duftgefüllten Hyazinthen in Eberhards und Thereses Liebesfrühling
waren nun abgeblüht, ihres Sommers Rosen setzten noch kaum Knospen
an und bis die Rosen ihrer Liebe sich vollblätterig öffnen sollten,
mußte noch eine Spanne Zeit verfließen... Diese Zeit zwischen ihrem
Lenz und ihrem Sommer war jetzt gekommen. Es geschah ohne Verabredung
und ohne die geringste Abkehr der Liebenden voneinander, daß Eberhard
ab und zu ohne seine Freundin mit Kollegen oder fremden Herren einen
Abend oder einen Teil der Nacht verbrachte. Therese ihrerseits schloß
sich mit einiger Zuneigung an eine wunderschöne Tänzerin an, die den
süßen und geheimnisvollen Namen führte: Nuit d’étoiles, das ist:
Sternennacht. Sie war ein apartes Geschöpf, in Griechenland von einer
französischen Mutter geboren und als Tänzerin erzogen. Die Tanzszene,
die sie jeden Abend auf der Bühne als die letzte Programmnummer vor den
Ringkämpfen aufführte, war von einer zarten, hinreißenden Schönheit.
Sie tanzte einen phantastischen, von ihr selbst erfundenen Tanz, bei
dem sie ganz in tiefblaue Schleier gehüllt erschien. Ihre Füße waren
nackend. Sie schwang die Schleier mit wilder Grazie um ihren Kopf und
ihren Körper, dann machte sie ergreifend feierliche, priesterliche
Tanzschritte, während hinter ihrem Haupte eine große Mondesscheibe
silbern aufzublühen begann, die Lichter des Theaters eins nach dem
andern verlöscht wurden und endlich nichts mehr sichtbar war, als
Nuit d’étoiles, von deren Schleiergewändern, erst langsam, dann immer
schneller, ein silberner, blitzender Funkenregen niederzurieseln
schien. Wie Kometen schossen einige stärkere Strahlen dazwischen. Und
Nuit d’étoiles tanzte ihren himmlischen, märchenhaften Sternentanz,
während hinter ihr die große Mondesscheibe silbern glühte und auch die
Musikanten einer nach dem andern zu spielen aufhörten, bis es ganz
stille war -- und bis dann plötzlich wieder alle Lichter im Theater
aufflammten und die süße, geheimnisvolle Sternennacht hinter dem
Vorhange verschwunden war. Mit dieser jungen Frau, die im gewöhnlichen
Leben Madame Chrysée genannt wurde, brachte Therese manche Tagesstunde
zu und sah nie etwas anderes von ihr, als demütige Ehrbarkeit.
Aber niemals war Chrysée zu bewegen, mit der übrigen
Künstlergesellschaft nach Schluß des Theaters in eines jener großen
Vergnügungsetablissements zu fahren, in denen die Künstler und ihre
reichen, vornehmen Freunde manche Nacht in Lust und lautem Jubel bei
Liebe, Wein und Karten verbrachten.
War Chrysée in ihrer langen Theaterlaufbahn, die sie schon als halbes
Kind begonnen hatte, so rein geblieben, daß ihr die Teilnahme an diesen
Vergnügungen so tief zuwider war? Therese wußte es nicht. Aber wenn
Chrysée ruhig und entschieden ablehnte, mit den andern im Schlitten
fortzufahren, leuchtete so ein eigener, stiller und tiefer Glanz in
ihren Augen... als ob Altarkerzen daraus hervorsahen ... Therese konnte
dann nie auf ihrer Bitte, Chrysée möchte mitfahren, bestehen, und es
war ihr, als müßte sie sich vor der Tänzerin schämen.
Immerhin gab es in der Gesellschaft von Sportsleuten und Sportverehrern
angeregte, lustige Stunden, die Theresen, welche nie über die
bescheidenen Grenzen ihres kleinen Heims hinausgekommen war, mit
verlockender Macht in ihre bunten Kreise zogen. An Bewunderern fehlte
es nicht. Das schöne, große „Mädchen aus der Fremde“, wie sie sie
nannten, das aus einer ganz andern Sphäre kam und dennoch jedem die
Gaben ihrer Fröhlichkeit und Anmut lieblich auszuteilen wußte, reizte
manchen Kavalier zu mehr oder minder verhüllten Anträgen. Thereses
Staunen, als sie zum erstenmal den Sinn eines solchen Antrages begriff,
war unbeschreiblich; voll Schrecken teilte sie Freidank ihr Erlebnis
mit. „Aber, Närrchen!“ lachte Eberhard, „was ficht dich dabei an? Laß
die Schwätzer reden! Du bleibst meine schöne, stolze Liebe, du kehrst
dich nicht an das Geschwätz und wirst selbst am besten verstehen, die
Zudringlichen in ihre Schranken zu weisen...“
„Das sagst du?“ fragte Therese, „das sagst du? -- Du bist ein Anderer
geworden, als der du warst, o Eberhard!“
„Ich bin nicht anders geworden,“ sagte er und zog ihren Kopf an
seine Brust. „Nur -- ich nehme diese Kleinigkeiten nicht mehr recht
ernst... Was liegt daran, ob einer, der weiß, was schön ist, sich für
mein unerreichbares liebes Weib interessiert? Das nehm’ ich ihm nicht
übel. Im Gegenteil: ich freue mich. Denn ich sehe daraus, der Mann
hat Geschmack. Gregor Kaufmann, zum Beispiel. Ich wette, daß er dich
reizend findet!“
Sie wußte es längst, aber sie bestritt es:
„Nun, Eberhard! Er wäre töricht, dieser Vielgeliebte, wenn er einen
Funken Gefühl an mich verschwenden wollte! Andere bringen ihm entgegen,
was er bei mir nie finden würde...“
„Unter anderen deine Freundin Nuit d’étoiles...“
„Ich bitte dich, Eberhard, wo denkst du hin? Chrysée lebt wie eine
Lilie unter uns. Ihr Leben gehört allein ihren beiden Kindern, für die
sie arbeitet, und dem Andenken ihres toten Gatten...“
„Bei Tage, ja, wenn du bei ihr bist, meine liebe Therese. Aber des
Nachts nur so lange, wie es Gregor Pawlowitsch gefällt...“
„Das sagst du von Chrysée?“ fragte sie erschrocken.
„Nun, was wäre dabei?“
„Gregor Pawlowitsch ist verheiratet...“
„Wenn schon,“ sagte Freidank kurz. „Chrysée ist eine hübsche Frau. Es
lohnt sich immerhin, sie einmal ans Herz zu drücken...“
„Solche Dinge sprichst du aus?“
„Warum nicht,“ sagte Eberhard und lachte. „Ich sage: Nuit d’étoiles ist
eine hübsche, sogar eine interessante Person. Nun, vielleicht findest
du Gregor Pawlowitsch hübsch und interessant... Was könnte ich dagegen
einzuwenden haben?“ --
Sie hatte dergleichen leichtfertige Reden noch nie aus seinem Munde
vernommen und war davon so betroffen, daß sie ihren Freund am Abende
dringend bat, nach dem Theater mit ihr nach Hause zu gehen und nicht
nach Strelna hinauszufahren. Aber er lachte ihr ins Gesicht:
„Warum denn gerade heute, mein Kind? Wenn wir zurückkehren, haben wir
noch genug Zeit, einander in den Armen zu liegen... Gerade heute,
Therese, müssen wir unbedingt hinausfahren. Die Schlitten stehen
schon vor dem Hause. Iwan Lejkin, der Generaldirektor der Kurskschen
Elektrizitätswerke, gibt sein Abschiedssouper... Du sollst in Leikins
Troika fahren, du --! Der gute Iwan Iwanowitsch scheint ein Auge auf
dich geworfen zu haben... Sei freundlich mit ihm, Therese! Ich hoffe,
ein sehr gutes Geschäft mit Iwan Lejkin abschließen zu können... heute
abend...“
Therese fragte nicht nach dem Geschäft. Zorn und Trotz übermannten sie.
Um irgendwelcher Geschäfte willen sollte sie einem fremden Finanzmanne
freundlich entgegenkommen!
„Tue, was du willst,“ sagte sie kühl. „Ich -- ich werde nur mitfahren,
wenn Chrysée mitfährt..!“
Chrysée war in ihrer Garderobe. Sie hatte schon das dunkelblaue
Sternengewand an. Ihre Augen waren verweint, und sie deckte die
Tränenspuren immer wieder mit Puder und Schminke zu. Therese trat
hastig ein und sagte:
„Ach, ich wollte Sie nur etwas fragen.. Aber Sie weinen, Chrysée! O,
warum weinen Sie, Chrysée?“
„Sie würden es nicht begreifen, Liebe! Es ist auch nur eine große
Torheit... Was wollen Sie fragen?“
„Nun habe ich eigentlich gar keine Lust mehr zu fragen... Würden Sie
heut’ abend mit uns nach Strelna fahren? Wir feiern Iwan Lejkins
Abschied... Er reist morgen nach Italien...“
„Wer ist sonst von der Partie?“
„Alle!... Der Fürst Nemetzki... die Radewskaja ... Roditscheff...
Gregor Pawlowitsch....“
„So?...“ unterbrach Nuit d’étoiles mit Ungestüm, „nun, ich werde heute
abend mitfahren, Liebe!“
Iwan Lejkins Troika stand vor dem Eingange. Der Generaldirektor
wartete voll Ungeduld auf Therese Ambrosius, mit der er seinen
Schlitten besteigen und nach Strelna davonfahren wollte. Ein Teil der
Schlittengesellschaft war schon vorausgefahren. Auf der Bühne hatten
Roland und Gregor Kaufmann als letztes Kämpferpaar unentschieden
miteinander gerungen. Nun wartete Chrysée mit Theresen, Chrysée ganz
von der leidenschaftlichen Hoffnung erfüllt, daß es ihr gelingen
werde, einen Schlitten mit Gregor Pawlowitsch zu erhalten. Lejkin,
in seinem kostbaren Zobelpelz, stand und fluchte, daß Therese nicht
kam. Nun würde er sie schließlich trotz aller Mühe nicht auf der Fahrt
allein für sich haben! Endlich kam die Gesellschaft herbei. Kaufmann
und Freidank waren in lebhaftem Gespräch. Mit jedem Moment sah Nuit
d’étoiles ihre Hoffnung auf ein ungestörtes Beisammensein mit dem
Champion mehr schwinden ... Es gab noch zwei Schlitten. Die Troika bot
ausreichend Platz für drei Menschen, der andere Schlitten nur für zwei.
Chrysée gelang es, Gregor Pawlowitsch unbemerkt zuzuflüstern:
„Fahr’ mit mir, ich bitt’ dich, Gregor, ich bitte dich...“
„Sei nicht so zudringlich!“ sagte er halblaut über seine Schulter hin,
und laut:
„Väterchen Iwan Iwanowitsch hat den Vortritt! Wir überlassen ihm
unsere Damen... la belle Nuit d’étoiles und die allerschönste
Thres’.... Wir verzichten beide...“
Innerlich fluchend, mußte Generaldirektor Lejkin mit beiden Damen
seinen Schlitten besteigen. Die beiden Ringkämpfer stiegen in den
Mietsschlitten. Die Pferde zogen an, die abgestimmten Schellen
erklangen, und sausend jagten die Schlitten über den schimmernden
Schnee der nächtlichen Straßen dahin. Dann blieben die belebten Straßen
hinter ihnen. Die Troika fuhr wie der Sturm dahin und überholte eine
Menge anderer Schlitten, die dasselbe Ziel hatten. Die drei Insassen
saßen dicht nebeneinander, Chrysée in der Mitte. Noch hatte keiner ein
Wort gesprochen. Da griff Lejkin, ärgerlich, daß er Theresen nicht
neben sich hatte, unter der Pelzdecke nach Madame Chrysées Hand, um
sich an ihr einigermaßen schadlos zu halten. Bei seiner Berührung
zuckte Chrysée zusammen, brach jäh in bittere Tränen aus und weinte
haltlos:
„O, mein Gott, er hat mich verraten! Der Entsetzliche, der Treulose
-- er will nichts mehr von mir wissen! -- So lange er mich brauchte,
früher, in Südrußland, zu Anfang seiner Karriere, da tat er, als ob er
mich liebte! -- Alles, was ich hatte, habe ich ihm gegeben! Alles! --
Aber es ist nicht um das... Es ist nur um seine Liebe...“
Der kalte Wind fuhr Nuit d’étoiles ins Gesicht und ließ die Tränen auf
ihren Wangen zu Eis erstarren...
„Wer denn? Von wem reden Sie denn?“ fragte Therese mitleidig und
erschrocken, während Lejkin, der schon viele stürmische Szenen mit
Theaterprinzessinnen erlebt hatte, ziemlich gleichmütig zuhörte.
„... Gregor Pawlowitsch!“ weinte Chrysée herzbrechend.
„Ja, weshalb denn!“ sagte Therese und fuhr in der Absicht, zu trösten,
ahnungslos fort: „Warum läßt sich das nicht wieder ändern? nicht
gutmachen?“
Chrysée stieß unter Tränen hervor: „Um Ihretwillen! -- um Ihretwillen
kann er mich nicht mehr leiden... stößt er mich weg...“
„Um meinetwillen? -- O Gott, welch’ ein Irrtum!“
Therese konnte kein Wort hervorbringen; sie konnte nichts gegen Nuit
d’étoiles Behauptung sagen. Sie hielt die kleine, zerbrechliche
Hand der Griechin in ihren warmen Händen, während Chrysée in ihren
schluchzenden Bekenntnissen fortfuhr:
„Um Sie näher kennen zu lernen, verkehrte ich mit Ihnen... Sie taten
nichts Schlechtes, Thres’; Sie sind gut... O, Thres’, aber ich liebe
Gregor Pawlowitsch! Nehmen Sie mir Gregor Pawlowitsch nicht weg!“ --
Der Schlitten hielt an, das Vergnügungsetablissement war erreicht.
Diener in altrussischer Tracht nahmen den Herrschaften die Pelze
ab; alle begaben sich in den kleinen Palmensaal, der für Lejkins
Gesellschaft reserviert war. Lejkin selbst führte Therese zur Tafel,
stolz, wie ein König seine Königin. Er war sterblich in das schöne
Mädchen verliebt. Jeder einzelne mußte es bemerken. Auch Nuit
d’étoiles, die die Tränenspuren nach Möglichkeit verwischt hatte, hätte
blind sein müssen, wenn sie seine offenkundigen Huldigungen nicht
gesehen hätte. Diese Beobachtung tröstete sie ein wenig, zumal als sie
bemerkte, daß Therese die Bewunderung des reichen Generaldirektors
Lejkin nicht ungern zu sehen schien....
Eine kleine Kapelle geputzter Zigeunerinnen spielte pikante, ins Ohr
fallende Melodien. Die Primgeigerin, eine prächtige Ungarin, war in
Sergej Roditscheff verschossen. Sie wollte durchaus mit ihm nach Hause
fahren.
„Wenn ich dir doch sage: ich mag nicht, Mütterchen Ilonka!“ rief
Roditscheff lachend, „ich werde dir aber einen anderen Verehrer
besorgen, tiens!“
Er ging hinaus. Im großen Kameliensaale des Etablissements wurde
an einzelnen Tischen soupiert. Herren aus der Aristokratie und der
reichen Börsenwelt suchten lustige Gesellschaft oder hatten sie bereits
gefunden. Ein hübscher, bartloser junger Offizier und sein Vetter, ein
hoher Ministerialbeamter, stürzten auf den Ringkämpfer zu und flehten
ihn an, an ihren Tisch zu kommen. Der Ministerialbeamte, der von der
leidenschaftlichen Schwärmerei seines Vetters für Sergej Roditscheff
wußte, versuchte, ihn durch ein Kleinod, welches er von seiner Uhrkette
abhängte und an Roditscheffs Berlockenring befestigte, umzustimmen.
Aber er erreichte nur, daß Sergej die beiden Herren bat, zu seiner
Gesellschaft in den Palmensaal zu kommen.
Nun mischte sich die Gesellschaft Lejkins allmählich mit anderen
Gästen. Der junge Offizier trank mit der Primgeigerin aus einem Glase,
die Radewskaja, eine Sängerin, saß einem reichen, lustigen sibirischen
Fellhändler, einem Mann mit schneeweißem Apostelkopfe, auf dem Schoße
und ließ sich unaufhörlich Goldstücke in den Kleiderausschnitt werfen,
Chrysée wollte Gregor Kaufmann eifersüchtig machen und verschwendete
darum ihre Liebenswürdigkeit an Freidank, und Lejkin stand ganz in
Flammen für Therese. Er führte sie hinter eine Palmengruppe und wollte
sie zum Trinken aufmuntern:
„Auf Ihr Wohl, gnädiges Fräulein! Ihr Wohl und meines zusammen...“
Therese lachte und schlug ihn mit dem Handschuh. Ihr kühngeschnittenes,
stolzes Dianengesicht hob sich wie eine Gemme von dem dunklen
Hintergrunde der samtenen Wandbekleidung ab.
„Ich liebe Sie, gnädiges Fräulein,“ sagte Lejkin, der sich nicht länger
beherrschen konnte, indem er einen Kniefall tat.
„Mein Gott, was denken Sie, Iwan Iwanowitsch? Wissen Sie nicht, daß
Roland mein Bräutigam ist?“
„Nun, Fräulein, lassen Sie uns ein offenes Wort miteinander reden!“
sprach der Generaldirektor und erhob sich von den Knieen. „Sehen
Sie: ich kenne das Leben. Junges Blut ist entzückt von Ringkämpfern,
Athleten -- kurz: Kraftmenschen. Sie mögen mir glauben oder nicht, das
ist nichts für die Dauer... nicht fürs Leben...“
„Auf wie lange das ist...,“ sagte Therese stolz, „das müßte doch wohl
meine Sorge sein!“
„.... Nein, laufen Sie nicht fort!“ rief Lejkin, als sie Miene machte,
aufzustehen, „bleiben Sie, ich bitte Sie! Und lassen Sie uns ein
verständiges Wort miteinander reden! -- Ihr Freund tröstet inzwischen
die verlassene Nuit d’étoiles... Gnädiges Fräulein! liebe Therese! --
ich würde Ihnen einen annehmbaren Vorschlag machen. Für die Zukunft
... fürs ganze Leben... Ich würde Sie auf Händen tragen, Therese! Ich
reise... morgen... ab... Ich reise nach der Riviera, dann weiter...
Liebe, schöne Therese, kommen Sie mit mir! O Therese, Sie würden es
nicht bereuen!“
Therese war von einer humoristischen Stimmung erfaßt. Sie wollte diesen
Mann mit seinen ungeheuerlichen Wünschen, gegen den sie nach Eberhards
Wunsch recht freundlich sein sollte, wenigstens bis zu Ende anhören.
„Und mein Freund?“ sagte sie.
„Ihr Freund, Therese!... Glauben Sie mir, Nuit d’étoiles ist schon
bereit, seinen Trennungsschmerz zu lindern. Halten Sie Ihren
Ringkämpfer im Ernst für einen guten Menschen?“
„Ach -- gut!“ sagte sie geringschätzig. „Er ist einfach zu stolz, um
schlecht zu sein. Er ist zu stark, um kleinlich und miserabel zu sein!“
„Weiter haben Sie nichts vom Leben erhofft, Therese? Sie haben nicht
einen Gefährten gesucht zur gemeinsamen Weiterbildung, zu gemeinsamem
Genießen idealer Herrlichkeiten? O, Therese!“ --
„Hören Sie auf, Iwan Iwanowitsch,“ sprach Therese bebend. „Ich hätte
Ihnen nie gestattet, dies alles zu sagen, wenn ich Sie nicht für einen
braven Menschen hielte... neben Ihrem Gelde... Denn Ihr Geld imponiert
mir nicht. Mir nicht, Herr Lejkin!“
„Ihrem Freunde desto mehr!“ rief Lejkin nicht ohne Schadenfreude.
„Ihr Freund hat mit mir -- eine Art Geschäft vor. Ich will ihm die
Mittel geben, ein eignes Ringkampfwettstreit-Unternehmen zu begründen.
Nun, Therese, ich wollte nicht wie ein Räuber sein, der im Dunkeln in
Nachbars Haus einbricht. Herr Roland hat mir gewissermaßen erlaubt,
Ihnen... so etwas... wie die Cour zu machen. Ich gebe ihm achttausend
Rubel für seine Ringkampfkonkurrenz. Und Sie... Sie reisen... morgen...
mit mir, Therese... liebe, schöne Therese...“
Sie hörte ihn nicht mehr. Sie war aufgesprungen, um von der Stimme
des Versuchers weg zu ihrem Freunde zu eilen. Roland saß auf einem
niedrigen Bänkchen. Chrysée saß an seiner Seite. Sie saß kaum mehr;
halb lag sie auf der Erde, hielt seine große, feste Hand in ihren
schmächtigen Fingern und drückte heiße Küsse auf die Hand des
Ringkämpfers. Gregor Kaufmann ging gerade allein vorbei, die Hände in
den Hosentaschen, das wollene Halstuch noch nachlässiger wie gewöhnlich
umgeschlungen.
„Chrysée!“ rief er laut, „es ist ein Vergnügen für mich, dich so gut
versorgt zu sehen!“
Chrysée geriet bei dem Klang seiner Stimme in wahre Raserei. „O, nicht
ihn meinte ich! Dich lieb’ ich, dich! Wer kann mir dich ersetzen?“
„Rege dich nicht auf, meine Liebe,“ sagte er zynisch. „Wenn du sie
haben willst, Roland, so kannst du sie behalten!“
Mit harten Schritten ging er in ein Nebengemach. Nuit d’étoiles sprang
auf und flog ihm nach. Sie wollte ihn um jeden Preis zurückgewinnen...
„Nette Familienszene, nicht?“ sagte Eberhard lachend zu Theresen, die
blaß vor Zorn zu ihm trat. Aber Therese war viel zu sehr erregt, um
sich jetzt um Chrysée zu kümmern. Sie sah auch nicht, daß Freidank zu
viel des schweren Weins genossen hatte; sie flüsterte hastig:
„Komme fort von hier... gleich... Wenn du wüßtest! Er... Lejkin hat
mir....“
Sie erzählte alles, verschwieg kein Wort, welches gesprochen worden
war. Eberhard hörte ihr zu. Er gab kein Zeichen von Entrüstung, zog die
Augenbrauen hoch und sagte:
„Was tut das? -- Gewiß, er ist unverschämt... Aber ich muß das Geld
von ihm haben! Ich muß! -- Therese, versteh das doch: mit diesem Gelde
werde ich mein eigner Herr sein! Gehe scheinbar auf seine Vorschläge
ein.... sage zu allem Ja... bis ich das Geld habe...“
„Und zu einer so schmachvollen Komödie soll ich mich herleihen?“
„Therese, welche exaltierten Worte! Tu’ es um meinetwillen ... tu’ es
mir zu Liebe!“
Therese wollte hinausgehen, um sich zu verstecken... irgendwo... Aber
sie lief dem Generaldirektor grade in die Hände.
„Therese! Meine Diana! O, ich wußte, daß Sie mich nicht fliehen werden!
O Therese, sagen Sie ein Wort, daß Sie mit mir kommen werden!“
„Ja,“ sagte Therese tonlos und mit niedergeschlagenen Augen, „ja, Iwan
Iwanowitsch, ich werde mit Ihnen gehen.“
„Therese,“ sagte er, ergriff ihre Hand und seine Stimme klang
feierlich, „Gott weiß, Therese, daß ich alles tun werde, um Ihren
Lebensweg süß und freundlich zu machen. Was Kunst und Wissenschaft
bieten... was auf der schönen Erde zu sehen ist... was in meinen
Kräften steht, soll Ihr eigen sein...“
Seine Worte erstickten in echter Bewegung. Therese sagte flüsternd:
„Ja, Iwan Iwanowitsch... morgen... aber jetzt... lassen Sie mich
allein... Ich denke, Sie haben noch mit Roland über ein Geschäft zu
reden...“
Sie mußte an sich halten, sie entlief, um nicht laut aufzuweinen. O,
welche Komödie war das, welch ein doppelter Betrug!
Freidank, der Lejkin allein stehen sah, kam mit den schwankenden
Schritten des Trunkenen auf ihn zu.
„Sie haben sich mit meiner Freundin unterhalten,“ sagte er lachend,
„hoffentlich haben Sie sich gut unterhalten...“
„Ausgezeichnet!“ sagte der Generaldirektor. Er war voll bebender
Freude, das schöne Mädchen überredet zu haben. „Ausgezeichnet, Herr
Roland! -- Und wir haben uns auch noch zu unterhalten, nicht wahr? Es
ist eine Kleinigkeit... Ein Geschäft... etwas der Art... Also rund
heraus, Herr Roland! Nicht wahr, Sie brauchen achttausend Rubel?“
Sie sprachen flüsternd an einem der kostbar gedeckten Tischchen,
während rings um sie her der Lärm der lustigen Gesellschaft tobte.
Iwan Lejkin legte sein Notizbuch offen auf den Tisch und ein langes,
schmales Buch, welches Scheckformulare enthielt, daneben. Eberhards
Gesicht glühte vom Weine und vor Erregung. So schnell schüttete ihm das
Schicksal ein Glück in den Schoß, welches andere nur nach jahrelanger
Mühe erreichen! -- Lejkins kleines, kluges Gesicht war sehr bleich. Er
wollte den Ringkämpfer jetzt beschwichtigen, ihn taub, blind und stumm
machen... um jeden Preis...
„Achttausend Rubel...,“ sagte Freidank mit ein wenig schwerer Zunge.
„Wenn es zehntausend sein könnten, Iwan Iwanowitsch! Ich zahle sie
Ihnen zurück... gewiß zahle ich sie Ihnen zurück...“
„Zehntausend Rubel,“ schrieb Lejkin auf das Scheckformular und sprach
die Worte, die er schrieb, laut nach. Er, setzte in zierlicher, feiner
Kaufmannschrift seinen Namen darunter, riß das gewichtige Blatt aus dem
Buche und reichte es dem Athleten.
„Einen Schuldschein --,“ sagte Roland, trotz seinem Rausche,
erschüttert durch den Anblick der Geldanweisung, welche ihm
Selbständigkeit und vielleicht Ruhm und Reichtum sicherte. „Schreiben
Sie mir, Iwan Iwanowitsch, einen Schuldschein in der gesetzlichen Form
vor, daß ich meinen Namen darunter setze.“
Der Generaldirektor schrieb den Schuldschein aus, während ein
unmerkliches Lächeln um seine Lippen zuckte. Eberhard unterschrieb mit
Feierlichkeit und sagte:
„Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, Iwan Iwanowitsch! Sie werden sehen,
daß...“
„Ach, es ist ein Geschäft, wie jedes andere!“ wehrte der
Generaldirektor ab und beschrieb mit der rechten Hand einen weiten,
leichten Bogen. „Ich erhalte ja auch das Meinige... ich auch, Roland
Alexandrowitsch...“
Er hatte jetzt die ganze Überlegenheit des großen Finanzmannes
wiedergefunden, die auf der Überzeugung ruht, daß alles käuflich ist
und daß niemand den Willen hat, der gewaltigen Sprache des Goldes
zu widersetzen. Therese allein war unter all’ diesen Habgierigen am
schwersten zu durchschauen. Denn warum sie mit ihm ging, die bei dem
Ringkämpfer kaum etwas entbehrt hatte... das wußte er nicht... Aber sie
ging... sie hatte es versprochen... O, diese Diana! --
Chrysée war Gregor Kaufmann, der in ein kleines, zufällig leerstehendes
Souperzimmer hineingegangen war, nachgeeilt. Der Ringkämpfer wollte
sich gerade lang auf dem Sofa ausstrecken, als er die Frau bemerkte.
„Zum Teufel, was willst du von mir!“ rief er grob und richtete sich mit
einer brüsken Bewegung auf, „siehst du nicht, daß ich ein wenig ruhen
will?“
„Das ist mir einerlei!“ rief die Tänzerin hitzig. Sie hatte zu viel
Champagner getrunken, war berauscht und überlegte nicht mehr, was sie
redete. „Du bist schlecht zu mir... du vernachlässigst mich... du
läufst andern nach...“
Gregor Kaufmann hob den Kopf und sah das zornige, kleine Geschöpf aus
halbgeschlossenen Augen hohnlächelnd an: „Hab’ ich dazu ein Recht, mein
Kind, oder nicht?“
Sofort schlug ihre Stimmung um; sie lief zu ihm hin, stürzte ihm zu
Füßen und weinte wie ein Kind:
„Ach, liebe mich doch! Gregor Pawlowitsch, liebe mich doch! Ich werde
alles ertragen, auch daß du mich betrügst ... Du tust es ja ohnehin...
Ich werde dir alles geben, was ich verdiene...“
Sie umschlang seine Kniee mit ihren hübschen, zarten Armen, ihr
schmächtiger Körper zitterte vor Leidenschaft und unter heißen Tränen
rief sie wild und fast schreiend immer wieder:
„Ach, liebe mich doch, liebe mich doch, Gregor -- --!“
„Oh --,“ sagte der Champion kaltblütig und stand auf, „jetzt wird es
mir zu bunt, meine liebe Chrysée. Versuche einmal, dich ein halbes Jahr
ohne mich zu behelfen. Es wird vorzüglich gehen, tu verras... Du bist
mir so entsetzlich langweilig geworden...!“
Sie ließ seine Kniee nicht los und wiederholte nur:
„Liebe mich doch, du...!“
Gregor Kaufmann, halb ärgerlich, halb amüsiert, löste mit einer
schroffen Bewegung die Umklammerung ihrer Hände und stieß die Tänzerin
mit dem Fuße fort:
„Nein, Chrysée! Mein letztes Wort! -- Laß mich allein!“
Lejkin war in den kleinen Palmensaal zurückgekehrt. Es war Zeit zum
Aufbruch nach der Stadt geworden. Aber vorher hatte der Generaldirektor
noch das Bedürfnis, mit allen denen, die hier seine Gäste gewesen
waren, auf ein Glück anzustoßen, welches doch sein innerstes Geheimnis
war... Er ließ neuen Champagner kommen. Alle sollten ihre Gläser an
seines klingen lassen, auch Therese, mit der er sich im Einverständnis
glaubte, auch Roland, den er mit den zehntausend Rubeln erkauft zu
haben meinte, auch Gregor Pawlowitsch, der Nuit d’étoiles nicht mehr
ansah und der schönen Therese ungeniert ins Gesicht starrte.
„Keinen Trunk mehr aus den Gläsern nach diesem Trunk!“ schrie Lejkin
in die Schar seiner Gäste hinein und schmetterte den kristallenen
Kelch zu Boden. Die berauschten Gäste taten ihm jubelnd nach. Chrysée
griff unsinnig nach den Scherben von Gregor Kaufmanns zerbrochenem
Glase, zerschnitt sich die Finger und ein dünner, heller Blutstrom lief
über ihre kleine Hand. Freidank griff sofort zu und drückte ihr die
Schnittwunde fest zusammen. Chrysée, in wilder Erregung, wußte nicht
mehr, was sie tat. Unter trunkenen, hysterischen Tränen warf sie sich
Roland an den Hals und rief:
„O Roland, du bist gut zu mir! Ich liebe dich! Fahr’ mich nach Hause,
Roland... fahr’ mit mir im Schlitten... Ich fürchte mich so sehr!“
„Tun Sie es ohne Sorge!“ rief Lejkin fröhlich. „Das gnädige Fräulein
fährt gut und sicher in meinem Schlitten!“