Ecksalon, wo die schalen Reste des Weins in den Gläsern standen. Sie
wollte einen Schluck trinken, aber sie vermochte es nicht. Sie ging ans
Fenster, zog den Vorhang zurück, öffnete das Fenster und sah hinaus.
Sie wußte nicht, daß Eberhard Freidank unten stand und mit heißen
Blicken hinaufspähte.
Der Kopf war ihr schwer, die Haare lasteten ihr mit unnatürlicher
Wucht auf dem Schädel. Celeste schloß das Fenster und ihre Ruhe
kehrte zurück, als sie sich dem Zimmer wieder zuwendete. Dort im
Champagnerkühler lagen die weißen Papierhüllen, aus denen sie Trional
in den Wein geschüttet hatte. Sie kannte die unfehlbare Wirkung des
Schlafmittels, welches den stärksten Menschen mit tödlicher Sicherheit
in Morpheus’ Arme zwingt. Der Arzt hatte es ihr gegen Schlaflosigkeit
verschrieben. Ach, ihre Schlaflosigkeit hatte Gründe gehabt, gegen
die man nicht mit Trional ankämpft. In diesen langen, schlummerlosen
Nächten voll Sehnsucht, Scham und Reue war Celestes Seele, die von
sinnlicher Lust eingeschläfert war, grauenvoll erwacht. Sie war nun
wach, so furchtbar wach, daß sie wußte, sie würde niemals mehr Ruhe
finden. Nun sollte der Genosse ihrer Schuld schlafen, schlafen.
Die junge Frau zog die Haarnadeln aus ihrer Frisur und ließ die Haare
lose niederhängen. Dann spürte sie die leise Reibung des Haares an
ihrer bloßen Haut. Sie dachte daran, wie einst ihr Gatte, den sie
verlassen hatte, und nach ihm Aloys Binder, das volle, schwarze
Haar geliebt hatten. Wie hatte sie Aloys in heimlichen Stunden
süßer, ehebrecherischer Zärtlichkeit in ihre Haare eingehüllt und
eingesponnen, wie hatte sie ihm die schönen Strähnen um Hals und Arme
gewickelt und die dunkle Woge ihres Haares als einen Schleier über ihn
gebreitet! Jetzt war ihre Liebe zertreten und ihr Herz ausgebrannt.
Celeste warf einen unwillkürlich flehenden Blick rund um sich her,
sie bog die Kniee, sie lag auf den Knieen, rang die weißen Hände und
schluchzte lautlos:
„O Gott, o Gott, ich kann nicht anders, ich darf nicht anders, nun hilf
mir, Herr Gott!“
Es kam ihr nicht zum Bewußtsein, daß sie Gott lästerte. Ihr war es,
als wäre von dem lästerlichen Gebete Kraft von oben zum schweren
Vollbringen in ihr Herz geflossen. Mit finsterem Entschlusse stand sie
auf.
Im Schlafzimmer goß die Ampel ihr sanftes Rosenlicht auf Aloys und
Fritzi l’Alouette. Fritzi hielt noch im Schlafe kokett den Arm erhoben,
auf dem ihr zierliches Haupt ruhte. Binder schlief nach seiner
Gewohnheit auf dem Bauche liegend.
Celeste griff -- sie hatte es so lange überlegt! -- nach einem der
damastenen Handtücher und legte es mit Händen, die nicht zitterten, um
Aloys Binders Hals. Dann knüpfte sie die Enden zusammen. Sie wollte ihn
in der Handtuchschlinge erwürgen. Sie fing an zu drehen. Binder schlief
so fest, todesähnlich... Er spürte nicht, daß sie ihn würgte....
Dann ließ die Kraft ihrer Hände nach, sie suchte nach einem Knebel.
Ein buchener Kleiderbügel, der zufällig auf dem Nachttische lag,
war ein passender Knebel zum Drehen der Schlinge. Celeste drehte mit
wilder Kraft, denn jetzt -- jetzt zuckte Aloys Binder, jetzt erwachte
er unter dem mörderischen Drucke der Schlinge, jetzt setzte seine
Gegenwehr ein..... Oder waren es nur die konvulsivischen Zuckungen des
Todeskampfes?
Die kleinen, tückischen Augen! sie quollen groß aus den Höhlen, sie
schauten auf Celeste mit einem gräßlichen Blick; Schaum trat aus dem
Munde, und unter einem fürchterlichen, knarrenden Gurgeln ging die
bläuliche Zunge des Erwürgten aus dem Halse hervor. Celeste wendete
sich ab und drehte, drehte.... drehte die Schlinge.... drehte.....
* *
*
In der Morgenfrühe wurde wild an Aloys Binders Wohnungstür geklingelt.
Eberhard stand draußen und riß fast die Schelle ab. Niemand öffnete
ihm. Der helle Ton sprang von dem Korridor in die Zimmer, hüpfte auf
das breite Doppelbett im Schlafzimmer und weckte Fritzi aus törichten,
lüsternen Träumen. Schon Morgen? -- Und wo -- wo war denn Aloys Binder?
Hier war er, neben ihr... Er hatte geschlafen, wie sie....
Fritzi rieb sich die Augen, richtete sich auf und sah mit ihrem
ersten klaren Blick gerade in die erstarrten, offenen Totenaugen des
Erwürgten. Sie stieß einen entsetzlichen, gellenden Schrei aus und
sank, von allen Schauern des Todes gepackt, auf das Bett zurück. Sie
wagte nicht einmal, sich von der Leiche fort zu rühren. Sie hatte die
Beine an den Leib gezogen und lag halb kauernd auf dem Spitzenkissen,
während ein mörderisches Grauen ihre Glieder und ihre Zunge lähmte.
Käme doch nur noch einmal der Klingelton, so würde sie wagen, sich
aufzuraffen! Alles blieb still...
Dann wurde draußen die Tür vom Schlosser geöffnet. Eberhard hatte die
Wirtin, welche den gräßlichen Schrei vernommen hatte, herbeigerufen,
und man hatte die nahe Polizei alarmiert. Ein Polizeiwachtmeister kam
mit zwei Schutzleuten. Ihre harten Schritte schallten über den Flur und
stampften in den Ecksalon hinein.
„Im Namen des Königs!“ rief der Polizeiwachtmeister laut und drang mit
seinen Untergebenen in das Schlafzimmer ein. Eberhard und die Wirtsfrau
folgten ihnen.
Auf dem Bette kauerte Fritzi wie erstarrt, mit glühenden Augen, und
neben ihr lag, wie ein verendetes Tier, die Leiche Aloys Binders. Das
Gesicht des Ringkämpfers war mit blauen Flecken bedeckt, sein Haar
stand borstig in die Höhe und zwischen den blauen Lippen hing die
Zunge, zerbissen und blutig.
Auf dem Teppich vor dem Bette hockte Madame Celeste. Sie hatte ihrem
Opfer die Totenwache gehalten. Die Nacht lang, bis der Morgen graute,
hatte sie sich an dem Anblick des entstellten Gesichts geweidet.
Merkwürdig, wie dieses Antlitz sich verändert hatte, als gegen
Morgen die Ampel blasser brannte und der graue Tag auf die scharfen,
unschönen Züge fiel! Celeste hatte kein Auge von Binders Angesichte
abgewendet. Sie spürte nichts, als die gewaltige, satte Befriedigung
des Raubtieres, welches seine Gier in Blut gestillt hat.
Ein höherer Polizeibeamter trat ein, er brachte den kleinen
Pendelschlag des Alltags in die große Tragödie. Er kam, um
festzustellen, zu vernehmen....
Fritzi hatte eine Bettdecke um ihren schlanken Leib gezogen: sie
zitterte vor Frost, blickte aus entsetzten Augen auf die fremden
Menschen, konnte all das Grauen noch kaum fassen und schluchzte wie ein
Kind. Sie schämte sich... vor Eberhard... vor den Beamten... vor den
fremden Männern.... aber am allermeisten vor Eberhard ....
Madame Celeste allein saß ruhig mit untergeschlagenen Beinen auf dem
geblümten Bettvorleger. Ihr Kleid floß weich und unzerzaust um ihre
Gestalt. Die Haare hingen wie dünne Schlangen um ihre Schultern. In dem
schmerzverwüsteten Gesicht lebten nur noch die Augen, die trauerten,
daß ihnen ein großes Unrecht geschehen war.
Sie sprach auch nicht anders, als daß ihr Unrecht angetan war:
„Meinen Namen? Den wissen Sie ja. -- Ob ich....? Ja. Ich habe ihn...
ihn... Aloys Binder... erdrosselt. Ja. Warum? Was geht das Sie an? Es
war nur Revanche ... Revanche.... Erst hat er mich erdrosselt.... dann
habe ich ihn erdrosselt. Sie glauben das wieder nicht, weil ich mit
Ihnen rede. Aber er hat mich erdrosselt, seit Jahren schon.... Mehr
als das. Zertreten hat er mich, in Stücke gerissen... Was wollen Sie
wissen? --.... Streit?... Wir haben keinen Streit gehabt, nein. Ich
habe ihn mit seiner Geliebten zu Bett gebracht.... erst die Geliebte,
dann ihn... und dann... habe ich ihn erwürgt, ja. -- Ich? Reue?....“
Celeste lachte, ein schreckliches, klirrendes Lachen.
Sie hatte den Verstand verloren.
Dann waren sie alle fort. Man hatte Fritzi l’Alouette gestattet, sich
anzukleiden und in ihre Wohnung zu gehen. Selbst schwankend, wie ein
Trunkener, ergriff Eberhard Freidank Fritzis Arm und führte sie fort.
„Eberhard!“ begann sie schüchtern, indem sie sich wie ein Kätzchen an
seinem Ärmel rieb, „Ebi... lasse dir erklären ...“
„Spare deine Erklärungen,“ sagte er langsam. „Dazu ist es zu spät. Ich
bin dir nicht böse. Du bist eben eine Dirne... Du hast eben einen ganz
erbärmlichen, jämmerlichen Charakter... Darüber ist nichts zu heulen,
Fritzi! Ich nehm’ dich, wie du bist.... Es wäre dumm, dir aus deiner
Niederträchtigkeit einen Vorwurf zu machen....“
„Der Aloys....,“ sprach Fritzi weinend, „der Binder....“
„Hör’ auf!“ unterbrach der Ringkämpfer sie brutal. „Der Binder.... er
ist tot.... Verstehst du, Fritzi, er ist tot für mich! Ich will ihn
nie mehr in deinem Munde hören.... Du erbärmliches, niedriges Ding! Du
Nichts! Du Dirne!! --“ er rüttelte mit seinen Eisenfäusten an ihrer
schlanken Schulter, „versteh’ mich, der Binder ist tot!“
[Illustration]
X.
„Hören Sie, Roland!“ sagte Thyssen zu Eberhard Freidank, „ich habe mir
da von Immermann allerhand über Sie erzählen lassen. Sie sind Student
oder Schriftsteller, oder?!“
Eberhard sah einen Augenblick finster vor sich hin und erwiderte:
„Ich war. Das ist endgültig abgetan.“
„Das ist ein Wort!“ sprach Thyssen. „Ihre Gründe gehen mich natürlich
nichts an.... nein, ich frage nicht danach. Sie wollen also Ringkämpfer
bleiben. Sie sind zwar noch neu... das schadet aber nichts...“
Die Athleten wußten untereinander nicht genug Gehässiges von Thyssens
Geiz und Eigennutz zu erzählen. Alle paar Tage kursierte eine neue
Anekdote, wie Thyssen versucht haben sollte, die von ihm engagierten
Ringkämpfer zu übervorteilen. Darum horchte Freidank auf, was Thyssen
ihm für Vorschläge machen würde.
„Der Binder ist aus der Konkurrenz heraus,“ fuhr Thyssen fort. „Schade
um ihn! Er schlug eine meisterhafte Pirouette... Auch der Skandal um
seine Ermordung war ja übel... Aber.... Was wollen Sie, dergleichen
bringt das Geschäft so mit sich! Die kleine, schwarze Chansonette, der
Sie wohl inzwischen den Laufpaß gegeben haben, war nicht daran schuld,
wenn sie auch eine sehr verliebte kleine Krabbe ist... Nun, das sind
alles Privatangelegenheiten! Das interessiert mich nicht! Hauptsache:
Binder ist heraus. Er war als voraussichtlicher dritter Preisträger
engagiert...“
Thyssen brach ab und spielte mit seinem Portefeuille. Er ordnete die
Reichskassenscheine darin nach Farben und Jahrgängen. Dazwischen sagte
er unvermittelt:
„Sollte man es glauben? -- Ihre Freundin, die kleine Fritzi, behauptete
neulich, noch keinen Tausendmarkschein zu kennen. Ein so hübsches
Mädchen... keinen Tausendmarkschein ....“
Eberhard blickte abwartend vor sich hin auf das dunkelgraue, polierte
Tischchen des Kaffeehauses. In drei und einer halben Woche unter den
Ringkämpfern hatte er gelernt, sich nicht mehr aufzuregen, wenn seine
Geliebte in die Unterhaltung gezogen wurde. Thyssen begann wieder:
„Ich Erster, nicht wahr. Meinken Zweiter. Binder Dritter. -- Nun
brauche ich doch einen andern Dritten, nicht wahr...“
Eberhard sah den Weltmeister an; das Blut schoß ihm ins Gesicht bis
über die hohe Stirn, seine Augen strahlten:
„Und das sollt’ ich sein? Ich?“
„Warum denn nicht,“ sagte Thyssen. „Wer denn sonst?“
„O....,“ Eberhard errötete abermals vor Stolz und froher Überraschung,
„Muyden..., Roditscheff..., Gomez..., Forgeron..., Petrocchi...,
Kiesling...“
„Sie werden alle zweiundzwanzig aufzählen,“ sprach Thyssen ironisch.
„Aber Sie sind neu... Sie wissen auch noch nicht recht Bescheid unter
unsern Leuten. Darum werde ich Ihnen mal explizieren, warum die alle
nicht in Betracht kommen. Muyden ist nie Dritter, verstehn Sie, nie...
Entweder Erster oder gar nicht... Kurz, Muyden zieht sich heute abend,
beim Ringen mit dem ohnehin unbeliebten Spanier, eine Muskelzerreißung
zu, wird von der Bühne getragen und reist ab. -- Gomez... der grobe
Patron? Das Publikum würde ihn mit Bierseideln werfen... Forgeron,
einen Franzosen? Ausgeschlossen. Wir sind doch Patrioten, nicht? --
Petrocchi, Preisträger? Er hat ohnedies den Größenwahn, weil sein Hals
52 Zentimeter dick ist und geht mit dem Plane um, eine eigene Tournee
zu begründen... Kiesling aber ist in meinen Augen ein Lump. Ich kann
den Kerl nicht leiden. Und Roditscheff ist sein Freund, verstehen Sie.
Ich kann die beiden Kerle nicht leiden...“
Das sagte er ohne Begründung, Haß in Augen und Stimme.
„Bleiben +Sie+,“ fuhr Thyssen fort. „Sie wissen, daß auch ein
seriöser Geldpreis damit verbunden ist. Aber das ist nicht die
Hauptsache. Es ist wegen der Reklame. In meiner Konkurrenz Dritter, als
Neuling -- das leuchtet Ihnen ein, was Sie dadurch für Ihre Karriere
profitieren...“
„Das würden Sie...?“ sagte Freidank stammelnd, „das wollten Sie...?“
Er griff nach Thyssens Hand, die schön und fest auf dem Tische lag, und
preßte sie in ehrgeiziger Leidenschaft:
„Herr Thyssen! -- und wodurch könnte ich das wettmachen? Was könnte ich
Ihnen denn dafür...?“
Thyssen zögerte. Leicht wurde ihm die Antwort nicht, diesem anständigen
und freudestrahlenden Jüngling gegenüber. Aber dann -- weshalb hätte
er sonst das Gespräch bis auf diesen Punkt gebracht? Er handelte doch
schließlich auch sehr anständig, er bot Freidank einen Vorteil, der des
Preises wert war...
„Ihre verflossene... oder halbverflossene Fritzi...,“ sagte er.
Eberhard war betroffen, nicht beleidigt. Wie? Fritzi, welche durch
ihre Beteiligung an dem großen Skandal so stark kompromittiert war,
daß sie kaum unbehelligt durch die Straße gehen konnte, sie gerade
hatte das Wohlgefallen des wählerischen, exklusiven Champions erregt?
Er wunderte sich selbst, daß sich keine Eifersucht noch Zorn über die
Zumutung, eine Geliebte um den dritten Preis zu verschachern, in seinem
Herzen regte. Er freute sich nur, daß er sie los wurde! --
Er verbarg sein spöttisches Lächeln und sagte:
„Abgemacht! -- ich werde Dritter und Sie nehmen Fritzi l’Alouette -- zu
Deutsch die Lerche. Hoffentlich singt sie Ihnen ein netteres Lied vor,
als mir... und dem Binder...“
„Ach, Sie verekeln sie mir nicht --!“ erwiderte Thyssen, „ich
bin ein wenig resigniert... Vorgänger stören mich nicht mehr...
Kein Mensch findet, was er sucht. Ich, wissen Sie, ich liebe die
Kleinen, Schlanken, Zarten... Ich liebe sechzehnjährige Jugend...
Und gerade diese Kleinen... es gehört Zeit dazu, in ihnen die Liebe
zu erwecken. Diese Zeit habe ich nicht, nirgends... Da helfe ich mir
mit Surrogaten... Fritzi l’Alouette -- sie hat so schmale Schultern,
so kindliche Hüften... so naive Händchen... sie tanzt so rührend
ungeschickt...“
So war Fritzi l’Alouette Thyssens Freundin und Begleiterin geworden,
zwei Tage vor Beginn des neuen Jahres, eine Woche nach Aloys
Binders elendem Sterben. Die „fröhliche, selige“ Weihnachtszeit lag
dazwischen. Eberhard hatte es nicht über sich gewonnen, die festlichen
Tage mit Fritzi zu verleben. Am Weihnachtsabende, als das Theater
geschlossen war, hatte er allein zu Hause gesessen und trüben Gedanken
nachgehangen, bis Frau Ambrosius an seine Tür geklopft und ihn gebeten
hatte, an ihrer Weihnachtsfeier teilzunehmen.
Die Damen Ambrosius hatten einen kleinen, hübschen Tannenbaum nur mit
wächsernen Engelchen und Kerzen aus weißem Wachsstock aufgeputzt. Als
die Lichter freundlich brannten, kam Freidank dazu und schämte sich,
daß er mit leeren Händen kam. Aber das Beschenken war nicht Mode bei
Mama Ambrosius. Man freute sich einfach an einem gut zubereiteten,
hübsch servierten Mahle, am Glanz der Flammen, dem herben Waldduft der
Tanne und dem süßen Honigduft des heißen Wachses. Schließlich hatte
Therese doch, ein wenig verschämt, ein Monogramm herbeigeholt, welches
sie in ihren Freistunden mit Goldfäden auf schwarze Seide gestickt
hatte. Es war sehr nett, sehr gemütlich und festlich gewesen, und
Eberhard hatte sich in dieser Atmosphäre von bürgerlicher Behaglichkeit
und Wohlanständigkeit den ganzen Abend lang sehr wohl gefühlt, bis Mama
Ambrosius den Fehler beging, von Adolf Tönnies zu sprechen.
Tönnies hatte sich natürlich nie mehr blicken lassen, zum großen
Schmerze von Mama Ambrosius, die ihn als einen annehmbaren Verehrer
Thereses estimierte. Als Therese auf einige Minuten in die Küche
gegangen war, scheute sich Frau Ambrosius nicht, offen mit Eberhard
über diese Idee zu sprechen:
„Er ist noch jung, Herr Freidank! Genau so alt, wie Therese. Aber
immerhin... sie könnten warten... Therese hat inzwischen ihr sicheres
Brot! Ein studierter Mann, Herr Freidank, ist ein studierter Mann....
Was sagen Sie dazu?“
„Sie haben recht, Frau Ambrosius,“ sagte der Ringkämpfer kalt. „Nur
hoffe ich von Fräulein Thereses gutem Geschmack, daß sie nach der
Zuneigung wählen wird und nicht nach dem Studium.“
„Begeben Sie sich an das Studium meiner selbstgebackenen
Weihnachtskringel!“ rief Therese, die beim Eintreten das letzte Wort
gehört hatte, und stellte mit dem Erscheinen ihrer frischen, gesunden
und heiteren Persönlichkeit die gute Laune wieder her. Aber Eberhard
war nicht mehr recht froh geworden. Er gönnte Therese keinem jener
falschen Freunde, die ihn ausgeschlossen und verstoßen hatten. Mit
bitterem Gefühl bedachte er, daß Mama Ambrosius Lust hatte, ihre
Tochter für diesen Tönnies aufzusparen, für diesen engherzigen Menschen
das blühende, lebenslustige Mädchen zu reservieren und einzusperren...
In den Feiertagen hatte er alle früheren Bekannten gemieden und
nur einige Zechgelage der Ringkämpfer mitgemacht. Es war aber kein
Vergnügen. Sobald es ans Trinken kam, gaben sie sich sämtlich der
ärgsten Ausschweifung hin. Am schlimmsten trieben es jeweils Sala ben
Brahim, der Mohammedaner, und der „Stier von Granada.“ In der näheren
und weiteren Umgebung des Odeontheaters war Manuel Gomez wegen seiner
Trinksitten in allen Bierlokalen und Kaffeehäusern gefürchtet, seit er
aus Wut über einen Kellner, der ihn nicht schnell genug bedient hatte,
mit einem einzigen Fausthiebe eine starke, marmorne Tischplatte in drei
Stücke geschlagen hatte. In einem andern Lokal hatte er ein Stuhlbein
abgerissen und sämtliche Gäste hinausgejagt, weil der Wirt dem bis zur
Sinnlosigkeit Berauschten nichts mehr verabreichen wollte. Den Wirt
und die Kellner hatte er bis unter das Büfett gejagt, wo sie zitternd
hockten und um ihr Leben baten. Als endlich ein Schutzmann erschien,
trieb Manuel auch diesen mit dem drohend geschwungenen Stuhlbein in die
Flucht und ging dann, die Jockeimütze auf dem schwarzen Lockenkopf,
die riesigen Tatzen in den Taschen der großkarrierten Hose, als Sieger
unbehelligt nach Hause.
Mit diesen Kameraden wollte Freidank nicht Silvester feiern und ließ
sich von Mama Ambrosius einladen. Nachmittags ging er aus und schickte
einen dicken Karpfen, braune, verzuckerte Silvesterpfannkuchen, Konfekt
und alle Zutaten zu einem kräftigen Punsch ins Haus. Abends hatte
er nicht zu ringen und kam zeitig aus dem Theater. Man hatte seine
Sendung vergnügt und ohne Ziererei angenommen und eine appetitliche
Festmahlzeit zubereitet. Als um Mitternacht der Punsch in einer
porzellanenen Suppenterrine brennend auf den Tisch kam, als die Gläser
gefüllt waren und die Frauen mit ihrem Gaste auf alles Gute im neuen
Jahre anstießen, meinte Eberhard, seit undenklicher Zeit nicht so
glücklich gewesen zu sein. Vielleicht bestand auch sein Glück nur in
dem Hauche von Gesundheit und Jugendfülle, der von Therese Ambrosius
ausging und sich wohltätig an Freidanks überreizte Nerven anschmiegte.
Sie hatte eine helle Bluse an, die den Hals frei ließ, und ihre
braunen Zöpfe waren als einfacher Kranz rund um den Kopf gesteckt.
Sie sah heute nicht wie eine Diana aus, sondern wie ein hübsches,
lustiges junges Mädchen. Eberhard vergaß die Schatten des Todes,
unter denen seine Liebe zu Fritzi in Asche zusammengesunken war,
und gab sich ohne Nebengedanken dem Reize dieser ungefälschten
Behaglichkeit hin. Zum Überflusse tat ihnen Mama Ambrosius, die an
starke Getränke nicht gewöhnt war, absichtslos den Gefallen, in ihrer
Sofaecke einzuschlummern. Sie hatte die verarbeiteten Hände über dem
altmodischen Grünseidenen gefaltet und lächelte im Schlaf.
Dann wollte Eberhard frisch eingeschenkt haben und hielt Therese sein
Glas hin. Lachend griff sie nach der Suppenkelle, die als Schöpflöffel
diente, und füllte das Glas. Als sie es zurückreichte, hielt er ihre
Hand fest und bat sie, den ersten Schluck zu trinken. Er trank an
derselben Stelle, wo ihre Lippen geruht hatten, und als sich ihre Augen
dabei trafen und Eberhard ihre natürliche Verlegenheit sah, nahm er die
liebliche Stunde wahr und küßte Fräulein Therese Ambrosius.
Therese war zweiundzwanzig Jahre alt, und sie hatte bis zu dieser
Silvesternacht nie geküßt. Von ihren Lippen ging ein reizender,
frischer Hauch aus, der Hauch naiver, jungfräulicher Sinnlichkeit. Der
junge Mann konnte sich an diesem blühenden Munde mit den gesunden,
klaren Zähnen nicht sattküssen, er legte den Arm um Thereses Schulter
und zog sie nah, noch näher, er bog den wohlgestalteten Hals zurück
und fand kein Ende des fröhlichen Kusses, und da endlich spürte er den
sanften Gegendruck von ihren Lippen.
Aber im nämlichen Augenblicke löste sie sich schnell und kraftvoll aus
seinen Armen, trat einen Schritt zurück, streckte die Hände zur Abwehr
vor und sprach bestürzt:
„O, was tun Sie da? -- Was haben wir getan?“
„Fräulein Therese --,“ sagte er, „liebe Therese!“ Und er wollte sie
wieder an sich ziehen. Aber Therese schaute ihm mit Schrecken und
Abwehr ins Gesicht und stammelte:
„O -- nein! Tun Sie das niemals mehr! O Gott, das ist eine Sünde!“
„Liebe Therese!“ sagte er milde, „gegen wen wäre das Sünde, daß Sie gut
zu mir sind?“
Das junge Mädchen zögerte, sah ihn zweifelnd an, und Tränen stiegen in
ihre Augen; dann deckte sie die Augen mit der Hand und flüsterte:
„Es wäre Sünde gegen Ihre Braut.“
„Ich habe keine Braut mehr, Therese,“ sprach er und seine Stimme
zitterte, „und die Sie meinen, Therese, verdient nicht, von Ihnen
genannt zu werden. Fragen Sie nicht, wenn Sie es nicht wissen, und
bemitleiden Sie niemanden, Therese... Schenken Sie Ihr Mitleid dem
armen Wandersmann, der vor Ihnen steht und um Ihre Güte bittet...“
Therese wollte sagen: so schnell machen Sie sich von Banden und von
Treue los? Aber sie brachte das harte Wort nicht über die Lippen,
als sie ihm in die aufrichtigen Augen sah. In denen stand Schmerz und
Erschütterung über die jüngste Vergangenheit, und neue, freundliche
Hoffnung. Und ein Lächeln schwebte um seinen Mund, das war so rein und
liebevoll, daß Therese vertrauensvoll ihre Arme freiwillig um seinen
Hals schlang und ihm im Sturme heißer Jugend seine Küsse wiedergab.
Dann kamen freundliche Tage und Abende voll Liebe und Heimlichkeit.
Wenn Freidank und Therese sich in der Wohnung begegneten, sahen
sie einander nur an und lächelten, ein liebes Lächeln des
Einverständnisses. Zum ersten Male in ihrem Leben hatte Therese
vor ihrer Mutter ein verliebtes Geheimnis. Zum ersten Male kam sie
unregelmäßig aus dem Telephondienste nach Hause. Er holte sie aus dem
Bureau ab und sie ging mit ihm spazieren, stolz von ihm am Arme geführt.
Einmal fragte sie ihn nach seinen Kollegen. In übermütiger Laune
ging er mit ihr in das Kaffeehaus, wo die Athleten nachmittags saßen
und Karten spielten. Einige spielten mit fremden Herren, reichen
Kaufleuten, Offizieren in Zivil und Bankiers, die sich eine Ehre daraus
machten, an die berühmten Champions Geld zu verlieren. Denn die Fremden
verloren immer. Die Athleten spielten mit ihren Partnern Hazard mit
zwei Spielen französischer Karten. Die Spielregeln waren, wie es den
Anschein hatte, merkwürdig primitiv. Die Anfänger lachten darüber und
behaupteten, das Spiel wäre harmloser wie Sechsundsechzig. Aber wenn
sie einige Stunden gespielt hatten, waren sie auf die primitivste Weise
ein kleines Vermögen losgeworden.
Thyssen spielte mit Kiesling. Sie haßten einander, aber die
Leidenschaft für die Karten trieb sie immer wieder zusammen. Heute
hatte Kiesling beharrlich Unglück. Seine schmalen Lippen waren fest
aufeinander gepreßt, seine Augen waren ganz klein und von den Lidern
fast bedeckt. Die Passion des Spiels hatte in das hübsche Gesicht des
jungen Mannes tiefe, häßliche Furchen gezogen.
Roditscheff, der nur selten spielte, ging an Kiesling heran und sagte
halblaut:
„Höre auf, Paul! Du weißt, daß du von ihm nichts erbst.“