Kiesling erwiderte mit einem schmalen, bitteren Lächeln:

„Deine Warnung kommt schon wieder zu spät. Ich bin bereits blank.“

In allen andern Dingen vernünftig und besonnen, konnte Kiesling der

Spielwut nicht widerstehen. Er kämpfte einen kurzen Kampf mit sich

selbst und fragte mit gezwungenem Lächeln:

„Würdest du mir Geld zu ein paar Revanchepartien bergen, Thyssen?“

Thyssen schob seinem Spielgegner wortlos, scheinbar ohne zu zählen, ein

Häufchen Goldstücke zu, und das Spiel begann von neuem.

„Mit Verlaub!“ sagte Roditscheff, der seinen Freund willenlos in die

Krallen des Spielteufels zurücksinken sah, und nahm an Eberhards Tische

Platz.

„Sie spielen nicht?“ fragte Therese Ambrosius freundlich, nur um etwas

zu sagen, als Eberhard den Tisch einmal verließ, um mit einem Herrn zu

reden.

„Ich denke nicht daran,“ erwiderte Sergej verächtlich. „Ich nehme

den Brüdern, die sich auf die Bekanntschaft mit Ringkämpfern etwas

einbilden, ohne die bunten Blättchen und ohne alle Aufregung das Geld

ab...“

„Das können Sie?“ fragte Therese naiv.

„Natürlich!“ lachte Sergej, „und wenn du es heute noch nicht kannst, so

lernst du es noch, Thres’!“

Fräulein Ambrosius sah erstaunt auf. Sie glaubte nicht recht gehört

zu haben. Da kehrte Freidank zurück und brach wenig später mit seiner

Freundin auf. Draußen hängte sie sich fest an seinen Arm und sagte:

„Sie sind nicht wie du, du gehörst nicht zu ihnen...“

„Wer denn?“ fragte er lachend, „meine Kollegen? Sie sind nicht schlimm,

Therese! Sie sind nur rauh... Sie sind so stark und glauben darum, sich

über manches hinwegsetzen zu dürfen. Sie dürfen es auch. Man rechnet es

ihnen nicht schwer an...“

Therese sprach von etwas anderem, aber der kleine Zwischenfall hatte

sie doch nachdenklich gemacht. --

Zu schnell vergingen die Tage; die Scheidestunde rückte näher.

Sie versuchten beide, sich den nahen Abschied aus dem Sinne zu

schlagen, aber alle Sorglosigkeit konnte nichts daran ändern, daß

am zehnten Januar die letzte Entscheidung fallen sollte. Thyssen,

Roland, Kiesling, Roditscheff, Meinken und Gomez waren als die sechs

Besten übriggeblieben; die Kämpfe des letzten Abends mußten die drei

endgültigen Sieger ergeben.

Im Theater war heute eine festlich gehobene Stimmung. Im Vestibül

prangten drei große, breite Lorbeerkränze mit seidenen Schleifen in

den Landesfarben, welche Direktor Immermann den Siegern spendete.

Sportsleute und vornehme Freunde der Athleten hatten ebenfalls

Kränze und silberne Geräte zur Ehrung der Sieger gesandt. Der herbe

Lorbeerduft zog kräftig durch das ganze Haus.

Die Zuschauer fieberten auf die endgültige Entscheidung. Mancherlei

Bande, sündige und ehrbare, verknüpften heute die Starken auf der

Bühne mit ihren Bewunderern im Saal und in den Logen. Thyssen konnte

seine Verehrer, Herren und Damen, nach Dutzenden zählen. Ihm, der

unbesiegt war, sprach die allgemeine Erwartung den ersten Preis zu. --

Um Roditscheff zu sehen, waren viele vornehme Russen und Sportsleute

der höheren Stände erschienen. Junge Männer aus den ersten Familien,

darunter ein junger Erzherzog, hatten sich diese sechs Wochen lang

um seine Gunst bemüht. Aber eine unberechenbare Laune hatte ihn, den

Ungetreuen, diesmal an Fräulein Krömer gefesselt, welche ihm überdies

freiwillig so kostbare Geschenke gemacht hatte, daß sein ausgeprägter

Erwerbssinn völlig zufriedengestellt war.

Mama Ambrosius und ihre Tochter hatten Parkettplätze inne. Therese

freute sich jetzt leidenschaftlich an der unverhüllten Schönheit ihres

starken Freundes, während die Mama jedesmal von neuem indigniert war,

ihren Mieter im prallsitzenden Trikot zu erblicken.

Er war heute in Grün gekleidet, die Kniee von grauem Gummistoff

geschützt, die Füße mit hohen, weichen Lederstiefeln bekleidet.

Sein blondes Haar war kurz geschoren, seine norddeutsche helle Haut

leuchtete in Jugend und Gesundheit.

Er bildete mit Manuel Gomez das erste Paar. Seltsam stach seine blonde

Schönheit von der düsteren Erscheinung des „Stiers von Granada“ ab, der

mit seinem olivefarbigen Teint, dem schwarzen, häßlichen Lockenkopf und

den einfarbig schwarzen Trikots wie ein Sohn der Nacht gegen ein Kind

des Lichtes stand. Wer war unter den Tausenden von Zuschauern, welcher

dem lichten Roland den Triumph mißgönnt hätte? Der „Stier von Granada“

wehrte sich erbittert, er geriet, wie es den Zuschauern schien, in

tolle Kampfeswut. In Wahrheit wurde Manuel Gomez bei den großen

Konkurrenzen nur engagiert, um durch die Geschicklichkeit, mit welcher

er beim Ringkampf den wilden Mann spielte, Farbe in die Kämpfe zu

bringen. Seine natürliche Roheit kam ihm bei diesen Mätzchen zustatten.

Heute, beim Entscheidungskampfe, versuchte er Roland in das Orchester

hinabzuwerfen. Als ihm dies nicht gelang und die empörten Zuschauer

heulend und stürmisch protestierten, überrannte der temperamentvolle

Spanier den Preisrichtertisch im Hintergrunde der Bühne, so daß die

entsetzten Unparteiischen sich am Boden überschlagen und von der Szene

flüchten mußten, bis der „Toro de Granada,“ der in diesem Zustande

wirklich einem wütenden Kampfstiere glich, sich beruhigt hatte und nun

von Roland mit einem kunstgerechten Doppelnelson besiegt werden konnte.

In der Garderobe gab es inzwischen eine peinliche Auseinandersetzung

zwischen Kiesling und Thyssen. Kiesling verlangte seinen Schuldschein

über die Spielschulden von Thyssen zurück. Thyssen behauptete, daß er

den Schein nicht bei sich trage. Aber Kiesling blieb fest:

„Wenn du einen glatten Sieg haben willst, wie er dem ersten Preisträger

zukommt, so rat’ ich dir, Hermann, schaffe den Schuldschein und

vernichte ihn hier vor meinen Augen!“

„Findest du dein Verhalten fair?“ fragte der Champion erbost, „und

meinst du übrigens, daß Roditscheff mir den Sieg sehr erschweren kann?“

„Fair oder unfair in deinen Augen ist mir einerlei!“ sagte Kiesling

kühl, „und wenn du nicht glaubst, daß Roditscheff sich im Endkampfe

mindestens zwei Stunden gegen dich behaupten kann, so riskier’ es doch.

Riskier’ es doch!“ wiederholte er mit schwachem, aufreizendem Lächeln

und ging auf die offene Bühne hinaus, um mit Bernhard Meinken zu ringen.

Thyssen sah ihm von der Kulisse aus zornig zu. Der Teufel steckte in

diesem Kiesling, machte seinen gestählten Körper elastisch und biegsam,

wie einen Schlangenleib! Keiner flog aus beliebiger Höhe so exakt in

die Brücke, wie er, keiner schlug zum Entzücken der Zuschauer so

elastische Pirouetten, keiner bot in jeder erdenklichen Stellung ein so

vollendet schönes Bild. Er ließ auch Bernhard Meinken keinen regulären

Sieg. Nachdem der Kampf eine volle Stunde gedauert hatte, warf er

sich so geschickt hintenüber, daß er sich selbst den Fuß verstauchte.

Durch diese Verletzung wurde er kampfunfähig. Meinken wurde als Sieger

erklärt, aber die Zuschauer waren verstimmt, daß einer ihrer Favoriten

Schaden genommen hatte.

„Wie denkst du über die Spielschuld?“ fragte Kiesling Thyssen, sobald

er hinkend in die Garderobe zurückkehrte. „Roditscheff hält mit mir

zusammen....“

„Ist das wahr? Du bist ebenso unfair, Sergej?“ fragte Thyssen zornig.

Roditscheff schnitt sich gerade die Fingernägel und zuckte nur die

Achseln, ohne sich umzusehen.

„.... Eure Gage....,“ murmelte Thyssen, aber Kiesling unterbrach ihn:

„Spielschulden dürfen von der Gage nicht gekürzt werden .... Überdies

waren wir so vorsichtig, uns unsere Gage vor zwei Stunden von Immermann

auszahlen zu lassen. Halt’ dich damit an unsern Direktor....“

Thyssen sah ein, daß die beiden starrköpfigen, unbedenklichen Freunde

ihm alle Waffen aus der Hand genommen hatten. Wortlos zog er den

Schuldschein aus seinem Portefeuille und reichte ihn Kiesling, der ihn

schweigend durchlas und ihn dann auf den kleinen, rotglühenden eisernen

Ofen legte, wo er zu Asche verschwelte.

Kaum zehn Minuten später wurde Thyssen auf der Bühne als Sieger mit

unendlichem Enthusiasmus bejubelt. Er hatte den langen, starken Russen

mit einem herrlichen Untergriff hingelegt....

Da oben standen die Starken, groß und herrlich, wie Halbgötter, und

nahmen ihre Lorbeerkränze in Empfang und die versiegelten Hüllen,

in welchen die Geldpreise verschlossen waren; die silbernen Geräte

wurden Roland, Meinken, Kiesling, Roditscheff und Gomez überreicht, und

Thyssen bekam einen feuervergoldeten Pokal. Und die Musik blies Tusch,

und schmetternde Fanfaren feierten die Starken...

In der Garderobe sagten die Ringkämpfer einander Lebewohl und Auf

Wiedersehen. Ein Teil reiste nach Holland zu einer Konkurrenz ab, die

Jan van Muyden unterdessen arrangiert hatte.

„Das war ’n jutes Debüt, allright?“ sprach Thyssen liebenswürdig zu

Roland, indem er die kornblumenblauen, wollenen Trikotbeinkleider

abstreifte. Einen Augenblick nur stand er nackt in seiner reifen

Schönheit da, denn schon kam Mikita Zirkovitch, der dem Champion

fanatisch ergeben war, um ihm den Mantel aus Kräuselstoff umzugoben.

Freidank konnte sich nicht mehr zurückhalten. Das kühle, reservierte

Benehmen des Weltmeisters ließ nur selten eine Annäherung zu. Jetzt

war er mit Thyssen allein; nur Zirkovitch, der wenig Deutsch verstand,

befand sich mit ihnen in der Garderobe. Eberhard streckte dem

Rheinländer erschüttert beide Hände hin und sagte mit schwerer Zunge:

„Das kann ich Ihnen nie danken... das werde ich Ihnen nie vergessen....“

„Auf gute Freundschaft!“ sagte Hermann Thyssen mit einem Lächeln,

welches sein schönes, ernstes Gesicht unvergleichlich erhellte, „und

auf’s Du, Roland!.... Von Dank kann keine Rede sein. Aber Gott weiß,

daß du an mir immer einen guten Kameraden finden wirst, wenn du nicht

mein Feind wirst... wie die andern... wie die meisten....“

* *

*

Auf gute Freundschaft! Das sagte auch Therese dem Ringkämpfer, als sie

ihn weinend beim Abschiednehmen umarmte.

Eberhard hatte sich von dem schönen Mädchen nicht trennen mögen, ohne

vorher ein gutes, bindendes Wort gesprochen und gehört zu haben. Darum

hatte er am Morgen nach Beendigung der Konkurrenz Besuchstoilette

angelegt, Frau Ambrosius eine offizielle Visite gemacht und um Thereses

Hand gebeten.

Wider alle Erwartung hatte Frau Ambrosius ihre mütterliche Einwilligung

versagt.

„Es tut mir herzlich leid, Herr Freidank, daß eine solche Erörterung

zwischen uns stattfinden muß! Aber es sind schwerwiegende Gründe, die

mich zwingen, Ihren Antrag nicht anzunehmen. Und Therese ist eine viel

zu gute Tochter, um gegen meinen Willen...“

Freidank gab das Mädchen nicht kampflos auf; er bat um Gründe, wollte

sein Einkommen darlegen, seine sportlichen Chancen...

„Ich glaube Ihnen, Herr Freidank,“ hatte Frau Ambrosius geantwortet,

„daß Sie nicht um eine Dame anhalten würden, wenn Sie nicht wüßten, daß

Sie sie ernähren können. Aber -- wie peinlich mir das ist! -- ich kann

nicht Ja sagen, weil Sie durch Ihren jetzigen Beruf doch gewissermaßen

-- aus Ihren Kreisen herausgetreten sind. Mein verstorbener Gatte, Herr

Freidank, war Amtsrichter. Wenn er lebte, er würde niemals zugeben,

daß...“

„Daß seine Tochter einen Ringkämpfer liebt,“ sagte Freidank bitter.

„Sie sagen es selbst,“ erwiderte Frau Ambrosius verlegen. „Wer, wie Sie

in Zukunft tun wollen, von Ort zu Ort reist... sich auf der Bühne oder

im Zirkus mehr oder minder -- preisgibt, kann -- nach meinem Ermessen

-- eine Frau nicht dauernd glücklich machen... Nehmen Sie mir dieses

Wort nicht übel, Herr Freidank! und versuchen Sie, meine Gefühle als

Mutter zu verstehen....“

Thereses Neigung war noch nicht stark und unbedenklich genug, um der

Mutter mit Überzeugung gegenüber zu treten. Erziehung und Gewohnheit

stritten noch mit ihrer Liebe. Liebte sie ihn denn wirklich? fragte

Eberhard sich in Zorn und Schmerz. Oder hatte ein Rausch der Sinne sie

umgarnt, wie so viele Frauen, die den bejubelten Athleten ihre Ehre und

ihre Leidenschaft ohne Besinnen hinwarfen, die aber niemals mit ihnen

vor den Altar treten würden? Nein, Therese Ambrosius war nicht so!

An dem Nachmittage, ehe Freidank nach Amsterdam abreisen wollte, ging

Frau Ambrosius aus. Sie fühlte dunkel, daß sie die Verpflichtung hatte,

den beiden jungen Leuten eine ungestörte Abschiedsstunde zu gewähren.

„Wir wollen Freunde bleiben!“ schluchzte Therese Ambrosius, an

Eberhards Halse hängend.

„Du hattest mir mehr sein sollen, meine Geliebte! meine Süße,“ sagte er

flüsternd und küßte ihr braunes Haar. „O! die Achtung vor den Frauen,

die ich verloren habe, du solltest sie mir wiedergeben, du stolzes

Weib. Ein Vorurteil trennt uns, eine Marotte... Ich werde darüber

hinwegkommen!“ fügte er mit einem Anfluge von Hochmut hinzu.

„Aber ich nicht! Niemals!“ weinte das junge Mädchen. „Du wirst

fortgehen, Eberhard; du wirst andere Frauen lieben, die dir den Hof

machen... die dich verehren... nur weil Du als Athlet vor ihnen

stehst... Und ich werde hier bleiben, einsam... O, wie ich dich liebe!

-- Wie ich mich nach dir gesehnt habe... Tage lang -- Nächte lang...!“

Nächtelang! hatte sie gesagt, nächtelang! -- Das halblaut gesprochene

Wort drang in seine Seele, wie Trompetenstöße. Nächtelang! Es

brauste mit hellem Klang in seinen Ohren. Das war der Ruf der

Leidenschaft, der ihm noch niemals erklungen war, das war das brünstige

Locken des Weibchens, welches nach dem Gatten schrie. Und das war

nicht spielerisch gesagt und nicht unkeusch. Das war in reiner,

überwältigender Sinnlichkeit herausgestoßen, wie der naive Naturlaut

eines Tieres. Nie hatte Fritzi l’Alouette, die mit der Liebe spielte,

ihm gesagt, daß sie sich nach ihm gesehnt hatte -- Nächte lang. --

Er sprang auf, er packte sie an beiden Schultern:

„Was hast du damit gesagt, Therese? Was -- hast du -- damit -- gemeint?“

Seine Blicke bohrten sich in ihre Augen, wie Schwerter. Klar war es

zwischen ihnen, als sei ein Blitz niedergefallen. Und der junge Mann

warf sich auf die Kniee nieder, schlang die Arme um ihre Hüften, preßte

sie wild und stöhnte zu ihr hinauf, wie zu einem Heiligenbild:

„Um Gottes willen, Therese, sag: was hast du damit gemeint?“

Sein heißer Atem schlug ihr ins Gesicht, seine lodernde Leidenschaft

fuhr wie der Samum über ihre jungfräuliche Seele. Sie wollte sagen „gar

nichts hab’ ich gemeint --“ aber ihre verdorrten Lippen blieben hilflos

offen stehen und ihr Kopf bog sich nach hinten über, wie das Haupt

einer welkenden Blume.

Er sprang von den Knieen auf, er küßte ihre trockenen Lippen mit

wilden, rücksichtslosen Küssen, er riß sie in die Höhe und stöhnte,

während er sie fest umklammert hatte, unter den heftigsten Küssen:

„Was hast du gemeint, Therese?“

Sie wußte, er hatte sie recht verstanden. Oh -- nein! schrie ihre

Sittsamkeit -- um Gotteswillen, ja! schrie das Verlangen ihrer Jugend.

Und da flog in ihre Herzensangst und Leidenschaft hinein eine jähe,

wahnsinnige Hoffnung: Wenn er bliebe? Wenn es möglich wäre, den

Starken, den Geliebten zu halten?

„Liebst du mich, Therese?“ stammelte Eberhard, „Therese, liebst du

mich?“

Feuer schien aus seinen Augen zu springen. Er rang mit Therese, sie

wehrte sich. Seine Kraft war groß, aber ihre Geschmeidigkeit, die noch

einen Rest von Besonnenheit bewahrt hatte, war noch größer.

„Therese, liebst du mich?“ --

Sie riß sich plötzlich von ihm los, kreuzte die Arme über der jungen,

vollen Brust und flüsterte lockend und geheimnisvoll:

„Wenn du nicht abreist... wenn du bei mir bleibst...“

„Dann tust du mir alles zu Liebe?“

„.... Ja,“ sagte sie und schlug die Augen nieder.

„Aber Therese, ach Therese! das ist ja unmöglich....“

„Das ist schon möglich....“

Und wieder rang er mit ihr, versuchte, die schöne Beute mit Gewalt zu

nehmen. Sie sprühte vor Leidenschaft, Trotz und Abwehr, sie entwand

sich ihm mit ungeahnter Kraft...

„Und wenn ich bleibe, Therese, dann.....?“

„Dann....“

„Jetzt, Therese, in dieser Stunde, in dieser Minute...?“

„Jetzt.......“

„Therese, ich bleibe -- -- -- -- --!“

-- -- O du uralte, lockende Eva-Macht! O du schillernde Schlange

des Paradieses! -- O du Apfel in der Hand des Weibes, welcher den

Hungernden, den Dürstenden reizt und den Leidenschafterschöpften im

seligsten Rausche erquickt! -- -- -- --

In dieser Stunde wurde Therese Eberhards Geliebte und seine verlobte

Braut. --

Als Mama Ambrosius nach Hause zurückkehrte, fand sie die Liebenden Hand

in Hand am Fenster des Wohnzimmers sitzen. Sie hatten schon von der

Zukunft gesprochen, und beide strahlten von jugendlicher Zuversicht.

„Ich liebe ihn, Mutter!“ sagte Therese fröhlich, „und er bleibt hier,

er geht nicht fort... Er ist so begabt! Er wird sein Drama schreiben,

er wird Erfolg haben...“

Frau Ambrosius lächelte mütterlich:

„Ja, so -- so ist es etwas anderes, lieber -- Schwiegersohn! -- Sie

sind beide jung, Sie können warten, bis Sie... Die Geistesarbeit

wird Ihnen eine andere Karriere gewähren, als diese, diese....,“ sie

schüttelte sich ein wenig, „als diese Kraftmeierei!“

[Illustration]

XI.

Als Eberhard der Kraft untreu wurde und sich dem Geiste zuwendete, war

er auf einige Monate hinaus vor quälenden Nahrungssorgen geschützt.

Während der letzten drei Wochen der Konkurrenz, seit Beginn der

Entscheidungskämpfe, hatte er täglich fünfzig Mark verdient, seine

einfache Lebensweise aber nicht geändert, so daß er an siebenhundert

Mark Ersparnisse besaß.

Als Thereses Bräutigam hatte er von Mama Ambrosius fortziehen müssen

und nicht gar zu weit ein neues Logis gefunden. Nun gehörten seine

Tage, wie vordem, der Arbeit und der Liebe. Die sechs Wochen voll

von Triumphen, Erfahrungen und Leidenschaften lagen hinter ihm wie

ein Traum. Er wollte auch nicht mehr denken an den Traum. Jedesmal,

wenn sein Blick auf seine Hanteln traf, oder auf ein Stück seiner

Bühnenkleidung, oder auf ein Bild, das ihn im Dreß darstellte, furchte

sich seine Stirne und er hatte ein leise schmerzendes, bitteres Gefühl,

als ob er einem guten Engel aus dem Wege gegangen sei. Wenn aber

Therese ihm zur Seite war, ihre Augen ihn klug und freundlich ansahen

und ihr Mund gescheit und lieblich plauderte, zerstob der kleine

Schmerz.

Er schrieb ein Drama, und er stürzte sich mit temperamentvollem Eifer

auf die Arbeit, als gelte es, das Werk in der allerkürzesten Zeit zu

schaffen. Nach einigen Tagen besann er sich, daß sein Werk nicht vor

dem Ende des Sommers aufgeführt werden könnte. Nun teilte er die

Arbeit ein, schrieb ruhig und planmäßig. Tagelang arbeitete er in

Bibliotheken, um seinem Werke das richtige Kolorit und die lebendigen

Züge des Zeitalters geben zu können.

War seine Kraft gewachsen? Hatte die Liebe ihn umgewandelt, daß alles,

was er schrieb, unter seinen schaffenden Händen feste Formen annahm?

„Besinnen Sie sich auf Ihre Kraft!“ hatte ihm -- es war ungefähr ein

Jahr her! -- ein erfahrener Theaterdirektor gesagt.

In der Zeit, die zwischen damals und heute lag, hatte der ungelenke und

zähe Niedersachse sich auf seine ganze Kraft besonnen. Jetzt wurden

seine Gedanken präzis und logisch, jetzt rundeten sich seine Sätze

zu Fülle und Wohlklang, jetzt blühten kräftige, energische Bilder

unter den Händen auf, die starke Gegner mit kühnen Griffen erfaßt und

niedergeschleudert hatten.

Ein Bild vor allem war ihm im Gedächtnisse geblieben und hatte seine

Gedanken also durchdrungen, daß er es auch in seine Arbeit verwob: das

Bild jener Mordnacht bei Aloys Binder. Jetzt, da er still am Tische

saß, um sein Werk zu schaffen, trat der Anblick des Ermordeten greifbar

aus den Schatten der Erinnerung hervor:

Der Mann, der tot und starr auf dem buhlerischen Lager ruhte und

das Mädchen, welches mit schwarzen, entsetzten Augen auf die Leiche

stierte -- und sich mit gedankenloser Lebenslust schon auf der Treppe

wieder dem Lebendigen zuwendete, während der Tote oben allein in dem

verschlossenen Zimmer schlief.

Und es stiegen Personen und Ereignisse aus der stolzen Zeit der

italienischen Renaissance vor seinem Geiste auf. Welche Zeit war ein

einziges Loblied auf die Kraft, wie diese? Wann hatten die Starken so

selbstherrlich Gebrauch von ihrer Kraft gemacht, wie die Mächtigen zur

Zeit der Borgia und der Colonna?

Die Kraft wollte er verherrlichen, die Starken wollte er preisen, die

über Leichen in ihre Freudengemächer eingehen! -- Mit Therese besprach

er Szene für Szene seines Stückes. Er arbeitete mit Fleiß und Inbrunst.

Und als er dieses Mal das letzte Wort schrieb und nach ordentlicher

Gewohnheit einen geraden Schlußstrich darunter zog, tat er es ohne

Fieber und ohne Wildheit in dem ruhigen Bewußtsein, etwas Tüchtiges

vollendet zu haben. --

Die Arbeit hatte ihm kaum Zeit gelassen, an die Unterbringung seines

Stückes zu denken. Jetzt, da das Manuskript vollendet vor ihm lag,

befiel ihn Schrecken über seine Sorglosigkeit, und sein Mut erschlaffte

jählings. Wie? sollte auch dieses Werk nur geschrieben sein, um nach

jedem Schritte vorwärts denselben Schritt nach rückwärts zu tun?

Therese war wieder die heitere, ermutigende Trösterin. Des Abends holte

er sie vom Bureau ab und beide gingen Arm in Arm nach Hause, wo Mama

Ambrosius sie mit dem bürgerlich bestellten Abendbrottische erwartete.

Oft fühlte er sich müde, während ihre Augen trotz dem anstrengenden

Dienst des ganzen Tages glänzten. Mit ihrer Fröhlichkeit, mit ihrer

immer gleich bleibenden Zuversicht gewann sie langsam ein Übergewicht

über den Mann, welches er lächelnd anerkannte.

„Ich bitte dich, Lieber,“ sagte sie, „geh selbst zu dem

Theaterdirektor, der dich damals ermutigt hat, ihm später einmal ein

neues Stück zu bringen.“

„Therese! Ich habe wenig Hoffnung. Anerkannte Größen arbeiten für seine

Bühne. Wie käme er dazu, einen Neuen, Unbekannten einzuführen?“

„Hast du nicht auch bei Immermann Glück gehabt? Warst du als Athlet

nicht ebenso unbekannt? Habe Mut, Eberhard! Wer soll denn das Glück

zwingen, wenn es den Starken nicht gelingt!“

Therese behielt Recht mit ihrer hoffnungsvollen Zuversicht, daß dem

Starken das Glück hold ist. Mit unruhigem Herzen kam Eberhard in die

Theaterkanzlei und bat, zu dem Direktor vorgelassen zu werden.

„In welcher Angelegenheit?“ fragte der Sekretär gleichgültig und

mechanisch.

„Um mein neues Drama vorzulegen,“ erwiderte der junge Mann und sagte

seinen Namen.

Kurz darauf erschien der Sekretär unter den höflichsten Verbeugungen

wieder und bat Eberhard, ihm zu dem Bühnenleiter zu folgen. --

Ein schlimmer Winter lag hinter dem Direktor. Mißerfolge über

Mißerfolge hatte es gegeben. Stücke, an deren Erfolg der erfahrene

Theatermann kaum leise gezweifelt hatte, hatten dem Publikum mißfallen.

Nach mehreren fehlgeschlagenen Versuchen hatte er dann mit dem lauten

Getön einer geschickten Reklame das Lustspiel eines gefeierten

Dramatikers angekündigt. Dieser Dichter war einer von denen, deren

Ruhm so anerkannt und festbegründet scheint, daß ein völliges Versagen

ihrer Werke niemandem glaublich oder möglich vorkommt. -- Kaum war

die Ankündigung erlassen, so setzte eine eigentümliche, feindliche

Bewegung gegen den Dichter ein. Ruhm ist wie die Wogen des Meeres,

unberechenbar, neidisch, tückisch und treulos. Das treulose Meer

seines Ruhmes wurde gegen den Dichter von Grund aus aufgewühlt.

Jeder, der konnte, half mit, und am Abende der ersten Aufführung war

die Atmosphäre im Theater wie vor einer Explosion. Noch eher, als

man es hatte befürchten können, brach dann auch die große Woge der

Feindschaft und Mißgunst über des Dichters Werk herein. Es wurde ein

Theaterskandal, wie die Mauern des Theaters ihn noch nicht gesehen

hatten.

Nach diesen Erlebnissen hatte Direktor Holderbaum Lust, einen homo

novus zu entdecken, der ohne Feinde und ohne Freunde als ein Freier auf

den Schlachtplan des Geistes trat, und es war ihm nicht unangenehm, als

in dieser Vormittagsstunde der junge Freidank sich bei ihm melden ließ.

-- O, vielleicht brachte er es schon mit, das hoffnungsvolle Werk,

welches die kommende Saison mit einem glücklichen Erfolge einleiten und

einweihen sollte!

Die Starken: Ein Athleten-Roman · 第 11 / 17 段