Die ersten Theaterbesucher erscheinen an der Abendkasse und lösen ihre

Karten. Sie kennen die guten Plätze, sie verhandeln mit dem Kassierer

und erhalten, da sie zeitig genug erschienen sind, ihre Lieblingssitze.

Dann wenden sie sich zur Rechten und treten mit ihrem galantesten

Lächeln in das elegante Theaterrestaurant ein, wo Fräulein Krömer,

die Schwester der Frau Direktor Immermann, in ihrer üppigen, reifen

Brünettenschönheit selbst an dem Büfette thront und mit stolzem,

nachsichtigem Lächeln die Huldigungen ihrer Verehrer entgegennimmt.

Welcher Theaterbesucher verehrt sie nicht? Kein Herr aber darf sich

rühmen, jemals von Fräulein Leonie Krömer mehr empfangen zu haben,

als ein freundliches Wort und ihr berühmtes, zugleich pikantes und

selbstbewußtes Lächeln, das Lächeln, welches sich niemals das geringste

vergibt, das Lächeln, welches rot und stolz wie Julirosen blüht. --

Im Theater brannten, da es noch zeitig war, nur erst die Wandleuchter

und die Öllämpchen in den Gängen. Im Orchester war noch alles finster.

Zwei Theaterarbeiter kamen durch den Spalt im Vorhange auf die Bühne

hinaus, bis nahe an die Rampe, und schraubten ein Loch in den Fußboden;

dann krochen sie durch denselben Spalt wieder zurück.

Auf der Galerie am hinteren Ende des Saales, wo die Sitze nicht

numeriert sind, erschienen die ersten Besucher, wurde halblaut

geflüstert, raschelten Programme.

Die Zeit war da; die unerklärliche, erwartungsvolle, aufreizende

Theaterstimmung kam, als die bronzenen Riesengirandolen, die an starken

Ketten von der hellen, hohen Decke des Saales herniederhingen, mit

einem Schlage im Lichte ihrer elektrischen Kerzen erglänzten.

Im Orchester wurde hinter den dunkelgrünen Schirmchen hier und da eins

der Pultlichtchen angezündet; dann schwirrten leise, nervöse Töne auf

beim Stimmen einer Violine.

Die hohen Flügeltüren des großen, weiten, schönen Theatersaales

standen weit offen, bereit, die Gäste aufzunehmen, die vorerst noch

vor den Garderobespiegeln lächelnd ihr eigenes Bild bewunderten und

heitere Blicke aufeinander warfen. Stets ist das Publikum der großen

Variétés seltsam gemischt; heute aber hätte die Verschiedenheit

dieser Gäste auch dem Unkundigsten auffallen müssen. Es gab da viele

große, vierschrötige Männer mit herkulischem Körperbau und groben

Gesichtszügen, Amateurathleten und Freunde des Kraftsports. Sie hätten,

in so großer Zahl an einem Orte versammelt, zu jeder anderen Zeit

Aufsehen erregt. Aber heute glitten die Blicke interesselos über sie

hin, denn alles wartete auf die Starken, die erprobten, gefeierten

Athleten.... In den Augen der Frauen glühte ein eigentümliches,

heimliches Feuer. Es waren auffallend viele, schöne und elegante Frauen

erschienen. Sie alle waren von einer Nervosität beherrscht, die sich

hinter belanglosem Lächeln und kokett gesenkten Augenlidern verbergen

wollte, und die heimlich fiebernde Unruhe zog ihre Blicke doch

immer wieder auf die drei Meter hohen Plakate mit dem Bilde Hermann

Thyssens, des Matadors, die den ganzen Raum dominierten. Auf blutrotem

Grunde stand der Ringkämpfer, kampferbittert und siegessicher, und

hielt seinen schwarzen Gegner kopfunter mit fürchterlichem Griffe

hoch empor, bereit, ihn zu Boden zu werfen. Man sah die verzweifelte

Gegenwehr des Negers, man sah die Anstrengung der starken Muskeln, den

eisernen Griff der unwiderstehlichen Hände, die Energie der blauen

Augen und des zusammengepreßten Mundes.... Sie lasen die Unterschrift:

Hermann Thyssen, Champion of the World in Graeco-Roman Style -- und

ihre verschleierten Blicke sagten lautlos und bebend: Champion...

Herrscher... Herr... Herr....

„Was siehst du an dem Bilde?“ fragte Frau Ambrosius ihre Tochter, die

nachdenklich vor dem Plakate stand. „Komme auf den Platz, Therese! Es

hat schon geschellt.“

„Ja, gewiß,“ erwiderte Therese, „nur noch einen Augenblick, Mama!“

Das junge Mädchen konnte sich nicht versagen, noch einen eitlen Blick

in den Spiegel zu werfen. Therese konnte zufrieden sein; die rosige

Farbe der Erregung stand gut auf ihrem Gesichte, und die zierliche,

weiße Bluse umhüllte eine anmutige und kräftige Mädchenbüste. Im

nächsten Augenblicke aber schreckte sie leicht zusammen und wendete

sich unwillkürlich um. Im Spiegel hatte sie Fritzi erblickt, Fritzi,

deren Bilder in graziösen, lockenden Posen auf der Kommode in

Eberhards Zimmer standen. Sie erkannte sie gleich so bestimmt, daß

ihr kein Zweifel blieb. Das kecke, zierliche Geschöpf zupfte an ihrem

Lockenscheitel, strich den prallsitzenden Rock noch glätter und hing

sich dann wieder an den Arm ihres Begleiters, mit dem sie stolz durch

das Vestibül in den Theatersaal hineinschritt.

Therese blickte dem Paare finster nach. Eine dumpfe, zornige Eifersucht

stieg plötzlich in ihr auf. Diese kecke Chansonette mit dem schwarzen

Haar und dem tänzelnden, spielerischen Schritte liebte Freidank...

diese schmale, geschnürte Taille hatten seine starken Arme umfangen...

Was war ihr Freidank, was konnte er ihr sein? Sie hätte es in dieser

Stunde nicht sagen können; aber mit hellsehendem, weiblichem Instinkte

faßte sie eine tiefe Abneigung gegen die andere...

„Kommst du nicht?“ fragte Frau Ambrosius ungeduldig, und dann, indem

sie dem finstern Blick ihrer Tochter mit den Augen folgte:

„Wem siehst du dort nach? -- Wer ist denn das? -- Ach, ist das nicht

Herrn Freidanks Dame?“

„Es scheint so,“ erwiderte Therese kühl.

„Bestimmt!“ sagte Frau Ambrosius lebhaft. „Aber mit wem geht sie da,

Therese? -- Man kann von diesem Manne doch nur sagen: ein Kerl! -- Ist

das vielleicht ’n Bruder von ihr? Oder ’n Vetter? Ich habe ja immer

gesagt, sie ist ’n ganz gewöhnliches Frauenzimmer!“

„Ich habe es nie bezweifelt. Übrigens geht sie uns gar nichts an,

Muttchen,“ sagte Therese mit absichtlicher Gleichgültigkeit. Doch

ihr Zorn gegen Fritzi verstärkte sich, da sie nun ihren Begleiter

ins Auge faßte. Es war ein kräftiger, grobknochiger junger Mann mit

ordinären, hübschen Gesichtszügen, aus denen Energie und Sinnlichkeit

sprach. Fritzi lehnte sich kokett an ihn an, verschwendete ihr süßestes

Lächeln an den Athleten und grüßte dazwischen mit blitzenden Augen ihre

anderen Bekannten aus André Leroux’ Training-Hall, welche den hübschen

Budenringer sämtlich um diese Eroberung hinter dem Rücken Freidanks

beneideten....

„Ekelhaft,“ sprach Mama Ambrosius halb neugierig, halb entrüstet. Und

dann eilten beide Damen, ihre Plätze zu erreichen; denn das dritte

Klingelzeichen war soeben ertönt, und die Musik setzte mit einem

schmetternden Marsche ein. --

Auf der Bühne zogen in farbigem Wechsel eine Sängerin, ein

Akrobatenpaar, ein Hundedresseur vorüber; andere Artisten folgten;

dann eine Pause... Und wieder Musik, und neue Menschen auf der Bühne.

Man spielte eine Posse voll derber Komik. Aber je weiter der Abend

vorschritt, desto mehr erlahmte das Interesse der Männer und Frauen,

die den Zuschauerraum füllten und die tollen Witze da oben mit müder

Gleichgültigkeit anhörten. -- Nur zu Ende, zu Ende, daß die Ringkämpfer

erscheinen konnten, die Ringkämpfer.

O, die Ringkämpfer --!

Blaß und schweigsam saßen die Frauen da. Sie wagten nicht, ihren

Gatten, ihren Bräutigamen, ihren Vätern, ihren Brüdern, die sie ins

Theater geführt hatten, ins Angesicht zu sehen, aus Furcht, ihre

Ungeduld zu verraten, die grausame, schmerzhafte Erwartung, die ihre

Nerven auf die Folter spannte. Auf mancher Mädchenstirn perlten

Schweißtropfen, bleiche Lippen wurden nervös zernagt und hungerige

Blicke irrten immer wieder von der Bühne auf knisternde Programme,

dahin, wo die stolzen Namen der vierundzwanzig Ringkämpfer verzeichnet

standen. Und mit wollüstigem Grauen studierten die Frauen und Mädchen

die Kampfregeln, deren technische Ausdrücke so unverständlich und doch

süß brutal klangen....

Wie mit bleibeschwerten Flügeln zogen die Minuten der Erwartung über

den menschengefüllten Saal hin. Als endlich das letzte Wort der Komödie

gesprochen war, brach ein jubelnder, exzentrischer Beifall los, ein

hysterisches Toben und Händeklatschen... O -- es war zu Ende, o... die

Ringkämpfer.... Könnte man die Minuten peitschen!

Noch eine Pause...

Aber als man sich nun auf die Plätze zurückbegab, gingen die Mädchen

und die Frauen wie mit federnden Schritten; auf ihren Stirnen thronte

die heitere Weihe naher Seligkeit, ihre Lippen, in welche die Farbe

zurückgekehrt war, waren im Lächeln geöffnet, aus ihren Augen

leuchteten Sterne der Liebe... Ja, nun war die Zeit gekommen!

Aus dem Orchester sprang mit aufreizenden, feurigen Trompetenklängen

der Ringkämpfermarsch, der überall gespielt wurde, wo Hermann Thyssen,

der Matador, im Trikot zum Kampfe trat, und dann schwebte langsam der

Vorhang empor.

Im Halbkreis standen sie da, die Vierundzwanzig, die Erwählten, die

Halbgötter, die Starken!

Die Musik schwieg; -- ohne Ende hätte man schwelgen mögen im Anblick

der riesigen, kraftvollen Gestalten, die so ruhig und massig

nebeneinander auf der Bühne standen, die starken Arme auf den Rücken

gelegt, die breite Brust mit der Schärpe in den Landesfarben eines

jeden geschmückt. Ihre Gesichter blickten ernst und unbewegt, wie

Gladiatoren. Nur wenige suchten mit den Augen irgend jemanden im

Zuschauerraume, und unter denen, die ein vertrautes Antlitz suchten,

war Freidank. Wen suchte er, wen? -- Therese erbleichte, Therese

schlug zitternd die Augen nieder, -- aber Eberhard hatte nicht Therese

gesucht, sondern Fritzi...

Fritzi, die vorn in der Loge saß, sprang entzückt auf, setzte sich

sofort wieder nieder und wendete das pikante, gemalte Gesichtchen ihrem

Begleiter zu:

„So sehen Sie doch nur! -- Sieht er nicht famos aus?“

„Warum sollte er nicht,“ sagte der junge Mensch, der Budenringer

Gustav, verdrießlich, bemüht, seinen Neid nicht zu zeigen. „Hat mehr

Jlück wie Vastand jehabt... Er kann jenau so ville wie wa alle kenn’,

nich mehr und nich weniga... Jott weeß, mit was for Zicken er sich an

Thyssen ranjeschlängelt hat...“

„Na, quatsch’ nicht, Justav!“ flüsterte die Chansonette ungeduldig und

aufgeregt, „hör’ zu...“

Die Musik schwieg; Herr Markus, Thyssens Sekretär und Faktotum,

durchbrach den geschlossenen Halbkreis der Athleten. Er war im

Frack und in weißer Weste; seine Augen, die vor Hitze, Erregung und

Bewußtsein seiner Wichtigkeit funkelten, wetteiferten an Glanz mit dem

dicken, echten Solitär auf seiner Krawatte. Er machte, so gut es ihm

gelang, eine Reverenz und begann in das atemlose Schweigen hinein mit

lauter Stimme die Namen der Vierundzwanzig auszurufen:

„Jan van Muyden, Meisterringer von Holland...“

Ein dicker, hübscher Ringkämpfer mit rosigem Teint und kurzgeschorenem,

ganz hellblondem Haar, ein echter Holländer, trat vor, ließ aus seinen

grauen, stahlharten Augen einen großen Blick über die Menge schweifen

und verbeugte sich kurz. Als er in den Halbkreis zurücktrat, sah man

ein brutales Lächeln um seinen hübschen Mund spielen....

„... Pierre le Forgeron, genannt Oeillet rouge, die rote Nelke;

Champion von Paris!“

Es hatte noch niemand Beifall geklatscht. Le Forgeron, der ehemalige

Schmied, der sich ernsthaft, mit pariserischer Höflichkeit, verneigte,

war nicht größer als hundertundachtzig Zentimeter, aber die cyklopische

Gedrungenheit seines Körpers, die Riesenkraft seiner breiten

Schmiedehände mochten ihn zu einem furchtbaren Gegner machen...

„Paul Kiesling, Meisterringer von Rheinland und Westfalen ...“

Paul Kiesling hatte einen ungemein proportionierten, sehnigen,

schlanken und edelgebauten Körper. Einzig seine breite Brust und die

stark ausgebildeten Muskeln der schönen Arme verrieten den Athleten.

Seine Hände und Füße aber waren verhältnismäßig klein, und seine

Gelenke nicht im mindesten plump. Er war stolz auf seinen schlanken

Leib, und Tausende von Frauen in aller Welt hatten die herrliche Linie

seiner schlanken Hüften angebetet...

„... Sergej Roditscheff, Rußland...“

Kiesling und Roditscheff wurden immer zusammen genannt. Seit zwei

Jahren waren diese beiden Ringkämpfer unzertrennlich. Roditscheff galt

als der Mann von morgen und übermorgen. Zwei Meter hoch, stark und

ruhig, ein fairer Sportsmann, ein guter Kamerad, gleichmäßig verehrt

von Männern und Frauen, hatte der junge, blonde Riese die Sicherheit

einer glänzenden Zukunft in seinen starken Händen. Sergej Roditscheff

begnügte sich nicht mit einer kurzen Verbeugung. Er trat mit gekreuzten

Armen bis nah vor die Rampe, lächelte stolz und ließ seine schönen,

fröhlichen Augen siegesbewußt auf der Menge ruhen. Ein stürmischer

Beifall brach laut und jubelnd aus. Der große, schöne Jüngling lächelte

noch stolzer, noch strahlender und trat mit zwei gewaltigen Schritten

in die Reihe zurück....

„... Aloys Binder, München, Meisterringer von Bayern....“

Aloys Binder war der Meistgeliebte. Ihm flogen die Frauen zu, und er

verhöhnte sie, spielte mit ihnen, trat sie buchstäblich mit Füßen.

In jeder Stadt, wohin er kam, hatte er bereits am zweiten Tage eine

Schar demütiger Verehrerinnen, die er alle insgesamt wie Sklavinnen

traktierte, ohne einen Unterschied zu machen zwischen Baroninnen und

Cocotten, Kellnerinnen, Bürgerdamen und jungen, feinen Mädchen. Sein

Äußeres war nicht einmal verführerisch. Die Roheit stand ihm auf der

niedrigen Stirn geschrieben. Er trug die starken, braunen Haare steil

hochgekämmt. Seine kleinen, meist halbgeschlossenen Augen funkelten

böse und mißtrauisch. Am unsympathischsten aber war die untere Hälfte

seines Gesichts, das spitze und doch starke Kinn, das auffällig weit

vorgeschoben war und seinem Ausdruck etwas Tierisches gab. Tierisch

waren auch seine Bewegungen, sprunghaft und raubtiergleich. Er warf

einen hochmütigen Blick in das Parkett, wo in der ersten Reihe eine

zarte, liebliche Dame im feinen, weißseidenen Gewande saß und anbetend

zu ihm emporblickte. Unter seinem frechen Besitzerblicke errötete die

junge Frau bis unter die schwarzen Scheitel...

„... Giacomo Petrocchi, Matador von Sizilien...“

Petrocchi lächelte selig, wie ein gutes, dickes Kind. Er war ganz

ungeheuerlich dick und stark. In aller seiner dicken Gutmütigkeit

aber war er ein fürchterlicher, fast unbesieglicher Gegner. Lächelnd,

gleichmütig, ohne aus der Ruhe zu geraten, ließ er seinen Partner sich

müde arbeiten, ohne andern als passiven Widerstand zu leisten. Mitunter

glaubte man ihn verloren, wenn man ihn fallen sah. Aber er fiel nie,

wenn er nicht wollte, denn er fiel immer in die Brücke. Sein gewaltiger

Hals von mehr als fünfzig Zentimeter Umfang hielt jeden Druck aus; er

hätte eine halbe Stunde unerschüttert in der Brücke bleiben können.

Dann stand er plötzlich auf und machte seinen ermatteten Gegner rasch

nieder, ohne daß das glückselige Kinderlächeln einen Augenblick von

seinem dicken Gesichte gewichen war....

„... Vittorino Cardo, Messina...“

Das war der Bruder des dicken, hübschen Giacomo. Vittorino war

von ganz anderer Art, ein schlanker, rassiger Italiener. Er war

Ingenieur gewesen und hatte eine hohe Bildung genossen. Dann hatte

er der sterbenden Mutter der beiden versprochen, über ihren Liebling

Giacomo zu wachen. Von demselben Tage an verließ er alles, wurde ein

Ringkämpfer und pflegte und hätschelte den um zehn Jahre jüngeren

Bruder mit Mutterliebe und Muttertreue. Giacomo hing wie ein zärtliches

Kind an seinem Vittorino... Es war ein unendlich inniges Verhältnis

zwischen den Brüdern, ein zartes, rührendes Idyll unter den rauhen und

brutalen Athleten. Vittorino hatte dem Jüngeren alles geopfert, alles,

sogar seinen Ehrgeiz; denn er, der erst im Alter von siebenundzwanzig

Jahren ringen gelernt hatte, war nur ein mittelmäßiger Ringkämpfer

geworden und hatte jetzt, mit dreiunddreißig Jahren, keine Chancen

und keine Wünsche mehr, als den ihm anvertrauten Liebling seiner

schwärmerisch geliebten toten Mutter reich und glücklich werden zu

sehen...

„... Karl van dem Domhoff, Champion der Normandie; -- William H.

Lanfrey, Irland....“

Das Publikum nahm die Ankündigung der beiden ruhig hin, ohne zu

applaudieren. Sie waren beide unschön und erweckten keine Sympathie,

der fuchshaarige Holländer und der lange, hagere englische Boxer mit

dem unnatürlich kleinen Kopfe und den großen, knochigen Boxerhänden.

Herr Markus war ein gewandter Sprecher; er witterte es sofort, wenn

ein Ringkämpfer dem Publikum gefiel, und wußte mit Geschicklichkeit

Beifallspausen zu machen oder weiterzugehen. Jetzt ließ er ein

prachtvolles Dekorationsstück unter den Athleten vortreten:

„... Mansur, the Lion of the Sudan, der sudanesische Löwe!“

Mansur, der große, dicke Sudanneger mit den lachenden Wulstlippen,

der platten Nase und den kleinen Ohren, an denen massive Ringe

baumelten, erregte leidenschaftlichen Beifall. Sein mächtiger,

tiefschwarzer Körper war in ein zartrosa Trikot gepreßt, welches die

verschwenderische Fülle seiner Muskeln in herausfordernder Weise

markierte. Die breiten Lenden, die enormen Schenkel des Schwarzen

mußten die Wünsche der Weiber bis zur heulenden Gier aufstacheln ...

„... Kasimir Zabolotny, der Riese von Polen! -- Mikita Zirkovitsch,

Serbien! -- Bernhard Meinken, Hamburg, Champion der drei Freien

Reichsstädte, Meisterringer von Europa!“

Bernhard Meinkens Name war einer der gefeiertsten in der Sportwelt.

Stark, ruhig, klug, schön und proportioniert, hatte er sich schon als

Jüngling dem großen Abs als Freund und Schüler angeschlossen und von

ihm, dem die Athletik Kunst und Lebensinhalt war, die große Ringkunst

der antiken Welt, der Griechen und Römer, mit allen ihren Feinheiten

erlernt. Dann kam das tragische Ende des großen Abs, dem seine Kraft

eines Übermenschen zum Schicksal wurde. Bernhard Meinken hatte den

schmerzlichen Verlust seines Freundes und Meisters nie ganz überwinden

können. Eine ruhige Melancholie war in ihm geblieben, die selbst in

den heitersten Stunden dunkel in seinen Augen stand. Seine Berühmtheit

und seine fürstlichen Einnahmen hatten ihn niemals berauscht. Er hatte

ein zartes, feines, blondes Fräulein, die Tochter eines dänischen

Etatsrats, geheiratet, hatte ihr eine Villa in Uhlenhorst erbaut und

die vier Monate des Jahres, die er bei seiner holden, kindlichen

Gattin und seiner immer noch schönen Schwiegermutter, der Etatsrätin,

die sich längst mit der Ringkämpferheirat ihrer Tochter ausgesöhnt

hatte, zubrachte, waren eine Zeit voll des reinsten, intimsten

Familienglückes.

„... Jimmy Holyhead, Australien! -- Frank Argyll, Texas! Sala ben

Brahim, Champion der Türkei! -- François à la Crinière, der Herkules

von Frankreich! -- Raymond Poing de Fer, Lutteur-Matador der Provence!

-- Willi Lehmann, Berlin!....“

Der Lokalpatriotismus brach in helle Begeisterung aus. Das heftigste

Klatschen aber drang aus einer Loge zur Rechten, in der elegante

Demimondänen in hochmodernen Roben und auffälligen Hüten saßen. Sie

kannten ihn alle, den einstigen Freund der „gelbseidnen Adele“, den

Matador sämtlicher Berliner Athletenklubs, den gefürchtetsten Zuhälter

Berlins. Wie hatten sie die gelbseidene Adele um den gelbbraunen

Athleten mit den schwarzen, borstigen, widerspenstigen Haaren beneidet!

Er war Adelen ein strenger, furchtbarer Herr gewesen, aber er hatte

sie gezwungen, Karriere zu machen. In einem Jahre war sie von einer

gewöhnlichen Tanzbodendirne zu einer der gesuchtesten Demimondänen

avanciert. Als er sie so weit gebracht hatte, war sie ihm plötzlich

langweilig. Er wollte sogar wieder arbeiten, um sie los zu werden. Da

wurde er als Zirkusathlet engagiert, reiste kurze Zeit mit Zirkussen,

die ihn wegen seiner entsetzlichen Roheit immer gern wieder entließen,

kam im Herbst auf gut Glück nach Berlin und beabsichtigte nichts,

als seine Einnahmen aus dem Zirkus hier durchzubringen. Da traf

ihn plötzlich das unerhörte Glück, in eine angesehene Konkurrenz

eintreten zu können. Am Tage vor Beginn der Berliner Konkurrenz hatte

Ola Carstensen telegraphisch abgesagt. Hermann Thyssen empfing das

Telegramm in einer Athletenkneipe des Nordens, dessen Wirt er aus

den Anfängen seiner Laufbahn kannte. Der Wirt, ein ehemaliger Ringer,

winkte Willi Lehmann, der zufällig in der Nähe stand, herbei, und

fragte Thyssen ohne Besinnen:

„Kannste nich den da statt dein’ ollen Schweden jebrauchen?“

Thyssen mußte über den „ollen Schweden“ lächeln, und fünf Minuten

später war der Zirkusathlet für die bedeutendste und geachtetste

Ringkampfkonkurrenz engagiert...

Nun folgte ein Schlager dem andern; jeder Name, der genannt wurde,

entfesselte rasenden Enthusiasmus:

„.... Manuel Gomez, el Toro de Granada!“

Der „Stier von Granada“ hatte den olivenfarbigen Teint der Südspanier,

einen häßlichen Gorillakopf mit wilden, schwarzen Locken, einen

unwahrscheinlich breiten Brustkasten, unmäßig breite Schultern und die

größten Hände, die man je gesehen hatte. Das waren wahrhaftig keine

Hände, sondern die Tatzen eines großen, wilden Tieres. Dazu war sein

Gesicht über alle Maßen häßlich, von einer Häßlichkeit, die fast schon

wieder imponieren konnte. Der Toro de Granada klappte plump und grob

zusammen, anstatt sich zu verbeugen... Jeder fühlte, daß man diesem

olivegrünen menschlichen Stier gegenüber nicht würde unparteiisch

bleiben können. Man würde wohl gegen ihn Partei nehmen, aber Partei

nehmen in jedem Falle....

„... August Bluhm, der Apollo von Berlin --! -- Roland, Berlin!“

Das war Eberhard Freidank. Er hatte den Athletennamen „Roland“ gewählt.

Fritzi schrie Hurra, Therese Ambrosius, von den widersprechendsten

Gefühlen bewegt, fühlte sich einer Ohnmacht nahe....

Es gab noch eine Sehenswürdigkeit. Triumphierend verkündete Markus:

„Ingvar Mô, Meisterringer von Lappland!“

Und dann machte er eine Pause. Es war wie der Augenblick allerhöchster

Spannung, wenn ein Todesmutiger im Zirkus die steile Fahrt durch den

Todesring antritt, es war ein atembeklemmendes Schweigen, als wenn die

Natur in Gewitterschwüle den ersten Donnerschlag erwartet....

„.... Hermann Thyssen, Weltmeisterringer.“

Und in den Jubel der Menge hinein bliesen die Trompeten, jauchzten alle

diese leblosen Instrumente mit beseelten Stimmen....

Die Menge hatte sie gesehen, die Starken, die Spannung war gelöst;

man konnte wieder atmen, wieder um sich blicken, wieder lachen! Die

Ringkämpfer hatten die Bühne verlassen. Nun bekam man nur noch jene

sechs zu sehen, die paarweise gegeneinander ringen sollten. Jan van

Muyden, der blonde Holländer, gegen den Apollo von Berlin, der braune

Argyll gegen den langen Irländer Lanfrey und zum Schluß der Türke gegen

Thyssen.

Die Ringkämpfer verließen die Bühne, um sich in den Garderoben

umzukleiden. Nur die sechs Ringer des Abends blieben auf der Bühne. Van

Muyden und der Berliner mußten sofort zum Kampfe antreten, die übrigen

vier hüllten sich in Laken und Bademäntel. Sie standen plaudernd

beisammen und schimpften auf Englisch über die Kälte. Sala ben Brahim

verstand nicht viel Englisch, aber er schimpfte mit. Thyssen, dem

Mikita Zirkovitsch den hellen Mantel um die Schultern gelegt hatte,

sprach noch einige Worte mit dem Serben und verabschiedete ihn dann

durch eine einfache Kopfbewegung. Er stand nun allein, fest in seinen

Mantel gewickelt, und sah schweigend hinter der ersten Kulisse dem

Ringkampfe zwischen van Muyden und August Bluhm zu. Niemand sprach

ihn an, und er schien niemanden zu sehen. Doch als Eberhard an ihm

vorbeiging, fühlte er wieder, wie vor einigen Wochen im Theaterbureau,

jenen ruhigen und dabei flammengleichen, unergründlichen Blick des

Matadors auf sich gerichtet. Er spürte ihn noch, als er in die

Garderobe trat, in der ein Teil der Athleten schon mit dem Umkleiden

beschäftigt war, während andere noch plaudernd umherstanden.

Vittorino Cardo war seinem Bruder behilflich, das Obertrikot über den

Kopf zu ziehen. Inzwischen fragte Giacomo mit knabenhaftem Lächeln:

„La réprésentation finie, où irons-nous?“

„Nach Hause,“ erwiderte der Ältere freundlich. Auf jede

Bildungsmöglichkeit bedacht, sprach er mit Giacomo gern in der Sprache

des Landes, wo sie jeweilig auftraten.

Giacomo sah ihn unglücklich und erschrocken an, und der Ausdruck seines

Gesichtes war so entsetzt, so kindlich betrübt, daß Vittorino rasch

sagte:

„Va, nous irons souper quelque part.... ou au café... ou même ce que tu

voudras....“

Da war Giacomo wieder fröhlich und lachte wie ein zufriedengestelltes

Kind. --

Die Starken: Ein Athleten-Roman · 第 4 / 17 段