Die Gichtische erhob sich ängstlich im Bett. »Hast du ihn gehört?«

»Jeden Samstag hör ich ihn, Weib, da plätschert er im Wasser unterm

Mühlrad.«

»Du irrst dich, Vater,« sprach der Gid. »Es rauscht und saust nur der

Bach so seltsam.«

»Ich hör ihn schon seit drei Samstagen,« beharrte der Alte.

Die Angst schüttelte die Bettlägrige wie ein Frost. »Hast du ihm am

letzten Nikolaitag was zu essen in die Radstube hinunter geschüttet?«

»Das hab ich besorgt, Weib. Und einen Filzhut hab ich ihm auch hinunter

geworfen, daß er sich ihn auf das grüne Haar setzt und uns den Frieden

laßt fürs ganze Jahr. Und jetzt ist er trotzdem da.«

»Wie schaut er denn aus?« lächelte die Ogath.

»Zwischen den Fingern hat er Häute wie ein Fischotter, und im Wasser

wird er nit naß. Im Wasser ist er stark wie neun Rösser, man kann ihn

nit überwinden; am Land ist er nit kräftiger als neun Fliegen. Wie der

Ähnel noch auf der Mühl gewesen ist, hat der Wassermann häufig in der

Nacht geklagt wie eine Seel, die die Seligkeit nit findet.«

»Ich leid ihn nit im Haus,« grollte der Gid, »ich richt ihm die

Otterfalle auf.« --

Von jetzt an blieb es in den Samstagnächten immer still unter dem

Mühlrad, wie atemlos auch die zwei Müller hinunterlosten.

Doch einmal, als der Gid den Vater aus dem Haus und die Ogath bei der

siechen Mutter wußte, da hörte er es durch das Brausen des Mühlrades

seltsam planschen und rauschen.

Der junge Mensch lauschte fieberisch.

Badet wirklich einer drunten mit schilfgrünem Schopf und spitzem Gebiß

und langen Krallen? Zählt er die Seelen der Ertrunkenen, die er unter

gläsernen Töpfen drunten gefangen hält?

Den Gid übermannte es, mit dem Unhold, der ihm die Werkstatt unheimlich

machte, auf Leben und Sterben zu raufen. Wild riß er die Tür zur

Radstube auf. In der schäumenden Traufe des Mühlrades, in wirbelnden,

stoßenden Wassern, im Dämmer sah er es schneeweiß leuchten, er hörte

einen weichen, entsetzten Schrei und stürzte sich hinab ins Wasser und

hielt den wunderkühlen, starken Leib seiner Magd Ogath in den Armen.

* * * * *

Ehe der Mond sich wieder füllte, hielten die zwei Hochzeit.

Die ganze Freundschaft von Fuxloh und Grillenöd und jenhalb des

Gebirges rückte an, die Männer mit Myrtensträußen in den schwarzen

Röcklein, die Bäurinnen schwarzseiden vom Kopftuch bis zum Kittel, die

Jungfern schillernd in braunen und rötlichen Kleidern.

Der Hochzeitslader jauchzte und wünschte dem Bräutigam einen Stall

voller Ochsen und viel Körner im Kasten und einen Beutel voller Geld,

der schickt sich in die Welt. Der Braut herentgegen wünschte er den

Stall voller Kühe, davon eine mehr Milch gibt als dem Nachbarn seine

neun Stiere, und wünschte ihr in sechs Jahren sieben Kinder und zuletzt

einen rotschädligen Buben.

Da wies der Gid in die Weite: »Dort kommt endlich der Brautführer

daher, und der ist mein bester Freund, der Kasper Dullhäubel.«

Die Ogath war nicht wenig verdutzt, als sie den falschen Burschen daher

schlendern sah, der in der Nacht um sie gefreit. Er hatte sich zwar den

roten Schnurrbart weggeschabt, doch sie erkannte ihn an dem großen,

runden Kopf und den winzigen Zwinkeraugen gleich wieder. Sie tat aber,

als wäre er ihr fremd.

Der Dullhäubel hatte sich mit Maschen und Sträußlein fein

herausgeputzt, sein Brustfleck war mit doppelt aufgereihten

Silberzwanzigern verknöpfelt, und an der geschmiedeten Silberkette

klingelte ein silbernes Rössel und ein halbes Dutzend Frauentaler. Und

als die Brautschar gen Blaustauden ging und die Bauern jauchzend die

runden Hütlein schwangen, da warf der Dullhäubel seinen Hut am höchsten

und er schnackelte mit den Fingern und schnalzte mit der Zunge, und

keiner tat es ihm gleich.

Über den Wald herauf winkte der Turm mit dem Schindeldach, der

Wildtauber ruchzte im Tann, gelbe Schnäbel schwätzten, das Laub

spielte, Blumen liebäugelten auf der Wiese.

In ihren knisternden Schuhen trat die Braut stolz daher, ihr

lichtgrauer Seidenrock hatte tausend Falten und stand über die vielen

Unterkittel also breit gesträubt, daß sie kaum zur Kirchtür hinein

konnte. Im Haar saß ihr ein künstlicher Myrtenkranz, der vorn über der

stattlichen, ernsten Stirn wie eine Krone geflochten war und, sich über

dem Scheitel teilend, weit über den Nacken herabhing.

Mitten durch die in langhalsiger Neugier erstarrten Blaustaudner

führte der Dullhäubel die Braut zum Altar, und er konnte es sich nicht

versagen und wisperte ihr zu: »He, tragst du den Kranz mit Recht?«

Sie sah ihm groß in die fuchsschiefen Augen und antwortete: »O du

hundsschlechter Kerl!«

»Du hast mich also nit vergessen, Ogath. Schau, das freut mich.«

»Verschwunden bist du wie der Teufel, wenn man ihn mit Weihwasser

abspritzt,« murmelte sie zornig und kehrte sich ab.

Er zog sein Rubinglas aus dem Sack und tröstete sich mit

brasilianischem Tabak.

»Pfui Teufel,« sagte sie laut, »jetzt hab ich einen schnupfenden

Brautführer!«

Er schaute scheinheilig zur Orgel hinauf. »Ich freue mich schon auf die

schöne Musik,« flüsterte er. »Du wirst schauen, Ogath, wie zärtlich

unser Schulmeister orgelt. Das Wasser wird dir in die Augen schießen.«

Der Pfarrer Nonatus Hurneyßl schritt zum Altar und gab die Brautleute

zusammen. Es war ein Paar, wie es die Blaustaudner Kirche noch nie

überwölbt hatte, der starke, finsterschauende Mann Gid und die große,

schöne und stille Ogath.

Doch als der Orgler das Brautamt begann, hub ein derart wüster Mißklang

an, daß die Leute erschraken, der Schulmeister mußte einhalten, er

sprang wie besessen von der Orgelbank und fluchte, der Balgentreter

horchte in die Windkammer hinein, ob nicht der Leibhafte drin knotze,

und endlich kamen die Musikanten dahinter, daß ein verwogener Schelm in

der Nacht vorher die Orgelpfeifen unter einander vertauscht hatte.

* * * * *

Das Hochzeitsmahl war im »pfalzenden Hahn« gerüstet.

Die Ogath saß schweigsam und blaß zwischen dem Gid und der Igelbäurin,

die als erfahrene Brautmutter sorgte, daß die alten Bräuche geübt

wurden.

Auf den Tellern dampfte Rindssuppe und Kuttelfleck und Bäuschel;

mit Zuckersachen besteckter Reis ward aufgetragen und Kaffee in

ansehnlichen, bunten Töpfen und dazu Gugelhupf und leckerer Kuchen.

Die Gäste packten sich Schweinsbraten und fette Würste in Bündel zum

Heimtragen ein. Als die Ehstandsbrühe, drinnen Rindfleisch schwamm, auf

den langen Tisch gesetzt wurde, sagte die Brautmutter mit bedächtiger

Würde zu den Brautleuten: »Nit süß und nit sauer, gerade recht, so wie

der Ehstand ist.«

Der Dullhäubel spießte einen Knödel auf, biß hinein und sprach kauend

über den Tisch hinüber zur Ogath: »Ob du schon weißt, warum bei eurer

Mühl keine Scheuer ist?«

Sie merkte, wie sich ihres Mannes Stirn verfinsterte, und wich der

Frage aus: »Ich weiß nix und will nix wissen.«

Der Dullhäubel aber kröpfte den Knödel hinunter und erzählte: »Da ist

in der Mühl einmal der Korbflicker auf der Stör, und die Müllnerin

stellt ihm eine Eierbrüh hin mit Knödeln. Der Mann will mit dem Löffel

einen Knödel auseinander zwingen, aber es geht nit. Jetzt setzt er

gewaltig an. Der Knödel weicht ab, haut das Fenster durch, doppelt

durch, springt draußen an einen Stein, daß das Licht davon fliegt,

schlagt an die Scheuer, die Scheuer fallt um. Da hat der Korbflicker

drein geschaut!«

Der Gid reckte sich und zückte die Gabel. »Kasper, du willst mich heut

an meinem Ehrentag spotten?!«

Die Ogath zog ihn auf die Bank zurück. »Du sollst doch einen Spaß

verstehen, Gid!«

Der junge Müller stocherte wütend ins Kraut hinein.

Der Dullhäubel grinste. »Selbigesmal, wie die Müllnerin, die die

steinernen Knödel hat kochen können, geheiratet hat, da ist es weit

gemütlicher gewesen als heut. Damals haben sie so kräftig getanzt, daß

der Fußboden durchgebrochen ist, und allsamt sind sie in den Stall

hinuntergepurzelt. Die Braut ist zwiespältig auf den Stier zu sitzen

kommen.«

Der Gid schlug auf den Tisch, daß die Ehstandsbrühe aushüpfte. »Du

lügst mehr, als ein roter Hund rennen kann, Kasper.«

Der alte Müller beugte sich zum Dullhäubel hin. »Du plauderst allerhand

Dummes über unsere Mühl, du Springinges mit deinem gelben Schnabel, und

ist doch die Mußmühl weitaus die fürnehmste Mühl gewesen. Die Fuxloher

Bauern haben bei uns mahlen müssen. Das Recht hab ich noch schriftlich

daheim, du kannst es lesen. Die alten Fürsten haben ihren Namen drunter

gesetzt. Heut haltet sich keiner mehr darnach, es ist eine untreue

Zeit. Jeder fahrt mit seinem Malter, wohin er will. Der Mühlzwang hätt

nit abgeschafft werden sollen. Das ist nit recht.«

Der Gid ward rot wie ein Feuer. »Die alte Pflicht muß wieder

aufkommen,« sagte er heiser. »Ich leid es nit anders. Allsamt wie ihr

da sitzt, Fuxloher, müßt ihr das Korn bei mir aufschütten. Ich setz es

durch.«

»Meinem Vater haben sie das Recht abgezwungen,« rief der Alte, »ins

fürstliche Schloß haben sie ihn geladen und haben ihn dort so lange

gehaut, bis er zu allem Ja und Amen gesagt hat. Jetzt gehen viele

Gaukelmühlen an unserem Bach, hat aber kein Müller ein rechtes Geschäft

und keiner recht zu fressen.«

»Das riegelt mir die Galle,« schrie der Gid.

»Am Papier haben wir es schwarz auf weiß, der Fürst hat es bestätigt.

Und was geschrieben ist, bleibt geschrieben. Ganz Fuxloh muß in die

Mußmühl!«

»Ich nit,« trotzte der Dullhäubel.

Mit einem Blick wie ein Stichmesser tappte der Gid über den Tisch, und

der alte Müller hielt den Dullhäubel schon an der Gurgel.

Im rechten Augenblick noch fuhr der Meßner Grazian darein, die

schneidende Stimme erhob er: »Lasset uns ein andächtiges Vaterunser

beten für die verstorbene Freundschaft des Bräutigams und der Braut!«

Da verstummte die Zwietracht, und alle Stimmen vermischten sich in

einem eintönigen Gebet für die verschollenen Seelen der Vorfahren.

Hernach spielten die Musikanten hellauf, daß in allen das Waldblut

zu zucken und zu springen anhub, und der Hochzeitslader schrie: »Das

Brautpaar soll vivat leben!«

Der Dullhäubel trat vor die Igelbäurin hin und begehrte als Brautführer

von ihr als sein Recht den ersten Tanz mit der Braut.

Die Brautmutter richtete sich hoch auf. »Erst bring mir eine Kerze, die

Tag und Nacht brennt!«

Jauchzend schwang sich der Dullhäubel zum Fenster in den Garten hinaus,

rannte um den Zaun herum und kam mit einer Brennessel wieder, und die

steckte er der Iglin in das Bierglas.

»Brenn dich nit an der Kerze, Brautmutter. Und jetzt laß mich mit ihr

landlerisch tanzen!«

»Brautweiser, erst bring mir sechs Lichter, ein jedes muß anders

brennen.«

Der Dullhäubel verschwand in der Kuchel und trug nach kurzer Weile ein

Brett daher, darauf glühten sechs kleine Stengelgläser mit Kirschgeist

und Kümmel und anderen roten, gelben und lichten Schnäpsen.

»Kostet den goldnen, Brautmutter!« lockte er und bot ihr ein Stämplein

dar, »das ist ein süßer Trunk, wie ihn die Weiber gern mögen. Du bist

ja genäschig wie eine Geiß.«

Die Iglin zierte sich ein wenig, griff dann schämig nach dem gelben

Schnaps, spitzte den Mund und kostete lächelnd. Im Hui ward ihr Gesicht

sauer, und es schüttelte sie am ganzen Leib. »Der Spitzbub hat mir

einen Essig gegeben,« schalt sie.

Hernach begehrte sie: »Eh ich dich tanzen laß mit der Jungfer Braut,

zeig mir ein Bett, drin neun Jungfern schlafen, keine in der Mitte,

keine am End!«

Der Dullhäubel kratzte sich hinterm Ohr und meinte, das errate der

Kuckuck. Aber er stieg auf den Dachboden und brachte ein Spinnrad daher

und drehte es, daß die neun Speichen lustig wirbelten.

»Du kannst gut raten,« lobte die Iglin. »Jetzt trag mir noch einen

lebendigen Braten auf!«

Während der Dullhäubel den Braten holte, kroch der Lukas Schellnober,

der bei der Musik den Baß blies und als der stärkste Mann in der Gegend

galt, unbemerkt unter den Tisch und packte die Ogath beim Fuß. Sie

kreischte und strampelte, und die Brautmutter half ihr und raufte den

Mann unbarmherzig bei den Haaren, und schließlich gab ihm die Braut

selber einen Schlag auf die Wange, daß es wie ein Schuß knallte. Doch

der Riese zog ihr, unbekümmert um alles, was da über ihn niederging,

den Schuh aus, kroch schnaufend unter dem Tisch herfür und trottete zur

Tür hinaus. Als er wiederkam, stellte er den Schuh mit Nelken und Rosen

und Stiefmütterlein gefüllt vor die Braut hin.

»Wirt, gib dem Grobian einen Krug Wein!« befahl die Iglin. »Den Fuß

hätt er ihr schier ausgerissen.«

Der Schuhräuber setzte sich auf ein Faß. »Die Ogath hat Kraft,«

staunte er, »die hat mir einen feinen Hieb gegeben. Einen Hieb, den

Gemeindestier schlaget er nieder. Einen Hieb, als wenn das Wetter

einschlaget.«

Vor lauter Freude an dieser Kraft vergaß er den Schmerz, der ihm im

Schädel summte.

Der Dullhäubel stellte derweil eine verdeckte Schüssel auf den Tisch.

»So, da wär der lebendige Braten.« Er hob den Deckel, und eine Maus

schlüpfte heraus, die hatte eine blaue Masche um den Hals.

Die Weiber kreischten, rafften die Kittel zusammen und stiegen auf die

Stühle und Bänke. Verwirrt jagte das Tierlein auf dem Tisch hin und

her, warf die Stengelgläser um, daß es ein feines Geklingel gab, und

wagte endlich den Sprung auf den Fußboden.

Die Iglin wurde jetzt feierlich. »Brautweiser, jetzt bau der Braut eine

silberne Brücke und nimm sie zum Tanz!«

Der Dullhäubel holte einen Geldstrumpf und legte zwei Reihen

Silbergulden von einem Tischeck zum andern, und die Ogath trat zaghaft

darauf und schwankte den silbernen Steig dahin und sank hinab in die

Arme des Dullhäubel, die Spielleute setzten an, und die zwei tanzten so

wild, daß der lange lose Myrtenkranz vom Haar der Braut weithin wehte.

Draußen vorm Wirtshaus saß die alte Ulla auf einem Stein. »Sie werden

doch drin nit auf mich vergessen,« raunte sie.

Eine Hand schob sich zur Tür heraus und warf ihr einen Kuchen in den

Schoß.

Sie lächelte. »Mir ist es ganz ein Ding, ob ich ein schwarzes Brot

krieg oder ein weißes. Das weiße eß ich lieber, nur wegen der Farbe.«

Drin am Tisch saß die Braut, der Ernst ihrer Stirn verging nicht, und

kein Lächeln erhellte ihr Gesicht, wie arge Späße auch der Dullhäubel

trieb.

Am meisten zielte sein Übermut nach dem Bräutigam.

»Zeig her, Gid, den Arm,« rief er, »ob dir das Haar dran bergan wachst!«

»Warum bergan?« fragte der Gid mißtrauisch.

»Weil ihr Müllner den andern Leuten in den Mehlsack greift.«

»Du heißt mich also ins Gesicht einen Dieb?« brauste der junge Müller.

Die Ogath beschwichtigte ihn. »Scher dich nit um solche Reden! Du

brauchst viel Mehl, wenn du alle bösen Mäuler verkleiben wolltest.«

»Ein jeder Sack raucht, wenn man drauf schlagt,« schrie der Gid. »Soll

ich allein mir alles gefallen lassen?«

Die Gäste murrten, daß der Dullhäubel Unfried stifte, und als dieser

merkte, daß sich der Groll wie ein dumpfes Gewölk um ihn zusammen zog,

da lenkte er ein und fing an, lustige Lügen zu erzählen über Leute,

die nicht da waren, und unterhaltliche Lieder zu singen, darin er sich

selbst ein Klämpflein anhängte, oder er streute sich Tabak auf die

linke und die rechte Achsel, drehte den Kopf wie ein Wendehals darnach

und schnupfte ihn mit der ausgiebigen Nase links und rechts weg.

Ob solcher Schnacken söhnten sich die Gäste wieder mit ihm aus. »Man

kann ihm nit feind sein, dem Faxenmacher,« lachten sie.

Als der Gid und die Ogath hernach zum erstenmal in der Brautkammer

lagen und die Mühle rastete, hörten die zwei die halbe Nacht draußen im

Garten die Pumpe ächzen.

Der Dullhäubel pumpte vor lauter Eifersucht den Brunnen aus.

* * * * *

Die Jahre verwichen.

Der Dullhäubel wirtschaftete mit der Altbäurin und mit Knecht und Magd

auf seinem Hof. Die Mutter zählte nicht mit, die schlief stehend und

gehend ein.

Er selber mühte sich auch nicht sonderlich, es behagte ihm viel mehr,

den Fuxlohern allerhand Possen zu spielen, Land und Leute gen einander

zu hetzen, auf den Wirtstisch fest aufzutrumpfen und ein Leben zu

führen wie seine Vorfahrer.

Immer mehr wandte sich der Blaumantel hinter seinem Gitter von der Welt

ab, immer saurer sah er darein, wenn der Dullhäubel vorübertrollte,

und schließlich bildete sich der Bauer ein, der Heilige wisse um all

seine Schwänke und verrate sie vor Gottes Stuhl im Himmel. Drum besann

er sich viel, wie er den unliebsamen Widersacher wegschaffen könnte.

Einmal, am Simonjudastag, als das Kraut gehobelt und im Faß eingetreten

war, schleppte er den Heiligen heimlich in den Keller, und stellte ihn

statt eines Steines auf das Krautfaß, um es zu beschweren. »Jetzt bist

du beschäftigt, du Müßiggänger,« spottete er.

Doch seit der Hölzerne unterirdisch als Krautheiliger waltete, plagten

den Dullhäubel bergschwere Träume und vergällten ihm den Schlaf.

Ihm träumte, dem Blaumantel wüchsen Haar und Bart, und er, der Bauer,

müsse ihn scheren und stutzen. Zunächst setzte er ihm einen Topf auf

den Schädel, und was darunter an Haar hervorkringelte, schnitt er

ab. Es war aber steif wie Eisendraht und kaum zu bewältigen. Hernach

striegelte er ihn mit einem Igel, ein Kamm hätte den abscheulich

verfilzten Schopf nicht durchrütten können. Er schnitt ihm den Bart vom

Kinn und aus den Wangengruben und Nasenlöchern, schob ihm einen Löffel

in das Maul, daß sich die Haut daran straffe, seifte und schäumte ihn

ein und balbierte die Stoppeln mit einer Dachschindel. Der Bart aber

wuchs augenblicklich wieder nach, und so wurde das Balbieren zu einer

schrecklichen Mühe ohne Ende. Dabei glotzte der Blaumantel seinen

Schaber höllisch an, und der Löffelstiel stand ihm gräßlich aus den

grellroten Lefzen. Hundsmüd und zerknirscht fuhr der Dullhäubel aus dem

Schlaf, an seinem Hemd war kein trockener Faden.

Noch mehr quälte ein anderer Traum, der allnächtlich wiederkehrte. Der

Heilige im Krautkeller wuchs, wuchs durchs Gewölb in die Schlafkammer

des entsetzten Dullhäubel, wuchs durch den Boden zum Dach hinaus, daß

die Balken sich bogen und die Schindeln flogen und das Haus wankte

und schier stürzte. Nur die Kutte wuchs ihm nicht, und der Dullhäubel

mußte ihm hinten und vorn Schürzen und Leintücher vorhängen von

wegen der Schamhaftigkeit. Droben überm Dach zuckte und flammte der

Heiligenschein und drohte, Wald und Korn zu zünden. Da preßte der Bauer

einen Schrei aus der Brust, er schrie den Fuxlohern um Hilfe, aber

alle Fuxloher Männer vermochten den verwilderten Blaumantel nicht zu

überwinden, den sonst zwei zarte Jungfern stundenweit getragen auf der

Wallfahrt nach Maria Dorn.

Der Dullhäubel hörte aus diesen Träumen sein zerrissenes Gewissen

schreien, und als ihn der Blaumantel einmal wieder wie eine Trud

drückte, keuchte er aus dem Bett in den Keller hinab, stürzte den

Quälgeist kopfüber in einen Buckelkorb und schleppte ihn zur Kapelle.

Der Mond ging eben ab. Etwas Gespenstisches meckerte im finstern Moor.

Ein Hund schrie Mord über ein blaues Irrlicht. Ein griesgrämiger Rabe

hüstelte im Schlaf.

Der im Buckelkorb schien sich zu rühren und ward immer schwerer und

schwerer; der Dullhäubel meinte, Himmel und Erde müsse er tragen.

Vielleicht war das Schnitzbild überhaupt kein Heiliger, vielleicht

funkelte es hinter seinem Genick im Korb und war ein Bild des

Gottseibeiuns selber, das sich ein Zauberer und Götzenknecht geschnitzt

hatte in böser Absicht, und vielleicht springt der heidnische Kerl gar

aus dem Korb und schleudert den Bauer selber hinein und schleppt ihn --

Gott verhüt es! -- zum höllischen Backofen.

Dem Dullhäubel schnürte sich die Gurgel zu, sein Atem klemmte sich.

Vor Angst betete er laut und untertänig, und er stellte seinen blauen

Feind unter Bittreimen und Stoßseufzern wieder in die Nische.

Nach diesem Nachtgang lebte er gottesfürchtig und eingezogen, und

das um so lieber, als ihm die Fuxloher auflauerten, deren Heiligen

er mißbraucht hatte. Auch nahm er sich fest vor, jeden Gottestag die

Predigt zu hören und seinen Groschen zu opfern zur Ehre der Kirche und

zum eigenen irdischen und himmlischen Vorteil.

Doch der Teufel wacht und zieht dem bußfertigen Sünder gern eine

Sperrkette über den Weg. Also geschah es auch dem Dullhäubel, als er

sich wieder einmal dem Herrgott von Blaustauden zeigen und in aller

Bescheidenheit ganz hinten am Kirchtor hatte lehnen wollen.

Er stieg in die hirschledernen Hosen hinein, legte den Sonntagsrock an

und steckte das rubinene Glas zu sich. Im Hof trat er noch einmal zum

Saustall, den er sich ganz klein hatte zimmern lassen und redete durch

das Futtertürlein dem Vieh gütlich zu: »Friß nur, Sau, daß du einen

Leib aufnimmst! Oder hast du keine Ehr in dir?«

Wie er jetzt so treuherzig und in der besten Absicht bergab trabte und

der Wind über die Zäune strich und die Wiesen rauchten, sprang ihm

ein hitziger Mensch in den Weg, packte wie ein Straßenräuber ihn beim

Brustfleck und schrie: »Gerad will ich dich heimsuchen. Ich hab gehört,

du verkaufst eine Sau.«

»Meine Sau ist speckfeist. Ob ich sie dir geb, ist nit gewiß.« Und der

Dullhäubel vergaß schnöd des Herrgotts und kehrte mit dem Fleischhacker

schnurstracks um.

Die Sau wog gering. Weil sie aber kläglich in den winzigen Stall

gestellt war, so füllte sie ihn aus und erschien gar mächtig.

»Um wieviel ist sie dir feil, Bauer?«

»Um dreißig Gulden, Fleischhacker.«

Der Sauhändler prallte erschrocken zurück, machte Augen wie Pflugräder

und drohte, ins Knie zu fallen. »Dreißig Gulden?! Du bist närrisch

worden, Kasper.«

»Dreißig Gulden,« sagte der Bauer eintönig.

»Was wiegt die Sau?«

»Schätz sie ab, Luitel!«

»Dreißig Pfund wiegt sie. Kein Lot mehr.«

»Dreißig Pfund?! O du Raubersbub! Jetzt willst du mich betrügen, wo ich

dir so weit entgegen kommen bin mit dem Preis? Dreißig Pfund wiegt

eine ausgezogene Katz. Schau sie genau an, die Sau, sie geht schier nit

in den Stall hinein. Dreimal so viel wiegt sie zum mindesten!«

»Daß ich nit lach, Kasper! Neunzig Pfund hat sie nit einmal samt dem

Saustall.«

»Luitel, greif meine Ehr nit an!« drohte der Dullhäubel.

Der Händler sparte nicht mit seiner Verachtung. »He, das soll eine Sau

sein?« rief er empört. »Gib sie her um zwanzig Gulden!«

»Dreißig kostet sie. Das ist schandenwohlfeil.«

»Was tust du mir an?« stöhnte der Luitel. »So manches Jahr sind wir

treue Freunde gewesen. Und jetzt willst du mir das Blut aussaugen?

Dullhäubel, laß nach! Dullhäubel!! Dullhäubel!!!«

»Dreißig Gulden.«

»Hinwerden soll ich in fünf Minuten, wenn du von mir einen Kreuzer mehr

kriegst als zwanzig Gulden,« schwor der Fleischhacker.

Der Dullhäubel zog die Sackuhr. »In fünf Minuten? O Freund, da mußt du

dich hübsch fleißen!«

»Du spottest noch? Kasper, denk an deine letzte Stund! So ein elendes

Krepierlein! Die Knochen stehen ihm hinten und vorn heraus. Dem

Schinder hast du die Sau gestohlen. Gib sie her um fünfundzwanzig

Gulden!«

»Dreißig.«

»Lauter rothaarige Menscher soll dein Weib einmal kriegen!« fluchte der

Luitel. »Die Sau soll dir die Nase abfressen, daß du nimmer schnupfen

kannst!«

Der Dullhäubel ward blaß, tastete nach der Nase und trat einen Schritt

zurück. Die Verwünschung griff ihn an, und schier hätte er nachlassen.

Aber er erfing sich wieder und sagte sanft: »Dreißig Gulden.«

Der Luitel heulte auf. »Er treibt mich in die Verzweiflung Hast du

ein Herz im Leib, Kasper? Bist du ein Christ? Gib her die Sau um

achtundzwanzig Gulden! Reck her die Hand! Schlag ein!«

Er versuchte immer wieder in die Hand des Bauern einzuschlagen, die wie

tot hing. Er winselte, beschwor, fluchte, verwünschte.

Der Dullhäubel blieb kalt. »Geh heim, Fleischhacker! Du bist ja nit

verheiratet mit meiner Sau.«

»Tu sie her um achtundzwanzig Gulden fünfzig Kreuzer,« schluchzte der

Luitel, »und nimm dir die Sünd mit in die Ewigkeit!«

Jetzt seufzte der Dullhäubel wehmütig auf: »Ich will dich nit

unglücklich machen, und weil du mein Freund bist seit jeher, so gehört

dir die Sau um den Preis, den du jetzt selber geboten hast. Aber nit

gern laß ich dir sie. Sie ist meine einzige Freud gewesen; ich hab sie

aufgefüttert und wachsen sehen und zunehmen --.« Er wischte sich über

die Augen, seine Stimme erstickte.

Da schlugen die zwei ein. Der Handel war geschlossen.

Der Luitel blätterte die schmierige Brieftasche auf und zahlte.

Bedächtig zählte der Bauer das Geld nach, und als er es verwahrt hatte,

half er dem Händler das widerspenstige Tier bei den Ohren aus dem Stall

ziehen.

»O verflucht, ist die Sau gering!« stammelte der Luitel, als er sie im

hellen Taglicht sah.

Und als er sie gar durch das große Hoftor zerrte, wurde es ihm durch

den Vergleich recht augenscheinlich, wie winzig die Sau war. Vor Wut

ächzte er auf und drohte mit der Faust zurück.

Der Dullhäubel aber schüttelte das Geld und frohlockte laut: »Den hab

ich angeschmiert, daß ihm die Augen tropfen.« --

So übervorteilte er jeden, der sich mit ihm im Handel messen wollte.

Trieb er eine Kuh auf den Markt, so rührte er ihr im letzten Wirtshaus,

wo er einkehrte, eine kräftig gesalzene Mehlsuppe an, darauf durstete

das Vieh gar sehr und es soff wie ein dürrer Rasen Wasser in sich, bis

es die Wampe voll hatte. Dann stand es stattlich da und freute sich

eines guten Gewichtes, und der Dullhäubel schlug sie mit erklecklichem

Gewinn los.

Derlei Kniffe und Pfiffe hatte er einen ganzen Heuwagen voll.

Ein ganz besonderer Segen lag auf seinem Hof, trotzdem daß er seine

Hände schonte und die schönste Zeit beim Bier verlümmelte. Mit

glänzenden Fellen stand ihm das Vieh im Stall, seine Kühe kälberten

eifrig, seine Geißen kitzten dreifach und vierfach, seine Hennen legten

Eier mit zwei Dottern. Kein Reif sengte ihm die Erdäpfelblühe, kein

Schauer knickte sein Korn, sein Heu kam räuspendürr unters Dach.

Und mancher Fuxloher ward deswegen in dem gerechten Herrgott irr.

* * * * *

Dem jungen Mußmüller wich der Dullhäubel aus, er scheute ihn. Der Gid

wurde immer hitziger und rauflustiger und stritt mit allen Leuten, weil

er das altverbriefte Recht wieder durchsetzen wollte. Auch sonst störte

ihm mancherlei das Glück, besonders aber, daß in der Mühle die Wiege

leer blieb.

Einmal stach den Dullhäubel der Kitzel, und er schlich sich den Bach

entlang, den mürrischen Nachbar ein wenig aus dem Häuslein zu bringen.

Die Vögel wuschen sich, am Zaun blühten die Hollerstauden. Die Mühle

rumpelte verschlafen, und das Rad knarrte verdrießlich: »Soll -- ich --

denn -- noch einmal -- umgehn?«

Mit unwirscher Stirn lehnte der Gid am Türstock. Es hatte schon lange

nicht geregnet, und wenig Wasser fiel aufs Rad. Die Ogath saß auf der

Sonnenbank und flickte.

Da rief der Dullhäubel hinter einer Erlenstaude: »Wie die sieben dürren

Jahr schaust du drein, Gid. Geht dir die staubige Mühl zu langsam?«

Die Eheleute schraken auf wie Hennen, wenn der Fuchs durch den Zaun

blinzt.

Der Nachbar setzte sich gemächlich auf einen Grenzstein jenseits

des Baches und fragte: »Strickst du den Geiferlatz für den neuen

Müllnerbuben, Ogath? Wann wirft der Krähvogel ihn euch in den

Rauchfang? Er laßt sich Zeit.«

»Du Daunderlaun, wir sind ohne Kinder auch lustig,« speiste sie ihn ab.

Er höhnte weiter: »Wer ist denn schuld daran, du oder der Mann?

Müllner, du mußt sie über neun Zäune tragen und schreien, die Nachbarn

sollen dir helfen.«

Er achtete nicht des Mühlrades, das bedächtig und schier drohend

brummte: »Juckt -- dich -- der -- Buckel? Juckt -- dich -- der --

Buckel?«

»Ich helf mir selbst,« grollte der Gid, »und dich brauch ich am

wenigsten. Du bist derselbe Lump wie deine Ähnel.«

»Der Apfel fallt nit weit vom Birnbaum,« entgegnete der Dullhäubel.

»Wenn ich ihr nur meine Pudelhaube hinwerfet, gleich krieget sie einen

Buben, die Ogath.«

»Ja, weil du der rotbartet Kasper bist,« knirschte der Gid. »Das muß

ich mir ins Gesicht sagen lassen, Ogath. Dran bist du schuld.«

»Ich geh wallfahrten gen Maria-Dorn,« seufzte sie bang. »Vielleicht

nutzt es.«

»Geh hin, wohin du willst! Ein Bub muß her.«

»Geh nacket in die Kindelkapelle, Ogath!« kicherte der Dullhäubel.

Der Müller wurde schneeweiß und packte einen Hammer, der auf der

Türschwelle lag. »Ich erschlag dich, ich bin Gott einen Toten

schuldig,« zischte er und sprang über den Bach.

Er war flinker als der Nachbar, und als er ihn gestellt hatte, schlug

er mit dem Hammer blind auf ihn los und traf ihn auf die Achsel, daß er

hin in die Binsen fiel.

Das Mühlrad ging auf einmal viel lustiger und spottete: »Hat dich der

Buckel gejuckt? Hat dich der Buckel gejuckt?«

Beruhigten Blutes kehrte der Gid zu seinem Weib zurück. »Den Grenzstein

will ich heut noch mit Kalk frisch überweißen, weil ein schlechter Kerl

drauf gesessen ist. Und ein Bub muß her, und wenn wir zwei solange drum

wallfahren müssen, daß uns bei jedem Schritt ein Blutstropfen von der

Ferse fällt!«

Indes raffte sich der Dullhäubel mit allerhand Gedanken an Schergen,

Gericht und Zuchthaus aus der Wiese auf, tappte nach der wehen Achsel

und schielte bös zur Mühle hinüber. »Blut ich, so klag ich; blut ich

nit, so klag ich nit.«

* * * * *

Im Volk ging die Rede, daß einst von Gesetz wegen in der Mußmühle

kein Weib habe hausen dürfen. In Wahrheit verhielt es sich so, daß

unter jenem Dach nur wenig Kinder geboren wurden. Während es in den

Bauernstuben wimmelte, zogen die jeweiligen Müllersleute immer nur

einen einschichtigen, vertrotzten Buben als Samenstengel auf.

Der Ogath lag es wie ein Mühlstein am Herzen, daß sie Jahr für

Jahr galt ging. Sie hätte alles drum gegeben, und nicht nur ihres

verfinsterten Mannes wegen, wenn sie ein Kind gehabt hätte, und weil

alles Gebet, alle Sehnsucht und Traurigkeit fruchtlos blieb, so dachte

sie immer heißer an Wunderkräfte, die ihr den Segen aufschlössen.

Was ihr der Dullhäubel in seiner Verruchtheit geraten, ging ihr nimmer

aus dem Sinn.

Weit drin in der Wildnis des Lusens ist die Kindelkapelle. Dort hat

schon manches Mutterverlangen sich hingekehrt und ist erhört worden.

Doch die große Gnade kann nur durch ein großes Opfer herbei gelenkt

werden: nackt muß das Weib wallfahren zu jenem Gnadenursprung, in

letzter Blöße muß sie schreiten durch die Wälder, ehe ihr das Wunder

zuteil wird.

Von Woche zu Woche nahm sich die Ogath die seltsame Wallfahrt vor, doch

immer wieder schrak sie in Scham davor zurück, bis ihr Wunsch endlich

so gewaltig aufbrannte und alles andere davor verglomm.

Zu Mariä Heimsuchung fuhr der Müller in die Stadt ins Schloß, dort

wollte er noch einmal wegen des abgeschafften Mühlrechtes verhandeln.

Da schlich die Ogath barfuß in das Vogeltänd, das war der Wald,

der hinter der Mühle aufstieg und den Steig beschattete, der zur

Kindelkapelle führte.

Vor einer Steinhöhle hielt sie an. Ihre Brust ging hoch, angstvoll flog

ihr Blick durch die Bäume, sie trat aus dem Sonnenlicht in den tieferen

Schatten einer niedergreifenden Tanne. Zitternd band sie sich die blaue

Schürze los und legte sie in den Steinriß, sie tat die Joppe ab und den

Rock und die drei barchentenen Unterkittel und verbarg sie. Jetzt stand

sie im Hemd und lauschte todängstlich hinein in das Vogeltänd.

Nichts regte sich. Nur eine Drossel pfiff.

Sie wartete, bis der Vogel sich versungen hatte. Dann warf sie das Hemd

ab und war nackt.

Ihr schauderte.

Mit gefalteten Händen, mit fallenden Zähren begann sie die leidvolle

Wallfahrt.

Anfangs schien es ihr öfters, es halle der dumpfe Tritt eines Wandrers

ihr entgegen, und sie floh mit verhaltenem Atem hinter eine Staude und

lauschte lange und traurig.

Das Blut brannte ihr in den Wangen den weiten Weg. Sie schämte sich vor

den lustigen, spiegelnden Quellwassern, die sie überschreiten mußte,

sie schämte sich vor dem flüsternden Laub, das sie zu beschwätzen

schien, und vor den rauhen Felsen sogar, denn alles hatte heute Gesicht

und Augen. Jeder Stein am Steig, jede Wurzel am Hang, alles, alles

kehrte sich ihrer sündigen Nacktheit zu.

Der grüne Baumhackel lachte schrill, der Krummschnabel glotzte vom Ast,

spöttisch knickste das Rotschwänzel. Das Hirngrillein, der Guckauf, der

Nußhackel, die Spottvögel alle, die Schlangen am Weg, der verzagte Has,

der Hirsch, der unter der Berghollerstaude rastete und hinauf fraß, sie

alle schauten sie an, die da gläubig in ihrer schmerzlichen Keuschheit

dahin wallte.

»Vögel, berget die Äuglein im Gefieder!« bat sie. »Wend ab die Augen,

Wendehals! Ihr Blumen, verschließt euch und schaut mich nit so an! Zeig

mir mein Bild nit, du stiller Bach!«

Immer älter und verworrener wurde der Wald, schreckhaft verbogene Bäume

schickten die Wurzeln wie Nattern und Tatzelwürmer aus, Felsen trugen

tiefes, feuchtes Moos und trieften, Geier jagten schreiend über den

finster geschlossenen Wipfeln.

Mitten in diesen Schrecknissen ragte das Wunderkirchlein auf.

Es lag so mutterseligallein, so verhuscht und verborgen vor aller Welt,

so recht geeignet, daß ein armes Mutterherz oder eine betrübte Magd

oder ein reuiger Sünder oder, wer immer den Herzwurm hat, sich in aller

Geheime ausweinen konnte.

Die Ogath trat in das wetterverschlissene Bethäuslein. Das Herz ward

ihr sonnenlicht, als sie den Altar sah.

Da saß die Maria, die heilige Kindelbetterin, weiß wie ein Lilienblatt,

schlicht und einfältig, und neben ihr beugte sich der Zimmermann mit

dem eisgrauen Bart, ein uralter Tattel, über die Krippe, darin ganz

nackt und bloß das Himmelskind schlief, und zwei Eheleute schauten

furchtsam drein, denn die Könige waren gekommen, den Heiland im

kalten Stroh zu grüßen, der Kasper, schwarz wie ein Kohlenbrenner,

der Melcher, der Weihrauchkönig, reitend auf dem Kameltier, und der

Balthauser, der mit dem silbernen Stern tanzte. Ganz hinten, durch

zierliche Heiligenscheine aus ihrer Demut erhöht, knieten das Öchsel

und der ägyptische Esel.

Vor dem Altar stand eine große, leere Wiege.

Die Ogath aber redete mit der hohen Gnadenfrau: »Die Mußmüllnerin bin

ich, und es ist eine Sünd und eine Schand, wie ich da vor dir steh.

Aber deine Augen sind so still, und du schaust mir ins Herz bis auf den

Grund. Du siehst nix Schlechtes drin. Und ich bitt dich, trag meinen

Wunsch hin, wo man ihn hört. Mit gesegnetem Leib möcht ich gehen wie

die anderen Weiber, und so bitter gern tät ich am Anger vor der Mühl

Windeln bleichen, tät Hosen flicken für ein schlimmes Büblein, oder

wenn es ein Dirnlein sein sollt, wollt ich es gern zöpfeln und es hegen

und pflegen, und alles Herzleid tät ich willig tragen, was so ein Kind

bringt.«

Weiter fand sie keine Worte.

Sie kniete zur Wiege hin, legte ihren schmerzlichen Wunsch hinein

und wiegte still und versunken in den Anblick der heiligen Leute und

gläubig, daß das Wunder geschehe an der Frau, die es wagt, nackt zu

wallfahren.

Sie wiegte, bis die Sonne tief im Bergwald versunken war und die

Kapelle sich mit grauen Schatten füllte.

Im Dämmer ging sie heim, erbangend, wenn das Gras zischte oder der

Wind flüsterte, verzagend vor jedem Gebüsch. Denn selten gibt es eine

Staude, drin nicht ein Auge ist.

Die Raben kehrten in den Fichten ein zur nächtlichen Rast. Wie

stockende Geister leuchteten die weißen Grenzsteine. Droben tat sich

der Sternhimmel auf und funkelte durch die Wipfel nieder und silberte

Zweig und Laub.

Lichter aber schimmerte der Leib der Wallfahrerin, und die Blendnis

ihres Fleisches lockte und schrie durch die Nacht.

»Ich bin wie eine Latern,« klagte sie.

Der Wald ward sanfter, gangbarer der Weg. Durch die Stille hörte sie

schon die Mühle. Fern über den Bäumen sah sie hin und wieder das

Gebirg in schwarzen Klumpen dunkeln. Sie wanderte und wanderte im

Glanz ihres Leibes hin.

Als sie den Steinriß erreichte, wo sie das Gewand versteckt hatte,

huschte ein Mann aus den Felsen herfür und griff nach ihr.

Sie schloß die Augen und ließ willenlos alles geschehen.

Es mußte so sein.

* * * * *

Als der Gid erfuhr, wie die Ogath wallfahren gegangen war, prügelte er

sie unbarmherzig, daß sie blau und blutig wurde, und das starke, stolze

Weib ließ sich schlagen und wehrte sich nicht.

Tags darauf kam der Zusch, ein närrischer Mann, zum Müller und lallte:

»Der Dullhäubel schickt mich. Du sollst ihm Haut und Haar von deinem

Weib schicken. Du hast gestern geschlagen.«

Fuxloh; oder, Die Taten und Anschläge des Kasper Dullhäubel: Ein Schelmenroman · 第 14 / 62 题