Nie hätte Eberhard auf einen so freundlichen Empfang gehofft, wie er

ihn bei dem Leiter der berühmten Schaubühne fand.

„Also: was bringen Sie mir heute? Ein Trauerspiel? Ein Lustspiel?“

„Ein Schauspiel,“ sagte Eberhard mit erheucheltem Mute.

„Hoffentlich kein ultramodernes Stück, wie das letzte?“

„Gar nicht modern! -- Aus der Renaissancezeit.“

„Renaissance? -- Hm, vielleicht ganz gut.... Ist nicht zu oft da...

Gibt eine prächtige Dekoration...,“ erwiderte der kleine, energische

Bühnenmann, der in Gedanken blitzgeschwind die ganze Ausstattung des

Dramas entwarf.

„Packen Sie aus, packen Sie aus, junger Dichter,“ fuhr der Direktor

lebhaft fort, „geben Sie mir das Manuskript... setzen Sie sich mir

gegenüber... und geben Sie mir so kurz wie möglich den Inhalt der

einzelnen Akte an. Ich habe nur wenig Zeit... muß zur Probe. -- Aber

Ihr Stück interessiert mich... also sprechen Sie....“

Er warf einen Haufen Papiere, die vor ihm auf dem Schreibtische lagen,

beiseite, legte das Manuskript an ihre Stelle und begann darin zu

blättern, während er das scharfgeschnittene, geistvolle Gesicht dem

Autor zuwendete, der den Inhalt der drei Akte zu erzählen begann. --

Astorre Braglione, der Sohn und Erbe der herrschenden Familie in

Perugia, ist ein gütiger, nachdenklicher und schwacher Mensch. Wird

er dereinst der rechte Mann sein, um das Erbe der Väter gegen alle

Gewalt und List der feindlichen Nachbarn zu schützen? Ach, daß er

dem jungen Filippo gliche, dem unehelichen Kinde seiner schönen,

lasterhaften, herrschsüchtigen Tante Atalanta Braglione, von der

Filippo die unbändige Stärke, die verführerische Schönheit und die

kraftvolle Schändlichkeit geerbt hat! Nicht einmal gegen seinen Vetter

Carlo Braglione kommt er auf, dem Bosheit und Scheelsucht aus den

tiefliegenden, schwarzen Augen funkeln. Astorre kommt noch zu Lebzeiten

seines greisen Vaters zur Herrschaft; die Feindseligkeiten Filippos,

des Bastards, und Carlos, verbittern sein Leben, bis die eine, die

ewige Liebe in sein Herz einzieht und mit ihrem Scheine alle Schatten

vertreibt. Die schöne Lilie Roms, Lavinia Colonna, ist Astorres Braut

geworden. Nun mögen Filippo und Carlo an sich reißen, wonach ihr

böses Herz steht! Was tut ihm das, wenn erst die edle römische Lilie

mit ihrer Pracht und ihrem Duft an seinem Herzen ruht. -- Der alte

Fürst Colonna gibt den Verlobten zu Ehren ein prunkvolles Maskenfest;

Lavinia, nur mit kostbaren, flimmernden, rosenfarbenen Schleiern und

mit dem wallenden Mantel ihres Haares geschmückt, lehnt als Venus an

einer Marmorsäule. Da plötzlich -- was erbleicht Lavinia, die herrliche

Jungfrau? Warum greift sie mit der Hand zum Herzen, warum werden ihre

Lippen blaß wie Narzissen? Filippo hat in der Tracht des Orpheus den

Festsaal betreten. Sein Haupt ragt über die ganze Schar der Gäste

hinaus, obwohl zahlreiche stattliche Edelleute sich auf dem glatten

Fußboden bewegen. Sein Arm hält die bekränzte Leier, Rosen krönen sein

Haar. Er ist so groß, stark und brutal, seine Augen blicken so hart ...

Seine Blicke treffen gerade in Lavinias Augen, werden weich und flammen

dann begehrlich auf... Ihr ist, als ob ihre Seele versinkt in den

Flammen dieser Augen.... Aber Astorre, der beglückte Bräutigam, tritt

galant zu seiner Verlobten hin und legt die Hand auf ihren Arm. Lavinia

zuckt zusammen, wie unter der Berührung eines eklen Gewürms, doch sie

besinnt sich: immerhin -- ihr Bräutigam ist der Herr von Perugia.

Jener -- er ist ihr ein Fremder; -- sie wird ihn vielleicht niemals

wiedersehen....

Und dann ist die Hochzeit in Perugia. Die Kavaliere und die edlen

Damen, sie alle schwelgen in Lust und Übermut. Im schönsten Saale des

Palastes Broglione ist dem jungen Paare das Hochzeitsbett bereitet,

dessen hohes, geschnitztes Gestell ganz mit purem Golde überzogen

ist. Die Neuvermählten werden unter Fackelglanz und Rosenregen ins

Brautgemach geführt. Wer sieht den Stahl des Todes, der unter den Rosen

der Liebe blitzt?

Filippo hat seinen Hass und Neid nicht länger bändigen können. Es wird

ihm nicht gelingen, in das hochzeitliche Gemach Astorres und Lavinias

allein einzudringen. Aber wozu fremde Meuchelmörder dingen? Feinde

genug hat Astorre in der eignen Familie: einer der ärgsten ist Carlo

Braglione, der immer zurückgesetzte, ärmere Vetter des Bräutigams.

Carlo zieht noch einen Todfeind der Braglione, Herrn Girolamo della

Penna, in die Verschwörung. In der Nacht, als Amor das hochzeitliche

Zimmer mit seinen höchsten Fröhlichkeiten erfüllt, dringen die drei

ins Gemach, nachdem sie die Wächter, erprobte Diener der Braglione,

niedergemetzelt haben. Astorre springt vom Lager auf, er sucht

sein Schwert; da durchbohrt ihn von vorn der Damascener Dolch des

furchtbaren Filippo, während Carlo ihm seinen Degen durch den Rücken

rennt. Ein gewaltiges Getümmel entsteht; der greise Vater und der

junge Bruder Astorres kommen zu Hilfe: Carlo und Girolamo schlachten

beide in wilder Mordlust, sie schlachten und durchbohren, was vor ihre

Klinge kommt. Filippo allein hat an dem einen Opfer genug. Heulend,

wie ein wildes Tier, wirft er sich über Astorre, der im letzten Kampfe

röchelt, reißt ihm die Brust auf, zerrt das blutende Herz hervor und

beißt mit seinen Tigerzähnen in das blutende Herz. -- Da ist seine Gier

gestillt, nun kann er an die lebendige, blühende Beute denken. Es wird

noch einen heißen Kampf kosten, Lavinia Braglione zu erobern! -- Und

das Unfaßliche geschieht, selbst dem Mörder unerwartet: Lavinia stürzt

freiwillig in die Arme des Starken.... Mitten in dem Hochzeitsgemach,

das mit Leichen angefüllt ist, steht die Jungvermählte und reicht

Filippo die geöffneten Lippen zum Kuß....

„Ich werde es mir überlegen --,“ sagte Direktor Holderbaum, innerlich

freudenvoll, „ich werde es mir überlegen ... Immerhin eine Idee darin.

Der Triumph des Starken...“

„Über die Schwachen, ja,“ sagte Eberhard.

„Von Ihrem Stück abgesehen: glauben Sie, daß die Starken ein

moralisches Recht haben, die Schwächern einfach niederzutreten?“

„Sie tun es doch....,“ erwiderte der junge Mann nachdenklich. „Wer

fragt den Sieger nach Recht oder Unrecht?“

„Und unsere Religion, Herr Freidank, welche die Hilflosen schützt? Und

unsere moderne Staatskunst?“

„Sie haben uns beide keinen Gefallen damit getan, Herr Holderbaum, daß

sie die Minderwertigen protegieren. Diese Schwachen nehmen den Starken

Platz weg.... Licht und Luft weg....“

-- -- Zwei Tage später wurde Eberhard wieder zu dem Theaterdirektor

beschieden. Der kleine Mann tat heute ganz vertraut und familiär und

zog Eberhard in sein Privatkabinett. Bei Wein und Zigarren plauderte er:

„Hören Sie an, mein lieber junger Dichter, was ich Ihnen sage! Ihr

Stück ist gut. Es ist sogar sehr gut. Aber .... Nun gut, kommen wir

zur Sache! -- Ich selbst habe eine Idee! Eine brillante Idee! Für ein

Theaterstück. Es soll, gewissermaßen, ein Sensationsstück werden.

Ein Kassenstück! Die Kunst ist schön und erhaben, gewiß. Ich lebe

nur für die Kunst! -- -- Aber was nutzt die beste Kunst, wenn mir

mein Kassierer nicht bestätigen kann: Es ist eine gute, es ist eine

einträgliche Kunst --!“

Auf solchen Umwegen kam er endlich zu dem Kern seiner Rede. Er

hatte eine Lustspielidee. Es war eine banale, dabei aber tolle und

verwickelte Handlung. Er brannte darauf, dieses Stück auf seine Bühne

zu bringen. Dabei hatte er nicht den mindesten Autoren-Ehrgeiz, o nein!

Er hätte das Stück nicht selbst schreiben können. Er wollte auch gar

nicht als Verfasser gelten. Freidank sollte -- o gewiß, das könnte er!

-- seiner Idee Worte und Ausdruck leihen. Schließlich rückte er mit

seinem Vorschlage heraus:

Freidanks Renaissance-Schauspiel sollte zu Beginn der kommenden Saison

aufgeführt werden. Als erste Winterneuheit, jawohl! -- Er steckte

nicht im Publikum und in der Kritik drin. Aber so viel glaubte er

als erfahrener Bühnenmann heute schon sagen zu können? es würde ein

literarischer Erfolg werden. Dadurch wären eine Reihe von Aufführungen

gesichert.... Als nächste Neuheit sollte dann das Lustspiel nach

Holderbaums Idee folgen. Wenn Freidank einverstanden wäre, dann wäre

sein Drama angenommen. Jawohl, angenommen!

Freidank war einverstanden. Ach, es war ja alles so viel mehr Glück,

als er hatte hoffen dürfen! -- Als er auf die Straße hinaustrat, kamen

ihm alle Menschen geputzt vor. Ein kleines, armes Mädchen, welches ihm

Blumen anbot, schien eine lächelnde, verschwenderische Fee zu sein. War

keiner da, mit dem man reden konnte? Keiner, in dessen Gesellschaft

man sein Glück feiern konnte? Freidank sah unwillkürlich die Straße

entlang. Dort unten -- oder täuschten ihn seine Augen? -- dort kam

Hermann Thyssen, die Hände in den Taschen, die schönen Augen über alle

Menschen, die den großen, auffälligen Mann neugierig anstarrten, hinweg

in die helle, sonnenscheindurchleuchtete Frühlingsluft gerichtet.

Thyssen wollte ihn indessen vielleicht nicht mehr kennen, nachdem

er seiner Laufbahn als Ringkämpfer so schnell den Rücken gekehrt

hatte, ohne viele Gründe anzugeben? -- Aber er irrte sich. Thyssen

erblickte ihn einen Moment später. Seine dunkeln, hochmütigen Augen

leuchteten flüchtig auf, als er lächelnd den „Dritten“ seiner großen

Dezemberkonkurrenz begrüßte:

„Tag, Roland! Ausreißer müßt’ ich eigentlich sagen. Du bist also doch

lieber bei deinem jeistigen Jeschäft jeblieben? Schade um dich. Du bist

jute Klasse... wärst erste Klasse jeworden...“

Nachdenklich sah er Eberhard an.

„Na, du bist wohl jetzt unter den Berliner Amateurringern Hecht im

Karpfenteich?“ fragte Thyssen.

„Auch das nicht,“ sagte Eberhard betrübt. Es war plötzlich eine Freude

in ihm klirrend zersprungen, wie eine Geigensaite. Beim Anblick des

stolzen Champions, der die kleinen Menschen auf der Straße überragte,

wie die Tanne das Unterholz, schien ihm mit einem Male, daß er einen

schlechten Tausch gemacht hätte. Die große Freude, die ihn kurz vorher

erfüllt hatte, war seltsam matt geworden...

„Wollen ’mal ’n lütten Frühschoppen machen, allright?“ schlug Thyssen

vor. „Hast doch Zeit, Roland?“

Er hatte Zeit. In der farbigen Dämmerung der alten Weinstube saßen sie

bei den Römern und redeten über leichte und ernste Dinge.

„Von Nizza komm’ ich. Gott, da unten haben sie einen Enthusiasmus

-- --! Obwohl es den Französ’chen nicht gerade gefiel, daß ich alle

ihre Landsleute aufs Kreuz legte, waren sie doch... Nein, das ist

unbeschreiblich! Das muß man gesehen haben! -- Hernach ist man dann

doch froh, wenn man zu Hause in Deutschland gerade in den herben

Frühling hineinkommt.“

„Und wohin reist du jetzt, Thyssen?“

„Nach Kölle --!“ sagte der Champion lächelnd im wohlklingenden,

schleppenden Dialekt seiner Heimat. „Da unten bin ich doch am liebsten.

Ich hab’ überall gerungen, nicht wahr. In London, in Paris -- in

Rußland -- in Persien -- in der Türkei -- nun überall... Ich hab’ über

hundert Meisterschaften. Aber in Köln -- --! Wenn ich nach Kölle komm’,

sagt jeder köll’sche Jung’: verdammt, dat Hermännche ist wieder

da -- --!“

Er schlug lachend und ein wenig verlegen mit der starken Faust auf den

Tisch. Gewiß, er war stolz auf seine Kraft und seine Volkstümlichkeit.

Aber wie liebenswürdig war er in diesem natürlichen Selbstbewußtsein!

Wahrlich, er hatte Grund, stolz auf sich zu halten!

„Und du?“ fragte Thyssen jetzt, die Augen fest auf Freidank gerichtet.

„Examen gemacht? -- Schulmeister in spe?“

„Ich hab’ ein Stück geschrieben,“ sagte Freidank.

„Ach?! Wann wird es denn aufgeführt?“

„Ende August, hoff’ ich.“

„Laß’ mal sehen,“ überlegte Thyssen. „Ich werde vielleicht zu dieser

Zeit hier sein. Im Juli bin ich in Ostende... im Dezember in Wien...

Ich werde also bei der Premiere klatschen helfen können...“

„Wenn mein Stück nicht durchfällt!“ scherzte Eberhard.

„Das wär’ auch kein besond’res Malheur,“ sagte der Champion, der schon

viel Glück und Leid hatte aufblühen und vergehen sehen, freundlich. Er,

der so stark und ruhig war, nahm die Widerwärtigkeiten des Lebens, die

zu jeder Zeit auch an ihn herantraten, nicht recht ernst. Mit seinen

starken Händen und seinem ausgeglichenen Charakter schob er Menschen

und Schicksale, die sich ihm hindernd in den Weg stellten, mit ruhiger

Rücksichtslosigkeit beiseite. „Kein besond’res Malheur,“ wiederholte

er gleichmütig. „Dann wirst du einfach wieder Ringkämpfer. Ich kenn’

kein Malheur außer Krankheit -- -- Alles andre läßt sich schieben...

entweder, oder...“

Da war er, der harte, hochmütige Zug in dem schönen Gesichte, der

Hermann Thyssen manchen Feind gemacht hatte. Jetzt wußte Freidank,

weshalb man ihn anfeindete. Die Schwachen, die dem Schicksal und seinen

Launen hilflos unterworfen waren, sie beneideten den Starken, der ein

Meister nicht nur im Ringkampf war, sondern auch ein Herr und Meister

im Leben...

„Ich wette,“ sagte Thyssen jetzt mit klugem Lächeln, „ich wette, daß

ein Mädchen dich damals festgehalten hat?“

„Ein Mädchen,“ sprach der junge Mann.

„Sie sind schlimm, die Mädchen! Man muß sich vor ihnen in Acht nehmen,“

scherzte Thyssen. „Fräulein Fritzi l’Alouette zum Beispiel -- mein

Gott, schlank, niedlich und kindlich war sie +doch+! -- hab’ ich

leider schon in Amsterdam nach vierzehn Tagen verloren. Sie bevorzugte

meinen schwarzen Diener und Masseur gar zu auffällig... Vierzehn Tage

treu zu bleiben ist eine harte Aufgabe für ein hübsches Mädchen!“ fügte

er mit heiterem Spott hinzu.

Auch nachdem Eberhard sich von Thyssen getrennt hatte, hielt die

Freude über die Begegnung an. Eine merkwürdige Heiterkeit, die sein

Lebensgefühl aufs Angenehmste erhöhte, verklärte ihm heute selbst

gleichgültige Handlungen. Am abend, als er Therese abholte, war ihm

dann mit einem Male, als ob er dem Mädchen durch diese Freudigkeit ein

kleines Unrecht zugefügt hätte. Da versuchte er sich selbst glauben zu

machen, daß die Annahme seines Schauspiels ihm die glückliche Stimmung

gegeben habe und stellte durch diesen bescheidenen Selbstbetrug sein

Gleichgewicht wieder her.

An diesem Abende überschüttete er Theresen mit dem Reichtume seines

Gefühls und trug diesen Überschwang auch in die nächsten Monate hinein.

Er behandelte nun seine Braut mit um so größerer Güte, als er sich

selbst im stillen fortwährend Vorwürfe machte. Der plötzliche Übergang

aus einer Periode lebhafter Denk-Arbeit in eine fast beschäftigungslose

Zeit hatte seinen Geist erregt und beunruhigt. Dazu kam, daß er nach

der Begegnung mit Thyssen an seine Ringkämpferlaufbahn mit dem süßen

und bitteren Schmerz einer unglücklichen Liebe zu denken begann. Der

süße und bittere Schmerz steigerte sich nicht bis zu ernsten Leiden,

nicht einmal bis zur Sehnsucht; aber er war immerfort da und brannte,

als wäre seine Haut mit glühendem Eisen in Berührung gekommen. Um zu

vergessen, übernahm er ab und zu kleine Arbeiten, die eine Spanne Zeit

ausfüllten und ihm ein wenig Geld einbrachten.

Seine Liebe zu Therese gewann durch den Aufschwung seiner Gefühle

an Inbrunst und Tiefe. Die zeitweilige Trennung und die keuschen

abendlichen Zusammenkünfte unter den Augen der Mutter, bei denen

niemals mehr etwas geschah, was den Brautleuten nicht erlaubt war,

hielten seine Sehnsucht beständig wach. Dennoch trug er aus diesen

Wochen keinen Gewinn davon, da eine Spannung, die niemals nachließ, ihn

quälte und in Ruhelosigkeit versetzte.

Es war für ihn eine Erlösung aus müder, unfruchtbarer Zeit, als die

Proben zu seinem Schauspiel auf der Höhe des Sommers einsetzten.

Direktor Holderbaum hatte die Proben frühzeitig begonnen, um durch

einen moralischen Druck zu erreichen, was seinem Drängen bisher nicht

gelungen war, nämlich die Ausarbeitung seiner eigenen Lustspiel-Idee.

In der Tat ging Eberhard sofort an dieses Werk mit einem gewissen

Ungestüm, welches so kräftig war, daß es alle seine Unlust und seine

Bedenken gegen die Arbeit überwand. In kaum drei Wochen vollendete er

das Stück. In diesen drei Wochen war es seinem Herzen nicht um einen

Schritt näher gekommen, wiewohl es in seinen Gedanken fortwährend

gelebt hatte. Herr Holderbaum war von dem Gewande, welches Freidank

seinem Geisteskindlein gegeben hatte, so entzückt, daß er nichts lieber

getan hätte, als das Lustspiel zuerst aufzuführen und das Schauspiel

später folgen zu lassen. Aber diesmal bestand Freidank starrköpfig auf

seinem Kontrakte. Nun begann Holderbaum, an einzelnen Szenen des Dramas

zu mäkeln. Wie? Filippo reißt dem Astorre das Herz aus der Brust und

zerfleischt es mit seinen Zähnen? Und Lippen, die rot vom Herzensblut

des jungen Gatten sind, soll Lavinia küssen? Welchem Publikum könne man

so entsetzliche, bluttriefende Szenen zumuten?

Eberhard bestand weder auf seiner wörtlichen Fassung, noch auf der

historischen Treue. Er gab nach, wo nachzugeben war, er ließ streichen,

was gestrichen werden sollte. Aber in der Hauptsache blieb er zäh. Sein

Schauspiel sollte die Reihe der Neuheiten einleiten. Dann konnte man

das Lustspiel aufführen... oder was man sonst wollte...

Er hatte früher nie gedacht, daß die Aufführung eines Schauspieles

so viele unerfreuliche Stunden, so kleinliche Verdrießlichkeiten

und langwierige Verhandlungen mit sich bringt. Oft kam er verärgert

von der Probe nach Hause, und eines Abends erklärte er Theresen

leidenschaftlich, daß er nun vor der öffentlichen Aufführung keinen Fuß

mehr in das Theater setzen werde. Irgend jemand hatte irgend etwas von

seiner kurzen Athletenkarriere aufgeschnappt und kolportiert. Nun gab

es hier und dort törichte Anspielungen und hinterhältige Bemerkungen,

die dem ehrlichen, schweigsamen Menschen das Blut in den Kopf trieben.

Mit der Feder, ja, und mit der Faust wollte er jeden Halunken bedienen,

der ihm übel wollte. Aber wer kam gegen die verschleierten Stachelreden

dieser Zwergenzunft auf?

Therese lachte über seinen Zorn:

„Ist das möglich, daß mein lieber großer Roland so viel Ärger

aufbringt, so lang und stark wie er ist? Du hast keine Ursache,

beleidigt zu sein, Eberhard! Wenn dich jemand verletzen will, so höre

nicht darauf... Oder noch besser: bleibe den Verdrießlichkeiten fern.

Tu’ irgend etwas anderes...“

Er sah über sie hin und sagte, wie beiläufig:

„Wäre ich Ringkämpfer geblieben, auch du wärest besser d’ran...“

Sie blickte ihm ernsthaft ins Gesicht, welches seit einigen Wochen oft

müde und verdrießlich aussah. Ein Gedanke kam ihr:

„Was hindert dich, Eberhard, zu deinem Vergnügen zu trainieren? du hast

Zeit genug. Es wird dir gut tun. Trainiere bei André Leroux,

Eberhard!“ --

André Leroux war stolz, daß Roland, der sich damals mit einem Schlage

in den Sportkreisen einen Namen gemacht hatte, wieder zu ihm kam. Er

hatte sich inzwischen mit einem jungen, vermögenden Mädchen verheiratet

und konnte nun der Sportleidenschaft, die sein Herz fast ganz

ausfüllte, in größerem Maßstabe huldigen. Er hatte sich den sehnlichen

Wunsch erfüllt, die Trainierhalle auf längere Zeit zu pachten und mit

modernen hygienischen Einrichtungen nach englischem Muster und eigenen

Ideen auszustatten.

Mit wahrer Schöpferfreude führte er Freidank herum. Es gab jetzt

in André Leroux’ Trainierhalle warme und kalte Bäder und Douchen,

Feldbettstellen mit wollenen Decken und einen elektrischen

Massage-Apparat. Herren und Damen konnten jetzt jede sportliche

Bequemlichkeit bei ihm haben!

„Damen?“ fragte Freidank, „Artistinnen haben doch schon immer hier

geübt?“

„Nee, Damens! Feine Damens! ’n janzer Damen-Ringkampfklub!“ versicherte

Leroux, freudestrahlend, daß er auch das weibliche Geschlecht für den

athletischen Sport zu interessieren gewußt hatte. „Meine Frau, Lina

heißt sie, trainiert die jung’ Damens. Eine Freude, sach’ ick Ihn’!

Eine Lust, wie die junge Meechens ringen! Ringen und stemmen besser wie

die Kerls, wahrhaftig... Es ist ’ne Schande für die junge Kerls, aba

et is wahr! Meine Frau is aba ooch ’n Trainer, der sich jewaschen hat!

Ooch naturell... Imma liejt se in de liebe Sonne, wie ick... Na, Sie

müssen ihr seh’n! Braunjebrannt is se... dajejen sehe ick weiß wie’n

Eisbär aus... Se is direkt schwarz... wie ’n Neja..., wie so ’n kleena

Affe... Na, ick hab’ et jut jetroffen mit se, det muß wahr sind!... Aba

nu woll’n wa ma’ ranjehn, Herr Roland --!“

Der Trainer sah übrigens, als er seine Jacke auszog und sich im

ausgeschnittenen Trikot präsentierte, durchaus nicht „weiß wie ein

Eisbär“ aus, sondern seine Haut glänzte in einem tiefen, natürlichen

Braun. Er brauchte seit seiner Verheiratung nicht mehr Modell zu stehen

und da er seine ganze Zeit auf die Pflege seines Körpers verwendete,

war er noch kräftiger und elastischer geworden. Mit seiner glühenden

Sportbegeisterung, seiner Munterkeit und seinen im Grunde vernünftigen

Ansichten, die er drastisch und unter allerhand drolligen, sinnlosen

Redensarten vortrug, war er ein idealer Trainer, der jeden, der

sich ihm anvertraute, bis zur denkbar größten Höhe körperlicher und

sportlicher Entwickelung führte.

Er ging mit Freidank äußerst scharf ins Training und erreichte damit,

daß der junge Mann sich schon nach wenigen Tagen wieder frisch und

lebhaft zu fühlen begann. Die Verdrießlichkeiten der jüngsten Zeit

traten in den Hintergrund; er sprach nicht mehr davon und lachte

sorglos, wenn Therese das Gespräch auf die nahe Aufführung brachte.

In dem Maße, in welchem der junge Mann sich der wiedergewonnenen

Lebenslust überließ, wurde indessen Therese nachdenklicher und wohl

auch sorgenvoller. Sie wußte, daß die nächste und auch die fernere

Zukunft von der Aufnahme des Schauspieles abhing. Diese Verschiedenheit

ihrer Sorgen und ihrer Auffassung von dem, was eine Entscheidung und

Wendung in ihrem Leben bezeichnen sollte, führte eine unausgesprochene,

stille und bittere Entfremdung zwischen den Brautleuten herbei,

die Theresen tagsüber mitten unter dem Lärm und Klappern ihres

Telephondienstes schmerzhaft quälte und ihren Nächten den Schlummer

nahm und dafür die einsamen, heimlichen Tränen gab.

[Illustration]

XII.

Therese saß mit klopfendem Herzen vor dem Vorhange, der sich in wenigen

Minuten heben sollte, um das Werk ihres Bräutigams zu enthüllen. Es

war ein kurioser und absonderlicher Gedanke für sie: diese Menschen,

die ringsum die Reihen füllten, waren gekommen, um über seines Geistes

Frucht Richter zu sein. Frau Ambrosius hieß das junge Mädchen aufstehen

und nach irgendwelchen Bekannten ausschauen. Therese sah sich um.

Sie überragte die meisten dieser Männer und Frauen. Sie kam sich

in ihrer schlanken Höhe plötzlich einsam vor. Eberhard fehlte ihr.

Sie dachte daran, daß er und sie in den letzten Wochen verschiedene

Gedankenwege gegangen waren und sie empfand ein heißes Verlangen, in

dieser Stunde, ach, in dieser Minute! alles, was sich störend fremd

zwischen sie gestellt hatte, mit einem brennenden Kusse zu vernichten.

Sie war doch da, die Liebe! sie lebte doch wie an jenem dämmernd grauen

Januarabende, da ihre Lippen sich mit seinen aufs innigste vereinten,

da die Macht ihrer Liebe so stark und sieghaft gewesen war, um den

Losgelösten, Enteilenden zu fesseln und zu halten. Was hätte sie darum

gegeben, hätte sie ihren Bräutigam jetzt, ehe die Aufführung begann,

noch einmal umarmen und ihm mit einem Kusse ins Ohr flüstern können,

daß sie eins mit ihm sei und daß sie fröhlich zu ihm halten wolle, was

beiden auch der Zufall brächte! Aber sie mußte sich damit begnügen, nur

ein zärtliches Gedenken dorthin zu senden, wo Eberhard weilte. --

Die Starken: Ein Athleten-Roman · 第 12 / 17 段