Epoche hat sich keine Spur erhalten; wir begegnen hier weder einer

wesentlich neuen Rezeption noch einer originellen Schoepfung - man

muesste denn Prachtgraeber dahin rechnen wollen, wie das von Varro

beschriebene sogenannte Grabmal des Porsena in Chiusi, das lebhaft an

die zwecklose und sonderbare Herrlichkeit der aegyptischen Pyramiden

erinnert. Auch in Latium bewegte man waehrend der ersten anderthalb

Jahrhunderte der Republik sich wohl lediglich in den bisherigen Gleisen,

und es ist schon gesagt worden, dass mit der Einfuehrung der Republik

die Kunstuebung eher gesunken als gestiegen ist. Es ist aus dieser Zeit

kaum ein anderes architektonisch bedeutendes latinisches Bauwerk zu

nennen als der im Jahre 261 (493) in Rom am Circus erbaute Cerestempel,

der in der Kaiserzeit als Muster des tuscanischen Stiles gilt. Aber

gegen das Ende dieser Epoche kommt ein neuer Geist in das italische und

namentlich das roemische Bauwesen: es beginnt der grossartige Bogenbau.

Zwar sind wir nicht berechtigt, den Bogen und das Gewoelbe fuer

italische Erfindungen zu erklaeren. Es ist wohl ausgemacht, dass in der

Epoche der Genesis der hellenischen Architektur die Hellenen den Bogen

noch nicht kannten und darum fuer ihre Tempel die flache Decke und das

schraege Dach ausreichen mussten; allein gar wohl kann der Keilschnitt

eine juengere, aus der rationellen Mechanik hervorgegangene Erfindung

der Hellenen sein, wie ihn denn die griechische Tradition auf den

Physiker Demokritos (294-397 460-357) zurueckfuehrt. Mit dieser

Prioritaet des hellenischen Bogenbaus vor dem roemischen ist auch

vereinbar, was vielfach und vielleicht mit Recht angenommen wird, dass

die Gewoelbe an der roemischen Hauptkloake und dasjenige, welches ueber

das alte, urspruenglich pyramidalisch gedeckte kapitolinische Quellhaus

spaeterhin gespannt ward, die aeltesten erhaltenen Bauwerke sind, bei

welchen das Bogenprinzip zur Anwendung gekommen ist; denn es ist mehr

als wahrscheinlich, dass diese Bogenbauten nicht der Koenigs-, sondern

der republikanischen Periode angehoeren und in der Koenigszeit man auch

in Italien nur flache oder ueberkragte Daecher gekannt hat. Allein wie

man auch ueber die Erfindung des Bogens selbst denken mag, die Anwendung

im grossen ist ueberall und vor allem in der Baukunst wenigstens

ebenso bedeutend wie die Aufstellung des Prinzips; und diese gebuehrt

unbestritten den Roemern. Mit dem fuenften Jahrhundert beginnt

der wesentlich auf den Bogen gegruendete Tor-, Bruecken- und

Wasserleitungsbau, der mit dem roemischen Namen fortan unzertrennlich

verknuepft ist. Verwandt ist hiermit noch die Entwicklung der den

Griechen fremden, dagegen bei den Roemern vorzugsweise beliebten und

besonders fuer die ihnen eigentuemlichen Kulte, namentlich den nicht

griechischen der Vesta, angewendeten Form des Rundtempels und des

Kuppeldachs ^12. ----------------------------------------- ^12 Eine

Nachbildung der aeltesten Hausform, wie man wohl gemeint hat, ist der

Rundtempel sicher nicht; vielmehr geht der Hausbau durchaus vom Viereck

aus. Die spaetere roemische Theologie knuepfte diese Rundform an

die Vorstellung des Erdballs oder des kugelfoermig die Zentralsonne

umgebenden Weltalls (Fest. v. rutundam p. 282; Plut. Num. 11; Ov. fast.

6, 267f.); in der Tat ist dieselbe wohl einfach darauf zurueckzufuehren,

dass fuer die zum Abhegen und Aufbewahren bestimmte Raeumlichkeit als

die bequemste wie die sicherste Form stets die kreisrunde gegolten hat.

Darauf beruhten die runden Schatzhaeuser der Hellenen ebenso wie der

Rundbau der roemischen Vorratskammer oder des Penatentempels; es war

natuerlich auch die Feuerstelle - das heisst den Altar der Vesta - und

die Feuerkammer - das heisst den Vestatempel - rund anzulegen, so gut

wie dies mit der Zisterne und der Brunnenfassung (puteal) geschah. Der

Rundbau an sich ist graecoitalisch wie der Quadratbau und jener der

Kammer eigen, wie dieser dem Wohnhaus; aber die architektonische und

religioese Entwicklung des einfachen Tholos zum Rundtempel mit Pfeilern

und Saeulen ist latinisch. ----------------------------------------

Etwas Aehnliches mag von manchen untergeordneten, aber darum nicht

unwichtigen Fertigkeiten auf diesem Gebiet gelten. Von Originalitaet

oder gar von Kunstuebung kann dabei nicht die Rede sein; aber auch

aus den festgefuegten Steinplatten der roemischen Strassen, aus ihren

unzerstoerbaren Chausseen, aus den breiten, klingend harten Ziegeln, aus

dem ewigen Moertel ihrer Gebaeude redet die unverwuestliche Soliditaet,

die energische Tuechtigkeit des roemischen Wesens. Wie die tektonischen,

und womoeglich noch mehr, sind die bildenden und zeichnenden Kuenste auf

italischem Boden nicht so sehr durch griechische Anregung befruchtet,

als aus griechischen Samenkoernern gekeimt. Dass dieselben, obwohl erst

die juengeren Schwestern der Architektur, doch wenigstens in Etrurien

schon waehrend der roemischen Koenigszeit sich zu entwickeln begannen,

wurde bereits bemerkt; ihre hauptsaechliche Entfaltung aber gehoert in

Etrurien, und um so mehr in Latium, dieser Epoche an, wie dies schon

daraus mit Evidenz hervorgeht, dass in denjenigen Landschaften, welche

die Kelten und Samniten den Etruskern im Laufe des vierten Jahrhunderts

entrissen, von etruskischer Kunstuebung fast keine Spur begegnet. Die

tuskische Plastik warf sich zuerst und hauptsaechlich auf die Arbeit

in gebranntem Ton, in Kupfer und in Gold, welche Stoffe die reichen

Tonlager und Kupfergruben und der Handelsverkehr Etruriens den

Kuenstlern darboten. Von der Schwunghaftigkeit, womit die Tonbildnerei

betrieben wurde, zeugen die ungeheuren Massen von Reliefplatten und

statuarischen Arbeiten aus gebranntem Ton, womit Waende, Giebel und

Daecher der etruskischen Tempel nach Ausweis der noch vorhandenen Ruinen

einst verziert waren, und der nachweisliche Vertrieb derartiger Arbeiten

aus Etrurien nach Latium. Der Kupferguss stand nicht dahinter zurueck.

Etruskische Kuenstler wagten sich an die Verfertigung von kolossalen,

bis zu fuenfzig Fuss hohen Bronzebildsaeulen, und in Volsinii,

dem etruskischen Delphi, sollen um das Jahr 489 (265) zweitausend

Bronzestatuen gestanden haben, wogegen die Steinbildnerei in Etrurien,

wie wohl ueberall, weit spaeter begann und ausser inneren Ursachen auch

durch den Mangel eines geeigneten Materials zurueckgehalten ward - die

lunensischen (carrarischen) Marmorbrueche waren noch nicht eroeffnet.

Wer den reichen und zierlichen Goldschmuck der suedetruskischen Graeber

gesehen hat, der wird die Nachricht nicht unglaublich finden, dass die

tyrrhenischen Goldschalen selbst in Attika geschaetzt wurden. Auch die

Steinschneidekunst ward, obwohl sie juenger ist, doch auch in Etrurien

vielfaeltig geuebt. Ebenso abhaengig von den Griechen, uebrigens den

bildenden Kuenstlern vollkommen ebenbuertig, waren die sowohl in der

Umrisszeichnung auf Metall wie in der monochromatischen Wandmalerei

ungemein taetigen etruskischen Zeichner und Maler. Vergleichen wir

hiermit das Gebiet der eigentlichen Italiker, so erscheint es zunaechst

gegen die etruskische Fuelle fast kunstarm. Allein bei genauerer

Betrachtung kann man der Wahrnehmung sich nicht entziehen, dass sowohl

die sabellische wie die latinische Nation weit mehr als die etruskische

Faehigkeit und Geschick fuer die Kunst gehabt haben muessen. Zwar auf

eigentlich sabellischem Gebiet, in der Sabina, in den Abruzzen, in

Samnium, finden sich Kunstwerke so gut wie gar nicht und mangeln sogar

die Muenzen. Diejenigen sabellischen Staemme dagegen, welche an die

Kuesten der Tyrrhenischen oder Ionischen See gelangten, haben die

hellenische Kunst sich nicht bloss wie die Etrusker aeusserlich

angeeignet, sondern sie mehr oder minder vollstaendig bei sich

akklimatisiert. Schon in Velitrae, wo wohl allein in der einstmaligen

Landschaft der Volsker deren Sprache und Eigentuemlichkeit spaeterhin

sich behauptet haben, haben sich bemalte Terrakotten gefunden von

lebendiger und eigentuemlicher Behandlung. In Unteritalien ist Lucanien

zwar in geringem Grade von der hellenischen Kunst ergriffen worden; aber

in Kampanien wie im brettischen Lande haben sich Sabeller und Hellenen

wie in Sprache und Nationalitaet so auch und vor allem in der Kunst

vollstaendig durchdrungen und es stehen namentlich die kampanischen und

brettischen Muenzen mit den gleichzeitigen griechischen so vollstaendig

auf einer Linie der Kunstbehandlung, dass nur die Aufschrift sie von

ihnen unterscheidet. Weniger bekannt, aber nicht weniger sicher ist es,

dass auch Latium wohl an Kunstreichtum und Kunstmasse, aber nicht an

Kunstsinn und Kunstuebung hinter Etrurien zurueckstand. Offenbar hat

die um den Anfang des 5. Jahrhunderts erfolgte Festsetzung der Roemer in

Kampanien, die Verwandlung der Stadt Cales in eine latinische Gemeinde,

der falernischen Landschaft bei Capua in einen roemischen Buergerbezirk,

zunaechst die kampanische Kunstuebung den Roemern aufgeschlossen. Zwar

mangelt bei diesen nicht bloss die in dem ueppigen Etrurien fleissig

gepflegte Steinschneidekunst voellig und begegnet nirgends eine Spur,

dass die latinischen Gewerke gleich den etruskischen Goldschmieden

und Tonarbeitern fuer das Ausland taetig gewesen sind. Zwar sind

die latinischen Tempel nicht gleich den etruskischen mit Bronze-

und Tonzierat ueberladen, die latinischen Graeber nicht gleich den

etruskischen mit Goldschmuck angefuellt worden und schillerten die

Waende jener nicht wie die der etruskischen von bunten Gemaelden. Aber

nichtsdestoweniger stellt sich im ganzen die Waage nicht zum Vorteil

der etruskischen Nation. Die Erfindung des Janusbildes, welche wie

die Gottheit selbst den Latinern beigelegt werden darf, ist nicht

ungeschickt, und originellerer Art als die irgendeines etruskischen

Kunstwerks. Die schoene Gruppe der Woelfin mit den Zwillingen lehnt

wohl an aehnliche griechische Erfindungen sich an, ist aber in dieser

Ausfuehrung sicher wenn nicht in Rom, so doch von Roemern erfunden; und

es ist bemerkenswert, dass sie zuerst auf den von den Roemern in und

fuer Kampanien gepraegten Silbermuenzen auftritt. In dem oben erwaehnten

Cales scheint bald nach seiner Gruendung eine besondere Gattung

figurierten Tongeschirrs erfunden worden zu sein, das mit dem Namen der

Meister und des Verfertigungsorts bezeichnet und in weitem Umfang bis

nach Etrurien hinein vertrieben worden ist. Die vor kurzem auf dem

Esquilin zum Vorschein gekommenen figurierten Altaerchen von gebranntem

Ton entsprechen in der Darstellung wie in der Ornamentik genau den

gleichartigen Weihgeschenken der kampanischen Tempel. Indes schliesst

dies nicht aus, dass auch griechische Meister fuer Rom gearbeitet haben.

Der Bildner Damophilos, der mit Gorgasos die bemalten Tonfiguren fuer

den uralten Cerestempel verfertigt hat, scheint kein anderer gewesen zu

sein als der Lehrer des Zeuxis, Demophilos von Himera (um 300 450). Am

belehrendsten sind diejenigen Kunstzweige, in denen uns teils nach alten

Zeugnissen, teils nach eigener Anschauung eine vergleichendes Urteil

gestattet ist. Von latinischen Arbeiten in Stein ist kaum etwas anderes

uebrig als der am Ende dieser Periode in dorischem Stil gearbeitete

Steinsarg des roemischen Konsuls Lucius Scipio; aber die edle

Einfachheit desselben beschaemt alle aehnlichen etruskischen Werke. Aus

den etruskischen Graebern sind manche schoene Bronzen alten strengen

Kunststils, namentlich Helme, Leuchter und dergleichen Geraetstuecke

erhoben worden; aber welches dieser Werke reicht an die im Jahre

458 (296) am ruminalischen Feigenbaum auf dem roemischen Markte aus

Strafgeldern aufgestellte bronzene Woelfin, noch heute den schoensten

Schmuck des Kapitols? Und dass auch die latinischen Metallgiesser so

wenig wie die etruskischen vor grossen Aufgaben zurueckschraken, beweist

das von Spurius Carvilis (Konsul 461 293) aus den eingeschmolzenen

samnitischen Ruestungen errichtete kolossale Erzbild des Jupiter auf

dem Kapitol, aus dessen Abfall beim Ziselieren die zu den Fuessen des

Kolosses stehende Statue des Siegers hatte gegossen werden koennen; man

sah dieses Jupiterbild bis vom Albanischen Berge. Unter den gegossenen

Kupfermuenzen gehoeren bei weitem die schoensten dem suedlichen Latium

an; die roemischen und umbrischen sind leidlich, die etruskischen fast

bildlos und oft wahrhaft barbarisch. Die Wandmalereien, die Gaius

Fabius in dem 452 302 dedizierten Tempel der Wohlfahrt auf dem Kapitol

ausfuehrte, erwarben in Zeichnung und Faerbung noch das Lob griechisch

gebildeter Kunstrichter der augusteischen Epoche; und es werden von den

Kunstenthusiasten der Kaiserzeit wohl auch die caeritischen, aber mit

noch groesserem Nachdruck die roemischen, lanuvinischen und ardeatischen

Fresken als Meisterwerke der Malerei gepriesen. Die Zeichnung auf

Metall, welche in Latium nicht wie in Etrurien die Handspiegel, sondern

die Toilettenkaestchen mit ihren zierlichen Umrissen schmueckte, ward

in Latium in weit geringerem Umfang und fast nur in Praeneste geuebt;

es finden sich vorzuegliche Kunstwerke unter den etruskischen

Metallspiegeln wie unter den praenestinischen Kaestchen, aber es war

ein Werk der letzteren Gattung, und zwar ein hoechst wahrscheinlich

in dieser Epoche in der Werkstatt eines praenestinischen Meisters

entstandenes Werk ^13, von dem mit Recht gesagt werden konnte, dass kaum

ein zweites Erzeugnis der Graphik des Altertums so wie die ficoronische

Cista den Stempel einer in Schoenheit und Charakteristik vollendeten

und noch vollkommen reinen und ernsten Kunst an sich traegt.

--------------------------------------------------- ^13 Novius Plautius

goss vielleicht nur die Fuesse und die Deckelgruppe; das Kaestchen

selbst kann von einem aelteren Kuenstler herruehren, aber, da der

Gebrauch dieser Kaestchen sich wesentlich auf Praeneste beschraenkt

hat, kaum von einem anderen als einem praenestinischen.

---------------------------------------------------- Der allgemeine

Stempel der etruskischen Kunstwerke ist teils eine gewisse barbarische

Ueberschwenglichkeit im Stoff wie im Stil, teils der voellige Mangel

innerer Entwicklung. Wo der griechische Meister fluechtig skizziert,

verschwendet der etruskische Schueler schuelerhaft den Fleiss; an

die Stelle des leichten Materials und der maessigen Verhaeltnisse

griechischer Werke tritt bei den etruskischen ein renommistisches

Hervorheben der Groesse und Kostbarkeit oder auch bloss der Seltsamkeit

des Werkes. Die etruskische Kunst kann nicht nachbilden, ohne zu

uebertreiben: das Strenge wird ihr hart, das Anmutige weichlich, das

Schreckliche zum Scheusal, die Ueppigkeit zur Zote, und immer deutlicher

tritt dies hervor, je mehr die urspruengliche Anregung zuruecktritt

und die etruskische Kunst sich auf sich selber angewiesen findet. Noch

auffallender ist das Festhalten an den hergebrachten Formen und

dem hergebrachten Stil. Sei es, dass die anfaengliche freundlichere

Beruehrung mit Etrurien hier den Hellenen den Samen der Kunst

auszustreuen gestattete, eine spaetere Epoche der Feindseligkeit aber

den juengeren Entwicklungsstadien der griechischen Kunst den Eingang in

Etrurien erschwerte, sei es, was wahrscheinlicher ist, dass die rasch

eintretende geistige Erstarrung der Nation die Hauptsache dabei tat: die

Kunst blieb in Etrurien auf der primitiven Stufe, auf welcher sie bei

ihrem ersten Eindringen daselbst sich befunden hatte, wesentlich stehen

- bekanntlich ist dies die Ursache gewesen; weshalb die etruskische

Kunst, die unentwickelt gebliebene Tochter der hellenischen, solange

als deren Mutter gegolten hat. Mehr noch als das strenge Festhalten des

einmal ueberlieferten Stils in den aelteren Kunstzweigen beweist die

unverhaeltnismaessig elende Behandlung der spaeter aufgekommenen,

namentlich der Bildhauerei in Stein und des Kupfergusses in der

Anwendung auf Muenzen, wie rasch aus der etruskischen Kunst der Geist

entwich. Ebenso belehrend sind die gemalten Gefaesse, die in den

juengeren etruskischen Grabstaetten in so ungeheurer Anzahl sich finden.

Waeren dieselben so frueh wie die mit Umrissen verzierten Metallplatten

oder die bemalten Terrakotten bei den Etruskern gangbar geworden, so

wuerde man ohne Zweifel auch sie in Menge und in wenigstens relativer

Guete dort fabrizieren gelernt haben; aber in der Epoche, in welcher

dieser Luxus emporkam, misslang die selbsttaetige Reproduktion

vollstaendig, wie die vereinzelten mit etruskischen Inschriften

versehenen Gefaesse beweisen, und man begnuegte sich darum, dieselben zu

kaufen, statt sie zu formen. Aber auch innerhalb Etruriens erscheint ein

weiterer bemerkenswerter Gegensatzinder kuenstlerischen Entwicklung

der suedlichen und der noerdlichen Landschaft. Es ist Suedetrurien,

hauptsaechlich die Bezirke von Caere, Tarquinii, Volci, die

die gewaltigen Prunkschaetze besonders von Wandgemaelden,

Tempeldekorationen, Goldschmuck und gemalten Tongefaessen bewahren; das

noerdliche Etrurien steht weit dahinter zurueck, und es hat zum Beispiel

sich kein gemaltes Grab noerdlich von Chiusi gefunden. Die suedlichsten

etruskischen Staedte Veii, Caere, Tarquinii sind es, die der roemischen

Tradition als die Ur- und Hauptsitze der etruskischen Kunst gelten;

die noerdlichste Stadt Volaterrae, mit dem groessten Gebiet unter allen

etruskischen Gemeinden, steht von allen auch der Kunst am fernsten.

Wenn in Suedetrurien die griechische Halbkultur, so ist in Nordetrurien

vielmehr die Unkultur zu Hause. Die Ursachen dieses bemerkenswerten

Gegensatzes moegen teils in der verschiedenartigen, in Suedetrurien

wahrscheinlich stark mit nicht etruskischen Elementen gemischten

Nationalitaet, teils in der verschiedenen Maechtigkeit des hellenischen

Einflusses zu suchen sein, welcher letztere namentlich in Caere sich

sehr entschieden geltend gemacht haben muss; die Tatsache selbst ist

nicht zu bezweifeln. Um so mehr musste die fruehe Unterjochung der

suedlichen Haelfte Etruriens durch die Roemer und die sehr zeitig hier

beginnende Romanisierung der etruskischen Kunst verderblich werden;

was Nordetrurien, auf sich allein beschraenkt, kuenstlerisch zu leisten

vermochte, zeigen die wesentlich ihm angehoerenden Kupfermuenzen. Wenden

wir die Blicke von Etrurien nach Latium, so hat freilich auch dies

keine neue Kunst geschaffen; es war einer weit spaeteren Kulturepoche

vorbehalten, aus dem Motiv des Bogens eine neue, von der hellenischen

Tektonik verschiedene Architektur zu entwickeln und sodann mit dieser

harmonisch eine neue Bildnerei und Malerei zu entfalten. Die latinische

Kunst ist nirgend originell und oft gering; aber die frisch empfindende

und taktvoll waehlende Aneignung des fremden Gutes ist auch ein hohes

kuenstlerisches Verdienst. Nicht leicht hat die latinische Kunst

barbarisiert und in ihren besten Erzeugnissen steht sie voellig im

Niveau der griechischen Technik. Eine gewisse Abhaengigkeit der Kunst

Latiums wenigstens in ihren frueheren Stadien von der sicher aelteren

etruskischen soll darum nicht geleugnet werden; es mag Varro immerhin

mit Recht angenommen haben, dass bis auf die im Cerestempel von

griechischen Kuenstlern ausgefuehrten nur "tuscanische" Tonbilder die

roemischen Tempel verzierten; aber dass doch vor allem der unmittelbare

Einfluss der Griechen die latinische Kunst bestimmt hat, ist an sich

schon klar und liegt auch in eben diesen Bildwerken sowie in den

latinischen und roemischen Muenzen deutlich zu Tage. Selbst

die Anwendung der Metallzeichnung in Etrurien lediglich auf den

Toilettenspiegel, in Latium lediglich auf den Toilettenkasten deutet

auf die Verschiedenartigkeit der beiden Landschaften zuteil gewordenen

Kunstanregung. Es scheint indes nicht gerade Rom gewesen zu sein, wo die

latinische Kunst ihre frischesten Blueten trieb; die roemischen Asse

und die roemischen Denare werden von den latinischen Kupfer- und den

seltenen latinischen Silbermuenzen an Feinheit und Geschmack der Arbeit

bei weitem uebertroffen und auch die Meisterwerke der Malerei und

Zeichnung gehoeren vorwiegend Praeneste, Lanuvium, Ardea an. Auch

stimmt dies vollstaendig zu dem frueher bezeichneten realistischen und

nuechternen Sinn der roemischen Republik, welcher in dem uebrigen Latium

sich schwerlich mit gleicher Strenge geltend gemacht haben kann. Aber

im Lauf des fuenften Jahrhunderts und besonders in der zweiten Haelfte

desselben regte es denn doch sich maechtig auch in der roemischen Kunst.

Es war dies die Epoche, in welcher der spaetere Bogen- und Strassenbau

begann, in welcher Kunstwerke wie die Kapitolinische Woelfin entstanden,

in welcher ein angesehener Mann aus einem altadeligen roemischen

Geschlechte den Pinsel ergriff, um einen neugebauten Tempel

auszuschmuecken und dafuer den Ehrenbeinamen des "Malers" empfing. Das

ist nicht Zufall. Jede grosse Zeit erfasst den ganzen Menschen; und wie

starr die roemische Sitte, wie streng die roemische Polizei immer war,

der Aufschwung, den die roemische Buergerschaft als Herrin der Halbinsel

oder richtiger gesagt, den das zum erstenmal staatlich geeinigte Italien

nahm, tritt auch in dem Aufschwung der latinischen und besonders

der roemischen Kunst ebenso deutlich hervor wie in dem Sinken der

etruskischen der sittliche und politische Verfall der Nation. Wie die

gewaltige Volkskraft Latiums die schwaecheren Nationen bezwang, so

hat sie auch dem Erz und dem Marmor ihren unvergaenglichen Stempel

aufgedrueckt.

Römische Geschichte — Buch 2 · 第 26 / 26 段