Peitschen knallten, die vielen Schellen läuteten, und heim ging es
unter Geschrei und Jauchzen durch die totenstille Wintersnacht. Nur
das dumpfe Aufschlagen der Pferdehufe scholl matt durch die frostklare
Luft, die den Schall nicht trug, nur der Klang der Schellen und das
Kreischen der betrunkenen Zigeunerinnen.
Allen Schlitten vorauf flog Lejkins Prachtgespann. Jetzt saß der
Generaldirektor allein neben der schönen Freundin des Ringkämpfers,
aber er hatte sich diese erste Fahrt anders vorgestellt. Nicht einen
Schritt kam sie seinem verliebten Begehren entgegen. Die süße, helle
Sinnlichkeit, die wie Mittagssonnenschein auf ihrem Wesen und ihren
Zügen geruht hatte, war ausgelöscht, und Therese schien wieder kühl und
jungfräulich, wie eine Landschaft im Frühlicht. Lejkin versuchte sie
um die Taille zu fassen und nahm mehrmals ihre Hand. Aber mit sanfter
Entschiedenheit machte Therese sich jedesmal wieder frei:
„Heute nicht, Iwan Iwanowitsch. Wenn Sie es wirklich gut mit mir
meinen, so wird es Ihnen ein Leichtes sein, bis morgen zu warten....“
Und dann schwieg sie wieder weite Strecken lang. Sie fühlte sich wie
die erbärmlichste Kreatur, schlechter wie eine Verbrecherin, weil sie
ihn belog, weil sie ihn in dem Glauben ließ, daß sie mit ihm nach
Italien fahren würde, während sie fest entschlossen war, ihrem Freunde
treu zu bleiben... obwohl sie Freidank bitter zürnte, daß er sie um
schnöden Geldes willen zu dieser Komödie veranlaßt hatte... obwohl er
vor allen Leuten Madame Chrysée in die Arme genommen hatte... Therese
schlug den Schleier, der ihr Gesicht bedeckte, zurück und Lejkin
blickte fortwährend mit Begeisterung auf ihr klares, kühnes Profil. War
keine Hoffnung, sie schon heute abend zu entführen?
„Heute abend? O nein!“ sagte Therese und ihre Augen blitzten zornig
auf. „Wir haben von morgen gesprochen, nicht von heute...“
Lejkin mußte sich fügen. Sie waren nicht mehr fern vom Hotel. Der
Generaldirektor sah das Mädchen, das ihm kaum einen Blick schenkte, mit
sehr herzlichen Gefühlen an und sprach ernsthaft:
„Ich begreife, daß Sie ihm noch diese Stunden schenken wollen...
wenn er kommt, Therese. Wenn er nicht bei der trostbedürftigen Nuit
d’étoiles....“
„Nein! o nein! das kann er nicht! das darf er nicht!“ rief Therese zum
erstenmal in heller Verzweiflung. Was sie selbst gefürchtet hatte,
hatte sie dennoch nicht einmal vor sich selbst in Worte kleiden mögen...
Lejkin sprach über diese Sache kein Wort mehr und fuhr fort:
„Wann Sie kommen, Therese, sind Sie erwartet und willkommen. Sie sollen
nichts haben, Sie sollen nichts mitbringen. Am Nachmittage fahren
wir aus und kaufen alles, was Sie zur Reise brauchen... Und haben
Sie Vertrauen zu mir, Therese!“ sagte er beschwörend. „Ich werde Sie
glücklich machen, soweit es in der Macht eines Menschen, dem Manches
zugänglich ist, liegt...“
„Auf Wiedersehen, Iwan Iwanowitsch...“ flüsterte Therese, sprang
aus dem Schlitten und eilte die Treppe des Hotels hinauf, ohne sich
umzusehen...
Dann brannten in dem Hotelzimmer die elektrischen Birnen und
verbreiteten Tageshelle, aber in Thereses Seele war schwarze Nacht.
Eberhard kam nicht. --
Er kam nicht! -- Er hatte sich nicht von der Tänzerin trennen können,
die schmachtend und girrend an seinem Halse gehangen und um seine Liebe
gebettelt hatte. Und das hatte er gerade an dem Abende getan, wo sie
ihrer Liebe das größte Opfer gebracht hatte. --
Er kam nicht. -- Sie ging nicht zu Bett. Sie wartete, bis die Nacht
grau und blaß wurde und der Morgen zu dämmern begann. Da verblaßte
allmählich auch ihre nächtliche Verzweiflung und wurde zu spöttischer
Abkehr von dem Freunde ihres Herzens.
Zur gewohnten Stunde brachte man das Frühstück. Sie fror und trank eine
Tasse Tee, aber sie konnte keinen Bissen von dem Brote genießen. Sie
wettete zornig und stolz mit sich selber: „Eine halbe Stunde werde ich
noch auf ihn warten. Wenn er dann nicht hier ist.....“ Als er dann noch
nicht da war, gab sie wieder Zeit zu....
Um zwölf Uhr wurde sie von unsäglicher Wut gepackt. Sie schellte nach
Schreibzeug und schrieb hastig auf den Bogen:
„Du hast mir keine Enttäuschung bereitet. Nachdem Du mir gestern abend
im Ernst eine so unwürdige Verstellung zugemutet hast, mache ich nun
Ernst -- ganz ohne Verstellung. Du darfst nicht denken, daß ich Dir
zürne, o nein. Ich wundere mich nicht einmal. Du hast dein Geld, ich
habe einen reichen Verehrer gewonnen: wir haben beide von dem Handel
profitiert. Viel Vergnügen, mein teurer Freund! Th. A.“
Sie kleidete sich zum Ausfahren an, bestieg einen der vor dem Hotel
haltenden Mietsschlitten und fuhr in die Wohnung des Generaldirektors
Lejkin. Er war in aller Frühe noch einmal in seinem Bureau gewesen und
sehr bald zurückgekehrt, um Therese nicht eine Minute warten zu lassen.
Nun wartete er, das kleine, intelligente Gesicht in finstere Falten
gelegt, voll Unruhe und einer Sehnsucht, die ihm bisher fremd gewesen
war. Er hatte in seinem Leben schon auf viele Frauen gewartet, aber so
unruhig, mit soviel Zweifeln und Wünschen auf keine...
Wieder blickte er auf seine Taschenuhr; sie zeigte halb Eins....
Sein Diener Alexander klopfte an, trat ein:
„Gnädiger Herr... die Dame, welche der gnädige Herr erwarten, ist
soeben gekommen. Sie beliebt im Bibliothekzimmer zu sein...“
Der Generaldirektor schritt an dem ehrfurchtsvoll dastehenden Bedienten
so hastig vorbei, daß der Diener ihm nicht einmal mehr die Zimmertür
öffnen konnte. In der Bibliothek stand Therese, das stolze Profil hell
beleuchtet.
„Therese --!“ sagte er und bedeckte ihre Hände mit Küssen.
Von einem der großen Magazine aus gelang es ihr, unbemerkt von Lejkin,
der nicht mehr von ihrer Seite wich, noch einmal in das Hotel zu
telephonieren, wo sie mit Freidank logierte. -- Herr Roland sei noch
nicht gekommen, wohl aber habe er vom Hotel de Suède aus telephonisch
sagen lassen, daß er mit Geschäftsfreunden zusammengetroffen sei und
daß Madame ihn nicht zum Diner erwarten möge...
Um acht Uhr trug der Luxus-Expreß Therese und Lejkin in die sonnige
Ferne.
[Illustration]
XIV.
Möchten dir und mir die Schmerzen erspart bleiben, die Freidanks Brust
durchwühlten, als er müde, reuevoll und wie zerschlagen gegen Anbruch
der Dämmerung heimkehrte und Theresen nicht fand! Im Rausche, in jenem
wunderlichen Taumel, den Wein und Habgier im Verein erzeugt hatten, war
er, wie mancher Samson vor ihm, dem süßen Girren einer buhlerischen
Dalila erlegen. Therese war von ihm gegangen und hatte ihm nicht einmal
ein Abschiedswort, aus dem Schmerz oder Empörung schrie, hinterlassen.
Mit Verachtung hatte sie sich von dem Treulosen gewendet! --
Im ersten Schmerze kehrte sich seine Wut gegen Nuit d’étoiles. Ach,
hätte er sie gegenwärtig gehabt! Er hätte sie niedergeschlagen! Dann
fiel dem Reuevollen ein, daß er, der hätte stark sein sollen, dem
schwächlichen, zärtlichen Geschöpfe mit seinen naiv animalischen
Trieben keinen Vorwurf machen durfte.
Aber die Natur in ihrem milden, weisen Walten läßt nicht eines ihrer
starken Kinder an einem unmäßigen Kummer zugrunde gehen. Sie sänftigt,
sie lindert und heilt zuletzt, bis von der heißen Verzweiflung nur die
ernste, reuige Trauer bleibt.
Roland war, mit dem Ehrennamen des „Champions von Sankt Petersburg“
geschmückt, nach Deutschland zurückgekehrt und hatte selbst eine
Ringkampfkonkurrenz veranstaltet. Mit der Größe und der Kraft seines
jungen, unverbrauchten Körpers riß er ohne Mühe den Ruhm an sich und
dazu den silbernen Eichenkranz, der dem Sieger als Ehrenpreis winkte.
Jedes weitere Auftreten band den Ruhm fester an seinen Namen.
Materielle Erfolge blieben nicht aus. In seinem Portefeuille häuften
sich die bunten Scheine, deren jeder eine Handvoll Goldstücke wert
ist, und es kam ein Tag, da er bei einem großen Bankhause einen
nennenswerten Kredit besaß. Roland, der Ringkämpfer, schien plötzlich
in der Lotterie des Lebens das große Los gezogen zu haben...
Er fragte nicht viel danach. Er rang nicht nur um des Ruhmes willen und
nicht allein dem Reichtum zuliebe. Er liebte nur noch seinen eigenen
Körper, seine Kraft, seine Frische, seine Gesundheit. Seine Lebensweise
fing an, für die Ringkämpfer vorbildlich zu werden. Wer mied, wie
er, den Alkohol, das unnütze Durchwachen der Nächte, das entnervende
Glücksspiel und den leichtfertigen Umgang mit Frauen? Wer stand, wie
Roland, jeden Morgen frisch beim Training? Er füllte fast den ganzen
Tag mit der Pflege seiner Gesundheit aus. Dies alles heilte seine Seele
nicht, aber es brachte ihre Schmerzen und ihre Vorwürfe zum Schweigen.
Im Anfange seiner Laufbahn hatte es ihn über die Maßen gekränkt, bei
seinen Kollegen so wenig von dem zu finden, was er als Student geistige
Regsamkeit genannt hatte. Jetzt wußte er, daß die meisten Menschen
sich um kleine, unbedeutende Bruchstücke des Wissens abmühen und
ihnen unruhevoll nachjagen, wie ein Knabe, der einem Schmetterlinge
nacheilt und dabei die blühenden Beete zertritt. Rolands Leben war
reich, einfach und kräftig geworden. Er spürte nicht mehr in heißer,
nächtlicher Denkarbeit den Goldadern des Geistes nach, die mühselig
aufzugraben sind und sich oft genug, wie oft! in taubem Gestein
verlieren. Ihm war, als wäre er einst mit seinem schmerzlichen
Ehrgeiz und aller Sehnsucht, aus toten Steinen Gold der Gedanken zu
graben, in finsterer Nacht gewandelt. Er hatte an die Tore der Kunst
geklopft, aber sie hatten sich ihm nicht auftun wollen; er hatte die
Wissenschaften gefragt, aber auch was der Gelehrteste weiß, ist nur
Stückwerk und nur ein Teil des Wissens, also daß keiner die Tiefen des
Wissens je durchdringen kann. Da hatte er sich der guten, einfachen
Natur ergeben; und da wuchs er nun, wie eine große, schöne, unschuldige
Pflanze Gottes, sog die frischen Lüfte und den Sonnenschein der Erde in
sich ein und strahlte sie in Kraft und Gesundheit wieder aus.
* *
*
Die Fédération des Sociétés françaises de lutte hatte die
Weltmeisterschaft im Ringkampfe ausgeschrieben. Von jeher pflegte
Lutetia, die Stadt des Lichtes, die Hauptstadt aller Freude und
Schönheit, auch die Helden der Kraft in ihren Mauern zu versammeln. Im
Theater Folies-Bergère sollte der Wettstreit ausgetragen werden. Auch
Roland mit einem Teil seiner Ringer war eingeladen, an den Kämpfen
teilzunehmen. Er kam, und der Ruf, der ihm vorausgeeilt war, wurde
durch den Eindruck seiner Persönlichkeit noch übertroffen. Er war so
blond, sein Gesicht war so jung, sein Wuchs so schlank, seine Muskeln
so stark, und er stand im Kampfe so ruhig! Paris war entzückt und
vergab ihm seine deutsche Herkunft. Und ... wahrhaftig! es gab sogar
Pariser und Pariserinnen, die dem blonden deutschen Riesen lieber den
Sieg gegönnt hätten als ihrem eigenen Landsmanne Claude le Titan, der
unter allen französischen Ringkämpfern die meisten Aussichten auf den
Endsieg hatte.
Die Kämpfe sollten einen ganzen Monat lang dauern. In den Sportklubs,
in Kaffeehäusern und Werkstätten, besonders aber im Theater
Folies-Bergère, wurden schon nach dem Ablaufen der zweiten Woche
Wetten abgeschlossen. Da stellte es sich heraus, daß die Mehrzahl
der Wettenden doch lieber auf ihren französischen Champion halten
wollte, als auf Roland. Nach einem ungeschriebenen Gesetze gewann fast
niemals ein Fremder das „Championat du Monde“ zu Paris. Warum also
sollte es diesem Deutschen, so groß und schön er war, gelingen, die
heißumstrittene Weltmeisterschaft an sich zu reißen?
In diesem Jahre waren die exotischen Ringkämpfer in der Mode. Aus der
Türkei, aus Afrika, aus Amerika, aus Persien und Japan waren Athleten
gekommen, die indessen außer ihrer fremdartigen Erscheinung nicht viel
an geschulter Kraft und Gewandtheit in die Wagschale zu werfen hatten.
Jeder Ringer, der viermal besiegt worden war, schied aus der Reihe der
Teilnehmer aus. So waren die Fremdlinge, die nur der Schaulust dienten,
bald ausgeschieden und die ernsten Entscheidungskämpfe begannen. --
Schon nach den Gesängen Homers erhielten die Sieger im Ringkampf
blühende Mädchen als Siegespreis und Lohn. Süß ist es für den Sieger,
in weichen, zärtlichen Armen auszuruhen. Aber geschwächt und entnervt
wird der Kämpfer, der auch mitten im Kampf nicht dem Locken der Sirenen
widerstehen kann...
Claude le Titan widerstand nicht. Zu viele weiche, kleine Hände
streckten sich lockend nach ihm aus, zu viele Frauenlippen dürsteten
nach seinem Munde. Warum sollte er die Rosen nicht pflücken, die so
nahe an seinem Wege blühten? Er fühlte sich ja ganz sicher. Mit den
bedeutenden Teilnehmern der Konkurrenz hatte Claude le Titan geheime
Abmachungen getroffen, nach denen er, der populärste Champion
Frankreichs, der endgültige Sieger bleiben mußte. Und da Roland, der
Deutsche, übrigens der einzige unter den Ringern war, der ihm ernstlich
gefährlich werden konnte, so sollte Roland der zweite Sieger sein.
Freidank hatte bis zum letzten Abende nicht an die Möglichkeit gedacht,
daß es anders sein könnte. Er wußte sich frei von dem Verlangen,
den goldenen Gürtel von Frankreich, die berühmte „Ceinture d’or“,
um seine Hüften zu legen. Am Morgen des Entscheidungskampfes kam
ein großer Buchmacher zu ihm ins Hotel. Er zeigte dem deutschen
Champion Zeitungsartikel und Briefe, die sich mit den Aussichten der
beiden Favoriten, Claude Titan und Roland, beschäftigten. Mehrere
Zeitungen empfahlen ihren wettenden Lesern, auf den Franzosen zu
halten. Die Eingeweihten wußten doch genau, daß Claude le Titan sich
mit der Ceinture d’or umgürten würde.... Nun kam der Buchmacher und
stellte Roland vor, daß es für ihn vielleicht möglich sein würde, den
französischen Champion im Endkampfe zu werfen. Freilich: das Publikum
würde wüten, wenn der Franzose fiel. Aber was lag daran? Die Hauptsache
war doch, daß man bei dem gerechten und doch illoyalen eventuellen
Siege das Geld aus den Wetten einstrich. Der Totalisator war nicht
öffentlich, sondern geheim, und dieses allbekannte Geheimnis reizte
auch Leute zum Wetten, die sich an einem öffentlichen Totalisator
vielleicht nie beteiligt hätten. Natürlich sollte Roland einen
erheblichen Teil des Gewinnes einstreichen!
Als der Buchmacher vertraulich und geheimnisvoll seine Vorschläge
gemacht hatte, mußte Roland herzlich lachen. In aller Welt erlebte man
Ähnliches! Just so, fast mit denselben Worten, hatte ihn damals ein
Buchmacher überreden wollen, sich von Aloys Binder im Revanchekampfe
besiegen zu lassen. Und dann war es recht wunderlich gekommen, also
daß er über Binder im bittersten Ernst Sieger geworden war... als
es um Fritzi l’Alouette ging.... Er wurde in der Erinnerung einen
Augenblick lang ernst und dann doch wieder heiter, und halb im Scherz
sagte er dem Buchmacher zu, er würde Claude le Titan werfen... Der
Buchmacher wollte einen schriftlichen Kontrakt machen und ihm schwarz
auf weiß eine hohe Summe für seinen Sieg zusichern. Da wurde Roland
verdrießlich. Er sagte, was vereinbart wäre, gelte auch ohne Papier und
Tinte, nahm Hut und Überzieher und ging ins Theater, um seine Briefe in
Empfang zu nehmen.
Es war ein Brief aus Deutschland dabei, der viele Stempel trug und der
ihm an alle Orte nachgereist war, die er besucht hatte, seit er Berlin
verlassen hatte. Der Brief aber lautete:
„Lieber Herr Freidank! Es ist nun über den ärgerlichen Abend, da unser
armes Paar Filippo und Lavinia so energisch ausgepfiffen wurden,
schönes, dichtes Gras gewachsen und ich kann es zuversichtlich wagen,
meinen Gästen das wunderhübsche Lustspiel vorzusetzen, welches Sie
damals nach meiner Idee geschrieben hatten. In der ersten Aufwallung
über unser gemeinsames Mißgeschick wollte ich Ihnen das Lustspiel
zurückschicken; aber Sie waren plötzlich verschwunden. Dann habe ich es
nochmals durchstudiert, und nun hoffe ich, daß es einen Erfolg bringen
soll. Kommen Sie, lieber Freidank, zur Première am 29. Oktober! Wenn
es an irgend etwas mangeln sollte -- Sie verstehen mich schon -- so
schreiben Sie es ruhig. Diesmal wird es kein Mißerfolg, das ist mir
ganz klar. Meine Idee damals war doch brillant....“
Eberhard griff an seinen Kopf. Niemals mehr hatte er sich an dieses
Stück erinnert, welches er einst in Unlust und Eile nach einem
fremden Plane zurechtgezimmert hatte. Unwillkürlich sah er auf den
Abreißkalender, der an der Wand hing. Es war der Einunddreißigste. Zwei
Tage zuvor war in Berlin ein Lustspiel mit seinem Namen aufgeführt
worden... Natürlich, es mußte noch schlimmer aufgenommen worden sein,
als das Drama. Doch, was ging es ihn heute an? Er hatte sein Leben auf
eine andere Grundlage gestellt, als auf das Spiel der Worte, das Spiel
der Gedanken, das heute gefeiert und morgen verhöhnt werden kann. Zum
Teufel, was ging ihn das Lustspiel an? -- Und doch -- dennoch weckte
der Brief schlummernde Gefühle und schlummernde Schmerzen. Denn es
war eine Erinnerung und ein Zeichen aus jener toten, holden Zeit voll
Hoffnungen und voll Liebe...
Er lief in das Café de la Paix, wo deutsche Zeitungen liegen und
las mit unendlichem Staunen, daß das schlechte Lustspiel vor den
Zuschauern Gnade gefunden, ja: daß es einen großen, lärmenden Erfolg
errungen habe! Er verlor ein wenig seine Fassung. Sollte er nach
Berlin telegraphieren, sollte er... ja, was sollte er? Jedenfalls doch
durfte er heute nichts tun, sich nicht aufregen, da ihm am Abende ein
anstrengender Kampf mit Claude le Titan bevorstand. Zuerst kamen doch
Beruf und Pflicht! Er hatte ohnehin das Morgentraining versäumt. Er gab
sich Mühe, sich das schlechte Lustspiel aus dem Sinne zu schlagen und
fuhr zum Speisen. Dann machte er einen kurzen Spaziergang und kehrte in
das Hotel zurück, um einige Stunden zu schlafen. Vor dem Ringkampfe tat
die Ruhe gut.
Als er aufwachte, fühlte er sich frisch und gestärkt. Alle Zweifel
waren verflogen, alle Bedenken besiegt. Was zog ihn zurück in das
Ägypten, das er verlassen hatte? Hier war Klarheit, hier war Gesundheit
und Natur, hier konnte jeder nach seiner Kraft sich durchsetzen und
behaupten. Jeder galt hier so viel, wie er wert war. Hier war die
Kraft...
Er wanderte langsam durch die hellerleuchteten Straßen dem Theater
zu. Alle Plätze waren ausverkauft. Roland trat in das Theater ein und
hörte eine Weile den Künstlern auf der Bühne zu. Ein berühmter Tenor,
ein Kind der Provence, sang schöne französische Liebeslieder. Gerade
beendete er ein heiteres Liedchen mit dem Schlußrefrain:
„A nos dames donnez le prix!“
Die Zuhörer jubelten; die hübschen, koketten Pariserinnen klatschten
entzückt in die Hände und ihre schwarzen Augen in den gepuderten
Gesichtchen funkelten vor Vergnügen ...
„A nos dames donnez le prix...,“ wiederholte Roland heimlich für sich.
„Ach, ich weiß eine Dame, eine schlanke Diana mit blondbraunem Haar,
der ich viel lieber den Preis gäbe, als euch, ihr dunkelhaarigen,
sprühenden Geschöpfchen ....“
Der Sänger sang ein neues Lied. Er spielte die Laute dazu, er stand wie
ein Minstrel und sang herzlich rührend und innig den letzten Vers:
„Vous êtes si jolie, oh mon bel ange blond,
Que mon amour pour vous est un amour profond,
Que jamais l’on oublie.
Pour vous plaire, la mort ne me serait qu’un jeu,
Je deviendrais infâme et je renierais Dieu --
Vous êtes si jolie ....“
„Vous êtes si joli--e!“ klang die Melodie in ihm nach, als er die
Ringkämpfergarderobe betrat, um sich umzukleiden. Er war ergriffen; er
dachte rein und sehnsüchtig an Theresen.... „Pour vous plaire, la mort
ne me serait qu’un jeu! Je deviendrais infâme.....“
Claude le Titan, der Champion, saß im Trikot an einem Tische und war
vor einem Spiegel eifrig damit beschäftigt, sich zu schminken. Dabei
erzählte er ein galantes Abenteuer, welches er gestern erlebt haben
wollte und welches erst an dem eben verflossenen Nachmittage ein Ende
gefunden hatte....
„Zu was schminkst du dich, Claude?“ fragte Pierre le Forgeron, die
„rote Nelke“.
„Ich muß doch den Damen gefallen,“ erwiderte Titan mit ordinärem Lachen.
„Ach, heute abend gefällst du ihnen doch!“ meinte Oeillet rouge, „und
wenn du noch so häßlich wärst... Dem Sieger laufen sie in jedem Falle
nach....“
Ein Marsch erklang, und ein Pfiff; die wenigen übrig gebliebenen
Ringkämpfer marschierten auf. Zum letzten Male wurden sie vorgestellt,
und Beifallsgebrüll grüßte jeden einzelnen. Und noch einmal wurde das
Ringkampfreglement verlesen.
Breitspurig, selbstbewußt und selbstgefällig standen die Ringkämpfer
auf der Bühne, Claude Titan mit seinem eitlen Lächeln, Pierre le
Forgeron in seiner ganzen, stumpfen Vierschrötigkeit, Syrin mit seiner
lächelnden Frechheit eines frühreifen Knaben.
Roland ließ seine Blicke gleichgültig über das Theater schweifen,
dann durch den Kranz der Logen, in denen geputzte Damen saßen, um die
Starken zu bewundern und anzubeten.
Aber dort in der ersten Loge, ganz nahe der Bühne, saß eine Schlanke
im hyazinthenblauen Kleide. Zwischen den weißen Spitzen, die den
Ausschnitt umsäumten, blühte ein Strauß weißer Camelien. Das
lichtbraune Haar ihres Hauptes lag wie ein Krönlein über dem stolzen
Gesicht, die Hände hatte sie, ohne es zu wissen, auf ihre bebende
Brust gepreßt....
Das war Therese Ambrosius.
* *
*
Während auf der Bühne Pierre le Forgeron, die „rote Nelke,“ mit dem
Kosaken Syrin rang, trat Freidank zu Claude le Titan und sprach
gelassen:
„Dites-donc, Claude! -- bist du in Form?“
„Qu’importe?“ erwiderte der Champion nachlässig. Aber etwas im Tone
seines deutschen Gegners, was wie verhaltenes Ungewitter klang, ließ
ihn aufblicken, und er fügte hinzu:
„Ich bin immer in Form!“
„Dein Glück!“ sagte Eberhard mit ungewöhnlicher Ruhe. „Denn sonst
könnte heute abend vielleicht etwas passieren, was viele Leute nicht
voraussehen. Enfin -- es wäre kein übergroßes Unglück! Unter Kollegen
gibt es bekanntlich nur ehrliche Rivalität. -- Wir haben ungefähr
gleiches Hüftmaß. Die Ceinture d’or würde mir so gut passen, wie dir...“
Der dumme, ungebildete Mensch wußte noch nicht ganz genau, wo Freidank
hinaus wollte; aber er hörte den Hohn aus seiner Stimme und begann sich
plötzlich so unbehaglich zu fühlen, wie nie zuvor in seinem Leben:
„Du sagst doch nicht......?“ fragte er dumpf.
„Ich sage!“ antwortete Freidank scharf.
Die blanken Blicke der beiden Ringkämpfer kreuzten sich, wie Klingen.
Claude le Titan duckte sich wie ein Tiger, als ob er Roland an den Hals
springen wollte, richtete sich aber wieder auf:
„Fichtre....! -- -- du willst seriös ringen!“
„Ja!“ sagte Freidank achselzuckend.
„Sacré nom de Dieu! -- -- Roland, bist du wahnsinnig geworden!“
„Entschuldige.....“ sprach Roland gelassen, „ist es mein Recht, seriös
zu ringen, oder nicht? Willst du, daß ich das Schiedsgericht anrufe,
ob ich Falle machen muß oder nicht? Da draußen sitzen sechs, acht
Sportjournalisten im Schiedsgericht...... Ich bin Sportsmann, cher ami!
Ich ringe im Ernst -- wenn du erlaubst! -- Bei uns in Deutschland wird
ernsthaft gerungen! Bei uns ist, was du noch nicht zu wissen scheinst,
der Sieger wirklich -- der Stärkste!“
Er kreuzte die Arme, stand breitbeinig da und sah dem Franzosen in das
tiefgerötete Gesicht, welches von Wut und Haß verzerrt war.
„C’est raide!“ sagte der Franzose und atmete tief auf. „Und du weißt,
Carogne! daß ich die ganze Nacht und den ganzen Tag gelumpt habe...
Wenn ich es wenigstens vorher gewußt hätte! -- Ah, du Judas, das ist
ein verfluchtes Stück! -- Tu es infâme, toi.....! Infâme! Infâme! --
Mais je m’en fiche pas mal! -- Also gut, ringen wir seriös!“
Roland trat neben die Kulisse. Der Kampf zwischen dem Kosaken Syrin und
Pierre Forgeron ging zu Ende. Man hörte in der aufgeregten Stille das
derbe Klatschen der Griffe und das schwere Schnaufen des Russen. Aber
Roland dachte mit seinem frohen Lächeln allein an sein schönes Mädchen,
der zu Ehren er den langen, dicken Franzosen trotz aller Abrede, wie
ein Ritter im Turnier, niederschmettern wollte, wenn das Schicksal ihm
nur ein wenig günstig war, und in seiner Seele sang und klang es:
„Pour te plaire, la mort ne me serait qu’un jeu....! Je deviendrais
infâme.......! Pour te plaire, Therese, meine Therese!“