Manuel Gomez, der immer ungeduldig war, hatte sich eben durch seine

rohen, heftigen Bewegungen das Trikotbeinkleid zerrissen. Nun besah

er den Schaden und stieß auf Spanisch die gotteslästerlichsten Flüche

aus, in denen allen Heiligen übel mitgespielt wurde und besonders

„el culo de la Madona“ in unehrerbietiger Weise erwähnt wurde. Willi

Lehmann sah dem Spanier zu, wie er über ein kleines Mißgeschick wütete,

und mußte über Gomez’ Zorn und seine unanständigen Flüche so sehr

lachen, daß er die Schnürbänder seiner Ringstiefel nicht aufknüpfen

konnte. Immerfort lachend reichte er Eberhard, seinem Bekannten aus der

Traininghalle André Leroux’, die Hand und erkundigte sich nach Fritzi.

Eberhard erwiderte wortkarg, daß es ihr gut gehe, und brach sofort die

Unterhaltung mit dem Zirkusathleten ab.

Eben kam ein Kellner in die Garderobe und fragte nach Herrn Binder.

„Das bin ich,“ sagte Aloys Binder, „was willst du denn von mir?“ Er

saß in Unterhosen auf einem Koffer und sah den hübschen Kellner frech

und neugierig an. „Ich bringe Briefe,“ erwiderte der Kellner, „fünf

Briefe -- bitte.“ „Weiter nichts?“ sagte der Ringkämpfer verdrießlich,

„Briefe? -- Richtig, vier Briefe und ein Zettel! -- Natürlich von

Weibern... Hat einer von euch vielleicht Verwendung für die Weiber?“

fragte er mit zynischem Lachen, indem er die Briefe in der Luft

schwenkte.

„Wenn du se nich brauchen kannst --,“ sagte Willi Lehmann gierig, „denn

zeig ma’ her... Ick könnte ja vielleicht eena oda zwee’n den Jefallen

tun... Ick bin for die Weiber, aber ick jenieße se sehre mit Vorsicht!“

Und er griff nach den Briefen, die Aloys Binder ihm ohne weiteres zum

Öffnen überließ. Eberhard staunte, wie gut der Zirkusringer sich dem

Verkehrston der Champion-Athleten anpaßte. Jetzt riß er die Briefe auf;

Binder, der immer noch in Unterhosen herumlief, und Lehmann lasen sie

unter Gelächter durch und verkündeten ungeniert ihren Inhalt...

Diese Briefe, stammelnde, sinnlose Beteuerungen und Bitten voll

Bewunderung und Leidenschaft, stammten seltener von jungen Mädchen,

als von Frauen. Nur sehr blasierte junge Mädchen, die schon mancherlei

Liebe genossen hatten, erlagen dem Zauber der athletischen Muskeln.

Aber die jungen Frauen, jene, die an einen ungeliebten oder älteren

Mann gekettet waren, jene, die in ihren Kreisen für keusch und unnahbar

galten, sie brachen zusammen beim Anblick soviel starker, gesunder,

muskulöser, wohltrainierter Männlichkeit. Die Flammen, die sie daheim

unter Schweigen und Tränen, im verborgenen geweint, zu ersticken

suchten, sie schlugen plötzlich auf und fraßen die natürliche Scham der

Weiber auf, jene Scheu, die dem Weibe verwehrt, ihren Leib dem Manne

selbst anzubieten. Dann verlangten sie, gleich im Theater, errötend,

mit niedergeschlagenen Augen, Schreibzeug, spendeten dem Kellner, der

ihr Liebesbote sein sollte, üppige Trinkgelder und warteten zitternd

und verlangend auf den Starken, ob es ihm gefallen möchte, ihre Liebe

anzunehmen...

Diesmal hatten die Schreiberinnen Glück. Willi Lehmann übernahm zwei

der Briefe. An eine Dame wollte er schreiben, die andere hatte gleich

einen Rendezvousort unweit des Theaters angegeben. Aloys Binder

interessierte sich nur für eine Journalistin, die ihre Visitenkarte

mit voller Adresse gesandt hatte. „Sowas habe ich gern,“ sagte

er, „Malerinnen, Schriftstellerinnen, Journalistinnen, die machen

Spaß... Die machen alles mit, kennen alles, sind nicht zimperlich und

trotzdem nicht gerade gemein... Das einzige ist, sie zahlen nichts!

Künstlerinnen zahlen nichts, und schenken auch nichts! Höchstens

Bücher und solches Zeug! -- Aber diese kleine Zeitungsschreiberin,

oder Dichterin, oder was sie ist, werde ich mir morgen mal ansehen.

Schreibt, daß sie dreiundzwanzig Jahre alt ist. Wenn’s wahr ist....“

Dazwischen kam ihm ein Gedanke: „Hast du denn Geld genug bei dir?“

fragte er lauernd.

Willi Lehmann, der gerade vor einem halbblinden Spiegel seine

grellfarbige Krawatte umband, drehte sich schnell um, als ob er

schlecht gehört hätte:

„Jeld? -- Mensch, ist das dein Ernst? -- Wenn man von ’ne Donna

injeladen wird, ooch noch wat bezahlen? -- Ach nee, Willi Lehmann nich!

Da müss’n se de Zeche zahlen un außerdem noch orntlich blechen, die

Weiber, wenn ick mir for ihr Vajniejen bemüh’n soll!“

Er setzte den runden, steifen Hut auf und verschwand. Gleich hinter ihm

verließen Sergej Roditscheff und Paul Kiesling die Garderobe. An der

Tür kehrte Kiesling noch einmal um. Er hatte bemerkt, das Roditscheff

seinen Koffer nicht abgeschlossen hatte, ging zurück und steckte den

Schlüssel zu sich.

„Immer die Ordnung!“ sagte der Russe in seinem harten Deutsch halb

anerkennend, halb spöttisch. Kiesling begnügte sich damit, die Achseln

zu zucken, und Roditscheff fuhr fort:

„Wohin schleppst du mich jetzt, Paul? Ins Theaterrestaurant?“

„Höchstens, um dort zu essen,“ versetzte der Westfale, „hernach gehen

wir zu Jolly!“

„Kennst du das?“ fragte Sergej, „gibt es dort nette Pummels?“

„Das nicht,“ erwiderte Paul lächelnd, „mußt du gleich am ersten Abend

wieder Mädels haben? -- Aber ’n kleines Spielchen gibt es bei Jolly.“ --

Das war dem Russen auch recht, und sie gingen zusammen fort.

Aloys Binder wollte auch zu Jolly gehen; er verabredete sich mit

Eberhard, daß man sich später dort treffen wollte. Manuel Gomez hatte

sich mittlerweile unter schrecklichem Fluchen angekleidet. Er verstand

Französisch und ließ sich ebenfalls die Adresse des Restaurants Jolly

geben. Dann setzte er seine großkarrierte Schirmmütze auf den wilden,

eckigen Lockenkopf und stampfte ohne Gruß hinaus.

Binder war endlich mit seiner Toilette fertig geworden. Er stand von

seinem Koffer auf, reckte seine nervigen Arme aus und sagte mit einem

tiefen Seufzer:

„Jetzt fängt mein Nachtdienst wieder an. Mein Drachen hat Ordre, vor

dem Theater zu warten... Will mal sehen, vielleicht schicke ich sie

direkt nach Hause... Ich kann Ihnen sagen, Roland, so’n Reisedrachen

ist das schlimmste, was man sich auf den Hals laden kann!“

Eberhard wußte nicht, von wem der Athlet sprach, und fragte darum

vorsichtig: „Wieso?“

„Wieso --?“ fragte Binder gedehnt, „das fragen Sie? Ein Frauenzimmer,

das einem Tag und Nacht nicht vom Halse geht? Das einen wie ’n Schatten

verfolgt? -- Und nimmt man sich mal irgend ’n andern hübschen Balg mit

nach Hause, ist gleich der Teufel los mit Heulen und Vorwürfen ....

Na, mein Drachen ist ja kusch! Die hat’s ja endlich gelernt.... Die

ist so zahm geworden... Wenn ich mir ’n andres nettes Ding zum Besuch

mitbringe, zieht sie ihr Schuhe und Strümpfe aus, wenn ich’s verlange,

und bringt uns morgens den Kaffee ans Bett!.... Ja, das hat aber genug

Hiebe gekostet!“

Eberhard Freidank war entsetzt. Wie zynisch renommierte dieser

häßliche, rohe Münchener mit seiner perversen Verworfenheit! Zum

Überflusse zog er jetzt die Brieftasche und nahm eine Photographie

heraus, die er mit den Worten: „Da sehen Sie meinen Drachen!“ vor

Eberhard auf den Tisch warf. Trotz seines Widerwillens konnte Freidank

nicht anders, als das Bild ansehen.

Es war das Porträt einer unbeschreiblich lieblichen Dame, die acht-

oder neunundzwanzig Jahre alt sein mochte. Das zarte, vornehme Gesicht

hatte einen kindlichen, rührenden Reiz, die schmale Aristokratennase

und die großen, zugleich unschuldigen und sehnsüchtigen Augen waren

auffällig schön. Unter diesem Bilde stand: In Ewigkeit. Celeste.

Eberhard gab schweigend die Photographie zurück. Er wußte nicht, wie er

die zynischen Reden des Athleten mit diesem Porträt des lieblichsten

Engels in Einklang bringen sollte. Übrigens kamen eben Jan van

Muyden und August Bluhm von der Bühne zurück, wo sie eine halbe

Stunde miteinander gerungen hatten, ohne daß einer von ihnen gesiegt

hatte. Von einer Gegnerschaft der Beiden war nichts zu bemerken.

Sie trockneten sich den Schweiß ab und rieben sich dann gegenseitig

den Oberkörper mit wollenen Frottiertüchern. Wenige Minuten später

erschienen auch Lanfrey und Frank Argyll. Der kleine, braune Neger war

von dem langen Irländer zwei Minuten nach Beginn des Kampfes besiegt

worden. Er schüttelte wehmütig sein häßliches, braunes Köpfchen und

erklärte melancholisch, daß Lanfrey nicht nötig gehabt hätte, ihn mit

so viel Wucht über die Schulter zu werfen; er hätte ihn doch besiegt,

no doubt... Und er schüttelte fortwährend den Kopf. Lanfrey hörte gar

nicht auf die Vorwürfe Argylls in dem schlechten Neger-Englisch. Er war

Temperenzler, hielt alle übrigen Menschen für Säufer und verachtete sie

wegen ihrer Trunksucht tief. --

„Guten Abend!“ sagte Eberhard energisch. Er sehnte sich, ins Freie

zu kommen. Das kindische und sinnlose Treiben seiner Kollegen in der

Garderobe widerte ihn an. Die Bühne war augenblicklich ganz leer, da

Thyssen vorne mit Sala ben Brahim rang. Dabei duldete der Weltmeister

niemanden in den Kulissen. Eberhard trat aus dem Bühnenraum durch eine

kleine Tür, die auf den schmalen Gang hinter den Logen führte. Er

suchte seine Freundin Fritzi. Zu seiner Überraschung war Fritzi nicht

mehr da. Sollte sie schon nach Hause gegangen sein? Er fragte den

Schließer, der nur wußte, daß eine kleine brünette Dame mit einem Herrn

fortgegangen war... Eberhard dankte; das konnte also Fritzi nicht sein.

Wo aber war sie dann? --

Er stieg die Treppe hinunter und gelangte in den Theatersaal. Dort war

das Fieber der Sportleidenschaft aufs Höchste gestiegen. Auf der Bühne

rangen, balgten und wälzten sich die ineinander verschlungenen Leiber

Thyssens und des Türken. Eben gab der Manager dem Orchesterdirigenten

einen Wink; die Musik mußte schweigen. Bisher hatte der laute Marsch

das Geräusch des Ringkampfes übertönt und immer noch ein wenig die

Aufmerksamkeit abgelenkt. Nun breitete sich herzbeklemmend eine

aufregende Stille aus und nur von der Bühne drang das heftige,

animalische Stöhnen des Türken. Der mattbraune Leib Sala ben Brahims

war schon ganz mit Schweiß bedeckt. Der Schiedsrichter pfiff und

unterbrach die Ringer auf eine Minute, während welcher die Gegner

abgetrocknet werden sollten. Der Türke verschwand; Hermann Thyssen

blieb mit ruhigem, hochmütigem Gesicht nahe an der Kulisse stehen, fing

ein ihm zugeworfenes Handtuch auf und trocknete flüchtig über Arme und

Hände. Seine zähe Germanenkraft war noch lange nicht erschöpft.

Dann trat Sala wieder auf, eine Hand an dem Amulett, welches er selbst

beim Ringkampfe nicht vom Halse ließ. Ein Pfiff, und wieder gingen die

Ringer hart aufeinander los. Thyssen machte jetzt Ernst. Der Türke, in

seiner blinden Wut, stieß heulende, gurgelnde Töne aus; schon wieder

war er in Schweiß gebadet, und man meinte das Dampfen seiner Flanken

zu sehen und den bitteren Duft seines erhitzten braunen Leibes zu

spüren. Da warf ihn Thyssen zu Boden; und ehe der Türke sich von der

Matte erheben konnte, war sein Gegner blitzschnell neben ihn getreten,

hatte den langen, dampfenden, widerstrebenden Körper um den Gürtel

hochgehoben, so daß die Beine über seinem Kopf zappelten, und ließ den

gänzlich Wehrlosen kopfunter zu Boden gleiten...

Es war der vollkommene Triumph der intelligenten, gebändigten Technik

über die tierische Naturkraft. Und, durch einen Zufall, bot dieser

Ausgang des Kampfes genau dasselbe Bild, wie das Plakat, welches noch

in den Gedanken aller war. Ein wahnsinniger Beifallstaumel erhob

sich; Männer und Jünglinge klatschten hingerissen dröhnend in die

Hände, sprangen von den Sitzen auf, stürmten auf die Bühne, falteten

die Hände und riefen in exaltierter Verzückung Thyssens Namen...

Eine Demimondäne, eine allerliebste Blondine, die keine Blume zu

werfen hatte, löste ihr Brillantarmband und schleuderte es nach dem

Gefeierten; eine reife, schöne Frau von vielleicht vierzig Jahren sank

ohnmächtig in die Arme ihres korrekten Gatten. Es war ein tosender

Jubel, wie das Branden und Wogen eines großen Meeres, das zu Füßen des

Athleten rauschte und tobte und über alle Ufer strömte. Es fehlte nur

der Raum, daß alle die verzückten, außer sich geratenen Menschen vor

ihrem Idol auf die Kniee gestürzt wären, um ihm göttliche Ehren zu

erweisen.

So also wurden die Starken geehrt...

-- Eberhard ging schnell aus dem Theater. Er war doch bewegt von der

imponierenden Szene, gewaltig durch die Einmütigkeit der Massen, der

er soeben beigewohnt hatte. Als er in den Vorraum trat, wo die kalte

Nachtluft ihm entgegenschlug, fiel ihm wieder ein, daß er Fritzi suchen

wollte.

Er ging durch das Theaterrestaurant. Fritzi war nicht da. Er bestellte

ein Glas Bier, um den Kellner unauffällig fragen zu können. Indessen

besann er sich anders und fragte nicht. --

Am Nebentische saß Paul Kiesling und verzehrte ohne Hast sein

Abendbrot. Sergej Roditscheffs Suppe stand auch auf dem Tische und

wurde kalt. Denn der Russe lehnte an dem Büfette und plauderte mit der

schönen Leonie. War es ohnehin ein Wunder, daß Fräulein Krömer sich so

lange mit einem Herrn unterhielt, so verlangte der Ringkämpfer erst

recht Unmögliches von ihr. Sie sollte von ihrem Thron an dem Büfette

hinabsteigen und sich mit Roditscheff und Kiesling an den Tisch

setzen. Die schöne Brünette konnte vor Lachen kaum zu Worte kommen.

Mein Gott, hatte schon jemals ein Mensch ein solches Ansinnen an sie

gestellt? Sie war doch keine Kellnerin? Dieser Athlet war wirklich

unglaublich!

„Schade,“ sagte der Russe halb lachend, halb bedauernd. „Ein anderes

Mal werden Sie bei uns sitzen, das weiß ich heute schon... Sie sind nur

heute so stolz, Fräulein... Wie heißen Sie übrigens, Täubchen!“

„Leonie Krömer,“ sagte die Schwägerin des Direktors.

„Lona also,“ versetzte Roditscheff lächelnd und zeigte seine schönen,

breiten Zähne. „Ich sage Lona zu dir... Das erlaubst du doch? -- Jetzt

merke dir, Lona: ich kann nicht leiden, wenn die Mädel zu stolz sein

wollen! -- Also vielleicht morgen, Lona!“

Er reichte ihr die Hand, in die sie zögernd einschlug, und ging mit

seinem hohen, charakteristischen Gange zu seinem Freunde Kiesling

an den Tisch. Fräulein Krömer sah ihm sprachlos nach mit merkwürdig

brennenden Augen, Siegerin und doch besiegt...

Ein Schwarm der Gäste drang in das Restaurant. Eberhard ging hinaus.

Eine fieberhafte Unruhe um Fritzi hatte ihn ergriffen. Er rief eine

Droschke an und fuhr nach Fritzis Wohnung.

In dem Wagen, bei dem gleichgültigen Rollen der Räder, stieg all das

Dumpfe, Zweifelvolle in ihm langsam empor, welches er in den letzten

Wochen beständig unterdrückt hatte. Es war das: er vertraute ihr

nicht mehr. Das ist ein schreckliches Ding, das Mißtrauen. Das bohrt

und wühlt -- und dann wird es wieder beschwichtigt. Man schließt die

Augen, man tröstet sich selbst, man belügt sich selbst. Man glaubt, das

schreckliche Ding ist tot und hat nie gelebt und hatte überhaupt kein

Recht, zu leben. Und dann ist es mit einem Male wieder da, ganz groß

und lebendig und wild, und bohrt und wühlt und wütet weiter...

Und die Liebe? -- --

-- Fritzi war nicht in ihrer Wohnung. Er hatte es sich gedacht. Und

da kam ihm jählings ein süßer, liebreicher Gedanke: sollte Fritzi

heimlich, gegen die Verabredung, in seine Wohnung geeilt sein, um ihn

traulich zu empfangen? Sein Kopf sagte: nein. Aber die Liebe sprach:

das törichte Kind, -- möglich wäre es... Die Droschke jagte nach seiner

Wohnung. Er schloß leise, leise auf, daß Frau Ambrosius und Therese

ihn nicht hörten. Es war alles dunkel und unverändert, wie bei seinem

Fortgehen.

In sein Hirn bohrte sich der Gedanke ein: Ich muß sie finden. Durch die

nächtlichen Straßen führte der eilende Wagen ihn in das Café Prätorius,

wo er wohl hundertmal mit Fritzi gesessen hatte. Lauter fremde

Gesichter; die Geliebte war nicht unter ihnen.

Und weiter fuhr er und blickte interesselos aus dem Wagenfenster.

Draußen begann in linden Flocken der Schnee zu fallen. Die weichen,

feinen Sternchen rieselten hernieder, tanzend, taumelnd, und glitten

lautlos auf die Erde hinab. Eberhards Seele aber blieb dem sanften,

beruhigenden Schauspiele des friedlichen, schimmernden Flockenfalles

verschlossen. Seine Gedanken flogen dem dahineilenden Wagen voraus,...

vielleicht, daß er Fritzi doch in dem Theaterrestaurant traf...

Direktor Immermann saß mit einer kleinen Gesellschaft um einen Tisch

in der Nähe des Büfetts, wo er den ganzen Raum übersehen konnte. Als

er Eberhard bemerkte, sprang er auf und lud ihn fröhlich und jovial

an seinen Tisch ein. Eberhard, mit seinem Herzen voll Unruhe und

Verzweiflung, konnte nicht anders, als der Einladung nachkommen.

Immermann, behende und munter wie immer, zog den jungen Mann am

Rockärmel heran und stellte ihn seiner Gesellschaft vor: „Herr

Ringkämpfer Roland....“ Und er nannte die Namen der um den Tisch

versammelten Personen. Es waren seine Gattin Adelheid, eine üppige,

schönfrisierte Dame, ein Variétéagent, Fräulein Coeur de Rose, die

Soubrette, ferner Thyssens Manager Herr Markus und Leonie Krömer.

Roland mußte zwischen dem Direktor und seiner Frau sitzen. Er sagte der

hübschen Dame einige Artigkeiten, über die sie höchst geschmeichelt

mit charmantem Lächeln quittierte. Sie interessierte sich lebhaft für

den jungen Riesen, von dessen romantischem Berufswechsel ihr Mann ihr

erzählt hatte. Immermann selbst strahlte förmlich vor Bonhommie und vor

Stolz, den neuen Athleten, der heute abend auf der Bühne eine äußerst

stattliche Figur gemacht hatte, entdeckt zu haben. Auch Markus war

von seiner Erscheinung eingenommen, obwohl er ihn noch nicht hatte

ringen sehen. Auf viele Fragen mußte Eberhard aufmerksam Bescheid

tun. Zum Überflusse fing jetzt auch noch Coeur de Rose an, mit ihm zu

kokettieren. Da war seine ohnehin aufs höchste gespannte Geduld zu

Ende. Er sagte hastig und überstürzt, daß er noch eine Verabredung

habe, dankte für die Einladung Immermanns, noch ein Stündchen mit

ihnen zu verbringen und stand auf, ohne den schmachtenden Blicken

der galanten Soubrette Beachtung zu schenken. Während er mit Hilfe

des Kellners in den Mantel fuhr, hörte er, wie Markus zu Immermann

bemerkte: „Die Ringer sind einer wie der andere. Nein, es ist nicht

leicht, mit ihnen auszukommen.“ Eberhard lachte grimmig; gut, mochte

an diesem Abende, wo all sein Glück auf dem Spiele stand, nicht mit

ihm auszukommen sein! Er verabschiedete sich vom Direktor und seiner

Gattin, grüßte die übrige Gesellschaft durch eine rasche Verbeugung und

eilte von dannen.

Wohin aber nun? --

Vor dem Theater war es dunkler geworden. Ein Teil der elektrischen

Lampen war ausgelöscht. Der Schnee fiel immer noch, gleichmäßig, sanft

und leise, und senkte sich auf die Erde nieder, wie große Flügel weißer

Gottesengel. Nur die Seele des Mannes hatte keinen Frieden und war voll

Bitterkeit und wilder Gefühle. Ihm war, als gleite er ins Bodenlose.

Plötzlich fiel ihm die Verabredung bei Jolly ein. Also gut: gehen wir

zu den Athleten! Und schließlich: wäre es denn so ganz unmöglich, daß

Fritzi....

Eberhard schlug den Mantelkragen hoch, schob, mit einem Male

unternehmend geworden, den Hut ziemlich weit auf den Hinterkopf, so daß

ihm die Flocken auf Stirn und Schädel fielen, und schritt, beide Hände

in den Taschen, zu Jolly. Er ging über die Spreebrücke und noch durch

eine ganze Anzahl Straßen; er hatte die Straße, in der das Lokal sich

befand, früher nie betreten. Es war eine alte Straße im Zentrum der

Stadt, nicht weit von der Gertraudtenbrücke.

Das Restaurant Jolly sah äußerlich genau so aus, wie die meisten

Berliner Wirtshäuser, in denen Kleinbürger und bessere Handwerker

verkehren und abends ihre Partie Billard oder ihren Pfennigskat

spielen. Das Wort „Sportrestaurant,“ welches sich auf dem Schilde

zur Rechten der Tür befand, tat sich nicht besonders hervor. Es hieß

Sportrestaurant, weil der Inhaber, ein ehemaliger Amateurathlet

von gutem Rufe, es verstanden hatte, eine ganze Anzahl jüngerer

Sportkollegen als Stammgäste seiner Wirtschaft heranzuziehen. Er

hatte sie dann in einer Art Klub vereinigt und ihnen aus einem alten

Lagerraum ein kleines, primitives Trainierlokal hergerichtet.

Heute, da die große Konkurrenz im Odeon eröffnet worden war und zwei

Dutzend berühmter internationaler Champions der Kraft ihren Einzug in

Berlin gehalten hatten, hatte das Restaurant Emil Jollys seinen großen

Tag. Die Mitglieder des Amateurklubs Herkules, die sonst in diesen

Räumen das Wort führten, sahen sich heute auf die Rolle der stummen,

bewundernden, fast nur geduldeten Zuschauer angewiesen. Zu dieser

späten Stunde -- es war ein Uhr des Nachts -- waren sie überhaupt schon

fast sämtlich verschwunden; nur wenige der jugendlichen Herkulesse

saßen und standen hier und dort schweigsam herum.

Eberhard schloß langsam die Türe und blickte sich um, indem er den Hut

auf dem Kopfe behielt. Zur Linken des Einganges befand sich das Büfett,

das von blankem Zinn und Messing glänzte. Aus kleinen, messingenen

Brunnen sprudelte durch einen Hebeldruck das Bier. Auf hölzernen Zapfen

standen viele Gläser, wie man sie für verschiedene Getränke braucht;

ein hoher Likörschrank mit vier langen Reihen bunter, geschliffener

Flaschen war in die Wand eingelassen. Dieses lustige Flaschenbataillon

und die blanken, gelben Bierbrünnchen wurden von der Hausfrau selbst

verwaltet. Frau Jolly, ein kräftiges, appetitliches junges Weib mit

vollem, hochgeschnürtem Busen war sehr adrett und stattlich anzusehen

im schwarzen, prallen Damastkleide mit der weißen Halsrüsche und dem

weißen Tändelschürzchen, das chic und hausfraulich den runden Leib

bedeckte. Und heute abend wurde ihrem frischen, rotbäckigen Charme

die denkbar höchste Anerkennung zuteil, denn Hermann Thyssen, der

Weltmeister, stand schön und würdevoll vor dem Büfette und beliebte

mit der Hausfrau zu scherzen. Er, um dessen Huld sich die schönsten

und elegantesten Frauen aller Länder bewarben, dem Prinzessinnen von

Geburt und amerikanische Dollarladies zu Füßen lagen und an dessen

breiter Brust, wie alle Welt wußte, eine leibhafte junge, anmutige,

lebenslustige Königin geruht hatte!

Hermann Thyssen wendete sich nach dem eintretenden Eberhard um, noch

mit dem heiteren Licht in seinen sonst so hochmütigen Augen, den

reizenden, klassischen Mund vom liebenswürdigsten Lächeln verschönt.

Eberhard begriff plötzlich die wilden Leidenschaften, die der schöne

Champion diesseits und jenseits des Ozeans entfesselt hatte, und

die Geste, mit der er den Hut zog, war mehr als ein einfacher Gruß.

„Ah, Roland!“ sagte Thyssen kollegial, „Sie finden die andern im

Klavierzimmer!“

Die Starken: Ein Athleten-Roman · 第 5 / 17 段