- ueberall erscheint der Plan des Makedoniers als eine ausfuehrbare,
der des Epeiroten als eine unmoegliche Unternehmung; jener als die
Vollziehung einer grossen geschichtlichen Aufgabe, dieser als ein
merkwuerdiger Fehlgriff; jener als die Grundlegung zu einem neuen
Staatensystem und einer neuen Phase der Zivilisation, dieser als eine
geschichtliche Episode. Alexanders Werk ueberlebte ihn, obwohl der
Schoepfer zur Unzeit starb; Pyrrhos sah mit eigenen Augen das Scheitern
aller seiner Plaene, ehe der Tod ihn abrief. Sie beide waren kuehne und
grosse Naturen, aber Pyrrhos nur der erste Feldherr, Alexander vor allem
der genialste Staatsmann seiner Zeit; und wenn es die Einsicht in das
Moegliche und Unmoegliche ist, die den Helden vom Abenteurer scheidet,
so muss Pyrrhos diesen zugezaehlt und darf seinem groesseren Verwandten
sowenig zur Seite gestellt werden wie etwa der Connetable von Bourbon
Ludwig dem Elften. Und dennoch knuepft sich ein wunderbarer Zauber an
den Namen des Epiroten, eine eigene Teilnahme, die allerdings zum Teil
der ritterlichen und liebenswuerdigen Persoenlichkeit desselben, aber
mehr doch noch dem Umstande gilt, dass er der erste Grieche ist, der den
Roemern im Kampfe gegenuebertritt. Mit ihm beginnen jene unmittelbaren
Beziehungen zwischen Rom und Hellas, auf denen die ganze spaetere
Entfaltung der antiken Zivilisation und ein wesentlicher Teil der
modernen beruht. Der Kampf zwischen Phalangen und Kohorten, zwischen
der Soeldnerarmee und der Landwehr, zwischen dem Heerkoenigtum und dem
Senatorenregiment, zwischen dem individuellen Talent und der nationalen
Kraft - dieser Kampf zwischen Rom und dem Hellenismus ward zuerst
durchgefochten in den Schlachten zwischen Pyrrhos und den roemischen
Feldherren; und wenn auch die unterliegende Partei noch oft nachher
appelliert hat an neue Entscheidung der Waffen, so hat doch jeder
spaetere Schlachttag das Urteil lediglich bestaetigt. Wenn aber auf
der Walstatt wie in der Kurie die Griechen unterliegen, so ist
ihr Uebergewicht nicht minder entschieden in jedem anderen, nicht
politischen Wettkampf, und eben schon diese Kaempfe lassen es ahnen,
dass der Sieg Roms ueber die Hellenen ein anderer sein wird als der
ueber Gallier und Phoeniker, und dass Aphroditens Zauber erst zu wirken
beginnt, wenn die Lanze zersplittert und Helm und Schild beiseite gelegt
ist. Koenig Pyrrhos war der Sohn des Aeakides, des Herrn der Molosser
(um Janina), welcher, von Alexander geschont als Verwandter und
getreuer Lehnsmann, nach dessen Tode in den Strudel der makedonischen
Familienpolitik hineingerissen ward und darin zuerst sein Reich und dann
das Leben verlor (441 313). Sein damals sechsjaehriger Sohn ward von dem
Herrn der illyrischen Taulantier, Glaukias, gerettet und im Laufe
der Kaempfe um Makedoniens Besitz, noch ein Knabe, von Demetrios dem
Belagerer wieder zurueckgefuehrt in sein angestammtes Fuerstentum (447
307), um es nach wenigen Jahren durch den Einfluss der Gegenpartei
wieder einzubuessen (um 452 302) und als landfluechtiger Fuerstensohn
im Gefolge der makedonischen Generale seine militaerische Laufbahn
zu beginnen. Bald machte seine Persoenlichkeit sich geltend. Unter
Antigonos machte er dessen letzte Feldzuege mit; der alte Marschall
Alexanders hatte seine Freude an dem geborenen Soldaten, dem nach dem
Urteile des ergrauten Feldherrn nur die Jahre fehlten um schon jetzt der
erste Kriegsmann der Zeit zu sein. Die unglueckliche Schlacht bei Ipsos
brachte ihn als Geisel nach Alexandreia an den Hof des Gruenders der
Lagidendynastie, wo er durch sein kuehnes und derbes Wesen, seinen alles
nicht Militaerische gruendlich verachtenden Soldatensinn nicht minder
des staatsklugen Koenigs Ptolemaeos Aufmerksamkeit auf sich zog als
durch seine maennliche Schoenheit, der das wilde Antlitz, der gewaltige
Tritt keinen Eintrag tat, die der koeniglichen Damen. Eben damals
gruendete der kuehne Demetrios sich wieder einmal, diesmal in
Makedonien, ein neues Reich; natuerlich in der Absicht, von dort aus die
Alexandermonarchie zu erneuern. Es galt, ihn niederzuhalten, ihm daheim
zu schaffen zu machen; und der Lagide, der solche Feuerseelen, wie der
epeirotische Juengling eine war, vortrefflich fuer seine feine Politik
zu nutzen verstand, tat nicht bloss seiner Gemahlin, der Koenigin
Berenike einen Gefallen, sondern foerderte auch seine eigenen Zwecke,
indem er dem jungen Fuersten seine Stieftochter, die Prinzessin Antigone
zur Gemahlin gab und dem geliebten "Sohn" zur Rueckkehr in die
Heimat seinen Beistand und seinen maechtigen Einfluss lieh (458 296).
Zurueckgekehrt in sein vaeterliches Reich fiel ihm bald alles zu; die
tapferen Epeiroten, die Albanesen des Altertums, hingen mit angestammter
Treue und frischer Begeisterung an dem mutigen Juengling, dem "Adler",
wie sie ihn hiessen. In den um die makedonische Thronfolge nach
Kassanders Tod (457 297) entstandenen Wirren erweiterte der Epeirote
sein Reich; nach und nach gewann er die Landschaften an dem ambrakischen
Busen mit der wichtigen Stadt Ambrakia, die Insel Kerkyra, ja selbst
einen Teil des makedonischen Gebiets, und widerstand mit weit geringeren
Streitkraeften dem Koenig Demetrios zur Bewunderung der Makedonier
selbst. Ja, als Demetrios durch seine eigene Torheit in Makedonien
vom Thron gestuerzt war, trug man dort dem ritterlichen Gegner, dem
Verwandten der Alexandriden, denselben freiwillig an (467 287). In der
Tat, keiner war wuerdiger als Pyrrhos, das koenigliche Diadem Philipps
und Alexanders zu tragen. In einer tief versunkenen Zeit, in der
Fuerstlichkeit und Niedertraechtigkeit gleichbedeutend zu werden
begannen, leuchtete hell Pyrrhos' persoenlich unbefleckter und
sittenreiner Charakter. Fuer die freien Bauern des makedonischen
Stammlandes, die, obwohl gemindert und verarmt, sich doch fernhielten
von dem Verfall der Sitten und der Tapferkeit, den das Diadochenregiment
in Griechenland und Asien herbeifuehrte, schien eben Pyrrhos recht
eigentlich zum Koenig geschaffen; er, der gleich Alexander in seinem
Haus, im Freundeskreise allen menschlichen Beziehungen sein Herz offen
erhielt und das in Makedonien so verhasste orientalische Sultanwesen
stets von sich abgewehrt hatte; er, der gleich Alexander anerkannt
der erste Taktiker seiner Zeit war. Aber das seltsam ueberspannte
makedonische Nationalgefuehl, das den elendesten makedonischen Herrn dem
tuechtigsten Fremden vorzog, die unvernuenftige Widerspenstigkeit der
makedonischen Truppen gegen jeden nicht makedonischen Fuehrer, welcher
der groesste Feldherr aus Alexanders Schule, der Kardianer Eumenes
erlegen war, bereitete auch der Herrschaft des epeirotischen Fuersten
ein schnelles Ende. Pyrrhos, der die Herrschaft ueber Makedonien mit dem
Willen der Makedonier nicht fuehren konnte, und zu machtlos, vielleicht
auch zu hochherzig war, um sich dem Volke gegen dessen Willen
aufzudraengen, ueberliess schon nach siebenmonatlicher Herrschaft das
Land seiner einheimischen Missregierung und ging heim zu seinen treuen
Epeiroten (467 287). Aber der Mann, der Alexanders Krone getragen
hatte, der Schwager des Demetrios, der Schwiegersohn des Lagiden und des
Agathokles von Syrakus, der hochgebildete Strategiker, der Memoiren und
wissenschaftliche Abhandlungen ueber die Kriegskunst schrieb, konnte
unmoeglich sein Leben darueber beschliessen, dass er zu gesetzter Zeit
im Jahre die Rechnungen des koeniglichen Viehverwalters durchsah und
von seinen braven Epeiroten die landueblichen Geschenke an Rindern und
Schafen entgegennahm, um sich alsdann am Altar des Zeus von ihnen den
Eid der Treue erneuern zu lassen und selbst den Eid auf die Gesetze zu
wiederholen und, diesem allen zu mehrerer Bekraeftigung, mit ihnen die
Nacht hindurch zu zechen. War kein Platz fuer ihn auf dem makedonischen
Thron, so war ueberhaupt in der Heimat seines Bleibens nicht; er konnte
der Erste sein und also nicht der Zweite. So wandten sich seine Blicke
in die Weite. Die Koenige, die um Makedoniens Besitz haderten, obwohl
sonst in nichts einig, waren gern bereit, gemeinschaftlich zu helfen,
dass der gefaehrliche Nebenbuhler freiwillig ausscheide; und dass die
treuen Kriegsgenossen ihm folgen wuerden, wohin er sie fuehrte, dessen
war er gewiss. Eben damals stellten die italischen Verhaeltnisse sich
so, dass jetzt wiederum als ausfuehrbar erscheinen konnte, was vierzig
Jahre frueher Pyrrhos' Verwandter, seines Vaters Vetter Alexander von
Epeiros, und eben erst sein Schwiegervater Agathokles beabsichtigt
hatten; und so entschloss sich Pyrrhos, auf seine makedonischen Plaene
zu verzichten und im Westen eine neue Herrschaft fuer sich und fuer
die hellenische Nation zu gruenden. Die Waffenruhe, die der Friede mit
Samnium 464 (290) fuer Italien herbeigefuehrt hatte, war von kurzer
Dauer; der Anstoss zur Bildung einer neuen Ligue gegen die roemische
Uebermacht kam diesmal von den Lucanern. Dieser Voelkerschaft, die
durch ihre Parteinahme fuer Rom die Tarentiner waehrend der Samnitischen
Kriege gelaehmt und zu deren Entscheidung wesentlich beigetragen
hatte, waren dafuer von den Roemern die Griechenstaedte in ihrem Gebiet
preisgegeben worden; und demgemaess hatten sie nach abgeschlossenem
Frieden in Gemeinschaft mit den Brettiern sich daran gemacht, eine nach
der anderen zu bezwingen. Die Thuriner, wiederholt angegriffen von dem
Feldherrn der Lucaner, Stenius Statilius, und aufs aeusserste bedraengt,
wandten sich, ganz wie einst die Kampaner die Hilfe Roms gegen die
Samniten in Anspruch genommen hatten und ohne Zweifel um den gleichen
Preis ihrer Freiheit und Selbstaendigkeit, mit der Bitte um Beistand
gegen die Lucaner an den roemischen Senat. Da das Buendnis mit diesen
durch die Anlage der Festung Venusia fuer Rom entbehrlich geworden
war, gewaehrten die Roemer das Begehren der Thuriner und geboten
ihren Bundesfreunden von der Stadt, die sich den Roemern ergeben
habe, abzulassen. Die Lucaner und Brettier, also von den maechtigeren
Verbuendeten betrogen um den Anteil an der gemeinschaftlichen
Beute, knuepften Verhandlungen an mit der samnitisch- tarentinischen
Oppositionspartei, um eine neue Koalition der Italiker zustande zu
bringen; und als die Roemer sie durch eine Gesandtschaft warnen liessen,
setzten sie den Gesandten gefangen und begannen den Krieg gegen Rom mit
einem neuen Angriff auf Thurii (um 469 285), indem sie zugleich nicht
bloss die Samniten und die Tarentiner, sondern auch die Norditaliker,
die Etrusker, Umbrer, Gallier aufriefen, mit ihnen zum Freiheitskampf
sich zu vereinigen. In der Tat erhob sich der etruskische Bund und dang
zahlreiche gallische Haufen; das roemische Heer, das der Praetor Lucius
Caecilius den treu gebliebenen Arretinern zu Hilfe fuehrte, ward unter
den Mauern dieser Stadt von den senonischen Soeldnern der Etrusker
vernichtet, der Feldherr selbst fiel mit 13000 seiner Leute (470 284).
Die Senonen zaehlten zu Roms Bundesgenossen: die Roemer schickten
demnach Gesandte an sie, um ueber die Stellung von Reislaeufern gegen
Rom Klage zu fuehren und die unentgeltliche Rueckgabe der Gefangenen zu
begehren. Aber auf Befehl des Senonenhaeuptlings Britomaris, der den Tod
seines Vaters an den Roemern zu raechen hatte, erschlugen die Senonen
die roemischen Boten und ergriffen offen die Partei der Etrusker. Ganz
Norditalien, Etrusker, Umbrer, Gallier, stand somit gegen Rom in
Waffen; es konnten grosse Erfolge gewonnen werden, wenn die suedlichen
Landschaften diesen Augenblick ergriffen und auch diejenigen, die es
nicht bereits getan, sich gegen Rom erklaerten. In der Tat scheinen die
Samniten, immer fuer die Freiheit einzustehen willig, den Roemern
den Krieg erklaert zu haben; aber geschwaecht und von allen Seiten
eingeschlossen, wie sie waren, konnten sie dem Bunde wenig nuetzen,
und Tarent zauderte nach seiner Gewohnheit. Waehrend unter den
Gegnern Buendnisse verhandelt, Subsidientraktate festgesetzt, Soeldner
zusammengebracht wurden, handelten die Roemer. Zunaechst hatten es die
Senonen zu empfinden, wie gefaehrlich es sei, die Roemer zu besiegen.
Der Konsul Publius Cornelius Dolabella rueckte mit einem starken Heer
in ihr Gebiet; was nicht ueber die Klinge sprang, ward aus dem Lande
ausgetrieben und dieser Stamm ausgestrichen aus der Reihe der italischen
Nationen (471 283). Bei einem vorzugsweise von seinen Herden lebenden
Volke war eine derartige massenhafte Austreibung wohl ausfuehrbar;
wahrscheinlich halfen diese aus Italien vertriebenen Senonen die
gallischen Schwaerme bilden, die bald nachher das Donaugebiet,
Makedonien, Griechenland, Kleinasien ueberschwemmten. Die naechsten
Nachbarn und Stammgenossen der Senonen, die Boier, erschreckt und
erbittert durch die furchtbar schnell sich vollendende Katastrophe,
vereinigten sich augenblicklich mit den Etruskern, die noch den Krieg
fortfuehrten und deren senonische Soeldner jetzt gegen die Roemer nicht
mehr als Mietlinge fochten, sondern als verzweifelte Raecher der Heimat;
ein gewaltiges etruskisch-gallisches Heer zog gegen Rom, um fuer die
Vernichtung des Senonenstammes an der Hauptstadt der Feinde Rache zu
nehmen und vollstaendiger, als einst der Heerkoenig derselben Senonen
es getan, Rom von der Erde zu vertilgen. Allein beim Uebergang ueber den
Tiber in der Naehe des Vadimonischen Sees wurde das vereinigte Heer von
den Roemern nachdruecklich geschlagen (471 283). Nachdem sie das
Jahr darauf noch einmal bei Populonia mit nicht besserem Erfolg eine
Feldschlacht gewagt hatten, liessen die Boier ihre Bundesgenossen im
Stich und schlossen fuer sich mit den Roemern Frieden (472 282). So
war das gefaehrlichste Glied der Ligue, das Galliervolk, einzeln
ueberwunden, ehe noch der Bund sich vollstaendig zusammenfand, und
dadurch Rom freie Hand gegen Unteritalien gegeben, wo in den Jahren
469-471 (285-283) der Kampf nicht ernstlich gefuehrt worden war. Hatte
bis dahin die schwache roemische Armee Muehe gehabt, sich in Thurii
gegen die Lucaner und Brettier zu behaupten, so erschien jetzt (472
282) der Konsul Gaius Fabricius Luscinus mit einem starken Heer vor der
Stadt, befreite dieselbe, schlug die Lucaner in einem grossen
Treffen und nahm ihren Feldherrn Statilius gefangen. Die kleineren
nichtdorischen Griechenstaedte, die in den Roemern ihre Retter
erkannten, fielen ihnen ueberall freiwillig zu; roemische Besatzungen
blieben zurueck in den wichtigsten Plaetzen, in Lokri, Kroton, Thurii
und namentlich in Rhegion, auf welche letztere Stadt auch die Karthager
Absichten zu haben schienen. Ueberall war Rom im entschiedensten
Vorteil. Die Vernichtung der Senonen hatte den Roemern eine bedeutende
Strecke des adriatischen Litorals in die Haende gegeben; ohne Zweifel
im Hinblick auf die unter der Asche glimmende Fehde mit Tarent und die
schon drohende Invasion der Epeiroten eilte man, sich dieser Kueste
sowie der Adriatischen See zu versichern. Es ward (um 471 283) eine
Buergerkolonie gefuehrt nach dem Hafenplatz Sena (Sinigaglia), der
ehemaligen Hauptstadt des senonischen Bezirks und gleichzeitig segelte
eine roemische Flotte aus dem Tyrrhenischen Meer in die oestlichen
Gewaesser, offenbar, um im Adriatischen Meer zu stationieren und dort
die roemischen Besitzungen zu decken. Die Tarentiner hatten seit dem
Vertrag von 450 (304) mit Rom in Frieden gelebt. Sie hatten der langen
Agonie der Samniten, der raschen Vernichtung der Senonen zugesehen, sich
die Gruendung von Venusia, Hatria, Sena, die Besetzung von Thurii und
Rhegion gefallen lassen, ohne Einspruch zu tun. Aber als jetzt die
roemische Flotte auf ihrer Fahrt vom Tyrrhenischen ins Adriatische Meer
in die tarentinischen Gewaesser gelangte und im Hafen der befreundeten
Stadt vor Anker ging, schwoll die langgehegte Erbitterung endlich ueber;
die alten Vertraege, die den roemischen Kriegsschiffen untersagten,
oestlich vom Lakinischen Vorgebirg zu fahren, wurden in der
Buergerversammlung von den Volksmaennern zur Sprache gebracht; wuetend
stuerzte der Haufen ueber die roemischen Kriegsschiffe her, die,
unversehens nach Piratenart ueberfallen, nach heftigem Kampfe
unterlagen; fuenf Schiffe wurden genommen und deren Mannschaft
hingerichtet oder in die Knechtschaft verkauft, der roemische Admiral
selbst war in dem Kampf gefallen. Nur der souveraene Unverstand und
die souveraene Gewissenlosigkeit der Poebelherrschaft erklaert diese
schmachvollen Vorgaenge. Jene Vertraege gehoerten einer Zeit an, die
laengst ueberschritten und verschollen war; es ist einleuchtend, dass
sie wenigstens seit der Gruendung von Hatria und Sena schlechterdings
keinen Sinn mehr hatten und dass die Roemer im guten Glauben an das
bestehende Buendnis in den Golf einfuhren - lag es doch gar sehr
in ihrem Interesse, wie der weitere Verlauf der Dinge zeigt, den
Tarentinern durchaus keinen Anlass zur Kriegserklaerung darzubieten.
Wenn die Staatsmaenner Tarents den Krieg an Rom erklaeren wollten, so
taten sie bloss, was laengst haette geschehen sollen; und wenn sie es
vorzogen, die Kriegserklaerung statt auf den wirklichen Grund vielmehr
auf formalen Vertragsbruch zu stuetzen, so liess sich dagegen weiter
nichts erinnern, da ja die Diplomatie zu allen Zeiten es unter ihrer
Wuerde erachtet hat, das Einfache einfach zu sagen. Allein dass man,
statt den Admiral zur Umkehr aufzufordern, die Flotte mit gewaffneter
Hand ungewarnt ueberfiel, war eine Torheit nicht minder als eine
Barbarei, eine jener entsetzlichen Barbareien der Zivilisation, wo die
Gesittung ploetzlich das Steuerruder verliert und die nackte Gemeinheit
vor uns hintritt, gleichsam um zu warnen vor dem kindischen Glauben,
als vermoege die Zivilisation aus der Menschennatur die Bestialitaet
auszuwurzeln. Und als waere damit noch nicht genug getan, ueberfielen
nach dieser Heldentat die Tarentiner Thurii, dessen roemische Besatzung
infolge der Ueberrumpelung kapitulierte (im Winter 472/73 282/81), und
bestraften die Thuriner, dieselben, die die tarentinische Politik
den Lucanern preisgegeben und dadurch gewaltsam zur Ergebung an Rom
gedraengt hatte, schwer fuer ihren Abfall von der hellenischen Partei zu
den Barbaren. Die Barbaren verfuhren indes mit einer Maessigung, die bei
solcher Macht und nach solchen Kraenkungen Bewunderung erregt. Es lag
im Interesse Roms, die tarentinische Neutralitaet so lange wie moeglich
gelten zu lassen, und die leitenden Maenner im Senat verwarfen deshalb
den Antrag, den eine Minoritaet in begreiflicher Erbitterung stellte,
den Tarentinern sofort den Krieg zu erklaeren. Vielmehr wurde die
Fortdauer des Friedens roemischerseits an die maessigsten Bedingungen
geknuepft, die sich mit Roms Ehre vertrugen: Entlassung der Gefangenen,
Rueckgabe von Thurii, Auslieferung der Urheber des Ueberfalls der
Flotte. Mit diesen Vorschlaegen ging eine roemische Gesandtschaft nach
Tarent (473 281), waehrend gleichzeitig, ihren Worten Nachdruck zu
geben, ein roemisches Heer unter dem Konsul Lucius Aemilius in Samnium
einrueckte. Die Tarentiner konnten, ohne ihrer Unabhaengigkeit etwas zu
vergeben, diese Bedingungen eingehen, und bei der geringen Kriegslust
der reichen Kaufstadt durfte man in Rom mit Recht annehmen, dass ein
Abkommen noch moeglich sei. Allein der Versuch, den Frieden zu erhalten,
scheiterte - sei es an dem Widerspruch derjenigen Tarentiner, die die
Notwendigkeit erkannten, den Uebergriffen Roms je eher desto lieber mit
den Waffen entgegenzutreten, sei es bloss an der Unbotmaessigkeit des
staedtischen Poebels, der sich mit beliebter griechischer Ungezogenheit
sogar an der Person des Gesandten in unwuerdiger Weise vergriff. Nun
rueckte der Konsul in das tarentinische Gebiet ein; aber statt sofort
die Feindseligkeiten zu eroeffnen, bot er noch einmal auf dieselben
Bedingungen den Frieden; und da auch dies vergeblich war, begann er zwar
die Aecker und Landhaeuser zu verwuesten und schlug die staedtischen
Milizen, aber die vornehmeren Gefangenen wurden ohne Loesegeld
entlassen und man gab die Hoffnung nicht auf, dass der Kriegsdruck der
aristokratischen Partei in der Stadt das Uebergewicht geben und damit
den Frieden herbeifuehren werde. Die Ursache dieser Zurueckhaltung war,
dass die Roemer die Stadt nicht dem Epeirotenkoenig in die Arme treiben
wollten. Die Absichten desselben auf Italien waren kein Geheimnis mehr.
Schon war eine tarentinische Gesandtschaft zu Pyrrhos gegangen und
unverrichteter Sache zurueckgekehrt; der Koenig hatte mehr begehrt, als
sie zu bewilligen Vollmacht hatte. Man musste sich entscheiden. Dass die
Buergerwehr vor den Roemern nur wegzulaufen verstand, davon hatte man
sich sattsam ueberzeugt; es blieb nur die Wahl zwischen Frieden mit Rom,
den die Roemer unter billigen Bedingungen zu bewilligen fortwaehrend
bereit waren, und Vertrag mit Pyrrhos auf jede dem Koenig gutduenkende
Bedingung, das heisst die Wahl zwischen Unterwerfung unter die roemische
Obermacht oder unter die Tyrannis eines griechischen Soldaten. Die
Parteien hielten in der Stadt sich fast die Waage; endlich blieb die
Oberhand der Nationalpartei, wobei ausser dem wohl gerechtfertigten
Motiv, sich, wenn einmal ueberhaupt einem Herrn, lieber einem Griechen
als Barbaren zu eigen zu geben, auch noch die Furcht der Demagogen
mitwirkte, dass Rom trotz seiner jetzigen, durch die Umstaende
erzwungenen Maessigung bei geeigneter Gelegenheit nicht saeumen werde,
Rache fuer die von dem Tarentiner Poebel veruebten Schaendlichkeiten zu
nehmen. Die Stadt schloss also mit Pyrrhos ab. Er erhielt den Oberbefehl
ueber die Truppen der Tarentiner und der uebrigen gegen Rom unter Waffen
stehenden Italioten; ferner das Recht, in Tarent Besatzung zu halten.
Dass die Stadt die Kriegskosten trug, versteht sich von selbst. Pyrrhos
versprach dagegen, in Italien nicht laenger als noetig zu bleiben,
vermutlich unter dem stillschweigenden Vorbehalt, die Zeit, waehrend
welcher er dort noetig sein werde, nach eigenem Ermessen festzustellen.
Dennoch waere ihm die Beute fast unter den Haenden entschluepft.
Waehrend die tarentinischen Gesandten - ohne Zweifel die Haeupter der
Kriegspartei - in Epeiros abwesend waren, schlug in der von den Roemern
jetzt hart gedraengten Stadt die Stimmung um; schon war der Oberbefehl
dem Agis, einem roemisch Gesinnten uebertragen, als die Rueckkehr der
Gesandten mit dem abgeschlossenen Traktat in Begleitung von Pyrrhos'
vertrautem Minister Kineas die Kriegspartei wieder ans Ruder brachte.
Bald fasste eine festere Hand die Zuegel und machte dem klaeglichen
Schwanken ein Ende. Noch im Herbst 473 (281) landete Pyrrhos' General
Milon mit 3000 Epeiroten und besetzte die Zitadelle der Stadt;
ihm folgte zu Anfang des Jahres 474 (280) nach einer stuermischen,
zahlreiche Opfer fordernden Ueberfahrt der Koenig selbst. Er fuehrte
nach Tarent ein ansehnliches, aber buntgemischtes Heer, teils bestehend
aus den Haustruppen, den Molossern, Thesprotiern, Chaonern, Ambrakioten,
teils aus dem makedonischen Fussvolk und der thessalischen Reiterei, die
Koenig Ptolemaeos von Makedonien vertragsmaessig ihm ueberlassen, teils
aus aetolischen, akarnanischen, athamanischen Soeldnern; im ganzen
zaehlte man 20000 Phalangiten, 2000 Bogenschuetzen, 500 Schleuderer,
3000 Reiter und 20 Elefanten, also nicht viel weniger, als dasjenige
Heer betragen hatte, mit dem Alexander fuenfzig Jahre zuvor den
Hellespont ueberschritt. Die Angelegenheiten der Koalition standen nicht
zum besten, als der Koenig kam. Zwar hatte der roemische Konsul, sowie