Ringer von der Konkurrenz ihr den Hof machten: Casimir Zabolotny, der
dicke Pole, der Provençale Raymond Poing de Fer, schließlich Aloys
Binder, der Münchener...
„Na, welcher ist es denn davon?“ erkundigte sich die Hausfrau, welche
die Athleten schon mehrmals im Theater gesehen hatte, teilnehmend,
„der Pole? nein? Also der stramme Franzose! Auch nicht? -- Was, grade
den frechen Bayer mit dem spitzen Kinn mögen Sie leiden? -- Fräulein
Fritzi, der könnte mir nicht gefallen! An dem werden Sie nicht viel
Gutes erleben! Die Augen von dem Kerl... Nein, der hat keinen guten
Blick! Da guckt der Herr Freidank aber ganz anders!“ --
„Da haben Sie recht,“ sagte die Chansonette und fügte leichtfertig
hinzu: „Gott, ich habe ihn ja auch am allerliebsten --! Aber es ist
doch nichts dabei, wenn man sich auch mal mit ’nem andern amüsiert!
Zu gern, Frau Krichelmann, zu gern ginge ich mal zu Justav’n auf den
Rummel! Da ringt er nämlich.“
„Wann ist das immer?“ fragte die Alte.
„Heute, am Sonntag, den ganzen Nachmittag,“ sagte Fritzi, „und an
einigen andern Tagen des Abends. Glauben Sie, daß Freidank mit mir
hingehen würde? Bewahre! Ich habe ihn gebeten, aber er hat es mir
einfach abgeschlagen.“
„Da hat er ganz Recht,“ erwiderte die Hausfrau phlegmatisch, „aber Sie
haben ebenso recht, wenn Sie einfach allein hingehen! Heut ist ja
Sonntag, warum tun Sie es nicht, Fritzichen? Falls Herr Freidank kommen
sollte, werde ich ihm sagen, daß Sie mit Fräulein Liane ausgegangen
sind!“ --
Der Rat der alten Kupplerin ging Fritzi nicht aus dem Kopfe. Der
Wunsch, die Budenringer zu sehen, brannte sich förmlich in ihre Sinne
ein, während sie gemächlich Toilette machte. Der allabendliche Anblick
der vierundzwanzig trefflichen Athleten genügte ihr nicht; sie wollte
die unberühmten, ordinären Ringer, an denen sich das gewöhnliche Volk
ergötzt, in ihrer Umgebung sehen. Diesen fühlte sie sich näher... Die
großen Champions mit dem abweisenden Auftreten und den fürstlichen
Einnahmen waren ihr fremd und unsympathisch. -- Sie beschloß, zeitig zu
speisen und Eberhard im Vorübergehen einen kurzen Besuch zu machen, um
ihn ganz in Sicherheit zu wiegen. Dann wollte sie auf den Rummel gehen,
von dem sie sich großes Vergnügen versprach. --
Eberhard Freidank hatte am Sonnabend die Kneipe wieder einmal
aufgesucht, die er lange vernachlässigt hatte. Er gehörte einem
literarischen Verein von Hochschülern an, dessen Mitglieder den schönen
Künsten Interesse entgegenbrachten, ohne darum auf das ritterliche
Dekorum der strengsten Vorschriften studentischer Ehre zu verzichten.
Die Freunde hatten ihm über sein seltenes Erscheinen Vorwürfe gemacht
und damit wieder den Zwiespalt in seiner Seele vermehrt. Er war sehr
lustig gewesen, hatte viel getrunken und war erst als einer der letzten
nach Hause gegangen. Als er in seinem Zimmer war, hatte er keine Lust,
zu Bette zu gehen. Er wusch sich sehr ausgiebig, um sich nach der
durchkneipten Nacht gründlich zu erfrischen, zog Trikot, eine Hausjoppe
und Pantoffeln an und erwartete den Morgen, während er auf dem kleinen
Kanapee saß und die Zeitung las, die schon so früh ins Haus gebracht
worden war. -- Der sportliche Tagesbericht lobte ihn über alle Maßen,
obwohl er am Sonnabend im Kampfe gegen Aloys Binder unterlegen war. Der
Artikel rühmte die sympathische, kühne, germanische Draufgängerart,
mit der er auf den berühmten und technisch immerhin weit überlegenen
Münchner losgegangen war. Eberhard freute sich der Anerkennung nicht
recht. Er fühlte den Riß in seiner Seele brennen, wie eine offene
Wunde. --
Dann wurde es Morgen. Eberhard stand gähnend vom Sofa auf, ließ die
frostige Morgenluft zum Fenster herein und spazierte pfeifend langsam
im Zimmer herum, bis Frau Ambrosius ihm den dampfenden Kaffee brachte.
Die Hausfrau schalt ihn gutmütig aus, daß sein Bett unberührt stand.
Dann blieb sie noch ein wenig bei ihm stehen, unterhielt sich mit ihm
und sah zu, wie dem jungen Manne, den sie fast mütterlich in ihr Herz
geschlossen hatte, der Kaffee, die Butterbrötchen und die frischen Eier
schmeckten. Eberhard erzählte lachend von den Brüdern Petrocchi-Cardo.
Kürzlich war er zu ihnen gekommen und hatte sie beim ersten Frühstück
gefunden. Zu dieser Mahlzeit hatten sie eine ganze Mandel Eier,
fünfzehn Stück! über einem Spirituskocher selbst gekocht und sich,
der eine sieben, der andere acht Eier in ein großes Bierseidel
eingeschlagen! Er mußte noch in der Erinnerung an den Anblick dieses
ungeheuren Appetits lachen.
„Die Zeitung!“ rief Therese, die eben die Post abgenommen hatte, auf
dem Korridor. „Komm ruhig herein,“ sagte Frau Ambrosius. Therese kam
und brachte die Athleten-Fachzeitung für Eberhard. Sie war schon in
Toilette. Sie sah sehr groß und vornehm aus in dem knappen, blauen
Kleide, und er hatte wieder die Empfindung: eine Diana in modernem
Gewande.
„Wie groß sind Sie eigentlich, Fräulein Ambrosius?“ fragte er
unvermittelt.
Therese sagte lachend: „Ach, viel zu groß für eine Frau. Ein Meter
siebzig! -- Kein Vergleich mit Ihnen, aber doch zu groß...“
„Auf der Bühne müßten Sie schön aussehen,“ sagte Eberhard.
„Nun hören Sie auf, sonst werde ich böse!“ rief das Fräulein. „Ich habe
aber keine Zeit, ärgerlich zu werden!“
„Müssen Sie wieder zum Dienst, Fräulein?“
„Nein,“ sagte Therese, „zur Kirche.“
Eberhard sah sie an und sagte lächelnd: „Bitte, Fräulein Ambrosius,
beten Sie auch für mich!“
Das Mädchen richtete ihre braunen Augen auf ihn und sagte ernsthaft:
„Ja, das werde ich tun. Das werde ich ganz gewiß tun.“
Tönnies kam um die Mittagsstunde zu Eberhard. Er fand ihn, nur mit
Hosen, Schuhen und Strümpfen bekleidet, beim Hanteltraining.
„Ach, bist du wieder einmal beim Turnen?“ begrüßte er ihn gutmütig
spöttisch, „ich glaube, du tust überhaupt nichts anderes mehr,
Freidank! Mein Himmel -- dort liegt ja sogar ein Kraftmenschenjournal!“
„Ich tue auch noch anderes,“ sagte Eberhard und schüttelte dem Freunde
die Hand. „Aber alle Vormittage trainiere ich eine Stunde oder eine
halbe... Du weißt, ich gehe nicht mehr auf den Paukboden.“
„Ja so,“ sprach Tönnies. „Du weißt, Eberhard, daß ich für alle diese
Dinge wenig übrig habe.“
„Aber du schlägst gut, Adolf!“
„Das tut nichts dazu,“ erwiderte Tönnies. „Ich pauke, wie jeder andere,
aber nicht gern... Ich habe auch für den Sport wenig Interesse... Denke
dir ein Radrennen, Eberhard! Du siehst einige Fahrräder rund um die
Bahn fliegen, darauf junge Leute in Trikot, so weit vornübergebeugt,
daß sie fast schon liegen, in einer unmöglichen, unwahrscheinlichen,
unhygienischen Stellung... Und der Endeffekt? Die Sieger mit Schweiß
und Staub bedeckt, die Gesichter verzerrt wie von fürchterlichen
Schmerzen... Ist das ein Ziel? Ist das eine Aufgabe? -- Ich möchte mir
nicht die Ringkämpfer im Odeon ansehen, Freidank! Alle Welt spricht
von ihnen, ganz Berlin ist voll davon.... Alle Welt ist begeistert von
einfacher, gewöhnlicher Roheit! -- Brutale Kraft hat aber auch der
Ochse.“
„Und die Ringer im Stadium zu Athen, Adolf? Und die Gladiatoren? -- Die
ausgedehnte antike Sportbetätigung?“
„Geschah unter ganz anderen Voraussetzungen, Eberhard! Damals hatten
die Völker ein Interesse daran, daß jeder Mann im Einzelkampfe die
möglichst höchste Leistungsfähigkeit besaß. Darum pflegten die Griechen
den Sport! Es kam ihnen auf Erzielung der größten Kraft, des größten
persönlichen Mutes an.“
„Tout comme chez nous!“ sagte Eberhard lächelnd.
„Nein, bei uns ist es leider anders,“ antwortete der Student Tönnies.
„Bei uns kommt es allein auf Rekordleistungen an, mag die eigentliche
Kraft dabei zum Teufel gehen oder nicht! Ich mag gar nicht daran
denken, Freidank. Ich bezweifle, daß so ein Rekordathlet, oder
Rennfahrer, oder was sonst für ein Sportsmann, zu einer wirklichen,
ausdauernden Arbeit fähig ist. Dazu reicht die gefeierte Kraft nicht
aus!“
Er rollte zornig die runden, grauen Augen. Eberhard hatte immerfort
Einwendungen machen wollen, hatte seinen Freund unterbrechen wollen;
aber er brachte die Lippen nicht auseinander in der starrköpfigen
Verschlossenheit des Norddeutschen, die nicht aus Furcht, sondern
einfach aus Trotz manche Dinge für sich behalten muß. Als aber Tönnies
noch einmal anfangen wollte, sagte er mit zerstreutem Lächeln:
„Was geht das nun dich und mich an, Tönnies? Wir sind ganz einer
Meinung... Und du bist wahrhaftig auf dem besten Wege, dich über des
Kaisers Bart aufzuregen!“
„Hast recht, Eberhard,“ sagte der junge Mann vergnügt, „sprechen wir
von vernünftigeren Dingen... Ich kam heut eigentlich zu dir wegen...
ich wollte... Nun, frei heraus! Ich habe deine filia hospitalis kennen
gelernt! Auf einem Vereinsballe! Sie ist ein schönes Mädchen, Freidank,
das schönste Mädchen, welches ich kenne!“
„Und dir das liebste Mädchen!“ vollendete Eberhard und fühlte, er wußte
selbst nicht warum, einen Stich im Herzen.
„So schnell geht es nicht!“ rief Adolf Tönnies. „Aber denke dir, es
hat sich herausgestellt, daß wir ein wenig verwandt sind... Sie ist
so etwas, wie eine Cousine zweiten Grades... Soll ich, unter solchen
Umständen, die Bekanntschaft wieder in Vergessenheit geraten lassen,
Freidank? Ein Narr, der ich wäre!“
„Ich rate dir, den Damen jetzt deine Aufwartung zu machen,“ sagte
Eberhard mißvergnügt. Er hätte am liebsten etwas ganz anderes gesagt,
aber Therese ging ihn doch wirklich, wirklich nichts an...! Zumal, da
sie seine Fritzi nicht leiden konnte. Sie hatte sich neulich gegen
seine Freundin ausgesprochen. Nicht mit direkten Worten, o nein! Dazu
war dieses „törichte Ding“ doch zu klug. Die Mißachtung hatte mehr im
Ton der Stimme gelegen, in ganz flüchtigen Andeutungen, in einem und
dem andern Wort, gleich als ob sie etwas Ungünstiges von Fritzi wußte
und so verschwieg. Er hatte nicht gefragt, dazu war er zu stolz. Aber
er hatte aus dieser Unterhaltung ein peinliches Gefühl davongetragen.
Denn -- eigentlich -- war diese Therese Ambrosius... doch kein
törichtes Ding, und ganz bestimmt nicht das Mädchen, welches ins Blaue
hineinschwatzte ...
Als hätte Tönnies nur auf Eberhards Anregung gewartet, lief er davon
und machte Mama Ambrosius und ihrer Tochter eine Visite. Eberhard
kleidete sich, als sein Freund das Zimmer verlassen hatte, schnell
an. Er war eben damit fertig, als er draußen in der hastigen Art
schellen hörte, wie Fritzi bei ihren seltenen Besuchen anzuläuten
pflegte. Er ging schnell hinaus, es war die Kleine; gerade trat auch
Therese Ambrosius, die ebenfalls das Läuten vernommen hatte, aus ihrem
Wohnzimmer und wollte öffnen. Doch als sie Fritzi bemerkte, zog sie
sich sofort wieder zurück, mit beleidigender Eile, wie es Freidank
schien...
Fritzi warf den Muff aufs Bett, die Handschuhe auf den Tisch, stellte
sich auf den Zehenspitzen hoch, gab Eberhard mit gespitztem Mäulchen
einen Kuß und fragte gleich, ob er nichts zu naschen für sie hätte. Ja,
er hatte Konfekt für sie gekauft; sie sollte suchen! Sie stürzte sich
auf ganz unmögliche Verstecke, zog den Kasten des Waschtisches auf,
kramte in seiner Kragenschachtel und riß sogar das Stiefelschränkchen
auf. „Aber Fritzi!“ sagte er, von ihrer Unvernunft entzückt, „welcher
Mensch auf der ganzen Welt würde Konfekt an solche Orte stecken?“ Dann
holte er aus der Manteltasche die kleine Schachtel, und Fritzi grub
ihre niedlichen Zähne mit kindlicher Gier in die braune Schokolade ein.
„Gut, daß du kommst,“ sagte Eberhard, „wir hatten nichts für diesen
Nachmittag verabredet.“
„Ich kam nur, um dir zu sagen, daß ich heute zu Liane Fanchon zum
Kaffeeklatsch gehe! Sie hat den Geburtstag, mußt du wissen.“
Eberhard wollte ihr die Absicht ausreden. „Ich liebe nun Fräulein
Fanchon durchaus nicht,“ sagte er.
„Um so besser, mein süßer Bär, sonst müßte ich eifersüchtig sein! Aber
ich habe es so bestimmt versprochen,“ plauderte sie. „Es sind noch
mehrere Kolleginnen aus der Variétéschule da, und kein einziger Herr!
-- Und du gibst mir auch Geld zu einem Geburtstagsgeschenk, bitte!
bitte!“ bettelte sie in einem plötzlichen Anfall von Habgier.
Freidank seufzte. Er wußte, er würde ihr wieder einmal nachgeben. „Aber
du wirst wenigstens mit mir zusammen speisen?“ fragte er verdrießlich.
„Gewiß!“ sagte Fritzi. „Zieh nur gleich deinen Mantel an und komme
mit! Du weißt, ich muß vorher noch ein Geschenk für Liane kaufen. Gib
mir schnell Geld!“ Sie überlegte blitzschnell, daß sie einen eleganten
Toilettegegenstand kaufen würde, den sie selber brauchen konnte...
„Ja, du mußt vorausgehen, Fritzi,“ sagte Freidank. „Tönnies ist bei mir
und ist eben nur im Zimmer drinnen bei Frau Ambrosius. Er wird wohl
bald wiederkommen, aber vielleicht machst du inzwischen deinen Einkauf.
Ich kann dir doch nicht kaufen helfen, weil ich nichts davon verstehe!“
-- Sie ging mit einem Kusse.
Adolf Tönnies kehrte zurück und sagte, daß Frau Ambrosius die beiden
Freunde, Freidank und Tönnies, auf den Nachmittag zum Kaffee eingeladen
habe. Eberhard kam diese Aufforderung sehr gelegen, da seine Freundin
zu Fräulein Liane gehen wollte, und er sagte gerne zu. Dann gingen die
beiden jungen Männer miteinander fort. Fritzi erwartete Eberhard auf
der Straße, sie gingen zum Diner und Adolf schloß sich ihnen an.
Fritzi hatte während des Mittagsmahles kleine Gewissensbisse. Sollte
sie doch nicht zu dem Budenringer gehen? Sie überlegte noch, als
Eberhard erzählte, daß er mit Adolf bei Frau Ambrosius den Kaffee
nehmen würde. Da schwanden Fritzis letzte Bedenken. Um so besser, dort
war er gut aufgehoben! Nun war eine Entdeckung ausgeschlossen! --
Nach Tisch begleiteten die jungen Männer Fritzi bis an Fräulein Lianes
Wohnung. Unterwegs mußte Fritzi noch mit ihnen einkaufen gehen. Die
Freunde hatten Frau Ambrosius um Erlaubnis gebeten, den Kuchen zum
Kaffee mitbringen zu dürfen. -- Eberhard raunte seiner Freundin noch
ein „auf Wiedersehen im Theater“ zu.
Fritzi sprang die Treppen hinauf, um Freidank zu täuschen, blieb mit
pochendem Herzen auf dem Flure stehen und stieg nach etlichen Minuten
leise, wie eine Katze, wieder hinunter. Dann wagte sie es, vor die
Haustüre zu treten. Die Freunde waren schon um die nächste Ecke
verschwunden. Sie atmete auf, ging schnell in der entgegengesetzten
Richtung davon und stieg in eine Straßenbahn.
Jetzt, kurz vor dem Tage der winterlichen Sonnenwende, brach schon
um die vierte Stunde die frühe Dämmerung herein. Fritzi sah aus dem
Fenster und erblickte durch die angelaufenen Scheiben in der Ferne
einen Stern, der aus bunten Lampen gebildet war. Sie zog die Uhr; sie
war bereits eine halbe Stunde gefahren. Kein Zweifel, das war ihr Ziel,
der „Volksvergnügungspark Nordstern“.
Der Eingang dieses Jahrmarktsplatzes war durch ein weitoffenes,
rohes Lattentor gebildet, durch welches eine große Menschenmenge
hineinströmte: Soldaten, Arbeiter mit Frau und Kindern, sogar mit
Säuglingen und Kleinen, die im Wagen gefahren wurden, junge Burschen
und Mädchen. Die Chansonette blickte sich entzückt um. Sie vergaß
ganz, daß sie in ihrer flotten Toilette, dem eleganten, pelzbesetzten
Kostüm, unter den einfachen Leuten Aufsehen erregen mußte. Ach, hier
mit einem Begleiter die Jahrmarktsherrlichkeiten genießen dürfen, wie
schön mußte das sein! Fritzi dachte nicht mehr daran, daß sie äußerlich
eine Dame geworden war; sie fühlte sich wieder ganz als das einfache
Mädchen aus dem Volke, welches an Lärm, primitiven Schaustellungen
und großen Menschenansammlungen seine Freude hat. Am Eingang des
Platzes war eine ganze Wagenburg der grünen Wohnwagen aufgestellt.
Inmitten des Platzes wogte und drängte sich das Volk; ringsum waren
die Buden und die Stätten des Vergnügens. Jede einzelne Schaustellung
war von entsetzlichem Lärm begleitet; alle Gassenhauer, Trompeten,
Karussellmusik, Klappern und Pfeifen schollen wüst durcheinander.
Fritzi blieb mit freudeglänzenden Augen vor dem elektrischen Karussell
stehen und sah dem Kreistanz der bunten, hölzernen Tiere, auf denen
junge Mädchen und Burschen saßen, zu. „Ist das nicht ’n Roland seine
Braut?“ hörte sie plötzlich Roditscheff in seinem harten Russendeutsch
fragen, „Servus, Pummel!“ „Sind Sie allein, Fräulein?“ erkundigte sich
sein vorsichtiger Begleiter. „Ja? Ist das eine Freud’! Wir sind auf gut
Glück hergekommen und finden gleich ein nettes Mad’l mit Lokalkenntnis
... Sie kennen doch den Dult dahier?“
Sie hatte in der Tat durch Zufall Roditscheff und Aloys Binder
getroffen. Die Ringkämpfer nahmen sie sofort in die Mitte. Sie sagte,
es wäre kein Dult, sondern ein Rummel, und sie möchte würfeln gehen.
Arm in Arm zogen alle drei nach der Würfelbude, würfelten und gewannen
nichts. Dann setzten sie sich in ein großes Schiff, welches an einem
hohen Gerüst hin und her schaukelte, und trieben darin Allotria. Dann
zog ein unartikuliertes Geheul, wie von Wilden, Fritzis Aufmerksamkeit
an, und die Athleten waren gleich bereit, mit ihr in die Bretterbude,
welche die Aufschrift „Wildafrika“ trug, hineinzugehen. In der
jammervollen, halbdunklen Bude, die über der bloßen Erde stand, war ein
dicker Dunst von Holzkohlen und Petroleumqualm; ein einziger magerer,
frierender Neger sprang unter eintönigem Geschrei von einem Fuß auf
den andern, und ein heiserer junger Bursche behauptete, daß der Wilde
Kriegstänze aufführte. Fritzi war in ihrem Elemente. Sie schrie und
lachte und klatschte in die Hände, während Binder und Roditscheff ihr
die Wangen streichelten und sie verliebt in die Arme zwickten. Endlich
war sie der Schaubuden müde und wollte nun zu den Ringkämpfern. Lachend
kamen die Athleten auch diesem Wunsche der Chansonette nach.
Ein rundes Leinwandzelt bildete den Zirkus, in dem die Kraftmenschen zu
sehen waren. Gartenstühle, die von Lehrlingen und Burschen eingenommen
waren, schlossen die Arena ab. Das Zelt war nur durch Petroleumlampen
erhellt, und statt der Ringmatte gab es nur ein wenig Lohe. Als die
drei das Zelt betraten, waren die in schmutzige, geflickte Trikots
gekleideten Kraftkünstler gerade damit beschäftigt, Gewichtstangen
mit übermäßig großen hohlen Kugeln zu stemmen. Das dankbare Publikum,
welches die Gewichte für echt hielt, jauchzte den vermeintlichen
enormen Leistungen leidenschaftlich zu... Dann kam der zweite Teil der
Vorführung. Gustav, Fritzis Freund, ließ die Stangen und Gewichte aus
dem Wege räumen und hielt eine kleine Ansprache an das Publikum. Er
war bei weitem der hübscheste, stärkste und ansehnlichste Athlet unter
seinen vier Kollegen, die mit ihm in dieser primitiven Arena standen.
Anstatt aber die wirklichen Namen der jungen Leute, die sämtlich
dem Athletenklub „Deutsche Eiche“ angehörten, zu nennen, rief er
hochklingende und berühmte Namen auf:
„Winzer, Hamburg! -- Franz Sauerer, München! -- Albert Sturm, Berlin!
-- Lassartesse, Frankreich! --“
Er kam nicht weiter; Binder und Roditscheff waren in dröhnendes
Gelächter ausgebrochen, und Roditscheff schrie, stoßweise, unter Lachen:
„Ach, du freches Tier! -- Der Sauerer! -- Der Sturm! -- Der
Lassartesse! -- Die müßten dich auf den Hintern setzen, hier, auf
deinem Rummel! --“
Das Publikum, welches nicht wußte, um was es sich handelte und in den
laut lachenden Herren nur Störenfriede sah, begann zu murren. Der
Ringer Gustav aber, der mit einem Blicke die Situation übersehen hatte,
war mit einem Sprunge, wie ein Tiger, außerhalb des Zuschauerringes
bei den Champions und flehte sie leise und hastig an, ihn nicht zu
kompromittieren. „Nein, nein! ist allright!“ versicherten Roditscheff
und Binder. Gustav schleuderte einen wuterfüllten Blick auf Fritzi,
raunte ihr aber zu, daß sie sofort nach dem Ringkampfe hinter dem Zelt
sein sollte; er müßte ihr etwas sagen. Fritzi nickte, und schon war er
wieder in seiner Arena. Das Publikum applaudierte in der Meinung, daß
er die Störenfriede beruhigt hätte. Nun konnte der Ringkampf endlich
anfangen!
Gustav verkündete laut die hier geltenden Kampfregeln: jeder Kampf
sollte drei Minuten dauern. Seine Stimme klang rauh und heiser vor
Wut. Wer anders, als Fritzi, hatte die beiden Athleten, vor denen er
sich mit der von ihm geleiteten kleinen Truppe lächerlich gemacht
hatte, indem er die Namenlosen mit klangvollen Namen schmückte,
hierher auf den Rummel geschleppt? -- Mit heiserer Stimme, Zorn und
Rache im Herzen, erklärte er nach Ablauf der drei Minuten, daß der
Kampf als unentschieden abgebrochen sei. Nun führten zwei der jungen
Budenringer eine offenbar vorbereitete Komödie auf. Derjenige, der hier
unter dem Namen des Hamburger Athleten Winzer figurierte, nannte den
schwarzlockigen, jungen Menschen, dem der Name Lassartesse beigelegt
wurde, einen „Schieber“ und forderte ihn zu einem Match heraus. Einen
Taler sollte der Einsatz von beiden Seiten betragen! Der junge Mensch,
der das Deutsche übertrieben radebrechte, erklärte sich dazu bereit. In
unternehmender Haltung traten sie zum Kampfe an und ehe zwei Minuten
um waren, lag der echte oder scheinbare Franzose auf dem Rücken. Nach
Ansicht des Publikums hatte der Deutsche einen schwerwiegenden Sieg
errungen und einen Taler dazu! --
Gustav kündigte an, daß nach einer Pause von fünf Minuten die nächste
Vorstellung stattfinden werde, und ging, ehe die Zuschauer das Zelt
verließen, noch mit dem Teller sammeln. Roditscheff und Binder warfen
zwischen die Nickelstücke jeder einen Taler, für die Gustav, innerlich
fast erstickend vor Wut, noch eine Verbeugung machen mußte... Als die
Champions das Zelt verließen, blickten sie sich nach ihrer kleinen
Begleiterin um. Fritzi war verschwunden. „Ach, der Pummel wird schon
wiederkommen!“ meinte Sergej, „wir gehen langsam weiter, Aloys.“
Fritzi war geschwind, wie eine Eidechse, hinter das Zelt geschlüpft.
Auch sie ahnte nichts von der Ursache des Intermezzos. Gustav
stand schon da, eine Jacke über das apfelgrüne Trikot gezogen. Die
Chansonette sprang flüchtigen Fußes zu ihm hin, aber ehe sie ein Wort,
eine Frage aussprechen konnte, trat Gustav mit verzerrtem Gesicht
einen Schritt vor und hieb ihr rechts und links mit den großen Tatzen
fürchterliche Ohrfeigen, während er ihr heiser zuflüsterte:
„Du Dirne! -- du! -- mußtest auch noch mit diesen Kerlen anfangen --!
mir zum Possen, du Bestie! -- Lasse dich nie wieder vor mir blicken,
sonst schlag’ ich dich tot! --“
Sie wollte eine Erklärung haben, aber er ließ sie nicht zu Worte
kommen, und als er eine Sekunde von ihr abließ, lief sie heulend, wie
gehetzt, davon. Gustav tat einige Schritte hinter ihr her, kehrte aber
alsbald wieder um. Wenigstens hatte er seine Rache an ihr gekühlt!
„Gemeines, schamloses Frauenzimmer,“ murmelte er zwischen den Zähnen
und kehrte in sein Zelt zurück. --
Binder hatte Fritzi inzwischen erspäht; sie stand schluchzend abseits
und hielt das Taschentuch vors Gesicht.
„Was hast du denn?“ fragten die Athleten.
Fritzi antwortete nichts und weinte nur noch stärker. Roditscheff, mit
seiner starken, lächelnden Gutmütigkeit, zog ihr die Hände weg. Sie
sahen das niedliche Mädchengesicht von Tränen des Zornes und Schmerzes
überströmt und die zarten Wangen geschwollen und brennend gerötet.
Beide wußten sofort, was geschehen war und ahnten den Zusammenhang.
„Na, Mäderl --!“ tröstete Aloys, „mach’ dir nichts aus dem frechen Kerl
und höre auf zu weinen... Wenn ich ihn wieder treffe, spreche ich noch
ein Wörtchen mit ihm; dann kann er sich die Ecke aussuchen, in die er
fliegen will --! komm her, mein Kätzchen, sei wieder lustig! wir lassen
uns zusammen photographieren! --“