der ihn bis dahin ein wenig von oben herab behandelt hatte, gewonnen.
Nun setzte der Athlet sich gemütlich zu seinem Besucher, verabredete
mit ihm die täglichen Übungsstunden und erzählte ihm allerhand von
seinem Privatleben. -- Er tat sich viel auf seine Abstammung aus einer
französischen Emigrantenfamilie zugute und behauptete mit sichtbarem
Vergnügen, er sei ein halber Franzos. Später fand sich aber, daß er
trotz der gallischen Abstammung kein Wort Französisch verstand und
selbst die technischen Bezeichnungen des Ringkampfs unglaublich falsch
aussprach. Außerdem prunkte André Leroux mit seiner Bildung. Er hatte
bei berühmten Bildhauern Modell gestanden und von ihnen allerhand
Redebrocken aufgeschnappt, und der große Virchow hatte an seinem
geradgewachsenen, schön ausgebildeten Körper oftmals seinem Auditorium
die Anatomie demonstriert. Der Trainer zitierte nun Virchow jeden
Augenblick und explizierte dem jungen Freidank mit einiger Fachkenntnis
die Anatomie des Armes, wobei er ihm zeigte, welche Übungen den Biceps
stärkten, und welche zur Ausbildung des Deltamuskels dienten... Er
selbst hatte über seinen Körper eine solche Herrschaft erlangt, daß er
willkürlich jede Muskelgruppe seines Armes nach Belieben spielen lassen
konnte.
Alles dieses sagte der Halbfranzos im unverfälschten Berliner Dialekt;
nur wenn er Virchow und andere Größen zitierte, sprach er hochdeutsch.
Dabei kam es ihm auf die Echtheit der Zitate nicht so unbedingt an...
„Nich?“ sagte er, „det wundat Ihn’, det ick so braun bin, wie ’n
leibhaftja Indjana? Det kommt allens von die Sonne... von die freie
Natur... ‘Imma naturell!‘ sagte der sel’je Virchow. ‚Meine Herren!‘
sagte er, ‚an diesem Modell könn’ Sie sehen, was das naturelle Leben
ausmacht...‘ Ja, ick lebe aba auch naturell!! In Somma, jeden Sonntach
un jeden Nachmittach, wenn ’ck jrade nischt zu dun habe, raus in
Wald... in Jottes freie Natua! Un denn Jacke aus, Hosen aus, Hemde
aus... Hut ab... un nu Luftbeda! Un Sonn’beda! Un zwee Steine jesucht,
oda zwee Holzkletza, un denn los mit meine Jebung’n! Det macht aba
ooch jesund! Det jibbt Kraft, sowat! Kraft muß da Mensch haben, un
jesund sind, allet andre kommt denn beinah von alleene! -- ‚Wissen
Se, Leroux,‘ hat Bejas mich schon manchmal jesacht, ‚det ha’m schon
die ollen Jriechen jesacht, un da ha’m se Recht: die Kraft jeheert
den Manne!‘ Un wat meen’ Se, ob ick jetzt in de Kälte meine Jebung’
vabummle? Nischt zu machen. Imma noch raus in Wald... Luftbeda...“
Er schwätzte abwechselnd vernünftiges und sinnloses Zeug. Eberhard
hörte ihm höchst amüsiert und interessiert zu. Das war nun der
erste, der ihm begegnete, aus jener Berufsklasse, der er selbst sich
anschließen wollte. Der Trainer hätte noch lange weiter geredet, wenn
ihm nicht eingefallen wäre, daß er heute abend die athletischen Übungen
des Kraftsportklubs „Hermes“ zu leiten hatte. „Ein äußerst feiner
Klub,“ erklärte er seinem zukünftigen Schüler, „lauter feine Herren!
Alles Kaufleute un Buchhalters und so --! Ja, ein sehr nobler Klub!“ --
Das Trainierlokal befand sich auf einem schmalen, tiefen Grundstück
der Fennstraße, welches nur mit Schuppen bebaut war. In den gegen die
Straße hin gelegenen Schuppen lagerten Hölzer und Preßkohlen. Einen
dieser Schuppen, der ganz am hinteren Ende des Grundstückes lag, hatte
der Unternehmer als Übungsraum für Sportsleute eingerichtet und ihm
den stolzen Namen „Training-Hall“ gegeben. Vormittags war er meist an
Variété- und Zirkusartisten vermietet, die in dem hohen, weiten Raume
genügend Platz hatten, um ungestört neue Tricks probieren zu können.
Um die Mittagsstunde erschienen dann Berufs- und Amateurathleten, die
unter Leitung André Leroux’ ihr Krafttraining vornahmen.
Eberhard war des Morgens noch schnell zu Fritzi hinaufgeeilt, um ihr
zu sagen, wo er seine Übungen beginnen werde. Fritzi hatte ihn im
Wohnzimmer der Wirtin empfangen. Sie war eben aus dem Bette gesprungen
und hatte über das Nachthemd nur einen weichen, wolligen Morgenrock
gezogen; über die nackten Füßchen hatte sie nur kleine Pantoffel
gestreift. Sie hüpfte ihm nach ihrer Gewohnheit mit leichtsinniger
Wildheit entgegen, so daß sie einen Pantoffel verlor, warf sich
ungestüm eine Sekunde lang an Eberhards Brust und sprang sofort zurück,
ihren Pantoffel zu suchen. Und wieder kam sie ihm unbeschreiblich naiv
und reizend vor, hold und prickelnd zugleich mit dem vom Schlaf noch
rosigen Gesichte und den wirren, dunklen Haaren. Das junge Mädchen
fing sofort an zu betteln: „Ich darf doch hinkommen? Ich darf mir das
doch ansehen?“ Er wußte nicht, was er ihr erwidern sollte. Er hätte es
lieber gesehen, wenn sie nicht gekommen wäre. Aber da rief sie schon
fröhlich: „O ja! o ja, ich komme! Sage, wann es anfängt, eine Stunde
später bin ich da!“ Und sie hob, unwillkürlich, beide Arme, um ihren
Zopf festzustecken, dessen Pfeilnadel sich gelöst hatte. Die weißen
Ärmel glitten ihr über den Ellenbogen zurück, Eberhard sah die lieblich
weiche, rosige Haut der Arme reizend aufleuchten und hatte nicht den
Mut, ihr den Wunsch zu versagen... „Komme, Fritzi, und sieh dir alles
an,“ sagte er, „es wird dir wohl nicht sehr gut gefallen!“ --
In der Trainierhalle waren mehrere kräftige junge Leute damit
beschäftigt, ärmellose Trikotjacken über den Oberkörper zu ziehen.
Eberhard nahm den Hut ab und sagte guten Morgen. Die jungen Leute
dankten ziemlich kollegialisch für den Gruß, einige musterten ihn mit
spähenden Blicken und alle nahmen dann ihre Unterhaltung wieder auf,
ohne sich um den Neuankömmling weiter zu kümmern. Sie sprachen von
den geschäftlichen Erfolgen, die einer von ihnen den Sommer über im
Zirkus Blumenfeld gehabt hatte. Dieser junge Mensch war ziemlich klein,
hatte eine gelbbraune Haut und schwarze, widerspenstige Haare, die
dem Versuche, sie in der Mitte zu scheiteln, trotzten. Er hatte sehr
kurze Hände und plumpe Beine und Arme; sein Hals war überaus dick,
fast ebenso dick wie der Kopf, was ihm den Anschein ungewöhnlicher
Stärke gab. Man konnte nicht leicht auf den Gedanken kommen, daß dieser
starke und dicke Zirkusathlet ein besonderer Liebling der Frauen sein
könne; darum war Eberhard ein wenig überrascht, den jungen Mann von
seinen Erfolgen erzählen zu hören. Der Athlet renommierte nicht einmal,
sondern plauderte leichthin:
„Wirklich komisch, die Weiber; draußen in der Provinz sind sie toller
als in Berlin! -- In Posen hatte ich auch herausgefordert; da meldeten
sich ein paar Leute zum Ringen, richt’ge Ochsen... Na, unter uns,
regulär hätt’ ich sie nicht gekriegt... Ekelhaft starke Kerls! --
Aber da habe ich ihnen unversehens eins mit der Handkante auf den
Hals gegeben, auf die Schlagader... so ’n bisken Dschiu-Dschitsu!
Da flogen sie ja gleich... Ach, die Briefchens alle, die da kamen!
Rosarote, blaue, lila... alle Farben... Rochen so jut, wie ’ne janze
Parfümfabrik. ... Ick hatte die Auswahl!!“
Er lachte leise in der Erinnerung an seine galanten Abenteuer mit
Provinzdamen....
„Na, jehste denn jetzt nich ’mal bei deine Adele...?“ fragte einer
der herumstehenden jungen Leute den Zirkusathleten, „weißt doch, die
Jelbseidne, Willi?“
„Bei so eene wer’ ick jehen!“ erwiderte der Ringer grob, „bei die
jelbseidne Adele! -- Nee, laßt mir mit die Berliner Mechens in Ruh! --
Ja, wenn se allens abliefan wollten, wat se vadien’! Aba nee, is nich,
wird imma Schmuh jemacht! Keile könn’ se kriejen, soviel man will,
da jeben se ein’ doch nich allens ab! Imma ha’m se dann zu schlecht
vadient! -- Nee, laßt ma in Ruh, sach’ ick!“
Der ehemalige Zuhälter hatte sich in Eifer und damit in seinen
ordinärsten Jargon hineingeredet. In dem Grade, wie er sich nun
beruhigte, fing er wieder an, hochdeutsch zu sprechen und erklärte:
„Vom Zirkus aus, da kriegt man janz was andres... anständ’je Frauen,
sage ich euch, Damen... Damen, die mitunter noch nie in’ Leben uff
Seitenweje jegang’ sind. Aba wenn se unsaeen’ sehen, sind se futsch...
Wenn se ’n Athleten vor sich haben, jeht die janze Anständigkeit zum
Teufel! Offiziersdamen hab’ ich gehabt, jawohl... In Breslau hatt’
ich ne richtige Jräfin... Ach, Gott, wie hat mir die jeliebt! In ’ner
Equipage ist sie immer mit mir ’rausgefahren nach einem Nest, was,
glaub’ ich, Trebnitz heißt. Da sind wir spazierenjegang’ und sie hat
lauter verliebte Wörter jered’t... Ach, ich bete dir an, hat sie immer
jesacht, weil du mir vernichten könntest, wenn du wolltest! -- I, wo
wer’ ick denn sowas machen, mein Puppchen, hab’ ich ihr dann gesagt.
Wer sollte mir denn seidne Taschentücher und seidne Strümpfe und Wäsche
und die juten Zigaretten und alles schenken, wenn ich mein Puppchen
vernichtete! -- Dann hat sie gelacht und mir mit ihren weißen Pfötchen
den Mund zugehalten und gesagt: ach, Willi, du sollst nicht immer so
materiell reden! Du mußt mich doch um meiner selbst willen lieben und
nicht an die törichten Kleinigkeiten denken, die ich meinem starken
Helden zu Füßen lege. -- Sowas Komisches hat sie aller Augenblicke
jeredet! -- Und nicht nur die, sondern alle die feinen Damen! -- Nee,
das ist was andres als das Mädchenspack hier in Berlin! Dabei hat man
von den feinen Weibern noch mehr, wie von die Mächens! Die jeben,
was man verlangt! -- Ich hab’ mir nun mal uff die anständ’jen Damen
jeschmissen, und dabei bleib ich!“
Die jungen Leute belachten die harmlos gesagte Äußerung als einen
rohen Witz. Während sie noch lachten und sich freuten, betrat André
Leroux die Halle. Er war schlechter Laune und schimpfte; es waren ihm
im „noblen Klub“ die Ringstiefel gestohlen worden. Der Zirkusathlet
klopfte ihm so stark auf die Schulter, daß ein normaler Mensch davon
zusammengebrochen wäre, und sagte tröstend: „Na, laß dir man von deine
Lowise neue koofen... Ach so, du hast ja keene... Na, is ooch bessa!
-- Is aber zum Schreien, daß die Leute in diesen Sportklub ooch schon
sonne Dinger machen un’ klauen... Sind doch bloß Amateure!“
Das ließ der Trainer nicht auf den Athleten sitzen.
„Na, Willi!“ sagte er, indem seine starken, blonden Augenbrauen sich
zornig zusammenzogen, „du willst doch nicht etwa behaupten, det alle
Athleten klauen? Nee, det sind jrade bloß die dreckijen Amateure! Bei
uns jibbt et sowat nich! Oda willst du etwa...?“
Während er dieses sagte, hatte er die Jacke ausgezogen, unter der er
bereits das Trikot trug. Er streckte die muskulösen, kaffeebraunen
Arme mit einer heftigen Bewegung von sich, als wollte er seine Kraft
erproben... Dabei funkelten seine grauen, energischen Augen den
Zirkusathleten eigentümlich an. Willi verglich flüchtig die braunen,
gewaltigen Glieder des Trainers mit seinen eignen Armen, und der
Vergleich mußte wohl zugunsten André Leroux’ ausfallen; denn er
entschuldigte sich mit den Worten:
„Na, ’n jeder einzige klaut da nich un da nich --! Ick meente
man!“ und wendete sich dem eisernen Gestell zu, von dem er eine
Fünfundzwanzigkilostange herabnahm und seine Übungen begann. --
André Leroux trat zu Eberhard und schüttelte ihm mit fürchterlicher
Gewalt die Hand:
„Na, ooch schon uff’n Posten? Un schon in Dreß? -- Na, denn woll’n wa
mal anfang’!“ --
Und nun fing er an, dem neuen Athleten die Griffe des Ringkampfs zu
demonstrieren: Armfallgriff aus dem Stand, bei dem der Ringer seinen
Gegner am Handgelenk und Unterarm mit einem Ruck zu Boden reißt, indem
er selbst auf die Kniee fällt; Hüftschwung mit Kopfgriff oder mit
Untergriff... Kopfschwung, bei dem der Gegner rücklings um den Hals
gefaßt und in großem Bogen nach vorn geschleudert wird... Ausheber,
Untergriff... Paraden... „Bei Ihre Jröße,“ sagte der Trainer mit einer
Art von Bewunderung, „bei Ihre Jröße kenn’ Se se amende alle uff’n
Ausheber kriejen... Et jibbt keen’ scheenan Jriff, als ’n Ausheber...
Aber er ist bloß wat for jroße Ringer... Da is zum Beispiel Jankowsky
-- Se kenn’ doch Jankowsky’n? -- na, der hat ne feine Spezialität von
’n Ausheber ausjeknobelt. Er tut, als wenn er Krawatte jreifen wollte,
ja, -- schiebt seine Arme aber plötzlich bis unter den Oberkörper
des Jejners und drückt mit sein’ janzen Jewicht nach... So kriegt
er erst ’mal jeden parterre... Finden Sie det scheen? Ich finde det
jeistvoll... raffiniert... Dafor heißt der Jriff ooch mit Recht
Krawattenausheber à la Jankowsky...“
Eberhard begann der Kopf von Fachausdrücken zu schwirren; er war froh,
als das praktische Training begann. Von der Grenze der Ringmatte aus
ging er auf den Trainer los, so daß sie sich in der Mitte trafen,
reichte ihm flüchtig die Hand, wie er in der Arena von Ringern gesehen
hatte und neigte sich ein wenig nach vorn, indem er mit beiden Händen
nach den Handgelenken des Trainers griff...
„Ach, du hast schon Ringkampf trainiert,“ sagte einer der jungen
Athleten, die zur Seite standen und dem Kampfe zusahen. „Du jehst jar
nich erst in tiefe Jarde, bloß hohe... Mit deine Jröße aber auch...
Mensch, du bist wohl ’n Zweemetermann?“ --
Es fand sich, daß Eberhard Freidank sich überaus schnell an die
Technik des Kampfes gewöhnte. Ihm lag das ruhige Zuwarten und das
blitzschnelle Einspringen im Blute. Seine Stärke machte ihn mutig,
der Beifall der jungen Leute ermunterte ihn, und als Fritzi kam,
merkte er es nicht einmal. Er hatte den Trainer zu Boden gerissen und
bemühte sich, ihn mit einem der neuerlernten Griffe auf die Schultern
zu drehen. Er kniete am Boden, einen Fuß aufgestellt, und überlegte
mit leidenschaftlichem Eifer, innerlich glühend, wie er den kräftigen,
braunen Menschen, der fest auf den Knieen und Händen hockte, umdrehen
könnte. --
Fritzi trat heran, von den Kämpfenden nicht bemerkt, und reckte sich
ein wenig auf den Fußspitzen auf, um den vor ihr stehenden Männern über
die Schultern sehen zu können. Der Zirkusathlet wich einen Schritt
zurück, um dem jungen Mädchen Platz zu machen, und sah ihr dabei
mit Interesse ins Gesicht; seine Erfolge in der Provinz hatten ihn
noch nicht so blasiert gemacht, daß er einem hübschen Mädchen keine
Aufmerksamkeit mehr geschenkt hätte. Sie gefiel ihm; er stellte sich
dicht hinter sie und legte den Arm um ihre Taille. Fritzi bog den
Körper zur Seite, aber Willi ließ nicht los und faßte sie nur noch
fester. Sie drehte sich ärgerlich um; sie wollte dem jungen Menschen,
der sie so keck umfaßte, sagen, daß er frech wäre. Aber als sie in sein
gelbes, grob geschnittenes, rohes, dabei einigermaßen hübsches Gesicht
blickte, fand sie seine Frechheit plötzlich amüsant und lachte ihn mit
blitzenden Zähnchen an. Doch alsbald wurde ihr Blick wieder durch die
Ringer gefesselt.
Eberhard, dem in diesem Training die Rolle des Angreifers zufiel,
während Leroux seine Griffe nur durch regelrechte Gegengriffe parierte,
schob seinen rechten Arm unter der Schulter des Trainers durch und
faßte das Genick fest mit der flachen Hand. -- Fritzi wendete sich
unwillkürlich wieder nach dem Zirkusathleten um, der ihr zuflüsterte:
„Det ’s Halbnelson, Fräulein.“ -- Eberhard zog mit seiner großen Kraft
den Trainer am Genick; da gelang es Leroux, erst mit einem und dann
mit dem andern Bein langsam aufzustehen. Es war ein spannender Moment;
ohne daß Fritzi sich dessen bewußt wurde, schmiegte sie sich, wie
schutzsuchend, in den nackten, braunen Arm des Athleten, der sie immer
noch halb scherzhaft, halb verliebt umschlang. -- Leroux stand auf,
während Eberhard, mit der ungeschickten Kraft des Neulings, seinen
Griff zu behaupten suchte. Plötzlich sprang der Trainer mit einem Ruck
um, faßte Eberhard von der Seite um den Leib, hob ihn hoch und warf ihn
auf den Rücken... Fritzi sank zurück, als sie ihren Freund fallen sah;
und Willi, mit schneller, stürmischer Gewalt, riß das zarte Mädchen mit
beiden Armen an seine breite Brust und küßte sie zweimal, dreimal voll
Heftigkeit auf den blühenden Rosenmund. --
Er vergaß einige Sekunden lang in der Tat seine Umgebung, seine Augen
waren geschlossen und seine Lippen bebten noch auf ihren, als sie schon
einen schnellen Blick auf Eberhard warf, ob er auch nichts gesehen
hätte... Nein, er hatte nichts bemerkt. Er hatte an nichts, als an
seinen Kampf gedacht. Nach der Wucht des Falles stand er eben wieder
jugendlich elastisch vom Boden auf und sah nun erst sein kleines
Mädchen, das lächelnd und rosig auf ihn zuging und ihm die Hand reichte.
„Na, sind Sie gekommen, ’mal nachsehen, wie weit er schon is?“ fragte
André Leroux, indem er dem jungen Mädchen die Wange streichelte, „na,
das is recht! -- Komm’ Se man öfta! -- Junge Mechens sehn wa hier imma
jern, überhaupt sonne nette, wie Sie!“ --
Fritzi lächelte verlegen und geschmeichelt. Eberhard aber runzelte
die Stirne; er bereute, daß er Fritzi erlaubt hatte, an diesen Ort zu
kommen, wo die neugierigen, zudringlichen Blicke, die naiven, rohen
Vertraulichkeiten der Athleten die Geliebte beleidigten! Er sah sich
um, ob es nirgends einen Platz gäbe, von dem aus Fritzi unbehelligt dem
Training zusehen konnte. „Setze dich, bitte, auf jene Bank, Fritzi,“
sagte er so laut, daß die Athleten es hören mußten. „Du bist dort
allein, und du siehst den Ringkampf ebensogut.“ Und er blickte mit
zornigen Augen über die Athleten hin, die gleichgültig herumstanden.
Fritzi setzte sich, und das Training begann von neuem.
Diesesmal rang Eberhard mit einem der Athleten, die vorher zugesehen
hatten. Es war ein Budenringer, der an mehreren Abenden der Woche in
einer Schaubude auf einem Volksvergnügungsplatze seine Kraftleistungen
zeigte. Aber dieser Beruf befriedigte ihn nicht; er strebte nach
Höherem. Er wollte sich an Ringkampfkonkurrenzen beteiligen. Er war
ziemlich stark, aber mit seiner Ringkunst war es nicht weit her.
Trotzdem hätte er leicht Engagements gefunden, da er hübsch und kräftig
war, aber durch seine Budenringerei war er zu stark kompromittiert;
kein Manager mochte ihn engagieren. Nun trainierte er jeden Tag, um
seine technische Fertigkeit bis zur Vollendung auszubilden. Einem
technisch vollkommenen Ringer gegenüber konnten nicht mehr jene
Standesvorurteile gelten, die wie eine weite Kluft die Budenringer von
der vornehmeren Klasse der Konkurrenzringer trennten...
Fritzi langweilte sich; der Kampf Eberhards mit dem „schönen Adolf“
war ihr weniger interessant, als der Zirkusathlet, der sie vorhin
so selbstverständlich umarmt und geküßt hatte. Sie fand ihn frech,
natürlich; aber doch so interessant frech.... Ob er wohl auch nach ihr
hin sah? Sie drehte das Köpfchen, wendete sich aber schnell wieder
voll Verlegenheit ab, denn Willi sah sie ungeniert an und hatte sie
gewiß schon eine ganze Weile beobachtet. Und, als ob er nur auf ihren
Blick gewartet hätte, legte er ruhig seine Hanteln nieder, kam zu
ihr und setzte sich neben sie. Und während der schöne Adolf sich die
allergrößte Mühe gab, seinen großen und starken Gegner durch seine
überlegene Technik zu werfen, hielt der Zirkusathlet Fritzi wieder mit
seinem nackten Arm umfaßt und sagte ihr allerhand plumpe Liebesworte
ins Ohr....
„Nein,“ sagte Fritzi lachend, „nein, sowas dürfen Sie nicht sagen...
Das kann ich mir nicht gefallen lassen... Ich habe doch meinen
Bräut’jam!“
„Den da?“ fragte der Athlet mit einem etwas unbehaglichen Gefühle, „den
Großen, der heut das erstemal hier is? -- Was is er denn? Ringt er
professionell?“
„Natürlich,“ erwiderte Fritzi schnell, mit einem stolzen Blick auf
ihren Freund.
„So!“ -- fragte Willi, „Sonntags auch? -- Sonst könnten wa doch ma’
zusamm’ ausjehn? -- Er paßt doch nich imma uff Ihn’ uff!“
Ihre lachenden Augen sagten: o ja, das möchte ich wohl! -- ihr Mund
aber sprach zögernd, zweifelnd:
„Wohin denn?“...
„Na, ’n Sonntach, uff’n Rummel,“ erwiderte der Zirkusathlet, „da könn’
Se doch ma’ mitkomm’?“
„Ach nein,“ sagte Fritzi betrübt. „Da hab’ ich ja
Nachmittagsvorstellung... Nein, das geht nicht! -- Außerdem geh ich
nicht ohne mein’ Bräut’jam aus.“
„Na, du bist ’n süßes Schaf,“ sagte Willi. „Wir wer’n uns schon noch
bessa vastehn... Einstweilen jibb ma mal ’n Küßchen!“
Aber er hielt es für geraten, das Küßchen nicht zu geben, denn
Eberhards Ringkampf mit dem schönen Adolf war soeben zu Ende und der
junge Freidank sprang auf wie ein gereiztes Tier, als er seine Freundin
wieder mit dem Athleten schäkern sah.
„Was tust du, Fritzi?“ fragte er, indem er dem Athleten empört ins
Gesicht sah, „was tust du hier?“
„Du hast mich ja selbst hierher geschickt,“ antwortete sie kindlich.
„Der Herr hat mir die Griffe erklärt...“
Der Zirkusathlet war selbst überrascht von ihrer schnellen Ausrede.
Eberhards Gesicht aber wurde sofort freundlicher. Er wußte nicht, ob er
nicht einen künftigen Kollegen vor sich hatte, gegen den er nicht ohne
Grund grob sein durfte. „Das ist ’was andres,“ sagte er ruhiger.
Willi nahm seinen Vorteil wahr: „Sie jehn aba jut los! -- Det ’s
natierlich nich det erste Mal, heute?“ --
Eberhard war noch ein wenig mißtrauisch. Er gab dem Athleten eine
unverständliche, mürrische Antwort und kehrte verdrießlich an sein
Training zurück, indem er beschloß, Fritzi ein für allemal das Betreten
dieses Ortes zu verbieten. --
Eberhard war sehr erschöpft, als André Leroux ihm endlich erklärte, daß
es für heute genug sei. In der Tat war der junge Mann blaß und seine
Gesichtszüge waren erschlafft, wie nach einem starken, körperlichen
Schmerz. Leroux hieß ihn sich auf eine Bank legen und massierte ihm
noch den ganzen Körper; indessen war Fritzi mit Willi und dem schönen
Adolf in der großen Halle allein... Der Trainer rieb ihm mit einer
starken Spirituslösung die heftig schmerzenden Muskeln ein, dann mußte
Eberhard sich schnell ankleiden. In seinen Kleidern merkte er erst, wie
steif ihm alle Gelenke waren. -- Fritzi war ganz allein, als Eberhard
die Halle wieder betrat. Ehe er etwas sagen konnte, rief sie ihm
entgegen:
„Komm schnell mit mir fort! -- Ich friere so sehr!“
Er faßte sie bei der Hand; ihre Hand war weich und warm, und sie fror
gar nicht... Warum also log sie? Um ihn abzulenken?... Er sah sich um;
die beiden Athleten, mit denen er sie zuletzt hatte stehen sehen, waren
nicht mehr da. „Nach wem siehst du dich um?“ fragte Fritzi schnell,
„nach den Herren? Die sind schon längst fortgegangen!“
Er suchte voll Verdruß und Mißtrauen in ihrem Gesichte etwas, irgend
etwas... und fand nicht... Sie lächelte ihn mit ihrem hübschen,
kindlichen Lächeln an, wie immer. Nein, ihr konnte er keinen Vorwurf
machen! „Gehen wir, Fritzi,“ sagte er, indem er den Arm des jungen
Mädchens unter den seinen schob. Im Hinausgehen sagte er dann
leichthin: „.... Das sind übrigens keine Herren, Fritzi....“
„Nicht?“ fragte sie erstaunt, „was denn sonst? Das sind doch
+auch+ Ringkämpfer?“
„Auch Ringkämpfer,“ erwiderte er bitter, „wie ich, nicht wahr? Das
meinst du doch wohl? Nun, ich bin es aber noch nicht, und ich kann noch
immer etwas anderes werden.... irgend etwas.... Privatsekretär... oder
sonst etwas... Es ist alles einerlei....“
Er schwieg; die Gedanken drängten sich in seinem Kopfe. Schweigend
gingen sie fünfzig, hundert Schritte weiter Arm in Arm der Stadt zu.
Dann kam ihm mit einem Male die liebliche Wärme, das leichte Gewicht
ihres schlanken Körpers, der an seinem Arme hing, zum Bewußtsein; er
sah sie voller Liebe an. Sie machte ein verdrießliches Gesicht, als
sich aber ihre Augen trafen, lächelte sie und sagte:
„Das wirst du doch nicht tun?.... Ich hatte mich schon so sehr gefreut!“
„Auf was, Fritzi?“
„Dich als Ringkämpfer zu sehen,“ sagte sie verliebt und schmeichelnd.
„O, wie hübsch wirst du aussehen!... Versprich mir, daß du nichts
anderes werden willst!“
Da drückte er ihren Arm und neigte sich tief herab zu ihr und sagte mit
dunkler Leidenschaft in der Stimme:
„Aber ich will dich allein haben, Fritzi, begreif das doch, begreif
das doch... Sie sollen dich mir nicht wegnehmen. Nein, Fritzi, verzeih
mir, ich rede ja Wahnsinn! Du läßt dich ja nicht mir wegnehmen, du
bist mir ja gut... Aber schon um ihrer Blicke willen könnte ich sie
niederschlagen, ich könnte sie ohrfeigen um ihrer frechen Worte
willen... O Fritzi, das kannst du nicht verstehen... Ich will dich doch
nur ganz allein haben...“
Fritzi verstand ihn nicht. Er sagte ihr öfter solche Worte, die
erfüllt waren von einer exklusiven, eifersüchtigen Zärtlichkeit. Sie
wußte, daß er sie am liebsten eingesperrt, vor aller Welt verschlossen
gehalten hätte, damit kein fremder Blick ihr huldigte. Sie konnte es
nicht begreifen, aber ein weiblicher Instinkt sagte dem unerfahrenen,
leichtfertigen Mädchen, daß sie dieses tiefe Empfinden nicht
zurückstoßen dürfe.