in Rom weder ein wohlhabender staedtischer Mittelstand noch eine

streng geschlossene Kapitalistenklasse sich bildete, so war das

grossstaedtische Wesen doch an sich in unaufhaltsamem Steigen.

Deutlich weist darauf hin die zunehmende Zahl der in der

Hauptstadt zusammengedraengten Sklaven, wovon die sehr ernsthafte

Sklavenverschwoerung des Jahres 335 (419) zeugt, und noch mehr die

steigende, allmaehlich unbequem und gefaehrlich werdende Menge der

Freigelassenen, worauf die im Jahre 397 (357) auf die Freilassungen

gelegte ansehnliche Steuer und die Beschraenkung der politischen Rechte

der Freigelassenen im Jahre 450 (304) einen sicheren Schluss gestatten.

Denn es lag nicht bloss in den Verhaeltnissen, dass die grosse

Majoritaet der freigelassenen Leute sich dem Gewerbe oder dem Handel

widmen musste, sondern es war auch die Freilassung selbst bei den

Roemern, wie gesagt, weniger eine Liberalitaet als eine industrielle

Spekulation, indem der Herr bei dem Anteil an dem Gewerb- oder

Handelsgewinn des Freigelassenen oft besser seine Rechnung fand als bei

dem Anrecht auf den ganzen Reinertrag des Sklavengeschaefts. Die Zunahme

der Freilassungen muss deshalb mit der Steigerung der kommerziellen

und industriellen Taetigkeit der Roemer notwendig Hand in Hand gegangen

sein. Einen aehnlichen Fingerzeig fuer die steigende Bedeutung des

staedtischen Wesens in Rom gewaehrt die gewaltige Entwicklung der

staedtischen Polizei. Es gehoert zum grossen Teil wohl schon dieser Zeit

an, dass die vier Aedilen unter sich die Stadt in vier Polizeibezirke

teilten und dass fuer die ebenso wichtige wie schwierige Instandhaltung

des ganz Rom durchziehenden Netzes von kleineren und groesseren

Abzugskanaelen sowie der oeffentlichen Gebaeude und Plaetze, fuer die

gehoerige Reinigung und Pflasterung der Strassen, fuer die Beseitigung

den Einsturz drohender Gebaeude, gefaehrlicher Tiere, uebler Gerueche,

fuer die Fernhaltung der Wagen ausser in den Abend- und Nachtstunden

und ueberhaupt fuer die Offenhaltung der Kommunikation, fuer die

ununterbrochene Versorgung des hauptstaedtischen Marktes mit gutem und

billigem Getreide, fuer die Vernichtung gesundheitsschaedlicher Waren

und falscher Masse und Gewichte, fuer die besondere Ueberwachung

von Baedern, Schenken, schlechten Haeusern von den Aedilen Fuersorge

getroffen ward. Im Bauwesen mag wohl die Koenigszeit, namentlich die

Epoche der grossen Eroberungen, mehr geleistet haben als die ersten zwei

Jahrhunderte der Republik. Anlagen wie die Tempel auf dem Kapitol und

dem Aventin und der grosse Spielplatz moegen den sparsamen Vaetern der

Stadt ebenso wie den fronenden Buergern ein Greuel gewesen sein, und

es ist bemerkenswert, dass das vielleicht bedeutendste Bauwerk der

republikanischen Zeit vor den Samnitischen Kriegen, der Cerestempel am

Circus, ein Werk des Spurius Cassius (261 493) war, welcher in mehr als

einer Hinsicht wieder in die Traditionen der Koenige zurueckzulenken

suchte. Auch den Privatluxus hielt die regierende Aristokratie mit einer

Strenge nieder, wie sie die Koenigsherrschaft bei laengerer Dauer sicher

nicht entwickelt haben wuerde. Aber auf die Laenge vermochte selbst der

Senat sich nicht laenger gegen das Schwergewicht der Verhaeltnisse zu

stemmen. Appius Claudius war es, der in seiner epochemachenden Zensur

(442 312) das veraltete Bauernsystem des Sparschatzsammelns beiseite

warf und seine Mitbuerger die oeffentlichen Mittel in wuerdiger Weise

gebrauchen lehrte. Er begann das grossartige System gemeinnuetziger

oeffentlicher Bauten, das, wenn irgendetwas, Roms militaerische Erfolge

auch von dem Gesichtspunkt der Voelkerwohlfahrt aus gerechtfertigt hat

und noch heute in seinen Truemmern Tausenden und Tausenden, welche von

roemischer Geschichte nie ein Blatt gelesen haben, eine Ahnung gibt

von der Groesse Roms. Ihm verdankt der roemische Staat die erste grosse

Militaerchaussee, die roemische Stadt die erste Wasserleitung. Claudius'

Spuren folgend, schlang der roemische Senat um Italien jenes Strassen-

und Festungsnetz, dessen Gruendung frueher beschrieben ward und

ohne das, wie von den Achaemeniden bis hinab auf den Schoepfer der

Simplonstrasse die Geschichte aller Militaerstaaten lehrt, keine

militaerische Hegemonie bestehen kann. Claudius' Spuren folgend,

baute Manius Curius aus dem Erloes der Pyrrhischen Beute eine zweite

hauptstaedtische Wasserleitung (482 272) und oeffnete schon einige Jahre

vorher (464 290) mit dem sabinischen Kriegsgewinn dem Velino, da wo

er oberhalb Terni in die Nera sich stuerzt, das heute noch von ihm

durchflossene breitere Bett, um in dem dadurch trockengelegten schoenen

Tal von Rieti fuer eine grosse Buergeransiedlung Raum und auch fuer sich

eine bescheidene Hufe zu gewinnen. Solche Werke verdunkelten selbst

in den Augen verstaendiger Leute die zwecklose Herrlichkeit der

hellenischen Tempel. Auch das buergerliche Leben wurde jetzt ein

anderes. Um die Zeit des Pyrrhos begann auf den roemischen Tafeln

das Silbergeschirr sich zu zeigen ^8 und das Verschwinden der

Schindeldaecher in Rom datieren die Chronisten von dem Jahre 470 (284).

Die neue Hauptstadt Italiens legte endlich ihr dorfartiges Ansehen

allmaehlich ab und fing nun auch an, sich zu schmuecken. Zwar war es

noch nicht Sitte, in den eroberten Staedten zu Roms Verherrlichung

die Tempel ihrer Zierden zu berauben; aber dafuer prangten an der

Rednerbuehne des Marktes die Schnaebel der Galeeren von Antium und

an oeffentlichen Festtagen laengs der Hallen am Markte die von den

Schlachtfeldern Samniums heimgebrachten goldbeschlagenen Schilde.

Besonders der Ertrag der Bruechgelder diente zur Pflasterung der

Strassen in und vor der Stadt oder zur Errichtung und Ausschmueckung

oeffentlicher Gebaeude. Die hoelzernen Buden der Fleischer, welche an

den beiden Langseiten des Marktes sich hinzogen, wichen zuerst an

der palatinischen, dann auch an der den Carinen zugewandten Seite

den steinernen Hallen der Geldwechsler; dadurch ward dieser Platz

zur roemischen Boerse. Die Bildsaeulen der gefeierten Maenner der

Vergangenheit, der Koenige, Priester und Helden der Sagenzeit, des

griechischen Gastfreundes, der den Zehnmaennern die Solonischen Gesetze

verdolmetscht haben sollte, die Ehrensaeulen und Denkmaeler der

grossen Buergermeister, welche die Veienter, die Latiner, die Samniten

ueberwunden hatten, der Staatsboten, die in Vollziehung ihres Auftrages

umgekommen waren, der reichen Frauen, die ueber ihr Vermoegen zu

oeffentlichen Zwecken verfuegt hatten, ja sogar schon gefeierter

griechischer Weisen und Helden, wie des Pythagoras und des Alkibiades,

wurden auf der Burg oder auf dem roemischen Markte aufgestellt. Also

ward, nachdem die roemische Gemeinde eine Grossmacht geworden war, Rom

selber eine Grossstadt. --------------------------------------- ^8 Der

wegen seines silbernen Tafelgeraets gegen Publius Cornelius Rufinus

(Konsul 464, 477 290, 277) verhaengten zensorischen Makel wurde schon

gedacht. Fabius' befremdliche Angabe (bei Strabon 5, p. 228), dass die

Roemer zuerst nach der Besiegung der Sabiner sich dem Luxus ergeben

haetten (aisthesthai to? plontoy), ist offenbar nur eine abersetzung

derselben Anekdote ins Historische; denn die Besiegung der

Sabiner faellt in Rufinus' erstes Konsulat.

------------------------------------- Endlich trat denn auch Rom

als Haupt der roemisch-italischen Eidgenossenschaft wie in das

hellenistische Staatensystem, so auch in das hellenische Geld- und

Muenzwesen ein. Bis dahin hatten die Gemeinden Nord- und Mittelitaliens

mit wenigen Ausnahmen einzig Kupfercourant, die sueditalischen Staedte

dagegen durchgaengig Silbergeld geschlagen und es der Muenzfuesse und

Muenzsysteme gesetzlich so viele gegeben, als es souveraene Gemeinden in

Italien gab. Im Jahre 485 (269) wurden alle diese Muenzstaetten auf

die Praegung von Scheidemuenze beschraenkt, ein allgemeiner, fuer ganz

Italien geltender Courantfuss eingefuehrt und die Courantpraegung in Rom

zentralisiert, nur dass Capua seine eigene, zwar unter roemischem Namen,

aber auf abweichenden Fuss gepraegte Silbermuenze auch ferner behielt.

Das neue Muenzsystem beruhte auf dem gesetzlichen Verhaeltnisse der

beiden Metalle, wie dasselbe seit langem feststand; die gemeinsame

Muenzeinheit war das Stueck von zehn, nicht mehr pfuendigen, sondern auf

das Drittelpfund reduzierten Assen, der Denarius, in Kupfer 3 1/3, in

Silber 1/72 eines roemischen Pfundes, eine Kleinigkeit mehr als

die attische Drachme. Zunaechst herrschte in der Praegung noch die

Kupfermuenze vor und wahrscheinlich ist der aelteste Silberdenar

hauptsaechlich fuer Unteritalien und fuer den Verkehr mit dem Ausland

geschlagen worden. Wie aber der Sieg der Roemer ueber Pyrrhos und

Tarent und die roemische Gesandtschaft nach Alexandreia dem griechischen

Staatsmanne dieser Zeit zu denken geben mussten, so mochte auch

der einsichtige griechische Kaufmann wohl nachdenklich diese neuen

roemischen Drachmen betrachten, deren flaches, unkuenstlerisches und

einfoermiges Gepraege neben dem gleichzeitigen wunderschoenen

der Muenzen des Pyrrhos und der Sikelioten freilich duerftig

und unansehnlich erscheint, die aber dennoch keineswegs, wie die

Barbarenmuenzen des Altertums, sklavisch nachgeahmt und in Schrot und

Korn ungleich sind, sondern mit ihrer selbstaendigen und gewissenhaften

Praegung von Haus aus jeder griechischen ebenbuertig sich an die

Seite stellen. Wenn also von der Entwicklung der Verfassungen, von

den Voelkerkaempfen um Herrschaft und Freiheit, wie sie Italien und

insbesondere Rom von der Verbannung des Tarquinischen Geschlechts bis

zur Ueberwaeltigung der Samniten und der italischen Griechen bewegten,

der Blick sich wendet zu den stilleren Kreisen des menschlichen Daseins,

die die Geschichte doch auch beherrscht und durchdringt, so begegnet ihm

ebenfalls ueberall die Nachwirkung der grossartigen Ereignisse, durch

welche die roemische Buergerschaft die Fesseln des Geschlechterregiments

sprengte und die reiche Fuelle der nationalen Bildungen Italiens

allmaehlich unterging, um ein einziges Volk zu bereichern. Durfte

auch der Geschichtschreiber es nicht versuchen, den grossen Gang

der Ereignisse in die grenzenlose Mannigfaltigkeit der individuellen

Gestaltung hinein zu verfolgen, so ueberschritt er doch seine Aufgabe

nicht, wenn er, aus der zertruemmerten Ueberlieferung einzelne

Bruchstuecke ergreifend, hindeutete auf die wichtigsten Aenderungen,

die in dieser Epoche im italischen Volksleben stattgefunden haben. Wenn

dabei noch mehr als frueher das roemische in den Vordergrund trat, so

ist dies nicht bloss in den zufaelligen Luecken unserer Ueberlieferung

begruendet; vielmehr ist es eine wesentliche Folge der veraenderten

politischen Stellung Roms, dass die latinische Nationalitaet die

uebrigen italischen immer mehr verdunkelt. Es ist schon darauf

hingewiesen worden, dass in dieser Epoche die Nachbarlaender, das

suedliche Etrurien, die Sabina, das Volskerland sich zu romanisieren

anfingen, wovon der fast gaenzliche Mangel von Sprachdenkmaelern der

alten Landesdialekte und das Vorkommen sehr alter roemischer Inschriften

in diesen Gegenden Zeugnis ablegt; die Aufnahme der Sabiner in das

volle Buergerrecht am Ende dieser Periode spricht dafuer, dass die

Latinisierung Mittelitaliens schon damals das bewusste Ziel der

roemischen Politik war. Die zahlreich durch ganz Italien zerstreuten

Einzelassignationen und Kolonialgruendungen sind nicht bloss

militaerisch, sondern auch sprachlich und national die vorgeschobenen

Posten des latinischen Stammes. Die Latinisierung der Italiker

ueberhaupt ward schwerlich schon damals beabsichtigt; im Gegenteil

scheint der roemische Senat den Gegensatz der latinischen gegen die

uebrigen Nationalitaeten absichtlich aufrecht erhalten zu haben

und gestattete zum Beispiel die Einfuehrung des Lateinischen in den

offiziellen Sprachgebrauch den kampanischen Halbbuergergemeinden noch

nicht. Indes die Natur der Verhaeltnisse ist staerker als selbst die

staerkste Regierung; mit dem latinischen Volke gewannen auch dessen

Sprache und Sitte in Italien zunaechst das Prinzipat und fingen bereits

an, die uebrigen italischen Nationalitaeten zu untergraben. Gleichzeitig

wurden dieselben von einer anderen Seite und mit einem anders

begruendeten Uebergewicht angegriffen durch den Hellenismus. Es war dies

die Epoche, wo das Griechentum seiner geistigen Ueberlegenheit ueber die

uebrigen Nationen anfing, sich bewusst zu werden und nach allen Seiten

hin Propaganda zu machen. Auch Italien blieb davon nicht unberuehrt. Die

merkwuerdigste Erscheinung in dieser Art bietet Apulien, das seit dem

fuenften Jahrhundert Roms allmaehlich seine barbarische Mundart ablegte

und sich im stillen hellenisierte. Es erfolgte dies aehnlich wie

in Makedonien und Epeiros nicht durch Kolonisierung, sondern durch

Zivilisierung, die mit dem tarentinischen Landhandel Hand in Hand

gegangen zu sein scheint - wenigstens spricht es fuer die letztere

Annahme, dass die den Tarentinern befreundeten Landschaften der

Poediculer und Daunier die Hellenisierung vollstaendiger durchfuehrten

als die Tarent naeher wohnenden, aber bestaendig mit ihm hadernden

Sallentiner, und dass die am fruehesten graezisierten Staedte, zum

Beispiel Arpi, nicht an der Kueste gelegen waren. Dass auf Apulien das

griechische Wesen staerkeren Einfluss uebte als auf irgendeine andere

italische Landschaft, erklaert sich teils aus seiner Lage, teils aus der

geringen Entwicklung einer eigenen nationalen Bildung, teils wohl

auch aus seiner dem griechischen Stamm minder fremd als die uebrigen

italischen gegenueberstehenden Nationalitaet. Indes ist schon frueher

darauf aufmerksam gemacht worden, dass auch die suedlichen sabellischen

Staemme, obwohl zunaechst sie im Verein mit syrakusanischen Tyrannen

das hellenische Wesen in Grossgriechenland knickten und verdarben,

doch zugleich durch die Beruehrung und Mischung mit den Griechen teils

griechische Sprache neben der einheimischen annahmen, wie die Brettier

und Nolaner, teils wenigstens griechische Schrift und griechische Sitte,

wie die Lucaner und ein Teil der Kampaner. Etrurien zeigt gleichfalls

die Ansaetze einer verwandten Entwicklung in den bemerkenswerten dieser

Epoche angehoerenden Vasenfunden, in denen es mit Kampanien und Lucanien

rivalisiert; und wenn Latium und Samnium dem Hellenismus fernergeblieben

sind, so fehlt es doch auch hier nicht an Spuren des beginnenden und

immer steigenden Einflusses griechischer Bildung. In allen Zweigen der

roemischen Entwicklung dieser Epoche, in Gesetzgebung und Muenzwesen, in

der Religion, in der Bildung der Stammsage stossen wir auf griechische

Spuren, und namentlich seit dem Anfang des fuenften Jahrhunderts, das

heisst seit der Eroberung Kampaniens, erscheint der griechische Einfluss

auf das roemische Wesen in raschem und stets zunehmendem Wachstum.

In das vierte Jahrhundert faellt die Einrichtung der auch sprachlich

merkwuerdigen "graecostasis", einer Tribuene auf dem roemischen Markt

fuer die vornehmen griechischen Fremden, zunaechst die Massalioten. Im

folgenden fangen die Jahrbuecher an, vornehme Roemer mit griechischen

Beinamen, wie Philippos oder roemisch Pilipus, Philon, Sophos, Hypsaeos

aufzuweisen. Griechische Sitten dringen ein; so der nichtitalische

Gebrauch, Inschriften zur Ehre des Toten auf dem Grabmal anzubringen,

wovon die Grabschrift des Lucius Scipio, Konsul 456 (298), das aelteste

uns bekannte Beispiel ist; so die gleichfalls den Italikern fremde

Weise, ohne Gemeindebeschluss an oeffentlichen Orten den Vorfahren

Ehrendenkmaeler zu errichten, womit der grosse Neuerer Appius Claudius

den Anfang machte, als er in dem neuen Tempel der Bellona Erzschilde mit

den Bildern und den Elogien seiner Vorfahren aufhaengen liess (442 312);

so die im Jahre 461 (293) bei dem roemischen Volksfest eingefuehrte

Erteilung von Palmzweigen an die Wettkaempfer; so vor allem die

griechische Tischsitte. Die Weise, bei Tische nicht wie ehemals auf

Baenken zu sitzen, sondern auf Sofas zu liegen; die Verschiebung der

Hauptmahlzeit von der Mittag- auf die Stunde zwischen zwei und drei Uhr

nachmittags nach unserer Rechnung; die Trinkmeister bei den Schmaeusen,

welche meistens durch Wuerfelung aus den Gaesten fuer den Schmaus

bestellt werden und nun den Tischgenossen vorschreiben, was, wie

und wann getrunken werden soll; die nach der Reihe von den Gaesten

gesungenen Tischlieder, die freilich in Rom nicht Skolien, sondern

Ahnengesaenge waren - alles dies ist in Rom nicht urspruenglich und doch

schon in sehr alter Zeit den Griechen entlehnt; denn zu Catos Zeit waren

diese Gebraeuche bereits gemein, ja zum Teil schon wieder abgekommen.

Man wird daher ihre Einfuehrung spaetestens in diese Zeit zu setzen

haben. Charakteristisch ist auch die Errichtung der Bildsaeulen des

"weisesten und des tapfersten Griechen" auf dem roemischen Markt, die

waehrend der Samnitischen Kriege auf Geheiss des pythischen Apollon

stattfand; man waehlte, offenbar unter sizilischem oder kampanischem

Einfluss, den Pythagoras und den Alkibiades, den Heiland und den

Hannibal der Westhellenen. Wie verbreitet die Kenntnis des Griechischen

schon im fuenften Jahrhundert unter den vornehmen Roemern war, beweisen

die Gesandtschaften der Roemer nach Tarent, wo der Redner der Roemer,

wenn auch nicht im reinsten Griechisch, doch ohne Dolmetsch sprach,

und des Kineas nach Rom. Es leidet kaum einen Zweifel, dass seit dem

fuenften Jahrhundert die jungen Roemer, die sich den Staatsgeschaeften

widmeten, durchgaengig die Kunde der damaligen Welt- und

Diplomatensprache sich erwarben. So schritt auf dem geistigen Gebiet der

Hellenismus ebenso unaufhaltsam vorwaerts, wie der Roemer arbeitete, die

Erde sich untertaenig zu machen; und die sekundaeren Nationalitaeten,

wie die samnitische, keltische, etruskische, verloren, von zwei Seiten

her bedraengt, immer mehr an Ausdehnung wie an innerer Kraft. Wie aber

die beiden grossen Nationen, beide angelangt auf dem Hoehepunkt ihrer

Entwicklung, in feindlicher wie in freundlicher Beruehrung anfangen sich

zu durchdringen, tritt zugleich ihre Gegensaetzlichkeit, der gaenzliche

Mangel alles Individualismus in dem italischen und vor allem in dem

roemischen Wesen gegenueber der unendlichen stammlichen, oertlichen und

menschlichen Mannigfaltigkeit des Hellenismus in voller Schaerfe hervor.

Es gibt keine gewaltigere Epoche in der Geschichte Roms als die Epoche

von der Einsetzung der roemischen Republik bis auf die Unterwerfung

Italiens; in ihr wurde das Gemeinwesen nach innen wie nach aussen

begruendet, in ihr das einige Italien erschaffen, in ihr das

traditionelle Fundament des Landrechts und der Landesgeschichte erzeugt,

in ihr das Pilum und der Manipel, der Strassen- und Wasserbau, die

Guts- und Geldwirtschaft begruendet, in ihr die Kapitolinische

Woelfin gegossen und das ficoronische Kaestchen gezeichnet. Aber die

Individualitaeten, welche zu diesem Riesenbau die einzelnen Steine

herbeigetragen und sie zusammengefuegt haben, sind spurlos verschollen

und die italischen Voelkerschaften nicht voelliger in der roemischen

aufgegangen als der einzelne roemische Buerger in der roemischen

Gemeinde. Wie das Grab in gleicher Weise ueber dem bedeutenden wie ueber

dem geringen Menschen sich schliesst, so steht auch in der roemischen

Buergermeisterliste der nichtige Junker ununterscheidbar neben dem

grossen Staatsmann. Von den wenigen Aufzeichnungen, welche aus dieser

Zeit bis auf uns gekommen sind, ist keine ehrwuerdiger und keine

zugleich charakteristischer als die Grabschrift des Lucius Cornelius

Scipio, der im Jahre 456 (298) Konsul war und drei Jahre nachher in der

Entscheidungsschlacht bei Sentinum mitfocht. Auf dem schoenen Sarkophag

in edlem dorischen Stil, der noch vor achtzig Jahren den Staub

des Besiegers der Samniten einschloss, ist der folgende Spruch

eingeschrieben: Cornelius Lucius - Scipio Barbatus, Gnaivod patre

prognatus, - fortis vir sapiensque, Quoius forma virtu - tei parisuma

fuit, Consol censor aidilis - quei fuit apud vos, Taurasia Cisauna -

Samnio cepit, Subigit omne Loucanam - opsidesque abdoucit. Cornelius

Lucius - Scipio Barbatus, Des Vaters Gnaevos Sohn, ein - Mann so klug

wie tapfer, Des Wohlgestalt war seiner - Tugend angemessen, Der Konsul,

Zensor war bei - euch wie auch Aedilis, Taurasia, Cisauna - nahm er ein

in Samnium, Bezwingt Lucanien ganz und - fuehret weg die Geiseln. So wie

diesem roemischen Staatsmann und Krieger mochte man unzaehligen anderen,

die an der Spitze des roemischen Gemeinwesens gestanden haben, es

nachruehmen, dass sie adlige und schoene, tapfere und kluge Maenner

gewesen; aber weiter war auch nichts von ihnen zu melden. Es ist wohl

nicht bloss Schuld der Ueberlieferung, dass keiner dieser Cornelier,

Fabier, Papirier und wie sie weiter heissen, uns in einem menschlich

bestimmten Bild entgegentritt. Der Senator soll nicht schlechter und

nicht besser, ueberhaupt nicht anders sein als die Senatoren alle; es

ist nicht noetig und nicht wuenschenswert, dass ein Buerger die uebrigen

uebertreffe, weder durch prunkendes Silbergeraet und hellenische Bildung

noch durch ungemeine Weisheit und Trefflichkeit. Jene Ausschreitungen

straft der Zensor und fuer diese ist kein Raum in der Verfassung. Das

Rom dieser Zeit gehoert keinem einzelnen an; die Buerger muessen sich

alle gleichen, damit jeder einem Koenig gleich sei. Allerdings macht

schon jetzt daneben die hellenische Individualentwicklung sich geltend;

und die Genialitaet und Gewaltsamkeit derselben traegt eben wie die

entgegengesetzte Richtung den vollen Stempel dieser grossen Zeit. Es

ist nur ein einziger Mann hier zu nennen; aber in ihm ist auch der

Fortschrittsgedanke gleichsam inkarniert. Appius Claudius (Zensor 442

312; Konsul 447, 458 307, 296), der Ururenkel des Dezemvirs, war ein

Mann von altem Adel und stolz auf die lange Reihe seiner Ahnen;

aber dennoch ist er es gewesen, der die Beschraenkung des vollen

Gemeindebuergerrechts auf die ansaessigen Leute gesprengt, der das alte

Finanzsystem gebrochen hat. Von Appius Claudius datieren nicht bloss

die roemischen Wasserleitungen und Chausseen, sondern auch die roemische

Jurisprudenz, Eloquenz, Poesie und Grammatik - die Veroeffentlichung

eines Klagspiegels, aufgezeichnete Reden und pythagoreische Sprueche,

selbst Neuerungen in der Orthographie werden ihm beigelegt. Man darf

ihn darum noch nicht unbedingt einen Demokraten nennen, noch ihn jener

Oppositionspartei beizaehlen, die in Manius Curius ihren Vertreter fand;

in ihm war vielmehr der Geist der alten und neuen patrizischen Koenige

maechtig, der Geist der Tarquinier und der Caesaren, zwischen denen er

in dem fuenfhundertjaehrigen Interregnum ausserordentlicher Taten und

gewoehnlicher Maenner die Verbindung macht. Solange Appius Claudius

an dem oeffentlichen Leben taetigen Anteil nahm, trat er in seiner

Amtsfuehrung wie in seinem Lebenswandel, keck und ungezogen wie ein

Athener, nach rechts wie nach links hin Gesetzen und Gebraeuchen

entgegen; bis dann, nachdem er laengst von der politischen Buehne

abgetreten war, der blinde Greis wie aus dem Grabe wiederkehrend, in der

entscheidenden Stunde den Koenig Pyrrhos im Senate ueberwand und Roms

vollendete Herrschaft ueber Italien zuerst foermlich und feierlich

aussprach. Aber der geniale Mann kam zu frueh oder zu spaet; die Goetter

blendeten ihn wegen seiner unzeitigen Weisheit. Nicht das Genie des

Römische Geschichte — Buch 2 · 第 23 / 26 段