er die Soldaten Milons anstatt der tarentinischen Miliz sich gegenueber

aufziehen sah, den Angriff auf Tarent aufgegeben und sich nach Apulien

zurueckgezogen; aber mit Ausnahme des Gebietes von Tarent beherrschten

die Roemer so gut wie ganz Italien. Nirgends in Unteritalien hatte

die Koalition eine Armee im Felde, und auch in Oberitalien hatten die

Etrusker, die allein noch in Waffen standen, in dem letzten Feldzuge

(473 281) nichts als Niederlagen erlitten. Die Verbuendeten hatten, ehe

der Koenig zu Schiff ging, ihm den Oberbefehl ueber ihre saemtlichen

Truppen uebertragen und ein Heer von 350000 Mann zu Fuss und 20000

Reiter ins Feld stellen zu koennen erklaert; zu diesen grossen Worten

bildete die Wirklichkeit einen unerfreulichen Kontrast. Das Heer, dessen

Oberbefehl man Pyrrhos uebertragen, war noch erst zu schaffen, und

vorlaeufig standen dazu hauptsaechlich nur Tarents eigene Hilfsquellen

zu Gebot. Der Koenig befahl die Anwerbung eines italischen

Soeldnerheeres mit tarentinischem Gelde und hob die dienstfaehigen

Leute aus der Buergerschaft zum Kriegsdienst aus. So aber hatten die

Tarentiner den Vertrag nicht verstanden. Sie hatten gemeint, den Sieg

wie eine andere Ware fuer ihr Geld sich gekauft zu haben; es war eine

Art Kontraktbruch, dass der Koenig sie zwingen wollte, sich ihn selber

zu erfechten. Je mehr die Buergerschaft anfangs nach Milons Eintreffen

sich gefreut hatte, des laestigen Postendienstes los zu sein, desto

unwilliger stellte man jetzt sich unter die Fahnen des Koenigs; den

Saeumigen musste mit Todesstrafe gedroht werden. Jetzt gab der Ausgang

bei allen der Friedenspartei Recht, und es wurden sogar mit Rom

Verbindungen angeknuepft oder schienen doch angeknuepft zu werden.

Pyrrhos, auf solchen Widerstand vorbereitet, behandelte die Stadt fortan

wie eine eroberte: die Soldaten wurden in die Haeuser einquartiert,

die Volksversammlungen und die zahlreichen Kraenzchen (syssitia)

suspendiert, das Theater geschlossen, die Promenaden gesperrt, die Tore

mit epeirotischen Wachen besetzt. Eine Anzahl der fuehrenden Maenner

wurden als Geiseln ueber das Meer gesandt; andere entzogen sich dem

gleichen Schicksal durch die Flucht nach Rom. Diese strengen Massregeln

waren notwendig, da es schlechterdings unmoeglich war, sich in

irgendeinem Sinn auf die Tarentiner zu verlassen; erst jetzt konnte der

Koenig, gestuetzt auf den Besitz der wichtigen Stadt, die Operationen

im Felde beginnen. Auch in Rom wusste man sehr wohl, welchem Kampf man

entgegenging. Um vor allem die Treue der Bundesgenossen, das heisst der

Untertanen zu sichern, erhielten die unzuverlaessigen Staedte Besatzung

und wurden die Fuehrer der Partei der Unabhaengigkeit, wo es notwendig

schien, festgesetzt oder hingerichtet, so zum Beispiel eine Anzahl

Mitglieder des praenestinischen Senats. Fuer den Krieg selbst wurden

grosse Anstrengungen gemacht; es ward eine Kriegssteuer ausgeschrieben,

von allen Untertanen und Bundesgenossen das volle Kontingent eingemahnt,

ja die eigentlich von der Dienstpflicht befreiten Proletarier unter die

Waffen gerufen. Ein roemisches Heer blieb als Reserve in der Hauptstadt.

Ein zweites rueckte unter dem Konsul Tiberius Coruncanius in Etrurien

ein und trieb Volci und Volsinii zu Paaren. Die Hauptmacht war

natuerlich nach Unteritalien bestimmt; man beschleunigte so viel als

moeglich ihren Abmarsch, um Pyrrhos noch in der Gegend von Tarent zu

erreichen und ihn zu hindern, die Samniten und die uebrigen gegen Rom

in Waffen stehenden sueditalischen Aufgebote mit seinen Truppen zu

vereinigen. Einen vorlaeufigen Damm gegen das Umsichgreifen des

Koenigs sollten die roemischen Besatzungen gewaehren, die in den

Griechenstaedten Unteritaliens lagen. Indes die Meuterei der in Rhegion

liegenden Truppe - es war eine der aus den kampanischen Untertanen

Roms ausgehobenen Legionen unter einem kampanischen Hauptmann Decius -

entriss den Roemern diese wichtige Stadt, ohne sie doch Pyrrhos in

die Haende zu geben. Wenn einerseits bei diesem Militaeraufstand der

Nationalhass der Kampaner gegen die Roemer unzweifelhaft mitwirkte, so

konnte anderseits Pyrrhos, der zu Schirm und Schutz der Hellenen ueber

das Meer gekommen war, unmoeglich die Truppe in den Bund aufnehmen,

welche ihre rheginischen Wirte in den Haeusern niedergemacht hatte;

und so blieb sie fuer sich, im engen Bunde mit ihren Stamm- und

Frevelgenossen, den Mamertinern, das heisst den kampanischen Soeldnern

des Agathokles, die das gegenueberliegende Messana in aehnlicher Weise

gewonnen hatten, und brandschatzte und verheerte auf eigene Rechnung die

umliegenden Griechenstaedte, so Kroton, wo sie die roemische Besatzung

niedermachte, und Kaulonia, das sie zerstoerte. Dagegen gelang es

den Roemern, durch ein schwaches Korps, das an die lucanische Grenze

rueckte, und durch die Besatzung von Venusia die Lucaner und Samniten an

der Vereinigung mit Pyrrhos zu hindern, waehrend die Hauptmacht, wie

es scheint vier Legionen, also mit der entsprechenden Zahl von

Bundestruppen mindestens 50000 Mann stark, unter dem Konsul Publius

Laevinus gegen Pyrrhos marschierte. Dieser hatte sich zur Deckung der

tarentinischen Kolonie Herakleia zwischen dieser Stadt und Pandosia ^2

mit seinen eigenen und den tarentinischen Truppen aufgestellt (474 280).

Die Roemer erzwangen unter Deckung ihrer Reiterei den Uebergang

ueber den Siris und eroeffneten die Schlacht mit einem hitzigen und

gluecklichen Reiterangriff; der Koenig, der seine Reiter selber fuehrte,

stuerzte und die griechischen Reiter, durch das Verschwinden des

Fuehrers in Verwirrung gebracht, raeumten den feindlichen Schwadronen

das Feld. Indes Pyrrhos stellte sich an die Spitze seines Fussvolks,

und von neuem begann ein entscheidenderes Treffen. Siebenmal trafen die

Legionen und die Phalanx im Stoss aufeinander und immer noch stand der

Kampf. Da fiel Megakles, einer der besten Offiziere des Koenigs, und

weil er an diesem heissen Tage die Ruestung des Koenigs getragen hatte,

glaubte das Heer zum zweitenmal, dass der Koenig gefallen sei; die

Reihen wurden unsicher, schon meinte Laevinus den Sieg in der Hand zu

haben und warf seine saemtliche Reiterei den Griechen in die Flanke.

Aber Pyrrhos, entbloessten Hauptes durch die Reihen des Fussvolks

schreitend, belebte den sinkenden Mut der Seinigen. Gegen die Reiter

wurden die bis dahin zurueckgehaltenen Elefanten vorgefuehrt; die Pferde

scheuten vor ihnen, die Soldaten wussten den gewaltigen Tieren nicht

beizukommen und wandten sich zur Flucht. Die zersprengten Reiterhaufen,

die nachsetzenden Elefanten loesten endlich auch die geschlossenen

Glieder des roemischen Fussvolks, und die Elefanten, im Verein mit der

trefflichen thessalischen Reiterei, richteten ein grosses Blutbad unter

den Fluechtenden an. Haette nicht ein tapferer roemischer Soldat, Gaius

Minucius, der erste Hastat der vierten Legion, einen der Elefanten

verwundet und dadurch die verfolgenden Truppen in Verwirrung gebracht,

so waere das roemische Heer aufgerieben worden; so gelang es, den Rest

der roemischen Truppen ueber den Siris zurueckzufuehren. Ihr Verlust

war gross: 7000 Roemer wurden tot oder verwundet von den Siegern auf der

Walstatt gefunden, 2000 gefangen eingebracht; die Roemer selbst gaben,

wohl mit Einschluss der vom Schlachtfeld zurueckgebrachten Verwundeten,

ihren Verlust an auf 15000 Mann. Aber auch Pyrrhos' Heer hatte nicht

viel weniger gelitten; gegen 4000 seiner besten Soldaten bedeckten das

Schlachtfeld und mehrere seiner tuechtigsten Obersten waren gefallen.

Erwaegend, dass sein Verlust hauptsaechlich auf die altgedienten Leute

traf, die bei weitem schwerer zu ersetzen waren als die roemische

Landwehr, und dass er den Sieg nur der Ueberraschung durch den

Elefantenangriff verdankte, die sich nicht oft wiederholen liess, mag

der Koenig wohl, strategischer Kritiker wie er war, spaeterhin diesen

Sieg einer Niederlage aehnlich genannt haben; wenn er auch nicht so

toericht war, wie die roemischen Poeten nachher gedichtet haben, in

der Aufschrift des von ihm in Tarent aufgestellten Weihgeschenkes diese

Selbstkritik dem Publikum mitzuteilen. Politisch kam zunaechst wenig

darauf an, welche Opfer der Sieg gekostet hatte; vielmehr war der Gewinn

der ersten Schlacht gegen die Roemer fuer Pyrrhos ein unschaetzbarer

Erfolg. Sein Feldherrntalent hatte auch auf diesem neuen Schlachtfeld

sich glaenzend bewaehrt, und wenn irgend etwas, musste der Sieg von

Herakleia dem hinsiechenden Bunde der Italiker Einigkeit und Energie

einhauchen. Aber auch die unmittelbaren Ergebnisse des Sieges waren

ansehnlich und nachhaltig. Lucanien war fuer die Roemer verloren;

Laevinus zog die dort stehenden Truppen an sich und ging nach Apulien.

Die Brettier, Lucaner, Samniten vereinigten sich ungehindert mit

Pyrrhos. Mit Ausnahme von Rhegion, das unter dem Druck der kampanischen

Meuterer schmachtete, fielen die Griechenstaedte saemtlich dem Koenig

zu, ja Lokri lieferte ihm freiwillig die roemische Besatzung aus; von

ihm waren sie ueberzeugt, und mit Recht, dass er sie den Italikern

nicht preisgeben werde. Die Sabeller und Griechen also traten zu Pyrrhos

ueber; aber weiter wirkte der Sieg auch nicht. Unter den Latinern zeigte

sich keine Neigung, der roemischen Herrschaft, wie schwer sie auch

lasten mochte, mit Hilfe eines fremden Dynasten sich zu entledigen.

Venusia, obgleich jetzt rings von Feinden umschlossen, hielt

unerschuetterlich fest an Rom. Den am Siris Gefangenen, deren tapfere

Haltung der ritterliche Koenig durch die ehrenvollste Behandlung

vergalt, bot er nach griechischer Sitte an, in sein Heer einzutreten;

allein er erfuhr, dass er nicht mit Soeldnern focht, sondern mit einem

Volke. Nicht einer, weder Roemer noch Latiner, nahm bei ihm Dienste.

------------------------------------------- 2 Bei dem heutigen Anglona;

nicht zu verwechseln mit der bekannteren Stadt gleichen Namens in der

Gegend von Cosenza. ------------------------------------------- Pyrrhos

bot den Roemern Frieden an. Er war ein zu einsichtiger Militaer, um das

Missliche seiner Stellung zu verkennen, und ein zu gewiegter Staatsmann,

um nicht denjenigen Augenblick, der ihm die guenstigste Stellung

gewaehrte, rechtzeitig zum Friedensschluss zu benutzen. Jetzt hoffte er

unter dem ersten Eindruck der gewaltigen Schlacht, es in Rom durchsetzen

zu koennen, dass die griechischen Staedte in Italien frei wuerden und

zwischen ihnen und Rom eine Reihe Staaten zweiten und dritten Ranges als

abhaengige Verbuendete der neuen griechischen Macht ins Leben traeten;

denn darauf gingen seine Forderungen: Entlassung aller griechischen

Staedte - also namentlich der kampanischen und lucanischen - aus der

roemischen Botmaessigkeit und Rueckgabe des den Samniten, Dauniern,

Lucanern, Brettiern abgenommenen Gebiets, das heisst namentlich

Aufgabe von Luceria und Venusia. Konnte ein weiterer Kampf mit Rom auch

schwerlich vermieden werden, so war es doch wuenschenswert, diesen erst

zu beginnen, wenn die westlichen Hellenen unter einem Herrn vereinigt,

Sizilien gewonnen, vielleicht Afrika erobert war. Mit solchen

Instruktionen versehen, begab sich Pyrrhos' vertrauter Minister, der

Thessalier Kineas, nach Rom. Der gewandte Unterhaendler, den seine

Zeitgenossen dem Demosthenes verglichen, soweit sich dem Staatsmann

der Rhetor, dem Volksfuehrer der Herrendiener vergleichen laesst, hatte

Auftrag, die Achtung, die der Sieger von Herakleia fuer seine Besiegten

in der Tat empfand, auf alle Weise zur Schau zu tragen, den Wunsch des

Koenigs, selber nach Rom zu kommen, zu erkennen zu geben, durch die im

Munde des Feindes so wohlklingende Lob- und durch ernste Schmeichelrede,

gelegentlich auch durch wohlangebrachte Geschenke die Gemueter zu des

Koenigs Gunsten zu stimmen, kurz, alle Kuenste der Kabinettspolitik, wie

sie an den Hoefen von Alexandreia und Antiocheia erprobt waren, gegen

die Roemer zu versuchen. Der Senat schwankte; manchen erschien es der

Klugheit gemaess, einen Schritt zurueck zu tun und abzuwarten, bis der

gefaehrliche Gegner sich weiter verwickelt haben oder nicht mehr sein

wuerde. Indes der greise und blinde Konsular Appius Claudius (Zensor

442 312, Konsul 447, 458 307, 296), der seit langem sich von den

Staatsgeschaeften zurueckgezogen hatte, aber in diesem entscheidenden

Augenblick sich in den Senat fuehren liess, hauchte die ungebrochene

Energie einer gewaltigen Natur mit seinen Flammenworten dem juengeren

Geschlecht in die Seele. Man antwortete dem Koenig das stolze Wort, das

hier zuerst vernommen und seitdem Staatsgrundsatz ward, dass Rom nicht

unterhandle, solange auswaertige Truppen auf italischem Gebiet staenden,

und das Wort wahr zu machen, wies man den Gesandten sofort aus der

Stadt. Der Zweck der Sendung war verfehlt und der gewandte Diplomat,

statt mit seiner Redekunst Effekt zu machen, hatte vielmehr durch diesen

maennlichen Ernst nach so schwerer Niederlage sich selber imponieren

lassen - er erklaerte daheim, dass in dieser Stadt jeder Buerger ihm

erschienen sei wie ein Koenig; freilich, der Hofmann hatte ein freies

Volk zu Gesicht bekommen. Pyrrhos, der waehrend dieser Verhandlungen

in Kampanien eingerueckt war, brach auf die Nachricht von ihrem Abbruch

sogleich auf gegen Rom, um den Etruskern die Hand zu reichen, die

Bundesgenossen Roms zu erschuettern, die Stadt selber zu bedrohen. Aber

die Roemer liessen sich so wenig schrecken wie gewinnen. Auf den Ruf des

Heroldes, "an die Stelle der Gefallenen sich einschreiben zu lassen",

hatte gleich nach der Schlacht von Herakleia die junge Mannschaft sich

scharenweise zur Aushebung gedraengt; mit den beiden neugebildeten

Legionen und dem aus Lucanien zurueckgezogenen Korps folgte Laevinus,

staerker als vorher, dem Marsch des Koenigs; er deckte gegen denselben

Capua und vereitelte dessen Versuche, mit Neapel Verbindungen

anzuknuepfen. So straff war die Haltung der Roemer, dass ausser den

unteritalischen Griechen kein namhafter Bundesstaat es wagte, vom

roemischen Buendnis abzufallen. Da wandte Pyrrhos sich gegen Rom selbst.

Durch die reiche Landschaft, deren bluehenden Zustand er mit Bewunderung

schaute, zog er gegen Fregellae, das er ueberrumpelte, erzwang den

Uebergang ueber den Liris und gelangte bis nach Anagnia, das nicht mehr

als acht deutsche Meilen von Rom entfernt ist. Kein Heer warf sich ihm

entgegen; aber ueberall schlossen die Staedte Latiums ihm die Tore,

und gemessenen Schrittes folgte von Kampanien aus Laevinus ihm nach,

waehrend von Norden der Konsul Tiberius Coruncanius, der soeben mit

den Etruskern durch einen rechtzeitigen Friedensschluss sich abgefunden

hatte, eine zweite roemische Armee heranfuehrte und in Rom selbst die

Reserve unter dem Diktator Gnaeus Domitius Calvinus sich zum Kampfe

fertig machte. Dagegen war nichts auszurichten; dem Koenig blieb nichts

uebrig als umzukehren. Eine Zeitlang stand er noch in Kampanien den

vereinigten Heeren der beiden Konsuln untaetig gegenueber; aber es bot

sich keine Gelegenheit, einen Hauptschlag auszufuehren. Als der Winter

herankam, raeumte der Koenig das feindliche Gebiet und verteilte seine

Truppen in die befreundeten Staedte; er selbst nahm Winterquartier in

Tarent. Hierauf stellten auch die Roemer ihre Operationen ein; das Heer

bezog Standquartiere bei Firmum im Picenischen, wo auf Befehl des Senats

die am Siris geschlagenen Legionen den Winter hindurch zur Strafe unter

Zelten kampierten. So endigte der Feldzug des Jahres 474 (280).

Der Sonderfriede, den Etrurien im entscheidenden Augenblick mit Rom

abgeschlossen hatte, und des Koenigs unvermuteter Rueckzug, der die

hochgespannten Hoffnungen der italischen Bundesgenossen gaenzlich

taeuschte, wogen zum grossen Teil den Eindruck des Sieges von Herakleia

auf. Die Italiker beschwerten sich ueber die Lasten des Krieges,

namentlich ueber die schlechte Mannszucht der bei ihnen einquartierten

Soeldner, und der Koenig, muede des kleinlichen Gezaenks und des

unpolitischen wie unmilitaerischen Gehabens seiner Bundesgenossen,

fing an zu ahnen, dass die Aufgabe, die ihm zugefallen war, trotz aller

taktischen Erfolge politisch unloesbar sein moege. Die Ankunft einer

roemischen Gesandtschaft, dreier Konsulate, darunter der Sieger

von Thurii, Gaius Fabricius, liess einen Augenblick wieder die

Friedenshoffnungen bei ihm erwachen; allein es zeigte sich bald, dass

sie nur Vollmacht hatte, wegen Loesung oder Auswechselung der Gefangenen

zu unterhandeln. Pyrrhos schlug diese Forderung ab, allein er entliess

zur Feier der Saturnalien saemtliche Gefangene auf ihr Ehrenwort; dass

sie es hielten und dass der roemische Gesandte einen Bestechungsversuch

abwies, hat man in der Folgezeit in unschicklichster und mehr fuer die

Ehrlosigkeit der spaeteren als die Ehrenhaftigkeit der frueheren Zeit

bezeichnender Weise gefeiert. Mit dem Fruehjahr 475 (279) ergriff

Pyrrhos abermals die Offensive und rueckte in Apulien ein, wohin

das roemische Heer ihm entgegenkam. In der Hoffnung durch einen

entscheidenden Sieg die roemische Symmachie in diesen Landschaften zu

erschuettern, bot der Koenig eine zweite Schlacht an und die Roemer

verweigerten sie nicht. Bei Ausculum (Ascoli di Puglia) trafen

beide Heere aufeinander. Unter Pyrrhos' Fahnen fochten ausser seinen

epeirotischen und makedonischen Truppen die italischen Soeldner,

die Buergerwehr - die sogenannten Weissschilde - von Tarent und die

verbuendeten Lucaner, Brettier und Samniten, zusammen 70000 Mann zu

Fuss, davon 16000 Griechen und Epeiroten, ueber 8000 Reiter und 19

Elefanten. Mit den Roemern standen an diesem Tage die Latiner, Kampaner,

Volsker, Sabiner, Umbrer, Marruciner, Paeligner, Frentaner und Arpaner;

auch sie zaehlten ueber 70000 Mann zu Fuss, darunter 20000 roemische

Buerger, und 8000 Reiter. Beide Teile hatten in ihrem Heerwesen

Aenderungen vorgenommen. Pyrrhos, mit scharfem Soldatenblick die

Vorzuege der roemischen Manipularordnung erkennend, hatte auf den

Fluegeln die lange Front seiner Phalangen vertauscht mit einer der

Kohortenstellung nachgebildeten unterbrochenen Aufstellung in Faehnlein

und, vielleicht nicht minder aus politischen wie aus militaerischen

Gruenden, zwischen die Abteilungen seiner eigenen Leute die

tarentinischen und samnitischen Kohorten eingeschoben; im Mitteltreffen

allein stand die epeirotische Phalanx in geschlossener Reihe. Die Roemer

fuehrten zur Abwehr der Elefanten eine Art Streitwagen heran, aus denen

Feuerbecken an eisernen Stangen hervorragten und auf denen bewegliche,

zum Herablassen eingerichtete und in Eisenstachel endende Maste

befestigt waren - gewissermassen das Vorbild der Enterbruecken, die im

Ersten Punischen Krieg eine so grosse Rolle spielen sollten. Nach dem

griechischen Schlachtbericht, der minder parteiisch scheint als der

uns auch vorliegende roemische, waren die Griechen am ersten Tage im

Nachteil, da sie weder dazu gelangten, an den schroffen und sumpfigen

Flussufern, wo sie gezwungen wurden, das Gefecht anzunehmen, ihre Linie

zu entwickeln, noch Reiterei und Elefanten ins Gefecht zu bringen.

Am zweiten Tage kam dagegen Pyrrhos den Roemern in der Besetzung des

durchschnittenen Terrains zuvor und erreichte so ohne Verlust die Ebene,

wo er seine Phalanx ungestoert entfalten konnte. Vergeblich stuerzten

sich die Roemer verzweifelten Muts mit ihren Schwertern auf die

Sarissen; die Phalanx stand unerschuetterlich jedem Angriff von vorn,

doch vermochte auch sie es nicht, die roemischen Legionen zum Weichen

zu bringen. Erst als die zahlreiche Bedeckung der Elefanten die auf

den roemischen Streitwagen fechtende Mannschaft durch Pfeile und

Schleudersteine vertrieben und der Bespannung die Straenge zerschnitten

hatte und nun die Elefanten gegen die roemische Linie anprallten,

kam dieselbe ins Schwanken. Das Weichen der Bedeckungsmannschaft der

roemischen Wagen gab das Signal zur allgemeinen Flucht, die indes nicht

sehr zahlreiche Opfer kostete, da das nahe Lager die Verfolgten aufnahm.

Dass waehrend des Haupttreffens ein von der roemischen Hauptmacht

abgesondertes arpanisches Korps das schwach besetzte epeirotische

Lager angegriffen und in Brand gesteckt habe, meldet nur der roemische

Schlachtbericht; wenn es aber auch richtig ist, so haben doch die Roemer

auf alle Faelle mit Unrecht behauptet, dass die Schlacht unentschieden

geblieben sei. Beide Berichte stimmen vielmehr darin ueberein, dass das

roemische Heer ueber den Fluss zurueckging und Pyrrhos im Besitz des

Schlachtfeldes blieb. Die Zahl der Gefallenen war nach dem griechischen

Berichte auf roemischer Seite 6000, auf griechischer 3505 ^3; unter den

Verwundeten war der Koenig selbst, dem ein Wurfspiess den Arm durchbohrt

hatte, waehrend er wie immer im dichtesten Getuemmel kaempfte. Wohl war

es ein Sieg, den Pyrrhos erfochten hatte, aber es waren unfruchtbare

Lorbeeren; als Feldherrn wie als Soldaten machte der Sieg dem Koenig

Ehre, aber seine politischen Zwecke hat er nicht gefoerdert. Pyrrhos

bedurfte eines glaenzenden Erfolges, der das roemische Heer aufloeste

und den schwankenden Bundesgenossen die Gelegenheit und den Anstoss

zum Parteiwechsel gab; da aber die roemische Armee und die roemische

Eidgenossenschaft ungebrochen geblieben und das griechische Heer, das

nichts war ohne seinen Feldherrn, durch dessen Verwundung auf laengere

Zeit angefesselt ward, musste er wohl den Feldzug verloren geben und in

die Winterquartiere gehen, die der Koenig in Tarent, die Roemer

diesmal in Apulien nahmen. Immer deutlicher offenbarte es sich,

dass militaerisch die Hilfsquellen des Koenigs den roemischen ebenso

nachstanden, wie politisch die lose und widerspenstige Koalition den

Vergleich nicht aushielt mit der festgegruendeten roemischen Symmachie.

Wohl konnte das Ueberraschende und Gewaltige in der griechischen

Kriegfuehrung, das Genie des Feldherrn noch einen Sieg mehr wie die von

Herakleia und Ausculum erfechten, aber jeder neue Sieg vernutzte die

Mittel zu weiteren Unternehmungen und es war klar, dass die Roemer

schon jetzt sich als die Staerkeren fuehlten und den endlichen Sieg mit

mutiger Geduld erharrten. Dieser Krieg war nicht das feine Kunstspiel,

wie die griechischen Fuersten es uebten und verstanden; an der vollen

und gewaltigen Energie der Landwehr zerschellten alle strategischen

Kombinationen. Pyrrhos fuehlte, wie die Dinge standen; ueberdruessig

seiner Siege und seine Bundesgenossen verachtend, harrte er nur aus,

weil die militaerische Ehre ihm vorschrieb, Italien nicht zu verlassen,

bevor er seine Schutzbefohlenen vor den Barbaren gesichert haben wuerde.

Es war bei seinem ungeduldigen Naturell vorauszusetzen, dass er den

ersten Vorwand ergreifen wuerde, um der laestigen Pflicht sich zu

entledigen; und die Veranlassung, sich von Italien zu entfernen,

boten bald die sizilischen Angelegenheiten ihm dar.

------------------------------------------ ^3 Diese Zahlen scheinen

glaubwuerdig. Der roemische Bericht gibt, wohl an Toten und Verwundeten,

fuer jede Seite 15000 Mann an, ein spaeterer sogar auf roemischer 5000,

auf griechischer 20000 Tote. Es mag das hier Platz finden um an einem

der seltenen Beispiele, wo Kontrolle moeglich ist, die fast ausnahmslose

Unglaubwuerdigkeit der Zahlenangaben zu zeigen, in denen die Luege

bei den Annalisten lawinenartig anschwillt.

------------------------------------------ Nach Agathokles' Tode (465

289) fehlte es den sizilischen Griechen an jeder leitenden Macht.

Waehrend in den einzelnen hellenischen Staedten unfaehige Demagogen und

unfaehige Tyrannen einander abloesten, dehnten die Karthager, die alten

Römische Geschichte — Buch 2 · 第 17 / 26 段