Langsam beruhigte sie sich. Alle drei spazierten nach der Bude des

Momentphotographen. Vorher machten sie an einer Würstelbude Station,

und während sie mit Appetit mehrere Paar Würstchen verzehrte, fand die

kleine, eitle Person noch Zeit, ein Pudernecessaire herauszuziehen

und das Gesichtchen weiß zu pudern. Noch ein Strich mit dem roten

Taschenstift über die zitternden Lippen; nun trug ihr Antlitz fast

keine Spuren der Ohrfeigen und der hastig geweinten Tränen mehr. Sie

lächelte schon wieder, als sie die Photographenbude betraten.

Sie stellten sich nebeneinander auf, Fritzi in der Mitte. Während

der Photograph seinen Apparat einstellte, griff Aloys Binder der

Chansonette von hinten um die Taille, suchte ihren Busen mit der

Hand... In diesem Augenblicke flammte das Blitzlicht des Photographen

auf. -- --

Es war für die Athleten Zeit geworden, sich zur Vorstellung in

die Stadt zu begeben. Sie fuhren im geschlossenen Wagen, eng

aneinandergedrängt. Schwül hing die Glut der Sinnlichkeit zwischen

dem Athleten und dem jungen, lebensgierigen Weibe. Fritzi saß auf

Binders Schoß. Er hatte ihr den Kopf mit dem zierlichen Pelzbarett

weit hintenübergebeugt und drückte wilde Küsse auf ihren schmachtend

geöffneten Mund. Fritzi hatte eine seltsame Empfindung, als ob sie in

ein weiches, lauwarmes Meer hinabgleite. Immer tiefer, immer tiefer....

Jetzt gab es schon gar keinen Widerstand mehr...

Roditscheff pfiff leise die melancholische Melodie eines russischen

Volksliedes durch die Zähne. Er hatte den Kopf von dem Paare abgewendet

und betrachtete beim wechselnden Scheine der am Wagenfenster

vorüberfliegenden Straßenlaternen nachdenklich das verräterische

photographische Momentbild.

[Illustration]

VIII.

Der akademische Verein Gryphius feierte Weihnachten. Es fehlten zwar

noch drei Tage bis zum Feste, aber die jungen Herzen waren schon längst

in der fröhlichsten Weihnachtsstimmung. Am nächsten Morgen wollten dann

mehrere der Mitglieder in die Heimat reisen.

Tönnies kam nachmittags zu Eberhard und hätte ihn am liebsten gleich

mitgenommen.

„Sonst schwänzest du womöglich die Weihnachtskneipe,“ sagte er und sah

seinen Freund forschend an.

„Das traust du mir hoffentlich nicht zu,“ lächelte Eberhard. Er mußte

sich abwenden, um die aufsteigende Röte zu verbergen. Der gutmütige,

heitere Adolf aber, der Eberhard als weit überlegen empfand, hatte

schon wieder das Gefühl, etwas gutmachen zu müssen:

„Du wirst mir das doch nicht übelnehmen, Eberhard! -- Aber leider

fehlst du jetzt so oft... Läßt die Kleine dich gar nicht von ihrer

Seite?“

„Ach Gott -- das ist’s auch,“ sagte Freidank mit innerer Qual. „Man hat

Zeiten, Tönnies, in denen man keinen Menschen sehen möchte... Keinen...

Das geht wieder vorüber...“

„Hoffentlich,“ sprach Tönnies herzlich. „Du wirst kein Pessimist

werden, Freidank. Das wäre nicht richtig, glaube mir... Nun, du wirst

selbst wissen, was du zu tun hast! Ich weiß, du gehst deinen geraden

Weg...“ „Ja,“ antwortete Eberhard fest, während sich in seinen Kopf

der Gedanke einschlich, ob Tönnies sein Tun wohl für den geraden Weg

halten würde....

„Also das ist sicher, du lässest uns nicht sitzen!“ mahnte Tönnies noch

einmal beim Abschiednehmen. „Auf Wiedersehen!“ --

Im Theater war Eberhard heute der Held einer Sensation. Im Vestibül

klebten riesige, rote Plakate und dem Programm waren gleichlautende

Zettel beigegeben, welche besagten, daß Roland den Münchener Binder

zu einem freien Revanchekampfe herausgefordert habe. Das Publikum

versprach sich von diesem Kampfe einen besonderen Genuß; sollte doch

ohne Pause bis zur Niederlage einer der beiden Athleten gerungen werden.

Eberhard runzelte die Stirne, als er die schreiend grellen Plakate

erblickte. Das war wieder so ein Trick der Kampfleitung, das! Er selbst

hatte nicht daran gedacht, Aloys Binder herauszufordern. Aber es

mußte um jeden Preis eine Sensation in die Ringkämpfe hineingetragen

werden. Jetzt, um die Weihnachtszeit, erwiesen sich nicht einmal die

Entscheidungskämpfe, die gegen Mitte des Monats begonnen hatten,

als genügend wirksamer Kassenmagnet. Darum wurden Extrakämpfe

eingeschaltet, die, wie das Publikum glauben mußte, lediglich aus

Ehrgeiz, außerhalb der Konkurrenz, zwischen einzelnen Ringern

ausgetragen wurden.

Im Foyer blühte heute das Geschäft der Buchmacher. Bereits wurden

allabendlich hohe Summen auf die endgültigen Sieger der Ringkämpfe

gewettet. Aber die letzten Entscheidungen lagen noch in weitem Felde.

Inzwischen wurde lustig auf die Extra-Kämpfe gewettet und verloren...

Als Eberhard das Vestibül durchschritt, hörte er hinter sich und zu

beiden Seiten flüsternde Stimmen, die seinen Namen nannten. Er wendete

sich nach niemand um und blickte finster gradeaus. Er hatte sich

bereits jene düstere, abwehrende Haltung angewöhnt, mit der die großen

Champions sich die unerwünschten Verehrer fern halten. Er wußte es

selbst, es war eine theatralische Pose, aber dennoch hatte er nicht die

Absicht, sie aufzugeben. Es war ein Leben des Scheins, ein Leben voller

Scheinerfolge, welche aber ebenso bejubelt und so glänzend honoriert

wurden, wie echte Erfolge. Die Kraft allein war echt....

Es war noch so zeitig, daß Eberhard hoffen konnte, in der Garderobe

keinen Kollegen zu treffen. Aber Binder saß doch schon am Tische und

versteckte bei Eberhards Eintritt einen Zettel.

„’n Abend,“ sagte Freidank, wider Willen unangenehm berührt. „Ach, ich

habe Sie nicht stören wollen!“

„Sie stören mich nicht,“ sagte Aloys. „Ich schreibe nur ’ner

Chansonette... einem hübschen, brünetten Pussel.... Sie sind auch für

so was, Roland...!“

Hatte Eberhard recht gehört? Lag ein Unterton des Hohnes in Binders

Worten oder witterte nur seine Abneigung gegen den Münchener Böses?

„Pardon -- --,“ sagte er hart. „Ich möchte nicht... Sie verstehen...“

„Ach, Sie sind eifersüchtig!“ erwiderte der Münchener unvermittelt mit

einem frechen Aufblick.

„O nein! Ich habe keine Ursache dazu!“ entgegnete Eberhard bestimmt und

ging wieder hinaus. Im Artistenfoyer, einem langen, breiten Korridor,

blieb er noch einmal lauschend stehen: war nicht ein höhnisches Lachen

hinter ihm hergeklungen? Aber alles blieb still. Nur die Soubrette,

Fräulein Coeur de Rose, strich wie eine verliebte Katze im Foyer

herum. Sie war schon zur Vorstellung angekleidet und hatte ihren

dekolletierten Busen mit einem durchsichtigen Schleiergewebe bedeckt,

um den ärgsten Anschein der Koketterie zu vermeiden. Er wendete sich

brüsk von dem geschminkten Weibe ab und ging durch das ganze Haus

hindurch in das Theaterrestaurant.

Unwillkürlich suchten seine Blicke beim Eintritt Fräulein Leonie

Krömer. Doch die schöne Brünette thronte nicht auf dem gewohnten Platz.

Sie hatte endlich kapituliert und saß neben Sergej Roditscheff an einem

der kleinen Tischchen von gelblichem Marmor. Das Bild prägte sich fest

in Freidanks Gedächtnis ein: Leonie war verwirrt, rot und schön in

ihrer Leidenschaft und ihrem Schuldbewußtsein. Roditscheff hatte sich

ihrer Hand bemächtigt und spielte mit den Ringen an ihren schlanken

Fingern. Er war blaß, lächelnd, ruhig und siegesbewußt, wie immer...

Nur ein sehr geübtes Auge hätte ihm den letzten Zweifel an seinem Siege

über diese Spröde vom Gesicht ablesen können. Denn Leonie schwankte

noch, während Roditscheff sie zuversichtlich fragte:

„Gleich nach der Vorstellung kann ich dich abholen, Lona?“

„Um Gotteswillen, nein!“ erwiderte Leonie hastig flüsternd, „mein

Schwager... und überhaupt...“

„Um zwei Uhr wird das Restaurant geschlossen,“ sagte Sergej, „also um

zwei Uhr, Lona, um zwei Uhr, Lona...“

Unter seinen hellen, hypnotisierenden Blicken senkte Leonie Krömer den

schwarzen Kopf....

Eberhard verbarg sich hinter der größten Zeitung, die er finden

konnte. --

Von einem Tisch, an dem ziemlich viele lebhaft redende Männer saßen,

löste sich jetzt ein Mann und begann ein Gespräch mit Freidank. Er war

ein Buchmacher namens Goldschmidt, der mit großer Geschicklichkeit das

Gespräch auf den Revanchekampf des heutigen Abends zu lenken wußte. Er

redete in einem seltsamen Fachjargon, der aus jüdischen und sportlichen

Redensarten bestand, allerlei krausen Unsinn, welcher schließlich in

der vorsichtig umschriebenen Frage gipfelte, ob Roland oder Binder bei

dem Ringkampfe Sieger bleiben würde?

„Zum Teufel, kann ich das wissen?“ fragte Freidank über die Zeitung

hinweg.

„O, Herr Roland -- --! -- sagen Sie mir nicht so was! -- Ich bin nicht

einer von ’s dumme Publikum... Ich wollte Ihnen vorschlagen ein gutes

Geschäft, ein sicheres Geschäft ....“

Eberhard legte die Zeitung hin:

„Ich bitte, Herr Goldschmidt, sagen Sie klipp und klar, was Sie von mir

wollen!“

Er wollte.... nun, Herr Roland sollte es nicht übel nehmen... Gegen

seine Ehre ginge es ja nicht, -- und außerhalb der Konkurrenz... und

ein glattes Geschäft wäre es...

Und als Freidank gelangweilt die Stirne furchte, erklärte er ihm das

beabsichtigte Geschäft. Von den Wettenden -- und es wurden sehr hohe

Wetten heute abend abgeschlossen -- hielten die meisten auf Roland,

obwohl er schon von Binder besiegt worden war. Es waren Gerüchte

von „Schiebungen“ durchgesickert, die das Publikum lebhaft erregt

hatten. Den heutigen „Revanchekampf“ hielten die Leute aber für echt.

Hohe Summen waren auf den Sieg Rolands gesetzt worden, die im Falle

von Rolands Niederlage dem Buchmacher zufielen. Mit der Kunst der

Überredung und mit der Zusicherung eines hohen Gewinnanteils suchte

Herr Goldschmidt Eberhard nun zu bewegen, Aloys Binder den Sieg zu

lassen. --

Eberhard mußte über die Unverfrorenheit lachen, mit welcher der

Buchmacher ihm dieses Geschäft anbot. Aber Goldschmidt verlor keine

Zeit; er zog schnell einen Hundertmarkschein aus der Tasche, den er

unauffällig in Eberhards Rocktasche beförderte.

„Schön! Herr Roland!“ sagte er dabei mit vergnügtem Lächeln, „wir sind

einig, nicht wahr? Das ist die Anzahlung ... Den Rest zahle ich Ihnen

nach der Vorstellung ... Es bleibt dabei... Ein gutes Geschäft für Sie,

ein ausgezeichnetes Geschäft!“

Strahlend vor Vergnügen kehrte er zu seiner Gesellschaft zurück und

versicherte seinen Wettlustigen, daß sie unbedingt gewinnen würden,

denn Roland würde natürlich Sieger!

Eberhard trank sein Bier aus und dachte kaum mehr an den Zwischenfall,

als er die Ringkämpfergarderobe betrat. Alsbald brachte ihm der Kellner

ein Briefchen, in dem Fritzi ihm in ihren kindlichen, ungeübten

Schriftzügen mitteilte, daß sie nicht ganz wohl sei und darum’ früh

nach Hause gehen würde, um auszuschlafen. Während er den Zettel las,

fühlte er Binders höhnisch funkelnde Blicke auf seinem Gesichte.

Aufblickend, gewahrte er auch ein fatales Lächeln des Müncheners, der

in seiner Lieblingsstellung in Unterhosen auf einem Koffer hockte.

„Was haben Sie?“ fragte Eberhard, indem er sich mühsam beherrschte.

„Ich? -- Zehn Rendezvous, zwanzig Liebesanträge!“ lächelte Binder, „und

Sie haben wahrscheinlich einen Brief von Ihrer Dulcinea... Ich kenne

das... Na, lassen Sie sie schießen! Ich trete Ihnen als Ersatz gern

meinen Reisedrachen ab... Celeste, die Sie im stillen anschmachtet..“

Eberhard sagte zornig: „Ich danke.“ Er ging mit schweren Tritten an

seinen Koffer und kleidete sich an, während er ohne Unterlaß an Fritzi

dachte, an Fritzi, die krank war, während er auf die Weihnachtskneipe

mußte. In dieser Stunde verfluchte er sich selbst, sein Leben,

seinen neuen Beruf und seine Zukunft. Er verfluchte seine Kollegen,

die unter läppischen Gesprächen herumstanden und sich zur Vorstellung

ankleideten. Er wußte selbst nicht recht, was er heute abend gegen die

Ringkämpfer hatte. Sie kamen ihm sämtlich so ordinär vor, so brutal, so

gemein... Oder war daran nur dieser Kerl, der Binder, schuld? Binder

erzählte laut und schamlos von seiner Freundin Celeste, während er mit

ruckweisen Bewegungen die Trikots anlegte:

„Sollte man es denken, Kiesling? -- Vorgestern wurde sie frech. Ich

kam abends mit ’nem Weib nach Hause; Celeste saß am Tisch und wartete

auf mich. Das Weib war ’ne Dame, müßt ihr wissen, darum ließ ich

sie erst im Korridor warten, schob meine Celeste in die Wohnstube

und sperrte die Tür zu. Dann holte ich meine Dame herein. Kaum wird

die Dame etwas warm, kriegt der Drachen nebenan einen Weinkrampf...

heult... schreit... poltert gegen die Türe... Die Dame bekommt

einen Mordsschreck und will wissen, wer da lärmt. Ach, eine dumme

Chansonette, die ich mir aus dem vorigen Engagement mitgenommen habe,

weiter nichts, sage ich. Aber trotzdem ließ die Dame sich nicht mehr

beruhigen und lief mitten in der Nacht davon!“

„Und?“ fragte Kiesling ohne besonderes Interesse.

„Und? --“ erwiderte Binder höhnisch lächelnd, „und Celeste hat zwei

Tage nicht ausgehen können, so viel Schläge hat sie bekommen. Ich habe

sie gehauen, bis sie freiwillig versprochen hat, zukünftig die Damen,

die mich besuchen, wie eine Magd zu bedienen, wie eine Sklavin... auf

den Knieen, wenn ich’s verlange...“

„Deine Sache...“ sagte Kiesling gelassen, und Binder fuhr fort:

„Ihr Geld reicht ohnehin nur noch ein paar Monate... Ihre Mitgift kann

sie nicht angreifen; ich hab’ nur ihr persönliches Vermögen in den

Händen... Wenn ihr Geld zu Ende ist, kann sie meinethalben zu ihrem

Ehemann zurückkehren, dem sie mit mir davongelaufen ist!“

Mehrere Athleten lachten, andere, welche diese unnoble Handlungsweise

nicht billigten, zuckten die Achseln. Niemand aber fand, daß diese

Liebesaffäre des Ereiferns wert gewesen wäre. Mein Gott.... jeder nahm,

was er bekommen konnte....

Als die Ringkämpfer die Bühne betraten, bemerkte Eberhard, daß

Madame Celeste doch im Theater war. Sie hatte sich also von ihrem

Schmerzenslager aufgerafft, nur um ihren Peiniger ringen zu sehen...

Sie sah sehr blaß aus und hatte dunkle Ringe unter den Augen. Freidank

war es auch, als ob Celeste heute nicht anbetend, wie sonst, sondern

mit einem eigentümlich entschlossenen, harten Ausdruck im Gesicht zu

Binder hinaufsah. Er konnte nicht zum zweitenmal hinsehen, weil er nun

seine ganze Aufmerksamkeit auf den Kampf gegen Aloys richten mußte.

Ein Pfiff gellte durch das stille Theater. Die beiden Athleten gingen

schnell aufeinander los, Binder, nach seiner heimtückischen Art, mit

gesenktem, vorgestrecktem Kopfe, Freidank mit äußerer Ruhe. Jeder hielt

die Augen fest auf die Hände des andern gerichtet, jeder griff nach des

Gegners Handgelenken und suchte den andern von Zeit zu Zeit durch einen

schnellen, listig angebrachten Griff zu überrumpeln. Aber keiner bekam

ein Übergewicht über den andern.

Das Theater lag in atemlosem Schweigen. Mit Herzklopfen verfolgten

die Hunderte im Saal und in den Logen den Kampf, in dem die Kämpfer

ihre besten Kräfte noch zurückhielten. Die Sekunden dehnten sich

endlos lang, die Minuten wuchsen in die Ewigkeit hinein. Plötzlich,

mit einem gewaltigen Schritt, waren beide Ringer dicht aneinander

und umschlangen sich gegenseitig mit einem Griffe, der jedem gleiche

Chancen bot und welchen die Ringer Zwiegriff nennen.

Und wieder ein herzbeklemmendes Zuwarten! welcher wird seine Chance

ausnützen? -- Der Münchener! Er hob Roland wild, zornig, ruckweise

auf und schleuderte ihn zu Boden. Beide wälzten sich übereinander,

Roland hockte auf dem Teppich, und Binder bemühte sich mit aller Kraft

vergebens, den unbeweglich Dasitzenden aus seiner Stellung zu bringen.

Der erste Gang war vorüber; die Ringer traten schweißbedeckt, mit

verwirrten Haaren, von der Bühne ab und wurden mit rauhen Handtüchern

abgetrocknet. Währenddessen trat Markus auf Freidank zu und flüsterte:

„Wie lange wollt Ihr ringen? Länger als dreißig Minuten?“

„Möglich --,“ sagte Eberhard mit einer unbestimmten Geste.

„Zum Teufel, Roland, das muß doch abgemacht sein!“ sagte der Manager

ärgerlich, „hab’ ich ’ne Ahnung, wann ich abpfeifen soll?“

„Werden es schon merken,“ erwiderte Freidank kurz und ging wieder aus

der Kulisse heraus, um weitere Fragen abzuschneiden.

Wer von den Zuschauern den Ringkampf für ein Spiel gehalten hatte, der

wurde an diesem Abende inne, daß es auch Kämpfe von blutigem Ernst

gibt. Die Spannung und Erbitterung der beiden Athleten, die einander

lauernd gegenüberstanden, teilte sich langsam dem Theater mit. Die

verhaltene Kraft, die scharfe Anspannung aller Sinne trieb den Kämpfern

den Schweiß aus allen Poren, jagte ihr Blut in rotem Wirbel durch die

Adern. Wenn sie einander gewaltsam anpackten, schallte das Klatschen

der grob gefaßten Griffe bis in die hintersten Winkel des weitläufigen

Theaters.

Wieder einmal waren beide blitzschnell vom Boden aufgesprungen und

standen sich gegenüber; da packte Binder Freidanks rechten Daumen

mit der Linken und schlug ihm mit der Rechten gegen den Ellenbogen.

Freidank aber hatte die tückische Absicht gemerkt, sprang wie ein Löwe

herum und riß den Bayer zu Boden. Er hielt ihn fest und flüsterte ihm

zähneknirschend zu:

„Was fällt dir ein? Willst du disqualifiziert werden?“

„Nein!“ flüsterte Binder frech zurück, „aber heute geht’s im Ernst....

Um die kleine Katze, die Fritzi....“

Eine Sekunde lang sah Freidank alles rot, dann faßte er sich:

„Also um Tod oder Leben.... um dein oder mein Leben....“ „Immer

tragisch!“ höhnte der Münchener, der unter Eberhard lag, ein wenig

keuchend. „Ums Leben ja gerade nicht, aber meinethalben um die

Fritzi... die Fritzi ist mir ja doch sicher...“

Eberhard hörte nichts mehr. In Berserkerwut stürzte er sich über den

Gegner. Das, was ihn ergriffen hatte, war nicht mehr bloße Kampflust.

Es war Mordlust...

Und mit dieser Mordgier in dem fiebernden Blute stand er vor Hunderten

von Zuschauern und war gezwungen, den Kampf nach seinen Regeln, mit

allen Finessen, die das Publikum entzücken, zu Ende zu führen...

Die Zuschauer waren von jenem leidenschaftlichen Taumel ergriffen, der

sich seit Jahrtausenden gewaltigen Menschenmassen mitteilt, sobald zwei

feindliche Kräfte sich vor ihren Augen messen. Genau so verfolgten

einst die Griechen die Kämpfe ihrer Ringer im Stadion, so und nicht

anders saß das alte Rom rund um die Arena und blickte gebannt und

gespannt, mit fieberndem Parteinehmen und grausamer, zitternder Lust,

auf Siegen oder Unterliegen.

Die ersten drei Gänge, jeder zehn Minuten lang, waren längst vorüber.

Jetzt ging es weiter ohne Pause, bis einer von beiden am Ende seiner

Kräfte war. Das pfeifende Keuchen harter Atemzüge rang sich mühsam von

den Lippen der Ringer; es kam aus den schwer arbeitenden Tiefen ihrer

Brust, es erfüllte mit leisem, aber deutlichem, aufreizendem Geräusch

das ganze Theater. Keine Wollust ist so groß, als die Wollust des

Zuschauers beim mörderischen Kampfe..

Eberhard spannte seine letzten Kräfte an, und Binder ließ alle

Rücksichten fallen. Er stieß und schlug, wo die Gelegenheit sich bot,

sinnlos auf seinen Gegner ein. Bereits war er zweimal verwarnt worden,

versuchte aber zum drittenmal, Roland mit einem rohen Halsgriffe die

Luft abzuschneiden. Er stand tiefgebeugt, den Rücken gebogen, den Kopf

gesenkt, heimtückisch, wie ein Raubtier vor dem Sprunge. Da, als er

sich noch tiefer duckte, griff Eberhard zu, langte mit den starken,

weißen Armen über Binders Kopf hinweg, umschlang den Feind an den

Hüften und hob ihn rücklings auf. Binder, der kopfüber in der Luft

hing, merkte, daß er verloren war. In den Armen des Starken zappelnd,

blickte er Freidank haßerfüllt an und flüsterte mit erlöschender Kraft:

„Die Fritzi ist mir doch sicher...“

Eberhard hob ihn noch höher und schleuderte ihn von bedeutender Höhe

herab mit brutaler Wucht auf den Boden.

Er vernahm nicht mehr das ausbrechende Beifallsgeheul der

leidenschaftlichen Menge, die seinem Siege zujubelte, er wollte in die

Garderobe stürzen. Markus lief ihm nach, zerrte ihn am Trikot auf die

Bühne, stieß ihn hinaus; er mußte sich verbeugen, zweimal, dreimal,

während das wilde Rauschen des Beifalls ihn umtobte, wie ein Meer im

Sturme.

Seit dem Augenblicke, wo sie sich als Abschiedsgruß auf der Bühne die

Hände gereicht hatten, kümmerte sich keiner der Kämpfer mehr um den

andern. In der Garderobe halfen Kameraden den zu Tode Erschöpften aus

den Trikots und rieben ihnen die zuckenden Glieder mit Branntwein

ein. Dann lagen sie beide blaß, mit geschlossenen Augen, auf harten

Matratzen und kehrten langsam zum normalen Atmen zurück. Ihre Lungen

waren bis zum letzten Atemzuge ausgepumpt. Sie hatten nahezu zwei

Stunden gerungen.

Thyssen erschien unter der offenen Türe, beide Hände in den Taschen,

und blickte schweigend die ermatteten Ringer an. Sein heller, scharfer

Geist hatte in dem grauenvollen Kampf des Abends eine Tragödie gespürt,

für die es vorher nicht einmal die leiseste Andeutung gegeben hatte. Er

ließ seine dunklen, zwingenden Augen auf Eberhard ruhen und fragte:

„Warum habt Ihr nicht aufgehört, als Markus euch das Zeichen gab? Was

habt ihr miteinander vor?“

Eberhard richtete sich halb auf. Das Unausgesprochene, es sollte

niemals ausgesprochen werden, Fritzis Name sollte unversehrt bleiben,

die Tragödie sollte in Schweigen erstickt werden. Vielleicht war sie

zurückzuhalten... vielleicht war die rollende Lawine in ihrem Laufe zu

hemmen....

Er blickte Binder, der möglicherweise eine hämische Bemerkung auf den

Lippen hatte, stahlhart an und erwiderte, ohne die Augen von seinem

besiegten Gegner zu lassen:

„Sie irren sich, Herr Thyssen. Es ist nichts.“

„Dann ist es gut,“ sagte der Weltmeister langsam...

Eberhard stand auf. Seine Glieder schmerzten, seine Gelenke brannten.

Nur schlafen -- schlafen! Aber er mußte ja auf die Weihnachtskneipe....

Im Vestibül, welches Eberhard durchschreiten mußte, wartete Herr

Goldschmidt, der Buchmacher. Als er den Ringkämpfer kommen sah, sprang

er mit rotem Kopf auf ihn los und fauchte ihn zornig an:

„Was haben Sie gemacht? War das nach unserer Verabredung gehandelt? Was

stellen Sie sich vor unter einem Geschäft? Und meine Anzahlung?“

„Verabredung! Geschäft! Anzahlung!“ sagte Freidank erbittert, „was

wollen Sie eigentlich von mir, Sie....? Sie....?“

„Sie behaupten, daß Sie das nicht mehr wissen?“ zischte der Buchmacher,

„Sie leugnen, daß ich Ihnen hundert Mark auf Ihre Niederlage angezahlt

habe? Das leugnen Sie, Herr....?“

„Reden Sie keinen Blödsinn!“ sprach Eberhard zornmütig von oben

herab, „ich habe den Kerl geschmissen... Der Kerl hat es nicht besser

verdient... Lassen Sie mich in Ruhe! Ein anständiger Mensch bietet

nicht solche Geschäfte an... Ihre sogenannte Anzahlung, Herr...

Goldschmidt,“ Eberhard lachte den bebenden Hebräer hochmütig und

höhnisch an, „um Ihre Anzahlung wiederzubekommen, dürfen Sie mich

verklagen... Ich schmeiße, wen ich will, und nicht, wen Sie wollen!“

Er ging mit schweren Schritten an dem Buchmacher, der ihm in

ohnmächtiger Wut nachblickte, vorüber und trank am Büfett des

Theaterrestaurants hastig mehrere Gläser Kognak aus, welche seiner

Gedanken Qual so weit zerstreuten, daß er Binders Reden über Fritzi

vergaß. Das Kind lag längst zu Hause im Schlafe, das war gewiß. Er

hatte Fritzis Hausschlüssel in der Tasche. Aber warum die Geliebte im

Schlafe stören? Besser, auf die Kneipe zu gehen....

Die Nacht war mild und dunkel. Warme Lüfte strichen über den Schnee

hin und von den Dächern rieselten dünne Bächlein. Eberhards Schritte

knirschten leise in dem tauenden Schnee, als er in die Linienstraße

einbog, wo die Kneipe des Vereins Gryphius im ersten Stock eines

Hinterhauses lag. Im zweiten Stock desselben Gebäudes hauste die

„Munichia“, deren Angehörige den Gryphianern nicht besonders freundlich

gesinnt waren. Man hielt offizielle Freundschaft, während man

einander insgeheim nachspürte, um eine Veranlassung zum Abbrechen der

freundschaftlichen Beziehungen zu finden.

Die Starken: Ein Athleten-Roman · 第 8 / 17 段