Grenzfestung Sutrium blieb hier auch ferner der Endpunkt der roemischen

Militaerlinie und man begnuegte sich damit, die Strasse von dort nach

Arretium durch die beikommenden Gemeinden in militaerisch

brauchbarem Stande halten zu lassen ^4.

------------------------------------------------ ^4 Die Operationen in

dem Feldzug 537 (217) und bestimmter noch die Anlage der Chaussee von

Arretium nach Bononia 567 (187) zeigen, dass schon vor dieser Zeit die

Strasse von Rom nach Arretium instand gesetzt worden ist. Allein eine

roemische Militaerchaussee kann sie in dieser Zeit dennoch nicht gewesen

sein, da sie, nach ihrer spaeteren Benennung der "Cassischen Strasse" zu

schliessen, als via consularis nicht frueher angelegt sein kann als 583

(171); denn zwischen Spurius Cassius, Konsul 252, 261, 268 (502, 493,

486), an den natuerlich nicht gedacht werden darf, und Gaius Cassius

Longinus, Konsul 583 (171), erscheint kein Cassier in den

roemischen Konsuln- und Zensorenlisten.

----------------------------------------------- Die hochherzige

samnitische Nation begriff es, dass ein solcher Friede verderblicher war

als der verderblichste Krieg, und, was mehr ist, sie handelte danach.

Eben fingen in Norditalien die Kelten nach langer Waffenruhe wieder

an sich zu regen; noch standen ferner daselbst einzelne etruskische

Gemeinden gegen die Roemer unter den Waffen und es wechselten hier kurze

Waffenstillstaende mit heftigen, aber erfolglosen Gefechten. Noch war

ganz Mittelitalien in Gaerung und zum Teil in offenem Aufstand; noch

waren die Festungen in der Anlage begriffen, der Weg zwischen Etrurien

und Samnium noch nicht voellig gesperrt. Vielleicht war es noch nicht

zu spaet, die Freiheit zu retten; aber man durfte nicht saeumen: die

Schwierigkeit des Angriffs stieg, die Macht der Angreifer sank mit jedem

Jahre des verlaengerten Friedens. Kaum fuenf Jahre hatten die

Waffen geruht und noch mussten all die Wunden bluten, welche der

zweiundzwanzigjaehrige Krieg den Bauernschaften Samniums geschlagen

hatte, als im Jahre 456 (298) die samnitische Eidgenossenschaft den

Kampf erneuerte. Den letzten Krieg hatte wesentlich Lucaniens Verbindung

mit Rom und die dadurch mitveranlasste Fernhaltung Tarents zu Gunsten

Roms entschieden; dadurch belehrt, warfen die Samniten jetzt sich

zuvoerderst mit aller Macht auf die Lucaner und brachten hier in der Tat

ihre Partei ans Ruder und ein Buendnis zwischen Samnium und Lucanien zum

Abschluss. Natuerlich erklaerten die Roemer sofort den Krieg; in Samnium

hatte man es nicht anders erwartet. Es bezeichnet die Stimmung, dass die

samnitische Regierung den roemischen Gesandten die Anzeige machte, sie

sei nicht imstande, fuer ihre Unverletzlichkeit zu buergen, wenn sie

samnitisches Gebiet betraeten. Der Krieg begann also von neuem (456

298), und waehrend ein zweites Heer in Etrurien focht, durchzog die

roemische Hauptarmee Samnium und zwang die Lucaner Frieden zu machen und

Geiseln nach Rom zu senden. Das folgende Jahr konnten beide Konsuln

nach Samnium sich wenden; Rullianus siegte bei Tifernum, sein treuer

Waffengefaehrte Publius Decius Mus bei Maleventum, und fuenf Monate

hindurch lagerten zwei roemische Heere in Feindesland. Es war

das moeglich, weil die tuskischen Staaten auf eigene Hand mit Rom

Friedensverhandlungen angeknuepft hatten. Die Samniten, welche von Haus

aus in der Vereinigung ganz Italiens gegen Rom die einzige Moeglichkeit

des Sieges gesehen haben muessen, boten das Aeusserste auf, um den

drohenden Sonderfrieden zwischen Etrurien und Rom abzuwenden; und als

endlich ihr Feldherr Gellius Egnatius den Etruskern in ihrem eigenen

Lande Hilfe zu bringen anbot, verstand sich in der Tat der etruskische

Bundesrat dazu, auszuharren und noch einmal die Entscheidung der Waffen

anzurufen. Samnium machte die gewaltigsten Anstrengungen, um drei Heere

zugleich ins Feld zu stellen, das eine bestimmt zur Verteidigung des

eigenen Gebiets, das zweite zum Einfall in Kampanien, das dritte und

staerkste nach Etrurien; und wirklich gelangte im Jahre 458 (296)

das letzte, gefuehrt von Egnatius selbst, durch das marsische und das

umbrische Gebiet, deren Bewohner im Einverstaendnis waren, ungefaehrdet

nach Etrurien. Die Roemer nahmen waehrend dessen einige feste Plaetze

in Samnium und brachen den Einfluss der samnitischen Partei in Lucanien;

den Abmarsch der von Egnatius gefuehrten Armee wussten sie nicht zu

verhindern. Als man in Rom die Kunde empfing, dass es den Samniten

gelungen sei, all die ungeheuren, zur Trennung der suedlichen Italiker

von den noerdlichen gemachten Anstrengungen zu vereiteln, dass das

Eintreffen der samnitischen Scharen in Etrurien das Signal zu einer fast

allgemeinen Schilderhebung gegen Rom geworden sei, dass die etruskischen

Gemeinden aufs eifrigste arbeiteten, ihre eigenen Mannschaften

kriegsfertig zu machen und gallische Scharen in Sold zu nehmen, da ward

auch in Rom jeder Nerv angespannt, Freigelassene und Verheiratete

in Kohorten formiert - man fuehlte hueben und drueben, dass die

Entscheidung bevorstand. Das Jahr 458 (296) jedoch verging, wie es

scheint, mit Ruestungen und Maerschen. Fuer das folgende (459 295)

stellten die Roemer ihre beiden besten Generale, Publius Decius Mus und

den hochbejahrten Quintus Fabius Rullianus, an die Spitze der Armee in

Etrurien, welche mit allen in Kampanien irgend entbehrlichen Truppen

verstaerkt ward und wenigstens 60000 Mann, darunter ueber ein Drittel

roemische Vollbuerger, zaehlte; ausserdem ward eine zwiefache Reserve

gebildet, die erste bei Falerii, die zweite unter den Mauern der

Hauptstadt. Der Sammelplatz der Italiker war Umbrien, wo die Strassen

aus dem gallischen, etruskischen und sabellischen Gebiet zusammenliefen;

nach Umbrien liessen auch die Konsuln teils am linken, teils am rechten

Ufer des Tiber hinauf ihre Hauptmacht abruecken, waehrend zugleich die

erste Reserve eine Bewegung gegen Etrurien machte, um womoeglich die

etruskischen Truppen von dem Platz der Entscheidung zur Verteidigung

der Heimat abzurufen. Das erste Gefecht lief nicht gluecklich fuer die

Roemer ab; ihre Vorhut ward von den vereinigten Galliern und Samniten

in dem Gebiet von Chiusi geschlagen. Aber jene Diversion erreichte ihren

Zweck; minder hochherzig als die Samniten, die durch die Truemmer ihrer

Staedte hindurchgezogen waren, um auf der rechten Walstatt nicht zu

fehlen, entfernte sich auf die Nachricht von dem Einfall der roemischen

Reserve in Etrurien ein grosser Teil der etruskischen Kontingente von

der Bundesarmee, und die Reihen derselben waren sehr gelichtet, als

es am oestlichen Abhang des Apennin bei Sentinum zur entscheidenden

Schlacht kam. Dennoch war es ein heisser Tag. Auf dem rechten

Fluegel der Roemer, wo Rullianus mit seinen beiden Legionen gegen das

samnitische Heer stritt, stand die Schlacht lange ohne Entscheidung. Auf

dem linken, den Publius Decius befehligte, wurde die roemische Reiterei

durch die gallischen Streitwagen in Verwirrung gebracht, und schon

begannen hier auch die Legionen zu weichen. Da rief der Konsul den

Priester Marcus Livius heran und hiess ihn zugleich das Haupt des

roemischen Feldherrn und das feindliche Heer den unterirdischen Goettern

weihen; alsdann in den dichtesten Haufen der Gallier sich stuerzend

suchte und fand er den Tod. Diese heldenmuetige Verzweiflung des hohen

Mannes, des geliebten Feldherrn, war nicht vergeblich. Die fliehenden

Soldaten standen wieder, die Tapfersten warfen dem Fuehrer nach sich in

die feindlichen Reihen, um ihn zu raechen oder mit ihm zu sterben;

und eben im rechten Augenblicke erschien, von Rullianus gesendet, der

Konsular Lucius Scipio mit der roemischen Reserve auf dem gefaehrdeten

linken Fluegel. Die vortreffliche kampanische Reiterei, die den Galliern

in die Flanke und den Ruecken fiel, gab hier den Ausschlag; die Gallier

flohen, und endlich wichen auch die Samniten, deren Feldherr Egnatius am

Tore des Lagers fiel. 9000 Roemer bedeckten die Walstatt; aber der teuer

erkaufte Sieg war solchen Opfers wert. Das Koalitionsheer loeste sich

auf und damit die Koalition selbst; Umbrien blieb in roemischer Gewalt,

die Gallier verliefen sich, der Ueberrest der Samniten, noch immer

in geschlossener Ordnung, zog durch die Abruzzen ab in die Heimat.

Kampanien, das die Samniten waehrend des etruskischen Krieges

ueberschwemmt hatten, ward nach dessen Beendigung mit leichter Muehe

wieder von den Roemern besetzt. Etrurien bat im folgenden Jahre 460

(294) um Frieden; Volsinii, Perusia, Arretium und wohl ueberhaupt

alle dem Bunde gegen Rom beigetretenen Staedte gelobten Waffenruhe auf

vierhundert Monate. Aber die Samniten dachten anders: sie ruesteten

sich zur hoffnungslosen Gegenwehr mit jenem Mute freier Maenner, der das

Glueck zwar nicht zwingen, aber beschaemen kann. Als im Jahre 460 (294)

die beiden Konsularheere in Samnium einrueckten, stiessen sie ueberall

auf den erbittertsten Widerstand; ja, Marcus Atilius erlitt eine

Schlappe bei Luceria, und die Samniten konnten in Kampanien eindringen

und das Gebiet der roemischen Kolonie Interamna am Liris verwuesten. Im

Jahre darauf lieferten Lucius Papirius Cursor, der Sohn des Helden des

ersten Samnitischen Krieges, und Spurius Carvilius bei Aquilonia eine

grosse Feldschlacht gegen das samnitische Heer, dessen Kern, die 16

000 Weissroecke, mit heiligem Eide geschworen hatte, den Tod der

Flucht vorzuziehen. Indes das unerbittliche Schicksal fragt nicht nach

Schwueren und verzweifeltem Flehen; der Roemer siegte und stuermte

die Festen, in die die Samniten sich und ihre Habe gefluechtet hatten.

Selbst nach dieser grossen Niederlage wehrten sich die Eidgenossen

gegen den immer uebermaechtigeren Feind noch jahrelang mit beispielloser

Ausdauer in ihren Burgen und Bergen und erfochten noch manchen Vorteil

im einzelnen; des alten Rullianus erprobter Arm ward noch einmal (462

292) gegen sie aufgeboten, und Gavius Pontius, vielleicht der Sohn des

Siegers von Caudium, erfocht sogar fuer sein Volk einen letzten Sieg,

den die Roemer niedrig genug an ihm raechten, indem sie ihn, als er

spaeter gefangen ward, im Kerker hinrichten liessen (463 291). Aber

nichts regte sich weiter in Italien; denn der Krieg, den Falerii 461

(293) begann, verdient kaum diesen Namen. Wohl mochte man in Samnium

sehnsuechtig die Blicke wenden nach Tarent, das allein noch imstande

war, Hilfe zu gewaehren; aber sie blieb aus. Es waren dieselben Ursachen

wie frueher, welche die Untaetigkeit Tarents herbeifuehrten: das innere

Missregiment und der abermalige Uebertritt der Lucaner zur roemischen

Partei im Jahre 456 (298); hinzu kam noch die nicht ungegruendete Furcht

vor Agathokles von Syrakus, der eben damals auf dem Gipfel seiner Macht

stand und anfing, sich gegen Italien zu wenden. Um das Jahr 455 (299)

setzte dieser auf Kerkyra sich fest, von wo Kleonymos durch Demetrios

den Belagerer vertrieben war und bedrohte nun vom Adriatischen wie vom

Ionischen Meere her die Tarentiner. Die Abtretung der Insel an Koenig

Pyrrhos von Epeiros im Jahre 459 (295) beseitigte allerdings zum grossen

Teil die gehegten Besorgnisse; allein die kerkyraeischen Angelegenheiten

fuhren fort, die Tarentiner zu beschaeftigen, wie sie denn im Jahre 464

(290) den Koenig Pyrrhos im Besitz der Insel gegen Demetrios schuetzen

halfen, und ebenso hoerte Agathokles nicht auf, durch seine italische

Politik die Tarentiner zu beunruhigen. Als er starb (465 289) und mit

ihm die Macht der Syrakusaner in Italien zugrunde ging, war es zu spaet;

Samnium, des siebenunddreissigjaehrigen Kampfes muede, hatte das Jahr

vorher (464 290) mit dem roemischen Konsul Manius Curius Dentatus Friede

geschlossen und der Form nach den Bund mit Rom erneuert. Auch diesmal

wurden, wie im Frieden von 450 (304) dem tapferen Volke von den Roemern

keine schimpflichen oder vernichtenden Bedingungen gestellt; nicht

einmal Gebietsabtretungen scheinen stattgefunden zu haben. Die

roemische Staatsklugheit zog es vor, auf dem bisher eingehaltenen

Wege fortzuschreiten, und ehe man an die unmittelbare Eroberung des

Binnenlandes ging, zunaechst das kampanische und adriatische Litoral

fest und immer fester an Rom zu knuepfen. Kampanien zwar war laengst

untertaenig; allein die weitblickende roemische Politik fand es

noetig, zur Sicherung der kampanischen Kueste dort zwei Strandfestungen

anzulegen, Minturnae und Sinuessa (459 295), deren neue Buergerschaften

nach dem fuer Kuestenkolonien feststehenden Grundsatz in das volle

roemische Buergerrecht eintraten. Energischer noch ward die Ausdehnung

der roemischen Herrschaft in Mittelitalien gefoerdert. Wie die

Unterwerfung der Aequer und Herniker die unmittelbare Folge des Ersten

Samnitischen Krieges war, so schloss sich an das Ende des Zweiten

diejenige der Sabiner. Derselbe Feldherr, der die Samniten schliesslich

bezwang, Manius Curius, brach in demselben Jahre (464 290) den kurzen

und ohnmaechtigen Widerstand derselben und zwang die Sabiner zur

unbedingten Ergebung. Ein grosser Teil des unterworfenen Gebiets wurde

von den Siegern unmittelbar in Besitz genommen und an roemische Buerger

ausgeteilt, den uebrigbleibenden Gemeinden Cures, Reate, Amiternum,

Nursia das roemische Untertanenrecht (civitas sine suffragio)

aufgezwungen. Bundesstaedte gleichen Rechts wurden hier nicht

gegruendet; die Landschaft kam vielmehr unter die unmittelbare

Herrschaft Roms, die sich also ausdehnte bis zum Apennin und den

umbrischen Bergen. Aber schon beschraenkte man sich nicht auf das Gebiet

diesseits der Berge; der letzte Krieg hatte allzu deutlich gezeigt, dass

die roemische Herrschaft ueber Mittelitalien nur gesichert war, wenn

sie von Meer zu Meer reichte. Die Festsetzung der Roemer jenseits des

Apennin beginnt mit der Anlegung der starken Festung Hatria (Atri) im

Jahre 465 (289), an der noerdlichen Abdachung der Abruzzen gegen die

picenische Ebene, nicht unmittelbar an der Kueste und daher latinischen

Rechts, aber dem Meere nah und der Schlussstein des gewaltigen, Nord-

und Sueditalien trennenden Keils. Aehnlicher Art und von noch groesserer

Bedeutung war die Gruendung von Venusia (463 291), wohin die unerhoerte

Zahl von 20000 Kolonisten gefuehrt ward; die Stadt, an der Markscheide

von Samnium, Apulien und Lucanien, auf der grossen Strasse zwischen

Tarent und Samnium in einer ungemein festen Stellung gegruendet, war

bestimmt, die Zwingburg der umwohnenden Voelkerschaften zu sein und vor

allen Dingen zwischen den beiden maechtigsten Feinden Roms im suedlichen

Italien die Verbindung zu unterbrechen. Ohne Zweifel ward zu gleicher

Zeit auch die Suedstrasse, die Appius Claudius bis nach Capua gefuehrt

hatte, von dort weiter bis nach Venusia verlaengert. So erstreckte sich,

als die Samnitischen Kriege zu Ende gingen, das geschlossene, das heisst

fast ausschliesslich aus Gemeinden roemischen oder latinischen Rechts

bestehende Gebiet Roms nordwaerts bis zum Ciminischen Walde, oestlich

bis in die Abruzzen und an das Adriatische Meer, suedlich bis nach

Capua, waehrend die beiden vorgeschobenen Posten Luceria und Venusia,

gegen Osten und Sueden auf den Verbindungslinien der Gegner angelegt,

dieselben nach allen Richtungen hin isolierten. Rom war nicht mehr bloss

die erste, sondern bereits die herrschende Macht auf der Halbinsel, als

gegen das Ende des fuenften Jahrhunderts der Stadt diejenigen Nationen,

welche die Gunst der Goetter und die eigene Tuechtigkeit jede in ihrer

Landschaft an die Spitze gerufen hatten, im Rat und auf dem Schlachtfeld

sich einander zu naehern begannen und, wie in Olympia die vorlaeufigen

Sieger zu dem zweiten und ernsteren Kampf, so auf der groesseren

Voelkerringstatt jetzt Karthago, Makedonien und Rom sich anschickten zu

dem letzten und entscheidenden Wettgang. 7. Kapitel Koenig Pyrrhos

gegen Rom und die Einigung Italiens In der Zeit der unbestrittenen

Weltherrschaft Roms pflegten die Griechen ihre roemischen Herren damit

zu aergern, dass sie als die Ursache der roemischen Groesse das Fieber

bezeichneten, an welchem Alexander von Makedonien den 11. Juni 431 (323)

in Babylon verschied. Da es nicht allzu troestlich war, das Geschehene

zu ueberdenken, verweilte man nicht ungern mit den Gedanken bei dem,

was haette kommen moegen, wenn der grosse Koenig, wie es seine Absicht

gewesen sein soll, als er starb, sich gegen Westen gewendet und mit

seiner Flotte den Karthagern das Meer, mit seinen Phalangen den Roemern

die Erde streitig gemacht haben wuerde. Unmoeglich ist es nicht, dass

Alexander mit solchen Gedanken sich trug; und man braucht auch nicht,

um sie zu erklaeren, bloss darauf hinzuweisen, dass ein Autokrat, der

kriegslustig und mit Soldaten und Schiffen versehen ist, nur schwer

die Grenze seiner Kriegfuehrung findet. Es war eines griechischen

Grosskoenigs wuerdig, die Sikelioten gegen Karthago, die Tarentiner

gegen Rom zu schuetzen und dem Piratenwesen auf beiden Meeren ein

Ende zu machen; die italischen Gesandtschaften, die in Babylon neben

zahllosen andern erschienen, der Brettier, Lucaner, Etrusker ^1, boeten

Gelegenheit genug, die Verhaeltnisse der Halbinsel kennenzulernen

und Beziehungen dort anzuknuepfen. Karthago mit seinen vielfachen

Verbindungen im Orient musste den Blick des gewaltigen Mannes notwendig

auf sich ziehen, und wahrscheinlich lag es in seinen Absichten, die

nominelle Herrschaft des Perserkoenigs ueber die tyrische Kolonie in

eine wirkliche umzuwandeln; nicht umsonst fand sich ein aus Karthago

gesandter Spion in der unmittelbaren Umgebung Alexanders. Indes

mochten dies Traeume oder Plaene sein, der Koenig starb, ohne mit

den Angelegenheiten des Westens sich beschaeftigt zu haben, und jene

Gedanken gingen mit ihm zu Grabe. Nur wenige kurze Jahre hatte ein

griechischer Mann die ganze intellektuelle Kraft des Hellenentums, die

ganze materielle Fuelle des Ostens vereinigt in seiner Hand gehalten;

mit seinem Tode ging zwar das Werk seines Lebens, die Gruendung des

Hellenismus im Orient, keineswegs zugrunde, wohl aber spaltete

sich sofort das kaum geeinigte Reich und unter dem steten Hader der

verschiedenen, aus diesen Truemmern sich bildenden Staaten ward ihrer

aller weltgeschichtliche Bestimmung, die Propaganda der griechischen

Kultur im Osten zwar nicht aufgegeben, aber abgeschwaecht und

verkuemmert. Bei solchen Verhaeltnissen konnten weder die griechischen

noch die asiatisch-aegyptischen Staaten daran denken, im Okzident festen

Fuss zu fassen und gegen die Roemer oder die Karthager sich zu wenden.

Das oestliche und das westliche Staatensystem bestanden nebeneinander,

ohne zunaechst politisch ineinanderzugreifen; und namentlich Rom blieb

den Verwicklungen der Diadochenperiode wesentlich fremd. Nur Beziehungen

oekonomischer Art stellten sich fest; wie denn zum Beispiel der

rhodische Freistaat, der vornehmste Vertreter einer neutralen

Handelspolitik in Griechenland und daher der allgemeine Vermittler

des Verkehrs in einer Zeit ewiger Kriege, um das Jahr 448 (306) einen

Vertrag mit Rom abschloss, natuerlich einen Handelstraktat, wie

er begreiflich ist zwischen einem Kaufmannsvolk und den Herren der

caeritischen und kampanischen Kueste. Auch bei der Soeldnerlieferung,

die von dem allgemeinen Werbeplatz der damaligen Zeit, von Hellas aus

nach Italien und namentlich nach Tarent ging, wirkten die politischen

Beziehungen, die zum Beispiel zwischen Tarent und dessen Mutterstadt

Sparta bestanden, nur in sehr untergeordneter Weise mit; im ganzen waren

die Werbungen nichts als kaufmaennische Geschaefte, und Sparta, obwohl

es regelmaessig den Tarentinern zu den italischen Kriegen die Hauptleute

lieferte, trat mit den Italikern darum so wenig in Fehde wie im

nordamerikanischen Freiheitskrieg die deutschen Staaten mit der

Union, deren Gegnern sie ihre Untertanen verkauften.

--------------------------------------------------- ^1 Die Erzaehlung,

dass auch die Roemer Gesandte an Alexander nach Babylon geschickt, geht

auf das Zeugnis des Kleitarchos zurueck (Plin. nat. 3, 5, 57), aus dem

die uebrigen, diese Tatsache meldenden Zeugen (Aristos und Asklepiades

bei Arrian 7, 15, 5; Memnon c. 25) ohne Zweifel schoepften. Kleitarchos

war allerdings Zeitgenosse dieser Ereignisse, aber sein Leben Alexanders

nichtsdestoweniger entschieden mehr historischer Roman als Geschichte;

und bei dem Schweigen der zuverlaessigen Biographen (Art. a. a. O.;

Liv. 9, 18) und dem voellig romanhaften Detail des Berichts, wonach zum

Beispiel die Roemer dem Alexander einen goldenen Kranz ueberreicht und

dieser die zukuenftige Groesse Roms vorhergesagt haben soll, wird

man nicht umhin koennen, diese Erzaehlung zu den vielen anderen durch

Kleitarchos in die Geschichte eingefuehrten Ausschmueckungen zu stellen.

--------------------------------------------------- Nichts anderes als

ein abenteuernder Kriegshauptmann war auch Koenig Pyrrhos von Epeiros;

er war darum nicht minder ein Gluecksritter, dass er seinen Stammbaum

zurueckfuehrte auf Aeakos und Achilleus und dass er, waere er

friedlicher gesinnt gewesen, als "Koenig" ueber ein kleines Bergvolk

unter makedonischer Oberherrlichkeit oder auch allenfalls in isolierter

Freiheit haette leben und sterben koennen. Man hat ihn wohl verglichen

mit Alexander von Makedonien; und allerdings die Gruendung eines

westhellenischen Reiches, dessen Kern Epeiros, Grossgriechenland,

Sizilien gebildet haetten, das die beiden italischen Meere beherrscht

und Rom wie Karthago in die Reihe der barbarischen Grenzvoelker des

hellenistischen Staatensystems, der Kelten und Inder gedraengt haben

wuerde - dieser Gedanke ist wohl gross und kuehn wie derjenige, der den

makedonischen Koenig ueber den Hellespont fuehrte. Aber nicht bloss der

verschiedene Ausgang unterscheidet den oestlichen und den westlichen

Heerzug. Alexander konnte mit seiner makedonischen Armee, in der

namentlich der Stab vorzueglich war, dem Grosskoenig vollkommen die

Spitze bieten; aber der Koenig von Epeiros, das neben Makedonien stand

etwa wie Hessen neben Preussen, erhielt eine nennenswerte Armee nur

durch Soeldner und durch Buendnisse, die auf zufaelligen politischen

Kombinationen beruhten. Alexander trat im Perserreich auf als Eroberer,

Pyrrhos in Italien als Feldherr einer Koalition von Sekundaerstaaten;

Alexander hinterliess sein Erbland vollkommen gesichert durch die

unbedingte Untertaenigkeit Griechenlands und das starke, unter Antipater

zurueckbleibende Heer, Pyrrhos buergte fuer die Integritaet seines

eigenen Gebietes nichts als das Wort eines zweifelhaften Nachbarn. Fuer

beide Eroberer hoerte, wenn ihre Plaene gelangen, die Heimat notwendig

auf, der Schwerpunkt des neuen Reiches zu sein; allein eher noch war es

ausfuehrbar, den Sitz der makedonischen Militaermonarchie nach Babylon

zu verlegen als in Tarent oder Syrakus eine Soldatendynastie zu

gruenden. Die Demokratie der griechischen Republiken, so sehr sie eine

ewige Agonie war, liess sich in die straffen Formen des Militaerstaats

nun einmal nicht zurueckzwingen; Philipp wusste wohl, warum er die

griechischen Republiken seinem Reich nicht einverleibte. Im Orient war

ein nationaler Widerstand nicht zu erwarten; herrschende und dienende

Staemme lebten dort seit langem nebeneinander und der Wechsel des

Despoten war der Masse der Bevoelkerung gleichgueltig oder gar

erwuenscht. Im Okzident konnten die Roemer, die Samniten, die Karthager

auch ueberwunden werden; aber kein Eroberer haette es vermocht, die

Italiker in aegyptische Fellahs zu verwandeln oder aus den roemischen

Bauern Zinspflichtige hellenischer Barone zu machen. Was man auch ins

Römische Geschichte — Buch 2 · 第 15 / 26 段