Über einem fremdartig glanzvollen Bilde ging der Vorhang auf. Die

Zuhörer waren sichtbarlich gefesselt von der Kraft einer Sprache,

die mit vielem Glück die südliche Glut der Renaissancestimmung

wiedergab. Die reichen Kleidertrachten, die den Augen von den Bildern

der italienischen Meister her bekannt waren, erschienen seltsam und

doch vertraut. Man kannte die Fabel des Stückes nicht; die Geschichte

des Hauses Braglione war nicht genügend bekannt, um den Ausgang

vorherwissen oder auch nur ahnen zu lassen. Darum nahm man den ersten

Akt mit einem Wohlgefallen auf, der Thereses Herz in hellen Jubel

versetzte.

Der zweite Akt brachte den Konflikt zwischen den feindlichen

Verwandten. Da stand auf einer Seite das Paar, dem die Sympathie

gehörte, Astorre mit der ihm angetrauten Lavinia. Die Bösewichter, die

feindliche Partei, schmieden im Garten ihre finstern Pläne, während der

Freudenlärm des Hochzeitsbanketts die Säle durchrauscht. Ein Engel wird

mit den Guten sein, wird die Schwachen stützen, die feindlichen Mächte

zunichte machen! -- Der Akt ging zu Ende, die Jungvermählten wurden

in strahlender Fackelprozession ins Hochzeitsgemach geführt. Dieses

reizende Bild entzückte und riß hin; der Name des Dichters erklang von

hundert Lippen, und wieder einmal, wie vor acht Monaten, stand Freidank

vor einer Menge, die ihm Beifall klatschte... Irgendwo pfiff einer; der

wurde niedergeklatscht ...

Hinter dem Vorhang beglückwünschten sie den Dichter, umarmten ihn in

auflodernder Begeisterung. Holderbaum schüttelte ihm wild die Hände,

gratulierte ihm und sich:

„Himmel, Mensch! Herr Freidank! freuen Sie sich denn gar nicht?“

In ihm war etwas... wie eine große Enttäuschung ... Wie anders hatte

der Beifall einst im Odeontheater geklungen, da Tausende seinem

schlanken Leibe, seiner Kraft und Schönheit freiwillig huldigten! Das

war gewesen wie ein Meer, das dröhnend und schmeichelnd zu seinen Füßen

rauschte....

„Einer hat gepfiffen!“ erwiderte er und lachte, „einer hat gepfiffen,

Herr Holderbaum!“ --

„Sie sind nicht recht gescheit! Und die andern, die Bravo klatschten?“

„Immerhin!“ sagte Freidank eigensinnig, „es hat doch einer gepfiffen!“

Nein, sie huldigten nicht einem Geiste, der ihnen etwas zu sagen

hatte, der sein Herzensblut und die Arbeit langer Tage und Nächte in

sichtbare und hörbare Formen gepreßt hatte, um ihnen Geist von seinem

Geiste darzubringen. Sie waren alle, fast alle! nur gekommen, um an

dieser Stätte ihre eigenen Ideen nachgebetet, ihre privaten Meinungen

bestätigt zu hören. Sie wollten gar nicht, daß der starke Überwinder

Sieger bleibe und die Braut heimführe. Sie gönnten Astorre, dem

guten, schwachen, friedliebenden Astorre Triumph über den kraftvollen

Schurken. Ein Schrei des Mitgefühls, der Entrüstung bebte auf allen

Lippen, als Astorre unter dem Mordstahl seines Feindes fiel... O,

dennoch wird der Mörder unterliegen! niemals wird er Lavinia, die

wunderschöne Lavinia, sein eigen nennen! -- Da... wer sollte es

glauben? -- Lavinia, von der gesagt ist, daß sie „schön und stark

ist, wie ein Tier der Wildnis,“ -- sie wendet sich, wie ein Tier der

Wildnis, dem siegreichen Nebenbuhler zu... Ohne Scham und ohne Mitleid,

wie eine Löwin, die ohne Besinnen dem stärksten Männchen nachgeht,

reicht sie dem Mörder die Lippen zum Kusse, die noch von den Küssen des

ermordeten Gatten brennen...

Ein Sturm der Empörung brach los. Wie? so sollte ein Mensch, einfach

weil er physisch größer und stärker war, über Moral und Recht

triumphieren? Der Legitime, auf dessen Seite das Recht und die

Ehre waren, mußte der brutalen Übermacht der Körperkraft weichen?

Und das zuchtlose Weib dort oben, auch sie warf sich in tierischer

Wahl dem kräftigen Mörder in die Arme? Ein Dichter wagte also,

aller Gerechtigkeit zum Hohne, die rohe Faust zu verherrlichen,

den Friedliebenden ein solches Entsetzen einzuflößen, den Frauen

ein solches Beispiel aufzustellen? An allen Enden des Hauses brach

der Tumult aus. Jeder einzelne fühlte sich ins Gesicht geschlagen.

Jeder einzelne wollte dazu beitragen, diese Moral der Kraft

niederzuschreien... niederzutreten... totzupfeifen... Einige Hände

klatschten zum Hohn Applaus, einige Stimmen schrien aus Freude am

Skandal nach dem Dichter. Da erschien Eberhard, der bei dem Übermaß

von Wut und Mißfallen plötzlich befreit und wie erlöst sich selbst

wiedergefunden hatte. Mit Entrüstung sahen es die Tobenden: er stand

selber da, als der Stärkste von Allen, und er war nicht blaß, und er

war nicht verlegen, sondern er lachte und machte in den Spektakel

hinein eine ironische Verbeugung. Damit noch nicht genug, begann er

als Antwort auf das Pfeifen und Heulen seinem eigenen hoffnungslos

verlorenen Drama Beifall zu klatschen. --

Dann, als der Vorhang gefallen war, stand Direktor Holderbaum vor dem

ausgepfiffenen Dichter. Er gestikulierte wild mit den Händen, schrie

Eberhard an und weinte fast:

„Ich habe es Ihnen gesagt: hätten Sie auf mich gehört! Aber Sie mußten

-- ach, dieses Unglück! -- Ihr Stück herauskriegen, statt meiner

Idee...“

„Ihre Idee ist ebenfalls Dreck!“ sagte Freidank grob, „gehen Sie zum

Teufel mit Ihrer Idee! Ich habe genug von den Ideen...“

Mama Ambrosius war nach Hause vorausgefahren; Therese stand vor dem

Theater und hatte das Spitzentuch, das den Kopf verhüllte, bis übers

Gesicht gezogen, um die unwillkürlich rinnenden Tränen zu verbergen.

Als Eberhard kam, tupfte sie schnell mit dem Taschentuche die Augen

trocken, aber er hatte ihre Tränen schon gesehen und rief mit hellem,

echtem Lachen:

„Mein Liebling! Du weinst?! Aber lache doch, Therese! Aber freu’ dich

doch, mein Herz, daß nun alles klar ist und klarer, als es früher war!“

Er sandte eine Botschaft nach Hause an Mama Ambrosius, daß er mit

Therese noch eine Flasche Wein trinken wollte und daß er seine Braut

später wohlbehalten heimbringen werde. Dann fuhren sie, fest aneinander

geschmiegt, Hand in Hand, im offenen Wagen fort. Er schlug ihr mit der

freien Hand die Kopfmantille zurück und sah ihr fröhlich in die Augen:

„Gott sei Dank, Therese, nun lachst du doch wieder!“

Sie fuhren durch stillere Straßen, in denen der Tageslärm schon

verhallt war, durch die warme, dunkle Sommernacht dahin. Sie waren

allein, erregt von den wilden Ereignissen des Abends und erfüllt von

der Freude, einander so nahe zu sein.

„Ich bin so froh, Therese!“ sagte er immer wieder. „Was kann uns

anfechten, Therese, da wir jung und stark und gesund sind? Heute abend

wollen wir nicht von der Zukunft sprechen, mein Liebes. Heute wollen

wir uns allein unserer Liebe freuen! Aber wenn du mit mir einig bist,

Therese, so weiß ich, was ich tu’!“

„Ich auch!“ sagte Therese, nun ganz getröstet, „ich auch!“

Am andern Tage kam er gegen Mittag zu seiner Braut, hübsch, energisch

und aufgeräumt. Mama Ambrosius tat pikiert, weil Therese viel später,

als es sich nach Ansicht der Mutter geziemt hätte, nach Hause gekommen

war. Sie machte Freidank darüber Vorwürfe und sagte, daß er zu allem

Unrecht, was er ihrer Tochter bereits angetan habe, nun noch die

schlimmste Sünde füge, ihren ehrbaren Ruf zu rauben.

„Ich will gar nicht von der entsetzlichen Blamage des gestrigen Abends

reden,“ fuhr sie bitter fort. „Sie wollten den Erfolg mit aller Gewalt

erzwingen... Da haben Sie das, was man mit Gewalt ausrichtet! -- Hätten

Sie Ihr Staatsexamen gemacht... nachher, wenn es Sie schon dazu zog,

für Zeitungen geschrieben... kleine Artikel...“

„Wie Adolf Tönnies, nicht wahr?“ fuhr er dazwischen.

„Allerdings! -- Er hat bescheiden angefangen... er wird sich

hinaufarbeiten...“

„Erlauben Sie, liebe Schwiegermama,“ sagte Freidank höflich, „daß

Therese und ich es anders anfangen! Nämlich, daß wir es doch mit der

Gewalt erzwingen. Ich bin doch kräftig genug... nicht wahr?“

Er lächelte gutmütig und streckte seine großen, starken Hände aus.

Ehe indessen der Sinn seiner Rede der zornigen Dame ganz klar geworden

war, schellte es und es kam Besuch; Therese, die durch einen Spalt in

der Türe hinausgelugt hatte, kam zurückgesprungen, flog Eberhard um den

Hals und flüsterte lachend:

„Es ist Adolf Tönnies!“

Tönnies wußte nicht, daß Eberhard und Therese Verlobte waren und war

darum ein wenig erstaunt, Freidank bei den Damen zu finden. Er hätte

viel darum gegeben, wenn er sich in diesem Augenblicke hätte unsichtbar

machen können; aber er war nicht nur gezwungen, zu bleiben, sondern

er mußte sogar höflich mit dem Manne reden, mit dem er vor Monaten so

auseinandergegangen war! Denn Eberhard, der den Damen offenbar nichts

von den Ereignissen auf jener Weihnachtskneipe der Gryphianer erzählt

hatte, hielt die hellen Augen so befehlend, so zwingend auf den kleinen

Tönnies gerichtet, daß Adolf die schreckliche Empfindung hatte, unter

den herrischen Blicken des andern gleichsam zusammenzuschrumpfen.....

„Nun, Tönnies,“ sagte Eberhard in einer Aufwallung von Mitleid, um dem

unglücklichen Kleinen über die Situation hinzuwegzuhelfen, „hast du die

Zeitungskritiken über meinen ergötzlichen Skandal gelesen? Ich habe sie

nämlich nicht gelesen!“ setzte er lachend hinzu.

„Ich bin wirklich -- wirklich entzückt, Freidank, dich trotz dem

ärgerlichen Ereignisse bei so gutem Humor zu finden! -- Ja, ich habe

die Kritiken gelesen... Wie? du hast in der Tat noch keine Zeitung zur

Hand genommen!“

„Warum sollte ich?“ fragte er munter, „kann ein Zeitungsbericht an den

Tatsachen etwas ändern?... Nun also! -- Damit soll keineswegs gesagt

sein, daß ich mich jetzt nicht noch dafür interessiere... Hast du

zufällig Morgenblätter bei dir?“

Tönnies zog dienstbeflissen mehrere Zeitungen heraus. Da fand sich,

daß die Kritiker der Zeitungen das vernichtende Urteil der Zuschauer

nicht bestätigten. Sie rühmten die Fabel, sie lobten den Dialog, aber

sie verwarfen eines: das, was sie die Tendenz des Stückes nannten. Die

Zuschauer, so behaupteten sie, hätten ein richtiges, gesundes Gefühl

bewiesen, indem sie eine Dichtung ablehnten, in der die verwerflichen

Instinkte des Menschen: Mißbrauch seiner Stärke, verbunden mit Roheit

und Grausamkeit, auf den Thron gehoben würden...

„Nebenbei...,“ sagte Eberhard mit freundlichem Ernste, „nebenbei

hatte mein Stück keine Tendenz. Böswilligkeit hat eine Absicht

hineingelegt... Das ist aber nun gleichgültig. Mich treffen keine

Pfeile mehr. Die fliegen daneben. In die Luft!“

Er lachte, sein gutes, gesundes Knabenlachen, welches dem jungen Manne,

der schon einige frohe und schmerzliche Erfahrungen hatte, ebenso schön

anstand, wie es ihn in der sorgenlosen, unschuldigen Jünglingszeit

geschmückt hatte. Tönnies sah es und fühlte, daß dieser jungen Kraft

nicht durch Verrat der Freunde, nicht durch Verachtung, noch durch

Mißerfolge und Widerwärtigkeiten beizukommen war. Der war aus dem

Eichenholze seiner Niedersachsenheimat, der stand auf starken Wurzeln,

freute sich in naiver Selbstsucht der eignen Kraft und verspottete, die

ihm feind waren!

Als Tönnies sich empfahl, reichte er dem ehemaligen Freunde die Hand.

Es war fast, wie eine Abbitte, und er tat es nicht ohne Überwindung.

Aber Eberhard nahm sie nicht. Heut’ stand er, obwohl er dazu gar keinen

Grund zu haben schien, wie ein Sieger da und rächte sich an Tönnies,

der seine runden Augen auch jetzt noch in heller Bewunderung auf

Thereses Dianengestalt ruhen ließ:

„Ja -- du kannst mir auch gratulieren, Tönnies! Therese und ich, wir

haben uns lieb! Und wir heiraten in der allernächsten Zeit... Du

siehst, ich habe mehr wie gewöhnliches Glück gehabt!“

-- „Wie stellen Sie sich das ‚Heiraten in der allernächsten Zeit‘, von

dem Sie soeben Herrn Tönnies Mitteilung gemacht haben, vor, Eberhard?“

fragte Mama Ambrosius giftig, als kaum die Schritte des Besuchers auf

der Treppe verhallt waren.

„Sehr einfach, liebe Schwiegermama! -- Sie glauben doch selbst

nicht, daß ich mich nach dem negativen Erfolg meines Stückes auf

diesem Gebiete noch öfter auslachen lassen möchte? -- Ich hätte auch

nicht die Mittel zu solchem Luxus. -- Und soll ich mich in irgendeine

Schreibstube setzen? Vielleicht Bureaubeamter werden? -- Ach nein! Dazu

hat mir der liebe Gott die gesunden Glieder nicht gegeben. Auch will

ich meiner Frau eine bessere Zukunft bieten, als die, die sie an der

Seite eines schlechtbezahlten Beamten erwarten würde!“

„Was haben Sie also vor?“ fragte Frau Ambrosius beunruhigt.

„Erraten Sie es nicht? Ich werde sofort wieder Ringkämpfer!“ sagte

Eberhard gelassen. „Die Gage, die ich dabei verdiene, erlaubt mir,

mich in wirklich sehr kurzer Zeit zu verheiraten... Und das ist unser

sehnlichster Wunsch!“ setzte er hinzu und blickte Therese innig an.

Frau Ambrosius war außer sich. Wie? das wagte er ihr zu sagen? Hatte

er denn vergessen, was sie ihm vor acht Monaten deutlich genug

gesagt hatte? Wäre es noch nicht genug des Unerfreulichen, ja, des

Skandalösen! das er über sie gebracht hätte? -- Niemals würde ihre

Tochter Therese....

„Das traf vielleicht damals zu,“ sagte Eberhard sanft. „Heute, verehrte

Schwiegermama, ist Therese wohl anderer Meinung geworden. Liebe ich

Therese, weil sie das Telephon bedient? Nein! ich liebe sie selbst,

ihren Leib und ihre Seele. Nun, darum glaube ich auch und weiß, daß

Therese mich liebt, mich, und nicht meinen Beruf...“

Frau Ambrosius geriet in unendlichen Zorn. Mit ihrer Einwilligung, das

schwor sie, sollte Therese nicht die Frau eines Ringkämpfers werden,

der herumreiste, wie ein Zigeuner, der sich auf öffentlicher Bühne

preisgab, ja, allen Blicken preisgab!

Freidank antwortete auf ihre überstürzten Reden, auf ihre Vorwürfe und

ihre Tränen mit großer Sanftmut. Er wollte keine bindenden Zusagen

haben, nicht heute, nicht in dieser Stunde! In einigen Wochen würde

Frau Ambrosius ruhiger über diese Dinge denken.

„Nie werde ich darüber anders denken!“ rief Madame Ambrosius empört,

„nimmer werde ich dazu meine Einwilligung geben! -- Therese bleibt bei

mir..! Gar nichts gilt die Verlobung in meinen Augen! -- Oh! hätten

Sie nicht Ihren Ruf aufs Spiel gesetzt! hätten Sie meine Tochter nicht

kompromittiert -- --! Was Sie tun, geht mich und meine Tochter in

Zukunft nichts mehr an! Gehen Sie hin, werden Sie Ringkämpfer! Werden

Sie unserthalben Clown! Tun Sie, was Sie mögen, nur verlassen Sie mich

jetzt!“

„Leben Sie wohl, verehrte Schwiegermama!“ sagte Eberhard gelassen. „Sie

werden gestatten, daß ich mich von Therese verabschiede... Therese,

mein Lieb!“ -- -- --

Frau Ambrosius verließ das Zimmer, Eberhard und Therese waren allein.

Der junge Mann reichte dem Mädchen die Hand und sagte, während seine

Augen hell lächelten:

„Ob das nun sein mußte?“

„Laß es gut sein,“ lächelte Therese vertrauensvoll zurück. „Sie meint

es zuletzt doch herzensgut, die Mutter!“

„Auf Wiedersehen, Liebe!“

„Auf Wiedersehen, mein Freund!“

Unter so wenig tragischen Worten gingen sie auseinander, während sie

sich warm die Hände schüttelten.

* *

*

„Liebe Therese!“ schrieb er ihr einige Tage später, „Thyssen war

gestern hier. Er kam zu spät nach Berlin, um bei der Première klatschen

zu helfen. Nun, er wäre ja nicht dazu gekommen! -- Liebe Therese,

morgen abend geht’s mit dem Nachtschnellzuge davon, nach Wien, zu

Thyssens Konkurrenz! Herzinnig Dein E.“

Es war der erste Brief, den er ihr seit dem Auseinandergehen schrieb;

sie hatten sich inzwischen nicht gesehen und nichts verabredet. Er

erwartete auch keine Antwort auf den Brief und stand am Abende des

folgenden Tages im Vorraume des Bahnhofes, immerfort zwischen Gewißheit

und halben Zweifeln schwankend, ob sie wohl kommen würde. Nun trat er

an den Billettschalter -- sie war noch nicht erschienen -- und warf

noch einen Blick auf den Eingang. Da trat sie gerade ein, und ihre

Augenpaare trafen sich über die Schar der Reisenden hinweg mit dem

Gruße des Einverständnisses.

„Zwei Billetts nach Wien!“ forderte er, ohne sich erst überzeugt zu

haben, ob sie mit ihm fahren wollte. Kaum hatte er die grünen Kärtchen

in der Hand, so war auch schon Therese bei ihm und sagte lächelnd:

„Du hast doch beide Karten, nicht wahr!“

„Aber gewiß, Therese! Wie könnte es anders sein?“

[Illustration]

XIII.

Sie lebten gemeinsam in jenem morgenfrischen Glück, das allein denen

zuteil wird, die zum ersten Male in aller Reinheit und ohne Zagen den

Kelch der Liebe an unentweihte Lippen führen. Der Mutter sandte Therese

jeden Monat eine Summe Geldes, welche der gleichkam, die sie vorher im

Amte verdient hatte. Sie schrieb auch Briefe. Wenn sie nun nichts von

dem, was sie sandte, zurück erhielt, so bekam sie von der Mutter auch

keine Antwort. Zu tief waren die mütterlichen Begriffe von dem, was man

seinem Stande schuldig war, verletzt worden, als daß Frau Ambrosius in

kurzer Zeit über die Flucht ihrer Tochter hinweggekommen wäre.

Die künftigen Wochen und Monate fanden Eberhard und Theresen fast immer

beisammen in einer glücklichen Intimität, die sie beide noch nirgends

kennen gelernt hatten. Therese ging an jedem Abend mit ihrem Geliebten

in den Zirkus, in dem die Schar der Athleten ihre Kraft erprobte. Nach

der Vorstellung verbrachten sie zuweilen Stunden und halbe Nächte

mit den Freunden, mit denen Therese harmlos, wie eine Schwester,

umging. Eine vertrauensvolle Einfalt ließ in Eberhard nicht einmal den

Gedanken aufkommen, Therese von den Kollegen fernzuhalten. Ihre Gefühle

waren viel zu einfach, ihre Liebe viel zu kräftig, um in Eifersucht

auszuarten. Tagsüber waren sie lachend, scherzend und plaudernd

beieinander, wie zärtliche und manchmal gar unvernünftige Geschwister.

In der Nacht aber, wenn Eberhards Haupt auf dem blühenden Busen seiner

Freundin ruhte und er durch das Nachtgewand hindurch das gleichmäßige

Pochen ihres Herzens hörte, wurde seine Liebe so tief und groß, daß es

ihnen beiden täglich von neuem schien, als sei dieses Heute der erste

Tag ihres Lebens und der erste Tag der Schöpfung überhaupt, und als sei

die ganze schöne, selige Welt nur geschaffen worden, um Eberhard und

Therese zur Lust und Freude zu dienen.

Thereses Heiterkeit wurde sanfter, wandelte sich in Weichheit und

Süßigkeit um. Es trat in die Reihe ihrer Empfindungen eine zarte,

frische und naive Sinnlichkeit ein, die ihr ganzes Wesen durchdrang,

untrennbar von der Summe ihres Daseins, doch nach einiger Zeit auch

untrennbar selbst von der geringsten ihrer Gesten. Sie wußten in

unschuldiger, verliebter Genügsamkeit beide nicht, daß Thereses

sinnenfesselnde Schönheit einer reizend erblühten Rose Aufsehen und

Bewunderung erregte.

Vier Wochen waren sie in Wien gewesen, dann einen Monat in Lemberg und

einen und einen halben Monat in Warschau. Hier trennte sich Freidank

von Thyssen, der auf Weihnachten in seine Heimat reiste, und trat

alsbald in die Konkurrenz Gregor Kaufmanns ein, der zu Sankt Petersburg

dreißig der größten Champions zum Kampfe um die Meisterschaft von

Rußland vereinigt hatte. Im Laufe der Konkurrenz sollte zwischen

einigen ausgewählten Ringern der Kaufmannschen Konkurrenz und einer

anderen, die ein französischer Champion zusammengestellt hatte, ein

Wettbewerb um das Championat von St. Petersburg ausgetragen werden.

Gregor Pawlowitsch Kaufmann selbst kam zu Roland ins Hotel, um

die Gagebedingungen und die besonderen Abmachungen innerhalb der

Konkurrenz mit ihm durch einen geschriebenen Kontrakt festzulegen.

Er fand Eberhard und Therese am Frühstückstische, als er sehr

ungeniert eintrat; Therese erhob sich alsbald in einer Verwirrung,

die ihr ungemein anmutig stand; denn sie befand sich in einem lichten

Morgenkleide, welches nur für den häuslichen Gebrauch bestimmt und

mit seinem legeren Schnitte, der manche Reize des jungen Mädchens

enthüllte, keineswegs für fremde Augen berechnet war.

„Bleiben Sie, Madame, bleiben Sie!“ rief Gregor Kaufmann in seinem

harten Russendeutsch, „sonst, bei Gott, laufe ich Ihnen nach und

schließe mit Ihnen den Kontrakt ab...“

„Bleibe, Therese!“ lächelte Freidank. Sie sah ihren Geliebten

freundlich an und ließ sich leise wieder nieder, indem sie mit einer

lieblich schamhaften Bewegung ein weißes Tüchlein, das ihr von den

Schultern geglitten war, um den Hals zog und seine Enden vorne

kreuzweise übereinander legte.

Der fremde Ringkämpfer sah ihr interessiert zu. Gewöhnt, daß die

Frauen ihm zufielen, wie reife Äpfel beim Schütteln, fand er die

wenigen Frauen, die sich nicht um ihn kümmerten, originell und

begehrenswert. Ihm fiel übrigens soeben der Handel ein, der sich unter

den Ringkämpfern herumgesprochen hatte, jene unbedenkliche Vereinbarung

zwischen Freidank und Thyssen, bei der Freidank den dritten Platz in

der Konkurrenz gegen Abtretung seiner Freundschaftsrechte auf Fräulein

Fritzi l’Alouette erhalten hatte ... Eine sonderbare Gedankenverbindung

durchkreuzte sein Hirn:

„Madame, wollen Sie, daß Roland Zweiter wird?“

„Habe ich das zu wollen?“

„Würde ich Sie sonst fragen, Madame?“

Sie sah ihn an, zweifelnd, ob er scherze. Aber er sah gar nicht

scherzhaft aus. Er lehnte nachlässig an dem Kamine und rauchte eine

dünne, parfümierte Zigarette. Seinen kurzgeschorenen Kopf mit dem

scharfen Profil, dessen Züge gleichzeitig Begehrlichkeit, Übersättigung

und gesunde Roheit verrieten, hatte er weit nach hinten auf das grüne

Kachelsims gelegt. Er trug keine weiße Wäsche. Sein Hals ragte aus

einem gleichgültig umgeschlungenen, baumwollenen Tuche empor, und seine

Kleider sahen aus, als wenn sie nicht für ihn gemacht wären.

„Also bitte, Madame,“ sagte er zwischen zwei Zügen, ohne die Zigarette

aus dem Munde zu nehmen.

„Gewiß,“ sagte Therese verlegen, „natürlich, Herr Kaufmann!“

„Sie hören es, Roland,“ sagte Gregor nonchalant, „ce que femme veut,

Dieu le veut, Sie wissen...! Also ich engagier’ Sie als Zweiter.

Championat von Sankt Petersburg gehört dazu. Unterschreiben Sie doch

diesen Wisch da... Madame, sind Sie die junge Frau, die Roditscheff die

„Thres’ Roland“ nennt?“

„Wenn Herr Roditscheff sich so ausdrückt,“ sagte Therese nun tief

errötend, „so bin ich dieselbe....“

„Aha,“ sagte Kaufmann, ohne etwas hinzuzufügen, stülpte seine

Kosakenmütze auf den kahlgeschorenen Schädel, fuhr in seinen dicken

Pelz und verabschiedete sich, ohne ein weiteres Zeichen irgendwelcher

Teilnahme zu geben.

-- -- Frühling wird zu Sommer, Tulpen, Narzissen und Hyazinthen müssen

abblühen und die Flamme auch der höchsten Leidenschaft muß nach einer

gewissen Zeit auf eine Weile kleiner und matter brennen: so will es ein

ewiges Naturgesetz.

Die Starken: Ein Athleten-Roman · 第 13 / 17 段