Der Dullhäubel trank allein im Mondschein. --

Indessen hatte die Ulla ihr armseliges Bett bereitet. Sie lag ohne

Ruhe, die Reden des Bauern hatten ihr das kleine Hirn ganz gar

und verwirrt. War sie vielleicht doch, ohne es zu wissen, eine

Gabelreiterin?

Sie dachte mühselig nach, ob ihr nie etwas zugestoßen, was nicht

geheuer gewesen. Aber ihr enges Leben lag schlicht und ohne Rätsel vor

ihr.

Lang quälte sie sich ab und flüchtete schließlich vor sich selber in

den Schlaf.

Da träumt ihr, sie flöge über das Land hin. Tief unten lagen Kirchturm

und Freithof, Häuser und grasendes Vieh. Über den Wald flog sie und

hob die Knie hoch, daß sie sich nicht an den Tannenspitzen stoße. An

den Nestern streifte sie vorbei, drin die Rabenhennen gluckten, einem

hohen Berg zu, und der trug ein Feuer. Mitten im Wald drunten stand ein

zerbrochenes Häusel, aus seinem Rauchfang ritt ein rußiges Weib auf

einem Schürhaken heraus und ritt neben ihr her, und als die Ulla die

andere scharf anschaute, so war sie es selber. Schaudernd schlug sie

ein Kreuz. Da stürzte sie strahlenschnell in die Tiefe, schlug auf und

erwachte.

Sie besann sich des Traumes. Es war doch lustig gewesen, so ohne

Beschwernis zu fliegen und so weit in die Welt hinein zu schauen.

Könnte man nur ganz kleinwunderwenig die Hexenkunst treiben, wie viel

leichter würde doch das bittere Leben! Ach, sie wollte ja nur der Geiß

eine Raufe voll Futter hexen und ein paar Scheiter Holz in den Ofen,

wenn der harte Winter draußen stürmt und die Hohlwege zudeckt!

Ein fernes Wachthorn blies vom Dorf her Mitternacht.

Da lüstete es die Ulla, jetzt schnell einmal, nur einmal die Kunst und

die Kraft zu versuchen, die ihr der Dullhäubel andichtete, und weil

ihr in der Eile nichts anderes einfiel, rief sie einen Spruch, den

sie vorzeiten vergeblich gebetet: »Heiliger Antoni, schick mir den

Bräutigam in die Kammer!«

Und schon trampelte es draußen. Und ob sie es auch entsetzt mit

den Händen abwehrte und den freveln Spruch widerrief, die Tür ward

aufgestoßen, ein schwarzer Kerl sprang herein, wälzte ihr etwas

Schweres ins Bett und verschwand.

Der Ulla setzte der Herzschlag aus.

Der Teufel hatte sie beschenkt. Also war sie doch eine Hexe. So viele

Jahre hatte sie fromm gelebt, und jetzt verfiel sie der Hölle. O was

hatte sie getan?!

Ein Schuhu höhnte draußen, der Wind murmelte unheimlich ums Haus.

In ihr schrie es um Hilfe. Ihre Seele hatte ein dünnes, verzagtes,

windverwehtes Stimmlein und führte eine unbeholfene Rede.

Alter Leute Seele ist so matt wie ihre Hände. Und das Gebet der Ulla

hatte gebrochene Flügel. Ihr war, es dringe nicht zu Gott, es steige

nicht über die Tannen hinaus, es falle wie ein Stein schwer und

schmerzhaft zurück in ihr Herz.

Neben ihr lag das Sündige, Schreckhafte, Unbekannte, der Zeuge ihres

Hexentums. Das Fieber glühte in ihren Fingern, doch sie wagte nicht

hinzugreifen.

Der Mond rückte und spiegelte in dem weißen Haar der Greisin. Auf

einmal leuchtete er voll über das Bett.

Der heilige Blaumantel lag mit wachen, weit offenen Augen neben ihr.

»O weh, der Dullhäubel hat nit gelogen,« seufzte sie, »Ich bin eine

Hex!«

Schwerfällig tickte die Uhr, und da ihr Zeiger immer wieder zurücksank,

wußte das Weib nicht, ob der Morgen schon nahe sei. Furchtsam schaute

sie den an, der ihr Bett teilte.

Als es graute, spannte sie die Geiß vor ein Wägelein, lud den Heiligen

auf und schaffte ihn zurück in die Kapelle. -- -- --

Der Mond grinste.

Um den Dullhäubel drehte sich die Welt wie ein Rad. Er lehnte sich an

einen Baum und horchte. Irgendwo quackten die Frösche.

»Ihr Grillnöder, was singt ihr?« schrie er. »Ihr könnt es ja nit.« Er

fing an zu quacken, die Frösche ein Besseres zu lehren. Doch sie ließen

sich nicht schulmeistern.

Dann heulte er auf wie ein Mondscheinhund und weckte alle Kläffer

und Köter rings in den Einschichten, daß sie zornig bellten oder in

gezogenem Geheul klagten und die Leute in den Betten ängstigten.

Die Kapelle war leer. Da johlte der Trunkene: »Herrgott, schau

herunter! Dein Heiliger schlaft bei einem alten Weib.«

Der Wendehals auf der Fähre drehte den Kopf nach dem kreisenden Himmel.

Ein Schuhu kreischte. Ohne Rast gurgelte der Wolfsbach.

Wie der Dullhäubel neben dem Wasser dahintaumelte, rutschte er aus und

plumpste hinein. Die kühle Flut wusch ihm den Kopf und ernüchterte

ihn. Er blies, ächzte und schnaubte und kroch ans Ufer, den Blaumantel

verwünschend, dem er das Unglück zuschrieb.

Als er sich wieder auf den Füßen fühlte, war sein erster Gedanke: »Heut

hau ich einmal mein Weib!«

Er kam heim und tappte durch den Hof ins Vorhaus. Die Stubentür aber

war versperrt; ein Strohsack lag davor, der schien für ihn bereitet.

Fuxloh; oder, Die Taten und Anschläge des Kasper Dullhäubel: Ein Schelmenroman · 第 28 / 62 题