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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1907 erschienenen Buchausgabe
so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und
heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen bleiben gegenüber
dem Original unverändert.
In der gedruckten Ausgabe befindet sich zwischen den Kapiteln
IV. und V. auf S. 44 ein weiteres Kapitel, welches mit ‚VI.‘
bezeichnet wurde, aber nicht identisch mit dem ebenfalls mit
‚VI.‘ nummerierten Kapitel auf S. 95 ist. Die Kapitelnummern
wurden in der vorliegenden Fassung dahingehend neu geordnet,
dass das Kapitel auf S. 44 nun mit V. bezeichnet wurde; alle
folgenden Kapitelnummern verschieben sich entsprechend und bilden
nun die Kapitel VI-XIV, wie aus dem vom Bearbeiter erstellten
Inhaltsverzeichnis ersehen werden kann.
Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter erstellt.
Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden
Sonderzeichen gekennzeichnet:
kursiv: _Unterstriche_
Fettdruck: =Gleichheitszeichen=
gesperrt: +Pluszeichen+
unterstrichen: ~Tilden~
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Herren des Lebens.
Roman-Kranz in drei Büchern
von
Dolorosa.
I.
Die Starken.
Ein Athleten-Roman.
[Illustration]
Leipzig, 38.
Leipziger Verlag, G. m. b. H.
Die Starken.
Ein Athleten-Roman
von
Dolorosa.
Ein Ruck tut mir die Dienste des sorglichsten Denkens,
ein Recken der Glieder schüttelt die Qual der Gedanken ab.
+M. Stirner.+
[Illustration]
Leipzig, 38.
Leipziger Verlag, G. m. b. H.
Alle Rechte vom Verleger vorbehalten.
Jacob Koch,
dem Ringkämpfer.
Inhalt.
Seite
Kapitel I. 1
„ II. 7
„ III. 17
„ IV. 26
„ V. 44
„ VI. 58
„ VII. 95
„ VIII. 115
„ IX. 137
„ X. 150
„ XI. 170
„ XII. 187
„ XIII. 198
„ XIV. 221
I.
Lange nach Mitternacht schloß Eberhard Freidank die Augen zu jenem
kurzen, leichten und fieberigen Schlummer, der nach anhaltender,
angespannter Anstrengung aller Geisteskräfte nicht eigentliche
Erquickung bringt, sondern nur das Bewußtsein trübt, indes alle Glieder
regungslos und wie zerschlagen daliegen. Als er nach einer Zeit, die
ihm unglaublich kurz gewesen zu sein schien, erwachte, war schon der
weißgraue Spätoktobermorgen am Himmel heraufgezogen und blickte matt
hinein in das bescheidene Studentenstübchen, in dem Schlaf und Wachsein
um Eberhard Freidank kämpften. Dieser Streit wurde aber alsbald
entschieden durch den Briefträger, der eben die Treppen hinaufstieg und
für Eberhard ein Briefchen brachte.
Der junge Mann wurde ganz wach, betrachtete das längliche Briefchen
mit überaus freundlichen Augen und übersah durchaus, daß die Adresse
von flüchtiger, ungeübter Hand geschrieben und daß die Marke schräg
über Eck geklebt war; denn er liebte Fritzi l’Alouette, die den Brief
gesandt hatte, und sie schrieb ihm nur in seltenen Fällen. Er öffnete
den Brief mit liebevoller Hand und las:
„Liebster Ebi! Warum hast Du mich heute abend nicht vom Theater
abgeholt? Ich hatte Dir gerade etwas Eiliges zu sagen. Ich bin nämlich
in eine schreckliche Klemme geraten, und Du mußt mich unbedingt
herausreißen. Bis morgen nachmittag muß ich unter allen Umständen
zwanzig Mark haben. Ich brauche sie furchtbar notwendig, und Du mußt
sie mir ganz bestimmt beschaffen, aber hörst Du, ganz bestimmt. Jetzt,
wo Du Dein Stück fertig hast, ist Dir das ja eine Kleinigkeit. Lieber,
süßer Ebi, lasse mich keinesfalls im Stich. Du hast mich doch so lieb
und wirst Deiner kleinen Fritzi die Bitte nicht abschlagen. Komme um
drei Uhr ins Café Prätorius und bringe mir das Geld mit. Es grüßt und
küßt Dich Deine treue Fritzi.“
Du lieber Gott, sprach Eberhard erschrocken zu sich selbst, du lieber
Gott, woher, in aller Welt, nehme ich bis heute nachmittag zwanzig
Mark, um sie Fritzi zu bringen? Denn bringen muß ich sie; das eine ist
ganz klar. Aber woher?
Er nahm das magere Portemonnaie aus der Hosentasche, öffnete es, obwohl
er genau wußte, wie viel, oder richtiger, wie wenig darin war, und
zählte melancholisch: eins, zwei, -- sieben Groschen; und hier, in dem
Extrafache, noch eine Mark; fehlten achtzehn Mark und dreißig Pfennige.
Ein erheiterndes Rechenexempel!
„Deine treue Fritzi“, las er noch einmal und dachte betrübt: Das liebe
Kind! sie hat auf mich gewartet, um mir ihre Verlegenheit zu klagen!
sie hat endlich eingesehen, daß ich nicht gekommen war, und ist traurig
allein nach Hause gegangen, während ich Barbar an diesem Tischchen saß,
um mein Stück zu beenden! Das gute, ahnungslose Kind: mein Stück, so
denkt sie in ihrem herzigen Vertrauen, wird uns beide sofort, da es
kaum fertig ist, mit Reichtümern überschütten!
Eberhard griff halb schüchtern, halb stolz nach dem dicken Schreibbuche
in schwarzem Wachstucheinband und betrachtete es mit der lächelnden,
freudenvollen Befangenheit des jungen Autors, der ein Erstlingswerk
vollendet und viel fröhliche Pläne und hochfliegende Hoffnungen, viel
jugendliche Zaghaftigkeit, viel Jünglingssehnsucht und Träume von Ruhm
und Glück in die sorgsam beschriebenen Linien eingeschlossen hat. Er
schlug das Manuskript auf und lächelte mit seinem frischen, gesunden
und naiven Lächeln wohlgefällig den Titel an, welcher also lautete: Ein
Kind der Straße. Volksschauspiel in vier Akten von Eberhard Freidank.
Das „Kind der Straße“ hatte auch schon eine kleine Tragödie hinter
sich, die Tragödie der Ungedruckten und Unaufgeführten, die kein Mensch
bedauert. Als es in Eberhard Freidanks Kopfe geboren wurde, stand es
schon in seinen Umrissen fix und fertig da, und es sollte ein feines,
nachdenkliches Drama voller Geist und Psychologie werden. So wollte es
der junge Freidank. Als aber das Manuskript fertig vor ihm lag, glich
es dann doch nicht der Lichtgestalt seiner Träume; die Glut seiner
Gedanken war auf dem weißen, empfindungslosen Schreibpapier verblaßt,
und die Worte standen so steif und leblos da. Immerhin sandte er
sein Werk voll Zweifel und Hoffen an die Intendantur der königlichen
Schauspiele. Nach einer langen Zeit, während deren er sich vergeblich
einzureden versuchte, daß ihn das Schicksal seines Manuskriptes
nicht im geringsten interessiere, bekam er es zurück. Da hatte er es
umgearbeitet, hatte moderne, übermoderne Züge hineinverwebt und es
einem intelligenten Theaterdirektor eingereicht, der gern Talente
entdeckte. Nach vierzehn Tagen ließ der Direktor den Mann kommen,
dessen unbrauchbare Arbeit den gewissen, ahnungsvollen Bühneninstinkt
verriet. Als Eberhard das Bureau betrat, sah ihn der Bühnengewaltige
von oben bis unten an und lachte dann hell auf: „So sehen Sie aus?
So kerngesund, so unwahrscheinlich gesund, ein rotbäckiger Germane,
direkt Athlet, und schreiben diffizile, pathologische Stücke? -- Junger
Dichter, wenn Sie den Rat eines alten Praktikers nicht übel nehmen,
so lassen Sie sich sagen: Besinnen Sie sich erst auf sich selbst, auf
Ihre eigne Kraft, und dann schreiben Sie ein neues Stück und bringen es
mir.“ -- Da hatte der junge Mann pikante Verwickelungen hineingebracht
und es einem Theater eingereicht, welches französische Ehebruchsdramen
aufführte. Aber der biedere, fröhliche, von Herzensgrund reine und
gesunde Jüngling hatte keine Pikanterie schaffen können, und wieder
kehrte das Stück zu ihm zurück.
Nun zürnte Eberhard sich selbst, wollte niemals wieder schreiben
und tat sich selber leid, daß er in langen Winternächten mühsam die
schwarzen Buchstaben aneinander gereiht hatte, anstatt sich von des
Tages Arbeit auszuschlafen; denn er hatte einen Tag wie den andern am
Morgen Kollegs gehört und nachmittags Privatstunden gegeben, um seine
bescheidenen Einkünfte zu vermehren. Die Enttäuschung bewirkte nun,
daß er die ganze Arbeit, das Studieren und Schreiben, aus tiefster
Seele haßte. Zehnmal des Tages reckte er seine langen, starken Glieder,
deren Kraft zu nichts gebraucht wurde, sehnte sich, schwere Arbeit zu
verrichten, und wenn er einen Steinträger unter seiner Bürde keuchen
sah, hätte er ihm am liebsten die Last abgenommen. Um jene Zeit ging
er wieder zum Turnen und Fechten, machte weite Spaziergänge und ging
oftmals zu Fuß nach Potsdam, statt in das Kolleg. Privatstunden hörten
auf: er suchte keine neuen. Sie hätten ihm zu viel Zeit geraubt, denn
inzwischen hatte er Fritzi kennen gelernt, Fritzi, die Chansonette.
Sie war kein großer Stern, sondern nur eines von den ganz kleinen
Sternchen. Als Eberhard sie kennen lernte, machte sie gerade den
unsicheren Sprung aus der Variétéschule ins erste Engagement. Er sah
sie bei ihrem ersten Debüt, und wie sie mit ihrem muntern Stimmchen
sang, mit zierlich schlanken, rotbestrumpften Beinchen tanzte und mit
lieblichem Munde und blitzenden Augen lachte, sang, tanzte und lächelte
sie sich geradenwegs in das ehrliche Herz des großen, starken Studenten
hinein.
Da fing ein fröhlicher Frühling leichtlebiger junger Liebe an, die
das Heute genießt, ohne der grauen Zukunft zu gedenken. Für ihre Gage
hätte Fritzi sich nicht einmal die bunten, flatternden Kleidchen kaufen
können, in denen sie abends über die Bühne hüpfte. Eberhard sorgte für
alles, und Fritzi war ihm dafür gut. Der Jüngling dachte nie daran, daß
sein kleines Erbe einmal aufgezehrt sein könnte, und ein wunderlicher
Schreck, mehr Staunen als Entsetzen, durchzuckte ihn an jenem Tage, an
dem der Bankier ihm die letzten zweihundert Mark seines Kapitals nebst
einer Schlußabrechnung sandte. --
Er mußte nun in kurzer Zeit Geld verdienen, um für sich und Fritzi
sorgen zu können. Zufällig fanden sich nicht sogleich Privatstunden.
Was tun, um schnell zu verdienen? Man schreibt etwas; ein Buch, ein
Stück... Da wurde triumphierend das alte, verstaubte und vergilbte
Manuskript hervorgesucht und kritisch, mit der naiven Überlegenheit des
Menschen, der inzwischen zwei Jahre älter geworden, von neuem studiert.
Gerade in diesen Tagen machte Eberhard die Bekanntschaft des Direktors
vom Odeontheater. Den hat der Himmel mir geschickt, dachte Eberhard.
Dem fröhlichen, jovialen Manne, der abends am Artistentische ein
so angenehmer Kneipgenosse war, würde er sein Stück anbieten und
sicher keine Ablehnung erfahren. Das Drama, welches schon so viele
Metamorphosen erlebt hatte, sollte aus dieser letzten Häutung als
Volksschauspiel in vier Akten erstehen, grausig und rührend, pomphaft
und populär, wie das Publikum des Odeontheaters es liebte. Ohne Furcht
sah nun der junge Freidank seine Barschaft auf die Neige gehen und war
nur traurig, daß er Fritzi ein wenig knapper halten mußte. Aber nur
erst fertig sein, dann würde schnell der Umschwung zum Guten kommen! Er
arbeitete fieberhaft, mit fliegender Feder, und gerade am Abende, ehe
Fritzis Brief ankam, hatte Eberhard, bebend vor Stolz und Hoffnung, den
Schlußstrich unter dem „Kind der Straße“ gezogen.
[Illustration]
II.
Eberhard heuchelte vor sich selbst Gleichgültigkeit, als er das
umfangreiche Manuskript zu sich nahm und sich auf den Weg zu
Direktor Immermann vom Odeontheater begab. Immermann! sagte er mit
zuversichtlichem Lächeln zu sich selbst, der teure Name soll mir ein
gutes Omen sein! -- freilich, außer dem Namen ist nichts Immermannsches
weder an diesem Direktor noch an seinem Theater. --
Man gelangte zu dem Bureau des Direktors Immermann durch einen
schmalen, finsteren Korridor, der auf einen freien Vorraum führte, wo
allerlei Kulissengerümpel lag und stand. Eberhard durchschritt diesen
Raum, klopfte an und trat in das Bureau.
Direktor Immermann war nicht darin; ein blasser, verkümmerter Schreiber
präsentierte dem Besucher einen Sessel und vertiefte sich dann wieder
in die Unterhaltung mit einem temperamentvollen Juden, der Herr Markus
genannt wurde. Herr Markus hatte viele Photographien und farbige
Plakate auf einem Zähltisch ausgebreitet und redete lebhaft und unter
Anwendung unverständlicher Fachausdrücke auf den Theaterschreiber ein.
Er führte ein großes Wort, und der blasse junge Mann hörte ihm voller
Interesse zu.
Eberhard sah sich ein wenig neugierig um. Alle Wände und überhaupt
alle vorhandenen Flächen waren mit bunten Artistenplakaten tapeziert;
dazwischen fanden sich hier und da verstaubte Schleifen und ein alter
Lorbeerkranz. Die meisten dieser großen, bunten Blätter hingen schon
lange an den Wänden und hatten keine Beziehung zu dem gegenwärtigen
Repertoire des Theaters. Aber nun fiel Eberhards Blick auf ein
schreiend gelbes, mit Riesenlettern bedrucktes Plakat, welches besagte:
Am 1. Dezember beginnt im Odeontheater eine große internationale
Ringkampf-Konkurrenz um die Meisterschaft von Deutschland und den
großen Preis von Berlin im Betrage von achttausend Mark. 24 Ringkämpfer
ersten Ranges haben sich bis jetzt gemeldet. -- Um dieses auffällige
Plakat, welches die Mitte der Wand einnahm, waren die prächtigen,
überlebensgroßen Reklamebilder berühmter Athleten gruppiert. Jetzt
verstand Eberhard mit einem Male die Unterhaltung der beiden Männer
am Zähltische. Immer noch erzählte Herr Markus voll Leidenschaft, mit
orientalischem Temperamente, von „unserer Konkurrenz“ und setzte dem
aufhorchenden Schreiber auseinander:
„Dies Bild? -- Ein Schwarzer natürlich, ein pechschwarzer Sudanneger;
er heißt Mansur! -- Sie sagen, er hat auf der Photographie einen
Trauring auf? -- Ja, den hat er wohl abzunehmen vergessen.“
„Trägt er ihn denn sonst?“ fragte der Schreiber mit neugierigem Lachen.
„Seine Frau sitzt doch wahrscheinlich in Afrika, im Harem, und sieht
ihn nicht!“
„In Afrika? Im Harem?“ schrie der Manager und schüttelte sich vor
Lachen, während er mit seinen übermäßig beringten Händen heftige Gesten
machte, „da kennen Sie Mansurs Frau schlecht! O nein! Sie läßt ihn
nicht einmal allein ausgehen. Abends sitzt sie im Theater und hält
beide Augen offen, daß er nicht etwa mit einer Verehrerin spricht. O
Himmel, ja, die Frau Mansur hat Schneid! -- Eine Wienerin, wissen Sie,
so eine richtige mollige, aber sie steckt ihren Mansur, so groß und
dick er ist, zehnmal in den Sack, obwohl sie ihm gerade bis an den
Ellenbogen reicht!“
Eberhard fing eben an, sich für die Unterhaltung zu interessieren, als
man schwere Schritte die Treppe, die zur Bühne führte, herunterkommen
hörte. Sofort änderte sich das Bild im Bureau; der Schreiber ging
langsam, mit müder Geschäftsmiene, an sein Pult zurück, während Herr
Markus, der bis jetzt, nach jüdischer Gewohnheit, mit bedecktem Kopfe
gestanden hatte, schnell den Zylinder abnahm und auf einen Stuhl
setzte. Mit dieser einzigen Bewegung hatte er eine devote, beflissene
Haltung eingenommen, und eifrig lief er den Ankommenden entgegen. Es
war Direktor Immermann, der einem andern Herrn höflich den Vortritt
ließ.
Der Direktor ging auf Eberhard zu, der sich beim Eintritt der Herren
erhoben hatte, und begrüßte ihn in seiner munteren, kordialen Weise:
„Ah, junger Freund, das ist aber hübsch, daß Sie einmal kommen! --
Gleich stehe ich zu Ihrer Verfügung! Nur wenige Minuten noch habe ich
mit Herrn Thyssen zu sprechen! -- Die Herren gestatten: Herr Freidank;
Herr Thyssen, unser berühmter Weltmeister... Sie entschuldigen mich ein
Weilchen, mein junger Freund; nehmen Sie Platz indessen...“
Eberhard verbeugte sich tief vor dem berühmten Athleten und setzte
sich wieder. Hermann Thyssen aber nahm den angebotenen Platz nicht an
und ging langsam, mit schweren Schritten, an den Tisch, auf dem die
Photographien ausgebreitet lagen, während er Direktor Immermann mit
einer kaum merklichen Kopfbewegung zu sich winkte.
Es konnte kaum ein größerer Unterschied zwischen zwei Männern gedacht
werden, als zwischen dem Theaterdirektor und dem Ringkämpfer, wie sie
jetzt nebeneinander standen. Immermann war ein kleiner, blonder,
fröhlicher Mann, dessen rundes Bäuchlein ihm nichts von einer
angeborenen heiteren Behendigkeit geraubt hatte. Er hatte hellblondes
Haar und einen lustigen, goldblonden Spitzbart. Seine lebhaft gefärbte
Kravatte war mit einem großen Brillanten geschmückt, und auf seinem
Bäuchlein schaukelte eine dicke Uhrkette mit zahlreichen Berlocken.
Herr Thyssen überragte den Direktor fast um einen Kopf. An ihm war
alles von unaufdringlicher Gediegenheit und Eleganz. Seine Kleider
verrieten den ersten Londoner Schneider, seine Knopfstiefel den
feinsten englischen Schuster. -- Auf einem starken Halse erhob sich
selbstbewußt, fast hochmütig, der interessante, prachtvolle Kopf. In
den dunklen Augen blitzte ein ernstes, schönes Feuer, die kühne Stirn
war hoch und überaus edel geformt, die schwarzen, nicht allzu kurz
geschnittenen Haare waren über der linken Schläfe in einen Scheitel
gekämmt. Den starken, schwarzen Schnurrbart trug Herr Thyssen nach
preußischer Mode gerade nach oben gebürstet. Aber in diesem stolzen,
herrischen Gesichte frappierte der weiche, feine, köstlich geformte
Mund. Dieser Mund war hellrot und schwellend, wie der zarte Mund
eines Kindes, und von jener klassisch edlen Form der Lippen, die der
hellenische Phidias seinen unsterblichen Jünglingsangesichtern lieh.
Darunter wölbte sich dann ein festes, willensstarkes Kinn. Die breiten
Schultern, die ganze hohe und breite Gestalt des Weltmeisters waren von
jener ruhigen, gleichmäßigen Schwerfälligkeit, die aus dem Bewußtsein
einer sicheren, überlegenen, ungeheuren Kraft entspringt.
Eberhard freute sich, den berühmten Athleten, den Sieger in allen
Wettkämpfen der Welt, mit bürgerlichen Kleidern angetan, von Angesicht
zu Angesicht betrachten zu können. -- Herr Thyssen sah ruhig die
Photographien durch und ließ alle Fragen, die Immermann zu stellen
hatte, durch sein Faktotum Markus, welcher als der Manager vorgestellt
wurde, beantworten. Doch nun wendete sich Immermann direkt an Thyssen:
„Sie aber wissen allein, Herr Thyssen, auf welche Teilnehmer wir mit
Sicherheit rechnen können? Ich muß die Namen vorher haben, wegen der
Reklame...“
Thyssen war kein Freund vom vielen Reden. Er schob dem Direktor einige
Bilder zu und sprach langsam und bedächtig:
„Bernhard Meinken aus Hamburg; Paul Kiesling aus Westfalen; vielleicht
den Münchner Binder. -- Raymond Poing de fer; Pierre le Forgeron,
genannt Oeillet rouge, die rote Nelke; Champion von Paris! -- Jan van
Muyden; Ola Carstensen; Frank Argyll aus Texas; Manuel Gomez, el Toro
de Granada; Giacomo Petrocchi und Vittorino Cardo, sein Bruder; Sergej
Roditscheff aus Rußland; Jimmy Holyhead, ein Schwarzer; Mansur, the
Lion of the Sudan, auch ’n Schwarzer; haben Sie?... William H. Lanfrey;
Karl van dem Domhoff...“
„Kenn’ ich nicht,“ sagte Immermann dazwischen.
„Ob Sie ihn kennen oder nicht, ist doch ejal,“ sagte der Athlet
gleichmütig in seinem wohllautenden niederrheinischen, etwas
schleppenden Dialekte. „Hauptsache ist doch, daß ich ihn kenne.
Kann Ihnen aber zu Ihrer Beruhigung sagen: seriöse Meisterschaft im
Schwergewicht, 1904 in Lüttich. Jenüjend, allright? -- Überhaupt, was
soll Ihnen die Aufzählung? Ich versteh’ nicht, wozu Sie die heut’
brauchen. Das schreibt Ihnen Markus alles... Wichtiger ist mir: Ich
brauche dann noch ’n paar Berliner, die ’n bischen hermachen. Müssen
immer ’n paar Einheimische ’bei sein.... Die könnten Sie mir besorjen,
Immermann. Da hätt’ ich ’n’ jroße Arbeit weniger...“
„Professionals?“ fragte Immermann.
„Ach nee!“ erwiderte der Athlet, ärgerlich, daß er Erklärungen
geben mußte. „Die kann ich doch allein krieje, nicht? -- Auch keine
Klubleute. Wird mir sonst zu jroße Klubmeierei; ’n paar jute Amateure.
Werden sich schon denken können, was ich brauche. Im Notfall ist einer
jenug...“
Der Direktor behauptete, daß er nun genau wüßte, was Herr Thyssen
wünschte, und er würde einen solchen jungen Mann besorgen. Inzwischen
hatte der Manager Markus sämtliche Photographien eilfertig
zusammengerafft und erinnerte Thyssen respektvoll, daß es hohe
Zeit sei, wenn man den Hamburger Zug noch erreichen wollte. Darauf
reichte Hermann Thyssen dem Theaterdirektor die große, starke Hand
und verabschiedete sich, ohne viele Worte zu machen. Beim Hinausgehen
streifte er Eberhard mit einem scharfen, prüfenden Blicke. Eberhard sah
eine Sekunde lang in die stolzen, flammenden Augen, während ein warmes,
eigentümlich wohltuendes Gefühl eigener junger Kraft und Gesundheit
durch seinen Körper zog...
„Das sind Kerls!“ rief Immermann, der seinen berühmten Gast bis ans Tor
begleitet hatte und nun aufgeregt zurückkehrte, in heller Begeisterung.
„Donnerwetter, das sind Kerls! Dieser Thyssen! Dagegen kommt sich
unsereins wie ’ne Mücke vor... Diese Tatzen, was? Damit eins kriegen,
muß ’n Vergnügen sein, was? -- -- Aber womit kann ich Ihnen dienen,
junger Freund?“
„Ich bringe Ihnen ein Stück,“ sagte Eberhard hoffnungsvoll, indem er
das Manuskript hervorholte. „Ein Stück für Ihr Theater, extra für
Sie geschrieben. Können Sie es nicht gleich lesen? Es würde Ihnen
sicherlich gefallen... Das ist etwas für Ihr Publikum, glauben Sie mir!
Vier kurze Akte...“
Eberhard brach ab, da der Theaterdirektor keine Miene machte, nach
dem Hefte zu greifen, sondern es mit jovialem Lächeln ein wenig
zurückschob. Er blickte Eberhard mit seinen freundlichen, hellen Augen
an und sagte munter:
„Dichter sind Sie auch? -- Wußte ich gar nicht. -- Haben Sie nicht die
kleine Fritzi aus dem ‚Goldsalon‘! Nicht wahr? Ja, wußte ich doch noch.
Und die läßt Ihnen Zeit zum Dichten? Komisch. Solche lebenslustigen,
kleinen Käfer lassen den jungen Herren gewöhnlich gar keine Zeit! Wohl
eine feurige, kleine Kröte, was? Ja, ja, diese schwarzen Augen!“
Eberhard ärgerte sich. Er mochte keine Diskussion über das Temperament
seiner Fritzi, hier, vor den Ohren des Schreibers. Er begann von neuem:
„Wollen Sie nicht mein Stück lesen? Es paßt wirklich großartig für Sie.
Es heißt: „Das Kind der Straße“. Nun, gefällt Ihnen das? Das wird bei
Ihnen ziehen, passen Sie auf!“
Immermann nahm das Manuskript, blätterte darin, lachte behaglich und
sagte mit vergnügtem Schmunzeln:
„Ein richtiges Theaterstück, wahrhaftig! Hätte wirklich nicht gedacht,
daß Sie auch dichten können. Ist sicherlich ein sehr hübsches Stück!
Warum sollte es nicht hübsch sein? -- Aber für mich? Nein, lieber Herr
Freidank! Ich kann doch keine Stücke von den Herren Dichtern brauchen!“
„Aber Sie führen doch fortwährend neue Stücke auf!“ sagte Eberhard
aufgeregt. „Die muß doch irgend jemand schreiben! Also warum sollten
Sie nicht ein Schauspiel von mir bringen?“
„Ich beziehe doch meine Stücke fix und fertig von meinem Agenten,“
erwiderte Immermann freundlich beschwichtigend. „Gleich mit allen
Regiebemerkungen, mit der notwendigen Musik -- wie gesagt, die Mimen
können gleich losspielen! -- Jeden Gefallen tue ich Ihnen gern, junger
Freund, aber ein Stück von Ihnen spielen? Es ist unmöglich, so gerne
ich’s täte, es ist wahrhaftig unmöglich!“
Freidank geriet angesichts dieser lächelnden, jovialen Ablehnung in
Verzweiflung. Er versuchte einen letzten Ansturm:
„Aber nehmen Sie es doch, Herr Immermann! Die Regie richte ich Ihnen
sehr gern ein. Das ist das wenigste! Sie bekommen es billig... Es ist
doch direkt für Sie geschrieben...“
Endlich hörte der Direktor den bangen, flehenden Ton der Sorge aus
Eberhards Worten.
„Ah so!“ sagte er freundlich, „das ist’s, darum liegt Ihnen so viel an
Ihrem Stück... Nun, das passiert Jedem ’mal! Das kenne ich! Das hätten
Sie doch gleich sagen können! Hier, Herr Freidank!“
Er griff in seine Westentasche und holte ein Zehnmarkstück heraus,
welches er Eberhard in die Hand drückte, indem er bemerkte:
„Können mir’s ja wiedergeben, wenn es Ihnen paßt. -- Nein, nein, nehmen
Sie nur, keine Widerrede, junger Freund! -- Weiß ja, junge Leute
brauchen immer Geld, ja, ja!“
Eberhard sah alle seine Hoffnungen zerschellen. Eine wilde, finstere
Verzweiflung tat sich vor ihm auf. Jetzt entschloß er sich, dem
behäbigen, gutmütigen Direktor sein Leid rücksichtslos anzuvertrauen,
trotz der Anwesenheit des Schreibers, die ihn unendlich genierte. Aber
der Schreiber, der viel wechselvolle Schicksale und Artistenelend
alltäglich sah, interessierte sich gar nicht für diesen dichtenden
„Herrn Doktor“; übrigens nahm er jetzt Hut und Überzieher und ging zu
Tisch. Da faßte Eberhard sich ein Herz und sagte dem Theaterdirektor
ehrlich, aber in schamhaft abgerissenen Worten, wie es um ihn stand
und wie er auf diese Arbeit seine letzte, ja, seine einzige Hoffnung
gesetzt habe. In einiger Zeit werde er ja wieder Beschäftigung finden,
aber jetzt... kurz vor Weihnachten...
Fritzi fiel ihm ein; die Ratlosigkeit übermannte ihn. Er zuckte die
starken, breiten Schultern und starrte finster die bunten Bilder der
phantastisch gekleideten Tänzerinnen und der stereotyp lächelnden
Komiker an.
„Ja, das ist sehr schlimm!“ sagte Immermann bedächtig, „da ist schwer
raten... Ein junger Herr Doktor, nun, das ist eine schrecklich
brotlose Arbeit... Das ist doch nichts, wenn man bloß dichten kann,
und Lateinisch und Griechisch, und so Kram, was kein Mensch brauchen
kann... Ja, wenn Sie irgend etwas Reelles könnten! Komiker, oder
Gymnastik, oder Athlet, oder so... Das ist was! Dafür habe ich immer
Verwendung! Zum Athleten paßten Sie zum Beispiel brillant, mit Ihrem
Wuchs!“
Eberhard lachte ärgerlich, aber Immermann nahm sein Lachen für
Zustimmung:
„Was sagen Sie nun? -- Nicht, das gefällt Ihnen? Sehen Sie, das ist
was Rentableres, als Stücke schreiben! -- Dichten kann jeder, aber
nicht jeder is ’n Athlet! -- Ziehn Sie ’mal Ihren Rock aus und zeigen
Sie Ihre Muskeln! -- Was wollen Sie eigentlich mehr? Zum Donnerwetter,
ja, das nenne ich ’n Biceps! Sie sind wohl ’n heimlicher Ringkämpfer,
Sie...?“
Und er klopfte dem jungen Manne, dem er kaum bis an die Schultern
reichte, derb auf die Arme und Schenkel.
Der junge Freidank wußte nicht recht, ob Immermann im Scherz oder im
Ernst redete. „Nein!“ sagte er zögernd, „nein, Ringkämpfer bin ich,
weiß Gott, nicht!“
„Können Sie werden, können Sie werden,“ antwortete Immermann
rasch, „das läßt sich lernen! Wer die Kraft hat, lernt schon die
Technik! -- Nun, nicht wahr, Sie haben Lust? -- Da könnte ich Sie
nämlich sofort engagieren, ja! -- Zwar -- erst für den Dezember;
bei der Meisterschafts-Konkurrenz mit Thyssen! -- Bis dahin... Sie
brauchen Geld... Darüber ließ sich reden... Man könnte Ihnen eine
Vorschußzahlung geben. Mit Ihnen würde ich die Ausnahme machen...“
Der junge Freidank war so überrascht, daß er weder zustimmende, noch
ablehnende Worte fand. Etwas in ihm sprach dagegen. Und dann schrie
doch auch etwas in ihm auf, das war dafür, und das reckte sich in den
jungen Muskeln, das sprang heftig durch alle Adern, das war wie ein
heißes Verlangen, die Kräfte an fremder Kraft zu messen...
„Also, ist gut!“ sprach Immermann inzwischen mit seinem gutmütigen
Lächeln, „Sie lassen den gelehrten Kram und die Dichterei schießen
und kriegen bei uns Kontrakt... Bin ich ein anständiger Mensch, ja?
-- Helfe ich Ihnen vernünftig aus der Patsche oder nicht? -- Gut. Sie
lernen bis zum 1. Dezember gut ringen. Es ist ein Stück Arbeit, aber
es geht. Nehmen Sie einen Trainer, der was versteht, und arbeiten Sie
fleißig. Ich schreibe Ihnen eine Anweisung auf fünfzig Mark aus, damit
Sie den Trainer bezahlen können... Nein, Sie brauchen sich nicht zu
bedanken!“ rief der kleine, blonde Herr freundlich, „Sie geben mir
ja eine Quittung dafür!... Wollte, ich hätte ’mal ’n Jungen wie Sie.
Meiner ist mir mit zwölf Jahren ertrunken... Ja, was ich sagen wollte:
wissen Sie ’n guten Trainer? Ich wüßte einen. Hier ist die Adresse,
notieren Sie: André Leroux... Also, abgemacht, junger Freund! Montag
holen Sie sich den Kontrakt!“...
[Illustration]
III.
Es schwirrte Eberhard vor den Augen, als er auf die Straße trat, und in
seinen Gedanken war eine sonderbare Leere. Er hatte dieses Haus mit gar
so anderen Hoffnungen und Wünschen betreten und wußte nun nicht, ob er
besser oder schlechter dran war, als zuvor.
Im Hauseingange, nahe dem Tore, hing wieder das gelbe Plakat aus dem
Theaterbureau. Vorher war es dem jungen Manne nicht aufgefallen, jetzt
blieb er davor stehen. Zwei ganz junge Mädchen, die leichtfüßig durch
den Torweg geschritten kamen, blieben ebenfalls stehen, lasen von den
vierundzwanzig Ringkämpfern und lachten. Dann sagte die eine, sie habe
noch nie Ringkämpfer gesehen; was das wohl für Leute sein möchten? Das
andere Mädchen, welches Annette genannt wurde, machte bewundernde und
schwärmerische Augen und erwiderte: „Natürlich sind sie schrecklich
stark; furchtbar groß und breit; ungefähr zwei Meter groß oder so...“
„Ich bin ein Meter fünfundfünfzig,“ sagte die erste leise.
Eberhard fiel es ein, daß er zweihundertfünf Zentimeter hoch war, und
er richtete sich unwillkürlich straff auf. Die jungen Mädchen aber
hinter ihm mußten plötzlich auch seine Größe und Stärke bemerkt haben,
denn ihr Lachen und Zwitschern brach jäh ab und sie gingen stumm von
dannen.
Der junge Mann unterdrückte ein stolzes Lächeln und schritt festen,
langsamen Ganges weiter. Ein merkwürdiges Gefühl lag schwer und
beruhigend in seinem Körper; er fühlte die Glieder so sonderbar fest
und sicher in den Gelenken ruhen, er preßte die Fäuste zusammen und
dachte: so viel Kraft, so viel Kraft, mit der man nichts beginnt...
Durch das grauweiße Gewölk des spätherbstlichen Himmels war die
Sonne durchgebrochen und ihr warmes, gelbes Mittagsleuchten zauberte
einen künstlichen Sommer auf der Straße hervor. Studenten kamen
ihm entgegen, die ihre bunten Mützen und dreifarbigen Bänder im
Sonnenschein spazieren führten, und andere, die Bücher unter dem Arme
trugen. Eberhard Freidank mußte fortsehen und dann wieder gewaltsam
hinsehen. Er gehörte ja doch zu ihnen, noch... und immer... Ihr Reich,
das Reich des Geistes, der Pläne, Hoffnungen und Ideale, war auch
sein Reich, ihr Streben war sein Streben, und die Schätze des Wissens
waren der unversieglich reiche, ewig frische Born, aus dem auch er den
Lebenstrank schöpfen wollte...
Er blieb an dem Schaufenster einer Buchhandlung stehen, in der er
seine Bücher zu kaufen pflegte. Bis heute hatte er nur Augen für
jene dickleibigen, schlichten Bände gehabt, die er zu seinem Studium
brauchte, und für die modernen, farbenfrohen Umschläge der schönen
Literatur. Jetzt eben sah er zum ersten Male die Bücher, die von
Sport und Körperkultur handelten. Es waren ihrer allein in diesem
Schaufenster fünf oder sechs. „Was ist das?“ fragte sich Eberhard
mit flüchtigem, innerlichem Erschauern, „was ist das, daß in so
vielen dieser Bücher die Lehre von der alleinseligmachenden Kraft
ausgesprochen wird? Der Geist ist doch mehr, die Weisheit ist doch
höher...“ Und er wendete sich dem Schaukasten an dem seitlichen Pfeiler
zu. Dort waren Bilder und Reproduktionen auf Ansichtspostkarten
ausgestellt. Eberhards Blick ging die Reihe der Karten entlang; es
waren Nachbildungen antiker Marmorwerke auf schwarzem Grunde. Da stand
der borghesische Fechter, da standen die florentinischen Ringer, der
Apoxyomenos, die laufende Atalante....
„Höre doch endlich, Freidank!“ sagte eine helle junge Männerstimme
dicht neben ihm, daß Eberhard sich schnell umwendete. „Ich rufe dich
schon zum dritten Male an! Wer steht denn am lichten Mittage so
versunken da? Zu einer Zeit, wo jeder Mensch den Fleischtöpfen Egyptens
zustrebt, wenn er den Mammon dazu hat?“
„Du bist es, Tönnies,“ sagte Eberhard. „Warum bist du also auch hier,
anstatt nach den Fleischtöpfen zu eilen?“
„Ich sagte es ja,“ antwortete Tönnies mit verdrießlichem Lachen, „kein
Geld... Und ich habe noch keinen Menschen gefunden, der mir etwas
pumpen kann... Ich bitte dich, am Dreiundzwanzigsten noch Geld... Nein,
das ist zu viel verlangt! Dir wird es nicht besser gehen! Oder...?“
„Komm mit,“ sagte Eberhard mit seinem ruhigen, fröhlichen Lachen, indem
er den Arm des Kommilitonen unter den seinen zog. Der junge Tönnies sah
mit seinen hellen, runden Augen erstaunt auf.
„Du hast?... Am Dreiundzwanzigsten?... Ja, wo schleppst du mich denn
hin? Heut’, am Dreiundzwanzigsten?“ --
Gemeinsam betraten die jungen Männer eines jener Bierhäuser, in denen
die akademische Jugend verkehrt. In diesem Augenblicke drängte es
Eberhard förmlich, die Gemeinschaft anderer Studenten aufzusuchen, mit
ihnen am Tische zu sitzen, mit ihnen zu essen und zu trinken! Er mußte
sich selbst überzeugen, daß er einer der Ihren war; kein Ringkämpfer,
sondern ein Strebender, ein Suchender, ein Werdender, einer vom jungen
Deutschland....
Hin und her flog die Rede der jugendlichen Wissenssucher. Es wurde von
den höchsten und den kleinlichsten Dingen gesprochen, von Goethe, von
Gott und Vaterland, von jungen Mädchen und Mensuren, von einer fremden
Burschenschaft und Kneipen. Man speiste mit gesundem Appetit, man
schlug die zinnernen Deckel von den Seideln zurück und sprach dem Biere
zu, man plauderte, philosophierte und urteilte....
„Du mußt eine Erbschaft gemacht haben,“ sagte Tönnies tiefsinnig zu
Eberhard, „oder einen Einbruch begangen...“
„So ähnlich,“ sprach Freidank mit ruhigem Lächeln, „du mußt es ja
wissen, Tönnies!“
Und er ließ seine Augen auf der Tischrunde der Kommilitonen ruhen und
dachte mit einer stillen, starken Zufriedenheit im Herzen: „Hier bin
ich -- ich; unter meinesgleichen; an meinem Platze...“
„Du lieber Gott, halb drei!“ rief Tönnies plötzlich und sprang auf,
„und um halb vier habe ich in Charlottenburg eine griechische Stunde zu
geben... Bis zum Ersten -- indessen nur vielen Dank, Eberhard! -- -- Du
mußt doch eine Erbschaft gemacht haben, sonst hättest du nicht...“
„Am Dreiundzwanzigsten -- ja,“ sagte Freidank und sah dem Freunde, der
ihm lustig und dankbar derb die Hand schüttelte, lachend ins Gesicht.
„Nun, auf Wiedersehen, Adolf!“
„Auf Wiedersehen!“ rief Tönnies, schon unterwegs.
Es war auch für Eberhard mittlerweile Zeit geworden, ins Café Prätorius
zu Fritzi zu gehen. Er winkte den Kellner herbei, bezahlte -- wieder
gab es ihm einen Stich ins Herz -- mit dem Gelde des Theaterdirektors,
und ging davon.
Er ging mit langen, schnellen Schritten dorthin, wo seine Freundin
Fritzi ihn wohl schon erwartete; denn Eberhard hatte sich gegen seine
Gewohnheit um einige Minuten verspätet. Hastig trat er in das kleine,
um diese Stunde wenig besuchte Caféhaus ein und sprang die schmale
Wendeltreppe ins obere Stockwerk empor, wo er die zierliche Gestalt der
Freundin in eins der kleinen Ecksofas geschmiegt zu sehen erwartete.
Aber Fritzi war noch nicht da, und der junge Mann hatte noch länger als
eine Viertelstunde in Sehnsucht und Ungeduld an seinem Fensterplatze
auszuharren, ehe er seine Freundin mit keck hochgehobenen Röcken
über den Straßendamm hüpfen sah. Er wollte sich ein wenig über ihre
Unpünktlichkeit ärgern, aber als er ihre flüchtigen Tritte auf der
Stiege hörte, verging sein Herz vor Liebe und vor Freude, die Geliebte
zu sehen...
„Liebe Fritzi!“ sagte er alsbald, „sage mir, wozu du das Geld so
notwendig brauchst, und... ich werde es beschaffen, wahrhaftig, ich
werde es beschaffen... Zwanzig Mark wolltest du... Ich habe sie nicht,
Fritzi... Oder vielmehr, ich habe sie, aber sie sind, sozusagen,
nicht mein... sie sind fremdes Geld... für einen bestimmten Zweck mir
übergeben...“
Fritzi lächelte kindlich: „Wieviel kannst du mir geben, Ebi?“
„... Fünf Mark,“ sagte Freidank nach einem kurzen, heftigen Kampfe mit
sich selbst. Er hatte das Geld aus der Tasche reißen, hatte es Fritzi
geben wollen; aber dann hatte doch die Anstandspflicht gesiegt, die ihm
befahl, das Geld entweder zu dem Zwecke zu gebrauchen, zu dem er es von
Immermann erhalten hatte, oder es zurückzugeben.
„... Fünf Mark, Fritzi,“ wiederholte Eberhard. „Aber, wenn es durchaus
sein muß, so...“
„Ach Gott, nein!“ sagte das junge Mädchen, indem es drollig die
Lippen verzog, „wenn es nicht geht, Ebi.... Gieb mir inzwischen die
fünf Mark.... danke.... Sage mir, wann verkaufst du das Theaterstück?
Bekommst du sehr viel Geld dafür?“
Der Student besann sich einen Augenblick, trank aus dem dünnen, hohen
Bierkelche, blickte auf die Straße hinaus und wieder auf Fritzi hin:
er wollte ihr alles mit einem Male sagen, denn er liebte nicht das
Versteckenspielen und die halben Erzählungen. Er sagte ihr also in den
einfachsten Worten das, was sich heute zugetragen hatte und fragte
sie, was sie dazu meinte, wenn er nun in der Zukunft ein Ringkämpfer
sein würde. Aber er sagte nur die Tatsachen und verschwieg seine
heimliche Angst vor einem Schritte, der ihn für immer aus den Reihen
der Werdenden, der akademischen Jugend hinausziehen würde.
Fritzi, die in die Sofaecke gedrückt dagesessen hatte, bog sich vor
Erstaunen und Vergnügen weit vor, sie schob ihre Kaffeetasse mit
energischer Bewegung fort, legte beide Arme auf den Tisch und fragte
leise und fröhlich:
„Das ist wahr? -- Ein Ringkämpfer? -- So stark bist du?“
„Ich weiß nicht, Fritzi! Ich denke wohl! So stark, -- o ja! -- Und
sonst -- sonst hättest du nichts dagegen einzuwenden, gar nichts? --
Schließlich ist es doch ein ganz -- ganz anderer Beruf...“
„Beruf! Beruf!“ schrie Fritzi entzückt, „ein himmlischer Beruf ist
es! -- Aber natürlich, Eberhard, du wirst Ringkämpfer! Ist doch ein
besserer Beruf als Student?“
Es lag in ihrem fröhlichen, strahlenden Gesichtchen etwas Primitives,
die Unfähigkeit, zu unterscheiden, Differenzen zu fühlen... Wie jung
ist sie! dachte Eberhard, sie kennt nichts, sie weiß noch nichts, sie
sieht kaum die Unterschiede im Leben... Er fragte, von ihrer Munterkeit
ergriffen, selbst etwas heiterer und sicherer:
„Das ist alles, was du darüber zu sagen hast? -- Du bist also
eigentlich ganz einverstanden?“ --
„Aber, Eberhard!“ sagte die kleine Brünette, „warum sollte ich wohl
nicht einverstanden sein? -- Bedenke doch: du verdienst viel Geld...
sehr viel Geld wahrscheinlich... du kannst auftreten... du hast
Erfolg... O, und nun kann ich auch außerhalb Berlins ins Engagement
gehen! Wir können natürlich immer zusammen bleiben! Ich lasse mich
einfach immer in derselben Stadt engagieren, wo du sein wirst! Wir
bleiben zusammen, und du verdienst sehr viel Geld!“
So weit waren seine Zukunftsträume noch gar nicht geflogen. Er sah ein,
daß sie darin recht hatte. Gewiß, sie konnten zusammen bleiben, und er
würde dem süßen, schwarzhaarigen Kinde wieder jeden Wunsch erfüllen
können. Jetzt, da sie um seinetwillen nur in Berlin Engagements annahm,
war er ihr ja sogar im Wege... er versperrte ihr die Karriere... Wenn
er über alle anderen Bedenken hinwegkommen könnte...
„Setz’ dich einmal neben mich,“ sagte Fritzi mit einer Zärtlichkeit,
die er sonst nicht an ihr gewohnt war. Und als er an ihrer Seite saß,
fühlte er mit innigem Erschauern den jungen, zierlichen Mädchenkörper,
der sich herzhaft an ihn preßte; warme Hände suchten die seinen, und
eine zärtliche Stimme sagte flüsternd:
„Athlet wirst du sein, nicht wahr? Stärker als alle andern... Ach, wie
werde ich dich lieb haben, wenn du die andern besiegst!“
Er sah ein Flackern in ihren Augen, jenen Glanz, der bei dem Anblick
brutaler männlicher Kraft in Frauenaugen aufleuchtet. Sie wollte ihn
betören, ihn entzücken mit ihrer weichen, schmeichelnden Bewegung, und
doch wurde Eberhard ein wenig verstimmt und fragte:
„Du wirst mich mehr lieben, Fritzi? Kann das sein?“
„Was stellst du für Fragen!“ erwiderte das junge Mädchen lachend,
„mehr... weniger... Ich bin dir gut, das ist doch genug... du fragst
immer so komisch, Eberhard!“
Eberhard war erregt; seine Gedanken flatterten hierhin und dorthin:
„Gute Fritzi! -- hast gar nichts mehr von dem Gelde gesagt; brauchst du
es sehr notwendig, Fritzi? Vielleicht ... in einigen Tagen... könnte
ich...“
„Ach, laß!“ sagte Fritzi leichthin, „im Augenblick, na ... Ich habe
mir... von einer Kollegin zwanzig Mark geborgt, ja...“
Der junge Mann hob überrascht den Kopf: „Von einer Kollegin? Aber, du
-- das mußt du doch so schnell wie möglich wiedergeben!“
„Es eilt nicht so,“ antwortete Fritzi schnell, und dann, als sie
sein erstauntes Gesicht sah, fuhr sie fort: „Sie braucht es nicht so
notwendig... Es ist die Liane Fanchon ... Die hat immer! Die ist nie in
Verlegenheit!“ Dabei seufzte Fritzi leise.
Eberhard sah das junge Mädchen an; sein Blick blieb, ohne daß er selbst
es wußte, auf der schmalen, modernen Nadel haften, mit der ihr Kleid am
Halse geschlossen war. Ohne daß er etwas dabei dachte, wurde sein Auge
durch das vielfarbige Glitzern mehrerer wasserheller Steine gefangen.
Aber er sah das Schmuckstück erst, als Fritzi in einiger Verlegenheit
mit der Hand danach griff und hastig fragte:
„Ach -- du siehst die Brosche an? Ich habe sie gekauft ... vorhin...
als ich mit Liane aus der Probe kam... Sie ist niedlich und glänzt
beinahe wie echt...“
Jetzt erst wurde Eberhard aufmerksam. Es war eine schöne Nadel, auf
der drei klare Steine funkelten. „Das ist unecht, Fritzi?“ fragte er
langsam, zögernd, indes ein feiner Strahl des Mißtrauens spitz und
scharf aus den blitzenden Steinen fuhr und sich in sein Herz bohrte.
Die Chansonette fühlte seinen unausgesprochenen Zweifel... „Etwa echt?“
fragte sie heftig, „etwa echt? Woher sollte ich denn das haben? Von
dir etwa?“ Und dann, schnell und lustig: „Du, ob echt oder unecht,
ist mir doch ganz gleich! Wenn ich irgendeine Brosche habe, bin ich
zufrieden... Ich hatte keine... Liane war dabei...“
Eberhard wußte nichts darauf zu sagen. Er dachte, es sei verwunderlich,
aber doch... Fritzi log nicht... Wer übrigens hätte ihr eine so
kostbare Nadel schenken sollen? Untreu... nein, Fritzi war ihm nicht
untreu...
„Ich muß nun gehen, Liebste,“ sagte er sehr sanft. „Da du auch meinst,
daß ich... Ja, da muß ich zu einem Trainer gehen. Je eher ich anfange,
desto mehr Hoffnung hab’ ich, in den wenigen Wochen ringen zu lernen.
Ich hole dich heute abend aus der Vorstellung ab, Fritzi. Bis dahin,
Geliebte...“
Er schlang den Arm um ihren Leib’ und wollte sie küssen, sie aber
wehrte lachend: „Aber Ebi! Wenn das die Leute sehen!“
„Sollen sie doch,“ sagte Eberhard. „Mir soll nur einer kommen... Ich
werde ihn schon... Liebe Fritzi, auf Wiedersehn!“
[Illustration]
IV.
Der Trainer wohnte in der Linienstraße, in jener Gegend von Berlin,
die allen nivellierenden Einflüssen der Hauptstadt zum Trotz noch
immer etwas von der Ungebundenheit des Quartier latin bewahrt hat.
Dort hausen neben Geschäftsleuten und ehrsamen Bürgern Studenten,
Artisten, Künstler, Modelle und Dirnen, dort finden sich originelle
Artistenkneipen, Dirnenlokale und Verbrecherkeller, und typische
Persönlichkeiten fallen hier weniger auf, als in anderen Stadtteilen.
Eberhard durchschritt die Einfahrt des Hauses, ging über den ersten
Hof und durch ein Fabrikgebäude und kam auf den zweiten Hof, wo er
den Trainer finden sollte. Dieser Hof inmitten der Stadt hatte einen
ländlichen Charakter. Er war nicht durchweg mit Steinen gepflastert und
mehrere Bäume standen darin. Eine Anzahl Hühner scharrten die Erde, ein
Hofhund lag vor seiner Hütte und hinter einem Drahtgitter spielten ein
halbes Dutzend Kaninchen. Aus dem Pferdestall zur rechten Seite kam
eine Katze geschlichen und ging langsam an der Mauer entlang, während
sie die Augen auf die Hühner gerichtet hielt. An der linken Hofseite
stand aber ein vierstöckiges Wohnhaus. Dort wohnte zu ebener Erde der
Trainer André Leroux.
Als Eberhard klingelte, rief eine laute Stimme: herein! Der junge
Mann öffnete die Tür, trat ein und sah den Trainer mit eisernen
Gewichtkugeln hantieren. Der Athlet legte seine Gewichte nicht fort;
er sah nur flüchtig auf den Besucher hin und sagte: „Setzen Sie sich
inzwischen, bitte; ich muß meine Übungen beenden.“ Eberhard setzte
sich auf das alte, grüne Ripssofa und der Athlet fuhr mit seinen
Übungen fort.
Eberhard sah sich ein wenig um. Er befand sich in einer großen
Küche, die augenscheinlich als Wohngemach und auch zum Kochen
benutzt wurde. Obwohl alles praktisch hergerichtet und ordentlich
aufgeräumt war, trug der Raum doch das charakteristische Gepräge einer
Junggesellenwirtschaft, welches das Fehlen einer Hausfrau verrät.
Die Wände waren sämtlich mit Bildern bedeckt. Plakate mit bunten
Abbildungen von Ringern und Kraftmenschen waren mit Reißnägeln
befestigt, über dem Sofa hingen gerahmte Photographien einzelner
Athleten und ganzer Klubs; ein Kranz aus künstlichen Eichenblättern
hing über einem Diplom, und zwischen den Athleten lächelten auch hier
und da die Bildnisse von Damen, die dem Trainer mit ihrer Neigung
auch ihr Bild geschenkt hatten... Trotz der späten Jahreszeit stand
das Fenster weit offen. Ein breites Blumenbrett vor dem Fenster war
ganz mit Blumentöpfen besetzt, in denen immergrüne Gewächse standen,
dazwischen blühte noch ein rotes Geranium.
„Noch ’n Momang,“ sagte der Athlet zwischen seinen Übungen. „Bin jleich
fertig.“ Und wieder hob er die Kugelgewichte bis zur Schulterhöhe und
stieß die Arme abwechselnd kraftvoll hoch.
Er trug ein schwarzes, ärmelloses Trikot, welches auf der Brust mit
einem gelben Stern benäht war. Die schwarzen Trikothosen reichten nur
bis an die Knie, unter denen die festen, braunen Beine, die nackt in
Sandalen steckten, hervorsahen. Die Mitte des Leibes war mit einem
breiten Lederriemen eng umgürtet. Der Athlet hatte hübsch gewelltes,
blondes Haar, muntere, graue Augen und einen überaus fröhlichen,
herzförmigen, sehr roten Mund. In seinem Gesichte wäre sonst nichts
Auffälliges gewesen. Merkwürdig war allein die braune Tönung seiner
Haut. Der ganze Körper des Athleten war tief dunkel, er hatte die
eigentümliche, durchsichtige Farbe des braunen Bernsteins. Das Genick,
die Oberarme, der Rücken und die Brust waren noch dunkler, als die
übrige Haut. Dazu bildete das helle Haar einen seltsamen Kontrast.
Der Trainer stieß seine Gewichte noch zwanzigmal in die Höhe, legte sie
dann auf den Boden und rieb sich die kleinen Schweißperlen von Hals und
Armen mit einem groben Tuche ab. Dann reichte er Eberhard mit starkem
Druck die Hand und sagte lächelnd:
„Sie müssen entschuldjen; Training is Training; darin lass’ ick mir
nich störn! -- Womit kann ick Ihn’ denn dien’?“
Eberhard nannte sein Begehren: in etwa einem Monate als Ringkämpfer
ausgebildet zu werden. Der Trainer schwieg eine Weile und sagte dann:
„Also längstens fünf Wochen... Das is vadammt wenig ... Ringen will ich
Ihn’ schon beibring’ in die Zeit. Aba die Kraft, die Se nich haben,
kann ick Sie nich jeben... Wie schwer stemm’ Sie denn?“
Das wußte der junge Freidank nicht. „Was, Sie wissen nich mal, wieviel
Sie stemmen könn’?“ fragte der Athlet mißbilligend, „na, denn ziehn Sie
’mal ’s Jackett aus und probiern Sie! Das is ’ne 30 Kilostange!“
Aber es ergab sich, daß die Stange viel zu leicht gewählt war. Nun
brachte der Trainer eine verstellbare Stange, die er beschwerte, bis
sie hundertdreißig Pfund wog. Er lächelte ironisch:
„Na, versuchen Se noch mal... Jetzt wird se Ihn’ woll schwer jenuch
sind...“
Er dachte nicht anders, als daß Eberhard nicht imstande sein würde, das
Gewicht aufzuheben. Eberhard faßte die Stange fest und drückte sie
langsam, erst mit dem rechten, dann mit dem linken Arme, hoch...