Er blieb nichts schuldig. »Du Truchtel, sei still!«

Ein Schimpf rankte sich in den andern.

»Du Flank du, du Schlank du!«

»Du Runzel, du Schlunzel!«

»Du Sauftümpel, du Galgenbraten!«

»Du Zahnraffel, du Schürhaken!«

»Du Abfaum, du alter Schepperer!«

»Du Schebrelle, du Rabatsche!«

»Du lasterhaftes Bockfell!«

Er gab nach. »Weib, wie einen Pudelhund beutelt es mich vor Kälte.

Erbarm ich dir nit? O an dir erleb ich keine Freud, jeden Schluck in

die Gurgel zählst du mir!«

Murrend warf er sich auf den Strohsack.

Der reichliche Trunk wirkte, und der Dullhäubel schlief ein.

Kaum hatte er die Augen zu, so beugte sich der Blaumantel über sein

Bett, daß ihm der hölzerne Leib krachte.

»Dullhäubel,« wispelte er, »ich bleib nimmer in der Einöd. Es sind mir

zu viel Narren und Diebe da.«

»Ich trag dich nach Blaustauden,« stöhnte dienstwillig der Träumer.

»Zu den hochnasigen Heiligen in die Kirche will ich nit,« erwiderte der

Blaumantel, »die Goldenen und Silbernen verachten meine hölzerne Kutte.

Schieb mich ins Dorf! Neben dem ›pfalzenden Hahn‹ will ich sein.«

Gleich stand der Dullhäubel hinter der Kapelle und schob an und stemmte

sich daran, es war eine schwere Plage, aber die Kapelle rückte nicht

vom Ort, und der Bauer schnaufte und ein scharfer Durst peinigte ihm

Zunge und Gaumen und brannte ihm tief in den Schlund hinab, und sogar

Magen und Gedärme dürsteten ihm und lechzten nach einem Trunk. Und

wieder warf sich der Dullhäubel gegen die Mauer, drängte und schob. Den

Schweiß, der ihm von den Brauen tropfte, fing er mit dem Maul auf, um

sich zu erquicken. Doch die Kapelle saß wie ein Fels in der Erde. Da

bleckte der Blaumantel wild lachend die Zähne, schwang sich aufs Dach

und ritt droben wie ein Reiter auf dem Roß und schrie: »Wieh!« Jetzt

rührte sich die Kapelle und fuhr wie ein schneller Wagen bergan.

Der Dullhäubel erwachte, staunend und blöd hockte er auf dem Strohsack.

Den peinigenden Durst zu löschen, richtete er sich auf und tappte

in den Keller, wo auf einer Bank die Milchtöpfe standen, ergriff

einen davon und soff. Er mußte saufen, süß oder sauer, Kuhmilch oder

Geißmilch, es galt ihm gleich. Er soff wie ein glühender Stein. In

endlosem Zug schlampte er den Ton bis auf das Neiglein aus, wischte

sich schnaufend den Bart und taumelte satt hin aufs Stroh. --

Der Hahn krähte, der Tag graute an. Schon rumorte die Bäurin in der

Stube.

Mit einem schrecklichen Druck im Magen erwachte der Dullhäubel. Er

stützte sich ächzend, riß das Maul auf, und ein wilder Blutguß schoß

auf das Pflaster des Vorhauses.

»Bäurin! Bäurin!« winselte er. »Zu Hilf, schnell! Aus ist es! Dahin

geht es!«

Als sie aus der Stube kam, brach ihm wieder das Blut in dickem Strahl

aus dem Hals. Sein Auge stierte, Bart und Brust und Hände, Strohsack

und Estrich, alles war rot besudelt.

Die Ogath rang die Hände über dem Kopf. »Himmlischer Vater, er hat den

Blutsturz!«

»Rühr dich!« stöhnte er. »Den Pfarrer hol, den Bader! O mir ist

hundselend! Den Pfarrer schickt mir, ich bin ein großer Sünder. O, daß

ich gar so viel Blut hab!«

»Den Bauch reib ich dir mit Kampferöl,« rief sie. »Ich koch dir ein

Helfkräutel, einen Tausendguldenkrauttee, der hilft.«

»Nix hilft,« schrie er ungeduldig, »den Geistlichen hol!«

Sie rannte die Bodenstiege hinauf und weckte die Kinder. »Wabel,

Reigel, Rosel, Portiunkel, Stasel, Kathel, Liesel, Urschel, Mariandel,

Kundel, Luzel, Stanzel! Geschwind, der Bauer geht ein!«

Die zwei ältesten Töchter liefen nach Blaustauden.

Die Wabel klopfte das Pfarrhaus wach. »Hochwürden, der Vater hat Blut

lassen. Die Mutter laßt bitten, Ihr sollt ihm die Seel aussegnen. Den

Flederwisch nehmt auch gleich mit, daß Ihr den Bauer besprengt!«

»Wenn es den letzten Schnapper giebt, kommen sie daher,« zürnte der

Geistliche. »Sonst sieht man manchen nit in der Kirche. Es stehen in

der Meß oft mehr Heilige als Leut umeinander.«

»Rennt, Pfarrer! Das Blut schießt ihm heraus wie gestern der

abgestochenen Sau.«

Der Herr Nonatus war ein seeleneifriger Mann. Er sagte: »Ich geh gleich

mit. Der größte Sünder ist mir am allerliebsten, und der Dullhäubel

zahlt sich aus. Meßner, läut das Speisglöckel!«

Die Reigel weckte den Bader.

Der bärbeißige Wundarzt Gottfried Mehlstäubl nahm gleich eine Flasche

Blutegel mit.

»Was ist denn los mit dem Dullhäubel?« fragte er. »Hat er wieder einen

Kapuzinerrausch heimgebracht? Hat er sich die Wampe überfressen? Ist

ihm der Darm auseinander gesprungen?«

»Blutkrank ist er,« weinte die Reigel. »Einen ganzen Zuber voll Blut

hat er gespieben. Jetzt lechzt er.«

»Heul nit, Dirndel, ich helf ihm. Ich hab schon andern Leuten geholfen.

Unserm Burgermeister hab ich den Bandwurm abgetrieben, fünfzig Ellen

lang.« --

Derweilen lag der Dullhäubel blutig im Stroh. Er hörte in der Ferne

das Glöckel, dessen Geläut den Weg des Pfarrers begleitete. Er betete:

»Heiliger Blaumantel, liebreicher Fürbitter im Himmel, steh zu mir!

Wenn ich wieder gesund bin, stift ich dir eine Kerze, so lang wie eine

Deichsel, vor deiner Kapelle soll sie brennen Sommer und Winter, Tag

und Nacht.«

Der Grazian, der wegen seines Alters als Meßner abgedankt worden war,

fand sich ein, und nicht ungern sah er die letzte Stunde des Schelmen

nahe. Denn die verweste Geiß stank ihm noch immer aus dem Magen, und er

hatte den Streich nie verwinden können.

»Schau, schau, Dullhäubel,« sagte er, »gestern hast du noch

heimgejodelt von der Siebenkittelwirtin, und heut gehst du auf dem

letzten Gras. ›Gestern im Trab, heut ins Grab‹, heißt es. Du schaust

aus wie der linke Schächer.«

Der Bauer griff an die Brust, die Zunge schlotterte ihm. »Mir wird ganz

herzschlächtig.«

»Zieh die Strumpf und die Schuh aus, Dullhäubel, und renn der Höll zu!

Wart nit auf die heilige Wegzehrung, sie hilft dir nimmer. Ja, den Tod

betrügst du nit, du Sündenbock, du Leutfopper, du Bauchbruder, du Trost

dem Teufel! Dahin mußt du mit deinen Rieben und Ränken. Ich seh dich

schon schneeweiß in der Truhe.«

»Ich sterb nit,« kreischte der Dullhäubel auf.

»Rümpf dich und wind dich, du kommst ihm nit aus, dem Sensenwetzer. Im

Sündenstank fahrst du hin.«

»Jedes Haar wirft seinen Schatten,« wehrte sich der Bauer. »Warum soll

denn gerad ich keinen Fehler haben?!«

Unbarmherzig predigte der Meßner: »Jetzt liegst du auf der Streu, jetzt

schießt das Blut heraus, das wilde Dullhäubelblut, das kein gut getan

hat sein Lebtag. In einer kurzen Weil tümmelt der Teufel vor der Tür

und zerrt dich davon bei den Füßen. In die Höll strudelst du hinab.«

»Laß mich aus, Grazian, verschon meine Sterbensnot!«

»Ja, mein lieber Freund, jedem wird gelohnt nach seinen Werken. Wenn

der Teufel herwürgt mit offenem Schlund und hernach deine Seel zwischen

den Zähnen hintragt, ich trau mir es gar nit zu sagen, wohin! Ja, mein

lieber Freund, wenn der ganze Himmel papieren wär, und auf jedem Stern

säß ein Schreibersknecht, sie könnten allsamt gar nit beschreiben, was

eine Seel leidet im ewigen Pech.«

»Meßner, das weiß ich. Ich dank dir.« Der Schweiß brach dem Bauer aus.

Die Ogath trat aus der Stalltür. »Der Didelmann hat uns das Kalb daher

gebracht, gottlob,« sagte sie, »es ist ganz wild.«

Wieder hub der Grazian an: »Es ist schad, Dullhäubel, daß Gott dich mit

so einem guten, wirtschaftlichen Weib versorgt hat!«

»Bäurin, ich will gut tun, wenn ich wieder aufkomm,« gelobte der

Dullhäubel.

»Ja, wenn die Zaunstecken blühen,« sprach sie unwirsch. »Du tätst es

wieder treiben wie ehmals, die Händ schonen, die Weiber verfolgen, Vieh

und Leut foppen. Ausgestanden hab ich genug mit dir. Ein Selbstler bist

du gewesen, hast an Weib und Kind nit gedacht und an die Gemeinde nit,

nur an dich und allweil nur an dich. Und eine lederne Röhre hast du im

Hals, die brennt und muß feucht gehalten werden. So, jetzt hab ich dir

es gesagt.«

»Gelts Gott, Bäurin, gelts Gott! Du hast die Wahrheit geredet,«

wispelte er. Die Augen fielen ihm zu.

»Heilige Mutter Anna,« schrie der Grazian, »er wird schon blau! Der

Teufel schreit juchhe.« Er stieß ein Gebet aus. »Lasset uns beten zu

den heiligen drei Königen, sie sollen ihm den Weg weisen, er muß in die

Ewigkeit wandern.«

Jetzt kam der Pfarrer mit dem Bader daher, und die Dirnlein drängten

nach, neugierig und furchtsam.

Der Bauer tat die glasigen Augen auf und röchelte: »Pfarrer, Bader, der

Tod geht mir zu.«

Der Wundarzt Gottfried Mehlstäubl staunte: »Sakerlot, du hast

unglaublich viel Blut gekotzt! Mensch, mußt du vollblütig sein! Wo

fehlt es denn? Hast du ein kaltes Fieber oder ein glosendes? Schüttelt

es dich? Reißt es dich? Kratzt dich der Hals? Ist dir das Zäpflein

gefallen?«

Fuxloh; oder, Die Taten und Anschläge des Kasper Dullhäubel: Ein Schelmenroman · 第 30 / 62 题