Der Doktor sagt es is noch nich die richtige Zirkußsesohn, aber
nechstn Freitag kommt doch einer. Er hat mir 50 Cent gegebn, damit ich
hineingehn kann.
Der Dokter is ein ferflu-- liber guter Bruder. Ferflucht is gemein --
es is gut genug, wenn man Kugl schpillt, aber nich fir ein Tagbuch. Ich
lern jetz hibsch schnell. Ich lese die Zirkußplakäter, damit ich besser
bukschtabirn lern. Manchmal komm ich deswegn zu schpet, aber sie sin
intressanter wi das zweite Lesebuch. Ich kann bukschtabirn: »Akrobat,«
»Saltomortale« un noch ein paar lange Werter fon die ich for ein par
Tage noch nichs wußte.
Ich glaube, wenn in der Schule anschtatt Lesebicher Zirkußplakäter
wärn, mechtn die Schiler schneller lernen. Es is ein Zirkuß un
Menascherih zugleich. Auf dem Plakat schteht, Kinder kennen dort
Nathurgeschichte lernen mit alle der wunderbare Ferschidnheit der Thire
un die Eltern un Lehrer wern gebetn ihnen einem Tag freizugebn.
Heit wahr ich bei der Tafl draußn un sollte eine Zaal durch einer andre
diwidihrn; die Bubn lachtn alle un der Lehrer sagte erns: »Georg
Hacker, du bekomms 10 Punkte fir ungeheriges Betragn!«
Ich wußte nich was geschehn war, bis ich auf der Tafl schaute. Aber was
wahr da anschtatt eine Zahl! Ein großer diker Ellefant mit seinen Rissl!
Ich glaub, ich muß an der Natuhrgeschichte gedacht habn.
Papa sagt, wenn ich disn Freitag nich ein gutes Fleißbichl nachaus
bring, so wird er mir nich erlaubn, zu gehn. Ich hoffe er wird mir Geld
gebn, damit ich gehn kann, weil ich die 50 Cent, die mir der Dokter
gegebn hat, fir Karlchens Taschnmesser ausgebn mußte -- meines hab ich
fir Jimmys Balln ferteischlt, weil es der greßte war.
Der Fleischer hat das Ponni dem Richter fir seiner Tochter ferkauft.
Papa sagt, es hat ihm mehr gekostet als die 40 Doller die das Ponni
gekostet hedte, die Beschedigungen reparihrn zu lassn, wi er nachaus
kam. Das is immer mein Pech. Wenn irgendwas im Haus geschiht, bin
ichs immer, ders getan hat. Wenn ich fon der Kanohne herausgeschossn
wern mecht, oder ein Reiter auf den ungesadtlten Ferd wer, gings mir
besser. Mann sollte glaubn, erwaksene Leite mechtn sich firchtn, das
ihre Kinder ihnen dafonlaufn un Seiltenzer oder Trapehzkinstler wern,
wenn sie zuhaus so elend gemacht wern. Auf dem Plakaht is das herzegste
kleine Poni, was ich je gesehn hab, mit einen Jungen fon meiner Greße.
Ich war gestern di ganze Nacht auf, weil ich sofihl dran dachte. Offt
un offt bin ich zubedt geschikt worn wegn irgnd einen kleinen Zufall.
Alle sin gegn mir. Ich schau immer, das ich nich in der Patsche komm,
aber unsre Schtadt is so foll dafon, das ich nich anders kann. Ich wer
ausgelacht un ferschpottert, als wenn ich der schlechste Junge auf der
Erde wär. Der Gemeinderath droht meinen Fatter, mich zu beschteiern.
Fir einen Hund zahlt man 1 Doller; sie sagn fir mich muß er mindestens
1000 Doller im Monath = 12 000 im Jahr bezahln.
Ich wer der Prozeßjohn filleich eine Meile for der Schtadt engegn
gehn. Karli un ich gehn mitsamm. Der arme Hansi! Sein Fuß wird nich
frih genug gut sein, das er auch gehn kann. Es tut mir sehr leid, das
er nich im Zirkuß gehn kann. Ich weiß ganz genau, was er fihln muß.
Papa gab mir gestern 50 Cent, weil ich fir ihm herumgelaufn bin, aber
ich firchte, ich wer den Ferehrer fon Elsbett fragn missn, was er tun
wirde, wenn er gern im Zirkuß gehn mechte un kein Geld hedte, weil ich
meines fir 3 Porzjohnen Gefrornes ausgegebn hab -- Oransch, Wanillje
un Lehmoni. Es wahr gestern abens so heiß un ich wollte gern wissn,
welches mir am bestn schmekt, un Mamma sagt ich soll nich zweimal fon
demselbn ferlangen.
Also sagte ich gestern dem Tellergrafnbeamtn ob er Zirkusse gern hat,
weil ich sie sehr, sehr gern seh aber kein Geld hab mir den Antreh zu
bezaln. Er sagte es tut ihm sehr leid -- aber er schenkte mir keins.
Wenn Elsbett ihm heiratet, wird sie's sehr schlecht habn -- er is ein
Geizkragn. Ich sah ihm zu Elsbett winkn, wi ich fon dem Zirkus redete
-- ein nobler Mensch winkt nich. Zuletz mußte ich Papa sagn, ich will
den Gartn fir 50 Cent ausjetn -- 2 Schtundn lang, weil Sam krank is,
der in unsern Gartn arbeitet. Papa sagte ja. Es regnte ein bischen un
wi ich fon der Schule zuhauskam, arbeitete ich, wi ein Schklafe, bis
der Tee fertig war. Godt, wi mid wahr ich! Ich glaubte, mein Rikn is
gebrochn, aber Elsbett sagte, es is lang nich so fihl Plage, wi iber
den Rikn fon di Jungen bockschpringen -- das zeigt, wi wenig junge
Medchen wissn.
Papa kam nach den Nachmal hinaus, um zu schaun, wifiel ich gearbeitet
hab -- mechstu es glaubn, libes Tagbuch, das ich alle junge Zwibl
ausgerissn hadte, trozdem Papa mir ausdriklich gesagt hadte, welches
welches ist. Mir scheint, ich wer nie die 50 Cent bekommen, um in den
Zirkuß zu gehn.
* * * * *
Theires Tagbuch, ich kann ebnsogut mit den Anfang anfangen. Der Zirkuß
is gekommen un wider fort wi ein schener Traum. Karli un ich gingen
ihnen engegn. Wir warn so aufgeregt, wi wenn wir dazu gehert hädtn.
Zuers lifn wir mit den Wagn, wo die Musikk wahr dann wolltn wir foraus
laufn un das ganze bei uns forbeimaschihrn lassn -- Rinozerösser,
Hippotamusse, 2 lebendige Ellefantn, einen Schiraffn der so einen
schpaßign Schlukhals hat, weil er den ganzn Weg hinunter schmekn kann,
wi gut es is, einen firchterlichn Tiger, 2 schrekliche Lewn, die sie
dazu haltn, damit ein Kerl ihnen den Kopff ins Maul schtekt, um zu
probihrn ob sie beißn wolln, dann ferschidne wilde Bestjen zwischn
die auch ein par sehr hibsche Medchen warn -- fiel hibscher wi Susi un
Lil, auf den Rikn fon den Ellefanten un fon den bukligen Dingern auf
welche die Kamehlhaarschahle waksn -- ich weiß nich wi sie heißn.
Es wahr fiel hibscher, wi die letzte Milletärparahde am 4. Juli. Ich
kam um mein Essn -- aber ich fergaß ganz dran, hungrig zu sein, weil
ich zusehn mußte wi di Kerle das Zelt aufschtelltn un wi ich nachaus
kam, hadte ich grad nur Zeit das Schtik Pasthehte zu essn, das mir
Betti aufgehobn hadte. Sie leihte mir 10 Cent auf Ingwerkuchen zum
Ellefantnfittern un 5 Cent um mir ein Glas Lemonahde zu kaufn un dann
wahr ich schon weg, wi der Bliz. Ich dachte nich dran, was mir noch
alles passihrn wird, befor ich wider nachaus komm. Elsbett wollte auch
abens gehn -- ich brauch nich zu sagn mit wem. Ich fragte Mamma, ob
sie auch gehn wird, aber sie sagte, sie macht sich nichs draus. Es is
sonderbahr, das Leite so alt wern kennen, das ihnen schon gar nichs
mehr dran ligt, wenn der Zirkus in der Schtadt kommt.
Wi ich bei Peters Ladn foriberging, fiel mir ein ich kann gleich ein
Loth rotn Feffer kaufn. Ich kann ihn brauchn, wenn ich eimal helfn
muß Gullasch machn. Ich kauffte auch ein par Schtik Bekerei fir den
Ellefantn un dann ging ich zeitlich hin, damit ich noch die Thire sehn
kann, befor der Zirkuß anfangt. Es wahr greßlich, greßlich komisch
zuzuschaun wi die Affn nißtn. Ich lachte mich beina in Schtike.
Der Werter sagte, irgndein beser nichsnutziger Junge muß Feffer in
ihrn Kefig geschtreit habn un wenn er ihm erwischt, wollte er ihm
hinauswerfn un arretihrn lassn.
Er wahr so zornig wi nur was un so ging ich heniber zu die Ellefantn.
Ich gab dem großn ein Schtik Kuchn, aber Ellefantn sin so undankbar
wi Republikn -- (sihe mein Schullesebuch) -- un er hadte es nur grad
henunter geschlukt, wi mir etwas passihrte -- ich wußte nich was --
meine Zehne klappertn zusamm, wi wenn ich Wirfl schpiln mecht, un bums!
flog ich in der Hehe bis zu der Schpitze fon den Zelt -- ich glaubte,
jetz is es aus mit den armen kleinen Schorschi, aber ich fihl zum
Glik grad in einen Wagn foll Loe, dem sie in den Kreis henein schittn
wolltn. Der nidertrechtige Ellefant wahr gifftig geworn, blos weil
ich ein kleines winziges bischen Feffer in seinem Kuchn gegebn hadte.
Der Werter mußte sich geherig plagn, bis er ihm wider ruig machte. Er
schittlte die Faust zu mir un sagte es lege ihm nix dran, wenn ich
mir den Kopf eingeschlagn hedte -- ibrigns wahr er so obn ein bischen
geschwolln, un ich fihlte mich so seltsam un setzte mich deßwegn auf
meinem Platz um zu wartn, bis die Forschtellung anfangt. Ich wahr es
mid, freindlich zu die Thire zu sein.
Der Kopf tat mir ein bischen weh aber ich hadte einen fergnigten
Nachmitag. Die Forschtellung wahr wunderbahr -- kein Schwindl -- un der
dummer Auguß war großartig. -- Ich glaube, ich wurde rot wi er for
alle Leite auf mir zeiget un sagte: »Was fir eine Ehnlichkeit hat der
kleine Junge mit Jonaß?«
Der Schtallmeister konnte es nich erratn.
»Der Ellefant hat ihm ausgeworfn,« sagte er.
Die Leite lachtn aber er muß die Bibl sehr schlecht kennen -- es wahr
doch kein Ellefant der den Jonaß auswarf -- aber es ligt nichs dran,
ich unterhilt mich doch sehr gut.
Das dressihrte Poni war wunderbahr un wi die junge Damen durch die
Reifn schprangen -- es schauerte einen dabei. Oh wi ich dise kleinen
Jungen beneiderte die Burzlbeime machtn un am Kopf fon ihren Fater
schtandn! Ich seifzte, das mein Fater kein Akrobaht is. Ich glaube ich
kennt grad so gut auf seinen Kopf schtehn wi sie, wenn er nur das Haus
ferkaufn mecht un zum Zirkuß ginge -- aber er hat gar keinen Ergeitz.
Wenn ich groß bin, kann ich mir meine Profeßjohn selber wehln.
Ich wahr nich mißig wehrend sie schpiltn. Ich dachte nach. Nich mehr
fon meiner ganze Faterschtadt ausgelacht wern; nich mehr ein par 100 mal
in Tag ein böser Bub genannt wern, keine Schule mehr -- kein auszankn!
Ich werde das Zirkußgeschefft lernen.
Nach der Forschtellung ging ich Susann besuchn. Ich hoffte sie wird
mich zum Nachmahl einladn, weil sie im Hotell wohnen, un wenn wir essn
gehn, kann sein, das ich ein par fon dise Kerle ein Trikoh seh -- aber
sie missn sich wahrscheinlich selbs kochn.
Ich war enteuscht.
Ich sagte zum Dokter, wenn ich 50 Cent hedte, mechte ich wider zur
Abendforschtellung gehn aber Susi sagte: »Nein, eimal is genug un du
wirdest zu schpet nachaus kommen.«
Ich lungerte herum, bis ich sie weggehn sah; sie gingen mit die andern
jungen Leute am Abens.
»Nun Schorschi, mein Junge lauf direk nachaus, sei ein guter Junge,
damit Mama nich besorgt is!« sagte Susann.
Ich hadte Zeit. Mein Plahn war fertig. Ich schpilte mit den Jungen
auf der Schtraße bis filleich 9 Uhr; dann schlipfte ich henaus zum
Hotellschtall, lif kwer durch, kam hinter den großn Zellt herfor,
wo alle Wagn schtandn, die nich drinnen warn, kraxlte in einem fon
dise Wagn un wiklte eine Deke oder was es war um mir, damit sie mich
nicht endekn un lag un wartete. Ich wußte sie wirdn um 2 in der Nacht
wegfahrn; ich herte, wi die Menner es sagtn. Ich wollte mitgenommen
wern; dann am nechstn Tag, wenn sie mich findn, wollte ich sagn, ich
bin ein Weisnknabe un will das Geschefft lernen. Dann wern sie mich
aufnehmen un auf die Plakether druckn lassn: »Der kleiner Schorschi,
das Wunderkind, dessn Produksjohnen in der Akrobatih alles dagewesne
ibertreffn.«
[Illustration]
Ich muß eingeschlafn sein, obwohl ich mich fest anschtrengte, wach zu
bleibn. Wi ich aufwachte, war der Wagn in Bewehgung. Ich konnte di
Schterne scheinen sehn un das machte mir ein bischen Heimwe, aber ich
blib ganz ruig, weil ich nich wollte, das sie mich früer findn, als bis
wir sehr weit weg sind, damit sie mich nich mehr zurikschikn kennen.
Ich konnte nich mehr fest einschlafn; der Wagn waklte un der Kutscher
schrie greßlich zu die Ferde, wenn er zohnig war. Dann auf eimal kam
ich ganz auf -- es fing an licht zu wern un ich konnte die Zeine un
die Bäume sehn. Ich bewegte mich ein bischen, weil mir die Fiße so
schteif warn un dann brillte etwas! Das Hertz schtand mir schtill un
dann klopfte es so laut, das es mir wi 1000 Donner in die Ohrn klang.
Ich traute mich nich zu bewegn un die Fiße tatn mir greßlich weh. Ein
bischen schpeter drehte ich meinen Kopf um filleich ein Zoll un ich
sah einen Lewen. Ich wahr in seinen Kefig. Er lag gans ausgeschtrekt,
di Nase auf die Fotn un blinzlte mit seine gelbn Augn auf mir, wi
wenn er sich denkte, es is ein guter Witz. Oh mein Tagbuch, wenn ich
auch so alt wer, wi Metuslem ich werd nie, nie das Gebrill fergessn,
das er dann machte! Werter kennen es nich beschreibn. Un da lagn wir,
ich, der kleine Schorschi zusamm mit den Lewen. Es wurde lichter un
lichter. Er lag un blinzlte zu mir, wie wenn es Schpaß wer. Ich konnte
nich hinschaun. Wenn ich mich nur das kleinste bischen bewegte, so
brillte er. Ich war gelehmt fon Schreken. Ich sagte meine Gebete noch
un nochmal. Ich dachte an Mamma, an Lily, an Betti, wie gut alle zu
mir sind un wi godtlos es fon mir is wegzulaufn un der Lewe blinzlte
jedesmahl wi wenn er sagn mecht: »Zu schpet! Du hedtes früer dran
denkn solln, kleiner Schorschi; warte nur bis zu meiner Früschtikzeit.
Du wirst nur 2 Bissn machn, wenn ich hungrig bin.« Oh es war greßlich!
Die Zeit ferging schreklich langsam. Es wurde heller Tag. Dann fing der
Lewe an, mit den Schweif zu wedln un sich das Maul zu lekn. Ich glaube,
ich wurde ohmechtig.
Wi ich zu mir kam, lag ich auf den Gras. Ein par Menner schtandn um
mir; die ganze Prozeßjohn war schtehn geblibn. Irgndwer hadte mir
Wasser im Gesicht geschidtet. Ich setzte mich auf un fragte: »Hat er
mich doch nich aufgefressn?«
»Fiehl hat nich gefehlt,« sagte der Kutscher. »Wi um Gotteswilln bis du
in den Kefig fon Zihcero gekommen?«
Ich erzehlte ihm, wi ich in den Wagn kraxlte, weil ich das
Zirkusgeschefft lernen wollte. Alle dise grobn Kerle lachtn un sagtn
ich soll nachaus gehn zu meiner Mutter.
»Du kannst noch fon Glik sagn,« sagte der Kutscher. »Wir lißn den
altn Zicero in seinen Kefig, weil er krank wahr, aber wi bis du
hineingekommen?« Ich erzehlte ihm, das ich etwas aufmachte, was ich
fir eine Thir hilt, ich drehte einen Griff um un machte die Thir auf
un hinter mir wider zu -- es war eine Schibthir un ich legte mich ganz
ruig nider. Dann erzehlte er mir, das er den Lewen brilln herte un beim
zurikschaun mich im Kefig sah un zutot erschrokn wahr. Er holte mich,
so schnell er nur konnte, heraus; er mußte den Lewn mit seiner Peitsche
prigln. So fuhr ich also mit ihm auf dem hoen Kutschbok bis zu der
nechste Schtadt un dann gab ich das Zirkußgeschefft foller Ekkl auf.
Ich kam schpet nachmitag mid un mit Fußschmerzn zuhaus an. Die Leite
warn erfreit, ihren schlechtn Jungen wider zurik zu sehn. Sie emfingen
mich, wi den ferlornen Sohn. Es war kalter Schinkn da, gebakne Erdepfl
un Waffln mit Sirupp zum Tee. Ich glaub, es hat mir noch nie so gut
geschmekt. Unser Haus is ein sehr angenemes Haus un mir scheint, es
ligt mir nich mehr sofihl dran, auf den Kopf fon meinen Fater zu
schtehn, wi früer. Pianofor hat Recht:
Die abgeschepffte Milch als Sahne sich ferschtellt --
Es sind die Dinge nie wofir der Mensch sie helt.