»Von Pestilenz und Krankheit --.«
»Erlöse uns, o Herr!«
»Von Blitz und Ungewitter --.«
»Erlöse uns, o Herr!«
»Von den bösen Werken und Anschlägen des Kasper Dullhäubel --.«
Da jauchzte die Ulla auf und deutete.
Über den Wald stiegen die Turmspitzen der Muttergottes, die in den
Dornstauden gefunden worden war, und funkelten mit blanken Knöpfen, und
die Bittfahrer jubelten, und der Meßner schwenkte den Gupfhut.
»Die Turmknöpf sind großmächtig,« sagte der Hahnenwirt, »ein jeder
faßt einen ganzen Eimer Wein. Und das Uhrgewicht im Turm ist ein
versteinerter Laib Brot.«
Aus hohem Kreisfenster lugten die Glöcknerbuben, und schon läutete eine
Glocke voll und schwer und himmlisch aus dem Getürm, es war ein Klang,
als grüße die Herrgottin selber mit goldener Troststimme das Häuflein,
das mit irdisch kläglichem Anliegen zu ihr kam, zur Muttergottes, die
alle Gebresten wandelt in eitel Gesundheit, alle Schwäche verkehrt in
blanke Kraft, alle Verzagtheit und Angst stillt, zur gewaltigen Frau,
aus deren Schoß das Heil in die Welt gedrungen.
Andere Glocken gesellten sich der goldenen Hochfrauenstimme, und ein
Glöckel war darunter aus lauterem Silber, vor vielen Jahren hatten
es die Fuxloher gestiftet, aus den silbernen Knöpfen der Bauern war
es gegossen, und die Burgermeisterin selber hatte eine Schürze voll
Laubtaler in die kochende Glockenspeise geschüttet. Nun klang das
Glöckel lieb und herzlich, als sänge eine junge Bauerndirne, und als
wüßte es, wer jetzt zu Besuch käme.
»Die Fuxloherin läutet,« freuten sich alle, das Wasser zitterte ihnen
in den Augen ob der Heimatstimme, die rosenkranzumstrickten Hände hoben
sich.
Der Wald tat sich auf: da lag die Gnadenstätte vor ihnen, hoch und
mächtig.
Ein Rausch ergriff die Kreuzschar, die Fahnen bauschten sich, die
Quasten baumelten.
Der Ulla war, jetzt müßten die Heiligen in der Kirche von den Simsen
springen und ihnen entgegengehen, und sie selber trat einher gleich
einer Hochzeiterin, das aufgelöste, bekränzte Haar wehte ihr wie ein
silberner Schleier, ihre Augen waren heiß und selig aufgetan. Da
schauten alle Wallfahrer die Ulla an und wurden von dunkler Ehrfurcht
bewegt.
Dann wurden die Fahnen geschwenkt und geneigt, Gesang stieg aus dem
Wegstaub, die zarten und die groben Stimmen griffen ineinander.
»Über Berg und über Tal
und mit freudenreichem Schall,
über Wald und grüne Au
reisen wir zur Lieben Frau.«
Immer brünstiger, gläubiger, wilder sangen sie, vergessen war der müde
Leib, die Herzen schlugen, die Stirnen brannten, die Kinder taten die
Augen wundergroß auf.
Funkelnd trat der Pfarrherr aus dem Tor, die Sonne gleißte in der
erhobenen Monstranz. Die Altarbuben schwangen die Schellen.
Alles warf sich vor der Blendnis nieder, schüttete sich hin vor
dem Segen, der sie grüßte, jeder schlug an die Brust und wagte vor
Unwürdigkeit nicht, seinen Gott zu schauen, der aus der Monstranz
glühte.
Die Kirche empfing sie mit feierlicher Kühle.
Die Orgel donnerte. Weiße Säulen, wie Schlangen gewunden, trugen den
Hochaltar, und dort, umflattert von blauem Weihrauch, umkränzt mit
schimmernden Heiligen, herrschte Maria, die Fürbitterin, die erste Frau
im Himmel und auf Erden. Perlenstarrend, in gelben Locken, mit goldnen
Ketten behangen, im Arm das Krönleinkind, erwartete sie die Menschen.
Ihres blauen Sternenkleides Falten flossen hin wie ein geackertes
Feld. Engel hielten eine Krone über sie. Große, gewundene Wachskerzen
flackerten, und hoch droben glitzerte das gestirnte Gewölb tausendmal
schöner als der Himmel der Nacht.
Gestalten in verzückten Gebärden leuchteten an der Wand, ganze Kitten
himmlischen Geflügels gaukelten wie Falter im Himmelsgarten. Kanzel,
Altar, Rahmen, Leuchter, Lampen, alles funkelte, wie es sich für das
Schloß der Königin ziemt, die die höllische Schlange überwunden und
unter ihre Ferse gebracht hat. Rings lehnten Krücken und Stecken, die
die Geheilten abgelegt hatten, die vormals so erbärmlich lahm gewesen,
daß sie hatten weder kriechen noch gehen können. Eine wächserne Zunge
hing dort, von einer Frau gestiftet, der die Zunge ans Zahnfleisch
gewachsen war und sich hernach gelöst hatte. Auf Tafeln und Widmungen
war geschrieben und gemalt, wie die göttliche Dornstaudnerin den
Stummen die Rede geschenkt und den Rasenden die Vernunft, wie dem
Blinden der Schein, dem Tauben das Ohr offen wurde, wie Geschwulst und
Rotlauf vergingen, Wunden sich schlossen, Menschen wunderbar errettet
wurden aus wilder Gefahr.
Die Fuxloher bestaunten alles, nickten der Göttlichen zu und warfen ihr
kupfernes Geld in den Opferstock.
Die Kerzen knisterten am Altar, die Ulla starrte darein und staunte:
»Reiche Welt!« Sie sah die Perlen glühen an der Gnadenfrau, Perlen
größer als die Haselnüsse am Vogeltänd, hellblaue, pechschwarze,
veilchenfarbne Perlen. Alles gloste von Gold und Silber und
wunderschönem Glas.
Doch der flimmernde Muttergottestand ängstigte die Alte, sie wagte kaum
den hochlobpreislichen Namen zu wispeln, und hätte doch gar zu gern
ihren weißen Kopf gelegt in Marias Schoß. Die droben am Altar war ihr
zu stolz und zu reich. »Sie wird die armen Leut nit kennen wollen,«
seufzte die Ulla.
Jetzt reckte der Grazian den Hals und flüsterte eindringlich: »Leut,
es ist an der Zeit, vergeßt nit, warum wir den weiten Weg gangen sind!
Sagt es fein der Dornstaudnerin, warum wir heut ihren Freund, den
Blaumantel, nit mittragen!«
Da murrte die Schar ein dumpfes, hartes Gebet wider den Erzschelmen und
Landschaden Kasper Dullhäubel.
Die Ulla aber stahl sich mit bekümmertem Blick hinaus aus dem Glanz und
irrte traurig und verlassen um die Kirche.
Da fand sie eine Kapelle, drin raunte und sprudelte es traulich, und
über dem rinnenden Brunnen war die Gottesmutter auf ein Brett gemalt,
die lächelte lieb und grüßte mit den schlichten Augen das Weib; auf dem
Schoß zappelte ihr das Kind, es tappte gerad nach einem Gimpel, und der
Vogel drehte den Kopf und biß den Buben in den Finger.
»Ei, da ist fröhlich hausen,« dachte die Ulla und kniete mit müden
Knieen auf die Betstaffel hin vor das Bild und schaute sehnlich empor.
Sie, die heimatlos war wie ein Fläumlein in den Lüften, das nicht
fallen kann und nimmer steigen, hier fühlte sie sich daheim.
Sie ließ den bunten Weinfalter frei, den sie gefangen hatte.
»Marienkind,« schmeichelte sie scheu zu dem jungen Herrgott hinauf,
»dir bring ich ein schönes, ein wunderschönes Sommervöglein.«
Auf einmal dachte sie an ihr Herz, das sie voll Sünden wähnte, und sie
betete still: »Maria, lichter als die Lilien hinterm Zaun, roter als
die Nelken am Rain, ich grüß dich soviel tausendmal, als Sandkörner
liegen auf den Straßen, als Laub wachst am Wald, als Sterne scheinen
vom Himmelreich. Geweint hab ich viel, eine Zähre hat die andere
gefeuchtet. Zu dir komm ich, dir vertrau ich, Maria. Durch deinen
keuschen Namen bitt ich dich, du sollst mir sagen, ob ich eine Hex bin.«
Der Heiligen froher Blick fiel auf den alten Heilbrunn. Da beugte sich
die Ulla drüber und schaute ins Wasser, bis sie die eigenen Augen drin
sah, und diese schauten so fromm und gut heraus, daß ihr wunderfriedsam
unter dem gespiegelten Blick wurde, und sie wußte, daß es keine
Hexenaugen waren.
Hernach trank sie von dem fallenden Wasser. Der Marienbrunn sang
vertraut, und draußen im Laub meldete sich ein Rotkröpfel.
Hier war gut sein.
Weit weg von der Welt kniete die Ulla und betete herzlich für Tote und
Lebende, für alle, die sie kannte und die ihr Gutes getan oder Übles.
* * * * *
Am andern Tag gingen die Fuxloher heim. Sie wünschten sich herzlich
wieder in die kleine Heimat zurück aus der Welt, die sie sich so weit
und so breit gar nicht gedacht hatten.
Wieder kürzten sie sich den Weg mit Lied und Litanei und ergötzten
sich an den geweihten Andenken, die sie mit trugen, meist Bildern
des Gnadenortes, mit gereimten Sprüchen bedruckt. Den Kindern hatte
man auf dem Schleckmarkt etwas Gezuckertes gekauft, der Spucht
hatte eine wächserne Nepomukszunge erstanden, der Grazian gar einen
gläsernen heiligen Geist, und er trug die Taube in der spiegelnden
Kugel zaghaft an einem Schnürlein, wich vorsichtig jedem Stein am Weg
aus, und niemand durfte ihm in die Nähe. Wenn sie rasteten, hängte er
sein gläsernes Glück an eine Staude und ließ es an einem Schnürlein
schaukeln und im Licht glitzern.
Allen, die da aus dem hochgoldenen Haus der Herrgottin heimkehrten
in das dürftige Dorf, allen war, sie hätten als Gottes Gäste ein
himmlisches Märlein erlebt, und jeder glaubte, daß jetzt die hohe
Dornenstaudnerin seinen Wunsch auf einem wundergläsernen Teller in den
himmlischen Saal tragen werde.
Die alte Ulla trabte frisch dahin, sie fühlte sich leicht und über Erde
und Leben erhoben wie die weißen Wolken droben.
Der Schmied rief ihr zu: »Heut lachst du daher, Ulla, als ob du statt
von der Muttergottes vom Altweibermüllner kämst.«
»Einmal werd ich wieder jung,« antwortete sie. »Im Himmel sind wir alle
gleich alt, dreiunddreißig Jahr, wie der Herrgott beim Sterben.«
»Wer hat dir das erzählt?« zweifelte der Schmied. »Ist einer von
Jenseits die Leiter wieder herab gestiegen?«
Sie schüttelte ernst den Kopf. »Es darf keiner zurück, daß nix
ausgeredet wird von oben. Es muß geheim bleiben.«