Je näher sie gen Fuxloh kamen, desto eifriger betete der Meßner.
Allweil wieder rief er aus: »Gott, schenk uns einen feuchten, warmen
Regen über Schlösselwald, Hundshaberstift und Leimgrub!« In diesen
Orten hatte er seine Töchter verheiratet.
Als die Kreuzschar auf der Bergschneide hielt, von wo der Blick wieder
auf Fuxloh fiel, rief der Grazian: »Leut, kniet euch nieder, da seht
ihr euer Vaterland wieder!«
Der Fleischhacker Luitel rannte ihnen entgegen. »Männer, schwingt den
Hut in die Höh,« keuchte er, »der Dullhäubel ist gestorben.«
Da fuhr es den Kirchfahrern kalt durchs Hirn und eisig durch den ganzen
Leib, und das Gewissen bäumte sich ihnen auf, weil ihre Bittfahrt so
jähe Frucht gezeitigt hatte. Aber sie faßten sich bald wieder.
»Der Herrgott hat diesmal leicht begriffen,« lachte der Wirt, »wir
haben ihm es auch deutlich genug gesagt. Gelobt seist du, Maria!«
»Er hat es verrichtet, der Dullhäubel,« seufzte die Iglin. »Hoffentlich
ist er christlich entschlafen.«
Dem Meßner Grazian erschlaffte im ersten Freudenschreck die Hand, das
gläserne Gut entfiel ihm und zersplitterte. Da rief er kläglich: »Jetzt
hab ich den heiligen Geist den weiten Weg hergetragen wie ein krankes
Kind, und jetzt ist er beim Teufel!«
Das Dorfglöckel läutete der Schar entgegen. Kinder kamen und erzählten
von dem Leichnam des Dullhäubel.
»Ganz schwarz ist er im Gesicht,« sagten sie.
Der Grazian runzelte nachdenklich das Hirn. »O weh, das ist ein übles
Vorzeichen! Ohne Weih und Segen, ohne Pfarrer und Meßner werden wir ihn
begraben müssen. Lasset uns beten für die arme Seel!«
* * * * *
Die Ogath hatte den halben Tag über ihren Bauer gesucht und nirgends
gefunden, schließlich stieg sie in schwerer Ahnung auf den Heuboden
hinauf, dort griff sie blindlings ins Heu und spürte ein eiskaltes Knie.
Mit einem einzigen Sprung war sie wieder drunten auf der Tenne.
Sie schrie den Kindern: »Am Heuboden liegt er. Der Schlag hat ihn
getroffen, er ist ein vollblütiger Mann gewesen. Die Leich ist schon
kalt.«
»Jesmaria,« plärrte die Wabel, »jetzt ist er gestorben und hat heut
noch das Gesott[1] nit geschnitten!«
[1] Häcksel.
Die Töchter flogen zu den Nachbarn und Befreundeten in die Dörfer und
zum Pfarrer, die Leiche anzusagen. Die Bäurin selber fuhr mit dem
Schubkarren zum Tischler, der Totentruhen vorrätig hatte.
Sie begegnete den Wallfahrern. »Der Bauer hat verlebt,« meldete sie,
»übermorgen ist das Begräbnis.«
Als sie abends mit der Truhe heimkam, saß der Dullhäubel vorm Haus,
kerngesund, die Wangen blührot, und schnupfte.
»Um Gottes willen, du lebst schon wieder?« stammelte sie.
»Ich bin kreuzwohlauf,« grinste er. »Du hast dich gefleißt mit der
Truhe. Hast du auch um den Pfarrer geschickt, daß er mir lateinisch und
schlapperteinisch redet und seine Blimblamblorium macht?«
»Aber du bist ja schon kalt gewesen, wie ich dich beim Knie erwischt
hab?!«
Er nickte tiefsinnig. »Eine hirschlederne Hose greift sich halt allweil
kalt an,« sagte er.
* * * * *
Weil der Dullhäubel den Seinen verboten hatte, die Leiche abzusagen, so
wußten nur wenige, daß er noch lebte. Die Leute, die nun zu des Bauers
Begräbnis angewandert kamen, lächelten säuerlich, als er selber sie
treuherzig begrüßte und ihnen ein Schnüpflein antrug.
»Die Bosheit wuchert weiter, und die Gerechtigkeit ist übers Meer
gefahren,« verzweifelte der Grazian.
Hernach saßen alle im »pfalzenden Hahn,« und weil sich dort gerade auch
drei böhmische, drei österreichische und drei bayrische Musikanten
zusammen fanden, ging es bald hoch her, und man söhnte sich leichter
mit dem verhinderten Begräbnis aus.
Lange betrachtete der Dullhäubel seine Totentruhe. »Zweispännig wär sie
mir lieber,« meinte er, »daß eine saubere Dirn mit mir drin übernachten
könnt.«
Er nutzte die Truhe ans, indem er Schloß und Band dran nageln ließ und
sich drin Selchfleisch und manchen Leckerbissen versperrte, den er vor
seiner genäschigen Sippe nicht sicher wußte.
* * * * *
Der Dullhäubel kam zu Glück und hohen Jahren.
Seine Töchter misteten den Stall, schnitten das Gesott, rechelten die
Streu, striegelten die Ochsen, ackerten, säten, ernteten, droschen. Er
tat nichts.
Die Wabel, die Reigel, die Rosel, die Portiunkel, die Stasel, die
Kathel und die Liesel verheiratete er Bauern, die Glöckelstühle auf dem
Dach hatten.
Er ließ sich sein schelmisches Wesen nicht verkümmern, auch dann nicht,
als er der Burgermeister von Fuxloh wurde, und die Leute starben nicht
aus, die ihm den Galgen auf den Hals wünschten.
Einmal nach der Kirchweih, als er sich weidlich angegessen hatte,
setzte er sich vors Haus, nahm das Rubinglas und schlug sich eine
erkleckliche Menge Tabak auf die Hand. Zuerst füllte er sich in
behaglicher Andacht das rechte Nasenloch, und als er das andere
befriedigen wollte und dabei schon das linke Auge wollüstig zudrückte,
fiel ihm der Tod sanft in den Arm. Die Hand sank still, ungenützt
flatterte das braune Häuflein herab auf die hirschledernen Hosen. Der
Kasper Dullhäubel war nimmer.
»Jetzt hat er den schönsten Tod auch noch, der Lump, der das Eingraben
nit wert ist!« schalt der Meßner.
»Ja ja, so geht einer nach dem andern dahin,« sagte der Schmied und
ließ einen groben Wind streichen.
Nur wenige gingen mit bedächtigem Bauernschritt hinter dem Sarg her;
viele waren daheim geblieben, sie meinten, der Schelm sei unsterblich
und könne nicht begraben werden.
Der Filzhut des Ähnels und das Rubinglas wurden ihm mitgegeben, das
hatte er sich ausbedungen.
Als die Leiche in die Grube gelassen wurde, riß der Strick, die Truhe
polterte hinunter und brach auf, und der Dullhäubel schaute noch einmal
fröhlich die heulende Schar der Hinterlassenen an.
»Schaufelt zu, schaufelt zu!« schrie der Grazian. Und alle, wie sie ums
Grab standen, warfen schnell mit Händen und Füßen Erde hinab, daß der
Erzschelm nicht noch einmal an den Tag käme. --
Als der Grazian an dem nämlichen Abend am Dullhäubelhof vorüber ging,
tat er einen harten Schrei. Er behauptete, der Verstorbene habe aus
dem Dachfenster die Zunge auf ihn gereckt. Da zündete die Ogath eine
Laterne an und durchsuchte alle Winkel des Bodens. »Dem schwänkischen
Mann trau ich alles zu,« meinte sie.
* * * * *
Der Dullhäubel fuhr schnurgerade zum Himmelstor auf.
Der heilige Peter stand davor, am Gürtel die beinernen Schlüssel, und
schrieb mit einer hohen Pfaufeder in einem Buch. Als er den Schelm
mit dem breiten Filzhut durchs Gewölk daher waten sah, hakte er das
silberne Schloß des Buches zu und fragte: »Wer bist du? Gib Auskunft!«
»Der Dullhäubel bin ich, Bauer aus Fuxloh«, antwortete der
Himmelfahrer. »Gelobt sei Jesus Christus!«
»Dein Nam ist mir verdächtig. Reck her deine Seel!«
»Da wird halt der Blaumantel seine Sach fürgebracht haben. Es ist ihm
aber nit alles zu glauben, dem Bruder, dem scheinheiligen.«
»Schilt nit!« brummte der Peter. »Und einen Blaumantel gibt es bei uns
nit.«
»Es muß einer da sein,« bestand der Dullhäubel. »Schau nur gleich nach
in dem dicken Buch!«
Der Torwärtel raunzte: »Es ist ja möglich, daß früher einmal einer da
heroben gewesen ist, der sich so geschrieben hat. Vielleicht ist er
hinuntergefallen. Ich müßt den Herrgott fragen, der hat ein scharfes
Gedächtnis.«
Jetzt zog der Dullhäubel aus der hinteren Schößeltasche seine Seele
heraus, blies ein Stäublein Tabak davon weg und zeigte sie ängstlich
vor.
Der Heilige rückte die Brille, schnüffelte an der Seele und krauste die
Stirn. »Mein Lieber, du hast dich ganz und gar verirrt. Du gehörst wo
anders hin. Schab deinen Weg!«
Dem Dullhäubel stand der Schopf geberg. An des Kapuziners Cochem
abscheuliches Bilderbuch erinnerte er sich, an den höllischen Ofen, wo
die Zerknirschten heulten und Pech spieen und ihnen der siedende Geifer
aus den Lefzen spritzte.
Der himmlische Torwärtel tat eine Falltür auf, da ging der Höllensteig
hinunter hundert Klafter tief, und des Dullhäubels Vorväter saßen ohne
Ausnahme tief drunten auf einer glühenden Bank, den Hosenlatz hinten
abgeknöpft, mit nacktem Sitz nach altem Erdenbrauch, und der Schwefel,
den sie saufen mußten, rauchte ihnen greulich wieder aus der Nase
heraus. Der Teufel kletterte eine brennende Leiter herauf und bellte:
»Wau, wau!«
»Mach die schwarze Tür zu, Peter!« hüstelte der Dullhäubel, der
höllische Schwefel kitzelte ihn in der Nase.
Doch der heilige Mann antwortete: »Bind dir die Seel fest ins
Schneuztuch und steig hinunter! Sie warten schon.«
Dem armen Schelm ward blau und grün vor den Augen. Aber er gab das
Spiel nicht verloren. Das Rubinglas nahm er herfür. »Da schnupf, Peter,
daß du einen andern Sinn kriegst!«
Der Torwärtel liebäugelte mit dem Glas. »Der Tabak tät mir wohl. Da
heroben wird keiner verschleißt, und wenn nix zu schnupfen ist, so ist
das eine kleine Krankheit.«
»Du solltest mich doch in den Himmel lassen, nur ein Vaterunser lang,«
begehrte der Dullhäubel. »Vor dem Blaumantel will ich einen Fußfall
tun.«
Der heilige Peter nahm sich seine mannbare Nase voll. »Wundersam
schmeckt der Tabak, der fehlt mir noch zur Seligkeit. Ich hab ihn mein
Lebtag gern gehabt. Hau mir noch einen her auf die Hand! Anlehnen muß
man sich schier, wenn man den da schnupft, sonst reißt er einen um.«
Er blinzelte schalkhaft. »Was für ein Tabak ist es denn? Ein königlich
bayrischer? Ein gepaschter, he?«
»Nur hineinschauen laß mich ins Paradeis, Schlüsselmann!« bettelte der
Dullhäubel.
Den Heiligen hatte der brasilische Tabak ganz verwirrt, die Augen
glosten ihm, und er tat das Tor auf.
Jetzt stand der Dullhäubel im himmlischen Glanz.
Da saßen alle die heiligen Bauernfreunde beisammen, der Wendel, der
Liendel, der Isidor und der Steffel, und dengelten silberne Sensen, daß
es wie ein vierfaches Glöckelspiel lieblich anzuhören war, und die Magd
Notburga jätete in einem Krautgärtlein. Der Märtel und der Jörg ritten
auf Milchschimmeln, die fraßen an dem fetten Wasen, der auf den Wolken
wuchs. Andere Heilige stolzierten in seidenen Meßgewändern mit hohen
Krummstäben auf der Sternstraße auf und ab, ein nackter Martersmann,
dem silberne Pfeile in Stirn und Brust und Knie staken, lustwandelte
lachend unter ihnen. Alle waren bloßköpfig, nur der heilige Rochus und
der Dullhäubel nicht, die hatten den Hut auf.
Engel rauschten mit schneeweißen Flügeln. Die himmlische Regenbogenfrau
schaffte am Spinnrad, einen goldgrünen Käfer im Gefältel ihres Kittels,
und daneben spielte das Herrgottsbüblein Ball mit dem Weltapfel.
Der Himmelsgarten war umzäunt, auf jedem Zaunstecken saß und sang ein
bunter Vogel, und das waren lauter selige Seelen.
In der Mitte aber in wunderbarem, hohem Betstuhl saß Gottvater selber,
in seinem Mantel war mit Perlen und Kleinoden der ganze Sternhimmel
gestickt, auf seiner Brust zückte die Sonne ihre Strahlen.
Der Dullhäubel senkte die Augen, daß er nicht erblinde, und schaute
sich auf den Fuß.
Über dem Herrgott war ein goldener Taubenkobel, der heilige Geist
umflog ihn und gurrte wild herab.
»Ei tausend,« staunte der Herrgott, »da kommt ja der Dullhäubel daher
aus meinem guten Dorf Fuxloh! Was begehrst denn du da heroben?«
Jetzt nahm der Schelm den Hut ab und stammelte: »Den Herrn Blaumantel
such ich. Er soll sich auch Aurazian schreiben. Ich will ihn abbitten
-- zu wegen meiner Schlechtigkeit.«
Der Herrgott sann nach. »Ich weiß alles. Aber einen Aurazian Blaumantel
kenn ich im Himmel nit. Das ist ein Irrtum.«
»Alsdann, Eure Heiligkeit -- --.« Der Dullhäubel stockte, er wußte
nicht, wie er den Herrn hätte richtig anreden sollen.
»Nenn mich nur Herr Gott!« meinte der Himmelvater. »Du bist dein Lebtag
mit mir auf du und du gewesen (wenn du auch recht sparsam mit mir
geplaudert hast), drum sag mir jetzt auch du!«
»Alsdann, wenn es keinen Blaumantel da heroben nit gibt, dann ist meine
Schuld weitaus geringer,« seufzte der Dullhäubel auf.
»Und was begehrst du noch? Und was schaust du allweil auf deinen Fuß?«
»Er möcht halt auch selig werden,« sagte halblaut der heilige Peter.