Alle Augen richteten sich gen den Berghang, wo des Igelbauers
Wirtschaft war. Aber sie lagerte friedlich, und nur ein linder Qualm
hing über dem Rauchfang.
»Dullhäubel, spaß nit!« mahnte der Glöckelbauer. »Der Schrecken ist mir
ins Knie gefahren.«
Der Brunnkreßner legte den Brandbrief zusammen. »Der Schreiber ist in
keine gute Schul gangen,« sagte er mißbilligend, »jedes Wort hat er mit
einem großen Buchstaben angefangen. Das ist falsch.«
»Ganz recht ist es,« stritt der Dullhäubel. »In einem Brief schreibt
man alles groß, daß keine Beleidigung geschieht.« --
Die Fuxloher forschten nicht nach, wer den Zettel geschrieben. Aber die
Brandwächter, die nachts um des Igels Scheuer lungerten, hielten die
Schießprügel fest und warteten, und der Nachtwächter sagte halblaut:
»Der Spucht, der rennt einem ohne weiters das Messer hinein. Er hat ein
kaltes Herz.« --
Der verrufene Mann irrte indes auf Diebssteigen in den Wäldern des
Lusens, fraß Krauselbeeren und hauste in einem umwurzelten, umknorrten
Loch, eine Eiche hatte dort die Fänge eingeschlagen. Er spürte hinter
jeder Staude Schergen und kaiserliche Reiter und sah den Himmel voller
Galgen.
Nur wenn ihn der Hunger gar zu hart peinigte, traute er sich an eine
Einschicht heran und half den Leuten, die den Mann mit dem wilden Bart
nicht kannten, das Gras mähen und verlangte dafür Suppe und Brot. »O
weh,« seufzte er oft, »wenn die einöden Leut hören, daß ich den Kaiser
geschändet hab, sie werden mir nix mehr geben, und ich kann Holzobst
fressen wie die wilden Säu!«
Er führte eine ungeladene, zerbrochene Pistole bei sich und wäre arg
verlegen gewesen, wenn er damit ein wildes Tier hätte abwehren müssen.
Er ward schwermütig. Er dachte, jetzt käme er nimmer heim zu seinem
Weib und nach Fuxloh. Und Eisen und Zuchthaus warteten auf ihn. Pulver
und Blei!
Am schlimmsten war ihm in der Nacht, wenn die Eulen wimmerten, finstere
Bäche unheimlich für sich hin redeten, schwarze Bügel flogen und
Gespenster schwärmten. Da nahm der Spucht oft vor der eigenen Angst
Reißaus und geriet in fremde, abseitige Schluchten und fremdes Gestrüpp
und Gesträuß und fand lange nicht zurück in die bekannte Gegend.
Einmal ging er nachts auf einem fremden Holzsteig, der war so
unheimlich, als ob der Teufel dort herumstinke. Der feurige Mond
leuchtete, hinter finstern Stauden brummte ein Hirsch, verzagte
Wacholderstöcke standen karg und schaudernd im Wind. Und wie der Spucht
so einschichtig durch die Wildnis strich, sah er auf einmal am Weg
einen Mann, der schien zu lauern.
»Halt, Longinus, das gilt dir!« dachte der Spucht. Die Ohren sausten
ihm.
Der Mond verkappte sich hinter einer dicken Wolke. Die Moosgeiß rief
gespenstisch wie eine verirrte Kuh, und entsetzt rannte ein Bach aus
dem finstern Wald. Fern leuchtete eine Einschicht auf.
Der Spucht nahm sein Herz in die Hand, ging auf den scheulichen
Kerl los, nahm den Hut ab und sagte gar erbärmlich: »Ich bitt um
Verzeihung, Herr, ich hab mich verirrt. Wie heißt denn der Wald da?«
»Totenkopf.«
»Und der Bach da?«
»Mörderbach.«
Nach der Einschicht fragte er nimmer, denn der Bösewicht hätte gewiß
geschrieen, sie heiße »Stichzu!« und wäre mit einem langen Messer
hergesprungen.
Der Spucht kehrte sich um und stotterte ein Schutzgebet: »Gott, steure
mich ins Himmelreich!« Die Zähne schepperten ihm, er meinte, jetzt
pfeife ihm eine Kugel in den Rücken. Er rannte, bis er mit dem Bart in
einer Dornstaude hängen blieb.
Die Einöd ist des Menschen Feind. In der Einöd ist alles zu fürchten.
Dort steht ein Wald, brandig und dürr bis in den letzten Wipfel hinauf,
geisterhaft rieseln die roten Nadeln nieder. Das Gespenst eines
Holzknechtes, den ein stürzender Baum erschlagen, erwürgt diesen Wald.
Dort ist ein Gehölz, und geht man nächtens dort, da fragt vom Wipfel
ein Unbekannter herunter: »Wohin?«
Dort in der Schlucht ist ein Jäger für immer verschollen. Oft schreit
sein Geist drin auf.
Der Spucht starb jede Nacht vor Furcht. Und mancher Baum reckte ihm die
festen Äste hin und knarrte: »Häng dich auf, Spucht!«
Von Heimweh getrieben, schlotterte er schließlich gen Fuxloh.
Die Bäume verdüsterten sich schon, als er durch den Vogeltänd huschte.
Es wurde wieder unheimlich. Eine Unke läutete im Moor, sie rief
wie eine verlassene Wittib. Ein Dämmervogel strich. »Es ist eine
Schneiderseel,« flüsterte der Spucht und bekreuzte sich.
Mitten im zerfahrenen Hohlweg lauerte ein Mann genau so wie der im
Totenkopfwald am Mörderbach bei der Einschicht Stichzu. Oder war es
gar ein Spießwächter? Wird er nicht jetzt wie ein brennender Löwe
herspringen, den Scheuchhund neben sich?
Alles war karthäuserisch still. Der Wind rührte nur einen einzigen Ast,
und der knarrte. Ein Klagweiblein schwang sich in die Luft, flatterte
und schrie.
Der Spucht faßte Mut und schrie: »Ich schieß dich nieder, Hund, daß
du meckerst! Ich laß dir das Messer hinein, daß es dir hinten wieder
hinaus steht!«
Der im Hohlweg aber lachte grausig.