dem Lehrer des

Griechischen, nicht dem der Muttersprache zu. Litteratus ist juenger und

bezeichnet nicht den Schulmeister, sondern den gebildeten Mann. ^11

Es ist doch wohl ein roemisches Bild, was Plautus (Bacch. 431) als ein

Stueck der guten alten Kindererziehung anfuehrt: wenn nun du darauf nach

Hause kamst, In dem Jaeckchen auf dem Schemel sassest du zum Lehrer hin;

Und wenn dann das Buch ihm lesend eine Silbe du gefehlt, Faerbte

deinen Buckel er dir bunt wie einen Kinderlatz.

------------------------------------------- Einen hoeheren Begriff von

dem, was auch in diesen Faechern die Italiker zu leisten vermochten,

gewaehren die Werke der mit den mechanischen Wissenschaften eng

zusammenhaengenden Bau- und Bildkunst. Zwar eigentlich originelle

Erscheinungen begegnen auch hier nicht; aber wenn durch den Stempel der

Entlehnung, welcher der italischen Plastik durchgaengig aufgedrueckt

ist, das kuenstlerische Interesse an derselben sinkt, so heftet das

historische sich nur um so lebendiger an dieselbe, insofern sie teils

von einem sonst verschollenen Voelkerverkehr die merkwuerdigsten

Zeugnisse bewahrt, teils bei dem so gut wie vollstaendigen Untergang

der Geschichte der nichtroemischen Italiker fast allein uns die

verschiedenen Voelkerschaften der Halbinsel in lebendiger Taetigkeit

nebeneinander darstellt. Neues ist hier nicht zu sagen; aber wohl

laesst sich mit schaerferer Bestimmtheit und auf breiterer Grundlage

ausfuehren, was schon oben gezeigt ward, dass die griechische Anregung

die Etrusker und die Italiker von verschiedenen Seiten her maechtig

erfasst, und dort eine reichere und ueppigere, hier, wo ueberhaupt, eine

verstaendigere und innigere Kunst ins Leben gerufen hat. Wie voellig

die italische Architektur aller Landschaften schon in ihrer aeltesten

Periode von hellenischen Elementen durchdrungen ward, ist frueher

dargestellt worden. Die Stadtmauern, die Wasserbauten, die pyramidalisch

gedeckten Graeber, der tuscanische Tempel sind nicht oder nicht

wesentlich verschieden von den aeltesten hellenischen Bauwerken. Von

einer Weiterbildung der Architektur bei den Etruskern waehrend dieser

Römische Geschichte — Buch 2 · 第 25 / 26 段