der dazu gehoerigen Rechtspflege betrauten Aedilen erscheinen, so hat
diese offenbar gleichzeitig und auf Anregung der fuehrenden Macht in
allen Bundesgemeinden erfolgte Einsetzung staedtischer Polizeibehoerden
sicher nicht vor der in das Jahr 387 (367) fallenden Einrichtung der
kurulischen Aedilitaet in Rom, aber wahrscheinlich auch eben um diese
Zeit stattgefunden. Ohne Zweifel war diese Anordnung nur das Glied einer
Kette von bevormundenden und die bundesgenoessischen Gemeindeordnungen
im polizeilich-aristokratischen Sinne umgestaltenden Massregeln.
Offenbar fuehlte Rom nach dem Fall von Veii und der Eroberung des
pomptinischen Gebietes sich maechtig genug, um die Zuegel der Hegemonie
straffer anzuziehen und die saemtlichen latinischen Staedte in eine
so abhaengige Stellung zu bringen, dass sie faktisch vollstaendig
untertaenig wurden. In dieser Zeit (406 348) verpflichteten sich die
Karthager in dem mit Rom abgeschlossenen Handelsvertrag, den Latinern,
die Rom botmaessig seien, namentlich den Seestaedten Ardea, Antium,
Circeii, Tarracina, keinen Schaden zuzufuegen; wuerde aber eine der
latinischen Staedte vom roemischen Buendnis abgefallen sein, so sollten
die Phoeniker dieselbe angreifen duerfen, indes, wenn sie sie etwa
erobern wuerden, gehalten sein, sie nicht zu schleifen, sondern sie
den Roemern zu ueberliefern. Hier liegt es vor, durch welche Ketten die
roemische Gemeinde ihre Schutzstaedte an sich band und was eine Stadt,
die der einheimischen Schutzherrschaft sich entzog, dadurch einbuesste
und wagte. Zwar blieb auch jetzt noch wenn nicht der hernikischen, doch
wenigstens der latinischen Eidgenossenschaft ihr formelles Anrecht auf
den dritten Teil von Kriegsgewinn und wohl noch mancher andere Ueberrest
der ehemaligen Rechtsgleichheit; aber was nachweislich verloren ging,
war wichtig genug, um die Erbitterung begreiflich zu machen, welche in
dieser Zeit unter den Latinern gegen Rom herrschte. Nicht bloss fochten
ueberall, wo Heere gegen Rom im Felde standen, latinische Reislaeufer
zahlreich unter der fremden Fahne gegen ihre fuehrende Gemeinde; sondern
im Jahre 405 (349) beschloss sogar die latinische Bundesversammlung,
den Roemern den Zuzug zu verweigern. Allen Anzeichen nach stand eine
abermalige Schilderhebung der gesamten latinischen Bundesgenossenschaft
in nicht ferner Zeit bevor; und eben jetzt drohte ein Zusammenstoss mit
einer anderen italischen Nation, die wohl imstande war, der vereinigten
Macht des latinischen Stammes ebenbuertig zu begegnen. Nach der
Niederwerfung der noerdlichen Volsker stand den Roemern im Sueden
zunaechst kein bedeutender Gegner gegenueber; unaufhaltsam naeherten
ihre Legionen sich dem Liris. Im Jahre 397 (357) ward gluecklich
gekaempft mit den Privernaten, 409 (345) Sora am oberen Liris besetzt.
Schon standen also die roemischen Heere an der Grenze der Samniten, und
das Freundschaftsbuendnis, das im Jahre 400 (354) die beiden tapfersten
und maechtigsten italischen Nationen miteinander schlossen, war das
sichere Vorzeichen des herannahenden und mit der Krise innerhalb der
latinischen Nation in drohender Weise sich verschlingenden Kampfes um
die Oberherrschaft Italiens. Die samnitische Nation, die, als man in
Rom die Tarquinier austrieb, ohne Zweifel schon seit laengerer Zeit
im Besitz des zwischen der apulischen und der kampanischen Ebene
aufsteigenden und beide beherrschenden Huegellandes gewesen war, war
bisher auf der einen Seite durch die Daunier - Arpis Macht und Bluete
faellt in diese Zeit -, auf der andern durch die Griechen und Etrusker
an weiterem Vordringen gehindert worden. Aber der Sturz der etruskischen
Macht um das Ende des dritten (450), das Sinken der griechischen
Kolonien im Laufe des vierten Jahrhunderts (450-350) machten gegen
Westen und Sueden ihnen Luft und ein samnitischer Schwarm nach dem
andern zog jetzt bis an, ja ueber die sueditalischen Meere. Zuerst
erschienen sie in der Ebene am Golf, wo der Name der Kampaner seit dem
Anfang des vierten Jahrhunderts vernommen wird; die Etrusker wurden hier
erdrueckt, die Griechen beschraenkt, jenen Capua (330 424), diesen Kyme
(334 420) entrissen. Um dieselbe Zeit, vielleicht schon frueher,
zeigen sich in Grossgriechenland die Lucaner, die im Anfang des vierten
Jahrhunderts mit Terinaeern und Thurinern im Kampf liegen und geraume
Zeit vor 364 (390) in dem griechischen Laos sich festsetzten. Um diese
Zeit betrug ihr Aufgebot 30000 Mann zu Fuss und 4000 Reiter. Gegen das
Ende des vierten Jahrhunderts ist zuerst die Rede von der gesonderten
Eidgenossenschaft der Brettier ^14, die, ungleich den andern
sabellischen Staemmen, nicht als Kolonie, sondern im Kampf von den
Lucanern sich losgemacht und mit vielen fremdartigen Elementen sich
gemischt hatten. Wohl suchten die unteritalischen Griechen sich des
Andranges der Barbaren zu erwehren; der Achaeische Staedtebund ward 361
(393) rekonstituiert und festgesetzt, dass, wenn eine der verbuendeten
Staedte von Lucanern angegriffen werde, alle Zuzug leisten und die
Fuehrer der ausbleibenden Heerhaufen Todesstrafe leiden sollten. Aber
selbst die Einigung Grossgriechenlands half nicht mehr, da der Herr von
Syrakus, der aeltere Dionysios, mit den Italikern gegen seine Landsleute
gemeinschaftliche Sache machte. Waehrend Dionysios den grossgriechischen
Flotten die Herrschaft ueber die italischen Meere entriss, ward von den
Italikern eine Griechenstadt nach der andern besetzt oder vernichtet;
in unglaublich kurzer Zeit war der bluehende Staedtering zerstoert
oder veroedet. Nur wenigen griechischen Orten, wie zum Beispiel Neapel,
gelang es muehsam und mehr durch Vertraege als durch Waffengewalt,
wenigstens ihr Dasein und ihre Nationalitaet zu bewahren; durchaus
unabhaengig und maechtig blieb allein Tarent, das durch seine
entferntere Lage und durch seine in steten Kaempfen mit den Messapiern
unterhaltene Schlagfertigkeit sich aufrecht hielt, wenngleich auch diese
Stadt bestaendig mit den Lucanern um ihre Existenz zu fechten hatte und
genoetigt war, in oder griechischen Heimat Buendnisse und Soeldner zu
suchen. ---------------------------------------------- ^14 Der Name
selbst ist uralt, ja der aelteste einheimische Name der Bewohner des
heutigen Kalabrien (Antiochos fr. 5 Mueller). Die bekannte Ableitung ist
ohne Zweifel erfunden. -----------------------------------------------
Um die Zeit, wo Veii und die pomptinische Ebene roemisch wurden, hatten
die samnitischen Scharen bereits ganz Unteritalien inne mit Ausnahme
weniger und unter sich nicht zusammenhaengender griechischer
Pflanzstaedte und der apulisch- messapischen Kueste. Die um 418 (336)
abgefasste griechische Kuestenbeschreibung setzt die eigentlichen
Samniten mit ihren "fuenf Zungen" von einem Meer zum andern an und
am Tyrrhenischen neben sie in noerdlicher Richtung die Kampaner,
in suedlicher die Lucaner, unter denen hier wie oefter die Brettier
mitbegriffen sind und denen bereits die ganze Kueste von Paestum am
Tyrrhenischen bis nach Thurii am Ionischen Meer zugeteilt wird. In
der Tat, wer miteinander vergleicht, was die beiden grossen Nationen
Italiens, die latinische und die samnitische, errungen hatten, bevor
sie sich beruehrten, dem erscheint die Eroberungsbahn der letzteren
bei weitem ausgedehnter und glaenzender als die der Roemer. Aber der
Charakter der Eroberungen war ein wesentlich verschiedener. Von dem
festen staedtischen Mittelpunkt aus, den Latium im Rom besass, dehnt die
Herrschaft dieses Stammes langsam nach allen Seiten sich aus, zwar
in verhaeltnismaessig engen Grenzen, aber festen Fuss fassend, wo sie
hintritt, teils durch Gruendung von befestigten Staedten roemischer Art
mit abhaengigem Bundesrecht, teils durch Romanisierung des eroberten
Gebiets. Anders in Samnium. Es gibt hier keine einzelne fuehrende
Gemeinde und darum auch keine Eroberungspolitik. Waehrend die Eroberung
des veientischen und pomptinischen Gebietes fuer Rom eine wirkliche
Machterweiterung war, wurde Samnium durch die Entstehung der
kampanischen Staedte, der lucanischen, der brettischen Eidgenossenschaft
eher geschwaecht als gestaerkt; denn jeder Schwarm, der neue Sitze
gesucht und gefunden hatte, ging fortan fuer sich seine Wege. Die
samnitischen Scharen erfuellen einen unverhaeltnismaessig weiten
Raum, den sie ganz sich eigen zu machen keineswegs bedacht sind; die
groesseren Griechenstaedte, Tarent, Thurii, Kroton, Metapont, Herakleia,
Rhegion, Neapel, wenngleich geschwaecht und oefters abhaengig, bestehen
fort, ja selbst auf dem platten Lande und in den kleineren Staedten
werden die Hellenen geduldet, und Kyme zum Beispiel, Poseidonia, Laos,
Hipponion blieben, wie die erwaehnte Kuestenbeschreibung und die Muenzen
lehren, auch unter samnitischer Herrschaft noch Griechenstaedte.
So entstanden gemischte Bevoelkerungen, wie denn namentlich die
zwiesprachigen Brettier ausser samnitischen auch hellenische Elemente
und selbst wohl Ueberreste der alten Autochthonen in sich aufnahmen;
aber auch in Lucanien und Kampanien muessen in minderem Grade
aehnliche Mischungen stattgefunden haben. Dem gefaehrlichen Zauber
der hellenischen Kultur konnte auch die samnitische Nation sich
nicht entziehen, am wenigsten in Kampanien, wo Neapel frueh mit den
Einwanderern sich auf freundlichen Verkehr stellte und wo der Himmel
selbst die Barbaren humanisierte. Nola, Nuceria, Teanum, obwohl rein
samnitischer Bevoelkerung, nahmen griechische Weise und griechische
Stadtverfassung an, wie denn auch die heimische Gauverfassung unter
den veraenderten Verhaeltnissen unmoeglich fortbestehen konnte. Die
kampanischen Samnitenstaedte begannen Muenzen zu schlagen, zum Teil
mit griechischer Aufschrift; Capua ward durch Handel und Ackerbau der
Groesse nach die zweite Stadt Italiens, die erste an Ueppigkeit und
Reichtum. Die tiefe Entsittlichung, worin den Berichten der Alten
zufolge diese Stadt es allen uebrigen italischen zuvorgetan hat,
spiegelt sich namentlich in dem Werbewesen und in den Fechterspielen,
die beide vor allem in Capua zur Bluete gelangt sind. Nirgends
fanden die Werber so zahlreichen Zulauf wie in dieser Metropole
der entsittlichten Zivilisation; waehrend Capua selbst sich vor den
Angriffen der nachdraengenden Samniten nicht zu bergen wusste, stroemte
die streitbare kampanische Jugend unter selbstgewaehlten Condottieren
massenweise namentlich nach Sizilien. Wie tief diese Landknechtfahrten
in die Geschicke Italiens eingriffen, wird spaeter noch darzustellen
sein; fuer die kampanische Weise sind sie ebenso bezeichnend wie die
Fechterspiele, die gleichfalls in Capua zwar nicht ihre Entstehung,
aber ihre Ausbildung empfingen. Hier traten sogar waehrend des Gastmahls
Fechterpaare auf und ward deren Zahl je nach dem Rang der geladenen
Gaeste abgemessen. Diese Entartung der bedeutendsten samnitischen Stadt,
die wohl ohne Zweifel auch mit dem hier noch nachwirkenden etruskischen
Wesen eng zusammenhaengt, musste fuer die ganze Nation verhaengnisvoll
werden; wenn auch der kampanische Adel es verstand, mit dem tiefsten
Sittenverfall ritterliche Tapferkeit und hohe Geistesbildung zu
verbinden, so konnte er doch fuer seine Nation nimmermehr werden, was
die roemische Nobilitaet fuer die latinische war. Aehnlich wie auf die
Kampaner, wenn auch in minderer Staerke, wirkte der hellenische Einfluss
auf die Lucaner und Brettier. Die Graeberfunde in all diesen Gegenden
beweisen, wie die griechische Kunst daselbst mit barbarischem Luxus
gepflegt ward; der reiche Gold- und Bernsteinschmuck, das prachtvolle
gemalte Geschirr, wie wir sie jetzt den Haeusern der Toten entheben,
lassen ahnen, wie weit man hier schon sich entfernt hatte von der alten
Sitte der Vaeter. Andere Spuren bewahrt die Schrift; die altnationale
aus dem Norden mitgebrachte ward von den Lucanern und Brettiern
aufgegeben und mit der griechischen vertauscht, waehrend in Kampanien
das nationale Alphabet und wohl auch die Sprache unter dem bildenden
Einfluss der griechischen sich selbstaendig entwickelte zu groesserer
Klarheit und Feinheit. Es begegnen sogar einzelne Spuren des Einflusses
griechischer Philosophie. Nur das eigentliche Samnitenland blieb
unberuehrt von diesen Neuerungen, die, so schoen und natuerlich sie
teilweise sein mochten, doch maechtig dazu beitrugen, das von Haus aus
schon lose Band der nationalen Einheit immer mehr zu lockern. Durch den
Einfluss des hellenischen Wesens kam ein tiefer Riss in den samnitischen
Stamm. Die gesitteten "Philhellenen" Kampaniens gewoehnten sich, gleich
den Hellenen selbst, vor den rauheren Staemmen der Berge zu zittern,
die ihrerseits nicht aufhoerten, in Kampanien einzudringen und die
entarteten aelteren Ansiedler zu beunruhigen. Rom war ein geschlossener
Staat, der ueber die Kraft von ganz Latium verfuegte; die Untertanen
mochten murren, aber sie gehorchten. Der samnitische Stamm war zerfahren
und zersplittert, und die Eidgenossenschaft im eigentlichen Samnium
hatte sich zwar die Sitten und die Tapferkeit der Vaeter ungeschmaelert
bewahrt, war aber auch darueber mit den uebrigen samnitischen Voelker-
und Buergerschaften voellig zerfallen. In der Tat war es dieser Zwist
zwischen den Samniten der Ebene und den Samniten der Gebirge, der die
Roemer ueber den Liris fuehrte. Die Sidiciner in Teanum, die Kampaner
in Capua suchten gegen die eigenen Landsleute, die mit immer neuen
Schwaermen ihr Gebiet brandschatzten und darin sich festzusetzen
drohten, Hilfe bei den Roemern (411 343). Als das begehrte Buendnis
verweigert ward, bot die kampanische Gesandtschaft die Unterwerfung der
Stadt unter die Oberherrlichkeit Roms an, und solcher Lockung vermochten
die Roemer nicht zu widerstehen. Roemische Gesandte gingen zu den
Samniten, ihnen den neuen Erwerb anzuzeigen und sie aufzufordern, das
Gebiet der befreundeten Macht zu respektieren. Wie die Ereignisse weiter
verliefen, ist im einzelnen nicht mehr zu ermitteln ^15; wir sehen nur,
dass zwischen Rom und Samnium, sei es nach einem Feldzug, sei es ohne
vorhergehenden Krieg, ein Abkommen zustande kam, wodurch die Roemer
freie Hand erhielten gegen Capua, die Samniten gegen Teanum und die
Volsker am oberen Liris. Dass die Samniten sich dazu verstanden,
erklaert sich aus den gewaltigen Anstrengungen, die eben um diese Zeit
die Tarentiner machten, sich der sabellischen Nachbarn zu entledigen;
aber auch die Roemer hatten guten Grund, sich mit den Samniten so
schnell wie moeglich abzufinden, denn der bevorstehende Uebergang
der suedlich an Latium angrenzenden Landschaft in roemischen Besitz
verwandelte die laengst unter den Latinern bestehende Gaerung in offene
Empoerung. Alle urspruenglich latinischen Staedte, selbst die in den
roemischen Buergerverband aufgenommenen Tusculaner ergriffen die Waffen
gegen Rom, mit einziger Ausnahme der Laurenter, waehrend dagegen von
den ausserhalb der Grenzen Latiums gegruendeten Kolonien nur die alten
Volskerstaedte Velitrae, Antium und Tarracina sich an der Auflehnung
beteiligten. Dass die Capuaner, ungeachtet der eben erst freiwillig den
Roemern angetragenen Unterwerfung, dennoch die erste Gelegenheit, der
roemischen Herrschaft wieder ledig zu werden, bereitwillig ergriffen
und, trotz des Widerstandes der an dem Vertrag mit Rom festhaltenden
Optimatenpartei, die Gemeinde gemeinschaftliche Sache mit der
latinischen Eidgenossenschaft machte, ist erklaerlich; wogegen die noch
selbstaendigen Volskerstaedte, wie Fundi und Formiae, und die Herniker
sich gleich der kampanischen Aristokratie an diesem Aufstande nicht
beteiligten. Die Lage der Roemer war bedenklich; die Legionen, die ueber
den Liris gegangen waren und Kampanien besetzt hatten, waren durch
den Aufstand der Latiner von der Heimat abgeschnitten und nur ein
Sieg konnte sie retten. Bei Trifanum (zwischen Minturnae, Suessa und
Sinuessa) ward die entscheidende Schlacht geliefert (414 340): der
Konsul Titus Manlius Imperiosus Torquatus erfocht ueber die vereinigten
Latiner und Kampaner einen vollstaendigen Sieg. In den beiden folgenden
Jahren wurden die einzelnen Staedte, soweit sie noch Widerstand
leisteten, durch Kapitulation oder Sturm bezwungen und die
ganze Landschaft zur Unterwerfung gebracht.
--------------------------------------------------- ^15 Vielleicht kein
Abschnitt der roemischen Annalen ist aerger entstellt als die Erzaehlung
des ersten samnitisch-latinischen Krieges, wie sie bei Livius,
Dionysios, Appian steht oder stand. Sie lautet etwa folgendermassen.
Nachdem 411 (343) beide Konsuln in Kampanien eingerueckt waren, erfocht
zuerst der Konsul Marcus Valerius Corvus am Berge Gaurus ueber die
Samniten einen schweren und blutigen Sieg; alsdann auch der Kollege
Aulus Cornelius Cossus, nachdem er der Vernichtung in einem Engpass
durch Hingebung einer von dem Kriegstribun Publius Decius gefuehrten
Abteilung entgangen war. Die dritte und entscheidende Schlacht ward
am Eingang der Caudinischen Paesse bei Suessula von den beiden Konsuln
geschlagen; die Samniten wurden vollstaendig ueberwunden - man las
vierzigtausend ihrer Schilde auf dem Schlachtfelde auf - und zum Frieden
genoetigt, in welchem die Roemer Capua, das sich ihnen zu eigen
gegeben, behielten, Teanum dagegen den Samniten ueberliessen (413 341).
Glueckwuensche kamen von allen Seiten, selbst von Karthago. Die Latiner,
die den Zuzug verweigert hatten und gegen Rom zu ruesten schienen,
wandten ihre Waffen statt gegen Rom vielmehr gegen die Paeligner,
waehrend die Roemer zunaechst durch eine Militaerverschwoerung der in
Kampanien zurueckgelassenen Besatzung (412 342), dann durch die Einnahme
von Privernum (413 341) und den Krieg gegen die Antiaten beschaeftigt
waren. Nun aber wechseln ploetzlich und seltsam die Parteiverhaeltnisse.
Die Latiner, die umsonst das roemische Buergerrecht und Anteil am
Konsulat gefordert hatten, erhoben sich gegen Rom in Gemeinschaft mit
den Sidicinern, die vergeblich den Roemern die Unterwerfung angetragen
hatten und vor den Samniten sich nicht zu retten wussten, und mit den
Kampanern, die der roemischen Herrschaft bereits muede waren. Nur die
Laurenter in Latium und die kampanischen Ritter hielten zu den Roemern,
welche ihrerseits Unterstuetzung fanden bei den Paelignern und
den Samniten. Das latinische Heer ueberfiel Samnium; das
roemisch-samnitische schlug, nachdem es an den Fuciner See und von da
an Latium vorueber in Kampanien einmarschiert war, die
Entscheidungsschlacht gegen die vereinigten Latiner und Kampaner am
Vesuv, welche der Konsul Titus Manlius Imperiosus, nachdem er selbst
durch die Hinrichtung seines eigenen, gegen den Lagerbefehl siegenden
Sohnes die schwankende Heereszucht wiederhergestellt und sein Kollege
Publius Decius Mus die Goetter versoehnt hatte durch seinen Opfertod,
endlich mit Aufbietung der letzten Reserve gewann. Aber erst eine zweite
Schlacht, die der Konsul Manlius den Latinern und Kampanern bei Trifanum
lieferte, machte dem Krieg ein Ende; Latium und Capua unterwarfen sich
und wurden um einen Teil ihres Gebietes gestraft. Einsichtigen und
ehrlichen Lesern wird es nicht entgehen, dass dieser Bericht von
Unmoeglichkeiten aller Art wimmelt. Dahin gehoert das Kriegfuehren der
Antiaten nach der Dedition von 377 (377) (Liv. 6, 33); der selbstaendige
Feldzug der Latiner gegen die Paeligner im schneidenden Widerspruch zu
den Bestimmungen der Vertraege zwischen Rom und Latium; der unerhoerte
Marsch des roemischen Heeres durch das marsische und samnitische Gebiet
nach Capua, waehrend ganz Latium gegen Rom in Waffen stand; um nicht
zu reden von dem ebenso verwirrten wie sentimentalen Bericht ueber den
Militaeraufstand von 412 (342) und den Geschichtchen von dem gezwungenen
Anfuehrer desselben, dem lahmen Titus Quinctius, dem roemischen Goetz
von Berlichingen. Vielleicht noch bedenklicher sind die Wiederholungen;
so ist die Erzaehlung von dem Kriegstribun Publius Decius nachgebildet
der mutigen Tat des Marcus Calpurnius Flamma, oder wie er sonst hiess,
im Ersten Punischen Kriege; so kehrt die Eroberung Privernums durch
Gaius Plautius wieder im Jahre 425 (329), und nur diese zweite ist in
den Triumphalfasten verzeichnet; so der Opfertod des Publius Decius
bekanntlich bei dem Sohne desselben 459 (295). Ueberhaupt verraet in
diesem Abschnitt die ganze Darstellung eine andere Zeit und eine andere
Hand als die sonstigen glaubwuerdigeren annalistischen Berichte; die
Erzaehlung ist voll von ausgefuehrten Schlachtgemaelden; von eingewebten
Anekdoten, wie zum Beispiel der von dem setinischen Praetor, der auf den
Stufen des Rathauses den Hals bricht, weil er dreist genug gewesen war,
das Konsulat zu begehren, und den mannigfaltigen aus dem Beinamen
des Titus Manlius herausgesponnenen; von ausfuehrlichen und zum Teil
bedenklichen archaeologischen Digressionen, wohin zum Beispiel die
Geschichte der Legion (von der die hoechst wahrscheinlich apokryphe
Notiz ueber die aus Roemern und Latinern gemischten Manipel des zweiten
Tarquinius bei Liv. 1, 52 offenbar ein zweites Bruchstueck ist),
die verkehrte Auffassung des Vertrages zwischen Capua und Rom (meine
Geschichte des roemischen Muenzwesens. Breslau 1860, S. 334, A.
122), die Devotionsformulare, der kampanische Denar, das laurentische
Buendnis, die bina iugera bei der Assignation gehoeren. Unter solchen
Umstaenden erscheint es von grossem Gewicht, dass Diodoros, der
anderen und oft aelteren Berichten folgt, von all diesen Ereignissen
schlechterdings nichts kennt als die letzte Schlacht bei Trifanum;
welche auch in der Tat schlecht passt zu der uebrigen Erzaehlung, die
nach poetischer Gerechtigkeit schliessen sollte mit dem Tode des Decius.
--------------------------------------------- Die Folge des Sieges
war die Aufloesung des latinischen Bundes. Derselbe wurde aus einer
selbstaendigen politischen Konfoederation in eine bloss religioese
Festgenossenschaft umgewandelt; die altverbrieften Rechte der
Eidgenossenschaft auf ein Maximum der Truppenaushebung und einen Anteil
an dem Kriegsgewinn gingen damit als solche zu Grunde, und was derart
spaeter noch vorkam, traegt den Charakter der Gnadenbewilligung. An
die Stelle des einen Vertrages zwischen Rom einer- und der latinischen
Eidgenossenschaft anderseits traten im besten Fall ewige Buendnisse
zwischen Rom und den einzelnen eidgenoessischen Orten. Zu diesem
Vertragsverhaeltnis wurden von den altlatinischen Orten ausser Laurentum
auch Tibur und Praeneste zugelassen, welche indes Stuecke ihres Gebiets
an Rom abtreten mussten. Gleiches Recht erhielten die ausserhalb Latium
gegruendeten Gemeinden latinischen Rechts, soweit sie sich nicht an dem
Kriege beteiligt hatten. Die Isolierung der Gemeinden gegeneinander,
welche fuer die nach dem Jahre 370 (384) gegruendeten Orte bereits
frueher festgestellt worden war, ward also auf die gesamte Nation
erstreckt. Im uebrigen blieben den einzelnen Orten die bisherigen
Gerechtsame und ihre Autonomie. Die uebrigen altlatinischen Gemeinden
sowie die abgefallenen Kolonien verloren saemtlich die Selbstaendigkeit
und traten in einer oder der anderen Form in den roemischen
Buergerverband ein. Die beiden wichtigsten Kuestenstaedte Antium (416
338) und Tarracina (425 329) wurden, nach dem Muster von Ostia, mit
roemischen Vollbuergern besetzt und auf eine engbegrenzte kommunale
Selbstaendigkeit beschraenkt, die bisherigen Buerger zu Gunsten der