Onkel Samson is zu Besuch bei uns; er is gans alt un schwach un
greßlich schpaßig, nur sagt Mamma, ich darf es nich sagn, das er
schpaßig is, weil er reich is un ein alter Jungesell un kann sein,
das er mir sein Geld hinterleßt, wenn ich braf bin solang er hir is.
Ich weiß, was ich thu, wenn er schtirbt un mir sein Geld hinterlaßt.
Ich kaufe mir dann das Poni fom Fleischer! Ich winsche er mechte sich
tummeln un schterbn, weil Bobs Fater dafon geschprochn hat, das Poni
zu kaufn. Er hat einen ganz kaalen Flek iber dem ganzn Kopf un is
so taub, das man schrein muß, wi eine Lokermotiwfeife damit er einen
hert oder man muß ganz na zu ihm hingehn un in seiner Ohrtrompete
hineinschrein. Unser Lehrer hat erzehlt, wir habn Trommln in die Ohrn,
aber Onkl Samson muß eine Trompete habn, weil seine Tromml schon hin
is. Sie is dinn auf den einen End un dik auf den andern un wi ich in
der Schule ging, redete ich ein bischen henein: »Onkl bis du wirklich
zäh?«
Er schien erschtaunt. »Was meins du, mein Kind?« fragte er. »Weil
Elsbett sagt du bist so zäh, wi die Rinde fon einen Baum, aber es gibt
doch auch Rinde di fon selbs aufspringt. Ich mechte gern einen Doller
habn, um Willi Wilke seinen Eilwagn abzukaufn, damit ich der Kechin
Schpehne nachaus bringen kann, un sie das Unterzindholz erschpart.«
Anschtatt mir dem Doller zu gebn machte er ein finstres Gesicht un
sagte: »He? He? deine Schwester sagt, ich bin zäh? So, so! Warte du
Schlange! Ich wollte ihr ein hibsches Seidnkleid schenkn, aber jetz
wer ich mirs noch iberlegn. Leute di kein Geld habn, glaubn immer, die
andern die es habn, missn damit herumwerfn, wi wenn es Wasser wär.«
Er schnarrte un brummte noch fort un gukte dabei durch seine Brilln auf
mir wi wenn ich ausgeschtellt wer aber den Doller gab er mir nich.
Weil ich firchtete er is bös, wollte ich ihm wider fergnigt machn un
sagte durch der Trompete: »Mamma hat gesagt, mach dir nichs draus,
Elsbett, wenn dein Onkl ein Geizkragn is, umso besser fir uns -- es
wird mehr Geld fir uns ibrig bleibn, wenn er es nich verschwendert --«
aber er wahr so schlecht aufgelegt, das es ganz so wahr, wi wenn man
eine Katz nach der ferkehrte Seite schtreichlt -- er schprang auf,
humplte herum un brummlte etwas zu sich selbs, so das ich froh war
wegzukommen un ich nahm mein Früschtik un ging bein Deppo forbei in der
Schule um zu sehn, was bei der Eisnbahn neies gibt.
Wi ich aus der Schul nachaus kam, pakte mich Mamma bei der eine Axl,
Elsbett bei der andre un fragtn mich was ich dem Onkl erzehlt hab, das
er den ganzn Tag so zohnig war. Ich sagte ihnen, sie solln nich besorgt
sein, ich hab ihm gar nix erzehlt. »Du mußt ach gebn, Schorschi,« sagte
Mamma, »oder du wirs wider was anschtelln. Pst! mach keinen Lerm, er
schleft auf dem Diwan im Wohnzimmer, lauf henaus un schpile un sei ein
brafer Junge.« Ich tat, was sie sagte, wi es sich fir kleine Jungen
gehert. Wi ich im Hof hinauskam bemerkte ich, das das Wohnzimmerfenster
offn wahr. Ich schlich leise hin un gukte henein. Seine Augngleser lagn
am Fensterbret. Ich probihrte sie nur ein bischen Karo auf, weil ich
wissn wollte, ob ein Hund durch Brilln besser siht, aber er schprang
damit iber dem Zaun, weil er eine Katz herte un wi er zurikkam, o
Godt! wo warn die Augngleser? Ich traute mich nich iber dem Zaun, sie
zu suchn, weil Hansis Mutter eine geladne Pestole hat, um mich zu
erschißn, wenn sie mich siht. Sie warn mit Gold eingefaßt, un es tat
mir sehr leid, das Karoh sie ferlorn hadte. Hunde denkn doch nie dran,
wi fihl Geld die Sachn kostn! Der Onkl schlif ruig weiter mit den Mund
offn un machte einen Lerm, wi wenn sein Schlund eine Flasche wer, aus
der Wasser herausrinnt un hate ein großes rotes Saktuch ibern Kopf.
Es wahr eine sehr große Fersuchung fir mir, zu probihrn, ob mein
Fischzeig lang genug is, um bis zum Diwan zu reichn -- wirklich ich
mußte es probihrn -- un so schteckte ich eine Brummflige auf der Angl
un hilt sie aus Schpaß iber dem Mund fom Onkl. Ich hoffte nich das
ich einen Fisch fangen wer -- im Ernst nich -- aber der Arm wurde mir
ganz mid, weil ich den Schtekn haltn mußte un aus Fersehn kam ihm der
Hakn im Mund un grad da nißte er im Schlaf un machte den Mund zu. Ich
probihrte sehr langsam den Hakn herauszuzihn -- aber das abscheiliche
Ding wollte nich nachgebn -- nur mein Onkl gab nach, weil ich zuletz so
erschrokn wahr, das ich so fest zog, bis er fom Diwan henunterfihl. Oh,
wi er krisch! Ich liß dem Schtock falln un flog wi der Blitz hinaus zu
der Scheine, wo ich mich im Hei ferkroch, das mich niemann fir langer
Zeit findn konnte.
Es wahr schon finster, bis ich enlich in der Kiche ging. Die Kechin
rihrte grad Haferschleim um auf den Herd. Wi sie mich bemerkte, schaute
sie mich an, wi wenn sie mich durchbohrn mecht.
»Oh du grausamer godtloser Junge!« sagte sie, »wi kam es dir nur im
Kopf deinen Onkl so mitzuschpiln? Er kann schterbn, der Dokter hadte
genug zu tun, es aus der Zunge hinauszuschneidn un sie is so wund un
weh, das er wochn un wochn lang nur fon Haberschleim wird lebn missn,
un so alt un schwach, wi er is, kann er schterbn, fon die Folgn deiner
Grausamkeit.«
»Brigitt,« sagte ich in fertraulichn Flistern, »wenn ich den Fleischer
sagt, mein Onkel schtirbt, glaubs du, das er das Poni noch ein par Tage
fir mich aufhebt?«
Sie hilt eine Weile die Hende in der Hehe, dann setzte sie sich un
lachte un lachte.
»Schorschi du bist erger wi ein Kannebahle!« sagte sie.
Ich glaube es war herzlos fon ihr, so zu lachn, wenn mein Onkl krank im
Haus ligt, aber manche Leite habn gar kein Gefihl.
* * * * *
Es is schon ein par Tage seit mein Onkl fon den Fischhakn in seiner
Zunge krank wurde; der Dokter sagt, es geh' ihm schon besser. Elsbett
sagt, er is withend auf mir. Heute, wi er schon aufsitzn konnte,
wollte er ein neus Testerment machn. Er ferlangte Papir, Dinte un
seine Augngleser. Ich hadte Betti in Hansis Gartn hinibergeschikt, sie
aufzuklaubn, aber beide Gleser warn herausgegangen un ich nahm deswegn
di Gleser aus dem Augnglas fon meiner Schwester, die kurzsichtig
is, un machte die Brille fom Onkl wider forziglich gut. Ich traute
mich nich in sein Zimmer, weil er noch immer zohnig auf mir wahr,
aber ich war so engslich wegn den Poni, das ich mir dachte, ich muß
das Testerment hern, ob ich der Erbe bin oder nich un ich schlipfte
hinter Betti henein, wi sie seinen Haberschleim heneintrug und kroch
so leicht unters Bedt wi nix un wi ich eine Weile dort gelegn war,
kam Herr Notahr Grau un sie ferschperrtn di Thire, riktn den Tisch zu
den großn Fotell beim Bedt un schtelltn die Tinte un einen großn Bogn
Papir drauf; dann setzte sich mein Onkl die Augngleser auf un filleich
in einer Menute seifzte er schreklich un sagte: »Mein Augnlicht is
genzlich weg! Was soll ich anfangen? Dise Gleser paßtn mir fortrefflich
-- ich konnte durch ihnen sehn so klahr wi der Tag un jetz is alles
trib -- ein Nebl! Oh Godt! Der Schlag den mir der schlechte Junge
fersetzte muß mein Augnlicht zerschtert habn! Ich bin schtokblind. Oh
Godt!«
»Kann sein, das die Gleser nich rein sind,« sagte der Notahr. »Ich will
sie putzn, Herr Samson.«
Also putzte er un putzte aber mein armer Onkl konnte nich besser sehn.
»Das is ein harter Schlag,« sagte er. »Ich werde dem jungen Schurkn
ohne einen Heller abfindn. Auch meine Schwester, die Heichlerin --
mich einen Geizhals zu nennen! -- soll nich einen Cent bekommen. Auch
Fräuln Elsbett nich, meine Nichte weil sie gesagt hat, das ich zeh bin.
Ja, Notahr, ich habe mich entschlossen, mein Geld dem Fersorgungshaus
fir bejahrte Leite zu fermachn. Keiner fon den Hackers soll einen
Doller dafon berihrn. Ich wahr zuers ganz eingenommen von den kleinen
Burschn, aber er is genzlich ferdorbn -- er wird noch einestags im
Gefengnis kommen -- Geld wirde ihm nur ferderbn. Er hat runde hundert
1000 Fund ferlorn durch seine Schpeße mit seinen altn Onkl.«
Oh Godt, ich bin ein greßlich ungliklicher Junge! Ich blib schtill
wehrend sie schwatztn un schribn un schribn; dann machte der Notahr
die Thir auf un rif jemandn henein, das Testerment als Zeige zu
unterschreibn un alles wahr foriber. Es war heiß unter den Bedt. Ich
wahr mid un das erste, was ich fon mir wußte war, das ich eingeschlafn
wahr. Wi ich aufkam, wahr alles finster wi ein Haufn schwarze Katzn.
Ich herte ihm schnarchn un kroch deswegn leise herfor, griff mit der
Hand forsichtig unter seinem Polster, wohin ich ihm das Testerment
hadte schtekn hern -- es wahr noch dort -- auch seine Uhr un Briftasche
-- ich nahm alles in mein Zimmer um ihm tichtig zu erschrekn, den
abscheilichn altn Gauner, seinen eignen kleinen Neffn zo zu ferleimdn!
Ich schtekte die andern Sachen zwischn meine Matratzn, zindete ein
Licht an un hilt das Testerment henein bis es Feier fing un »zu Asche
zerbreklte« wi ich in einer Geschichte gelesn hab; ich ferbrannte
mir die Finger un liß ein par Schtikchen falln, aber ich blis die
Flamme ganz leicht aus, es wahr gar nichs geschehn, nur meinen neuen
Sommerschilehn, die man mir heute nachaus gebracht hadte -- es war
durch 3 dafon ein großes Loch gebrannt. Ich ging henunter un sah das
erst 8 Uhr war. Meine Leite hadtn geglaubt, das ich lang draußn gewesn
bin Ball schpiln. Betti gab mir ein Schtik kaltn Reisauflauf un ein
Schtik Kuchn un ich ging schlafn.
So gegn Mitternach war ein greßlicher Lerm im Haus. Onkl Samson wekte
die ganze Famili auf mit seinen Geschrei, das er ausgeraubt worn is.
In der Nacht war keine Rue mehr. Seine goldne Uhr 2 hundert Doller
wert un seine Briftasche mit 3 hundert drin wahr ein bischen zu fihl!
Er war gans wild. Es war ein Fenster offn un Papa dachte, es muß jeman
hereingeschtign sein un die Sachn genommen habn.
Je wilder der Onkl wurde, desto tauber war er auch un alle mußtn ihm in
der Ohrtrompette schrein -- -- so was!
Es scheint unsre Familje kommt immer in der Patsche -- mir scheint
andre Familjen habn nich so fihl Unrue. In der Nacht konnte nichs
mehr geschehn, un zuletz gingen alle schlafn wi schon Tag wurde. For
den Früschtik trug ich die Uhr un die Briftasche den Onkl zurik. Ich
erzehlte ihm, das ich glaube, der Dib muß Angs bekommen un sie falln
habn lassn, aber das Papir konnte ich nich finden, un er gab mir 10
Cent un sagte ich bin doch kein so schlechter Junge wi er glaubte un er
kenne ein anres Testerment schreibn, wenn er wider gesund is, es kennte
sein, das er doch nich sein ganzes Geld dem Fersorgungshaus hinterlaßt.
Dann redete ich sehr freindlich zu ihm durch der Ohrtrompette. Ich
fragte ihm, wi lang Leite fon seinen Alter gewehnlich lebn, denn wenn
er bald schterbn sollte, so mechte ich ihm bittn mir fierzig Doller zu
hinterlassn, damit ich mir das Poni kaufn kann -- ich hab mich immer
nach einen Poni gesehnt. Ich erzehlte ihm, das Elsbett gesagt hat er
is ein alter Unruemacher, weil sie so laut schprechn muß, das ihr der
Hals weh tut, aber ich mache mir nix draus laut zu schprechn -- es is
schpaßig in ein so Ding heneinzuschrein wi ein Tellerfohn. Ich fragte
ihm ob er noch nich probihrt hat mit die Zehne zu hörn un ob er weiß,
das Tante Betsey bös auf Papa is un ihm kein Geld leihn will un sagt
unsre Leite sin ferschwendrisch.
Ich erzehlte ihm, das Lil un Montagu einen Schtreit hadtn un das der
Dokter Moor wird hungern missn, wenn er nich bald mehr Prakses bekommt
un unsre Kechin is nich so nett wi sichs geherrt, un mein Papa is sehr
jezornig; das Papa es nich gern hadte, das er kam, den Sommer mit uns
zu ferbringen, aber Mamma sagte es were ganz recht un wir werdn schon
bezalt wern dafir; un wi Betti immer zu mir brummt, weil sie ihm nich
gern die Knepfe an die Kamaschn anneht un ihm bedint, weil er zu geizig
is um ihr hier un da einem Doller fir ihre Ekstraarbeit zu gebn.
Er schien mir gern zuzuhern, manchmal grinste er, wi wenn ihm etwas
kitzlte; aber fon Mamma hab ichs heut nachmitag schreklich gekrigt, das
ich meine Zunge hab so laufn lassn -- sie sagte, ich hab schon genug
Unheil angeschtellt -- ich kann es nie allen Leitn recht machn.
Zun Beischpil, gestern Abens warn der Tellergrafnbeamter un Elsbett
im Forderzimmer, Betti war weg weil sie Ausgang hadte, un Elsbett sagte
zu mir: »Schorschi, wenn die Schmidtmedchen heut Abens kommen, sag ich
bin nich zuhaus, der Onkl is krank un Mamma hat zu thun.«
Sie kamen wirklich. Ich lif henaus, wis leitete. Sie fragtn ob jeman
zuhaus is. Ich sagte: »Nein, der Onkl is krank, Mamma is bei ihm, weil
er sein Testerment macht un Elsbett hat mir geschafft zu sagn, sie
is nich zuhaus, weil sie mit ihrn Ferehrer, den Tellergrafnbeamtn in
Forderzimmer zu tun hat. Er unterrichtet sie in tellerfonihrn.«
Das fordere junge Medchen kicherte grad heraus un heut nachmitag riß
mich Elsbett beim Haar, wi nur was. Sie sagte, die ganze Schtadt weis
schon fon ihr un dem Tellerfohn, das sie sich schemt, den Kopf for der
Thire zu schtekn. Is es nich schwer fir einen kleinen Jungen, zu wissn,
wi ers den Leutn recht machn soll?