gezählt. Der kleine, lustige Tönnies sprang sofort auf, drückte
Eberhard herzlich beide Hände und zog ihn auf den Platz neben
sich, den ein Fuchs alsbald räumen mußte. Es war kurz vor Beginn
der Fidelitas. Frohe Gemeinsamkeit strahlte allen diesen jungen,
enthusiastischen jungen Männern aus den Augen, gemeinschaftliche
Interessen, gemeinschaftliche Hoffnungen zogen ihren Zauberring um den
Jünglingskreis. Eberhard beantwortete heiter ein paar Fragen, tat den
Freunden mit dem kühlen, schäumenden Bier Bescheid und lehnte sich
dann, das Kneipcerevis auf dem Kopfe, behaglich hintenüber mit dem
vollen Frohgefühl: Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein! --
In der Ecke stand ein Weihnachtsbaum, der von den Füchsen scherzhaft
und phantastisch herausgeputzt war. Zur Beleuchtung des Baumes
hatte man zufällig starke, gelbe Wachskerzen gekauft, die ihren
süßen, edlen Duft in feinen Wogen durch das Kneipzimmer sandten. Die
Lichter knisterten leise; man hatte ein mechanisches Musikinstrument
eingestellt, welches nun einen großen Kinderchor erklingen ließ. Wie
aus weiter Ferne, aber dennoch deutlich, zogen die glücklich-naiven
Worte dahin:
„O, du fröhliche,
O, du selige,
Gnadenbringende Weihnachtszeit!“
Von den Wänden grüßten die vertrauten Bilder alter Kommilitonen; das
Bild Andreas Gryphius’ war von einer jungen, pietätvollen Hand mit
grünen Tannenzweigen bekränzt worden. Die jungen Männer, der holden
Kinderzeit noch nah und nicht entfremdet, wollten sämtlich unter Lachen
und Necken ihre mildgerührte Stimmung verbergen und vermochten es
nicht....
„Christ ist erschienen,
Uns zu entsühnen.
Freue dich, freue dich, o Christenheit!“
Der Kinderchor sang’s aus der Walze des leblosen Musikinstrumentes
heraus. Und wieder einmal, wie so oft, träumte Eberhard von ernster
Geistesarbeit und ehrlichen Erfolgen, von stillem Schaffen und Freude
an erreichten Zielen....
-- Die Kneipe der Munichen im oberen Stockwerk war schon zu Ende.
Man hatte sie ihr Kneipzimmer verlassen und die Treppe hinabsteigen
hören. Dann trat Tönnies einmal zufällig auf den Treppenflur hinaus und
lief gegen einen Munichen an, der gerade die dunkle Treppe herabkam. Er
entschuldigte sich höflich und bat den Munichen, ein Weilchen Gast der
Gryphianer zu sein. Gemeinsam traten beide junge Männer ein. Die Türe
blieb offen stehen. Ein kalter Luftzug fuhr Freidank ins Gesicht; er
drehte sich um:
„Tönnies, bitte, schließe die Tür!“
Der Muniche sah Freidank ins Gesicht, fragend, erschrocken, unsicher...
Aber er hatte keine Zeit, irgendwelche Zweifel oder Vermutungen
auszusprechen, da er von dem Kneippräsiden begrüßt und gastfrei
aufgenommen wurde. Eine halbe Stunde flog dahin in munterem Gespräch.
Und dann, jäh, zwingend, wie das Grauen sich immer zu nahen pflegt,
trat plötzlich ein unsichtbarer, eisiger Gast in den Kreis der jungen
Männer, lähmte die plaudernden Lippen, hielt den Schlag der Herzen
zurück. Das Schweigen breitete sich aus, jeder fühlte es, obwohl
es keiner sah, ohne Grund richteten alle Augen sich auf Eberhard
Freidank....
Aber der Präside sprang auf; mit einem Schwerthieb wollte er das Grauen
töten, entzweischneiden, in Nichts auflösen:
„Freidank! Kommilitone Freidank! von Herrn Höpfner-Munichiae ist soeben
eine -- ganz -- erstaunliche -- Beschuldigung gegen dich erhoben
worden....“
Die Stimme des jungen Mannes bebte, die jungen, zuckenden Lippen
wollten den Dienst versagen. Zu ungeheuerlich erschien ihm die
Behauptung des Munichen, zu phantastisch die Idee.... Er rang nach
Haltung und fuhr fort:
„Du sollst -- im Odeontheater -- einer der Konkurrenzathleten sein,
du sollst -- heute abend -- mit einem -- gerungen haben.... Freidank,
sage, daß es nicht wahr ist......“
Unser Leben ist ein Würfelspiel; wir heben die Würfelbecher, betrachten
die Würfel, zählen die Augen, wägen unsere Chancen.... Aber manchmal
nimmt uns Einer den Becher aus der Hand, schüttelt ihn und schleudert
den Inhalt heraus, daß wir das Aufklirren der beinernen Würfel hören.
Ich habe es in schrecklichen Stunden gehört, und vielleicht auch du,
und du kennst vielleicht das Grauen jener Sekunden, in denen die
Schicksalswürfel dröhnend niederfallen. --
Eberhard Freidank stand auf und sagte leise und ernsthaft:
„Ja, das ist wahr.“
In schweigender Erschütterung blickten die jungen Männer vor sich
nieder. Alle hatten sich erhoben. Der Muniche stand blaß und
abgewendet, selbst ergriffen von der Wirkung seiner Anklage.
Freidank machte eine unwillkürliche Bewegung, um das Zimmer zu
verlassen. Da faßte sich der Präside und sagte, ohne seinen Schmerz zu
verhehlen:
„Freidank, das tut mir weh, -- bei Gott, -- als ob’s mein eigener
Bruder wäre... Du warst uns wie ein Bruder, Freidank.... Aber... daß
man das sagen muß! -- Freidank, so leid es uns allen tut... aber....
Mit der blanken Waffe.... ist das nicht auszutragen....“
„Ich weiß schon,“ sagte Freidank erschöpft. „Lebt wohl! Und es soll
euch im Leben gut gehn, und ihr sollt erreichen, was ihr erstrebt.“
Und er wendete sich zur Türe. Keiner hielt ihn zurück. Im Flur gab der
Vereinsdiener ihm den Mantel um und reichte ihm die Pelzmütze. Da kam
ihm einer nach: das war Tönnies.
„Verzeih,“ sagte Adolf Tönnies gedrückt, „ich schuldete dir noch fünf
Mark, Freidank... Erlaube, daß ich diese Schuld berichtige....“
Alles, was vorhergegangen war, war nichts gegen diesen Schmerz. Adolf
brachte ihm fünf Mark zurück, die er wohl von dem Studenten hatte
leihen können, von dem Ringkämpfer aber nicht...
„Deshalb bist du mir nachgegangen, Tönnies?.....“
„Pardon --, ja, deshalb! Denn ich fürchte, daß ich in Zukunft dazu
keine Gelegenheit mehr haben Werde, in Anbetracht deiner neuen
Karriere....“
Freidank ließ das Silberstück fallen, daß es klirrend fortrollte. --
Die meisten Straßenlaternen waren ausgelöscht; die Straße war noch
finsterer. Tauwind flog über die Stadt, fraß die letzten Schneereste
und glitt weich durch die Haare des Ausgestoßenen. Eberhard hatte
keinen Gedanken....
Ein einsames Mädchen strich langsam vorbei; da fiel ihm Fritzi ein. „Zu
Fritzi!“ sagte er sehr sanft vor sich hin, und ein liebeseliger Frieden
zog in sein Herz ein, „zu Fritzi!“
Er kam an das Haus, wo Fritzi wohnte, stieg vorsichtig die Treppen
hinauf und schloß die Türe auf. Er wollte das kranke Mädchen nur sehen,
einen Kuß auf ihre weiße Stirn drücken und wieder von dannen gehen.
Aber das Zimmer war leer, und Fritzi war nicht darin.
Er sah sich um, er griff an seine Stirn. Wahrhaftig, es war Fritzis
Zimmer.... Das Bett war unberührt, das Mädchen war nicht heimgekommen.
Er stand eine Weile am Fenster und sah zwecklos hinaus, dann fing
er an, zu toben und zu fluchen. Das Dröhnen seiner Stimme lockte
Frau Krichelmann, die Wirtin, herbei. Sie erschien in Nachtjacke und
Unterrock und fragte entsetzt, was geschehen sei?
„Sie wissen es besser als ich!“ stöhnte Freidank, „wo ist Fritzi?“
„Das Fräulein Fritzi?“ Die Wirtin besann sich nach einer Lüge, „das
Fräulein Fritzi ist, so viel ich weiß, zu Fräulein Liane gegangen....“
„Liane!“ sagte Eberhard bebend, „aber Liane ist nicht in Berlin...
Fritzi ist anderswo... Wenn Sie keine Wahrheit wissen, so sagen Sie
wenigstens keine offne Lüge....“
„Das dürfen Sie mir nicht ins Gesicht sagen!“ erwiderte Frau
Krichelmann, „ich habe Fräulein Fritzi nicht zu hüten! Ich weiß nur,
daß sie bei Fräulein Liane schlafen wollte! -- Sie zahlen pünktlich
die Miete für Fräulein Fritzi, Sie sind mir ein lieber Mieter, Herr
Freidank! aber ich bitte Sie, machen Sie keinen Lärm hier.... mitten in
der Nacht....“
Freidank warf die Türe zu und jagte die Treppen hinunter. Er dachte
daran, wie er sie vor drei Wochen unter tausend Zweifelschmerzen
gesucht und nicht gefunden hatte und ihr dann selber untreu geworden
war.... Er hatte nie den Mut gefunden, Fritzi zu fragen, wo sie jenen
Abend verlebt hatte. Und heute? -- Ganz flüchtig kamen ihm Aloys
Binders Reden in den Sinn. Aber das war nichts, konnte nichts sein, als
haltlose Prahlerei. Seine Fritzi... und dieser rohe, tierische Mensch
mit der niedrigen Stirn und dem steilen, borstigen Haar... Und dann --
bei dem Kampfe des heutigen Abends mochten Binder die Liebesgedanken
für diese Nacht wohl gründlich vergangen sein. --
Eberhard lief durch die Straßen; ohne daß er eigentlich die Absicht
hatte, gelangte er zu dem Hause, in dem Aloys Binder mit Madame Celeste
wohnte. Die drei Fenster im ersten Stock, die dicht verhängt waren,
gehörten zu Binders Zimmern. Schmale Lichtstreifen schimmerten durch
die Ritzen. Jetzt wurde an einem Fenster der Vorhang aufgezogen und das
Fenster geöffnet. Eine weibliche Gestalt beugte sich hinaus, sah den
Himmel an, trat wieder zurück und schloß die Fenster. Eberhard hatte
sie genau erkannt; es war Madame Celestes zarte, schlanke Silhouette. --
Die Nacht ging schon auf den Morgen zu. Ein dünner, warmer Regen
floß grau aus schweren Wolken. Eberhard ging mit matter Seele und
erschlafften Sinnen in das Kaffeehaus, in dem die Ringkämpfer den
größten Teil ihrer Nächte zuzubringen pflegten. Jetzt erst gehörte er
ganz zu ihnen....
Aber die Kollegen waren zum größten Teil schon fortgegangen; nur Manuel
Gomez und der stille Türke waren noch anwesend. Der unverträgliche
Spanier fand keinen Zechgenossen mehr außer dem Türken, mit dem er sich
in keiner Sprache verständigen konnte. Faul, fast unbeweglich, lagen
sie auf den Stühlen und betranken sich schweigend.
Eberhard ging aufs Geratewohl in ein anderes Kaffeehaus hinein. Dort
saßen, vor neugierigen Blicken durch einen Vorhang ein wenig geschützt,
Kiesling, Roditscheff und Leonie Krömer. Leonie erschrak, als sie
Freidank erblickte, aber Kiesling beruhigte sie:
„Der spricht nicht, Fräulein, er ist ein honetter Kerl! ... Am besten,
wir holen ihn an unsern Tisch und lassen ihn merken, daß er zu
schweigen hat....“
Eberhard kam. Er hatte die Situation schnell begriffen. Leonie saß mit
dem Russen auf dem kleinen, roten Ecksofa und hielt die schönen Augen
auf den Maiglöckchenstrauß gesenkt, den Roditscheff ihr gebracht hatte.
Ihre letzte Widerstandskraft war zerbrochen. Von Zeit zu Zeit zuckte es
leise um ihren Mund, ein Lächeln schamvoller Verlegenheit. Aber ihre
Seele hatte sich dem riesigen, helläugigen Ringkämpfer schon ergeben.
Leonie wartete in Scham und Sehnsucht, bis Sergej sie an der Hand
nehmen und im Triumphe als sein Eigentum und sein Liebchen nach Hause
führen würde....
„Hatten Sie ein Stelldichein hier, Roland?“ fragte Kiesling mit seinem
flüchtigen, schmalen Lächeln. „Alsdann ist Ihnen die Dame ausgerückt,
wie mir scheint.“
Freidank kämpfte mit sich. Sollte er sprechen und Fritzi
kompromittieren? Aber die beiden, die von ihm Verschwiegenheit über
Fräulein Krömer erwarteten, konnten ihn vielleicht aufklären, konnten
vielleicht die zermalmende Ungewißheit lösen.
„Kein Stelldichein,“ sagte er, und seine Stimme klang rauh. „Ich suchte
meine -- Freundin... Fräulein Fritzi .... Sie ist nicht zu Hause....“
Freidank sah den Blick des Einverständnisses, den Kiesling und
Roditscheff wechselten. Also sie wußten... wußten mehr, wie er selber
wußte....
Kiesling war ein verschwiegener Mensch und konnte Skandalgeschichten
nicht leiden. Aber in diesem Augenblicke hielt er es für eine
natürliche Anstandspflicht, Freidank zu warnen:
„Hören Sie, Roland --! Meine Affaire ist es nicht.... Aber, wenn Sie
klug sind, so ziehen Sie Ihre Hände zurück ..... Wir sprechen doch,
nicht wahr, von Fräulein Fritzi l’Alouette, der Chansonette. Fräulein
Fritzi l’Alouette ist heute abend beim Binder.“
Und er nickte ernsthaft mit dem Kopfe. --
Freidank ließ die Faust auf den Tisch fallen. Das Blut war aus seinen
Lippen gewichen, seine Augen wurden starr:
„Das wissen Sie? -- das ist sicher und wahrhaftig, und nicht nur eine
von den vielen Klatschgeschichten aus der Garderobe, daß es der Binder
mit meiner Fritzi hat?“ --
„.... Also zeig’s ihm, Sergej,“ sagte Kiesling.
Der Russe zog ein juchtenes Portefeuille und sah mit nachdenklichem
Gesicht eine Anzahl Bilder durch. Einen Augenblick hielt er das
Momentbild aus der Photographenbude vom Rummelplatze zwischen den
Fingern und legte es dann schweigend vor Eberhard auf den Tisch.
Das Bild stellte Fritzi inmitten ihrer beiden Begleiter dar. Sie war
gar nicht zu verkennen. Den Lockenkopf mit dem kecken Pelzmützchen
hatte sie zärtlich an Binders Schulter gelehnt, und Binder hielt sie
fest im Arm, die Hand auf ihre zierliche Taille gepreßt....
„Ich danke Ihnen,“ sagte Freidank heiser. „Ich danke Ihnen vielmals.
Ja, das ist Fritzi.“ --
[Illustration]
IX.
Eine halbe Stunde vor Mitternacht kam Aloys Binder aus dem Odeontheater
und traf an der nächsten Straßenecke Fräulein Fritzi l’Alouette.
Fritzi ging bereits seit einer vollen Stunde an dem Platze auf und
ab und dachte daran, daß Eberhard sie niemals hatte warten lassen.
Nur flüchtig kam ihr indessen der Gedanke, heim zu gehen und den
Ringkämpfer im Stiche zu lassen. Sie fürchtete sich vor diesem
Menschen, der doch gegen sie bisher nur sanft und freundlich gewesen
war. So wartete sie mit einem seltsamen Gemisch von Zorn und Demut
im Herzen. Als Binder endlich kam, machte Fritzi ihm nachträglich
Vorwürfe. Er hörte sie schweigend an und sagte nach mehreren Minuten:
„Es wird Tauwetter, du kleine Katze!“
„Was hat das mit meinem Warten zu tun?“ fragte Fritzi verblüfft.
„Nichts!“ erwiderte Binder lächelnd, indem er die Zähne zeigte, „wie
lange du gewartet hast, ist mir höchst gleichgültig, du schwarzes
Kätzchen! Du mußt auf mich fünf Stunden warten, wenn es mir paßt, zehn
Stunden, die ganze Nacht! -- Oder würdest du nicht warten?“ fügte er
drohend hinzu.
„Ja....“ sagte sie eingeschüchtert und blieb nahe an seiner Seite,
während er weiterging. Sie trippelte schlank und zierlich neben ihm,
dann hängte sie sich an seinen Arm:
„Sag’, wohin führst du mich, Aloys?“
„Zu mir, nach Hause!“ sagte der Mann inniger, als er sonst sprach, und
preßte die kleine Mädchengestalt fest und inbrünstig an seinen starken
Körper.
„In kein Lokal? In kein Café?“
Sie zwitscherte, wie ein zutrauliches Vöglein, sie war so
kindlich-schlau, so naiv-kokett, daß der Athlet nicht imstande war, sie
grob zu behandeln.
„Mein Kind,“ sagte er freundlich, „wir würden von Roland gesehen
werden, darum mußt du mit mir kommen!“
„O, Aloys! -- bist du ihm böse wegen deiner Niederlage? Ich habe das
Publikum darüber sprechen hören, als es das Theater verließ! -- Aber
dein Fall war doch vorher ausgemacht?“
„Laß das, Fritzi,“ sagte der Ringkämpfer finster. „Natürlich war es
ausgemacht... Meinst du, Roland wirft mich im Ernst?“
„Dich nicht,“ erwiderte Fritzi eifrig, „so viel verstehe ich auch schon
davon!“
„Gar nichts verstehst du, du kleine Katze,“ beschloß Binder die
Unterhaltung und gab seiner Begleiterin einen Kuß.
Sie standen vor der Haustür. Binder führte das Mädchen ins Haus. Fritzi
überwand eine letzte Bangigkeit und flüsterte:
„Ist niemand oben? Werden wir ganz allein sein?“
Der Ringkämpfer würdigte sie einer Antwort:
„Celeste ist natürlich oben. Du kennst sie ja, Fritzi!“
Madame Celeste? Sie, die doch nur Binders Geliebte war, sie war Fritzi
immerhin als ein Bild alles Reinen und Hohen erschienen. Die kleine,
leichtfertige Chansonette, welche das zermalmende, brutale Leben noch
nicht in all seiner Raffiniertheit und Roheit kennen gelernt hatte,
zitterte unwillkürlich bei dem Gedanken, als eine Sünderin vor den
ernsthaften, reinen Augen Madame Celestes zu stehen. Binder aber, in
dem alle niedrigen Instinkte wieder munter geworden waren, als er mit
Fritzi durch das dunkle Treppenhaus schritt, verstand ihr Zittern
falsch:
„Sie tut dir nichts, mein schwarzes Kätzchen! O nein!“ er lachte
höhnisch, „im Gegenteil! -- Bedienen wird sie dich, Fritzi, sie wird
tun, was du verlangst....“
Zwar war er seiner Sache nicht ganz sicher, betrat aber doch mit
herrischer, siegesgewisser Miene an Fritzis Seite den kleinen Ecksalon.
Er war leer, aber das Glühlicht der mehrarmigen Lampe leuchtete über
einem weißgedeckten Tische mit freundlich angerichteten Erfrischungen.
Binder selbst war bei diesem Anblicke betroffen. Celeste war also
seinem kaum ernstgemeinten, frechen Befehle, ein kleines Abendessen für
ihn und eine Dame herzurichten, nachgekommen? Und ihre Unterwerfung
rührte ihn nicht, sondern machte ihn nur übermütiger. Er zog ein
Pfeifchen, um Celeste wie einen Hund herbeizupfeifen. Ehe er aber den
Pfiff ausgestoßen hatte, trat Celeste selbst über die Schwelle des
Schlafzimmers und begrüßte Binder mit seiner Begleiterin, ohne daß das
Lächeln von ihren Lippen wich...
Wahrhaftig, Madame Celeste lächelte! Das Lächeln hielt ihre schönen
Lippen geöffnet, so daß die blanken, schmalen Zähne sichtbar wurden.
Sie hatte die dunkeln Ringe unter ihren Augen mit Schminke überdeckt.
Wie der weiße Hauch auf üppig reifen Früchten lag ein zarter
Puderschleier über ihrer Haut. Sie hatte das schwarze Haar zu einer
hohen Frisur anmutig aufgebaut. Ihr hoher, schlanker Leib war heute
in ein rotseidenes Kleid gehüllt, halb Hauskleid und halb Festgewand.
Jung, schön, bizarr und phantastisch sah Madame Celeste aus, eine
reizende, geschmückte Sklavin...
Binder starrte ihr mit unverschämter Siegermiene ins Gesicht und
sah ihr unveränderliches, seltsames Lächeln. Sie lächelte, so meinte
er, aus Verlegenheit... aus Scham .... O, sie sollte noch verlegener
werden! Sie sollte noch tiefer gedemütigt werden! Jetzt war er über
ihre Seele Herr geworden, nachdem er längst ihres Leibes Herr geworden
war. Jetzt hatte er die Macht, die feine, stolze Seele bis zur letzten
Erniedrigung zu zertreten! --
„Wir setzen uns auf das Ecksofa, Fritzi,“ sagte Binder. „Du, Celeste,
darfst dich mit uns zu Tisch setzen... vorausgesetzt, daß du uns dabei
alles nett servieren kannst...“
„O, du wirst zufrieden sein!“ erwiderte Celeste und hörte nicht auf,
zu lächeln. „Der Tee, Aloys, ist frisch und heiß, der Sekt steht auf
Eis.... Was befiehlst du?“
„Erst Tee, später Sekt,“ sagte Binder. „Liebe Fritzi, greife zu, meine
kleine Katze! Nimm von diesen Kaviarbrötchen, die Celeste uns bereitet
hat....“
Er geriet in vortreffliche Stimmung. Den Arm um Fritzis Taille gelegt,
wurde er fröhlich und begann, über seinen Kampf und seine Niederlage
gegen Roland zu scherzen. Celeste, der ein natürliches Rot die Wangen
färbte, hielt mit. Fritzi allein konnte sich von einem rätselhaften
Grauen nicht frei machen. Denn Madame Celeste -- sie war schmiegsam
und unterwürfig, lieblich ohne Koketterie, freundlich ohne Hohn, und
sie lächelte, sie lächelte.... Ihr Lächeln war ein wenig starr, ein
wenig seltsam, wie das Lächeln schöner Wachsköpfe. Aber immerhin: sie
lächelte! --
Sie hatte längst den Teetisch abgeräumt. Nun goß sie den gelblichen,
schäumenden Wein in die flachen Schalen.
„Ziehe doch den Kühler heran, Celeste!“ sagte der Ringkämpfer, „und
fülle die Gläser auf dem Tische!“
„Verzeih!“ sagte Celeste lächelnd, „er ist zu schwer ... Ich kann ihn
nicht allein heranschieben!“
„Auch gut,“ bemerkte Binder und wendete sich Fritzi wieder zu. Fritzi
taute endlich auf; sie fing an zu schäkern, ließ die kleinen Künste
ihrer Gefallsucht spielen und schlang die Arme mit allerliebster
Zärtlichkeit um Binders Hals.
„O, der Sekt macht dich mobil, du kleine Katze!“ rief Aloys, „wir
hätten zum Essen schon Sekt trinken sollen .... Holla, mein Kind, das
geht ins Blut! Celeste, stoß’ mit uns an!“
Er sprang auf und riß Fritzi mit sich in die Höhe. Er hielt die Schale
in zitternder Hand, er schwang sie über den Tisch und lachte brutal:
„Stoß’ an, Celeste, auf die Liebe! Und auf ein langes, lustiges Leben!“
„Auf ein langes, lustiges Leben!“ sprach ihm Celeste nach, setzte das
Glas an die Lippen und trank. Und als sie ausgetrunken hatte, setzte
sie das Glas zurück, so daß der schlanke Stiel zerbrach und der Trank
über den Tisch hinfloß.
„Ungeschicktes Ding!“ rief Binder grob, aber Celeste hatte von dem
Mißgeschick nichts bemerkt. Ihre Leidenschaft, ihre Verzweiflung
brachen eine Minute lang durch die lächelnde Maske; sie riß Binders
Kopf in ihre Hände und küßte ihn wütend und fassungslos zwischen die
dunklen, starken Augenbrauen....
„Nein, heute nicht! heute nicht, Celeste!“ rief Aloys, „siehst du
nicht diese kleine Katze hier, die schon müde wird? Meinst du, ich
habe mir die Fritzi nur zum Soupieren mitgebracht? O nein... Sie wird
müde... Das eine Glas Sekt, komisch! Aber ich werde auch schon müde...
Merkwürdig, Celeste!.... Schenk’ uns ein, Celeste, schenk’ ein!“
Und die junge Frau mußte wieder und abermals die Schalen füllen. --
Aber ein Geier mit grauen Flügeln breitete seine weiten Schwingen
über dem Zimmer aus, bis sich das Licht vor den Augen des zechenden
Liebespaares verdunkelte. Wie? brannte das Glühlicht so trübe oder
sanken den Verliebten die Lider immer wieder über die Augen? Wer wird
so müde nach einigen Gläsern Champagner? Celeste trank doch auch! Aber
ihre Augen wurden immer heller; ihre schwarzen Augen brannten, wie von
einem inneren Licht verklärt. Sie lächelte noch immer, das Lächeln war
um ihre Lippen geschmiedet ....
„Hol’s der Teufel, ich kann nicht länger wachen!“ rief Binder und
schlug mit der Faust auf den Tisch. „Der Halunke, der Roland, ist
schuld daran. Anders kann ich mir’s nicht erklären! -- Aber wir wollen
es wettmachen, wir wollen es ausgleichen.... wir wollen in seinem
Revier pürschen... Wie, meine kleine Katze! mein kleiner Hase! bist du
auch so müde wie ich? -- Celeste, kleide die Kleine aus!“
Celeste stand langsam auf. O, sie tat auch das noch. Viel war es ja
nicht mehr....
„Wird’s bald?“ schrie der Ringkämpfer grob, „oder willst du mir erst
die Peitsche bringen?“
„Aber, Liebling!“ erwiderte Celeste lächelnd, „aber, Liebling! Warum
sollte ich dir nicht den Gefallen tun?“
„Recht so, Celeste! O, ich habe immer gewußt, daß du gehorchen lernst!
-- Du bringst den kleinen Hasen auch zu Bett, Celeste!“
„Ja, ich bringe den kleinen Hasen auch zu Bett,“ wiederholte Celeste,
„und dich bringe ich auch zu Bett, Aloys, dich auch!“
Diese Müdigkeit! Sie warf den starken Menschen einfach um. Aber ihm
war pudelwohl dabei, so wohl! Blinzelnd sah er zu, wie Madame Celestes
schlanke, gepflegte Hände die Chansonette auskleideten. Die schöne
Aristokratin kniete ohne Zögern nieder, um Fritzis Knopfstiefel zu
lösen, ihr die Strümpfe auszuziehen.... Sie holte eins von ihren
eigenen Nachthemden aus mattweißer Waschseide herbei und zog es Fritzi
l’Alouette an. Sie führte die Buhlerin ihres Geliebten selbst ins
Schlafgemach ...
Fritzi blickte sich schlaftrunken, mit lüstern geöffnetem Mündchen, um:
„Und du, Aloys?“
„Ich komme,“ sagte Binder, „Celeste muß mir auch helfen... mich auch
bedienen... Ich bin zu müde...“
Fritzi sank auf die Kissen und schlief sofort. Celeste kehrte zu Binder
zurück. Und da sie ihn nun allein sah, um den sie ihren Gatten, ihre
Ehre, ihr Vermögen und alles geopfert hatte, wurde sie eine Sekunde
lang weich. Wie vom Blitz getroffen, stürzte sie Binder zu Füßen,
preßte ihre Lippen auf seine muskulösen Hände, beugte den Kopf auf
seine Kniee...
„Was treibst du für Firlefanz!“ schrie Binder erbost. „Dummes Weib, was
willst du von mir! Zieh’ mir die Stiefel aus, schnell...! Du bist meine
Magd, du bist meine Sklavin... vergiß das doch nur nicht.... Zieh’ mir
die Socken ab, Celeste....!“
Ihre Weichheit war erstarrt, wie glühendes Eisen, wenn es in kaltes
Wasser fällt. Er wollte es nicht anders ... er wollte es nicht anders!
Er schlief schon fast, als er, auf ihren Arm gestüzt, ins Schlafzimmer
trat. Die rosa Ampel erhellte das Gemach mit mildem Schein. Fritzi
schlief sanft und unbeweglich. Celeste bettete Aloys an ihrer Seite und
deckte beide Schläfer mit der seidenen Steppdecke zu.
Aloys Binder lag regungslos im Schlafe. Kein Zug des unschönen
Gesichts bewegte sich. Madame Celeste hatte einst die starke,
urwüchsige Raubtierähnlichkeit dieses Antlitzes geliebt. Jetzt
betrachtete sie mit dem tiefsten Haß die schmale Stirn unter der
kräftigen, braunen Haartolle, die groben Backenknochen, die spitze
Nase, das spitze und doch starke Kinn, welches abnorm weit vorgeschoben
war. Sie prägte das häßliche, hochmütige Gesicht in ihr Gedächtnis ein,
wie man das spitze Eisen in die wächserne Schreibtafel drückt, und ihr
tödlicher Haß grub unauslöschliche Linien in das Gedächtnis.....