Auf der Lokomotive

Onkl Samson is so mid, bei uns zu sein, das er weggegangn is. Er is

ganz aufgeblasn fortgegangen un hat mir nich eimal ein Poni geschenkt,

das ich mich an ihm erinner. Es wahr mir sehr ungenehm mich fon meinen

libn Onkl trennen zu missn, befor er mir das Poni gekauft hat. Wenn ich

es hedte, wirde ich dem Onkl nich so schwer fermißt habn. Er wollte

nich for den Herbs weg fahn, aber unerwartete Umschtende habn seine

Abreise beschleinigt. Es sin jetz Ferjenn un wir Jungen habn genug Zeit

zu schpiln; also machtn wir ein Ausstellung im Schtall fon Karlis

Fatter, zwei nachmitage Antreh 3 Cent, große die Helfte. Karli wahr

ein Affe, Harri wahr ein Behr un ich wahr das große »Wunderthir«. Wir

hadtn noch anre Thire un ein pahr Abteilungn. Ich ging zun Rasehr un

liß mir dem Kopf rasihrn un dann ferbte mir Karli das Gesich un die

Hende dunklbraun. Er mußte wirkliche echte Farbe nemen, die fon Gidter

ibrig geblibn wahr, weil wir nichs anres hadtn un ich schaute ganz gut

aus damit. Es wird aber dem ganzn Sommer dauern bis es henuntergeht

un ich kann nich in der Kirche gehn. Ich erkenn mich selbs nich, wenn

ich im Schpigl schau. Elsbett sagt, es is ergerlich, bein Essn an

denselbn Tisch mit einen Negerjungen zu sitzn. Sie glaubt, ich soll mit

Betti essn, aber Betti will auch nich an einen Tisch sitzn mit einen

Wunderthir, un so laßt mich Mamma obn, wenn eine Gesellschaff da is.

Aber Onkl wahr withig -- grad nur, weil ich seine falsche Zehne ein

bischen ausborgte, damit ich wilder ausschau, un sie im Brunnen fon

Karlchens Leitn falln liß, wi wir trinkn gign. Es wahr dahmals sehr

heiß. Ich wollte sie nich falln lassn. Er is sechtzig Fuß tif un der

Mann der henunterschtig konnte sie nich findn. Sie wahrn aus Golld

un kostetn eine Menge Geld un der Onkl ferhungerte beina, biß er di

andern krigte. Er tat mir beim Essn ser leid, aber er wollte keine

Enschulgungen fon einen so schlechtn Jungen anehmen. Gleich wi er di

andern bekahm, aus Nikl oder Gummilasti oder was es wahr, das er sich

auf der Schtraße zeign konnte, liß er einen Wagn holn, un liß sein

Gepek ins Hotell fihrn. Nemlich Harri hadte einen kleinen Esl, den wir

als Ellefantnbabi habn wolltn un so mußte ich dem Kahschmierschahl

fon meiner Schwester ausborgn, wi sie nichs dafon wußte, um ihm iber

ihm zu breitn. Aber er mußte auch einem Rissl habn, sons wer die

gantze Auschtellung ferdorbn gewesn un wir fandn nichs anres, das

gepaßt hedte, außer die Ortrompete fon meinen Onkl. Aber die paßte

ausgezeichnt, wi wir sie feßgemacht hatn, was ganz leich ging. Wi

wir ihm noch ein bischen dikere Fiße gemacht hadtn, aus den Dekn fon

Karlchens Faters Ferd un ihm dem rotn Schahl henumgebundn hadtn,

wahr es so genau ein Ellefantnbabi wi nur was -- ganz so gut wi das

Filadelfibabi. Es wahr allein 3 Cent wehrt, es anzuschaun. Aber der

Onkl konnte fir ein pahr Tage nich fihl hern, weil der Esl fergaß, das

er ein Ellefant wahr un wi toll herumschprang un seinen Rissl iberall

heneinzwengte wi wenn er ein richtiger Pakknecht gewesn wer. Das un

seine Zehne zusamm wahr zufihl fir seiner Geduld -- er wahr so withig,

das Mamma weinte.

[Illustration]

Ich weiß nich, ob er wirklich gegangen wer, nur namen wir seinem bestn

seidnen Anzug, dem er in Jahpann bekommen hat un zogn ihm Karlchen an,

damit er ein Tirke is un bandn ihm sein rotes Taschntuch als einem

Turbahn um, un es kahm ein bischen Farbe drauf, wi wir zufellig dem

Farbtopff im Schtall umschidtetn, un das Gewand war ruhnirt -- er wahr

schade, weil es sehr hibsch wahr, lauter seidne Blumen. Karlchen

hedte nich so unforsichtig sein solln. Es wahr aber eine famohse

Auschtellung. Es kamen 13 Bubn un drei Medchen henein. Wir habn 50 Cent

eingenommen di wir fir armen Schklafen hergebn wolln. Mir ligt nichs

drann, das der Onkl im Hotell wohnen gegangen is. Betti erzehlte mir

im Fertraun, das er ihr schon zuwieder is. Er sagt ich hab ein großes

Glik ferscherzt durch meiner schlechte Aufihrung -- aber ich glaub ich

brauch kein Glik; ich hab eine Menge Schpaß un genug zum essn. Ich

wollte ihm nich ergern, wi ich den bestn Zopff fon meiner Schwester mit

Schusterpech auf dem kaaln Flek auf seinem Kopf pikte -- ich wollte nur

sehn, ob er wi ein Kinehser anschaun wird, aber manche Leite ferschtehn

gar keinem Schpaß. Elsbett sagt, ich hab ihr ihrn Zopff ruhnirt, der 10

Doller kostet. Wozu tragt sie also einen? Di Medchen mechtn es beqwemer

habn bei den heißn Wedter, wenn sie sich frisihrn mechtn, wi ich. Wenn

so ein Medchen nich ½ fon ihrer Zeit ferbringen kann, sich fir ihrem

Verehrer schehn zu machn, ligt ihr nichs am ganzn Lebn. Ich erzehlte

den Tellergrafistn das Elsbett gestern abns befor sie im Sallohn kam,

henaufgegangen is um ihre Frisuhr zu pudern un aufzusetzn un sich

die Augnbraun zu bemaln -- un das ihr des Hahr greßlich ausgeht. Ich

glaube, sie wird bald kaal sein; wi sie immer Sommenschprossn hat, bis

sie sich mit Zitronglitzerin einreibt. Ich wollte ihm grad erzehln, das

sie immer sofihl Hihneraugn hat, wi sie hereinkam.

Heit abens klinglte es bein Hausthor un Betti wahr einkaufn gegangn;

meine Schwester schaute durchs Gukloch un sagte: »Oh Schorschi, es sin

dise noble Leute, di ich lezte Woche besucht hab. Es is ein greßlich

liber junger Mann in der Familje. Betti is fort. Du sihst grad aus,

wi ein kleiner Negerbedinter. Weiß du was -- geh zum Tohr un fihr sie

anschtendig herein un dann bleib draußn. Sie wern nich lang hirbleibn.«

Ich machte also di Thir auf, mit einen Krazzfuß, wi dise Bedintn in

Hotell un bekomplimirte sie sehr heflich zum Sallohn. Dann blib ich

draußn, wi mir Elsbett gesagt hadte. Nur wahr es mir zu einsam in

Wohnzimmer un so schlipffte ich bald drauf im Sallohn un ging hin zun

Schterreskop um durchzugukn.

»Schorsch,« sagte meine Schwester leise, »zih dich zurik.«

»Wozu?« sagte ich. »Ah so, das hab ich ganz fergessn! Aber was ligt

drann, sie wern sehn, das es dein kleiner Bruder is, wenn ich auch ein

Mulatter bin. Du kanns mich nich fir einen Bedintnjungen ausgebn.«

Dann schautn sie erschtaunt drein un meine Schwester mußte ihnen

erklehrn, wi ich mich angeschtrichn hab un das die Farbe nich

henuntergehn will un sie sagten: »Ach ja, wir habn gehert fon ihm; wahr

das nich der junger Mann, der allein im Ballohn aufgeschtign is un so

weiter?«

[Illustration]

Ich glaub die ganze Schtadt redet fon mir, weil mir ein pahr Zufelle

passihrt sin. Wo ich geh un schteh, wer ich ausgelacht. Es ekelt mir

auf der Schtraße zu gehn, alle die Kerle foppn mich. Sie heißn mich

jetz nich anderst als das »Wunderthir«. Ich winsche, die Farbe mechte

henuntergehn. Ich wer mich fon Betti mit Sand abreibn lassn.

* * * * *

Es nitzt nichs. Mein Schpaß is ein bischen zu weit gegangn. Ich

wer so verschpottert un gefoppt un ausgelacht, das ich es nich un

nich aushaltn kann. Ich glaub ich wer zur Tante Betsey fortlaufn un

dortbleibn bis es herunterget. Es zalt sich nich aus eine Woche nach

der andere ein Wunderthir zu sein. Im erns meine Tante wird mich

filleich nich eimal erkennen. Ich wer mich ihr fermithn als ein kleiner

Negerjunge, der fir Kost un Qwatihr Brommbern klaubn will. Ich hoffe,

wenn di Schul im Sepptember anfangt, wer ich wider weiß sein. Wenn ich

die Schtraße henuntergeh bitn mir dise Kerle Kokusnisse an. Dokter Moor

nennt mich das fehlende Glid. Sie sagn, sie wern ein Supschkripzjohn

ereffnen um mir die Farth zu bezaln, weil sie mich zu Darrwien schikn

wolln. Sie glaubn, si sin greßlich witzig! Ich ging im Konzertt un sie

lißn mich nich eimal bei meiner leibliche Schwester sitzn, nur auf

der Gallerih! Es eklt mir schon. Das nechste Mahl wenn Karlchen eine

Auschtellung macht, kann er selber das Wunderthir sein.

* * * * *

Es geht schon an manche Schtelln henunter un sie rufn mich »Leopahrd!«

Es is schreklich, was fir Folgn etwas habn kann, wenn man nich im

geringstn dran denkt. Ich hab mir immer gedacht, ich mecht gern ein

Inschenehr sein, wenn ich kein Matros oder Pfahdfinder sein kann. Ich

bin sehr gern bein Deppoh untn. Di Leite dort sin sehr freindlich zu

mir, nur manchmahl neckn sie mich sehr. Sie habn offt iber mein Pech

gelacht, wenn sie dafon gehert habn, aber jetz is ihnen das Weinen

näer, wi das lachn. Willi Bellow is ein Inschenehr auf einen Laßzug,

der hir immer schtehn bleibt -- er is einer fon meine bestn Freinde.

Er wollte mich einmal auf seine Maschihne nemen, wenn er auf den

Nebngleiße is un auf dem Persohnenzug wartn muß un mir alles erklehrn,

was ich wissn will; allso wahr ich gestern mit ihm un fragte ihm, wi

man sie laufn macht un er zeigte mirs.

»Du kenntest sie beina selbs lenkn, was, Junge?« sagte er, un dann

meinte er un der Heitzer, sie hedtn noch Zeit in dem Wartsahl um der

Eke zu gehn, un sich ein Pakl Taback zu holn befor der Pesohnenzug

kommt un gingn auch. Willi half mir henunter un sagte mir ich soll

heniberlaufn zum Schtattsjohnshaus, damit mir kein Mallehr passihrt.

Aber ich wollte gern wissn, wi sich das alte Ding bewegt un schprang

henauf, wi er nich hin schaute, weil er ein Glas Sodawasser trinkn

mußte un zog das kleine Ding herum, das er mir gezeigt hadte, un befor

ichs wußte, wahr sie in Bewegung. Ich schrie, sie soll schtehn bleibn,

aber es wahr umsons. Das heßliche Ding lif nur noch schneller. Der

Inschenehr un der Heitzer lifn heraus -- so was hab ich noch nie

gesehn, wi bleich sie durch dem Schmuz auf ihrn Gesicht wahrn -- sie

lifn wi ferrikt aber die Lokermotive kam ihnen for so leicht wi nix.

Ich sah die Leite rennen un die Hende ringn un dachte an dem Tag, wo

ich im Ballohn aufgeschtign bin un mir wahr greßlich schlecht. Dann

wahr ich weit draußn im Feld un zog alle dise Frachwagohns hinter

mir un errinerte mich, das der Persohnenzug in finf Menutn ankomt,

un ich wahr so erschrokn, das ich nich eimal dran denkn konnte, sie

aufzuhaltn, weil ich grad direk auf dem Zug losfuhr un ich wußte er

kommt mir engegn un ich dachte nur: »Was fir ein Kracher!«

Es wahr erger wi im Ballohn, an alle die Leite zu denkn, die im andern

Zug warn. Ich weinte un seifzte, aber das nutzte nichs. Ich winschte,

ich wer nich zum Deppoh gegangen, wi Mamma mir geschafft hat. Ich

dachte auf alles schlechte, was ich schon angeschtellt hab un wi Onkel

Samson dreinschaute, wi ich ihm erzehlt hab, das ich seine Zehne hab

im Brunnen falln lassn un wi sich Elsbett ergerte, wi ich in der

Monscheinnacht letzte Woche unterm Peano wahr wi er sie fragte ob sie

nie früer gelibt hat un sie sagte: »Nihmals!« un ich herforschri:

»Oh, was fir eine Lige! Elsbett, erinners du dich nich an der Ausfart

damals, wi das Ferd dafonlif?« Aber die ganze Zeit flog ich forwerts

wi der Bliz bis ich wußte, das ich seks Meiln weit wahr, weil ich zu

der nechste Schtatsjohn kam -- ich konnte sie sehn, un auch das der

Persohnzug dort schtand un die Leite auf den Perrohn -- oh es wahr

ein greßlicher Augnblik!

[Illustration]

Un dann, filleich eine Menute schpeter, flog ich forbei, wi aus der

Kanohne geschossn -- dann wahr ein greßlicher Lerm, wi fon zerreißn un

zerbrechn un etwas schlug mir am Kopff wi wenn es withend iber mir wär.

Betti hat mir das alles erzehlt, weil ich ein pahr Schtunden lang nichs

fon mir wußte. Wi ich zu mir kam, lag ich auf einer Bank im Deppoh

mit der ganzn Familjeh um mir herum. Dokter Moor sagte ich leide an

Gehirnschittrung aber er glaubt, ich wer dafonkommen -- ich bin schwer

umzubringen, das is ein Schade. Elsbett sagte, er soll sich schemen un

das wahr gut fon ihr, wenn ich denke, wi ich sie behandlt hab -- damals

wi ich unter dem Peaner kroch. Ich will es nie, nie widertun!

Es scheint, das Willi, wi er seinen Zug dafonrennen sah, schnell

zur Schtattsjohn heniberlif, un zu den Tellergrafnbeamtn sagte:

»Tellergrafihrn sie, so schnell wi der Bliz nach Hartfort sie solln

die Weiche umschtelln!« un er tat es, weil er nich wußte das ich

obn wahr, un wenn er es gewußt hedte, so wers auch kein Unterschid

gewesn, wi Willi sagt, denn so gern er mich auch hat, wenn es 30 oder

40 Menschnlebn gallt, konnte er nich zaudern. Sie brachtn es grad

zuschtand, di Weichn umzuschtelln un den Persohnzug zurikzuhaltn, wi

ich auch schon forbeisauste un in das Frachhaus iber der Schtraße

heneinfuhr.

Alle glaubtn, ich wer in Schtikchen zerschmedtert sein, aber ich hadte

nur eine dike Beile am Kopf un einen schwartzn Flek am Arm -- ich wurde

gliklicherweis in einen Wagon geschmissn, der mit Baumwollnballn fir

die Fabrick beladn wahr.

Die ganze Schtadt brummt, das ich nich erschlagn worn bin -- sie sagn

ich bin ein gefehrlicher Schadnschtiffter un sie winschn, ich wer tot.

Die Maschiene is totahl hin, 7 Frachwagn zerschmedtert un eine Menge

Frachgiter zerschtert.

* * * * *

Ich hadte grad so weit geschribn, wi Betti heraufschlich un mir

erzehlte, sie habn eine Schtadtfersamlnug abgehaltn un beschlossn mich

im Kerker zu werfn. Sie sagt es is so geschribn worn:

»Sintemal Georg Hacker ein unferbesserlicher Junge un auf mancherlei

Waise die Uhrsache fon großn Ferlust un Schaden fir die Schtadt is,

wurde beschlossn:

I. das er fir 6 Monathe im Landgefengniß zu ferwahrn is, damit Fride

un Ordnung in der betribtn Gemeinde widerhergeschtellt wird,

II. das der Familje unser Mitgefihl kundgegebn aber gegn dem

Ferbrecher unnachsichtliche Schtrenge geibt wird.«

Betti sagt, sie erzehlt es mir, damit ich noch entwischn kann, da sie

nich for morgn um mir kommen wern. Also leb wol, mein Tagbuch, leb wol

auf langer Zeit!

[Illustration]

Ich bin noch nich beschlossn, ob ich nach Bufflo auf das Schiff gehn

soll, wo mich di englische Matrosn ser gern aufnehm wern oder ob ich

bleibn un im Gefengniß gehn soll. Es is hart fir einen kleinen Jungen,

der ni in seinen Lebn Unrech tun wollte -- ein unglikliches Kind, dem

ein pahr Zufelle passihrt sin -- im Kerker gehn zu missn. Betti hat

feierlich ferschprochn, mir jedn Tag einem Korb mit Pastehte un Kuchn

zu bringen. Ich glaub es wird kein schlechter Plaz sein, damit di Farbe

einsweiln henuntergeht un mir die Hare waksen. Ich glaube, ich wer dort

geschtreiffte Kleider tragn missn. Gut, ich muß mich damit zufridn gebn.

* * * * *

P. S. Es is alles nur eine Fopperei. Der Dokter hats aufgebracht,

um mir Angs zu machn. Sie kennen mich nich im Gefengniß werfn, aber

sie wolln mich nechstes Mahl wegn Dibschtahl einschperrn, wenn ich

wider mit einen Frachzug durchgeh. Ich wers nimmer thun. Eine solche

Lekzejohn is ganz genug. Ich wer fon nun an nichs beses mehr tun.

Elsbett will heit abns eine Gesellschaff zum Krokett einladn. Ich

winsche, ich kennt jemandn mihtn, der ihr sagt, das wir di Balln fon

beide Schpile ferbraucht habn, um einem tirkischen Bazahr aus Karlchens

Fahlzaun zu machn -- damals wi wir die Auschtellung machtn.

Tagebuch eines bösen Buben · 第 38 / 43 题