Die Photographien

Ich bin beina eine Woche zu krank gewesn, um in mein Tagbuch zu

schreibn. Ich wahr krank, weil ich mich ertrenkt hab un weil ich aus

den Bed aufgeschtandn bin, wi ich schwitzig war. Doktor Moor war

zweimal jedn Tag bei mir. Er wahr so gut zu mir, das es mir leid tut,

ich hab ihm damals so erschreckt. Ich herte heit früh Elsbett zu Lil

sagn, sie ist froh, das ich krank bin un sie hofft, das ich mindestens

ein Monath krank sein werd, damit ein bischen Fridn im haus is. Ich

mechte nur wissn, warum Medchen ihre kleine Brider nich gern haben. Ich

bin doch wirklich gut zu Beß. Wenn ich gesund bin geh ich zweimal in

Tag zur Post fir ihr. Ich hab im ganzn nich mehr als drei Brife fir

ihr verlorn. Famohs! Bin ich froh, das sie's nich weiß!

Heute nachmittag wahr mir schon so gut, das ich aufschtehn wollte un

wi Betti mitn Nachmahl kam, kroch ich aus dem Bed un ferschteckte mich

hinter der Thir. Ich hadte Mammas Schahl um un wie sie hereinkam,

schprang ich herfor un bellte wi wenn ich ein großer schwarzer Hund

wer -- un dise unforsichge Persohn leßt die Tasse auf der Erde falln.

So eine Bescheerung! Di Porzlanschale gebrochn, die Suppe aufn Teppich

ferschidtet un die ganze Familje kam heraufgelaufn, weil sie so schrie,

wi wenn das Haus in Feier wer. Ich wußte nicht, das Betti so eine Gans

is. Alle scholtn sie mich -- das tun sie immer. Ich glaube, wenn ich

gesund bin, werd ich dafonlaufn un ein Biffljeger wern oder auf ein

Schiff gehn. So is ein Junge nie behandlt worn -- so ungerech.

Heut erlaubtn sie mir in der Decke eingewiklt im Lehnschtuhl zu sitzn.

Aber das wahr mir bald fad, so bat ich Betti mir ein Glas Eiswasser

zu holn um meinem Durscht zu leschn un wi sie draußn war, tummlte ich

mich un lif weg in Lils Zimmer heniber um mir alle di Fotografin fon di

hibschn junge Menner anzuschaun, die sie in der Lade hat. Die Medchen

warn alle im Sallohn druntn, weil Fräuln Miller zu Besuch da wahr.

Betti kam mich suchn aber ich verschteckte mich im Kabenett hinter

einen altn Reifrock. Wi sie weg wahr kam ich wider hervor un unterhilt

mich wirklich sehr gut. Einige fon di Fotografin warn rickwerts

beschribn, wi zum Beischpil: »Eingebildeter Narr!« »Oh wi siß!« »Er

wollte, ich nich!« »Ein herziger Schatz!« »Was fir ein Mund!« »Portreht

eines Affn!«

Zwei Dutzn dafon, welche ich kannte, schteckte ich ein, um ein bischen

Schpaß zu habn, wenn ich gesund bin. Ich machte die Lade wider zu,

sodas Susann nich merkt, das ich sie genommen hab. Mir wahr, als ob ich

nimmer in das heßliche Zimmer zurickgehn kennt, so fad war es mir schon

un ich dachte ich kann mir hir die Zeit fertreibn un schpiln, ich bin

ein junges Medchen. So zog ich also Susis altes Kideparih an un einem

Unterrok mit einen langen Schlepp' un ihr blauseidnes Kleid, nur war es

nich groß genug um der Taillje. In der Lade fand ich ein paar kleine

Lockn die machte ich mir auf der Schtirn mit Gummirabi fest un dann sah

ich etwas rotes in einer Schale un ferbte mir die Wangen damit. Wi ich

fertig wahr, rutschte ich am Treppngelender hinunter un plumpste grad

auf Fräuln Miller, di sich fon meine Schwestern empfehln wollte. So ein

Geschrei, das sie machtn!

»Mein bestes blauseidnes, du Teufl fon einen Jungen!« sagte Su.

Fräuln Miller drehte mich zum Licht un sagte so siß wi Honig: »Woher

has du nur di hibschn rotn Wangen, Schorschi?« Susann machte mir ein

Zeichn, aber ich ferschtand sie nich.

»Ich fand etwas rotes in Susanns Lade,« sagte ich un sie lechlte so

recht hemisch un sagte: »Oh!«

Meine Schwester sagt, sie is eine greßliche Schwetzerin un wird in der

ganzn Schtatt erzehln, daß sie sich schminkn was gar nich wahr is weil

die Schale zufellig dort wahr um Rosn auf Kartnpapir zu machn, un das

is nichs schlechtes.

Ich blib in Susanns Kleid hengen, wi ich die Schtige henauf gehn wollte

un riß dem Vorderteil mittndurch. Sie war so ergerlich, daß sie mich

orfeigte.

»Aha Susi,« sagte ich zu mir, »du weißt nichs fon die Fotografin die

ich aus deiner Lade genommen hab!«

Manche Leite glaubn kleine Jungen habn nur Ohrn um sie zu orfeign --

meine Schwestern wengstens tuns. Wenn sie nur wißtn was fir finstere

und deßprahte Gedankn kleine Jungen habn, mechtn sie sorgsamer mit

ihnen umgehn -- es regt sie auf, wi wenn man mitn Schtock in der

Kotlake herumrihrt.

Ich gab nach -- aber warte nur bis morgn! Heut lißn sie mich zum

Frühschtick henunter kommen. Ich hadte alle dise Bilder in meine Taschn

geschteckt un wi ich aufpasse das ich unbemerk wegschleichn kann, sagt

Lily: »Was macht denn deine Taschn so herausschtehn?«

»Oh ferschidnes!« sagte ich, und sie lachte.

»Ich hab geglaubt, du hast filleich Bicher und Kleider eingeschteckt un

willst weglaufn un ein indjanischer Heiptling wern,« sagte sie.

Ich ferried nichs, sondern sagte: »Ich will in den Hinterhof gehn un

ein bischen schpiln.«

Gut, ich lif also in der Schtadt henunter un hadte einem prachfolln

Schpaß. Ich ging zu alle Orgenahle fon die Fotografin.

[Illustration]

»Halloh Schorschi! Wider gesund?« sagte der erster zu den ich ging.

Oh du mein Gott! Wenn ich groß genug bin wird mein Schnurbart nich

so aufgewikst sein wi seiner, hoff ich. Er is in einen Ladn un ich

bettelte ihm, mir eine hibsche Krawatte zu schenken un wi er fragte:

»Sin deine Schwestern gesund?« fischte ich seine Fotografih heraus un

gab sie ihm.

Es war die mit »Eingebildeter Narr!« auf dem Rickn geschribn. Die

Medchen hadten seinen Schnurbart doplt solang ausgezogn un ihm iber das

ganze Gesicht lachn gemacht. Er wurde so rot wi Feier un dann schrie er

zu mir: »Wer hat das getan, du Nichsnutz?«

»Ich glaube die Geschpenster,« sagte ich so erns wi eine Nachteile un

machte das ich fortkam, weil er auschaute wi wenn gleich das Gewidter

losgehn mecht.

Der nechster Platz, wo ich hin kam, wahr eine Matrjahlwarnhandlung wo

ein andrer junger Mann wahr. Er hadte rotes Haar un Sommerschprossen

aber er schien sich selbs fir einer Schönheit zu haltn.

Tagebuch eines bösen Buben · 第 8 / 43 题