Phalanx hatte durchaus auf dem Nahgefecht mit dem Schwert und vor

allem dem Spiess beruht und den Wurfwaffen nur eine beilaeufige und

untergeordnete Stellung im Treffen eingeraeumt. In der Manipularlegion

wurde die Stosslanze auf das dritte Treffen beschraenkt und den beiden

ersten anstatt derselben eine neue und eigentuemlich italische Wurfwaffe

gegeben, das Pilum, ein fuenftehalb Ellen langes viereckiges oder

rundes Holz mit drei- oder vierkantiger eiserner Spitze, das vielleicht

urspruenglich zur Verteidigung der Lagerwaelle erfunden worden war,

aber bald von dem letzten auf die ersten Glieder ueberging und von dem

vorrueckenden Gliede auf eine Entfernung von zehn bis zwanzig Schritten

in die feindlichen Reihen geworfen ward. Zugleich gewann das Schwert

eine bei weitem groessere Bedeutung als das kurze Messer der Phalangiten

hatte haben koennen; denn die Wurfspeersalve war zunaechst nur bestimmt,

dem Angriff mit dem Schwert die Bahn zu brechen. Wenn ferner die

Phalanx, gleichsam eine einzige gewaltige Lanze, auf einmal auf den

Feind geworfen werden musste, so wurden in der neuen italischen Legion

die kleineren, im Phalangensystem wohl auch vorhandenen, aber in der

Schlachtordnung unaufloeslich fest verknuepften Einheiten taktisch

voneinander gesondert. Das geschlossene Quadrat teilte sich nicht bloss,

wie gesagt, in zwei gleich starke Haelften, sondern jede von diesen

trat weiter in der Tiefrichtung auseinander in drei Treffen, das der

Hastaten, das der Principes und das der Triarier, von ermaessigter,

wahrscheinlich in der Regel nur vier Glieder betragender Tiefe und

loeste in der Frontrichtung sich auf in je zehn Haufen (manipuli),

so dass zwischen je zwei Treffen und je zwei Haufen ein merklicher

Zwischenraum blieb. Es war nur eine Fortsetzung derselben

Individualisierung, wenn der Gesamtkampf auch der verkleinerten

taktischen Einheit zurueck- und der Einzelkampf in den Vordergrund trat,

wie dies aus der schon erwaehnten entscheidenden Rolle des Handgemenges

und Schwertgefechtes deutlich hervorgeht. Eigentuemlich entwickelte sich

auch das System der Lagerverschanzung; der Platz, wo der Heerhaufe wenn

auch nur fuer eine einzige Nacht sein Lager nahm, ward ohne Ausnahme mit

einer regelmaessigen Umwallung versehen und gleichsam in eine Festung

umgeschaffen. Wenig aenderte sich dagegen in der Reiterei, die auch in

der Manipularlegion die sekundaere Rolle behielt, welche sie neben

der Phalanx eingenommen hatte. Auch das Offiziersystem blieb in der

Hauptsache ungeaendert; nur wurden jetzt jeder der zwei Legionen des

regelmaessigen Heeres ebenso viele Kriegstribune vorgesetzt, wie

sie bisher das gesamte Heer befehligt hatten, also die Zahl der

Stabsoffiziere verdoppelt. Es duerfte auch in dieser Zeit sich die

scharfe Grenze festgestellt haben zwischen den Subalternoffizieren,

welche sich ihren Platz an der Spitze der Manipel als Gemeine mit dem

Schwerte zu gewinnen hatten und in regelmaessigem Avancement von den

niederen in die hoeheren Manipel uebergingen, und den je sechs und sechs

den ganzen Legionen vorgesetzten Kriegstribunen, fuer welche es kein

regelmaessiges Avancement gab und zu denen man gewoehnlich Maenner

aus der besseren Klasse nahm. Namentlich muss es dafuer von Bedeutung

geworden sein, dass, waehrend frueher die Subaltern- wie die

Stabsoffiziere gleichmaessig vom Feldherrn ernannt wurden, seit dem

Jahre 392 (362) ein Teil der letzteren Posten durch Buergerschaftswahl

vergeben ward. Endlich blieb auch die alte, furchtbar strenge

Kriegszucht unveraendert. Nach wie vor war es dem Feldherrn gestattet,

jedem in seinem Lager dienenden Mann den Kopf vor die Fuesse zu legen

und den Stabsoffizier so gut wie den gemeinen Soldaten mit Ruten

auszuhauen; auch wurden dergleichen Strafen nicht bloss wegen gemeiner

Verbrechen erkannt, sondern ebenso, wenn sich ein Offizier gestattet

hatte, von dem erteilten Befehle abzuweichen, oder wenn eine Abteilung

sich hatte ueberrumpeln lassen oder vom Schlachtfeld gewichen war.

Dagegen bedingt die neue Heerordnung eine weit ernstere und laengere

militaerische Schule als die bisherige phalangitische, worin das

Schwergewicht der Masse auch die Ungeuebten zusammenhielt. Wenn dennoch

kein eigener Soldatenstand sich entwickelte, sondern das Heer nach wie

vor Buergerheer blieb, so ward dies hauptsaechlich dadurch erreicht,

dass man die bisherige Gliederung der Soldaten nach dem Vermoegen aufgab

und sie nach dem Dienstalter ordnete. Der roemische Rekrut trat jetzt

ein unter die leichtbewaffneten, ausserhalb der Linie besonders mit

Steinschleudern fechtenden "Sprenkler" (rorarii) und avancierte aus

diesem allmaehlich in das erste und weiter in das zweite Treffen,

bis endlich die langgedienten und erfahrenen Soldaten in dem an

Zahl schwaechsten, aber in dem ganzen Heer Ton und Geist angebenden

Triarierkorps sich zusammenfanden. Die Vortrefflichkeit dieser

Kriegsordnung, welche die naechste Ursache der ueberlegenen politischen

Stellung der roemischen Gemeinde geworden ist, beruht wesentlich auf den

drei grossen militaerischen Prinzipien der Reserve, der Verbindung des

Nah- und Ferngefechts und der Verbindung von Offensive und Defensive.

Das Reservesystem war schon in der aelteren Verwendung der Reiterei

angedeutet, hier aber durch die Gliederung des Heeres in drei Treffen

und die Aufsparung der Veteranenkernschar fuer den letzten und

entscheidenden Stoss vollstaendig entwickelt. Wenn die hellenische

Phalanx den Nahkampf, die orientalischen mit Bogen und leichten

Wurfspeeren bewaffneten Reitergeschwader den Fernkampf einseitig

ausgebildet hatten, so wurde durch die roemische Verbindung des schweren

Wurfspiesses mit dem Schwerte, wie mit Recht gesagt worden ist, ein

aehnlicher Erfolg erreicht wie in der modernen Kriegfuehrung durch die

Einfuehrung der Bajonettflinte; es arbeitete die Wurfspeersalve dem

Schwertkampf genau in derselben Weise vor wie jetzt die Gewehrsalve

dem Angriff mit dem Bajonett. Endlich das ausgebildete Lagersystem

gestattete es den Roemern, die Vorteile des Belagerungs- und des

Offensivkrieges miteinander zu verbinden und die Schlacht je nach

Umstaenden zu verweigern oder zu liefern, und im letzteren Fall sie

unter den Lagerwaellen gleichwie unter den Mauern einer Festung zu

schlagen - der Roemer, sagt ein roemisches Sprichwort, siegt durch

Stillsitzen. Dass diese neue Kriegsordnung im wesentlichen eine

roemische oder wenigstens italische Um- und Fortbildung der alten

hellenischen Phalangentaktik ist, leuchtet ein; wenn gewisse

Anfaenge des Reservesystems und der Individualisierung der kleineren

Heerabteilungen schon bei den spaeteren griechischen Strategen,

namentlich bei Xenophon begegnen, so folgt daraus nur, dass man die

Mangelhaftigkeit des alten Systems auch hier empfunden, aber doch nicht

vermocht hat, sie zu beseitigen. Vollstaendig entwickelt erscheint die

Manipularlegion im Pyrrhischen Kriege; wann und unter welchen Umstaenden

und ob sie auf einmal oder nach und nach entstanden ist, laesst sich

nicht mehr nachweisen. Die erste von der aelteren italisch-hellenischen

gruendlich verschiedene Taktik, die den Roemern gegenuebertrat, war die

keltische Schwerterphalanx; es ist nicht unmoeglich, dass man durch die

Gliederung der Armee und die Frontalintervalle der Manipel ihren ersten

und allein gefaehrlichen Stoss abwehren wollte und abgewehrt hat;

und damit stimmt es zusammen, wenn in manchen einzelnen Notizen der

bedeutendste roemische Feldherr der Gallierzeit, Marcus Furius Camillus,

als Reformator des roemischen Kriegswesens erscheint. Die weiteren an

den Samnitischen und Pyrrhischen Krieg anknuepfenden Ueberlieferungen

sind weder hinreichend beglaubigt noch mit Sicherheit einzureihen ^5;

so wahrscheinlich es auch an sich ist, dass der langjaehrige samnitische

Bergkrieg auf die individuelle Entwicklung des roemischen Soldaten,

und der Kampf gegen einen der ersten Kriegskuenstler aus der Schule des

grossen Alexander auf die Verbesserung des Technischen im

roemischen Heerwesen nachhaltig eingewirkt hat.

------------------------------------------- ^5 Nach der roemischen

Tradition fuehrten die Roemer urspruenglich viereckige Schilde; worauf

sie von den Etruskern den runden Hoplitenschild (clupeus, aspis)von

den Samniten den spaeteren viereckigen Schild (scutum, thyreos) und den

Wurfspeer (veru) entlehnten (Diodor. Vat. fr. p. 54; Sall. Catil. 51,

38; Verg. Aen. 7, 665; Fest. v. Samnites p. 327 Mueller und die bei

Marquardt, Handbuch, Bd. 3, 2, S. 241 angefuehrten). Allein dass der

Hoplitenschild, das heisst die dorische Phalangentaktik nicht den

Etruskern, sondern den Hellenen unmittelbar nachgeahmt ward, darf

als ausgemacht gelten. Was das Scutum anlangt, so wird dieser grosse

zylinderfoermig gewoelbte Lederschild allerdings wohl an die Stelle

des platten kupfernen Clupeus getreten sein, als die Phalanx in Manipel

auseinandertrat; allein die unzweifelhafte Herleitung des Wortes aus dem

Griechischen macht misstrauisch gegen die Herleitung der Sache von den

Samniten. Von den Griechen kam den Roemern auch die Schleuder (funda

aus sphendon/e/, wie fides aus sphid/e/, oben). Das Pilum gilt den

Alten durchaus als roemische Erfindung.

---------------------------------------- In der Volkswirtschaft war

und blieb der Ackerbau die soziale und politische Grundlage sowohl der

roemischen Gemeinde als des neuen italischen Staates. Aus den roemischen

Bauern bestand die Gemeindeversammlung und das Heer; was sie als

Soldaten mit dem Schwerte gewonnen hatten, sicherten sie als Kolonisten

mit dem Pfluge. Die Ueberschuldung des mittleren Grundbesitzes fuehrte

die furchtbaren inneren Krisen des dritten und vierten Jahrhunderts

herbei, an denen die junge Republik zugrunde gehen zu muessen schien;

die Wiedererhebung der latinischen Bauernschaft, welche waehrend

des fuenften teils durch die massenhaften Landanweisungen und

Inkorporationen, teils durch das Sinken des Zinsfusses und die steigende

Volksmenge Roms bewirkt ward, war zugleich Wirkung und Ursache der

gewaltigen Machtentwicklung Roms - wohl erkannte Pyrrhos' scharfer

Soldatenblick die Ursache des politischen und militaerischen

Uebergewichts der Roemer in dem bluehenden Zustande der roemischen

Bauernwirtschaften. Aber auch das Aufkommen der Grosswirtschaft in dem

roemischen Ackerbau scheint in diese Zeit zu fallen. In der aelteren

Zeit gab es wohl auch schon einen - wenigstens verhaeltnismaessig -

grossen Grundbesitz; aber dessen Bewirtschaftung war keine Gross-,

sondern nur eine vervielfaeltigte Kleinwirtschaft (I, 204). Dagegen darf

die mit der aelteren Wirtschaftsweise zwar nicht unvereinbare, aber doch

der spaeteren bei weitem angemessenere Bestimmung des Gesetzes vom

Jahre 387 (367), dass der Grundbesitzer neben den Sklaven eine

verhaeltnismaessige Zahl freier Leute zu verwenden verbunden sei, wohl

als die aelteste Spur der spaeteren zentralisierten Gutswirtschaft

angesehen werden ^6; und es ist bemerkenswert, dass gleich hier bei

ihrem ersten Vorkommen dieselbe wesentlich auf dem Sklavenhalten ruht.

Wie sie aufkam, muss dahingestellt bleiben; moeglich ist es, dass die

karthagischen Pflanzungen auf Sizilien schon den aeltesten roemischen

Gutsbesitzern als Muster gedient haben und vielleicht steht selbst das

Aufkommen des Weizens in der Landwirtschaft neben dem Spelt, das

Varro um die Zeit der Dezemvirn setzt, mit dieser veraenderten

Wirtschaftsweise in Zusammenhang. Noch weniger laesst sich ermitteln,

wie weit diese Wirtschaftsweise schon in dieser Epoche um sich

gegriffen hat; nur daran, dass sie noch nicht Regel gewesen sein und

den italischen Bauernstand noch nicht absorbiert haben kann, laesst

die Geschichte des Hannibalischen Krieges keinen Zweifel. Wo sie aber

aufkam, vernichtete sie die aeltere, auf dem Bittbesitz beruhende

Klientel; aehnlich wie die heutige Gutswirtschaft grossenteils durch

Niederlegung der Bauernstellen und Verwandlung der Hufen in Hoffeld

entstanden ist. Es ist keinem Zweifel unterworfen, dass zu der

Bedraengnis des kleinen Ackerbauernstandes eben das Einschraenken

dieser Ackerklientel hoechst wesentlich mitgewirkt hat.

--------------------------------------------------- ^6 Auch Varro (rust.

1, 2, 9) denkt sich den Urheber des Licinischen Ackergesetzes offenbar

als Selbstbewirtschafter seiner ausgedehnten Laendereien; obgleich

uebrigens die Anekdote leicht erfunden sein kann, um den Beinamen zu

erklaeren. ------------------------------------------------- Ueber

den inneren Verkehr der Italiker untereinander sind die schriftlichen

Quellen stumm; einigen Aufschluss geben lediglich die Muenzen. Dass in

Italien, von den griechischen Staedten und dem etruskischen Populonia

abgesehen, waehrend der ersten drei Jahrhunderte Roms nicht gemuenzt

ward und als Tauschmaterial anfangs das Vieh, spaeter Kupfer nach dem

Gewicht diente, wurde schon gesagt. In die gegenwaertige Epoche faellt

der Uebergang der Italiker vom Tausch- zum Geldsystem, wobei man

natuerlich zunaechst auf griechische Muster sich hingewiesen sah. Es lag

indes in den Verhaeltnissen, dass in Mittelitalien statt des Silbers das

Kupfer zum Muenzmetall ward und die Muenzeinheit sich zunaechst anlehnte

an die bisherige Werteinheit, das Kupferpfund; womit es zusammenhaengt,

dass man die Muenzen goss, statt sie zu praegen, denn kein Stempel

haette ausgereicht fuer so grosse und schwere Stuecke. Doch scheint von

Haus aus zwischen Kupfer und Silber ein festes Gleichungsverhaeltnis

(250 : 1) normiert und die Kupfermuenze mit Ruecksicht darauf

ausgebracht worden zu sein, so dass zum Beispiel in Rom das grosse

Kupferstueck, der As, dem Werte nach einem Skrupel (= 1/288 Pfund)

Silber gleichkam. Geschichtlich bemerkenswerter ist es, dass die Muenze

in Italien hoechst wahrscheinlich von Rom ausgegangen ist und zwar eben

von den Dezemvirn, die in der Solonischen Gesetzgebung das Vorbild auch

zur Regulierung des Muenzwesens fanden, und dass sie von Rom aus sich

verbreitete ueber eine Anzahl latinischer, etruskischer, umbrischer

und ostitalischer Gemeinden; zum deutlichen Beweise der ueberlegenen

Stellung, die Rom schon seit dem Anfang des vierten Jahrhunderts

in Italien behauptete. Wie alle diese Gemeinden formell unabhaengig

nebeneinander standen, war gesetzlich auch der Muenzfuss durchaus

oertlich und jedes Stadtgebiet ein eigenes Muenzgebiet; indes lassen

sich doch die mittel- und norditalischen Kupfermuenzfuesse in drei

Gruppen zusammenfassen, innerhalb welcher man die Muenzen im gemeinen

Verkehr als gleichartig behandelt zu haben scheint. Es sind dies teils

die Muenzen der noerdlich vom Ciminischen Walde gelegenen etruskischen

und der umbrischen Staedte, teils die Muenzen von Rom und Latium, teils

die des oestlichen Litorals. Dass die roemischen Muenzen mit dem Silber

nach dem Gewicht geglichen waren, ist schon bemerkt worden: diejenigen

der italischen Ostkueste finden wir dagegen in ein bestimmtes

Verhaeltnis gesetzt zu den Silbermuenzen, die im suedlichen Italien

seit alter Zeit gangbar waren und deren Fuss sich auch die italischen

Einwanderer, zum Beispiel die Brettier, Lucaner, Nolaner, ja die

latinischen Kolonien daselbst wie Cales und Suessa und sogar die Roemer

selbst fuer ihre unteritalischen Besitzungen aneigneten. Danach wird

auch der italische Binnenhandel in dieselben Gebiete zerfallen sein,

welche unter sich verkehrten gleich fremden Voelkern. Im ueberseeischen

Verkehr bestanden die frueher bezeichneten sizilisch- latinischen,

etruskisch-attischen und adriatisch-tarentinischen Handelsbeziehungen

auch in dieser Epoche fort oder gehoeren ihr vielmehr recht eigentlich

an; denn obwohl die derartigen, in der Regel ohne Zeitangabe

vorkommenden Tatsachen der Obersicht wegen schon bei der ersten

Periode zusammengefasst worden sind, erstrecken sich diese Angaben doch

ebensowohl auf die gegenwaertige mit. Am deutlichsten sprechen auch

hierfuer die Muenzen. Wie die Praegung des etruskischen Silbergeldes

auf attischen Fuss und das Eindringen des italischen und besonders

latinischen Kupfers in Sizilien fuer die ersten beiden Handelszuege

zeugen, so spricht die eben erwaehnte Gleichstellung des

grossgriechischen Silbergeldes mit der picenischen und apulischen

Kupfermuenze nebst zahlreichen anderen Spuren fuer den regen Verkehr

der unteritalischen Griechen, namentlich der Tarentiner mit dem

ostitalischen Litoral. Dagegen scheint der frueher wohl lebhaftere

Handel zwischen den Latinern und den kampanischen Griechen durch die

sabellische Einwanderung gestoert worden zu sein und waehrend der ersten

hundertundfuenfzig Jahre der Republik nicht viel bedeutet zu haben; die

Weigerung der Samniten, in Capua und Cumae den Roemern in der Hungersnot

von 343 (411) mit ihrem Getreide zu Hilfe zu kommen, duerfte eine Spur

der zwischen Latium und Kampanien veraenderten Beziehungen sein, bis

im Anfang des fuenften Jahrhunderts die roemischen Waffen die alten

Verhaeltnisse wiederherstellten und steigerten. Im einzelnen mag es

noch gestattet sein, als eines der seltenen datierten Fakten aus der

Geschichte des roemischen Verkehrs der Notiz zu gedenken, welche aus

der ardeatischen Chronik erhalten ist, dass im Jahre 454 (300) der

erste Barbier aus Sizilien nach Ardea kam, und einen Augenblick bei dem

gemalten Tongeschirr zu verweilen, das vorzugsweise aus Attika, daneben

aus Kerkyra und Sizilien nach Lucanien, Kampanien und Etrurien gesandt

ward, um dort zur Ausschmueckung der Grabgemaecher zu dienen und ueber

dessen merkantilische Verhaeltnisse wir zufaellig besser als ueber

irgendeinen anderen ueberseeischen Handelsartikel unterrichtet sind.

Der Anfang dieser Einfuhr mag um die Zeit der Vertreibung der Tarquinier

fallen, denn die noch sehr sparsam in Italien vorkommenden Gefaesse des

aeltesten Stils duerften in der zweiten Haelfte des dritten Jahrhunderts

der Stadt (500-450) gemalt sein, waehrend die zahlreicheren des strengen

Stils der ersten (450-400), die des vollendet schoenen der zweiten

Haelfte des vierten (400-350) angehoeren, und die ungeheuren Massen der

uebrigen, oft durch Pracht und Groesse, aber selten durch vorzuegliche

Arbeit sich auszeichnenden Vasen im ganzen dem folgenden Jahrhundert

(350-250) beizulegen sein werden. Es waren allerdings wieder die

Hellenen, von denen die Italiker diese Sitte der Graeberschmueckung

entlehnten; aber wenn die bescheidenen Mittel und der feine Takt der

Griechen sie bei diesen in engen Grenzen hielten, ward sie in Italien

mit barbarischer Opulenz und barbarischer Verschwendung weit ueber das

urspruengliche und schickliche Mass ausgedehnt. Aber es ist bezeichnend,

dass es in Italien lediglich die Laender der hellenischen Halbkultur

sind, in welchen diese Ueberschwenglichkeit begegnet; wer solche

Schrift zu lesen versteht, wird in den etruskischen und kampanischen

Leichenfeldern, den Fundgruben unserer Museen, den redenden Kommentar zu

den Berichten der Alten ueber die im Reichtum und Uebermut erstickende

etruskische und kampanische Halbbildung erkennen. Dagegen blieb das

schlichte samnitische Wesen diesem toerichten Luxus zu allen Zeiten

fern; in dem Mangel des griechischen Grabgeschirrs tritt ebenso

fuehlbar wie in dem Mangel einer samnitischen Landesmuenze die geringe

Entwicklung des Handelsverkehrs und des staedtischen Lebens in dieser

Landschaft hervor. Noch bemerkenswerter ist es, dass auch Latium, obwohl

den Griechen nicht minder nahe wie Etrurien und Kampanien und mit ihnen

im engsten Verkehr, dieser Graeberpracht sich fast ganz enthalten

hat. Es ist wohl mehr als wahrscheinlich, namentlich wegen der ganz

abweichenden Beschaffenheit der Graeber in dem einzigen Praeneste, dass

wir hierin den Einfluss der strengen roemischen Sittlichkeit, oder, wenn

man lieber will, der straffen roemischen Polizei wiederzuerkennen haben.

Im engsten Zusammenhange damit stehen die bereits erwaehnten Interdikte,

welche schon das Zwoelftafelgesetz gegen purpurne Bahrtuecher und

den Goldschmuck als Totenmitgift schleudert, und die Verbannung des

silbernen Geraetes mit Ausnahme des Salzfasses und der Opferschale aus

dem roemischen Hausrat wenigstens durch das Sittengesetz und die

Furcht vor der zensorischen Ruege; und auch in dem Bauwesen werden

wir demselben, allem gemeinen wie edlen Luxus feindlichen Sinn

wiederbegegnen. Indes mochte auch Rom durch solche Einwirkung von oben

her laenger als Volsinii und Capua eine gewisse aeussere Einfachheit

bewahren, so werden sein Handel und Gewerbe, auf denen ja neben dem

Ackerbau seine Bluete von Haus aus beruhte, darum noch nicht als

unbedeutend gedacht werden duerfen und nicht minder den Einfluss der

neuen Machtstellung Roms empfunden haben. Zu der Entwicklung eines

eigentlichen staedtischen Mittelstandes, einer unabhaengigen Handwerker-

und Kaufmannschaft kam es in Rom nicht. Die Ursache war neben der

frueh eingetretenen unverhaeltnismaessigen Zentralisierung des Kapitals

vornehmlich die Sklavenwirtschaft. Es war im Altertum ueblich und in

der Tat eine notwendige Konsequenz der Sklaverei, dass die kleineren

staedtischen Geschaefte sehr haeufig von Sklaven betrieben wurden,

welche ihr Herr als Handwerker oder Kaufleute etablierte, oder auch

von Freigelassenen, fuer welche der Herr nicht bloss sehr oft das

Geschaeftskapital hergab, sondern von denen er sich auch regelmaessig

einen Anteil, oft die Haelfte des Geschaeftsgewinns ausbedang. Der

Kleinbetrieb und der Kleinverkehr in Rom waren ohne Zweifel in

stetigem Steigen; es finden sich auch Belege dafuer, dass die dem

grossstaedtischen Luxus dienstbaren Gewerbe anfingen, sich in Rom zu

konzentrieren - so ist das ficoronische Schmuckkaestchen im fuenften

Jahrhundert der Stadt von einem praenestinischen Meister verfertigt

und nach Praeneste verkauft, aber dennoch in Rom gearbeitet worden ^7.

Allein da der Reinertrag auch des Kleingeschaefts zum groessten Teil

in die Kassen der grossen Haeuser floss, so kam ein industrieller und

kommerzieller Mittelstand nicht in entsprechender Ausdehnung empor.

Ebensowenig sonderten sich die Grosshaendler und grossen Industriellen

scharf von den grossen Grundbesitzern. Einerseits waren die letzteren

seit alter zugleich Geschaeftsbetreibende und Kapitalisten und in ihren

Haenden Hypothekardarlehen, Grosshandel und Lieferungen und Arbeiten

fuer den Staat vereinigt. Anderseits war es bei dem starken sittlichen

Akzent, der in dem roemischen Gemeinwesen auf den Grundbesitz fiel, und

bei seiner politischen Alleinberechtigung, welche erst gegen das Ende

dieser Epoche einige Einschraenkungen erlitt, ohne Zweifel schon in

dieser Zeit gewoehnlich, dass der glueckliche Spekulant mit einem

Teil seiner Kapitalien sich ansaessig machte. Es geht auch aus der

politischen Bevorzugung der ansaessigen Freigelassenen deutlich genug

hervor, dass die roemischen Staatsmaenner dahin wirkten, auf diesem Wege

die gefaehrliche Klasse der nicht grundsaessigen Reichen zu vermindern.

------------------------------------------------------ ^7 Die Vermutung,

dass der Kuenstler, welcher an diesem Kaestchen fuer die Dindia Macolnia

in Rom gearbeitet hat, Novius Plautius, ein Kampaner, gewesen sei,

wird durch die neuerlich gefundenen alten praenestinischen Grabsteine

widerlegt, auf denen unter andern Macolniern und Plautiern auch ein

Lucius Magulnius des Plautius Sohn (L. Magolnio Pla. f.) vorkommt.

------------------------------------------------------ Aber wenn auch

Römische Geschichte — Buch 2 · 第 22 / 26 段