roemischen Kolonisten ihres Grundeigentums grossenteils beraubt

und, soweit sie es behielten, ebenfalls in den Vollbuergerverband

aufgenommen. Lanuvium, Aricia, Nomentum, Pedum wurden roemische

Buergergemeinden mit beschraenkter Selbstverwaltung nach dem Muster von

Tusculum (l, 360). Velitraes Mauern wurden niedergerissen, der Senat

in Masse ausgewiesen und im roemischen Etrurien interniert, die Stadt

wahrscheinlich als untertaenige Gemeinde nach caeritischem Recht

konstituiert. Von dem gewonnenen Acker wurde ein Teil, zum Beispiel

die Laendereien der veliternischen Ratsmitglieder, an roemische Buerger

verteilt; mit diesen Einzelassignationen haengt die Errichtung zweier

neuer Buergerbezirke im Jahre 422 (332) zusammen. Wie tief man in Rom

die ungeheure Bedeutung des gewonnenen Erfolges empfand, zeigt die

Ehrensaeule, die man dem siegreichen Buergermeister des Jahres 416

(338), Gaius Maenius, auf dem roemischen Markte errichtete, und die

Schmueckung der Rednertribuene auf demselben mit den Schnaebeln der

unbrauchbar befundenen antiatischen Galeeren. In gleicher Weise ward

in dem suedlichen volskischen und dem kampanischen Gebiet die roemische

Herrschaft durchgefuehrt und befestigt. Fundi, Formiae, Capua, Kyme und

eine Anzahl kleinerer Staedte wurden abhaengige roemische Gemeinden mit

Selbstverwaltung; um das vor allem wichtige Capua zu sichern, erweiterte

man kuenstlich die Spaltung zwischen Adel und Gemeinde, revidierte

die Gemeindeverfassung im roemischen Interesse und kontrollierte die

staedtische Verwaltung durch jaehrlich nach Kampanien gesandte

roemische Beamte. Dieselbe Behandlung widerfuhr einige Jahre darauf

dem volskischen Privernum, dessen Buerger, unterstuetzt von dem kuehnen

fundanischen Parteigaenger Vitruvius Vaccus, die Ehre hatten, fuer die

Freiheit dieser Landschaft den letzten Kampf zu kaempfen - er endigte

mit der Erstuermung der Stadt (425 329) und der Hinrichtung des Vaccus

im roemischen Kerker. Um eine eigene roemische Bevoelkerung in diesen

Gegenden emporzubringen, teilte man von den im Krieg gewonnenen

Laendereien, namentlich im privernatischen und im falernischen Gebiet,

so zahlreiche Ackerlose an roemische Buerger aus, dass wenige Jahre

nachher (436 318) auch dort zwei neue Buergerbezirke errichtet werden

konnten. Die Anlegung zweier Festungen als Kolonien latinischen Rechts

sicherte schliesslich das neu gewonnene Land. Es waren dies Cales (420

334) mitten in der kampanischen Ebene, von wo aus Teanum und Capua

beobachtet werden konnten, und Fregellae (426 328), das den Uebergang

ueber den Liris beherrschte. Beide Kolonien waren ungewoehnlich stark

und gelangten schnell zur Bluete, trotz der Hindernisse, welche die

Sidiciner der Gruendung von Cales, die Samniten der von Fregellae in

den Weg legten. Auch nach Sora ward eine roemische Besatzung verlegt,

worueber die Samniten, denen dieser Bezirk vertragsmaessig ueberlassen

worden war, sich mit Grund, aber vergeblich beschwerten. Ungeirrt ging

Rom seinem Ziel entgegen, seine energische und grossartige Staatskunst

mehr als auf dem Schlachtfelde offenbarend in der Sicherung der

gewonnenen Landschaft, die es politisch und militaerisch mit einem

unzerreissbaren Netze umflocht. Dass die Samniten das bedrohliche

Vorschreiten der Roemer nicht gern sahen, versteht sich; sie warfen

ihnen auch wohl Hindernisse in den Weg, aber versaeumten es doch jetzt,

wo es vielleicht noch Zeit war, mit der von den Umstaenden geforderten

Energie ihnen die neue Eroberungsbahn zu verlegen. Zwar Teanum scheinen

sie nach dem Vertrag mit Rom eingenommen und stark besetzt zu haben;

denn waehrend die Stadt frueher Hilfe gegen Samnium in Capua und Rom

nachsucht, erscheint sie in den spaeteren Kaempfen als die Vormauer der

samnitischen Macht gegen Westen. Aber am oberen Liris breiteten sie wohl

erobernd und zerstoerend sich aus, versaeumten es aber, hier auf die

Dauer sich festzusetzen. So zerstoerten sie die Volskerstadt Fregellae,

wodurch nur die Anlage der eben erwaehnten roemischen Kolonie daselbst

erleichtert ward, und schreckten zwei andere Volskerstaedte, Fabrateria

(Ceccano) und Luca (unbekannter Lage), so, dass dieselben, Capuas

Beispiel folgend, sich (424 330) den Roemern zu eigen gaben. Die

samnitische Eidgenossenschaft gestattete, dass die roemische Eroberung

Kampaniens eine vollendete Tatsache geworden war, bevor sie sich

ernstlich derselben widersetzte; wovon der Grund allerdings zum Teil

in den gleichzeitigen Fehden der samnitischen Nation mit den italischen

Hellenen, aber zum Teil doch auch in der schlaffen und zerfahrenen

Politik der Eidgenossenschaft zu suchen ist. 6. Kapitel Die Italiker

gegen Rom Waehrend die Roemer am Liris und Volturnus fochten, bewegten

den Suedosten der Halbinsel andere Kaempfe. Die reiche tarentinische

Kaufmannsrepublik, immer ernstlicher bedroht von den lucanischen und

messapischen Haufen und ihren eigenen Schwertern mit Recht misstrauend,

gewann fuer gute Worte und besseres Geld die Bandenfuehrer der Heimat.

Der Spartanerkoenig Archidamos, der mit einem starken Haufen den

Stammgenossen zu Hilfe gekommen war, erlag an demselben Tage, wo Philipp

bei Chaeroneia siegte, den Lucanern (416 338); wie die frommen Griechen

meinten, zur Strafe dafuer, dass er und seine Leute neunzehn Jahre

frueher teilgenommen hatten an der Pluenderung des delphischen

Heiligtums. Seinen Platz nahm ein maechtigerer Feldhauptmann ein,

Alexander der Molosser, Bruder der Olympias, der Mutter Alexanders des

Grossen. Mit den mitgebrachten Scharen vereinigte er unter seinen

Fahnen die Zuzuege der Griechenstaedte, namentlich der Tarentiner und

Metapontiner; ferner die Poediculer (um Rubi, jetzt Ruvo), die gleich

den Griechen sich von der sabellischen Nation bedroht sahen; endlich

sogar die lucanischen Verbannten selbst, deren betraechtliche Zahl auf

heftige innere Unruhen in dieser Eidgenossenschaft schliessen laesst.

So sah er sich bald dem Feinde ueberlegen. Consentia (Cosenza), der

Bundessitz, wie es scheint, der in Grossgriechenland angesiedelten

Sabeller, fiel in seine Haende. Umsonst kommen die Samniten den Lucanern

zu Hilfe; Alexander schlaegt ihre vereinigte Streitmacht bei Paestum, er

bezwingt die Daunier um Sipontum, die Messapier auf der suedoestlichen

Halbinsel; schon gebietet er von Meer zu Meer und ist im Begriff, den

Roemern die Hand zu reichen und mit ihnen gemeinschaftlich die Samniten

in ihren Stammsitzen anzugreifen. Aber so unerwartete Erfolge waren den

Tarentiner Kaufleuten unerwuenscht und erschreckend; es kam zum Kriege

zwischen ihnen und ihrem Feldhauptmann, der als gedungener Soeldner

erschienen war und nun sich anliess, als wolle er im Westen ein

hellenisches Reich begruenden gleichwie sein Neffe im Osten. Alexander

war anfangs im Vorteil: er entriss den Tarentinern Herakleia, stellte

Thurii wieder her und scheint die uebrigen italischen Griechen

aufgerufen zu haben, sich unter seinem Schutz gegen die Tarentiner

zu vereinigen, indem er zugleich es versuchte, zwischen ihnen und den

sabellischen Voelkerschaften den Frieden zu vermitteln. Allein seine

grossartigen Entwuerfe fanden nur schwache Unterstuetzung bei den

entarteten und entmutigten Griechen und der notgedrungene Parteiwechsel

entfremdete ihm seinen bisherigen lucanischen Anhang; bei Pandosia fiel

er von der Hand eines lucanischen Emigrierten (422 332) ^1. Mit seinem

Tode kehrten im wesentlichen die alten Zustaende wieder zurueck.

Die griechischen Staedte sahen sich wiederum vereinzelt und wiederum

lediglich darauf angewiesen, sich jede, so gut es gehen mochte, zu

schuetzen durch Vertrag oder Tributzahlung oder auch durch auswaertige

Hilfe, wie zum Beispiel Kroton um 430 (324) mit Hilfe von Syrakus die

Brettier zurueckschlug. Die samnitischen Staemme erhielten aufs neue

das Uebergewicht und konnten, unbekuemmert um die Griechen, wieder

ihre Blicke nach Kampanien und Latium wenden.

---------------------------------------------- ^1 Es wird nicht

ueberfluessig sein, daran zu erinnern, dass, was ueber Archidamos und

Alexander bekannt ist, aus griechischen Jahrbuechern herruehrt und der

Synchronismus dieser und der roemischen fuer die gegenwaertige Epoche

noch bloss approximativ festgestellt ist. Man huete sich daher, den im

allgemeinen unverkennbaren Zusammenhang der west- und der

ostitalischen Ereignisse zu sehr ins einzelne verfolgen zu wollen.

---------------------------------------------- Hier aber war in der

kurzen Zwischenzeit ein ungeheurer Umschwung eingetreten. Die latinische

Eidgenossenschaft war gesprengt und zertruemmert, der letzte Widerstand

der Volsker gebrochen, die kampanische Landschaft, die reichste und

schoenste der Halbinsel, im unbestrittenen und wohlbefestigten Besitz

der Roemer, die zweite Stadt Italiens in roemischer Klientel.

Waehrend die Griechen und Samniten miteinander rangen, hatte Rom fast

unbestritten sich zu einer Machtstellung emporgeschwungen, die zu

erschuettern kein einzelnes Volk der Halbinsel die Mittel mehr besass

und die alle zugleich mit roemischer Unterjochung bedrohte. Eine

gemeinsame Anstrengung der jedes fuer sich Rom nicht gewachsenen

Voelker konnte vielleicht die Ketten noch sprengen, ehe sie voellig sich

befestigten; aber die Klarheit, der Mut, die Hingebung, wie eine solche

Koalition unzaehliger, bisher grossenteils feindlich oder doch fremd

sich gegenueberstehender Volks- und Stadtgemeinden sie erforderte,

fanden sich nicht oder doch erst, als es bereits zu spaet war. Nach

dem Sturz der etruskischen Macht, nach der Schwaechung der griechischen

Republiken war naechst Rom unzweifelhaft die bedeutendste Macht in

Italien die samnitische Eidgenossenschaft und zugleich diejenige, die

von den roemischen Uebergriffen am naechsten und unmittelbarsten

bedroht war. Ihr also kam es zu, in dem Kampf um die Freiheit und die

Nationalitaet, den die Italiker gegen Rom zu fuehren hatten, die erste

Stelle und die schwerste Last zu uebernehmen. Sie durfte rechnen auf

den Beistand der kleinen sabellischen Voelkerschaften, der Vestiner,

Frentaner, Marruciner und anderer kleinerer Gaue, die in baeuerlicher

Abgeschiedenheit zwischen ihren Bergen wohnten, aber nicht taub waren,

wenn der Aufruf eines verwandten Stammes sie mahnte, zur Verteidigung

der gemeinsamen Gueter die Waffen zu ergreifen. Wichtiger waere der

Beistand der kampanischen und grossgriechischen Hellenen, namentlich

der Tarentiner, und der maechtigen Lucaner und Brettier gewesen;

allein teils die Schlaffheit und Fahrigkeit der in Tarent herrschenden

Demagogen und die Verwicklung der Stadt in die sizilischen

Angelegenheiten, teils die innere Zerrissenheit der lucanischen

Eidgenossenschaft, teils und vor allem die seit Jahrhunderten bestehende

tiefe Verfehdung der unteritalischen Hellenen mit ihren lucanischen

Bedraengern liessen kaum hoffen, dass Tarent und Lucanien

gemeinschaftlich sich den Samniten anschliessen wuerden. Von den

Sabinern und den Marsern als den naechsten und seit langem in

friedlichem Verhaeltnis mit Rom lebenden Nachbarn der Roemer war wenig

mehr zu erwarten als schlaffe Teilnahme oder Neutralitaet; die Apuler,

die alten und erbitterten Gegner der Sabeller, waren die natuerlichen

Verbuendeten der Roemer. Dass dagegen die fernen Etrusker, wenn ein

erster Erfolg errungen war, dem Bunde sich anschliessen wuerden, liess

sich erwarten, und selbst ein Aufstand in Latium und dem Volsker- und

Hernikerland lag nicht ausser der Berechnung. Vor allen Dingen aber

mussten die Samniten, die italischen Aetoler, in denen die nationale

Kraft noch ungebrochen lebte, vertrauen auf die eigene Kraft, auf die

Ausdauer im ungleichen Kampf, welche den uebrigen Voelkern Zeit gab

zu edler Scham, zu gefasster Ueberlegung, zum Sammeln der Kraefte;

ein einziger gluecklicher Erfolg konnte alsdann die Kriegs- und

Aufruhrsflammen rings um Rom entzuenden. Die Geschichte darf dem edlen

Volke das Zeugnis nicht versagen, dass es seine Pflicht begriffen

und getan hat. Mehrere Jahre schon waehrte der Hader zwischen Rom und

Samnium infolge der bestaendigen Uebergriffe, die die Roemer sich am

Liris erlaubten und unter denen die Gruendung von Fregellae 426 (328)

der letzte und wichtigste war. Zum Ausbruch des Kampfes aber gaben die

Veranlassung die kampanischen Griechen. Seitdem Cumae und Capua roemisch

geworden waren, lag den Roemern nichts so nahe wie die Unterwerfung

der Griechenstadt Neapolis, die auch die griechischen Inseln im Golf

beherrschte, innerhalb des roemischen Machtgebiets die einzige noch

nicht unterworfene Stadt. Die Tarentiner und Samniten, unterrichtet von

dem Plane der Roemer, sich der Stadt zu bemaechtigen, beschlossen,

ihnen zuvorzukommen; und wenn die Tarentiner nicht sowohl zu fern als

zu schlaff waren, um diesen Plan auszufuehren, so warfen die Samniten in

der Tat eine starke Besatzung hinein. Sofort erklaerten die Roemer dem

Namen nach den Neapoliten, in der Tat den Samniten den Krieg (427 327)

und begannen die Belagerung von Neapolis. Nachdem dieselbe eine Weile

gewaehrt hatte, wurden die kampanischen Griechen des gestoerten Handels

und der fremden Besatzung muede; und die Roemer, deren ganzes Bestreben

darauf gerichtet war, von der Koalition, deren Bildung bevorstand, die

Staaten zweiten und dritten Ranges durch Sondervertraege fernzuhalten,

beeilten sich, sowie sich die Griechen auf Unterhandlungen einliessen,

ihnen die guenstigsten Bedingungen zu bieten: volle Rechtsgleichheit

und Befreiung vom Landdienst, gleiches Buendnis und ewigen Frieden.

Daraufhin ward, nachdem die Neapoliten sich der Besatzung durch List

entledigt hatten, der Vertrag abgeschlossen (428 326). Im Anfang dieses

Krieges hielten die sabellischen Staedte suedlich vom Volturnus, Nola,

Nuceria, Herculaneum, Pompeii, es mit Samnium; allein teils ihre

sehr ausgesetzte Lage, teils die Machinationen der Roemer, welche die

optimatische Partei in diesen Staedten durch alle Hebel der List und

des Eigennutzes auf ihre Seite zu ziehen versuchten und dabei an Capuas

Vorgang einen maechtigen Fuersprecher fanden, bewirkten, dass diese

Staedte nicht lange nach dem Fall von Neapolis sich entweder fuer Rom

oder doch neutral erklaerten. Ein noch wichtigerer Erfolg gelang den

Roemern in Lucanien. Das Volk war auch hier mit richtigem Instinkt fuer

den Anschluss an die Samniten; da aber das Buendnis mit den Samniten

auch Frieden mit Tarent nach sich zog und ein grosser Teil der

regierenden Herren Lucaniens nicht gemeint war, die eintraeglichen

Pluenderzuege einzustellen, so gelang es den Roemern, mit Lucanien

ein Buendnis abzuschliessen, das unschaetzbar war, weil dadurch den

Tarentinern zu schaffen gemacht wurde und also die ganze Macht Roms

gegen Samnium verwendbar blieb. So stand Samnium nach allen Seiten hin

allein; kaum dass einige der oestlichen Bergdistrikte ihm Zuzug sandten.

Mit dem Jahre 428 (326) begann der Krieg im samnitischen Lande selbst;

einige Staedte an der kampanischen Grenze, Rufrae (zwischen Venafrum und

Teanum) und Allifae, wurden von den Roemern besetzt. In den folgenden

Jahren durchzogen die roemischen Heere fechtend und pluendernd Samnium

bis in das vestinische Gebiet hinein, ja bis nach Apulien, wo man sie

mit offenen Armen empfing, ueberall im entschiedensten Vorteil. Der

Mut der Samniten war gebrochen; sie sandten die roemischen Gefangenen

zurueck und mit ihnen die Leiche des Fuehrers der Kriegspartei, Brutulus

Papius, welcher den roemischen Henkern zuvorgekommen war, nachdem die

samnitische Volksgemeinde beschlossen hatte, den Frieden von dem Feinde

zu erbitten und durch die Auslieferung ihres tapfersten Feldherrn

sich leidlichere Bedingungen zu erwirken. Aber als die demuetige, fast

flehentliche Bitte bei der roemischen Volksgemeinde keine Erhoerung

fand (432 322), ruesteten sich die Samniten unter ihrem neuen Feldherrn

Gavius Pontius zur aeussersten und verzweifelten Gegenwehr. Das

roemische Heer, das unter den beiden Konsuln des folgenden Jahres

(433 321), Spurius Postumius und Titus Veturius, bei Calatia (zwischen

Caserta und Maddaloni) gelagert war, erhielt die durch die Aussage

zahlreicher Gefangenen bestaetigte Nachricht, dass die Samniten Luceria

eng eingeschlossen haetten und die wichtige Stadt, an der der Besitz

Apuliens hing, in grosser Gefahr schwebe. Eilig brach man auf. Wollte

man zu rechter Zeit anlangen, so konnte kein anderer Weg eingeschlagen

werden als mitten durch das feindliche Gebiet, da wo spaeter als

Fortsetzung der Appischen Strasse die roemische Chaussee von Capua ueber

Benevent nach Apulien angelegt ward. Dieser Weg fuehrte zwischen den

heutigen Orten Arpaja und Montesarchio (Caudium) durch einen feuchten

Wiesengrund, der rings von hohen und steilen Waldhuegeln umschlossen und

nur durch tiefe Einschnitte beim Ein- und Austritt zugaenglich war.

Hier hatten die Samniten verdeckt sich aufgestellt. Die Roemer, ohne

Hindernis in das Tal eingetreten, fanden den Ausweg durch Verhaue

gesperrt und stark besetzt; zurueckmarschierend erblickten sie den

Eingang in aehnlicher Weise geschlossen und gleichzeitig kroenten die

Bergraender rings im Kreise sich mit den samnitischen Kohorten. Zu spaet

begriffen sie, dass sie sich durch eine Kriegslist hatten taeuschen

lassen und dass die Samniten nicht bei Luceria sie erwarteten, sondern

in dem verhaengnisvollen Pass von Caudium. Man schlug sich, aber ohne

Hoffnung auf Erfolg und ohne ernstliches Ziel; das roemische Heer

war gaenzlich unfaehig zu manoevrieren und ohne Kampf vollstaendig

ueberwunden. Die roemischen Generale Boten die Kapitulation an. Nur

toerichte Rhetorik laesst dem samnitischen Feldherrn die Wahl bloss

zwischen Entlassung und Niedermetzelung der roemischen Armee; er konnte

nichts Besseres tun als die angebotene Kapitulation annehmen und das

feindliche Heer, die gesamte augenblicklich aktive Streitmacht der

roemischen Gemeinde mit beiden hoechstkommandierenden Feldherren,

gefangen machen; worauf ihm dann der Weg nach Kampanien und Latium

offenstand und unter den damaligen Verhaeltnissen, wo die Volsker

und Herniker und der groesste Teil der Latiner ihn mit offenen Armen

empfangen haben wuerden, Roms politische Existenz ernstlich gefaehrdet

war. Allein statt diesen Weg einzuschlagen und eine Militaerkonvention

zu schliessen, dachte Gavius Pontius durch einen billigen Frieden

gleich den ganzen Hader beendigen zu koennen; sei es, dass er die

unverstaendige Friedenssehnsucht der Eidgenossen teilte, der das Jahr

zuvor Brutulus Papius zum Opfer gefallen war, sei es, dass er

nicht imstande war, der kriegsmueden Partei zu wehren, dass sie den

beispiellosen Sieg ihm verdarb. Die gestellten Bedingungen waren maessig

genug: Rom solle die vertragswidrig angelegten Festungen - Cales und

Fregellae - schleifen und den gleichen Bund mit Samnium erneuern.

Nachdem die roemischen Feldherren dieselben eingegangen waren und fuer

die getreuliche Ausfuehrung sechshundert aus der Reiterei erlesene

Geiseln gestellt, ueberdies ihr und ihrer saemtlichen Stabsoffiziere

Eideswort dafuer verpfaendet hatten, wurde das roemische Heer entlassen,

unverletzt, aber entehrt; denn das siegestrunkene samnitische Heer

gewann es nicht ueber sich, den gehassten Feinden die schimpfliche Form

der Waffenstreckung und des Abzuges unter dem Galgen durch zu erlassen.

Allein der roemische Senat, unbekuemmert um den Eid der Offiziere und

um das Schicksal der Geiseln, kassierte den Vertrag und begnuegte sich

diejenigen, die ihn abgeschlossen hatten, als persoenlich fuer

dessen Erfuellung verantwortlich dem Feinde auszuliefern. Es kann

der unparteiischen Geschichte wenig darauf ankommen, ob die roemische

Advokaten- und Pfaffenkasuistik hierbei den Buchstaben des Rechts

gewahrt oder der Beschluss des roemischen Senats denselben verletzt hat;

menschlich und politisch betrachtet trifft die Roemer hier kein Tadel.

Es ist ziemlich gleichgueltig, ob nach formellem roemischen Staatsrecht

der kommandierende General befugt oder nicht befugt war, ohne

vorbehaltene Ratifikation der Buergerschaft Frieden zu schliessen; dem

Geiste und der Uebung der Verfassung nach stand es vollkommen Fest, dass

in Rom jeder nicht rein militaerische Staatsvertrag zur Kompetenz der

buergerlichen Gewalten gehoerte und ein Feldherr, der ohne Auftrag von

Rat und Buergerschaft Frieden schloss, mehr tat, als er tun durfte. Es

war ein groesserer Fehler des samnitischen Feldherrn, den roemischen die

Wahl zu stellen zwischen Rettung ihres Heeres und Ueberschreitung ihrer

Vollmacht, als der roemischen, dass sie nicht die Seelengroesse hatten,

die letztere Anmutung unbedingt zurueckzuweisen; und dass der roemische

Senat einen solchen Vertrag verwarf, war recht und notwendig. Kein

grosses Volk gibt, was es besitzt, anders hin als unter dem Druck der

aeussersten Notwendigkeit; alle Abtretungsvertraege sind Anerkenntnisse

einer solchen, nicht sittliche Verpflichtungen. Wenn jede Nation mit

Recht ihre Ehre darein setzt, schimpfliche Vertraege mit den Waffen

zu zerreissen, wie kann ihr dann die Ehre gebieten, an einem Vertrage

gleich dem Caudinischen, zu dem ein ungluecklicher Feldherr moralisch

genoetigt worden ist, geduldig festzuhalten, wenn die frische Schande

brennt und die Kraft ungebrochen dasteht? So brachte der Friedensvertrag

von Caudium nicht die Ruhe, die die Friedensenthusiasten in Samnium

toerichterweise davon erhofft hatten, sondern nur Krieg und wieder

Krieg, mit gesteigerter Erbitterung auf beiden Seiten durch die

verscherzte Gelegenheit, das gebrochene feierliche Wort, die

geschaendete Waffenehre, die preisgegebenen Kameraden. Die

ausgelieferten roemischen Offiziere wurden von den Samniten nicht

angenommen, teils weil sie zu gross dachten, um an diesen Ungluecklichen

ihre Rache zu ueben, teils weil sie damit den Roemern wuerden

zugestanden haben, dass das Buendnis nur die Schwoerenden verpflichtet

habe, nicht den roemischen Staat. Hochherzig verschonten sie sogar die

Geiseln, deren Leben nach Kriegsrecht verwirkt war, und wandten sich

vielmehr sogleich zum Waffenkampf. Luceria ward von ihnen besetzt,

Fregellae ueberfallen und erstuermt (434 320), bevor die Roemer die

aufgeloeste Armee wieder reorganisiert hatten; was man haette erreichen

koennen, wenn man den Vorteil nicht haette aus den Haenden fahren

lassen, zeigt der Uebertritt der Satricaner ^2 zu den Samniten. Aber

Rom war nur augenblicklich gelaehmt, nicht geschwaecht; voll Scham

und Erbitterung bot man dort auf, was man an Mannschaft und Mitteln

vermochte und stellte den erprobtesten, als Soldat wie als Feldherr

gleich ausgezeichneten Fuehrer Lucius Papirius Cursor an die Spitze des

neugebildeten Heeres. Dasselbe teilte sich; die eine Haelfte zog durch

die Sabina und das adriatische Litoral vor Luceria, die andere ebendahin

durch Samnium selbst, indem die letztere das samnitische Heer unter

gluecklichen Gefechten vor sich her trieb. Man traf wieder zusammen

unter den Mauern von Luceria, dessen Belagerung um so eifriger betrieben

ward, als dort die roemischen Reiter gefangen sassen; die Apuler,

namentlich die Arpaner, leisteten dabei den Roemern wichtigen Beistand,

vorzueglich durch Beschaffung der Zufuhr. Nachdem die Samniten zum

Entsatz der Stadt eine Schlacht geliefert und verloren hatten, ergab

sich Luceria den Roemern (435 319): Papirius genoss die doppelte

Freude, die verlorengegebenen Kameraden zu befreien und der samnitischen

Besatzung von Luceria die Galgen von Caudium zu vergelten. In den

Römische Geschichte — Buch 2 · 第 13 / 26 段