Der schwänkische Mann schlenderte vergnügt heim, weil er den
Wallfahrern den rechten Segen mit auf den Weg gegeben hatte.
Aber als er zur Kapelle kam, war ihm, der helle Donnerstrahl schlage
vor ihm nieder: der Blaumantel stand wieder drin, mit hellen Farben
neu bemalt, den Kinnbart reichlich vermehrt und verlängert, den Blick
weit greller und stechender als früher.
»Der Teufel blendet mich!« krächzte der Dullhäubel.
Doch der Teufel äffte ihn nicht, sondern munkelte ihm ins Ohr. Da
schaute der Schelm sich pfiffig um, und als er nichts Lebendiges merkte
als einen Vogel, der auf einem Tannenspitz rastete, und nichts hörte,
als ein paar Dompfaffen und Teufelsmeßner im Wald, nahm er den Heiligen
beim Genick und schleifte ihn auf heimlichem Steig zu dem alten
Backofen, dort schob er ihn hinein und zündete ihm höllisch unter, und
der Blaumantel fing an zu prasseln und zu knallen und sang wie die drei
Jünglinge im Feuerofen.
Mit leichtem Gewissen ging der Dullhäubel zum »pfalzenden Hahn«.
Wirt und Wirtin waren auf der Wallfahrt. Das Dorf war wie ausgestorben,
nur das Vieh hörte man glöckeln auf den Hutweiden.
Da stieg der Dullhäubel durchs Fenster in die Stube, legte ein paar
Guldenzettel auf den Tisch und stach sich ein Faß an. »Jetzt, Seel,
spring aufs Geripp, sonst ersaufst du!« lachte er und zechte gewaltig
und ebenbürtig den Vorfahrern, die im Jahr nur zwölfmal aus dem
Wirtshaus heimgekommen waren.
Erst als das Abendglöckel läutete und der Fuchs im Steinriegel den
Hühnersegen betete, taumelte er heim vom Leichentrunk des Blaumantels
und stieg, der Ogath nicht in die Hände zu fallen, ganz sacht auf den
Heuboden und wühlte sich dort ein. --
Der Spucht schwenkte die schleißige Fahne, darauf die Notburg gemalt
war, wie sie die Sichel an den Lichtstrahl hängte.
»Ewig leid ist mir um den Blaumantel,« seufzte der Grazian, »der ist
auch ein starker Himmelsfreund gewesen, hat einen Nagel in den Nebel
geschlagen und die Stiefel dran gehängt.«
Er lugte durch die messingenen Brillen, die er aufgesetzt hatte, die
Wallfahrt zu verschönern, ins Gebetbuch; die Wangen glühten ihm,
weil er sich heute wichtiger wußte als die andern Fuxloher, den
Burgermeister mit einbegriffen, eine Litanei nach der andern näselte
er der Kreuzschar vor und hörte nimmer auf. Er hatte sich gelobt, den
Dullhäubel tot zu wallfahren.
Bergan ging es, alle stapften stumm, der Berg nahm ihnen den Atem.
Nur als sie zu einem hochgelegenen, wenig ergiebigen Acker kamen, der
zum »pfalzenden Hahn« gehörte, da hielt der Wirt das Kreuz, das er
trug, darüber, schüttelte es zornig und schrie: »Da schau dir ihn an,
Herrgott! Ist das ein Hafer?«
Oben auf der Schneide, wo man den letzten Blick über Fuxloh genießt,
ehe es hinter Berg und Baum versinkt, da kehrten die vier Weiber mit
der Walburga um, und der Grazian rief seiner Schar zu: »Da schaut hin,
da seht ihr noch einmal euer liebes Vaterland!«
Sie wallfahrteten von Staude zu Staude, talnieder und bergauf durch den
blauen Sommer, wateten durch die seichten, felsklaren Bäche, die krumm
und weitläufig daher rannen, schritten über wackelnde Stege und feste
Brücken; übermütig flatterten die Fahnen. Helle und dumpfe, reine und
krähende Stimmen sangen dem Vorsänger die Weise nach und beteten aus
morschen Büchern, daß die Wälder erschollen, die Scheuern widerhallten
und die Dörfer, die sie durchwallten.
Die Ulla, die ihr Lebtag noch nicht viel weiter als über die
Dachtropfen ihrer Hütte hinausgekommen war, wunderte sich ein über das
andere Mal: »Leut und Kinder, ist die Welt aber groß! Jetzt steht dort
droben auch noch ein Haus!«
Barfuß ging sie dahin, die Schuhe am Stecken über die Achsel gehängt.
Und der alte Didelmann hüpfte hin und wieder behend in eine Einschicht,
um sich den Ziegel wärmen zu lassen, den er am Bauch trug.
Wie an einem weißen Band waren die Dörfer an der Straße aufgereiht,
und wo die Kreuzschar zog, schwangen sich die Glocken in den kropfigen
Türmen und schlanken Dachreitern, lenkten und schwenkten und senkten
der Brunnkreßner und der Spucht die Fahnen, trug der Hahnenwirt den
Herrgott und der Igel seinen Stangenkölbel um die Kirchen und traten
singend hinein, dem heiligen Wolfgangi und dem Isidori und dem Prokopi
einen kurzen Gruß zu bieten, und hernach wanderten sie den Weg weiter,
der hübsch krumm talein, talaus sich schlängelte gen Maria-Dorn.
Stauden grünten am Steig, es hingen rote Blumen drin, der Tau flocht
Rosenkränze, ein zarter Wind rührte scheu an Korn und Wald, Vögel
schwätzten und wirbelten, der Specht, der Holzknecht, hackte lustig den
Tann an, und über dem allen gewölbt hing der muttergottesblaue Himmel.
Bäche schossen daher aus Klüften und Gründen, verborgene Mühlen
murmelten in den Schluchten, und vom Turm des heiligen Bartholomä, der
das dreieckige Fenster hatte, das die Kinder das Auge Gottes hießen,
von dem Turm rief neckisch die Glocke immer wieder: »Klingeleisen,
Bügeleisen!«
An einer zerfallenen Burg wallten sie vorbei, drin nach der Sage ein
verwunschener Schnapphahn geisterte. Die Buben riefen in den Keller
hinein: »Zinnspanner, komm heraus!« und huschten wie gescheuchte
Hirschlein davon.
Mit leisem Schauder schritt die Schar an dem Pesthügel vorbei. Und
manch sonderbarer Heiliger wartete am Weg und wollte lobsungen sein
und ein blaues oder buntes Kränzel empfangen. Die Muttergottesfahrer
kannten meist den Namen und die Geschichte dieser Heiligen nicht,
sie deuteten und benannten sie aus ihrer Einfallt heraus, wie sie es
verstanden oder einmal hatten erzählen hören.
Im Schatten seiner rostigen Strahlenscheibe stand auf einem Bein ein
solch namenloser Himmelsmann; das andere Bein, das er an sich gezogen
hielt, mochte ihn schon schmerzen. Doch schnitt er trotz seiner Marter
ein vergnügliches Gesicht. Dreißig Jahre soll er nicht gesessen noch
gelegen sein und habe mit dieser Peinigung das Himmelreich an sich
gerissen.
»Nehmt euch ein Beispiel an ihm, Fuxloher!« sagte der Grazian und
versuchte ein wenig auf einem seiner spandünnen Beine zu stehen. Und
alle drängten zu dem steinernen Weihbrunn hin und besprengten sich
eifrig.
Vor dem Wermutdörflein -- so hießen sie den Ort, weil im Wiesental
rings soviel Wermut blühte -- vor dem Dörflein stand das Hasenmarterl.
Darauf freuten sich die Kinder schon den ganzen Weg, und die Mütter
trösteten die müden Kleinen damit.
Der Grazian erzählte, ein Bauer habe einmal Sonntags so hitzig einen
Hasen gejagt, daß er die Messe versäumte, und drum habe er zur Sühne
die winzige Kapelle gestiftet.
Drin saß nun das heilige Kind mitten unter tanzenden Hasen, und die
Kreuzschar lachte hinein und ergötzte sich an dem drolligen Tanz, und
die Kinder wollten schier nimmer weiter und wollten immer wieder die
Hasen sehen.
Doch der Meßner drängte, und sie folgten ihm. Er betete ein Gebet nach
dem andern und rief immer aus, wem es gelte. »Wollen wir ein Vaterunser
beten für unsere schwertragenden Weiber!« forderte er, und sie beteten
mit klaren und hohlen Stimmen. Und weiter rief er: »Ein Vaterunser für
solche, die auf hohen Wassern fahren! Und noch eins, daß Kraut und
Hafer gedeihen in der Gemeinde Fuxloh!«
Hernach zog er einen pfiffigen Mund und sprach: »Jetzt wollen wir ein
Vaterunser aufopfern für alle, die gern mitgegangen wären! -- Und eins
für die, die nit haben mitgehen können! -- Und eins für die, die nit
haben mitgehen wollen!«
Er goß einen Schluck kornenen Branntwein in sich, und da eben ein
urwinziges, weißes Wölklein aufstieg, rief er: »Jetzt wollen wir beten,
daß wir in einem trockenen Regen gehen!«
Doch oft hob er stark und geheimnisvoll die Stimme: »Aber jetzt beten
wir recht inbrünstig und herzhaft für den guten Ausgang einer gewissen
Sache!« Da sah er schon vor dem gesammelten Stoß der Gebete den
verruchten Dullhäubel hintaumeln auf den Totenschragen und überliefert
den gespreizten Krallen der Hölle.
Da setzte die Gemeinde gewaltig ein, und es klang wie eine sonderbar
wirre Orgel. Doch galt alle Inbrunst dieses namenlosen Gebetes nicht
dem Tod des Schelmen, sondern jeglichem glühte ein anderes Anliegen im
Herzen.
Der Brunnkressenhannes wünschte sich den Wurm weg, der ihm im Finger
tobte; der Didelmann wollte sein inneres Leiden erleichtern, und die
Glöckelbäurin wollte ihren Zopf aufhängen am Arm der Muttergottes,
die Haare waren ihr ausgefallen in schwerer Krankheit; der Lukas
Schellnober trug seinen Stockzahn gen Maria-Dorn, und die Mechel
wollte dort um einen Mann bitten, nur um keinen rotköpfigen. Der eine
wallfahrtete wegen des Mausfraßes, der andere seinem kranken Roß, der
dritte seiner trächtigen Kuh zulieb. Die Ulla schleppte ihr schweres
Herz mit, das sie in verfluchtem Hexentum verloren wähnte.
Der Lippenlix ging auch mit, weil ihm der Dullhäubel den Bart
geschändet hatte. Er war ein solcher Spielteufel, daß er selbst im
Gehen mit seinesgleichen Karten spielte, und nicht eher ließ er davon
ab, bis ihm der Lukas Schellnober die Eichelsau aus der Hand schlug.
Weiter ging es.
Sankt Peter, der Wettermacher, grüßte aus seinem blauesten Fenster. Auf
den Blockhalden glühten schlanke Weidenröslein, Stauden einsiedelten
auf traulicher Heide, die Wiesen lagen rot und weiß und gelb
gesprenkelt, und ihre tausend Tauäuglein glühten. Lerchenträchtig war
der Himmel. Hasen reckten die Löffel aus Klee und Ginster, Spechte
spähten, die Eichkatze staunte aus dem föhrenen Wald, der Grill
lauschte im Gras auf, wenn die Bittfahrer vorübersangen. Bienen und
schöne goldige Fliegen sumsten heimlich die Marienweisen mit.
Gar als der Kuckuck vom Berg jauchzte, da rief die Ulla, der sich die
Welt auf einmal gar so unheimlich weit auftat, freudvoll aus: »Der
Fuxloher Guckauf ist mit auf der Wallfahrt, ich kenn ihn am Schrei!«
An einem Hang voll gelber Rainblumen hoch oben auf einer Säule stand
ein Steinmann, mit den Füßen mitten drin in einem Strahlenkranz.
Ihn hießen sie den heiligen Grobian, weil er der Straße und ihren
Wandersleuten den Rücken kehrte.
»Das ist eine Wundersäule,« sagte der Grazian, »sie dreht sich
langsam.«
Der Didelmann, der der älteste Mann von Fuxloh war, erzählte: »Vor
fünfzig Jahren, ich denk es noch, hat der heilige Grobian mit dem
Gesicht noch auf die Straße geschaut. Ganz langsam dreht er sich, alle
Jahr gibt es ihm einen geringen Ruck. Merkt auf, Kinder, wenn ihr in
fünfzig Jahren wieder da vorüber geht!«
Die Ulla aber redete: »Ihr sollt ihn nit den Grobian schelten! Wer
weiß, ob derselbige nit durch sein Blut hat ins Himmelreich schwimmen
müssen? Wer weiß, ob die schlimmen Heiden ihn nit mit Blei, Öl und Pech
begossen haben?«
Da graute allen, und sie knieten reuig vor dem gescholtenen Heiligen
hin. Nur der Brunnkressenhannes nicht, denn seine Filzhosen waren so
dick, daß er drin die Kniee nicht biegen konnte.
Der Spucht schneuzte sich gerührt in den Hut.
Durch Drosselwälder und über Kuckucksberge wallend, stießen sie auf
eine abgebrannte Florianikapelle; sie war nimmer aufgebaut worden, weil
man den heiligen Feuerherrn nicht mehr traute, der das eigene Haus
nicht beschützt hatte.
Vor mancher Bildsäule warf sich die Kreuzschar in die Kniee.
Da war der selige Simandel. Der hieß so, weil er gar erbärmlich geduckt
stand, als fürchte er eines scharfen Weibes Angriff. Vielleicht hatte
er in einem demütigen Ehestand die Marterpalme errungen.
Einmal führte der Grazian seine Herde zu einem Felsen und zeigte ihnen
darauf ein Loch, das hatte der Bischof Wolfgang auf der Reise mit
seinen Füßen hinein getreten.
Er wies ihnen einen hohlen Stein, der war der Sessel der glorreichen
Frau gewesen auf der Flucht, bis sie ein Geißhirt davon vertrieb mit
rauhem Schelten und Geißelknall.
Er führte sie zu einem wunderbar riechenden Dornbusch. Dort hatte einst
ein Bittfahrer ein geweihtes Gottesbrot erbrochen, und an selbem Fleck
war hernach die Staude gewachsen. Jetzt steckten die Fuxloher andächtig
schnüffelnd die Nasen darein, stumpfe und spitze, weiße, rote und blaue.
Einen Heiligen trafen sie, der rastete mit durchbohrtem Leib mitten in
hohen Disteln drin, verzückt in sein Leid. Ein Stieglitz wiegte sich
auf einem der vielen Distelköpfe und letzte sich dran.
Die Kinder wollten wissen, warum der Marterer den Spieß im Bauch habe;
niemand konnte es ihnen deuten.
Ein Hirt lagerte unter einem nahen Haselnußbaum, der rief: »Der
Herrgott hat unserm Heiligen zwei Zungen gegeben, daß er ihn besser
loben kann.«
Den Grazian verdroß die Prahlerei arg, und er knurrte: »Unser
Blaumantel hat drei Zungen gehabt. Ich bin ein steifgläubiger Mann,
aber gegen unsern Heiligen gilt euer Distelbub einen Pfifferling.«
Der Hirt raffte sich neugierig auf. »So seid ihr die Fuxloher, die die
Heiligen stehlen? Bei euch sollen ja mehr Spitzbuben als gestutzte Hund
sein.«
Das ergrimmte den Hahnenwirt, und er schlug mit dem gekreuzigten
Herrgott auf den Spötter los, der aber wehrte sich verbissen mit
seinem krummen Stecken. Der Lukas Schellnober tat schließlich die zwei
auseinander.
»Dazuland sind die Hirten grob, das ist wahr,« schimpfte der Grazian,
als sie schon weit von dem Distelgarten waren. »Kein Wunder, wenn die
Muttergottes davon rennt! Setzt dem Teufel eine Säul her!«
Mit hellen Augen sah die Ulla all die fremden Kapellen und Bilder der
Heiligen, die auch nach dem Tod nicht ermüdeten, Wunder zu wirken, und
sie konnte sich vor lauter Ehrfurcht nicht genug tun, und als vor einem
jähen Straßenabsturz eine Säule stand, die Fuhrleute zu erinnern, daß
sie hier den eisernen Schuh unter das Rad zwängen sollten, da ließ sich
das Weiblein es nicht nehmen, sie kniete hin und betete gläubig hinauf
zur Gibachtsäule.
»Heiliger Radschuh, das sollt der Dullhäubel sehen!« lachte der rauhe
Schmied.
Unter einer breiten Linde, in deren Laub es sommerlich summte, rastete
die Schar.
Der Longinus Spucht lehnte das Notburgisfähnlein an den Baum und setzte
sich auf eine Wurzel. Er hatte himmelblaue Hosen an und rote Strümpfe,
er starrte auf die brennenden Waden und dachte zurück an die wilden
Nächte am Lusen, während sein Weib am nahen Feld viereckigen Klee
suchte, daß sie Glück habe.
Die Kirchfahrer holten ihr Brot hervor, schmierten Schmalz darauf oder
häuteten eine Wurst. Die Mütter zöpften die Dirnlein, die sich das Haar
an den Stauden zerrauft hatten.
Die Ulla fand ein paar Silberdisteln, sie schnitt den fleischigen Boden
davon ab und aß ihn. »Das ist kein schlechtes Obst,« dachte sie.
Sie strich wunderlich erregt in der Nähe der Raststatt herum. Sie fing
einen bunten Weinfalter, der gar nicht scheu war und der Menschen
Arglist nicht ahnte, und tat ihn in ein Schächtlein; sie zupfte
Dornblumen ab und zierte sich den verrunzelten Kopf. Und als sie eine
dichte Staude auseinander bog, erschrak sie bis ins innerste Herz:
da lag verborgen der Marterheiland, kraftlos niedergesunken an der
Geißelsäule, ein grauer Stein. Und halblaut sang die Uralte:
»Unser Herrgott liegt im Moos
gepeinigt und zerschunden,
zählt die fünf bittern Wunden,
und sein Schmerz ist groß.
Kann nit sitzen, kann nit stehn,
kann nit auf und weiter gehn,
liegt in Dorn und Schleh,
die fünf Wunden tun ihm weh.«
Hernach ließ sie die Staude wieder sanft zusammenschlagen und schlich
weg. Sie verriet keinem den heimlichen Herrgott.
»Lüpft euch auf!« rief der Grazian. »Wir müssen weiter.«
Verschollene, bemooste Gebete klangen wieder, oft ein Gemisch von
Frömmigkeit und Unsinn, in alten halbvergessenen Formeln, den Betern
selber unverständlich. Doch sie zerbrachen sich darüber das Hirn nicht
und glaubten, Gott werde es sich schon auszudeutschen wissen. Wenn die
Wellen der Gebete gar zu hoch schwollen, da reckte der Grazian den
Finger auf: »Gebt nit alle Kraft her! Spart sie der Maria auf im Dorn!«
Sie traten aus dem Gebirg heraus in ein freundliches Liebfrauenland
voll sanfter Hügel, deren einige grüne Wälderhauben aufhatten; gelbe
Felder wogten, Wiesenhalden lachten.
Sie wanderten bald auf breiten, ebenen Straßen, bald gingen sie eines
hinter dem andern einen dünnen Steig durch hohes Korn, sie verschwanden
drin, und nur die Fahnen ragten drüber hinaus und kündeten von ihrer
Wanderung.
Ob des endlosen Getreides verzagten die Kinder, sie fürchteten, das
Kornweib greife aus den Halmen und verschleppe sie in die knisternde
Wildnis.
Der Mittag flirrte über dem Land, immer glüher ward die Sonne, immer
müder die Kreuzschar. Sie spannten die roten und grünen Schirme wider
das ungestüme Licht. Staub stieg. Die Kinder trippelten an den Händen
der Mütter, greinten und weinten oder begehrten ungeduldig heim. Viele
ließen sich tragen.
Der Didelmann seufzte: »Der Ziegel ist noch hübsch warm, aber die Nägel
hab ich mir von den Zehen gerannt.«
»Steinmüd bin ich,« klagte der Igel. »Der Sommer haut heuer über die
Schnur. Für den Kornschnitt ist es recht.«
»Der Weg wird sauer,« flüsterte der Grazian, »aber nachlassen dürfen
wir nit.«
Der Burgermeister lugte auf die Sackuhr und sagte: »Der Weg zieht sich,
wir haben noch eine harte Stund vor uns.«
»Hör auf mit deiner Uhr,« neckte ihn der Sulpiz, »sie geht nach dem
Fuxloher Mondschein.«
Und der Brunnkressenhannes seufzte: »Wenn nur der afrikanische Wind nit
wehen tät!«
Glänzte irgendwo ein Wiesenbrunn auf, so stürzten sie darüber her und
tranken. An den Bächen wuschen sie sich die staubigen Stirnen. Erlöst
atmeten sie, wenn ein Hain seine Kühle über die Straße warf.
Einmal bildete sich der Grazian ein, er habe sich die Füße ausgekegelt.
Er legte sich ins Gras, streckte die dünnen Beine in die Höhe und
flehte: »Spucht, zieh an, aus Leibeskräften zieh an!«
Der Spucht ließ sich nicht bitten und rüttelte ihm die Gliedmaßen.
»Weh, du reißt mir den Fuß aus!« jammerte der Meßner. Er sprang auf und
hinkte weiter.
Die Ulla aber hatte ihre Traurigkeit vergessen. Sie hub ein helles
Lied an, das sonst niemand kannte, und drum blieb ihre spinnwebfeine
Stimme einsam. Vor den halbgeschlossenen Augen schaute sie die heilige
Frau, der ihr Kittel war aus Sonnenschein, und gegürtet war sie mit dem
Regenbogen. Und die Ulla fügte lustige Triller und jähe Jodler in ihre
Weise, sie konnte nicht anders als fröhlich singen, verstummt war die
Qual des Gewissens, und das Herz schlug ihr hellauf vor glücklicher
Erwartung.
»Wer hat denn nur das Lied erdacht?
Droben aus der Höh
es habens drei Engel vom Himmel gebracht.
Mariafrau, juchhe!«
»Hört der Ulla zu!« brummte der Schmied. »Ja, wenn die alten Weiber
tanzen, hernach fliegt der Staub hoch.«
Sie trabten eine kühle Waldstraße hin. Örterweise warteten Kapellen,
drin des gebundenen Heilands Leidensrast und Weg zur Schädelstätte gar
wild und lebendig abgebildet war.
Die Sonne ermüdete und senkte sich aus der Höhe.
»Leut, verzagt nit!« feuerte der Grazian seine Schar an. »Wir haben
nimmer weit zum goldenen Haus.«
Er fing eine Litanei an und betete sie genau mit derselben singenden
und nachhallenden Stimme wie sein verstorbener Pfarrer Sebastian
Knaupler, so daß mancher erschrocken auffuhr und meinte, den Verewigten
selber zu hören.
Der Meßner betete vor: »Von der heimlichen Nachstellung des bösen
Feindes --.«