»Ich bin der Longinus Spucht aus Fuxloh. Ist denn in der Zeitung nix
von mir gestanden? Wegen der kaiserlichen Beleidigung?«
»Ich weiß nix«, brummte der Scherge. »Wenn Sie aber durchaus im
Zuchthaus Spinnen und Fliegen fangen wollen, so kommen Sie mit. Ich hab
sowieso in der Stadt zu tun. Reden Sie dort mit dem Richter!«
Er schulterte das Gewehr, auf seinem Hut nickte der kriegerische
Hahnenschwanz, und er ging stolz und steif, die Brust heraus, und
schaute nicht rechts und nicht links. Neben ihm trippelte der
Armesünder mit geknickten Knieen, als führe sein Weg schnurstracks zum
Galgen.
Die Leute, die ihnen begegneten, freuten sich. Sie sagten: »Es ist gut,
daß sie den Raubmörder einführen. An dem Bart sieht man es ihm an, was
er Blutiges imstand ist.« Oder: »Dem Spucht hab ich es oft gesagt,
daß wir uns im Zuchthaus sehen werden. Ein verwogener Raufer ist er
gewesen, überall dabei.«
Er nahm alles zerknirscht hin.
In Hirschenbrunn rannten ihm die Kinder nach und deuteten auf seinen
wildmächtigen Bart.
Als er ins Gerichtshaus trat, war ihm, er müsse tot umfallen. Er sah
sich noch einmal um und wisperte: »Blaue Luft und grünes Gras, behüt
euch Gott! Berg und Wald und Hirsch und Reh und Weib und Kind, ich seh
euch nimmer. Mein Lohn ist Pulver und Blei.«
In einer Kanzlei empfing ihn ein alter Herr, sein Bart war weiß wie
Rauhfrost, doch die Augen funkelten ihm scharf und jung.
Er ließ ihn hart an: »Sie sind also der berüchtigte Räuberhauptmann
Spucht?«
»Taglöhner und Holzhacker bin ich, sonst nix, Euer Gnaden,« stammelte
der Spucht.
»Wieviel Menschen haben Sie ermordet?«
»Keinen, um Gotteschristi willen, keinen!« schwur er entsetzt.
»Warum haben Sie den türkischen Kaiser beleidigt, Sie Grobian? Hat er
Ihnen etwas getan?«
»Ei, gibt es einen zweiten Kaiser auch noch?« Der Spucht ließ das Maul
offen vor Verwunderung.
»Weh Ihnen, wenn ich noch einmal etwas Ähnliches von Ihnen erfahre!
Dann kenn ich keine Gnade mehr,« drohte der Richter. »Und nun kehren
Sie in den Schoß der Gemeinde Fuxloh zurück! Vorerst aber lassen
Sie sich vom Balbierer nebenan auf meine Kosten den Bart stutzen.
Verstanden? Hinaus!!«
* * * * *
Die Fuxloher wollten wallfahrten gehen.
Sühnen wollten sie, daß einer von ihnen sich an dem Heiligen
vergriffen; sie wollten verhindern, daß ob dieses Frevels der Himmel
mit schwarzen Wettern auf Saat und Frucht niederschlage, die der
verschollene Blaumantel nimmer schützte. Und weil die Not kein Gesetz
kennt, wollten sie an überheiligem Ort bitten, daß der Erzschelm
Kasper Dullhäubel bald von der Erde weggeräumt und der Hölle
überliefert werde, die er sich reichlich verdient hatte.
Der Meßner Grazian wurde frühzeitlich von dem Uhrgewicht geweckt, das
von der Höhe herab mählich auf seine Stirn gesunken war. Er lugte zum
Fenster hinaus, wie der Wind gehe und ob kein gefährliches Gewölk
hänge zwischen den Bergen Rachel und Lusen. Doch stand der Himmel hell
gespannt über dem Land, und das Wetterglas stieg. Da stiefelte er sich
festlich, knüpfte sich ein rotes Halstuch unter dem Adamsapfel, band
grobes Geld ins Schneuztuch und weckte den Brunnkressenhannes.
Der Hannes blies gewaltig ins Kuhhorn, und droben im Dachreiter des
Glöckelbauern rührte sich das Geläut. Jedes Gehöft sandte seine
Leute zur Wallfahrt aus; Alte und Kinder, die ansehnlichsten und die
mindesten Fuxloher kamen daher, denn es gab schier keinen im Ort, dem
der Dullhäubel nicht einmal eine Schalkheit angetan hätte.
Bald waren sie wegfertig.
Vier schwangere Bäurinnen holten aus der Kammer des Grazian eine
geschnitzte heilige Walburga. Der Igelbauer trug auf einer Stange den
heiligen Kölbel, der die Wallfahrer schützt auf ihrer staubigen Reise;
der Brunnkressenhannes schwenkte die Männerfahne, der Spucht lenkte die
Weiberfahne, und der Hahnenwirt ging mit dem gekreuzigten Herrgott.
Die Dirnen hatten die Zöpfe mit Myrten und holden Zaunblumen geziert,
und auch die uralte Ulla ging mit, das silberne Haar hatte sie gelöst
und sie durfte es so tragen, weil sie eine Jungfrau war.
Sie trugen Zehrung in Zwilchsäcken mit und in Bündeln, mancher hatte
sich weislich mit einem Regenschirm versehen.
Als die Kreuzschar singend auszog, lag der Dullhäubel auf einem Bühel.
»Ich kann nit mitgehen,« schrie er ihnen nach, »auf der Ferse wachst
mir ein Hühneraug, so groß wie eine wallische Nuß.«
Der Grazian schüttelte den Schirm. »Spott zu! Du hast bald
ausgespottet!«
»Wie meinst du das, du Vaterunsermühl? Willst du vielleicht gar bitten,
daß ich bald hin werd, du Weihbrunnkrug? Haltest du unsern Herrgott für
einen Schuft, der sich kaufen laßt, du augendreherischer Meßner? Geh
zu und verricht dein kniebeuglerisches Geschäft!«
»Rennen wir, sonst wirft er uns ein paar unschöne Wörter nach!« drängte
der Hannes.
Der Schelm am Bühel näselte, den Grazian nachahmend, der eilenden
Kreuzschar seinen Spott nach.
»Die schönste Zeit ist eingetroffen,
die Einkehrhäuser stehen offen,
singt, Wallfahrer, sauft nur zu,
schnürt euch die Schuh mit dem Strohhalm zu!«
Der Schmied Sulpiz Schlagendrauf wollte gegen den Sänger losgehen, doch
der Grazian hielt ihn beim Rock. »Herr, vergib ihm!« seufzte er mit dem
Blick nach oben.
Der Dullhäubel lachte und schalt: »Ihr Nothälse, ihr habt alle nix,
müßt euch die Schuh mit Rotz schmieren! Ihr Zipfelhaubenbauern, ihr
Waldesel, stehlt euch nur wieder einen buchsbaumenen Heiligen!«