Ich bin kein schlechter Bub mehr. Oh nein, ich bin jetz ein elender
godtloser Junge! Weil ich reglmeßig in der Sonntaxschule un in der
Kirche geh, un weil ich genau dasselbe thu, was der Predger thut,
deswegn bin ich ein godtloser, ruchloser Junge. Oh Godt! wozu mich noch
anschtrengen! Ich bin es mid, fortwerend umsons gut sein zu wolln.
Wenn die ganze Schtadt withig is auf einem armen unschulgen kleinem
Jungen, der noch nich eimal nein Jahr alt is, wenn der Herr Dekahn un
der Inschpekter un der Predger sich iber ihm ergern, was soll er da
anfangen? Ich hab mirs iberlegt -- ich will noch eimal weglaufn. Ich
will dismal noch weiter gehn -- als zu Tante Betsey. Die Schtadt wird
ruig sein, wenn ich weg bin. Sie wern nimand mehr zu ferleimdn habn --
hechstns den, der zum Presedentn gewehlt is. Mir scheint, sie sin grad
so schlecht, wi ich.
Gestern wahr Sonntag nachmidtag; es war ein schener heller Tag,
die Grasmickn sangen -- auch die Fresche. Ich fragte Mamma, ob ich
ins Weldchen gehn darf mir ein paar Hollundergertn zu Feifferl
abzuschneidn. Sie sagte ja, wenn ich braf un ruig bin, weil es Sonntag
is.
Es wahr sehr angenehm in Wald, un es warn auch ein paar kleine Medchen
da, die Blumen suchtn. Der Bach wahr tifer wi gewehnlich, weils so fihl
geregnt hadte, deswegn fragte ich Minni Braun un Luzi Willer ob sie
nich gern sehr sehr gute Kinder un rech fromm sein mechtn. Sie sagtn
ja. Also sagte ich, ich werde sie ganz so gut wi der Predger taufn. Es
is Sonntag, also grad die rechte Zeit -- wollt ihr eich taufn lassn?
Anne Sprigs lachte, aber ich sagte, das is schlecht fon ihr -- sie muß
sehr erns sein -- sie un Lise kennen am Ufer schtehn un singen, wi
sichs gehert. Ich sagte zu Minni un Luzi sie solln sich nich firchtn,
wenn das Wasser kalt is. Sie sagtn »oh nein!« Un dann sagtn wir alle
das Gebet sehr erns.
Es tat mir leid, das Minni ihre beste blaue Scherpe umhadte un
Knepflschue -- das Wasser runihrt die Sachn so -- aber sie wahr so
taffer wi ein kleiner Lewe -- sie schrie nich ein bischen un schtreibte
sich auch nich sonder schaute so siß drein wi ein Engl, wi ich sie
henaus liß. Aber oh je! wi fing sie zun zidtern an un es wahr kein
Schahl da, das man sie hedte einwikln kennen -- ich eilte mich deshalb
noch Luzi schnell zu taufn.
Mir scheint, ich eilte mich ein bischen zufil -- wir rutschtn beide auf
die glitscherign Schteine aus un fihln um un Luzi wirgte wi nur was un
konnte nich mehr aufschtehn -- das Wasser ging so schnell das es sie wi
eine Feder mitriß.
[Illustration]
Es is ein Glik, das sie nich ganz ertrunkn is, weil die Medchen schrien
wi besessn un ein paar Menner kamen gelaufn zogn sie heraus nahmen ihre
eigne Recke herunter un wikltn si un Minni ein un trugen sie so schnell
nachaus, wi sie nur konntn. Niman dachte dran, etwas um mir zu werfn
un ich zidterte doch so, das ich beina nich gehn konnte. Oh wi mir di
Zehne klappertn! Ich hab seitdem einen wehn Hals un kann nichs essn,
außer Haferschleim un weiche Sachn; sie sagn es is gescheit, mir besn
Jungen geschiht gaz rech! Es nitzt nichs, wenn ich noch so off sag,
das ichs nich im Schpaß gemacht hab -- ich glaub ich wers aufgebn ein
Predger oder Dokter zu wern -- wenn mein Hals wider gut is, weiß ich
schon was ich thu -- aber nur ruig, theires Tagbuch, nur ruig!
Minni un Luzi lign krank im Bedt -- eine hat die Breine die andre
Lungenentzindung -- aber ich herte den Dokter zu Susann sagn, sie sind
außer Gefar, also wozu der ganze Schpektal? Man kennte glaubn ich hab
die ganze Welt umgedreht un alle kleinen Medchen falln herunter. Ich
dachte ihre Eltern werns gern habn, wenn sie fromm sind -- anschtatt
das erzehlt mir Betti in Fertraun, das Herr Willer sich eine greßliche
heßliche Hunspeitsche gekauft hat un mich gut durchgerbn will, wenn ich
das erstemal auf der Schtraße komm.
Er is ein schundiger, heßlicher, gemeiner, alter Kerl! Er is fiermal so
groß wi ich un es is eine Feigheit einen um sofiel kleinern zu prigln.
Wenn Dokter Moor zu mir kommt, mir den Hals zu pinsln, wer ich ihn
fragn, ob er mein Sekundann sein will. Ich glaube der alte Willer wird
sich nich traun, mich zu prigln, wenn er hert, der Dokter is auf meiner
Seite.
* * * * *
Ich fragte dem Dokter heut, ob er mein Sekundann sein will. Er sagte:
»Wills du dich duellihrn, Schorschi?« un lachte.
Ich sagte ihm, das der alte Willer sich eine Hunspeitsche gekaufft hat,
aber ich glaube, das es mir zukommt, die Waffn zu wehln.
Er sagte, das glaubt er auch -- was ich also wehln wirde? Ich dachte un
dachte -- zuletz iberlegte ich mir, er is so file greßer wi ich, das
ich mich liber ferschtekn will, bis seine Wut foriber is. Ich sagte
also dem Dokter, ich will durch den hintern Geßchen in der Schule gehn,
damit Herr Willer mich nich erwischt.
Er sagte, das er selber glaube: »Klugheit is der beßre Teil der
Tapfferkeit«; aber ich wer doch ein paar Schteiner in der Tasche
schtekn, das ich immer forbereitet bin. Ich weiß nich wie so ein
kleiner Kerl wi ich sich seines Lebns freun soll, bei der Pestole fon
Henschens Mutter un Herrn Willers Hunspeitsche!
Es is eine Schmach un Schande wi ich fon hoch un nider behandlt wer.
Wenn ich wißte ob Seeleite oder Trapper das beste Lebn habn, so kennt
ich meine Forbereitungen machn -- so muß ich bis nach der Hochzeit
wartn um durchzugehn, das is bis ibermorgn.
Ich hoffe, mein Hals wird gut sein bis dorthin, damit ich bei den
Gastmahl dabei sein kann. Es were eine Schande fir einen Jungen
mit meinen Appetitt einen wehn Hals zu habn, wenn seine Schwester
heiratet. Ich wollt ich kennt jemandn meinen Hals ferkaufn. Kranksein
is schreklich fad. Mamma sagt, was ich fon den armen Hansi denke, der
seks Wochn im Bedt lign muß? Ich sagte ich bin froh, das ich nich er
bin. Ich bin nich so dumm auf einem Baum zu kledtern um einen Drachn
zu holn. Ich weiß nich, was ich anfangen soll, damit die Zeit fergeht.
Ich bin ganz gesund, nur schtekt etwas in meiner Schlukrehre; aber
Betti will mich nich anzihn lassn, sie hat meine Kleider aus'n Zimmer
genommen -- wenn ich ein guter brafer Junge bin, darf ich morgn
aufschtehn. Ich muß schaun, das ich bis zur Hochzeit gesund bin.
Betti erzehlte mir, mit den dummen Tellergrafnbeamtn, der nich gescheit
genug wahr, Elsbett glaubn zu machn, das er die Blumen beschtellt hat,
is wider alles gut un er is ferlobt mit Elsbett. Betti hat so fiel zu
thun, das sie herumfligt, wi eine Henne mit einen abgeschnittenen Kopff
-- selbs Mamma wahr heut blos eimal bei mir, so eine Hochzeit gibt
schreklich fiel Erger.
Oh wi fiel Schpaß geht mir ferlorn, hir eingeschperrt un die andern so
beschefftig wi di Bihnen. Ich herte heut frih den Dokter un Susann im
Forhaus lachn, nachdem er bei mir wahr meinen Hals ansehn. Er sagte:
»Sein Hals is kaum ein bischen schlecht, aber ich will ihm glaubn
machn, das er gefehrlich krank is, bis wir sicher verheiratet sin mein
Kind. Der bester Platz fir einen Jungen wi er is das Bedt« un meine
Schwester lachte un sagte: »Es is eigentlich ein schlechter Schpaß fir
dem armen Schorschi,« aber er sagte: »Er ferdint es, weiß Godt was
passihrt, wenn der Bub dazwischn kommt.«
Ich hab gebritet iber dem, was ich gehert hab. Es is ein schmachfolles
Konplott mich aus den Weg zu bringen. Ich glaubte er is mein Freund!
Un Susi is mit in den Konplott! Ich glaube kein Junge is noch je so
schlecht behandlt worn.
Er hat mir Brechwurtz gegebn, das ich mich krank fihln soll! Ich soll
in Bedt lign un Brechwurtz bekommen schtatt Kuchn un Krehm un Salaht
un Hendl un schtatt guter Unterhaltung auf der Hochtzeit. Ich dachte
der Dokter is ein anschtendiger Mensch aber mir scheint er is ein
greßlicher Heichler.
Macht nichs, es gehern 2 dazu.
* * * * *
Also meine Schwester is schon Frau Dokter Moor. Sie sin auf der
Hochzeitreise in unbekannte Lender. Es is Fride un Rue im Haus un
Bettis Fiße kennen sich ausruhn. Sie sagte, sie thun ihr weh wi
Zahnschmerzn, wi sie sich zu Bedt legte -- forderhand fir einer Woche
-- aber Susann gab ihr fier fon ihre alte Kleider, die nich gut genug
fir einer Braut warn, un die habn die Schmerzn prachfoll kurihrt. Ich
hadte trotz allen eine sehr gute Unterhaltung auf der Hochzeit. Dokter
Moor liß mich im Bedt lign, un gab mir Brechwurtz, alle 4 Schtundn
eimal, aber ich schpukte es jedesmal aus. Ich blib aber in Bedt un
echzte un schtellte mich greßlich krank un wi wenn ich nich schlukn
kennt. Ich las dem ganzn Robinson un die Familje Robinson 3 mal, wi
keiner schaute un am nachmitag fon der Forschtellung -- di sehr nobl
um finf Uhr wahr -- kam Mamma herauf zu mir un sagte es tut ihr sehr
leid, das ich nich mitkommen kann un auch dem Dokter, aber es were nich
gut schon aufzuschtehn. Oh wi ich lachte, wie sie draußn wahr! Denselbn
Momment hadte ich auch schon meinen Plahn fertig ihm grad so firn Narrn
zu haltn, wi er mich wollte.
Ich konnte keine Kleider findn, außer ein paar zerißne Hosn in die
ich den ganzn Winter den Higl hinuntergerutscht bin, weil Betti sie
alle fortgetragn hadte, un meine Pantoffl aber es ging ganz gut, weil
ich mir eine Deke fon Bedt nahm un durch den Gang in ein Hinterzimmer
schlipfte -- fon dort kledterte ich auf das Dach fon der Kiche un auf
der Regnrehre hinunter ibern Zaun un rannte wi der Blitz durch die
Gasse, weil schon keine Zeit mehr zu ferlirn wahr, dann durch eine
Hintergasse un bis ich sicher wahr lif ich schnurgrad zur Kirche.
Die Leite warn noch nich drinnen -- ich war zufleiß so frih gekommen
-- aber der Meßner hadte schon aufgeschperrt un fing an die Lichter
anzuzindn un wi er sich umdrehte, schlipfte ich hinein ferkroch mich
unter der Kanzl un wiklte mich in der Deke ein, wi wenn es das weiße
Gewand fon den Predger wer un lag ruig.
Ich war schtill wi eine Maus, wehrend der ganze Zeit, in der die ganze
Befelkerung fon der Schtadt in der Kirche hereinschtrömte. Jeder Sitz
wahr angefropft, obwol ich sie nich sah, herte ich sie doch raschln un
wispern.
Nach langer langer Zeit, wi mir schon die Knie wehtatn, herte ich
enlich sagn »da kommen sie!« Herr Slokem kam for der Sakrestei herein,
die Orgl schpilte sehr sanff un die Zermonih fing an. Ich wartete
bis zu der Schtelle wo er sagt: »Wenn jemand gerechte Grinde oder
Hindernisse diser Ehe forzubringen hat --« dann schprang ich grad auf
der Kanzl un sagte laut un deitlich: »Ich habe, Herr Geißlicher.«
So eine Menge fon iberraschte Gesichter hab ich noch nie gesehn. Die
meistn fon ihnen schtandn auf un die Weiber krischn, wi wenn ich ein
Bär wer. Susi wurde so bleich wi ein Geschpens un pakte den Dokter
bein Arm, wi wenn si sich firchtn mecht, das er ihr fortlauft. Mamma
un Papa un der Dokter echztn ein bischen -- ich glaub sie fihltn sich
entmutigt. Wi Herr Slokem noch heraufschtarrte um zu sehn, wer es
is, redete ich schnell weiter, weil ich firchtete, das sie mich nich
ausredn lassn.
»Ich mechte wissn ob es schön is gegn einen kleinen Bubn einen Dokter
zum Schwager krign, der herzlos genug is, forzugebn, das er krank is
un ihm Brechwurtz zu gebn um ihm im Bedt zu haltn, damit er nich
mitkommen kann, wenn seine leibliche Schwester heiratet?«
Oh wi sie alle lachtn, nur unsre Leite nich. Es is sehr heßlich auf
solcher Weise in der Kirche zu lachn, wi si tatn. Ich bin filleich ein
schlechter Junge aber ich lache oder wisple seltn in der Kirche.
Dokter Moor schaute grad herauf un sagte: »Komm nur herunter Schorschi
un nimm dir einen Fordersitz. Du schlägst mich jedesmal. Ich werds nich
wider thun.«
»Gut,« sagte ich, »Herr Slokem die Forschtellung kann weiter gehn, aber
ich bitte um Entschuldgung, das ich nich herunter kommen kann, weil
Betti mein Sonntaxgewand ferschtekt hat -- ich will bleiben, wo ich
bin.«
So wurdn sie enlich ferheiratet, aber ein paar unanschtendige Persohnen
fingen grad bei die feierlichstn Schtelln zu lachn an.
Ich glaube, theires Tagebuch, meine Familje hat eine Lekzejohn bekommen
-- nich so ungerecht gegn einen zu sein, der manchmal etwas anschtellt,
aber meistns sich anschtrengt ein guter Junge zu sein; seitdem bin
ich sehr gut behandlt worn. Keiner scholt mich ein Wort, sondern sie
nahmen mich im Wagn wi wir nachaus fuhrn un Betti gab mir gleich meine
Kleider, so das ich mich zum Essn fertig machn konnte. Lilly un Montagu
setztn mich zwischn ihnen, un gabn mir alles gute zum essn. Ich wahr
greßlich hungrig nach so fihl Tee mit Butterbrod. »Schorschi,« sagte
Lil, »ich sehe du bist noch nimmer so schlimm, wi früer« un sie lachte
un lachte. Aber ich herte dem Dokter zu Susann sagn, das er seine
Absich in betreff ihres zusammenwohnens mit uns geendert hat -- sie
mißten im Hotell wohnen. Ich mecht nur wissen, warum?