Doch das himmlische Fräulein am Spinnrocken faltete die Hände. »Geh,
lieber Gott, verstoß ihn nit! Laß ihn abwiegen!«
Da schmunzelte der Gottvater, daß ihm der breite Bart auseinander ging,
und winkte mit der Hand.
Den Kometen wie eine Straußfeder am Hut, sprang der Riese Michel zur
Tür herein, er trug eine großmächtige Wage. Den Bauer lüpfte er beim
Kragen und setzte ihn in die eine Wagschale, in die andere legte er
große Steine und Gewichte, das waren die Sünden und Schalksstreiche des
Dullhäubel, und darunter war auch der Mühlstein vor der Mußmühle.
Jetzt hob der Engel Michel die Wage. Die Schale mit dem Sünder
schnellte hoch empor, und der Dullhäubel verzweifelte an seiner
Seligkeit, zumal da sich an die andere Schale noch der Teufel mit
kohlrackerschwarzen Rabenflügeln und einem langen, rauhen Schwanz
gekrallt hielt.
»O weh, o weh,« winselte der Sünder, »jetzt muß ich in der Höll
knirschen auf ewig.«
Aber auf einmal senkte sich die Schale, drin er hockte, langsam und
stetig.
»Schau hinunter auf die Welt, Dullhäubel, wer dir hilft!« sagte die
Jungfrau Maria.
Da sah er tief, tief drunten im grünen Fuxloh vor der Kapelle ein
uraltes Weiblein hocken, das betete mit seinem Hagebuttenrosenkranz für
die arme Seele des Dullhäubel. Es war die Ulla.
Nun stand die Wage auf gleich.
»Ich darf nit zu leicht befunden werden,« ächzte der Dullhäubel, der
helle Schweiß rann ihm von der Stirn.
In seiner Not langte er hinüber nach des Teufels Schwanz, und ob der
Satan ihn auch mit der gespaltenen Zunge anlechzte und die rotfeurigen
Augen abscheulich glühen ließ, der Dullhäubel packte des höllischen
Widersachers Schwanzquaste und legte sie in die eigene Schale, und sie
senkte sich um eines Härleins Breite tiefer als die andere.
Da fing unser lieber Herrgott an, sich langsam den Bart zu streichen
und auf einmal lachte er dröhnend auf, und der heilige Peter fiel wie
besessen lachend auf die Pauke hin, worauf man sonst Gewitter und
Donnerschlag wirbelt, und die Muttergottes und alle heiligen Leute
konnten sich nicht helfen vor lauter Lachen, und nur der Teufel rupfte
sich den rußigen Schopf, spie und ließ die Schale los und sprang in die
Hölle.
Vor dem breiten Herrgottsgelächter aber sank die Schale des Schelmes
völlig herab, und er stieg aus und war gerettet.
Doch der heilige Peter besann sich und murrte: »In der Welt drunten
gibt es einen Spruch, und der ist wahr.
Je ärger der Schalk, je besser sein Glück,
je größer der Dieb, je kleiner der Strick.
Herrgott, paßt denn der Bauerntrumpf da, der nixnutzige, der Tod und
Teufel zum Narren gehalten hat, in deine lautere Seligkeit herein?«
Der Herrgott warnte mit dem Finger. »Peter, Peter, geh mit unserm
Dullhäubel nit zu streng ins Gericht! Es müssen auch andere Leut um
mich sein, nit nur lauter Heilige. Die Heiligen sind mir oft ein wenig
peinlich gewesen.«
Und während der Herr mit seinem Knecht also sprach, trat einer auf den
Dullhäubel zu und gab ihm derb die Hand. Der fremde Gesell trug einen
altertümlich groben Bauernrock und Bundschuhe, und ein Spiegel hing
ihm im Gurt; seine lichtblauen Augen funkelten mutwillig, sein Haar
war gelb wie Stroh und darauf saß ihm statt des Hutes ein ruppiger,
glotzender, krummschnabliger Ohrenvogel.
»Ich sollt dich kennen,« sagte der Dullhäubel und dachte nach.
»Du kennst mich,« kicherte der andere, »ich bin ja dein Bruder, der
heilige Eulenspiegel.«
Er hielt dem Dullhäubel den blanken Spiegel vor. Der lugte hinein und
sah sich drin rosig leuchten, und über seinem Scheitel hing ein runder,
lustiger Heiligenschein.
Der Herrgott richtete jetzt die grauen, frohen Augen auf ihn.
»Dullhäubel, was willst du im Himmel anfangen?«
Der schalkhafte Mann leckte sich die Lippen und hob den listigen
Bauernblick. »O Herr, wenn ich es wünschen darf, will ich im Sommer
Schnee schaufeln und im Winter das Vieh hüten.«
»Zu meiner Rechten darfst du nit sitzen,« lachte der Herrgott, »du bist
heut noch nit viel wert. Jetzt führ dich gut auf und laß dir einen
milden, süßen Most einschenken.«
Das war dem Dullhäubel recht. Und er sagte zu der Himmelsfrau: »Liebe
Fürbitterin, du schnupfst nit? Für deine wehleidige Jungfernnase ist
meine Mischung zu scharf. Aber uns schmeckt es, gelt, Gottvater!«
Er schüttelte das rubinene Glas und ließ den Tabak rieseln auf des
Herrgotts strahlende Hand.
* * * * *
Also hat unser Herrgott an einem gelungenen Schelm mehr Freude als
an neunundneunzig Gerechten. Und so findet die Geschichte vom Kasper
Dullhäubel jetzt ihr
_Ende_.
Von demselben Verfasser erschienen vorher im gleichen Verlag: