ihnen erlegen war, glaubten sie die Zeit gekommen, um zu dem seit
Jahrhunderten im Auge behaltenen Ziel endlich den letzten Schritt zu tun
und die ganze Insel unter ihre Botmaessigkeit zu bringen: sie wandten
sich zum Angriff auf Syrakus. Die Stadt, die einst mit ihren Heeren und
Flotten Karthago den Besitz der Insel streitig gemacht hatte, war durch
den inneren Hader und die Schwaeche des Regiments so tief herabgekommen,
dass sie ihre Rettung suchen musste in dem Schutz ihrer Mauern und
in auswaertiger Hilfe; und niemand konnte diese gewaehren als Koenig
Pyrrhos. Pyrrhos war des Agathokles Tochtermann, sein Sohn, der damals
sechzehnjaehrige Alexander, des Agathokles Enkel, beide in jeder
Beziehung die natuerlichen Erben der hochfliegenden Plaene des Herrn von
Syrakus; und wenn es mit der Freiheit doch zu Ende war, konnte Syrakus
Ersatz darin finden, die Hauptstadt eines westhellenischen Reiches
zu sein. So trugen die Syrakusaner gleich den Tarentinern und unter
aehnlichen Bedingungen dem Koenig Pyrrhos freiwillig die Herrschaft
entgegen (um 475 279), und durch eine seltene Fuegung der Dinge schien
sich alles zu vereinigen zum Gelingen der grossartigen, zunaechst auf
den Besitz von Tarent und Syrakus gebauten Plaene des Epeirotenkoenigs.
Freilich war die naechste Folge von dieser Vereinigung der italischen
und sizilischen Griechen unter eine Hand, dass auch die Gegner sich
enger zusammenschlossen. Karthago und Rom verwandelten ihre alten
Handelsvertraege jetzt in ein Offensiv- und Defensivbuendnis gegen
Pyrrhos (475 279), dessen Bedingungen dahin lauteten, dass, wenn Pyrrhos
roemisches oder karthagisches Gebiet betrete, der nicht angegriffene
Teil dem angegriffenen auf dessen Gebiet Zuzug leisten und die
Hilfstruppen selbst besolden solle; dass in solchem Falle Karthago die
Transportschiffe zu stellen und auch mit der Kriegsflotte den Roemern
beizustehen sich verpflichte, doch solle deren Bemannung nicht gehalten
sein, zu Lande fuer die Roemer zu fechten; dass endlich beide Staaten
sich das Wort gaeben, keinen Sonderfrieden mit Pyrrhos zu schliessen.
Der Zweck des Vertrages war auf roemischer Seite, einen Angriff auf
Tarent moeglich zu machen und Pyrrhos von der Heimat abzuschneiden, was
beides ohne Mitwirkung der punischen Flotte nicht ausfuehrbar war,
auf seiten der Karthager, den Koenig in Italien festzuhalten, um ihre
Absichten auf Syrakus ungestoert ins Werk setzen zu koennen ^4. Es lag
also im Interesse beider Maechte, zunaechst sich des Meeres zwischen
Italien und Sizilien zu versichern. Eine starke karthagische Flotte
von 120 Segeln unter dem Admiral Mago ging von Ostia, wohin Mago sich
begeben zu haben scheint, um jenen Vertrag abzuschliessen, nach der
sizilischen Meerenge. Die Mamertiner, die fuer ihre Frevel gegen die
griechische Bevoelkerung Messanas die gerechte Strafe erwartete, wenn
Pyrrhos in Sizilien und Italien ans Regiment kam, schlossen sich eng an
die Roemer und Karthager und sicherten diesen die sizilische Seite
des Passes. Gern haetten die Verbuendeten auch Rhegion auf der
gegenueberliegenden Kueste in ihre Gewalt gebracht; allein verzeihen
konnte Rom der kampanischen Besatzung unmoeglich, und ein Versuch der
vereinigten Roemer und Karthager, sich der Stadt mit gewaffneter Hand zu
bemaechtigen, schlug fehl. Von dort segelte die karthagische Flotte nach
Syrakus und blockierte die Stadt von der Seeseite, waehrend gleichzeitig
ein starkes phoenikisches Heer die Belagerung zu Lande begann (476
278). Es war hohe Zeit, dass Pyrrhos in Syrakus erschien; aber freilich
standen in Italien die Angelegenheiten keineswegs so, dass er und seine
Truppen dort entbehrt werden konnten. Die beiden Konsuln des Jahres
476 (278) Gaius Fabricius Luscinus und Quintus Aemilius Papus, beide
erprobte Generale, hatten den neuen Feldzug kraeftig begonnen, und
obwohl bisher die Roemerin diesem Kriege nur Niederlagen erlitten
hatten, waren nicht sie es, sondern die Sieger, die sich ermattet
fuehlten und den Frieden herbeiwuenschten. Pyrrhos machte noch einen
Versuch, ein leidliches Abkommen zu erlangen. Der Konsul Fabricius hatte
dem Koenig einen Elenden zugesandt, der ihm den Antrag gemacht, gegen
gute Bezahlung den Koenig zu vergiften. Zum Dank gab der Koenig nicht
bloss alle roemischen Gefangenen ohne Loesegeld frei, sondern er fuehlte
sich so hingerissen von dem Edelsinn seiner tapferen Gegner, dass er zur
Belohnung ihnen selber einen ungemein billigen und guenstigen Frieden
antrug. Kineas scheint noch einmal nach Rom gegangen zu sein und
Karthago ernstlich gefuerchtet zu haben, dass sich Rom zum Frieden
bequeme. Indes der Senat blieb fest und wiederholte seine fruehere
Antwort. Wollte der Koenig nicht Syrakus den Karthagern in die Haende
fallen und damit seinen grossen Plan sich zerstoeren lassen, so
blieb ihm nichts anderes uebrig, als seine italischen Bundesgenossen
preiszugeben und sich vorlaeufig auf den Besitz der wichtigsten
Hafenstaedte, namentlich von Tarent und Lokri, zu beschraenken.
Vergebens beschworen ihn die Lucaner und Samniten, sie nicht im Stich
zu lassen; vergebens forderten die Tarentiner ihn auf, entweder seiner
Feldherrnpflicht nachzukommen oder die Stadt ihnen zurueckzugeben. Den
Klagen und Vorwuerfen setzte der Koenig Vertroestungen auf kuenftige
bessere Zeiten oder auch derbe Abweisung entgegen; Milon blieb in Tarent
zurueck, des Koenigs Sohn Alexander in Lokri und mit der Hauptmacht
schiffte noch im Fruehjahr 476 (278) sich Pyrrhos in Tarent nach Syrakus
ein. -------------------------------------------------------- ^4 Die
spaeteren Roemer und mit ihnen die neueren geben dem Buendnis die
Wendung, als haetten die Roemer absichtlich vermieden, die karthagische
Hilfe in Italien anzunehmen. Das waere unvernuenftig gewesen, und die
Tatsachen sprechen dagegen. Dass Mago in Ostia nicht landete, erklaert
sich nicht aus solcher Vorsicht, sondern einfach daraus, dass Latium von
Pyrrhos ganz und gar nicht bedroht war und karthagischen Beistandes also
nicht bedurfte; und vor Rhegion kaempften die Karthager allerdings
fuer Rom. -------------------------------------------------------- Nach
Pyrrhos' Abzug erhielten die Roemer freie Hand in Italien, wo niemand
ihnen auf offenem Felde zu widerstehen wagte und die Gegner ueberall
sich einschlossen in ihre Festen oder in ihre Waelder. Indes der Kampf
ging nicht so schnell zu Ende, wie man wohl gehofft haben mochte, woran
teils die Natur dieses Gebirgs- und Belagerungskrieges schuld war, teils
wohl auch die Erschoepfung der Roemer, von deren furchtbaren Verlusten
das Sinken der Buergerrolle von 473 (281) auf 479 (275) um 17000 Koepfe
zeugt. Noch im Jahre 476 (278) gelang es dem Konsul Gaius Fabricius, die
bedeutende tarentinische Pflanzstadt Herakleia zu einem Sonderfrieden
zu bringen, der ihr unter den guenstigsten Bedingungen gewaehrt ward.
Im Feldzug von 477 (277) schlug man sich in Samnium herum, wo ein
leichtsinnig unternommener Angriff auf die verschanzten Hoehen den
Roemern viele Leute kostete, und wandte sich alsdann nach dem suedlichen
Italien, wo die Lucaner und Brettier geschlagen wurden. Dagegen kam bei
einem Versuch, Kroton zu ueberrumpeln, Milon von Tarent aus den
Roemern zuvor; die epeirotische Besatzung machte alsdann sogar einen
gluecklichen Ausfall gegen das belagernde Heer. Indes gelang es endlich
dem Konsul dennoch, dieselbe durch eine Kriegslist zum Abmarsch zu
bestimmen und der unverteidigten Stadt sich zu bemaechtigen (477
277). Wichtiger war es, dass die Lokrenser, die frueher die roemische
Besatzung dem Koenig ausgeliefert hatten, jetzt, den Verrat durch Verrat
suehnend, die epeirotische erschlugen; womit die ganze Suedkueste in den
Haenden der Roemer war mit Ausnahme von Rhegion und Tarent. Indes
mit diesen Erfolgen war man im wesentlichen doch wenig gefoerdert.
Unteritalien selbst war laengst wehrlos; Pyrrhos aber war nicht
bezwungen, solange Tarent in seinen Haenden und ihm damit die
Moeglichkeit blieb, den Krieg nach Belieben wieder zu erneuern, und
an die Belagerung dieser Stadt konnten die Roemer nicht denken. Selbst
davon abgesehen, dass in dem durch Philipp von Makedonien und Demetrios
den Belagerer umgeschaffenen Festungskrieg die Roemer gegen
einen erfahrenen und entschlossenen griechischen Kommandanten im
entschiedensten Nachteil waren, bedurfte es dazu einer starken Flotte,
und obwohl der karthagische Vertrag den Roemern Unterstuetzung zur See
verhiess, so standen doch Karthagos eigene Angelegenheiten in Sizilien
durchaus nicht so, dass es diese haette gewaehren koennen. Pyrrhos'
Landung auf der Insel, welche trotz der karthagischen Flotte ungehindert
erfolgt war, hatte dort mit einem Schlage die Lage der Dinge veraendert.
Er hatte Syrakus sofort entsetzt, alle freien Griechenstaedte in
kurzer Zeit in seiner Hand vereinigt und als Haupt der sikeliotischen
Konfoederation den Karthagern fast ihre saemtlichen Besitzungen
entrissen. Kaum vermochten mit Hilfe der damals auf dem Mittelmeer ohne
Nebenbuhler herrschenden karthagischen Flotte sich die Karthager
in Lilybaeon, die Mamertiner in Messana, und auch hier unter steten
Angriffen, zu behaupten. Unter solchen Umstaenden waere in Gemaessheit
des Vertrags von 475 (279) viel eher Rom im Fall gewesen, den Karthagern
auf Sizilien Beistand zu leisten, als Karthago mit seiner Flotte den
Roemern Tarent erobern zu helfen; ueberhaupt aber war man eben von
keiner Seite sehr geneigt, dem Bundesgenossen die Macht zu sichern oder
gar zu erweitern. Karthago hatte den Roemern die Hilfe erst angeboten,
als die wesentliche Gefahr vorueber war; diese ihrerseits hatten nichts
getan, den Abzug des Koenigs aus Italien, den Sturz der karthagischen
Macht in Sizilien zu verhindern. Ja in offener Verletzung der Vertraege
hatte Karthago sogar dem Koenig einen Sonderfrieden angetragen und gegen
den ungestoerten Besitz von Lilybaeon sich erboten, auf die uebrigen
sizilischen Besitzungen zu verzichten, sogar dem Koenig Geld und
Kriegsschiffe zur Verfuegung zu stellen, natuerlich zur Ueberfahrt
nach Italien und zur Erneuerung des Krieges gegen Rom. Indes es war
einleuchtend, dass mit dem Besitz von Lilybaeon und der Entfernung des
Koenigs die Stellung der Karthager auf der Insel ungefaehr dieselbe
geworden waere, wie sie vor Pyrrhos' Landung gewesen war; sich selbst
ueberlassen waren die griechischen Staedte ohnmaechtig und das verlorene
Gebiet leicht wiedergewonnen. So schlug Pyrrhos den nach zwei Seiten
hin perfiden Antrag aus und ging daran, sich selber eine Kriegsflotte zu
erbauen. Nur Unverstand und Kurzsichtigkeit haben dies spaeter getadelt;
es war vielmehr ebenso notwendig als mit den Mitteln der Insel leicht
durchzufuehren. Abgesehen davon, dass der Herr von Ambrakia, Tarent
und Syrakus nicht ohne Seemacht sein konnte, bedurfte er der Flotte,
um Lilybaeon zu erobern, um Tarent zu schuetzen, um Karthago daheim
anzugreifen, wie es Agathokles, Regulus, Scipio vor- und nachher mit
so grossem Erfolg getan. Nie stand Pyrrhos seinem Ziele naeher als im
Sommer 478 (276), wo er Karthago gedemuetigt vor sich sah, Sizilien
beherrschte und mit Tarents Besitz einen festen Fuss in Italien
behauptete, und wo die neugeschaffene Flotte, die alle diese Erfolge
zusammenknuepfen, sichern und steigern sollte, zur Abfahrt fertig im
Hafen von Syrakus lag. Die wesentliche Schwaeche von Pyrrhos' Stellung
beruhte auf seiner fehlerhaften inneren Politik. Er regierte Sizilien
wie er Ptolemaeos hatte in Aegypten herrschen sehen; er respektierte die
Gemeindeverfassungen nicht, setzte seine Vertrauten zu Amtleuten
ueber die Staedte wann und auf so lange es ihm gefiel, gab anstatt
der einheimischen Geschworenen seine Hofleute zu Richtern, sprach
Konfiskationen, Verbannungen, Todesurteile nach Gutduenken aus
und selbst ueber diejenigen, die seine Ueberkunft nach Sizilien am
lebhaftesten betrieben hatten, legte Besatzungen in die Staedte und
beherrschte Sizilien nicht als der Fuehrer des Nationalbundes, sondern
als Koenig. Mochte er dabei nach orientalisch-hellenistischen Begriffen
sich ein guter und weiser Regent zu sein duenken und auch wirklich sein,
so ertrugen doch die Griechen diese Verpflanzung des Diadochensystems
nach Syrakus mit aller Ungeduld einer in langer Freiheitsagonie aller
Zucht entwoehnten Nation; sehr bald duenkte das karthagische Joch
dem toerichten Volk ertraeglicher als das neue Soldatenregiment.
Die bedeutendsten Staedte knuepften mit den Karthagern, ja mit den
Mamertinern Verbindungen an; ein starkes karthagisches Heer wagte
wieder, sich auf der Insel zu zeigen und, ueberall von den Griechen
unterstuetzt, machte es reissende Fortschritte. Zwar in der Schlacht,
die Pyrrhos ihm lieferte, war das Glueck wie immer mit dem "Adler";
allein es hatte sich bei dieser Gelegenheit offenbart, wie die Stimmung
auf der Insel war und was kommen konnte und musste, wenn der Koenig sich
entfernte. Zu diesem ersten und wesentlichsten Fehler fuegte Pyrrhos
einen zweiten: er ging mit der Flotte statt nach Lilybaeon nach Tarent.
Augenscheinlich musste er, eben bei der Gaerung in den Gemuetern der
Sikelioten, vor allen Dingen erst von dieser Insel die Karthager
ganz verdraengt und damit den Unzufriedenen den letzten Rueckhalt
abgeschnitten haben, ehe er nach Italien sich wenden durfte; hier
war nichts zu versaeumen, denn Tarent war ihm sicher genug und an den
uebrigen Bundesgenossen, nachdem sie einmal aufgegeben waren, jetzt
wenig gelegen. Es ist begreiflich, dass sein Soldatensinn ihn trieb, den
nicht sehr ehrenvollen Abzug vom Jahre 476 (278) durch eine glaenzende
Wiederkehr auszutilgen und dass ihm das Herz blutete, wenn er die Klagen
der Lucaner und Samniten vernahm. Allein Aufgaben, wie sie Pyrrhos sich
gestellt hatte, koennen nur geloest werden von eisernen Naturen, die
das Mitleid und selbst das Ehrgefuehl zu beherrschen vermoegen; und eine
solche war Pyrrhos nicht. Die verhaengnisvolle Einschiffung fand
statt gegen das Ende des Jahres 478 (276). Unterwegs hatte die neue
syrakusanische Flotte mit der karthagischen ein heftiges Gefecht zu
bestehen und buesste darin eine betraechtliche Anzahl Schiffe ein. Die
Entfernung des Koenigs und die Kunde von diesem ersten Unfall genuegten
zum Sturz des sikeliotischen Reiches; auf sie hin weigerten alle Staedte
dem abwesenden Koenig Geld und Truppen und der glaenzende Staat brach
schneller noch als er entstanden war wiederum zusammen, teils weil der
Koenig selbst die Treue und Liebe, auf der jedes Gemeinwesen ruht, in
den Herzen seiner Untertanen untergraben hatte, teils weil es dem Volk
an der Hingebung fehlte, zur Rettung der Nationalitaet auf vielleicht
nur kurze Zeit der Freiheit zu entsagen. Damit war Pyrrhos' Unternehmen
gescheitert, der Plan seines Lebens ohne Aussicht dahin; er ist fortan
ein Abenteurer, der es fuehlt, dass er viel gewesen und nichts mehr ist,
der den Krieg nicht mehr als Mittel zum Zwecke fuehrt, sondern, um
in wildem Wuerfelspiel sich zu betaeuben und womoeglich im
Schlachtgetuemmel einen Soldatentod zu finden. An der italischen
Kueste angelangt, begann der Koenig mit einem Versuch, sich Rhegions zu
bemaechtigen, aber mit Hilfe der Mamertiner schlugen die Kampaner den
Angriff ab, und in dem hitzigen Gefecht vor der Stadt ward der Koenig
selbst verwundet, indem er einen feindlichen Offizier vom Pferde hieb.
Dagegen ueberrumpelte er Lokri, dessen Einwohner die Niedermetzelung
der epeirotischen Besatzung schwer buessten, und pluenderte den reichen
Schatz des Persephonetempels daselbst, um seine leere Kasse zu fuellen.
So gelangte er nach Tarent, angeblich mit 20000 Mann zu Fuss und 3000
Reitern. Aber es waren nicht mehr die erprobten Veteranen von vordem und
nicht mehr begruessten die Italiker in ihnen ihre Retter; das Vertrauen
und die Hoffnung, damit man den Koenig fuenf Jahre zuvor empfing, waren
gewichen, den Verbuendeten Geld und Mannschaft ausgegangen. Den schwer
bedraengten Samniten, in deren Gebiet die Roemer 478/79 (276/75)
ueberwintert hatten, zu Hilfe rueckte der Koenig im Fruehjahr 479 (275)
ins Feld und zwang bei Benevent auf dem Arusinischen Felde den Konsul
Manius Curius zur Schlacht, bevor er sich mit seinem von Lucanien
heranrueckenden Kollegen vereinigen konnte. Aber die Heeresabteilung,
die den Roemern in die Flanke zu fallen bestimmt war, verirrte sich
waehrend des Nachtmarsches in den Waeldern und blieb im entscheidenden
Augenblick aus; und nach heftigem Kampf entschieden auch hier wieder die
Elefanten die Schlacht, aber diesmal fuer die Roemer, indem sie, von den
zur Bedeckung des Lagers aufgestellten Schuetzen in Verwirrung gebracht,
auf ihre eigenen Leute sich warfen. Die Sieger besetzten das Lager; in
ihre Haende fielen 1300 Gefangene und vier Elefanten - die ersten, die
Rom sah, ausserdem eine unermessliche Beute, aus deren Erloes spaeter
in Rom der Aquaedukt, welcher das Aniowasser von Tibur nach Rom fuehrte,
gebaut ward. Ohne Truppen, um das Feld zu halten, und ohne Geld sandte
Pyrrhos an seine Verbuendeten, die ihm zur Ausruestung nach Italien
gesteuert hatten, die Koenige von Makedonien und Asien; aber auch in
der Heimat fuerchtete man ihn nicht mehr und schlug die Bitte ab.
Verzweifelnd an dem Erfolg gegen Rom und erbittert durch diese
Weigerungen liess Pyrrhos Besatzung in Tarent und ging selber noch im
selben Jahre (479 275) heim nach Griechenland, wo eher noch als bei
dem stetigen und gemessenen Gang der italischen Verhaeltnisse sich dem
verzweifelten Spieler eine Aussicht eroeffnen mochte. In der Tat gewann
er nicht bloss schnell zurueck, was von seinem Reiche war abgerissen
worden, sondern er griff noch einmal und nicht ohne Erfolg nach
der makedonischen Krone. Allein an Antigonos Gonatas' ruhiger und
umsichtiger Politik und mehr noch an seinem eigenen Ungestuem und
der Unfaehigkeit, den stolzen Sinn zu zaehmen, scheiterten auch seine
letzten Plaene; er gewann noch Schlachten, aber keinen dauernden
Erfolg mehr und fand sein Ende in einem elenden Strassengefecht im
peloponnesischen Argos (482 272). In Italien ist der Krieg zu Ende mit
der Schlacht bei Benevent; langsam verenden die letzten Zuckungen der
nationalen Partei. Zwar so lange der Kriegsfuerst, dessen maechtiger Arm
es gewagt hatte, dem Schicksal in die Zuegel zu fallen, noch unter den
Lebenden war, hielt er, wenngleich abwesend, gegen Rom die feste Burg
von Tarent. Mochte auch nach des Koenigs Entfernung in der Stadt die
Friedenspartei die Oberhand gewinnen, Milon, der fuer Pyrrhos darin den
Befehl fuehrte, wies ihre Anmutungen ab und liess die roemisch gesinnten
Staedter in dem Kastell, das sie im Gebiet von Tarent sich errichtet
hatten, auf ihre eigene Hand mit Rom Frieden schliessen, wie es ihnen
beliebte, ohne darum seine Tore zu oeffnen. Aber als nach Pyrrhos'
Tode eine karthagische Flotte in den Hafen einlief und Milon die
Buergerschaft im Begriff sah, die Stadt an die Karthager auszuliefern,
zog er es vor, dem roemischen Konsul Lucius Papirius die Burg zu
uebergeben (482 272) und damit fuer sich und die Seinigen freien Abzug
zu erkaufen. Fuer die Roemer war dies ein ungeheurer Gluecksfall. Nach
den Erfahrungen, die Philipp vor Perinth und Byzanz, Demetrios vor
Rhodos, Pyrrhos vor Lilybaeon gemacht hatten, laesst sich bezweifeln, ob
die damalige Strategik ueberhaupt imstande war, eine wohlbefestigte und
wohlverteidigte und von der See her zugaengliche Stadt zur Uebergabe zu
zwingen; und welche Wendung haetten die Dinge nehmen moegen, wenn
Tarent das in Italien fuer die Phoeniker geworden waere, was in Sizilien
Lilybaeon fuer sie gewesen war! Indes das Geschehene war nicht zu
aendern. Der karthagische Admiral, da er die Burg in den Haenden
der Roemer sah, erklaerte, nur vor Tarent erschienen zu sein, um dem
Vertrage gemaess den Bundesgenossen bei der Belagerung der Stadt
Hilfe zu leisten, und ging unter Segel nach Afrika; und die roemische
Gesandtschaft, welche wegen der versuchten Okkupation von Tarent
Aufklaerung zu fordern und Beschwerde zu fuehren nach Karthago
gesandt ward, brachte nichts zurueck als die feierliche und eidliche
Bekraeftigung dieser angeblichen bundesfreundlichen Absicht, wobei man
denn auch in Rom vorlaeufig sich beruhigte. Die Tarentiner erhielten,
vermutlich durch Vermittlung ihrer Emigrierten, die Autonomie von den
Roemern zurueck; aber Waffen und Schiffe mussten ausgeliefert und die
Mauern niedergerissen werden. In demselben Jahre, in dem Tarent roemisch
ward, unterwarfen sich endlich auch die Samniten, Lucaner und Brettier,
welche letztere die Haelfte des eintraeglichen und fuer den Schiffbau
wichtigen Silawaldes abtreten mussten. Endlich traf auch die seit
zehn Jahren in Rhegion hausende Bande die Strafe fuer den gebrochenen
Fahneneid wie fuer den Mord der rheginischen Buergerschaft und der
Besatzung von Kroton. Es war zugleich die allgemeine Sache der Hellenen
gegen die Barbaren, welche Rom hier vertrat; der neue Herr von Syrakus,
Hieron, unterstuetzte darum auch die Roemer vor Rhegion durch Sendung
von Lebensmitteln und Zuzug und machte gleichzeitig einen mit der
roemischen Expedition gegen Rhegion kombinierten Angriff auf deren
Stamm- und Schuldgenossen in Sizilien, die Mamertiner in Messana. Die
Belagerung der letzteren Stadt zog sich sehr in die Laenge; dagegen
wurde Rhegion, obwohl auch hier die Meuterer hartnaeckig und lange
sich wehrten, im Jahre 484 (270) von den Roemern erstuermt, was von
der Besatzung uebrig war, in Rom auf offenem Markte gestaeupt und
enthauptet, die alten Einwohner aber zurueckgerufen und soviel moeglich
in ihr Vermoegen wieder eingesetzt. So war im Jahre 484 (270) ganz
Italien zur Untertaenigkeit gebracht. Nur die hartnaeckigsten Gegner
Roms, die Samniten, setzten trotz des offiziellen Friedensschlusses
noch als "Raeuber" den Kampf fort, sodass sogar im Jahre 485 (269) noch
einmal beide Konsuln gegen sie geschickt werden mussten. Aber auch der
hochherzigste Volksmut, die tapferste Verzweiflung gehen einmal zu Ende;
Schwert und Galgen brachten endlich auch den samnitischen Bergen die
Ruhe. Zur Sicherung dieser ungeheuren Erwerbungen wurde wiederum eine
Reihe von Kolonien angelegt: in Lucanien Paestum und Cosa (481 273), als
Zwingburgen fuer Samnium Beneventum (486 268) und Aesernia (um 491 263),
als Vorposten gegen die Gallier Ariminum (486 268), in Picenum Firmum
(um 490 264) und die Buergerkolonie Castrum novum; die Fortfuehrung
der grossen Suedchaussee, welche an der Festung Benevent eine neue
Zwischenstation zwischen Capua und Venusia erhielt, bis zu den
Haefen von Tarent und Brundisium und die Kolonisierung des letzteren
Seeplatzes, den die roemische Politik zum Nebenbuhler und Nachfolger des
tarentinischen Emporiums sich ausersehen hatte, wurden vorbereitet. Die
neuen Festungs- und Strassenanlagen veranlassten noch einige Kriege mit
den kleinen Voelkerschaften, deren Gebiet durch dieselben geschmaelert
ward, den Picentern (485, 486 269, 268), von denen eine Anzahl in die
Gegend von Salernum verpflanzt ward, den Sallentinern um Brundisium
(487, 488 267, 266), den umbrischen Sassinaten (487, 488 267, 266),
welche letzte nach der Austreibung der Senonen das Gebiet von Ariminum
besetzt zu haben scheinen. Durch diese Anlagen ward die Herrschaft Roms
ueber das unteritalische Binnenland und die ganze italische Ostkueste
vom Ionischen Meer bis zur keltischen Grenze ausgedehnt. Bevor wir die
politische Ordnung darstellen, nach der das also geeinigte Italien von
Rom aus regiert ward, bleibt es noch uebrig, auf die Seeverhaeltnisse
im vierten und fuenften Jahrhundert einen Blick zu werfen. Es waren in