Da kauerte der Musikant auf die Erde, der Sulpiz klemmte den
verbundenen Kopf zwischen seine Kniee und zog einen Schlüssel aus der
Tasche.
»Tu das Maul auf! Welcher Zahn ist es?«
Ächzend deutete der Leidensmann in sich hinein. Der Schmied griff zu
und drehte, daß ihm die Adern am Arm schwollen, indes der Geklemmte die
vierzehn Nothelfer anschrie.
»Der Stockzahn rührt sich nit, der Teufel!« schalt der Sulpiz. Er fuhr
dem Gepeinigten noch einmal ins Gebiß, und mit einem Ruck, daß schier
der Amboß wankte, riß er einen mächtigen Zahn heraus.
»Du hast den falschen erwischt,« rief der Lukas, »das gilt nit!«
»Die Hauptsach ist, daß das böse Blut abgeht,« tröstete der
Zahnbrecher. »Jetzt geh zum Misthaufen und speib das Blut aus!«
Der Musikant legte ein Sechserlein auf den Amboß. »Wenn es besser wird,
trag ich den Zahn nach Maria-Dorn und häng ihn der Muttergottes mit
einem seidenen Band um den Hals,« gelobte er.
»Und du lümmelst noch allweil da?« schnauzte der Schmied den Dullhäubel
an. »Ich verdien Geld, und du versäumst dein Geschäft.«
»Ich kann nix versäumen, Meister.«
»Eine junge Dirn ist da gewesen und hat nach deinem Hof gefragt. Sie
will in den Erdspiegel schauen.«
Hastig nahm der Dullhäubel den Weg unter die Füße.
Es war zum erstenmal, daß ihn jemand um den Erdspiegel anging. Die
Leute waren schon zu klug. Zu des Ähnels Zeiten trug der Spiegel viel
mehr ein als der Opferstock in der Kirche, die Bittsteller kamen aus
aller Weite; wer ihnen das Roß gestohlen oder den Stall verhext,
wollten sie wissen und wollten allerhand Heimliches ausfindig machen.
Das war vorbei.
Der Bauer sann nach, wie er den Erdspiegel wieder in Schwang und Ruf
bringen könne. Heute schien sich eine gute Gelegenheit zu bieten. Er
nahm sich vor, die Dirne erst um ihr Anliegen zu fragen, dann wollte
er sich in den Keller sperren, als ob er Hokuspokus triebe, und dort
würde ihm schon die rechte Antwort einfallen.
In seinem Hof droschen die drei immer noch, und die kleinen Dirnlein
spielten vor der Scheuer, eines kitzelte die andern auf die nackten
Sohlen und rief: »Wer schmunzt, wer lacht, wer die Zähn für reckt, der
gibt ein Pfand.«
Als der Dullhäubel die Stube leer fand, schwante ihm Schlimmes, und er
lief in den Keller.
Die Tür zum Erdspiegel war aufgerissen.
Ins Halbdämmer des Raumes brach durch ein Guckloch ein Strahl und traf
den runden Spiegel, der auf einem Felsblock lag. Eine junge Dirne
beugte sich drüber und rätselte an den Zeichen, die auf das Wunderglas
gemalt waren: eines glich der Ziffer vier, ein anderes führte drei
Zinken wie eine Mistgabel, das dritte trug einen Ring mit zwei Hörnlein.
Der Bauer erkannte im Halblicht die Fremde nicht. »Was sprengst du mir
die Tür?« schalt er. »Bist du eine Räuberin?«
»In meiner Verzagtheit hab ich es getan,« antwortete sie. »Verzeih mir,
Spiegelmann!«
Er schob sie weg und schaute lange und ernst hinein in das Glas. Dann
sagte er geheimnisvoll: »Ich seh es, du kommst wegen einer Liebschaft.«
»Siehst du meinen Schatz auch?« rief sie heftig. »Er ist mir verloren
gegangen. Wo find ich ihn?«
Er starrte in den Spiegel und sann auf eine hübsche Lüge.
»Merkst du was?« fragte sie voll Neugier. »Ich hab nur den Dreizahn
gesehen und den Hörnerbock und den Vierer.«
»Das sind die Zeichen der drei Heidengötter,« flüsterte er. »Weiberleut
sehen nur das im Erdspiegel. Und dann, bist du noch eine Jungfer, he?
Bist du nit schon einmal über das sechste Gebot gestolpert?«
»Aber hingefallen bin ich noch nit.« Sie kehrte sich verschämt ab.
»Es ist, als ob heut der Spiegel rauchig wär,« redete der Dullhäubel in
das Glas hinein. »Hätt ich nur das Zauberbuch nit verlegt, ich könnt
dir gleich verraten, wo sich dein Liebhaber herumtreibt.«
Da versuchte auch sie hineinzuspähen, und da sich ihr junger Leib dabei
derb an den Bauer schmiegte, ließ er sie gewähren.
Plötzlich schrie sie hell auf: »Da schaut er heraus, der Tischler
Franz, der mit mir hat Adam und Eva spielen wollen!« Und jäh sich
besinnend, starrte sie den Dullhäubel neben sich an und packte ihn beim
Bart. »Du bist es gewesen, Erdspiegler, der mir die Heirat versprochen
hat!«
Es war die Mechel Schellnober.
Er begehrte auf. »So kommst du mir? Mir, dem Dullhäubel? Ich kenn dich
nit. Ich bin ein verheirateter Mann. Willst du Unfried stiften in
meinem Haus? Gleich fahr ab, du Lügenwachtel, sonst schrei ich um den
Schergen!«
»Lügst du aber keck!« staunte sie. »Und du bist es gewesen, und wenn
du auch leugnest wie ein Spitzbub. Ich kenn dich an dem kugelrunden
Schädel, an dem roten Bart, an dem kurzen Hals. Denselben Filzhut mit
derselben Schnalle hast du aufgehabt. Komm einmal ans Licht hinauf! Du
willst dich weiß brennen, willst tun, als ob du die nackete Unschuld
selber wärst.«
»Das bin ich auch. Und den Hut hab ich mir erst gestern gekauft, du
zottige Gretel. Beweisen kann mir keiner nix. Und ans Licht geh ich
just nit, mir ist warm, und im Keller ist es schön kühl.«
»So steig ich allein hinauf, Erdspiegler, und klag es deinem Weib.«
Da stieß er sie zurück und sprang ihr voran die Stiege hinauf, lief
vors Haus und schrie: »Bäurin! Wabel, Reigel, Rosel! Kinder, kommt
schnell! Stasel, Kathel, Liesel! Sakerment, mir fallen die Namen nit
ein!«
Die Mechel erschrak, als sie auf einmal mitten in einem Ring von
Jungfern und Dirnlein stand.
Mit dem Finger deutete der Dullhäubel auf sie. »Weib, Kinder, die
mannsleutnärrische Schnudel da ist mir in den Keller nach, ganz
putipharisch hat sie nach meiner Unschuld begehrt. Aber ich bin ihr nit
ins Eisen gegangen.«
»Gibt es denn keine Wahrheit mehr auf der Welt? Hat der Schauer alle
guten Leut erschlagen?« weinte die Mechel. »Erdspiegler, du stellst
mich her, daß kein Hund mehr ein Bröckel Brot von mir frißt. Und du
hast mir versprochen --.«
Er ließ sie nicht ausreden. »Sie hat die Bubensucht; sie lügt, ich hätt
ihr die Heirat versprochen. Kinder, den Vater will sie euch nehmen, und
dir, liebes Weib, den Ehmann!«
»Sie soll dich nur mitnehmen,« sagte die Ogath.
»Was? Das wollt ihr euch gefallen lassen?« Seine Stimme verstieg sich.
»Und ihr jagt sie nit aus dem Hof?«
»Ich zeig dir schon, was es heißt, einen neuen Trieb kriegen,«
lachte die Bäurin wunderlich. Und sie fiel mit den Töchtern über den
Dullhäubel her wie Hündinnen über einen Bären, im Hui wälzte er sich,
die Hiebe fielen wie ein Schlossenschauer über ihn, er konnte sich
ihrer nicht erwehren.
»Blaumantel, hilf! Die Mannsleut müssen zusamm halten,« rief er.
»So, jetzt nimm dir ihn mit,« sagte die Bäurin zur Mechel, »wir
schenken dir ihn herzlich gern.«
»Ich mag ihn nit,« antwortete die Fremde. »Und zu wegen seiner wird aus
mir keine Klosterfrau. Die Welt ist kein Krautgarten, mein Glück wachst
überall.«