du willst... Du hast mich allein... Konnte ich dafür, daß der freche
Athlet mich ansah? Ich habe es nicht gewollt, ich habe ihm zu verstehen
gegeben, daß ich nichts von ihm wissen wollte... Ich finde, er ist ein
Ekel!“
„So, findest du?“ erwiderte Eberhard erheitert. Er hatte noch nicht die
Erfahrung gemacht, daß junge Mädchen in den stärksten Ausdrücken über
die Männer schimpfen, welche ihnen gefallen, und fuhr vergnügt fort:
„Das freut mich! -- Nun, hast du es ja nicht nötig, wieder hinzugehen!“
„Warum nicht?“ fragte sie harmlos. „Wegen dieses Menschen? Ach, dann
glaubte er am Ende, daß ich mich vor ihm fürchte... Nein, Eberhard, das
sollen sie nicht denken!.... Ich komme doch wieder hin!.... Ich will
dich doch sehen! -- Ich bin ja so froh, daß du Ringkämpfer wirst!“
[Illustration]
V.
Es war am Vorabende des ersten Dezembers, an dem Eberhard zum ersten
Male als einer der „vierundzwanzig Ringkämpfer“ vor die Öffentlichkeit
treten sollte.
Eberhard ging des Nachmittages um die fünfte Stunde zu seiner Freundin.
Fritzi hatte ihr Ausgehjäckchen an und setzte soeben vor dem Spiegel
ihren Hut auf. „Ach, du bist’s,“ sagte sie und winkte grüßend mit der
Hand, ohne sich in ihrer Beschäftigung stören zu lassen, „ich gehe
eben fort, wie du siehst.“ „So begleite ich dich,“ sagte der junge
Mann. „O,“ erwiderte das junge Mädchen, wie es ihm schien, in einiger
Verlegenheit, „so wirst du nicht weit mitkommen können, denn ich gehe
ins Theater.“ „In die Garderobe? Jetzt schon?“ fragte er, „es ist kaum
fünf Uhr!“ „Es muß schon später sein,“ antwortete sie schnell, „und
ich muß heute mindestens eine Stunde früher dort sein, da ich an einem
Kostüme zu nähen habe.“
Dagegen war nichts einzuwenden. Trotzdem fragte Eberhard noch:
„Kannst du kein anderes Kostüm anziehen, Fritzi? Ich wäre so gerne noch
ein Stündchen mit dir zusammen!“
„Gerade heute?“ lachte sie. „Aber es ist unmöglich! Es ist gerade mein
schönstes Kostüm, das grüne, du weißt.. Der Agent kommt heute abend
ins Theater, nur meinetwegen! -- Aber hübsch wäre es, wenn du mir ein
paar Mark auf Handschuhe geben wolltest; nach der Vorstellung bekomme
ich erst Gage, und ich kann mich vor dem Agenten nur in eleganten
Handschuhen sehen lassen!“
„Hast du auch dem Agenten zuliebe den neuen Hut gekauft?“ fragte
Eberhard.
Sie zögerte einige Sekunden und sah sich nach ihm um, dann lachte sie
hell: „Neuen Hut? Ein ganz, ganz alter, Eberhard!“
„Nun,“ sagte der junge Mann, „ich habe doch auch Augen im Kopfe...
Soviel ich sehen kann, ist dies ein Hut nach der neuesten Mode, und ein
sehr eleganter dazu!“
Da machte Fritzi ein böses Gesicht und erwiderte verstimmt:
„Nun gut, du hast recht, und ich lüge.... Du hast ja immer recht,
natürlich.... Ist es so weit gekommen, daß du mir nicht mehr glaubst?
Vielleicht schenkst du Frau Krichelmann, meiner Wirtin, mehr Glauben,
als mir! Ihre Nichte ist in einem Putzgeschäft Verkäuferin und hat
mir diese alte, vorjährige Hutfasson wieder aufgeputzt! Gehe doch
hin und frage sie! Sie ist ja viel glaubwürdiger, als ich... O, du
bist schlecht, Eberhard! Du verdächtigst mich wegen meines armseligen
Hutes... Als wenn du mir Hüte kauftest! Liane hat seit Anfang des
Winters schon mindestens acht Hüte bekommen... O, du bist geizig und
schlecht! Du behauptest mich zu lieben und kaufst mir keine Hüte... O
Gott, wie bin ich unglücklich!...“
Sie hatte sich so in Eifer hineingeredet, daß ihr nun wirklich einige
Zornestränen in den Augen blinkten. Hastig wischte sie die Tropfen mit
dem Tüchlein fort und fuhr mit der Puderquaste über Augenlider und
Wangen. Eberhard aber, obwohl noch immer zweifelnd, war besiegt. Er
fühlte sich im Unrecht und sagte gequält:
„Du weißt doch, Fritzi, ich konnte dir nichts kaufen in dieser Zeit...
Wie gern hätte ich dir alles gegeben, wenn ich’s gehabt hätte! Aber
du, du hast dich ja mit der Garderobe vom vorigen Winter behelfen
können... Ich habe mich oft gewundert! Alles verstehst du so geschickt
herzurichten, wie neu... Meine Fritzi sieht immer aus, wie nach der
neuesten Mode gekleidet... Warte nur noch ein Weilchen, geliebtes Kind,
so sollst du wieder alles haben!“
Das junge Weib lachte triumphierend. Wieder einmal war es ihr geglückt,
seine Zweifel zu zerstreuen und den schönen, starken Menschen zu
beruhigen! O, sie fand ihn so hübsch, so kräftig, so männlich, und
dachte gar nicht daran, auf ihn zu verzichten! -- Sie lief an den
Tisch, steckte rasch das Fünfmarkstück, welches er für ihre Handschuhe
gegeben hatte, in das silberne Kettentäschchen und hüpfte dann auf
Eberhard zu, stellte sich auf die Fußspitzen und sah ihm lachend in die
Augen:
„Nun, wollen wir uns zanken oder vertragen?“
Ihre dunklen Augensterne funkelten unter dem schmalen Strich der
Brauen, die mit dem schwarzen Stifte noch schärfer und feiner
nachgezogen waren. Gelblicher Puder lag auf der zarten Haut, der rosige
Mund war noch röter, lockender geschminkt und glühte wie frische
Erdbeeren... Er wollte sie küssen, sie aber sprang neckend fort:
„O, das gibt’s jetzt nicht! -- Ein andermal! -- Jetzt würdest du mir
nur die Schminke verwischen! Und nun schnell, schnell, komm hinaus, ich
muß in die Garderobe!“
Sie trippelte eilig auf der Straße neben ihm her. Bald war das Theater
erreicht; Eberhard reichte ihr die Hand und ging fort. An der nächsten
Straßenecke verglich er seine Taschenuhr mit dem großen Chronometer
vor dem Laden eines Uhrmachers. Es fehlten in der Tat noch mehrere
Minuten an fünf Uhr. Er schalt sich selbst aus. Nun hätte er noch lange
Zeit gehabt, mit Fritzi zu plaudern! Am liebsten hätte er das junge
Mädchen zurückgerufen. Er zauderte kurz, besann sich, ob er sie aus der
Theatergarderobe noch einmal zu sich bitten sollte, wendete sich dann
aber dennoch um und ging nach Hause. Er sah nicht mehr, daß Fritzi an
der Kassiererin des Variététheaters, die bereits in ihrem Verschlage
saß, wieder vorbeistürmte, dem betreßten Portier, der ihr schnell eine
Droschke besorgt hatte, ein Geldstück in die Hand drückte und eilends
in den Wagen stieg, um ihr Rendezvous um fünf Uhr nicht zu versäumen...
Der Portier schloß den Wagenschlag und das Gefährt rollte davon. Der
Türhüter aber trat in seiner bunten Uniform wieder in den Hauseingang
zurück und blinzelte die Kassiererin verständnisinnig an. Das Fräulein
am Kassentische lächelte maliziös:
„Ja, die avanciert rasch! -- Komisch, daß ihr Mensch nichts davon
merkt, den großen Blonden meine ich! Den macht sie doch alle Tage zum
Nulpen!“
„Er is ihr eben jut,“ sagte der Portier. „Amende meent er’s reell mit
se und will ihr heiraten!“
Das belachten sie aber beide wie einen gelungenen Witz. --
Eberhard bog langsam in die Straße ein, in der er wohnte. Er hatte
noch das bescheidene Studentenquartier inne, in dem er gelernt und
gearbeitet, gedichtet, gehofft und gelitten hatte. Er dachte an
den Abend des kommenden Tages und ein leichtes, nur von ihm selbst
gefühltes Lächeln zog fröhlich, abenteuerlustig und verlegen um seine
Lippen. Er ging langsam, den Kopf sehr gerade aufgerichtet, die Hände
in den Manteltaschen. Es fiel ihm selber auf, wie schwer sein Schritt
geworden war. Der ehemalige Turner, der seit Jahren gewöhnt war, die
Zehen zuerst auf den Boden zu setzen, fing nun an, schwer und wuchtig
mit der ganzen Fußsohle gleichzeitig aufzutreten. Sein Gang war breit,
langsam und schwerfällig geworden, der Gang des Athleten, der gleichsam
bei jedem Schritte seine Kraft und sein schweres Gewicht empfindet
und beisammenhält. -- Donnerwetter! sagte er zu sich selbst, bin ich
wirklich nur noch im Trikot elastisch? -- Und er ging durch die kühle
Frische des Abends eilig den kurzen Rest des Weges nach Hause und
sprang absichtlich behend die Treppen hinauf.
Er brauchte die Korridortür nicht aufzuschließen, sie war nur
angelehnt. Er drückte die Tür hinter sich zu und trat rasch in seine
Stube.
Es war darin schon dunkel; nur das Fenster schimmerte noch weißlichgrau
im letzten, matten Lichte des scheidenden kurzen Wintertages. Aber
auf dem Tische brannte eine Kerze, und davor war, tief über ein Buch
gebeugt, ein Mädchenkopf, der bei Eberhards Eintritt erschrocken
auffuhr. Gleich darauf aber lächelte Fräulein Therese Ambrosius, die
Tochter der Zimmerwirtin, und sagte in einiger Verlegenheit:
„Sie werden doch nicht böse sein, Herr Freidank, daß ich in Ihren
Büchern gelesen habe? -- Es war das erste Mal, wirklich!“ --
„Aber ich denke nicht daran, böse zu sein,“ erwiderte der junge Mann
mit seinem ruhigen Lächeln, „warum sollte ich? -- In der Tat, ich habe
nie bemerkt, daß Sie hier gelesen haben... Ich bitte Sie, Fräulein
Ambrosius, lesen Sie alles, was Ihnen Spaß macht! -- Ich schlage diese
Bücher nicht mehr auf, darum werden sie sich doppelt freuen, wenn sie
in zarte Damenhände kommen,“ fügte er mit einem linkischen Versuche, zu
scherzen, hinzu.
Er war es nicht gewöhnt, mit Frauen umzugehen; darum fühlte er, in
Gegenwart von Frauen, eine sonderbare Bedrückung. Er wurde nicht
verlegen und nicht verwirrt. Aber wenn er einem dieser zarten und
empfindsamen Geschöpfe, als welche die Frauen ihm erschienen,
gegenüberstand, war es ihm, als ob etwas Weiches, Schweres auf ihm
lastete, welches ihn zwang, mit diesen andersgearteten Wesen überaus
sanft, fein und behutsam zu verkehren. Über die Frauen, welche einen
Beruf ausüben, hatte er sich noch keine dauernde Meinung bilden können,
weil er keine kannte. Mitunter hatte er ein lebhaftes, peinliches
Bedauern empfunden, wenn er Fräulein Ambrosius zu später Abendstunde
vom Telephondienste nach Hause kommen hörte. Sie erschien ihm zugleich
unweiblich und beklagenswert. --
Fräulein Therese klappte das Buch zu, legte es nieder, machte sich
irgend etwas zu schaffen; dann blickte sie auf und sagte schnell:
„Ihr Schneider war hier, mit der Rechnung; er behauptete, daß er nicht
länger warten könnte.“
Eberhard fragte: „Nun, und dennoch ist er fortgegangen?“
„Er mußte wohl,“ sagte Therese heiter. „Mutter ist nicht zuhause; ich
fertigte ihn ab... In zwei Wochen, bestimmt aber in drei Wochen bekäme
er, was ihm zusteht, versicherte ich ihm... O, ich habe noch hernach
lachen müssen, wie mißtrauisch der Mann mich betrachtete! -- Ist das
aber auch gewiß wahr? fragte er immer wieder. Ei freilich! sagte ich
ihm, wenn ich es Ihnen sage, so ist es ganz gewiß!“
Ihre geringe Befangenheit, die leichte Verlegenheit, weil er sie bei
seinen Büchern überrascht hatte, war dahin.
Eberhard sah über das Mädchen weg und sagte, mehr zu sich selbst, als
zu Therese:
„Das ist ja nun auch gewiß -- endlich. O, vorher hatte ich fast niemals
Gewißheit. Endlich wird die Misere ein Ende haben.“
Das Fenster war nun schon ganz dunkel. Eberhards Blick glitt von dem
Himmel, der in den Finsternissen der Nacht verschwamm, hernieder zu
dem Kopfe des jungen Mädchens, der gerade von dem gelben Kerzenlichte
bestrahlt war. Er hatte sie vorher eigentlich nie genau betrachtet.
Der Dienst hielt sie meistens gerade in den Stunden fern, wenn er
zuhause war. Nun sah er zum ersten Male mit Bewußtsein, daß die „filia
hospitalis“ ein schönes, stolzes Gesicht hatte, welches von sanften,
braunen Haarwellen umgeben war. Die beiden kräftigen Zöpfe waren in
einen griechischen Knoten gesteckt. Tat es die Haartracht oder die edle
Art, wie der schlanke Hals die Bürde des Hauptes trug, oder tat es
das kühne Profil Thereses, daß sie ihm wie eine junge Diana erschien?
Jedenfalls war sie hübsch und stolz, und ihr Kleid saß schmuck beim
einfachsten Schnitt. Dies sah er mit natürlichem Wohlgefallen,
plötzlich aber bemerkte er, daß das Fräulein ihn lächelnd und, wie er
meinte, spöttisch ansah. Da sagte er, nun wirklich verwirrt:
„Pardon. O --, pardon. Ich bin ein schlechter Gesellschafter. Und dann,
verzeihen Sie -- ich kannte Sie ja eigentlich nicht, obwohl ich schon
sieben Monate bei Ihnen wohne. Ich -- hatte -- Sie mir -- ganz anders
vorgestellt.“
Nun lachte Therese hell:
„Wie denn?“
„Sie werden mir auch sicherlich nicht zürnen? Nein? -- Ich hatte Sie
für emanzipiert gehalten.“
Sie bog den Kopf zur Seite, nach dem dunklen Fenster hin. Der junge
Mann, der sie unverwandt beobachtete, sah einen leichten Schatten über
ihre Stirn und ihre klaren Augen fliegen. Aber er wußte nicht, ob eine
Verstimmung ihr die Augen verdunkelte und ihre weiße Stirne faltete,
oder ob nur der Kerzenschein flackernd über ihr Gesicht hingehüpft war.
Dann erwiderte sie gelassen:
„Nein! Emanzipiert bin ich nicht. Ich lasse mir keine Rechte
schenken... Ich habe sie, oder ich habe sie nicht .... Ich bin gesund,
ich bin stark, ich kann arbeiten: das genügt mir... Das ist mir
alles...“
Es war ein kurzes Schweigen zwischen den jungen Leuten. Eberhard drehte
gedankenlos an dem Leuchter, so daß die Flamme unruhig an dem Dochte
auf und nieder sprang. Therese fuhr fort:
„Aber Sie sind noch immer im Dunkeln; ich hole die Lampe!“
Sie lief hinaus und kam sehr schnell mit der brennenden Lampe in der
Hand zurück. Nun schien das Licht durch die Glocke aus weißem Milchglas
hell in alle Ecken. Therese zog geschäftig den Fenstervorhang zu; dann
zögerte sie, faßte aber plötzlich einen Entschluß und sagte:
„Morgen also wird man Sie auf der Bühne sehen können?“
Er sah sie an, ungewiß, wie sie es meinte, und fing an zu spotten:
„Sagen Sie lieber gleich: bewundern, Fräulein Ambrosius!“
„Auch bewundern, gewiß,“ erwiderte sie freundlich. „Ich hätte Sie in
der Tat gern gesehen...“
„O, wenn es das ist --!“ antwortete der junge Mann, „ich gebe Ihnen
Karten... Wenn es Ihnen Spaß macht, Ringkämpfe zu sehen...“
Er zog die Brieftasche und nahm zwei Karten heraus. Die Theaterbilletts
steckten neben Photographien. Er zog auch diese Photographien aus dem
Fache, betrachtete sie einen Augenblick und legte sie dann auf den
Tisch vor Fräulein Therese.
„Ach!“ sagte Therese fröhlich, „das sind Sie... Das sind Sie... O,
hübsch, Herr Freidank!“
Mit naivem Vergnügen sah sie die beiden Bilder an, ohne ihr Interesse
zu verhehlen. Sie stellten beide Eberhard im Sportanzuge dar. Im engen,
dunklen Trikot mit bloßem Hals und nackten, gekreuzten Armen stand er
gegen einen dunklen Hintergrund, von dem der kraftvolle Körper sich
stark und plastisch abhob. Therese schaute auf die Photographien, dann
auf den jungen Mann. Es war ein Zufall, daß Eberhard auch jetzt gerade
mit verschränkten Armen dastand, genau wie auf einem der Bilder. Das
weiße Lampenlicht fiel voll auf sein ruhiges, kluges Gesicht und seine
schöne, hohe Gestalt. Die Blicke der jungen Leute begegneten sich,
und voll Überraschung sah Eberhard über die ausdruckvollen Züge des
Fräuleins ein Spiel lebhafter Empfindungen gehen, und dann ein starkes
Erröten... Unfähig, ihren Eindruck zu verbergen, sagte sie mit einiger
Heftigkeit:
„Ach, wie schade... wie schade...“
„Was ist schade, Fräulein Ambrosius?“ fragte er, während seine Brauen
sich zusammenzogen.
Sie bereute ihren Ausruf, stockte und wollte ihn zurückziehen, aber es
war zu spät; nun war sie ihm eine Antwort schuldig.
Das fremde, junge Mädchen hatte eine Wunde in ihm berührt, die er
sich selbst noch nicht einmal eingestanden hatte. Wer war sie, daß
sie gedankenlos den Schleier von seinen tiefsten, unausgesprochensten
Heimlichkeiten ziehen durfte? Und heftig wiederholte er seine Frage:
„Um was ist es schade? -- Um mich vielleicht?“
Es war zu spät; sie konnte nicht mehr zurück...
„Um Sie!“ sagte sie mit einem entschlossenen Blick in seine zornigen
Augen, „jawohl, um Sie!“
„Ach, sehr freundlich!“ antwortete Eberhard, dessen Gesicht den
Zornesausdruck verlor, verdrießlich und höhnisch. „Warum denn schade?
-- Vor einer Minute fanden Sie das Bild hübsch... Ich bin nicht eitel
genug, dieses Lob anzunehmen; aber warum die plötzliche Sinnesänderung?“
Da sagte Therese Ambrosius schnell:
„Ich kenne Sie ja nicht... Ich kenne Sie ja gar nicht näher... Und
meine Meinung ist Ihnen auch ganz gleichgültig ... Aber mir scheint, es
ist schade, daß Sie in Zukunft nichts tun wollen, als sich anschauen
lassen... Von fremden, neugierigen Leuten... Daß Sie alle anderen
Zukunftspläne so ohne Bedauern über Bord geworfen haben .... Das finde
ich traurig...“
„Finden Sie? --“ fragte er, immer noch spöttisch. „Nun, wenn Sie
meinen, daß ich mich einfach ausstellen lasse, wie eine Bestie im
Käfig... Und der Sport, Fräulein Ambrosius? Den Sport rechnen Sie für
gar nichts?“
Therese sah ihn unsicher an und sagte:
„Es war unrecht von mir, etwas zu sagen, da ich doch wohl nicht
ausdrücken kann, was ich meine... Ich zähle den Sport schon mit! Ich
habe ehrliche Freude an der Kraft und am Sport! -- Nur, wenn die Kraft
allein das Ziel des Lebens sein soll, das finde ich traurig... Ich
hielt den Sport immer nur für ein Mittel zum Zweck... Zu dem Zwecke
nämlich, gesund und arbeitsfreudig zu bleiben oder zu werden...“
„Ich nicht,“ sprach Eberhard Freidank trotzig, „ich nicht, Fräulein
Ambrosius! Wer keine Kräfte hat, kann sie nicht anwenden... Ich habe
sie, und ich gebrauche sie... Der Teufel hole die Arbeitsfreudigkeit!
Ich habe sie nicht mehr. Ich bin von diesem Irrtume genesen. Ja,
genesen.“
Er hatte es laut und fest und schnell gesagt, in einem starken,
jugendlichen Trotze, mit dem er sich selbst überreden und das jähe
Zagen und Schwanken seiner Seele beschwichtigen wollte. Und da er nun
schwieg, vergaß er die Gegenwart des Mädchens und wußte nicht mehr,
daß er nicht allein war. In seiner Haltung drückten sich Energie und
Entschlossenheit aus; sein Haupt, das helle, blonde Niedersachsenhaupt,
war zurückgebogen, die ernsthaften Lippen schmal zusammengepreßt. Ich
bin von dem Irrtum genesen, sagte er noch einmal in Gedanken, während
sein Mund fest geschlossen blieb. Und dann flog sein Geist doch
nachdenklich zurück zu früherer stiller Arbeit in demselben Zimmer, aus
dem er jetzt ausziehen wollte, um als ein neuer Siegfried, ein Held der
Gliederkraft, die Welt zu erobern. Wie hatte es dem ruhig fröhlichen
Norddeutschen so fern gelegen, mit der Schönheit und Stärke seiner
Muskeln zu prunken! Das Gottesgeschenk seiner Kraft hatte er als eine
selbstverständliche Gabe angenommen und sich ihrer erfreut, als eines
unveräußerlichen Besitztums, so sicher, wie die Luft, die man atmet! --
O, andere Ideale hatten sein Herz schneller und höher schlagen lassen;
aus dieser stillen Stube hatten Werke des Geistes ausziehen sollen, die
der Jüngling, über diesen Tisch gebeugt, in dem starken, wohlgebauten
Schädel ersonnen und mit der großen kräftigen Rechten niedergeschrieben
hatte! -- Seine Blicke wurden dunkel, wie der Himmel, über den eine
schwarze Wetterwand dahingezogen ist. Nun sah er sich um und entdeckte
das Mädchen Therese, die kein Auge von ihm verwandt hatte.
Er mußte sich einen Augenblick besinnen, was sie in seinem Zimmer
wollte; dann sagte er finster:
„Wie sehen Sie mich an? Bin ich ein Meerwunder? -- Ach, Sie brauchen
nicht rot zu werden... Genieren Sie sich nur nicht, mein Fräulein! Ich
weiß nun Ihre Ansicht, sie ist nicht sehr schmeichelhaft... Sie finden
den Sport verächtlich, allright... Bureaumenschen gefallen Ihnen
wahrscheinlich besser... Nun, nichts für ungut, Fräulein Ambrosius! Ein
jeder hat seinen besonderen Geschmack. Bei den modernen Damen ist er
sogar sehr ausgesprochen..“
Er lachte sein gutes, verlegenes, jugendliches Lachen. Er schämte sich,
das fremde Fräulein mit einiger Heftigkeit aufgezogen zu haben. Wie kam
man auch dazu, mit einem dieser gebrechlichen Wesen über ernsthafte
Dinge zu reden? Wie dieses Mädchen jetzt vor ihm stand... Gewiß, er
hatte sie beleidigt...
Therese Ambrosius sah betrübt und ernsthaft aus. Die dunklen Augen
standen groß und verwundert in dem weißen Gesicht.
„O,“ sagte sie langsam, „o, Sie haben mich mit Absicht falsch
verstanden. Sie wissen das auch... Gute Nacht, Herr Freidank.“
Sie neigte leicht den Kopf und wollte an ihm vorüber zur Tür. Im
nämlichen Momente flog ein schriller Klingelton durch die Wohnung.
Frau Ambrosius kehrte von ihrem Ausgange zurück. Als Eberhard das
Glockenzeichen hörte, war er mit einem Sprunge neben dem Mädchen. Nein,
zornig brauchte sie nicht von ihm zu gehen! Er reichte ihr impulsiv die
große Hand und flüsterte schnell:
„Fräulein -- Fräulein Therese -- habe ich Ihnen weh getan?“
Da schlug das Mädchen die Augen auf und erwiderte, gegen ihren Willen
lächelnd:
„Mir -- nein. O nein, mir nicht. -- Doch nun, gute Nacht! Ich muß der
Mutter öffnen...“
Während sie eilends hinausschlüpfte, sah sie Eberhard noch einmal
bedeutungsvoll an, indem sie den Zeigefinger auf den Mund legte. Dann
hatte sich die Tür geschlossen und Eberhard war allein.
Er trat an den Tisch zurück, nahm die Photographien auf und barg
sie, ohne sie anzusehen, wieder in der Brieftasche. Das Werk, in
dem Fräulein Therese Ambrosius gelesen hatte, lag auch noch auf dem
Tische, gerade in dem gelben Lichtkreise der Lampe. Er stellte das
Buch an seinen Platz auf dem bescheidenen Regal zurück. Dabei fiel ihm
etwas ein: er sah sich um, ob nicht eine Kiste im Zimmer stände, oder
sein Koffer, worin er alle Bücher, die ihm vordem zum Studium gedient
hatten, verschließen konnte. Der Anblick dieser schlichtgebundenen
Werke im schwarzen Kalikorücken war ihm plötzlich zuwider. Morgen,
dachte er, morgen, oder in den nächsten Tagen, werde ich eine Kiste
kommen lassen. --
Er ging noch einmal an das Fenster, öffnete es und sah hinaus in die
Novembernacht. Draußen hatte ein leichter Schneefall begonnen. Der
Schneehauch kühlte Eberhards Gesicht und strich ihm angenehm über die
Haare hin. Eberhard fühlte plötzlich ein Verlangen nach dieser Kälte;
er zog die Jacke aus, tat den steifleinenen Halskragen ab und stand
in Hemdsärmeln mit bloßem Halse am Fenster. Der Schnee fiel dichter,
wie ein flimmernder, beweglicher Vorhang vor einem unergründlichen
Hintergründe....
Er stand lange, und dunkle, fragende, ahnungsvolle Gedanken, denen er
keine Worte hätte leihen können, tauchten aus dem Grunde seiner Seele
auf. Aber der leise, ununterbrochene Schneefall lenkte ihn immer wieder
ab, zog seine Blicke hernieder, hernieder in den Tanz der wirbelnden
Flocken.
Die leichte Kälte wehte an seine heiße Brust, er knöpfte das Hemd über
der Brust auf und bot seinen warmen Leib der winterlichen Nachtluft,
indes er langsam den Körper wohlig ausreckte....
Dann schloß er das Fenster, ging in das Zimmer zurück, löschte die
Lampe aus und ging im Finstern schlafen, während er ohne große
Verdrießlichkeit, aber ein wenig unsicher dachte:
„Was versteht sie davon, sie ist ein törichtes Ding, -- jawohl, ein
törichtes Ding, -- und außerdem, was geht sie mich an...“
[Illustration]
VI.
Tagsüber ruht das Odeontheater stumm, grau, unschön und unzugänglich,
wie ein ungastlicher, schlafender Koloß. Der Torweg, rechts und links
von Sandsteinsäulen flankiert, ist mit einem schwarzen, gußeisernen
Gitter verschlossen. Aber wenn die Dämmerung alle Konturen verwischt
hat, beginnt hier und dort ein Licht aufzublitzen, dem bald ein
anderes folgt. Es werden immer mehr der Lichter. An allen Enden
des großen Eckhauses steht abendwaches Leben auf. Nun erscheint
über dem gemeißelten Sandsteinportale inmitten eines blendendweißen
Flammenkranzes elektrischer Lampen der Name „Odeon“ in hohen goldenen
Buchstaben. Jetzt ist an dem großen Gebäude nichts mehr grau und trist.
Alle Konturen, alle Linien, alle Ecken treten klar, scharf und glänzend
aus dem hellen, freudigen Lichte hervor; alle Fenster spiegeln heiter
und einladend den Glanz der Bogenlampen wieder. Das Leben blitzt und
lacht und funkelt aus dem erleuchteten Hause heraus, und darüber
breitet die Freude ihre starken, sieggewohnten Schwingen. --