Platz gefunden hatten. Man hatte mehrere der weißgescheuerten Tische
zusammengerückt und sich rundum gesetzt. Hermann Thyssens Platz war
leer. Am Tische saßen Mansur mit seiner Frau, der molligen Wienerin,
Bernhard Meinken, Emil Jolly, Jan van Muyden, Giacomo Petrocchi
und Vittorio Cardo, Aloys Binder mit seiner Freundin Celeste, der
dickköpfige Pierre le Forgeron mit einem hübschen, jungen Dinge,
welches er vorhin im Hausflur entdeckt und gleich mit hineingenommen
hatte, Paul Kiesling, Sergej Roditscheff, August Bluhm und Zirkovitsch.
An einem Extratisch beim Fenster saßen zwei schweigsame Zecher, die
sich von den andern abgesondert hatten, Sala ben Brahim und der Stier
von Granada. Der Türke, in einem phantastischen Gewande, in grobem
Hemd, besticktem Jäckchen, Pluderhosen und breitem Gürtel, in dem ein
Dolch steckte, den Fez auf dem schwarzen, spärlichen Haar, soff trotz
dem Koran und starrte gleichgültig in sein Glas. Manuel Gomez saß
faul hintenübergelehnt, in einer unglaublich nachlässigen Stellung,
die großen Füße weit von sich gestreckt. Er war zum ersten Male in
Berlin, hatte aber als findiger Zecher, der sich an allen berauschenden
Getränken, die auf Erden erzeugt werden, schon betrunken hatte, sofort
den Landwehrtopf entdeckt und handhabte ihn geschickt, wie ein
geborener Berliner. Sein häßliches, olivenfarbiges Gesicht mit der
breiten Nase und den finster beschatteten Augen drückte die äußerste
Indolenz aus. Er verriet durch kein Zeichen Teilnahme an dem, was um
ihn vorging, und bewegte sich nur, um mit seiner enormen Tatze den
Landwehrtopf zum Munde zu führen oder um von Zeit zu Zeit eine neue
Zigarette zu entzünden.
Am Tische war man guter Dinge. Frau Anna, die Gattin des schwarzen
Mansur, war in der besten Laune und sprudelte in ihrer allerliebsten
Mundart die drolligsten Einfälle heraus. Die kleine, runde Frau
hatte einen losen, kecken Mund und ein vorzügliches Gedächtnis und
hatte sich, wie es schien, alle Schnurren und Anekdoten gemerkt, die
sie jemals hatte erzählen hören. Die erzählte sie nun, eine nach
der andern, in unerschöpflicher Folge. Ihr Mann verstand nicht viel
davon; er sprach fast nur Englisch und begnügte sich damit, verklärten
Gesichtes dazusitzen. Sobald er aber den Mund auftat, schlug sie ihm
mit der kleinen, fetten Hand auf die wulstigen Negerlippen und forderte:
„Still bist, Mansurl! Nöt an anzig’smal läßt dein rechtmäßig’s Weiberl
zu an Wort kommen! -- Da fallt mir noch a G’schichten ein -- -- --“
Das junge Ding an Pierre le Forgerons Seite, eine kleine Näherin,
war fast außer Atem vor Lachen. Sie kümmerte sich gar nicht um den
„Champion von Paris,“ der sie hereingeführt hatte und nicht mit ihr
sprach, weil er kein Deutsch konnte; sie hörte nur der lustigen
Wienerin zu. Jan van Muyden, der Frau Annas Anekdoten längst kannte,
begann unterdessen ein verliebtes Spiel mit der niedlichen Schneiderin.
Er saß ihr gerade gegenüber, trat ihr unter dem Tisch auf die Füße und
versuchte, seine Kniee ihren schmächtigen Mädchenknieen zu nähern. Aber
er hatte keinen Erfolg. Endlich fühlte sie das Knie des Holländers und
blickte überrascht zu ihm hinüber. Jan van Muyden hatte die Zigarre aus
dem Munde genommen und gähnte eben in ungenierter Weise. „Ach!“ rief
das kleine Fräulein ihn an, „ach Sie!! -- Sie sollten schlafen gehen,
wenn Sie so müde sind!“ Van Muyden fuhr polternd auf: „Halte dein Maul,
du freches Ding! Was denkst du denn, wen du vor dir hast?“ „Die Fräul’n
denkt, s’ ist besser dran mit aan’, der wo scho’ müd’ ist!“ rief die
zungenfertige Anna spitzig. „Fräul’n, der Forgeron geht auch bald
z’Haus!“ -- Pierre le Forgeron hatte nichts verstanden; er hatte nur
begriffen, daß seine Dame beleidigt war. Sein Kopf wurde dunkelrot bis
unter die pomadeglänzenden Locken, er sprang mit solcher Vehemenz auf,
daß mehrere Biergläser ihren Inhalt über den Tisch und die Umsitzenden
ergossen und wollte dem Holländer durchaus zu Leibe gehen. Paul
Kiesling gab sich Mühe, zu vermitteln. Er wollte keinen Streit. Sein
schmales, hartes Gesicht sah indigniert aus; er war gekommen, um Karten
zu spielen und mußte nun ohnehin die allgemeine Unterhaltung über sich
ergehen lassen. Er riß den wütenden Franzosen mit einer Hand, die
tödlich erschrockene Näherin mit der andern Hand vom Tische weg, zur
Türe hinaus in das Billardzimmer hinein. Jan van Muyden wollte nach. Da
schlug der friedliebende Westfale kurz entschlossen die Verbindungstüre
zu, gab dem jungen Mädchen ihren Schal, dem Franzosen Mütze und Paletot
in die Hand und drängte alle beide ruhig und energisch zum Restaurant
hinaus, indem er abwechselnd auf beide einredete:
„Tu t’en vas, Pierre, avec ta petite dame, c’est entendu! -- Allons
marsch, du dummes Ding, nimm ihn mit oder macht, was ihr wollt, aber
schert euch fort! -- --“ Wenige Sekunden später war der Champion von
Paris, die „rote Nelke,“ samt seiner Schönen ins Freie befördert.
Paul Kiesling wendete sich um; seine schmalen Lippen umspielte ein
flüchtiges Lächeln.
„Was war denn das, Paul?“ fragte Thyssen, der immer noch bei der
hübschen Frau Jolly an dem Schenktische stand.
„Nichts,“ versetzte der Westfale ruhig, „du weißt, ich kann Radau
absolut nicht leiden... Ein Spielchen wäre mir lieber...“
„O Gott!“ schrie die Wirtin unter Lachen, „Sie sind mir einer.... Wie
Sie das Mädchen am Arm hatten, grade wie eine junge Katze...“
„Genau so,“ sagte Kiesling ernsthaft. „Die Mädchen müssen ihren Herrn
spüren, dann sind sie leichter zu behandeln, wie junge Katzen.“
Er blieb noch einige Minuten am Büfett stehen und trank einen Schnaps,
den er sich aus Wermut und Sherrybrandy selber mischte. Dann ging er in
das Klavierzimmer zurück.
Jan van Muyden hatte schon zu viel getrunken. Er kokettierte jetzt
mit der Geliebten Aloys Binders, Madame Celeste. Er hatte den
leergewordenen Platz des Franzosen eingenommen und redete leise auf
die schlanke, schöne Frau ein. Celeste saß in ihrer weißseidenen
Theaterrobe stumm da, hatte die wunderschönen, feinen Hände im Schoße
gefaltet und blickte mit weitoffenen, sehnsüchtigen Kinderaugen vor
sich hin. Sie hatte noch kein Wort gesprochen und lehnte Jan van
Muydens Reden nur mit traurigem, stillem Kopfschütteln ab. Zum Glück
hatte Binder, der mit Eberhard in ein eifriges Gespräch gekommen war,
noch nichts bemerkt, denn wenn seine Eifersucht einmal erregt gewesen
wäre, hätte niemand mehr eine furchtbare Szene aufhalten können. Paul
Kiesling übersah mit einem Blick die Situation. Er legte dem Münchener
die Hand auf die Schulter und sagte:
„Es ist nicht richtig, Aloys, daß Madame sich den ganzen Abend
langweilen muß... Sieh her, sie schläft fast ein... Du, Jan, ich mache
dir einen Vorschlag: mache mit mir und dem Sergej ein Spielchen! Wir
haben noch genug Zeit....“
Das war dem Holländer recht. Auch Roditscheff stand auf, und die drei
Athleten gingen ins Büfettzimmer, wo sie nahe dem Ofen sich um den
runden Tisch setzten. Roditscheff zog ein neues Spiel aus der Tasche
und begann die Karten zu mischen. Inzwischen öffneten Kiesling und
van Muyden ihre Geldbörsen und legten jeder ein Häufchen Gold- und
Silbermünzen vor sich auf den Tisch. Der harte Zug um Kieslings Mund
vertiefte sich, seine stahlfarbigen Augen blitzten. Liebe und Karten
gingen ihm über alles in der Welt; aber noch lieber als die reizendsten
Frauen waren ihm diese bunten Blättchen....
An den Tisch war der Friede zurückgekehrt. Man unterhielt sich
freundschaftlich in fünf verschiedenen Sprachen, trank helles Bier
aus geeichten Gläsern, und einige rauchten. Hermann Thyssen stand
immer noch bei der appetitlichen Wirtin am Schenktische und zählte
die Knöpfe an Frau Jollys schwarzseidener Taille, indem er mit dem
Finger auf die Knöpfe tupfte, die in enger Reihe vom Halse über die
volle Brust gingen. Plötzlich hielt draußen mit großem Lärm ein
Automobil, und dann hörte man den Tritt von flinken Frauenfüßen und
ausgelassenes Mädchenlachen; die Türe wurde aufgerissen, und herein
wirbelten und flogen fünf lachende Geschöpfe in eleganten Toiletten und
prächtigen Hüten, die den frischen Hauch der nächtlichen Schneeluft
und teure, starkduftende Parfüms in ihren Röcken mitbrachten. Hinter
ihnen erschien Willi Lehmann, der heute abend seinem Prinzip, sich
in Zukunft nur noch von anständigen Damen verehren zu lassen, untreu
geworden war. Die gelbseidne Adele, seine Freundin aus früherer Zeit,
stieß einen lauten Freudenschrei aus, als sie die vielen Athleten im
Nebenzimmer erblickte, warf Hut und Pelzcape in eine Ecke, raffte ihre
Röcke mit einem sichern Griffe bis über die Kniee hoch und sprang
Eberhard Freidank ohne weiteres auf den Schoß.
„Heißt du nicht Roland?“ rief sie unter Küssen, „ja, siehst du, Dicker,
ich habe mir sogar deinen Namen gemerkt!“
Nun kamen die andern Mädchen auch herbei. Es war ein allgemeiner großer
Aufstand, mit dem jeder einverstanden war. Im Klavierzimmer stand ein
altväterisches Ledersofa, mit altmodischen, weißen Porzellanknöpfen
genagelt. Auf dieses Möbel ließen sich zwei der lustigen Frauenzimmer
kreischend niederfallen, die Tische wurden herangerückt, die Athleten
mit den beiden Damen rückten nach; ein Mädchen setzte sich neben
Petrocchi, die kleine Blondine, die das Brillantarmband nach Thyssen
geworfen hatte, nahm zwischen dem „Apollo von Berlin“, den sie früher
als Modell gekannt hatte, und Mikita Zirkovitsch Platz, und die
gelbseidne Adele blieb auf Freidanks Schoße sitzen. Die Mädchen schrien
und lachten durcheinander und ließen einander nicht zu Worte kommen;
Willi Lehmann erzählte gleichfalls schreiend von seinem Rendezvous,
welches nur sehr kurze Zeit gedauert hatte, denn seine Dame, eine
Rechtsanwaltsfrau, hatte ihn nur auf morgen in ihre Wohnung bestellen
wollen; glücklicherweise kam gerade, als er der Dame die Hand zum
Abschied reichte, die gelbe Adele mit ihren Freundinnen daher, die
Mädchen umringten den alten Bekannten mit lärmendem Entzücken, Adele
hängte sich in seinen rechten Arm ein, ihre Busenfreundin Magdalene
Leblanc in den linken, und so waren seine Grundsätze kraftlos
geworden... Alle fünf Mädchen hatten heute abend ihre Verehrer und ihr
Gewerbe im Stich gelassen um des ordinären, häßlichen Athleten willen;
die tolle Schar war mit ihm durch eine ganze Anzahl von Halbweltlokalen
gestürmt, um den plumpen Menschen mit der Mongolenfarbe und den
struppigen, schwarzen Borstenhaaren im Triumphe zu zeigen. Endlich war
es Adele plötzlich in den Sinn gekommen, zu Jolly zu gehen; sofort
waren alle sechs in ein Automobil gesprungen, und da waren sie...
Hermann Thyssen bequemte sich jetzt auch, seinen Platz am Tische
wieder aufzusuchen. Er hatte die kokette Sprödigkeit der Wirtin
lange genug genossen, und der schwüle Chypreduft der Demimondänen
stieg ihm freundlich und verheißungsvoll in die Nase. Langsam, mit
stolzem, liebenswürdigem Lächeln, den Hohenzollernschnurrbart steil
aufgerichtet, kam er näher. Magdalene Leblanc, die auf dem Kanapee
saß, flog auf, wie der Pfeil vom Bogen, und zog den Weltmeister mit
verliebter Gewalt zu sich heran. Er mußte zwischen ihr und der roten
Alli sitzen. Er sah sich nun seine beiden Nachbarinnen an. Magdalene
war eine blasse Brünette mit lilienschlankem Körper und einem perversen
lüsternen Gesicht, aus dem die dunkeln, schwarzumränderten Augen wie
meerestiefe Fragen blickten. Der schlanke, lasterhafte Leib trug mit
aparter Grazie ein feuerrotes Prinzeßkleid, das bis unter die Hüften
eng wie eine Schlangenhaut anlag und erst bei den Knieen in weichen
Falten auseinanderfloß. Die rote Alli war ein bequemes, üppiges
Frauenzimmer mit phlegmatischen Gesten und gutbürgerlichen Manieren,
deren Spezialität darin bestand, ganz unsäglich gemeine Geschichten
zu erzählen, über die selbst Lebemänner erröten konnten. Alli besann
sich nicht lange und begann sofort voll Behaglichkeit ihre gepfefferten
Gemeinheiten vorzutragen. Hermann Thyssen saß zurückgelehnt, von den
schlanken Armen der lasterhaften Magdalene zärtlich umrankt, und war
fast außer sich vor Vergnügen. Im Leben hatte er noch nicht so gemeine
Redensarten aus dem Munde eines weiblichen Wesens, selbst wenn es
eine Dirne war, vernommen. Und diese hier erzählte ihre schamlosen
Eindeutigkeiten mit freundlicher Seelenruhe, als ob sie aus der Zeitung
vorläse....
„Jolly!“ rief Hermann Thyssen schallend durch das Zimmer, „Jolly, was
hast du für Wein? -- Ihr seid alle meine Gäste -- --!“
Der Wein wurde gebracht; wie Hochwasser stieg die Fröhlichkeit und
schwoll zu immer lauterem Jubel an. Einmal ärgerte sich Roditscheff,
der noch mit Kiesling und van Muyden am Spieltisch war, daß er nichts
von der Gesellschaft der Weiber haben sollte, und während Paul die
Karten mischte, ging er an den Tisch hinüber und bändelte mit der roten
Alli an:
„Na, Pummel, wie ist’s? Kommst du mit mir?“
Das Mädchen fühlte sich beleidigt; sie hielt die Anrede des
Ringkämpfers für eine Anspielung auf ihre phlegmatische
Wohlbeleibtheit, und gerade die haßte sie; denn sie wollte durchaus als
schlank gelten. Sie erwiderte giftig:
„Ich denke nicht daran! -- dein Genre liegt mir nicht! Ich bleibe bei
Thyssen... Wenn du mit Thyssen zum Ringen kommst, fliegst du doch auf
den Hintern!“ --
„Du bist gut unterrichtet, mir scheint! --“ rief Kiesling, der die
Karten ausgegeben hatte, hinüber. „Komm her, Sergej, und laß die
freche, rote Wanze sitzen!“
Sergej ging zum Spiele zurück. --
Längst hatte Emil Jolly die Außentür des Lokals geschlossen.
Die gelbseidene Adele saß frech und verführerisch auf Eberhard
Freidanks Knieen und trank mit ihm aus einem Glase. Die gesuchte
Demimondäne trug eine tiefausgeschnittene Robe von schwarzen Spitzen
über gelbem Atlas. Ihr heißer Körper lehnte sich an seine Schultern,
und mit jedem Atemzuge trank er den üppigen Duft des eleganten
Frauenzimmers, fortwährend sah er den weißen, gepuderten Hals dicht
vor sich. „Dir scheint ja furchtbar warm zu sein, Roland!“ sagte
Adele, „macht das meine Nähe? -- Warte, ich knöpfe dir den Kragen ab!“
Mit großer Geschwindigkeit befreite sie ihn von der Krawatte und dem
Halskragen, legte ihren Arm um seinen nackten Hals, suchte mit der Hand
seine breiten Schultern...
Frau Anna, die energische Wienerin, stand auf und nahm ihren Mann mit,
der sehr ungern ging. Da herrschte Aloys Binder seine Freundin an: „Du
ziehst dich an, Celeste, und gehst mit Frau Helu nach Hause! -- Mußt
ohnedies bei unserer Wohnung vorbei! Schnell, marsch, nach Hause mit
Dir!“ Celeste gehorchte ohne Widerrede, und alle drei entfernten sich...
Die rote Alli hatte Appetit bekommen; Emil Jolly mußte herbeischaffen,
was das Lokal um diese Stunde bot. Unter Freudengeschrei verzehrte die
ganze Gesellschaft eine Dose Rollmöpse, kalte Schweinskoteletts, einige
Endchen Wurst, eine Büchse Sardinen und eingemachte Pfeffergurken. Alle
speisten ohne Messer und Gabeln, ohne Teller und Tischtuch von dem
rohen, reichlich mit Bier und Wein begossenen Tische.
Die Gegenwart der wohlgepflegten, eleganten Dirnen entflammte in allen
diesen berauschten, starken Männern die wildesten Triebe. Ihre Wünsche
wurden immer rückhaltloser, ihre Zärtlichkeiten immer verwegener.
Aber die Frauenzimmer hatten sich mit dem eigensinnigen Wohlgefallen
der Freudenmädchen, die einmal selbst wählen konnten, bestimmte
Ringkämpfer herausgesucht. Die Polenkascha, eine starke, sinnliche
Slavin, küßte fortwährend den dicken Giacomo Petrocchi ab, ohne für
einen andern ein Auge zu haben; die kleine, blonde Brillantenfrieda
hatte ihr Herz für diese Nacht an August Bluhm, den Apollo von Berlin,
verloren, und Hermann Thyssen hatte sich längst mit Magdalene und
Alli verständigt; er wollte die originelle Lasterhaftigkeit von allen
beiden genießen... Und die gelbseidene Adele, die Willi Lehmann
endgültig untreu geworden war, herzte Eberhard ohne Pause. Sie sprang
hinter seinen Stuhl und legte ihm ihre vollen, weichen Arme um den
Hals, hüpfte wieder auf seinen Schoß und ließ sich von ihm füttern.
Sie neigte ihren Mund zu seinem Ohre und flüsterte verlockende Worte
hinein... „Ja -- --,“ flüsterte Eberhard mit heiserer, erstickter
Stimme zurück. Er ging in den Korridor hinaus, um seinen Mantel zu
holen; als er zurückkehrte, stand Adele schon in Hut und Pelzcape
da. Jetzt erst bemerkten die anderen ihren Aufbruch; man wollte sie
zurückhalten, man rief ihnen rohe Zweideutigkeiten zu, aber nicht
einmal die neuerwachte Passion Willi Lehmanns, ihres ehemaligen
Zuhälters, der an seine alten Rechte erinnern wollte, vermochte sie zu
halten. Eberhard Freidank rief mit starker Stimme: „Gute Nacht!“ und
ging schnell davon; ihm nach, mit pikant hochgehobenen Röcken, unter
denen die duftenden Jupons knisternd rauschten, flog die gelbseidene
Adele. -- --
[Illustration]
VII.
Es war anderthalb Wochen später, des Vormittags um elf. Fritzi war
gerade aufgewacht. Sie lag auf der Seite, mit dem Kopf auf ihrem
rechten Arm, und betrachtete blinzelnd die Tapete an der Wand.
Sie überlegte, ob sie endgültig aufwachen oder versuchen sollte,
noch einmal einzuschlafen. Da ging die Türe auf und wurde wieder
geschlossen. Die Chansonette sah sich gar nicht erst um, denn das
Klirren der Kaffeetasse auf einem Tablett verriet ihr, daß die Wirtin
ins Zimmer getreten war. Und Fritzi war so faul!
„Fräulein!“ sagte die Witwe strengen Tones, „Fräulein, sind Sie schon
munter?“
Das junge Mädchen zog vor, abzuwarten, ob sie für die Hausfrau schon
aufgewacht sein sollte oder nicht und blieb unbeweglich liegen. Die
Wirtin wartete den Erfolg ihrer Anrede ab und begann wieder:
„Ich meine Ihnen, Fräulein! Geben Sie doch Antwort, wenn man mit Sie
redet! -- Ich wollte Ihnen nur sagen: ich dulde es nicht länger, und es
ist mir mit Sie schon längst zu dumm geworden! Nein, es paßt mir nicht
mehr!“
Die Frau hätte noch lange weiterreden können, aber jetzt konnte die
Chansonette zu ihrem Leidwesen das Lachen nicht mehr verhalten. Langsam
und behaglich schob sie sich im Bette herum, dehnte sich und fragte,
während sie sich mit beiden Fäustchen den Schlaf aus den Augen rieb,
vergnügt:
„Was denn, Frau Krichelmann?“
„Was?“ versetzte entrüstet die Hausfrau, „das fragen Sie noch? Na,
wenn Sie es durchaus hören wollen: Ihr Lebenswandel ist mir zu bunt!
-- Als der Herr Freidank die Stube für Ihn’ mietete, sagte er: „Meine
Braut ist ein sehr anständiges junges Mädchen.“ Gut, sagte ich, soll
mir lieb sein. Wenn ’n junges Mädchen ihren Bräutigam hat, dagegen ist
nichts einzuwenden. Ich sage nichts gegen den Herrn Freidank, o nein!
Der ist sehr anständig! Er hat mir Ihre Miete immer pünktlich bezahlt!
-- Aber mit Ihnen, Fräulein... Finden Sie das anständig, so oft Besuch
zu kriegen und mitzubringen? -- Und was bringen Sie sich alles mit! Ich
habe gestern abend aufgepaßt... Einen Menschen, wie ’n Steinträger,
anders nicht... Das müßte Ihr Bräut’jam wissen! -- Ich sage Ihnen, es
ist mir zu dumm, Fräulein. Ich will mein Haus rein halten! -- Ich sage
es Herrn Freidank, und Sie müssen ziehen! Für dreißig Mark werde ich
meine Stube jeden Tag mit Kußhand los!“ --
Fritzi hatte den Redestrom nicht unterbrochen. Jetzt hörte sie endlich
auf, in ihren Augen zu reiben, schüttelte die Locken, die sich wie
lustige schwarze Schlangen um ihre Stirn ringelten, zurück und sagte
mit strahlendem Lächeln nichts als:
„Ach nee?!“
„Das sagen Sie!“ erwiderte Frau Krichelmann empört, „aber ich sage:
ach ja! -- Was denken Sie von mich und meinem Haus? Ich habe eine
anständige Pension und keinen Taubenschlag! Und darum bleibt es dabei,
Sie ziehen!“
„Nun seien Sie mal gemütlich, Olleken!“ sagte die Chansonette mit ihrem
niedlichen Kinderlächeln, indem sie die spitzigen Mäusezähnchen zeigte.
„Ich gehe ohnehin bald fort, wenn Eberhard nach auswärts ins Engagement
geht!... Aber bis dahin nicht! Ich habe Sie grade fragen wollen, ob Sie
mir nicht lieber das Vorderzimmer vermieten wollen. Das ist ja leer
geworden. Ich habe heute grade Zeit, meine Sachen umzuräumen!“
„Die Stube mit dem Flureingang?“ fragte die Hausfrau milder, „ja, die
kostet aber sechszig Mark ins Monat! Das wird Herr Freidank wohl nicht
bezahlen wollen!“
„Bisher kostete die Stube fünfzig Mark,“ konstatierte Fritzi, „aber es
ist mir einerlei, ich zahle auch sechszig... Nein, Freidank braucht
das nicht zu wissen, sonst wird er am Ende neugierig, wozu ich einen
eigenen Eingang brauche ... Na, seien Sie vernünftig, Olleken! Wer wird
denn gleich am frühen Morgen ’n Krach machen?“
„Das ist also abgemacht,“ sagte die vorsichtige Hausfrau nun ganz
besänftigt, „Sie nehmen von heute ab das Flurzimmer! Ist mir schon
recht, wer über’n Flur geht, geht mich nichts an... Na, Sie verstehen
mich, Fräulein Fritzichen! Von Krach ist nicht die Rede... Übrigens
trinken Sie jetzt mal Kaffee, Kindchen! Warten Sie einen Augenblick,
ich habe noch ’n Stückchen Napfkuchen von gestern; das hole ich Ihnen
schnell!“
Sie war jetzt ganz Sorgfalt und mütterliche Fürsorge, brachte
den Kuchen, goß Fritzi Kaffee ein, zog sich einen Stuhl ans Bett
und während das junge Mädchen zu frühstücken begann, fragte Frau
Krichelmann, den Oberkörper vorgebeugt, die Ellbogen auf die Knie
gestüzt, vertraulich mit neugierigen Augen:
„Wer war denn nun der Herr von gestern Abend, Fräuleinchen?“
„Ach, Sie!“ sagte Fritzi mit ärgerlichem Lachen, indem sie den Kuchen
in den Kaffee tauchte, „erst erzählen Sie mir was von Lebenswandel und
so, und dann wollen Sie wieder alles wissen! --“
„Fritzichen!“ erwiderte die Wirtin, „mich kennen Sie doch! Ich nehme es
doch einem hübschen, jungen Mädchen nicht übel, wenn sie sich amüsiert!
Aber in meiner Wohnung .... Was nicht über meinen Korridor geht, sehe
ich nicht! Davon weiß ich nichts! Sie wissen nicht, wie es mich freut,
daß Sie das Zimmer zu sechszig genommen haben --! Na, nun erzählen Sie
mal!“
„’n Ringkämpfer,“ sagte Fritzi einsilbig.
„Einer von Herrn Freidanks Bekannten aus’m Theater? Da nehmen Sie sich
man in acht, Kindchen, daß Ihrer nicht dahinter kommt!“
„Nee, bloß aus der Ringkampfschule,“ vertraute das junge Mädchen nun
der Wirtin an. „Er ringt in ’ner Bude, auf’m Rummel! Freidank kennt
ihn aber! -- Ich kann gar nicht begreifen, Frau Krichelmann, daß
mein Bräutigam nichts von allem bemerkt hat! -- Gestern war es ja
ungefährlich; da ist er gleich nach der Vorstellung zu seinen Studenten
auf die Kneipe gegangen. Seine Bekannten haben keine Ahnung, daß er
jetzt Ringkämpfer ist! -- Ja, sonst müssen wir schlauer sein, Justav
und ich! Denn am ersten Abend waren wir zu unvorsichtig... Da hat er
mir im Theater so viel zugesetzt, bis ich mit ihm losgegangen bin, ehe
die Vorstellung zu Ende war. Freidank wollte mich aus der Loge abholen,
aber als er mich suchen kam, bin ich längst mit Justav’n auf und davon
gewesen! -- Daß er davon nie ein Wort gesagt hat, nicht einmal gefragt,
wo ich hingegangen war, das versteh’ ich nicht, Frau Krichelmann.
Eberhard war an dem Abende zum ersten Male auf der Bühne, und das
wollten wir doch zusammen feiern!“
„Vielleicht hat er sich selber an dem Abend etwas vorgenommen, was
er Ihnen auch nicht sagen durfte!“ meinte die welterfahrene Wirtin
nachdenklich. „Aber wie ist es denn mit Herrn Justav’n, bekommen Sie
von dem auch was Reelles geschenkt?“
„Ach nein!“ lachte Fritzi belustigt. „Der tut so, als ob ich noch
froh sein könnte, daß ich ihn überhaupt habe! -- Da ist mein Bankier
freilich anders... Wenn ich den nicht hätte, Frau Krichelmann! Gestern
hat er mir wieder drei seidne Blusen und einen Hut gekauft --!“
Die Hausfrau packte neugierig die Kartons aus, bewunderte mit
neidischem Staunen die Geschenke von Fritzis Kavalier und erkundigte
sich:
„Nun, und Er? Merkt er das nicht?“
„Keine Spur,“ sagte Fritzi. „Sie wissen ja, Männer... Mitunter wird er
mißtrauisch und fragt. Nun, ich gebe ihm immer die richtige Antwort,
und sofort ist er wieder zufrieden... Jetzt zumal, Frau Krichelmann!
Könnte er nicht froh sein, daß er eine gute Stelle hat, wo er so schön
verdient? Nein, er grübelt fortwährend. Seine Stückeschreiberei steckt
ihm im Kopfe und sein Studieren... Er redet fast nichts anderes! --“
„Komisch! -- Und dabei ringt er so großartig, der Herr Freidank! Ich
habe ihn doch nun schon dreimal gesehen! -- Vorgestern, als er den
dicken Menschen, der sich Herkules von Frankreich nennt...“
„François à la Crinière....“
„Na ja! -- als er den herumwirbelte und auf die Matte schmiß, daß
es ordentlich krachte, das war doch wirklich ’n Ding! -- Mein
Schwestersohn, aus dem Amateurklub „Jugendkraft“, sagte, das wäre ’n
wunderbarer Armfallgriff mit Mühle gewesen! Das Herumwirbeln, bis einem
schwindlig werden kann, nennen sie ’ne Mühle! -- Und außerdem verdient
er doch ordentlich --,“ sagte Frau Krichelmann und fuhr brutal fort:
„Sonst, wenn es Ihnen nicht mehr paßt, lassen Sie ihn doch einfach
laufen! Sie finden doch alle Tage ’n andern! Überhaupt, Fräulein
Fritzi, ’n Ringkämpfer ... Nein, ich weiß nicht!“
Sie wiegte den Kopf mit dem graublonden Scheitel hin und her. Fritzi
erwiderte:
„Grade das finde ich aber schön! Er hat doch zuerst durchaus nicht
gewollt, aber ich habe ihm immer zugeredet! Nein, das ist zu hübsch,
Athlet! Und so interessant! Und er verdient wirklich sehr schön! --
Außerdem bin ich ihm doch auch gut,“ fügte sie hinzu.