zusammen. Wie die Latiner warfen auch die Samniten sich auf die
Etrusker; und kaum war deren kampanische Niederlassung durch die Folgen
des Treffens bei Kyme vom Mutterlande abgeschnitten worden, als sie
auch schon nicht mehr imstande war, den Angriffen der sabellischen
Bergvoelker zu widerstehen. Die Hauptstadt Capua fiel 330 (424) und
die tuskische Bevoelkerung ward hier bald nach der Eroberung von den
Samniten ausgerottet oder verjagt. Freilich hatten auch die kampanischen
Griechen, vereinzelt und geschwaecht, unter derselben Invasion schwer
zu leiden; Kyme selbst ward 334 (420) von den Sabellern erobert. Dennoch
behaupteten die Griechen sich namentlich in Neapolis, vielleicht mit
Hilfe der Syrakusaner, waehrend der etruskische Name in Kampanien aus
der Geschichte verschwindet; kaum dass einzelne etruskische Gemeinden
eine kuemmerliche und verlorene Existenz sich dort fristeten. Aber noch
folgenreichere Ereignisse traten um dieselbe Zeit im noerdlichen Italien
ein. Eine neue Nation pochte an die Pforten der Alpen: es waren die
Kelten; und ihr erster Andrang traf die Etrusker. Die keltische, auch
galatische oder gallische Nation hat von der gemeinschaftlichen Mutter
eine andere Ausstattung empfangen als die italische, die germanische und
die hellenische Schwester. Es fehlt ihr bei manchen tuechtigen und
noch mehr glaenzenden Eigenschaften die tiefe sittliche und staatliche
Anlage, auf welche alles Gute und Grosse in der menschlichen Entwicklung
sich gruendet. Es galt, sagt Cicero, als schimpflich fuer den freien
Kelten, das Feld mit eigenen Haenden zu bestellen. Dem Ackerbau zogen
sie das Hirtenleben vor und trieben selbst in den fruchtbaren Poebenen
vorzugsweise die Schweinezucht, von dem Fleisch ihrer Herden sich
naehrend und in den Eichenwaeldern mit ihnen Tag und Nacht verweilend.
Die Anhaenglichkeit an die eigene Scholle, wie sie den Italikern und den
Germanen eigen ist, fehlt bei den Kelten; wogegen sie es lieben, in den
Staedten und Flecken zusammen zu siedeln und diese bei ihnen frueher,
wie es scheint, als in Italien Ausdehnung und Bedeutung gewonnen haben.
Ihre buergerliche Verfassung ist unvollkommen; nicht bloss wird die
nationale Einheit nur durch ein schwaches Band vertreten, was ja in
gleicher Weise von allen Nationen anfaenglich gilt, sondern es mangelt
auch in den einzelnen Gemeinden an Eintracht und festem Regiment, an
ernstem Buergersinn und folgerechtem Streben. Die einzige Ordnung, der
sie sich schicken, ist die militaerische, in der die Bande der Disziplin
dem einzelnen die schwere Muehe abnehmen, sich selber zu bezwingen.
"Die hervorstehenden Eigenschaften der keltischen Rasse", sagt ihr
Geschichtschreiber Thierry, "sind die persoenliche Tapferkeit, in der
sie es allen Voelkern zuvortun; ein freier, stuermischer, jedem Eindruck
zugaenglicher Sinn; viel Intelligenz, aber daneben die aeusserste
Beweglichkeit, Mangel an Ausdauer, Widerstreben gegen Zucht und Ordnung,
Prahlsucht und ewige Zwietracht, die Folge der grenzenlosen Eitelkeit."
Kuerzer sagt ungefaehr dasselbe der alte Cato: "auf zwei Dinge geben
die Kelten viel: auf das Fechten und auf den Esprit" ^3. Solche
Eigenschaften guter Soldaten und schlechter Buerger erklaeren die
geschichtliche Tatsache, dass die Kelten alle Staaten erschuettert und
keinen gegruendet haben. Ueberall finden wir sie bereit zu wandern, das
heisst zu marschieren; dem Grundstueck die bewegliche Habe vorziehend,
allem anderen aber das Gold; das Waffenwerk betreibend als geordnetes
Raubwesen oder gar als Handwerk um Lohn und allerdings mit solchem
Erfolge, dass selbst der roemische Geschichtschreiber Sallustius im
Waffenwerk den Kelten den Preis vor den Roemern zugesteht. Es sind die
rechten Lanzknechte des Altertums, wie die Bilder und Beschreibungen sie
uns darstellen: grosse, nicht sehnige Koerper, mit zottigem Haupthaar
und langem Schnauzbart - recht im Gegensatz zu Griechen und Roemern, die
das Haupt und die Oberlippe schoren -, in bunten gestickten Gewaendern,
die beim Kampf nicht selten abgeworfen wurden, mit dem breiten Goldring
um den Hals, unbehelmt und ohne Wurfwaffen jeder Art, aber dafuer mit
ungeheurem Schild nebst dem langen schlechtgestaehlten Schwert, dem
Dolch und der Lanze, alle diese Waffen mit Gold geziert, wie sie denn
die Metalle nicht ungeschickt zu bearbeiten verstanden. Zum Renommieren
dient alles, selbst die Wunde, die oft nachtraeglich erweitert wird, um
mit der breiteren Schmarre zu prunken. Gewoehnlich fechten sie zu
Fuss, einzelne Schwaerme aber auch zu Pferde, wo dann jedem Freien zwei
gleichfalls berittene Knappen folgen; Streitwagen finden sich frueh wie
bei den Libyern und den Hellenen in aeltester Zeit. Mancher Zug erinnert
an das Ritterwesen des Mittelalters; am meisten die den Roemern und
Griechen fremde Sitte des Zweikampfes. Nicht bloss im Kriege pflegten
sie den einzelnen Feind, nachdem sie ihn zuvor mit Worten und Gebaerden
verhoehnt hatten, zum Kampfe zu fordern; auch im Frieden fochten sie
gegeneinander in glaenzender Ruestung auf Leben und Tod. Dass die
Zechgelage hernach nicht fehlten, versteht sich. So fuehrten sie unter
eigener oder fremder Fahne ein unstetes Soldatenleben, das sie von
Irland und Spanien bis nach Kleinasien zerstreute unter steten Kaempfen
und sogenannten Heldentaten; aber was sie auch begannen, es zerrann wie
der Schnee im Fruehling, und nirgends ist ein grosser Staat,
nirgends eine eigene Kultur von ihnen geschaffen worden.
------------------------------------------------------- ^3 Pleraque
Gallia duas res industriosissime persequitur: rem militarem et
argute loqui. (Cato or. frg. 2, 2).
------------------------------------------------------- So schildern uns
die Alten diese Nation; ueber ihre Herkunft laesst sich nur mutmassen.
Demselben Schoss entsprungen, aus dem auch die hellenischen, italischen
und germanischen Voelkerschaften hervorgingen, sind die Kelten
ohne Zweifel gleich diesen aus dem oestlichen Mutterland in Europa
eingerueckt, wo sie in fruehester Zeit das Westmeer erreichten und in
dem heutigen Frankreich ihre Hauptsitze begruendeten ^4, gegen Norden
hin uebersiedelnd auf die britannischen Inseln, gegen Sueden die
Pyrenaeen ueberschreitend und mit den iberischen Voelkerschaften um den
Besitz der Halbinsel ringend. An den Alpen indes stroemte ihre erste
grosse Wanderung vorbei und erst von den westlichen Laendern aus
begannen sie in kleineren Massen und in entgegengesetzter Richtung jene
Zuege, die sie ueber die Alpen und den Haemus, ja ueber den Bosporus
fuehrten und durch die sie der Schrecken der saemtlichen zivilisierten
Nationen des Altertums geworden und durch manche Jahrhunderte geblieben
sind, bis Caesars Siege und die von Augustus geordnete
Grenzverteidigung ihre Macht fuer immer brachen.
-------------------------------------------------------- ^4
Neuerdings ist von kundigen Sprachforschern behauptet worden, dass die
Verwandtschaft der Kelten und der Italiker naeher sei, als selbst die
der letzteren und der Hellenen, das heisst, dass derjenige Ast des
grossen Baumes, von dem die west- und suedeuropaeischen Voelkerschaften
indogermanischen Stammes entsprungen sind, zunaechst sich in Griechen
und Italokelten und betraechtlich spaeter die letzteren sich wieder
in Italiker und Kelten gespalten haetten. Geographisch ist diese
Aufstellung sehr annehmbar, und auch die geschichtlich vorliegenden
Tatsachen lassen sich vielleicht damit ebenfalls in Einklang bringen
da, was bisher als graecoitalische Zivilisation angesehen worden ist,
fueglich graecokeltoitalisch gewesen sein kann - wissen wir doch ueber
die aelteste keltische Kulturstufe in der Tat nichts. Die sprachliche
Untersuchung scheint indes noch nicht so weit gediehen zu sein, dass
ihre Ergebnisse in die aelteste Voelkergeschichte eingereiht werden
duerften. ------------------------------------------------------- Die
einheimische Wandersage, die hauptsaechlich Livius uns erhalten hat,
berichtet von diesen spaeteren ruecklaeufigen Zuegen folgendermassen
^5. Die gallische Eidgenossenschaft, an deren Spitze damals wie noch zu
Caesars Zeit der Gau der Biturigen (um Bourges) stand, habe unter dem
Koenig Ambiatus zwei grosse Heeresschwaerme entsendet, gefuehrt von den
beiden Neffen des Koenigs, und es sei der eine derselben, Sigovesus,
ueber den Rhein in der Richtung auf den Schwarzwald zu vorgedrungen, der
zweite, Bellovesus, ueber die Graischen Alpen (den Kleinen St.
Bernhard) in das Potal hinabgestiegen. Von jenem stamme die gallische
Niederlassung an der mittleren Donau, von diesem die aelteste keltische
Ansiedlung in der heutigen Lombardei, der Gau der Insubrer mit dem
Hauptort Mediolanum (Mailand). Bald sei ein zweiter Schwarm gefolgt,
der den Gau der Cenomaner mit den Staedten Brixia (Brescia) und Verona
begruendet habe. Unaufhoerlich stroemte es fortan ueber die Alpen in
das schoene ebene Land; die keltischen Staemme samt den von ihnen
aufgetriebenen und fortgerissenen ligurischen entrissen den Etruskern
einen Platz nach dem andern, bis das ganze linke Poufer in ihren Haenden
war. Nach dem Fall der reichen etruskischen Stadt Melpum (vermutlich
in der Gegend von Mailand), zu deren Bezwingung sich die schon im Potal
ansaessigen Kelten mit neugekommenen Staemmen vereinigt hatten (358?
396), gingen diese letzteren hinueber auf das rechte Ufer des Flusses
und begannen die Umbrer und Etrusker in ihren uralten Sitzen zu
bedraengen. Es waren dies vornehmlich die angeblich auf einer anderen
Strasse, ueber den Poeninischen Berg (Grossen St. Bernhard) in Italien
eingedrungenen Boier; sie siedelten sich an in der heutigen Romagna, wo
die alte Etruskerstadt Felsina, von den neuen Herren Bononia umgenannt,
ihre Hauptstadt wurde. Endlich kamen die Senonen, der letzte groessere
Keltenstamm, der ueber die Alpen gelangt ist; er nahm seine Sitze an
der Kueste des Adriatischen Meeres von Rimini bis Ancona. Aber einzelne
Haufen keltischer Ansiedler muessen sogar bis tief nach Umbrien hinein,
ja bis an die Grenze des eigentlichen Etrurien vorgedrungen sein; denn
noch bei Todi am oberen Tiber haben sich Steinschriften in keltischer
Sprache gefunden. Enger und enger zogen sich nach Norden und Osten
hin die Grenzen Etruriens zusammen, und um die Mitte des vierten
Jahrhunderts sah die tuskische Nation sich schon wesentlich auf
dasjenige Gebiet beschraenkt, das seitdem ihren Namen getragen hat und
heute noch traegt. ------------------------------------------- ^5 Die
Sage ueberliefern Livius (5, 34) und Iustin (24, 4) und auch Caesar
(Gall. 6, 24) hat sie im Sinn gehabt. Die Verknuepfung indes der
Wanderung des Bellovesus mit der Gruendung von Massalia, wodurch jene
chronologisch auf die Mitte des zweiten Jahrhunderts der Stadt bestimmt
wird, gehoert unzweifelhaft nicht der einheimischen, natuerlich
zeitlosen Sage an, sondern der spaeteren chronologisierenden Forschung
und verdient keinen Glauben. Einzelne Einfaelle und Einwanderungen
moegen sehr frueh stattgefunden haben; aber das gewaltige Umsichgreifen
der Kelten in Norditalien kann nicht vor die Zeit des Sinkens der
etruskischen Macht, das heisst nicht vor die zweite Haelfte des dritten
Jahrhunderts der Stadt gesetzt werden. Ebenso ist, nach der einsichtigen
Ausfuehrung von Wickham und Cramer, nicht daran zu zweifeln, dass der
Zug des Bellovesus wie der des Hannibal nicht ueber die Kottischen Alpen
(Mont Genevre) und durch das Gebiet der Tauriner, sondern ueber die
Graischen (den Kleinen St. Bernhard) und durch das der Salasser ging;
den Namen des Berges gibt Livius wohl nicht nach der Sage, sondern
nach seiner Vermutung an. Ob die italischen Boier aufgrund einer echten
Sagenreminiszenz oder nur aufgrund eines angenommenen Zusammenhangs mit
den noerdlich von der Donau wohnhaften Boiern durch den oestlichen Pass
der Poeninischen Alpen gefuehrt werden, muss dahingestellt bleiben.
------------------------------------------------- Unter diesen, wie auf
Verabredung gemeinschaftlichen Angriffen der verschiedensten Voelker,
der Syrakusaner, Latiner, Samniten und vor allem der Kelten brach die
eben noch so gewaltig und so ploetzlich in Latium und Kampanien und
auf beiden italischen Meeren um sich greifende etruskische Nation
noch gewaltsamer und noch ploetzlicher zusammen. Der Verlust der
Seeherrschaft, die Bewaeltigung der kampanischen Etrusker gehoert
derselben Epoche an, wo die Insubrer und Cenomaner am Po sich
niederliessen; und eben um diese Zeit ging auch die durch Porsena
wenige Jahrzehnte zuvor aufs tiefste gedemuetigte und fast geknechtete
roemische Buergerschaft zuerst angreifend gegen Etrurien vor. Im
Waffenstillstand mit Veii von 280 (474) hatte sie das Verlorene
wiedergewonnen und im wesentlichen den Zustand wiederhergestellt, wie er
zu der Zeit der Koenige zwischen beiden Nationen bestanden hatte. Als
er im Jahre 309 (445) ablief, begann zwar die Fehde aufs neue; aber
es waren Grenzgefechte und Beutezuege, die fuer beide Teile ohne
wesentliches Resultat verliefen. Etrurien stand noch zu maechtig da, als
dass Rom einen ernstlichen Angriff haette unternehmen koennen. Erst
der Abfall der Fidenaten, die die roemische Besatzung vertrieben, die
Gesandten ermordeten und sich dem Koenig der Veienter, Lars Tolumnius,
unterwarfen, veranlasste einen bedeutenderen Krieg, welcher gluecklich
fuer die Roemer ablief: der Koenig Tolumnius fiel im Gefecht von der
Hand des roemischen Konsuls Aulus Cornelius Cossus (326? 428), Fidenae
ward genommen und 329 (425) ein neuer Stillstandsvertrag auf 200 Monate
abgeschlossen. Waehrend desselben steigerte sich Etruriens Bedraengnis
mehr und mehr und naeherten sich die keltischen Waffen schon den
bisher noch verschonten Ansiedlungen am rechten Ufer des Po. Als der
Waffenstillstand Ende 346 (408) abgelaufen war, entschlossen sich die
Roemer auch ihrerseits zu einem Eroberungskrieg gegen Etrurien, der
jetzt nicht bloss gegen, sondern um Veii gefuehrt ward. Die Geschichte
des Krieges gegen die Veienter, Capenaten und Falisker und der
Belagerung Veiis, die gleich der trojanischen zehn Jahre gewaehrt
haben soll, ist wenig beglaubigt. Sage und Dichtung haben sich dieser
Ereignisse bemaechtigt, und mit Recht; denn gekaempft ward hier mit bis
dahin unerhoerter Anstrengung um einen bis dahin unerhoerten Kampfpreis.
Es war das erstemal, dass ein roemisches Heer Sommer und Winter, Jahr
aus Jahr ein im Felde blieb, bis das vorgesteckte Ziel erreicht war; das
erstemal, dass die Gemeinde aus Staatsmitteln dem Aufgebot Sold zahlte.
Aber es war auch das erstemal, dass die Roemer es versuchten, sich
eine stammfremde Nation zu unterwerfen und ihre Waffen ueber die alte
Nordgrenze der latinischen Landschaft hinuebertrugen. Der Kampf war
gewaltig, der Ausgang kaum zweifelhaft. Die Roemer fanden Unterstuetzung
bei den Latinern und den Hernikern, denen der Sturz des gefuerchteten
Nachbarn fast nicht minder Genugtuung und Foerderung gewaehrte als den
Roemern selbst; waehrend Veii von seiner Nation verlassen dastand und
nur die naechsten Staedte, Capena, Falerii, auch Tarquinii, ihm
Zuzug leisteten. Die gleichzeitigen Angriffe der Kelten wuerden
diese Nichtteilnahme der noerdlichen Gemeinden allein schon genuegend
erklaeren; es wird indes erzaehlt und es ist kein Grund es zu
bezweifeln, dass zunaechst innere Parteiungen in dem etruskischen
Staedtebund, namentlich die Opposition der aristokratischen Regierungen
der uebrigen Staedte gegen das von den Veientern beibehaltene oder
wiederhergestellte Koenigsregiment, jene Untaetigkeit der uebrigen
Etrusker herbeigefuehrt haben. Haette die etruskische Nation sich an dem
Kampf beteiligen koennen oder wollen, so wuerde die roemische Gemeinde
kaum imstande gewesen sein, die bei der damaligen hoechst unentwickelten
Belagerungskunst riesenhafte Aufgabe der Bezwingung einer grossen und
festen Stadt zu Ende zu fuehren; vereinzelt aber und verlassen wie
sie war, unterlag die Stadt (358 396) nach tapferer Gegenwehr dem
ausharrenden Heldengeist des Marcus Furius Camillus, welcher zuerst
seinem Volke die glaenzende Bahn der auslaendischen Eroberungen auftat.
Von dem Jubel, den der grosse Erfolg in Rom erregte, ist ein Nachklang
die in den Festspielen Roms bis in spaete Zeit fortgepflanzte Sitte
des "Veienterverkaufs", wobei unter den zur Versteigerung gebrachten
parodischen Beutestuecken der aergste alte Krueppel, den man auftreiben
konnte, im Purpurmantel und Goldschmuck den Beschluss machte als "Koenig
der Veienter". Die Stadt ward zerstoert, der Boden verwuenscht zu
ewiger Oede. Falerii und Capena eilten, Frieden zu machen; das maechtige
Volsinii, das in bundesmaessiger Halbheit waehrend Veiis Agonie geruht
hatte und nach der Einnahme zu den Waffen griff, bequemte nach wenigen
Jahren (363 391) sich gleichfalls zum Frieden. Es mag eine wehmuetige
Sage sein, dass die beiden Vormauern der etruskischen Nation, Melpum und
Veii, an demselben Tage jenes den Kelten, dieses den Roemern unterlagen;
aber es liegt in ihr auf jeden Fall eine tiefe geschichtliche Wahrheit.
Der doppelte Angriff von Norden und Sueden und der Fall der beiden
Grenzfesten war der Anfang des Endes der grossen etruskischen
Nation. Indes einen Augenblick schien es, als sollten die beiden
Voelkerschaften, durch deren Zusammenwirken Etrurien sich in seiner
Existenz bedroht sah, vielmehr untereinander sich aufreiben und auch
Roms neu aufbluehende Macht von den fremden Barbaren zertreten
werden. Diese Wendung der Dinge, die dem natuerlichen Lauf der Politik
widersprach, beschworen ueber die Roemer der eigene Uebermut und die
eigene Kurzsichtigkeit herauf. Die keltischen Scharen, die nach Melpums
Fall ueber den Fluss gesetzt waren, ueberfluteten mit reissender
Geschwindigkeit das noerdliche Italien, nicht bloss das offene Gebiet am
rechten Ufer des Padus und laengs des Adriatischen Meeres, sondern auch
das eigentliche Etrurien diesseits des Apennin. Wenige Jahre nachher
(363 391) ward schon das im Herzen Etruriens gelegene Clusium (Chiusi an
der Grenze von Toskana und dem Kirchenstaat) von den keltischen Senonen
belagert; und so gedemuetigt waren die Etrusker, dass die bedraengte
tuskische Stadt die Zerstoerer Veiis um Hilfe anrief. Es waere
vielleicht weise gewesen, dieselbe zu gewaehren und zugleich die
Gallier durch die Waffen und die Etrusker durch den gewaehrten Schutz
in Abhaengigkeit von Rom zu bringen; allein eine solche weitblickende
Intervention, die die Roemer genoetigt haben wuerde, einen ernsten Kampf
an der tuskischen Nordgrenze zu beginnen, lag jenseits des Horizonts
ihrer damaligen Politik. So blieb nichts uebrig, als sich jeder
Einmischung zu enthalten. Allein toerichterweise schlug man die
Hilfstruppen ab und schickte Gesandte; und noch toerichter meinten
diese, den Kelten durch grosse Worte imponieren und, als dies
fehlschlug, gegen Barbaren ungestraft das Voelkerrecht verletzen zu
koennen: sie nahmen in den Reihen der Clusiner teil an einem Gefecht und
der eine von ihnen stach darin einen gallischen Befehlshaber vom Pferde.
Die Barbaren verfuhren in diesem Fall mit Maessigung und Einsicht. Sie
sandten zunaechst an die roemische Gemeinde, um die Auslieferung der
Frevler am Voelkerrecht zu fordern, und der Senat war bereit, dem
billigen Begehren sich zu fuegen. Allein in der Masse ueberwog das
Mitleid gegen die Landsleute die Gerechtigkeit gegen die Fremden;
die Genugtuung ward von der Buergerschaft verweigert, ja nach einigen
Berichten ernannte man die tapferen Vorkaempfer fuer das Vaterland sogar
zur Konsulartribunen fuer das Jahr 364 (390) ^6, das in den roemischen
Annalen so verhaengnisvoll werden sollte. Da brach der Brennus, das
heisst der Heerkoenig der Gallier, die Belagerung von Clusium ab und der
ganze Keltenschwarm - die Zahl wird auf 70000 Koepfe angegeben - wandte
sich gegen Rom. Solche Zuege in unbekannte und ferne Gegenden waren
den Galliern gelaeufig, die unbekuemmert um Deckung und Rueckzug als
bewaffnete Auswandererscharen marschierten; in Rom aber ahnte man
offenbar nicht, welche Gefahr in diesem so ploetzlichen und so
gewaltigen Ueberfall lag. Erst als die Gallier im Anmarsch auf Rom
waren, ueberschritt eine roemische Heeresmacht den Tiber und vertrat
ihnen den Weg. Keine drei deutsche Meilen von den Toren, gegenueber
der Muendung des Baches Allia in den Tiberfluss, trafen die Heere
aufeinander und kam es am 18. Juli 364 (390) zur Schlacht. Auch jetzt
noch ging man, nicht wie gegen ein Heer, sondern wie gegen Raeuber,
uebermuetig und tolldreist in den Kampf unter unerprobten Feldherren
- Camillus hatte infolge des Staendehaders von den Geschaeften sich
zurueckgezogen. Waren es doch Wilde, gegen die man fechten sollte; was
bedurfte es des Lagers, der Sicherung des Rueckzugs? Aber die Wilden
waren Maenner von todverachtendem Mut und ihre Fechtweise den Italikern
so neu wie schrecklich; die blossen Schwerter in der Faust stuerzten die
Kelten im rasenden Anprall sich auf die roemische Phalanx und rannten
sie im ersten Stosse ueber den Haufen. Die Niederlage war vollstaendig;
von den Roemern, die den Fluss im Ruecken gefochten hatten, fand ein
grosser Teil bei dem Versuch, denselben zu ueberschreiten, seinen
Untergang; was sich rettete, warf sich seitwaerts nach dem nahen Veii.
Die siegreichen Kelten standen zwischen dem Rest des geschlagenen Heeres
und der Hauptstadt. Diese war rettungslos dem Feinde preisgegeben; die
geringe dort zurueckgebliebene oder dorthin gefluechtete Mannschaft
reichte nicht aus, um die Mauern zu besetzen, und drei Tage nach der
Schlacht zogen die Sieger durch die offenen Tore in Rom ein. Haetten sie
es am ersten getan, wie sie es konnten, so war nicht bloss die Stadt,
sondern auch der Staat verloren; die kurze Zwischenzeit machte es
moeglich, die Heiligtuemer zu fluechten oder zu vergraben und, was
wichtiger war, die Burg zu besetzen und notduerftig mit Lebensmitteln
zu versehen. Was die Waffen nicht tragen konnte, liess man nicht auf die
Burg - man hatte kein Brot fuer alle. Die Menge der Wehrlosen verlief
sich in die Nachbarstaedte; aber manche, vor allem eine Anzahl
angesehener Greise, mochten den Untergang der Stadt nicht ueberleben und
erwarteten in ihren Haeusern den Tod durch das Schwert der Barbaren. Sie
kamen, mordeten und pluenderten, was an Menschen und Gut sich vorfand
und zuendeten schliesslich vor den Augen der roemischen Besatzung auf
dem Kapitol die Stadt an allen Ecken an. Aber die Belagerungskunst
verstanden sie nicht und die Blockade des steilen Burgfelsens war
langwierig und schwierig, da die Lebensmittel fuer den grossen
Heeresschwarm nur durch bewaffnete Streifpartien sich herbeischaffen
liessen und diesen die benachbarten latinischen Buergerschaften,
namentlich die Ardeaten, haeufig mit Mut und Glueck sich entgegenwarfen.
Dennoch harrten die Kelten mit einer unter ihren Verhaeltnissen
beispiellosen Energie sieben Monate unter dem Felsen aus und schon
begannen der Besatzung, die der Ueberrumpelung in einer dunkeln Nacht
nur durch das Schnattern der Heiligen Gaense im kapitolinischen Tempel
und das zufaellige Erwachen des tapferen Marcus Manlius entgangen war,
die Lebensmittel auf die Neige zu geben, als den Kelten ein Einfall der
Veneter in das neu gewonnene senonische Gebiet am Padus gemeldet ward
und sie bewog, das ihnen fuer den Abzug gebotene Loesegeld anzunehmen.
Das hoehnische Hinwerfen des gallischen Schwertes, dass es aufgewogen
werde vom roemischen Golde, bezeichnete sehr richtig die Lage der Dinge.