Im Frühjahr gebar die Ogath ein Dirnlein mit dickem, rotem Haar.
Der Müller zerbiß sich die Lippen, er hatte einen Buben begehrt.
»Woher hat sie das rote Haar?« murrte er.
Er versperrte sich immer mehr in sich selbst. Seine Augen flogen scheu,
die kargen Worte, die er redete, zauderten undeutlich an seinen
Lippen. Oft brütete er stundenlang über dem Brief, der den Vorfahren
Zins und Kundschaft verbürgt hatte, und sann auf Wege und Schliche und
Gewaltsamkeiten, sich wieder ins alte Recht zu setzen.
Einmal saß er am Fenster und quälte sich, eine Bittschrift an den
Kaiser aufzusetzen. Denn im fürstlichen Schloß hatte man ihm gesagt,
der Kaiser selber habe die Zwangmühlen abgeschafft. Er wollte mit der
Schrift nach Wien reisen und dort, wenn es nicht anders ginge, einen
Fußfall tun.
Da holperte draußen auf der Straße ein Wagen daher, der Fuhrmann pfiff
gell und knallte ohne Aufhör mit der Geißel. Der Gid riß das Fenster
auf und schaute hinaus. Es war der Dullhäubel. Seine Ochsen wollten den
mit Kornsäcken beladenen Wagen vorüberziehen.
Aufsprang der Gid, packte die Urkunde und rannte hinaus.
Er trat dem Fuhrwerk in den Weg und hielt die Ochsen an, die Augen
flirrten ihm.
»Kasper, wohin?«
»In die Mußmühl nit, in die Grillenmühl,« sagte der keck.
»Das ist gegen das Gesetz,« lechzte der Gid. »Da siehst du die Schrift.
Schwarz auf weiß steht drin, daß du bei mir mahlen mußt. Dein Hof steht
drin aufgeschrieben mit Tinte und Feder. Mir ist es nit ums Mahlgeld,
mir ist es ums Recht.«
»Ich mahl bei dem groben Müllner nit, der mit dem Hammer die Leut
erschlagt.«
»Gelt, Kasper, du fahrst an meiner Mühl vorbei, weil du weißt, was mir
ein Spieß ins Aug ist! Heut laß ich dich nit vorüber. Recht muß Recht
bleiben. Übers Recht gibt es keinen Weg.«
»Speib Gift, speib Gall!« sagte der Dullhäubel kalt. »Deine Red hat
keinen Kopf und keinen Fuß. Steck ein den Wisch Papier und fuchtel nit
so vor den Ochsen herum! Du zerrüttest sie mir.«
»O du grundschlechter Kasper, genau so wie deine Vorfahrer peinigst du
die Leut. Mit Bluthunden haben sie den jungen Burschen nachgespürt, das
lebendige Menschenblut haben sie um einen Judaslohn verraten!« spritzte
der Gid dem Dullhäubel ins Gesicht.
Der antwortete gelassen: »Du steigst mir auf den Buckel! Und es bleibt
dabei, der Grillenmüllner und kein andrer schrotet mir das Korn.«
Blutrot sprang der Müller den Bauer an. Diesmal aber war der Dullhäubel
gerüstet. Er riß eine Ochsensenne aus dem Wagen und schlug schrecklich
auf den Feind los.
Der Gid keuchte in sein Haus. Im Flur stand der alte Müller.
Der Gid faßte eine Hacke. »Reichlich hat er mich gehaut,« schnaubte
er. »Vater, du stellst dich hinter die Tür. Du packst ihn von hinten.
Gleich ist er da. Droben am Steinbühel graben wir ihn ein.«
Atemlos warteten die zwei.
Der Dullhäubel aber führte sein Korn schon weit und sang sein Leiblied.
»Ich schrei hü,
ich schrei ho,
ich schrei allweil
hüstaho.«
* * * * *
Als dem Müller die Blutrünste und blauen Flecken vergangen waren,
steckte ihm der Bote einen Brief zu, und damit wurde er vors Gericht
beschieden.
Der Dullhäubel hatte geklagt, der Gid habe ihn auf hellichter Straße
überfallen, ihn und seine Vorfahrer geschmäht und verschändet und ihn
schließlich mit einer Ochsensenne halb erschlagen.
»O der falsche Fuchs!« schrie der Gid. »Erst haut er mich grün und
gelb, hernach zieht er mich vors Gericht. Auf der Stell klag ich ihn
auch.« --
Der Dullhäubel rüstete sich indes emsig für den Gerichtstag. Er wollte
den lieben Mußmüller so weit bringen, daß er kniefällig um Verzeihung
heulte.
In der Scheuer übte er seine Rede ein. Vorerst neigte er sich nach
allen Seiten, denn er dachte sich den Gerichtshof rund wie einen Kreis
und rings lauter Richter und Schergen und sich selber in der Mitte.
»Gnädigster, allerstrengster Herr Gerichtshof!« hub er an. »Indem daß
der Herr Ägid Wilfinger, Müllnermeister in Fuxloh, mich, den Herrn
Kasper Dullhäubel, ehrengeachteten Bauern daselbst und eheleiblichen
Sohn und Nachfolger des Herrn Isidor Dullhäubel, indem daß derselbe
denselben und seine Ochsen auf freier Straße angepackt hat und mich
hat zwingen wollen, daß ich in seiner Mühl mahl, wo doch schon der
Herr Kaiser Josef im Jahr achtundvierzig alle Zwangmühlen verboten
hat, und weil ich selbem Müllner nit zu Willen war, hat er mich und
meine gottseligen Vorfahrer mit boshaften Wörtern verunehrt und hat
insbesonders mir -- mit Verlaub zu sagen -- geschafft, ich soll ihm auf
den Buckel steigen. Nachdem dies geschehen war, hat er mich mit einer
Ochsensenne so kläglich genotnötigt, daß ich vierzehn Tag meine Arbeit
hab versäumen müssen und Hand und Fuß nit rühren können. So, jetzt hat
der Widersacher das Wort.«
Damit ging der Dullhäubel in die Ecke der Scheuer, wo spinnverwebt
die Putzmühle stand, und drehte sie fünf Vaterunser lang, daß sie
rumpelte und fauchte, und deutete also die Rede an, womit der Gid sich
verteidigte.
Als der Bauer an der Putzmühle in einen gelinden, warmen Schweiß
geraten war, setzte er ab und sprach wiederum in der eigenen Sache.
»Allerhöchster und ehrbarer Herr Gerichtshof! Indem daß der Ägid
Wilfinger sich gar so lügenhaft verteidigt und mit seinen Spitzfünden
der Wahrheit unverschämt ins Gesicht schlagt und behauptet, es hätte
sich alles umgekehrt zugetragen und ich hätte ihm mit einer Ochsensenne
leibgefährlich und schandbar zugesetzt, daß er schleunig in der
Mühl habe seine Zuflucht holen müssen: so verschwör ich mich mit
dem härtesten Schwur, daß der Müllner jetzt abscheulich gelogen und
getrogen hat. Gott soll mich strafen, wie ich da steh, wenn nur ein
einziges Wort nit wahr ist!«
Jetzt ließ er wieder die Putzmühle lärmen, und dies bedeutete wieder
die Antwort des Gid.
Hernach schloß er die Verhandlung und sagte: »Indem daß der Müllner von
seinem halssteifen Leugnen nit ablaßt und in ohrenblaserischer Weis
mich, seinen Nachbarn und vormals treuen Freund ins Zuchthaus bringen
will, so trag ich alleruntertänigst seine gerechte Bestrafung an. Ich
bitt euch, sperrt den Herrn Ägid Wilfinger drei oder vier Jahr bei
Wasser und Brot ein, daß mir mein Recht geschieht und er hernach als
ein verbesserter Müllner wieder auf die Welt kommt.«
Er verneigte sich nach allen Winden und ging aus der Scheuer, seiner
Sache sicher. --
Am Gerichtstag putzte sich der Dullhäubel wie ein Pfingstelreiter
heraus: er schirrte sich in die grasgrünen Hosenhalfter und steckte
einen Häherspiegel in den blauen Hut, die Silberknöpfe glänzten am
Brustfleck, und so trat er getrost aus dem Haus.
Als die Sodonia über ihn ein Kreuz schlug, sagte er: »Heut wird es ein
Rausch, ob ich gewinn oder verlier.«
Vor seinem Hof aber hockte die Ulla, sie ließ ihr zahnlücketes Lächeln
spielen und grüßte: »Guten Morgen in aller Fruh, Bauer!«
Das alte Weib deutete er als übles Vorzeichen. Fluchend rannte er
in die Stube zurück, tauchte alle fünf Finger in den Weihbrunn und
besprengte sich kräftig, daß alles Gelüst des Teufel zu schanden werde.
Dann schlich er zur Hintertür davon und ging in einem weiten Ring um
das Bettelweib. --
Der Gerichtshof schaute ganz anders aus, als wie der Dullhäubel
geträumt hatte. Es war eine sonnige Stube, drin auf grünem Tisch
zwischen zwei Kerzen das Kreuz mit dem angenagelten Herrgott stand.
Der Richter hatte einen breiten Goldbart, eine rötliche Nase und graue,
scharfe Augen, die einen durch Mark und Bein schauten.
Der Schreiber, dem zwischen den Augenbrauen eine mächtige Warze saß,
zog eben den Pfropf aus einem Tintenfläschlein. Neben ihm glänzte eine
schneeweiße Gansfeder.
Als der Dullhäubel in die Stube trat, war der Müller schon drin.
»Holla, gefehlt ist es,« dachte der Bauer, »jetzt ist mir der Kerl
zuvor kommen!« Doch hoffte er die Scharte auszuwetzen, und er grüßte
artig: »Gelobt sei Jesus Christus, Herr Gerichtshof und Herr Schreiber!«
Er wollte auch den Mann neben der schneeweißen Gansfeder ehren, denn
wie leicht konnte der ein Wörtlein in seine Schrift rinnen lassen, das
einem das Genick brach.
Der Goldbart murrte etwas und deutete ungeduldig auf einen Sessel.
Doch der Dullhäubel hielt es an der Zeit, seinen Trumpf auszuspielen,
er holte das Tabakglas herfür und bot es mit zwinkerndem Blick auf die
rötliche Nase dem Richter hin.
»Was unterstehen Sie sich?« brüllte dieser.
Der Dullhäubel legte die Hand demütig aufs Herz. »Herr Gerichtshof, ich
bin halt ein dummer Bauer.«
Er knickte auf den Sessel nieder, der blaue Hut fiel ihm auf den
Fußboden. »Holla,« dachte er, »jetzt hab ich mich verrechnet. Aber
meine Red muß mich herausreißen.«
Die Stimme des strengen Mannes kam auf einmal ganz unglaublich mild und
zart aus dem Goldbart heraus, die starken Augen wurden ihm feucht, er
zupfte an seiner Nase.
»Leutlein, euch hat der Herrgott nachbarlich hingesetzt in das schöne,
friedliche Tal am Wolfsbach, und ihr steht jetzt in dieser Stube euch
gegenüber wie zwei Waldratten, die sonst nichts mehr zu fressen haben
als eins das andere. Was verklagt ihr euch wegen ein paar überflüssiger
Hiebe und ein paar lustiger Wörter? Besinnt euch, ihr strittigen
Männer! Es kann kein gut tun, wenn einer von euch wegen des andern
abgestraft wird. Es wächst Haß daraus, und der Haß glost weiter in Kind
und Kindeskind und schlägt allweil wieder giftig aus der Asche. Denkt
an den Frieden eurer Enkel! Söhnt euch aus! Gebt euch die Hände!«
»Ich will mein Recht,« trotzte der Müller.
»Ich auch,« rief der Dullhäubel.
Das graue Auge des Richters verfinsterte sich, mit langen Schritten
ging er von Wand zu Wand.
»Es ist gut,« sagte er. »Und jetzt erzählen Sie mir den Vorfall,
Wilfinger!«
Der Gid stellte sich kerzengerad hin wie ein Soldat und begann rauh:
»Ich komm aus der Mühl. Der Kasper steht auf der Straße. Ich zeig ihm
unsern Freibrief. Wir reden nit lang, da reißt er die Ochsensenne aus
dem Wagen. Wenn ich nit renn, erschlagt er mich.«
»Umgekehrt ist es gewesen!« kreischte der Dullhäubel.
»Ruhig!« knurrte der Richter. »Ägid Wilfinger, beschwören Sie Ihre
Aussage!«
Die Kerzen flackerten unheimlich, und der Gid reckte den Arm steif auf
bis schier zur Decke und stammelte nach, was der Richter vorsprach.
»Falsch hat er geschworen, der staubige Teufel!« schalt der Dullhäubel.
»Dir wasch ich noch einmal die Kutteln.«
»Du elendiger Bauerntrumpf!« grollte der Gid. »Erwisch ich dich noch
einmal, ich hämmer dich hin, daß du nimmer aufstehst!«
Der Richter rieb sich die Fäuste. »Das ist ein spitzer Handel, Männer,«
reizte er die zwei. »Redet euch nur die Leber frei!« Der Bart zitterte
ihm unter dem lachenden Mund. Lachend riß er das Fenster auf.
Das Geschrei der zwei Fuxloher versammelte drunten am Markt die
Stadtleute. Sie horchten und lachten.
Der Dullhäubel war rot wie ein Truthahn. »Müllnerdieb, Müllnerdieb!«
zeterte er. Ihm fiel nichts anderes ein.
Der Gid hatte keine Farbe im Gesicht. »Du abgefeimter Fuchs,« sprühte
er, »du drehst dem Teufel einen Knopf in den Schweif.«
Sie wüteten gen einander wie zwei leer laufende Mühlsteine, mit bösen
Reden stachen sie auf sich ein, vergangene Zeiten öffneten sie und
rissen die verweste Schande der Voreltern heraus.
»Du Lump!« brauste der Gid. »Und allsamt seid ihr Lumpen gewesen auf
euerm Hof. Der Vater sauft sich zu Tod, der Ähnel sucht die letzte Rast
am Strick, dem Guckähnel wird der Hirnschädel eingehaut, und wer weiß,
wie viel von deiner Brut am Galgen gezappelt haben!«
Der Dullhäubel blieb nichts schuldig. »Du ehrlicher Müllner, dein
Vater ein ehrlicher Mann, dein Ähnel, dein Urähnel, dein Guckähnel,
lauter redliche Müllner! Kein Körnlein ist euch stecken blieben im
Fingernagel, kein Stäublein Mehl ist haften blieben an euern Schürzen,
keinen Sand habt ihr gemischt --.«
»Was? Du willst an meinem ehrlichen Gewerb schnipfeln?« Der Gid langte
hinüber, wie der Bär nach Reiner dem Fuchs greift.
Schnell barg der Schreiber das Tintenfaß und sah sich nach der Tür um.
Dem Richter schien es genug. Er brüllte, daß die Scheiben klirrten:
»Ruhe! Sonst laß ich euch dingfest machen und ins Zuchthaus schmeißen!«
Der Dullhäubel aber bäumte sich auf: »Hat der Gid geschworen, muß man
mich auch schwören lassen!« Er schwang die rechte Hand in die Höhe
und spreizte die Finger, die linke ließ er mit zur Erde gereckten
Schwurfingern hängen; er glaubte, so müsse der Schwur ohne Schaden
durch den Leib gehen, auch wenn er nicht ganz echt sei.
Der Goldbärtige schaute ihn mit einem Blick an, der ihm den Arm lähmte,
und sagte halblaut: »Ihr zwei versteckten Lümmeln, augenblicklich
versöhnt ihr euch, sonst laß ich euch krumm schließen, daß euch die
Knochen brechen! Glaubt ihr, ich hab die Zeit gestohlen, daß ich
mit einem groben Müller und einem spitzfindigen Schelm, der da kalt
schwören will, herumschlage? Im Hui vergleicht euch! Und dann hinaus
mit euch!«
Die Widersacher schauten verdutzt drein, der Richter aber winkte
entschlossen hinab auf den Marktplatz, dort stand ein riesiger Mann mit
einem Säbel.
Den zweien wurde ängstig.
Der Säbel klapperte draußen die Stiege herauf. Der Dullhäubel langte
sich nach dem Hals, als würge ihn etwas. Dem Müller war, eine Sense
fahre ihm durch die Kniee.
»Gid, verzeih!« ächzte der eine.
»Kasper, vergiß!« murmelte der andere.
Der Mann mit dem Säbel trat herein. Sein Gesicht war ernst, als müsse
er in die Feldschlacht gehen. Er wischte sich links und rechts über den
Schnurrbart.
Der Richter sprach zu ihm: »Sie, Herr Notnagel, rennen Sie gleich zum
Postmeister hinüber! Er soll nicht aufs Kegelscheiben vergessen. Im
Wirtshaus zum Blumenstöckel.« --
Die zwei Fuxloher atmeten auf, als sie draußen auf dem Gang standen.
Der Gang war weitläufig und finster, und drum verirrten sie sich und
gerieten an eine eisenbeschlagene Tür, die halboffen stand.
Der Dullhäubel spähte hinein.
In der Kammer drin war nichts zu sehen als ein vergittertes Fenster
und eine hölzerne Liegerstatt. An die Wände hatten die Leute, die
hier einschichtig über den Lauf der Welt nachgedacht hatten, allerlei
Ergötzliches gezeichnet. Neben dem Bild eines mit Raben und baumelnden
Schuften wohlversehenen Galgens waren Gesicht und Brüste eines üppigen
Zigeunerkindes zu schauen, Schergen mit Säbeln und Hahnenbüschen auf
dem Hut starrten von der Mauer nieder, unbekümmerte Sprüche luden zur
Besinnung ein; auch mancher Reim war verzeichnet, der ein artiges Gemüt
verletzt hätte, und mit blauem Stift stand steif und groß hingemalt:
»Ade, du trauter Ort! Ich bin da gesessen ein paar schöne Wochen.«
Dem Dullhäubel wurde ganz heimlich in der Kammer. Die Sonne zeichnete
das Gitter gar lustig auf die Liegerstatt hin und zierte die Spinnweben
im Winkel mit regenbogenen Farben. Eine Maus kroch aus ihrem Loch und
stellte ein Männlein.
Ungern verließ der Dullhäubel die Stätte. Er deutete mit dem Daumen
zurück und sagte zu dem Müller: »Wenn mir das alte Bettelweib nit
begegnet wär, du säßest jetzt da drin. Schad drum!«
* * * * *
Die Ulla wohnte am Vogeltänd neben einem Felsen. Ihre zerrissene
Hütte war mit Stangen und Stecken kläglich gestützt, Türsäulen und
Fensterstöcke waren morsch, die Scheiben zerbrochen und mit Papier
verklebt. Die Schindeln faulten am Dach und waren zum Teil durch
Baumrinden ersetzt. Doch darauf glänzten Steine mit schönen glasigen
Gebilden, so daß es auf all der Armseligkeit wunderlich blitzte.
Im Fenster wuchs in einer Scherbe kümmerlich die Blume Zagelhintaus.
Ein Kienbaum verschattete die Hütte, ihm wucherte im Gezweig ein
Hexenbesen, kraus verwachsen wie das Nest eines verrufenen Vogels.
Es war morgens. Der Guckauf lockte hell.
Die Waldkräutlerin brockte vor ihrer Tür einen struppigen Schlafapfel
aus dem Dorn, sie wollte ihn abends ins Bett legen, weil sie nimmer gut
schlief.
Zu dem winzigen Fenster meckerte die Geiß heraus. Die Ulla humpelte hin
und spaßte: »Gib mir ein Bussel, Geiß!«
Als wär er aus dem Felsen gesprungen, stand der Dullhäubel da.
»Du hast die Geiß gern, Ulla. Du brauchst sie wohl Zum Reiten? Reitest
du auf den Lusen tanzen? Das ist ein hoher Berg.«
Die Alte nickte gutmütig mit dem kleinen Vogelkopf. »Du bist heut gut
aufgelegt, Bauer. Dir hab ich einmal eine Warze besprochen. Weißt du
es noch? Jetzt bist du ein schöner Mann worden. Geh, schenk mir was!
Schau, wie armselig meine Heimat dasteht!«
Sie deutete auf die Tür, die müd in den Angeln hing.
»Die Tür ist schlecht,« sagte der Bauer, »aber du brauchst sie nit
besser, du reitest ja zum Rauchfang ein und aus.«
Die Geiß stand jetzt in der Tür, die Vorderbeine gespreizt, und horchte
neugierig zu.
»O mein liebes Vieh, der Bauer macht uns zwei schlecht. Du bist ein
Schwänkmacher, Dullhäubel. Freilich geht es mir schlecht. Wenn nur
genug Brot wär, drei Zähne hab ich schon noch,« kicherte sie kläglich.
»Ach ja, die Not ist mein Kuchelmensch und Schmalhans der Meister.«
»Aber Milch hast du genug?« fragte der Bauer scharf.
»Nit viel, gar nit viel. Was halt die Geiß hergibt.«
»Alte, du weißt, daß in meinem Hof der Erdspiegel ist. Drin seh ich
alles auf der Welt. Wie ich gestern abends hinein schau, seh ich dich
den Wegzeiger gegen Grillenöd melken. Zur gleichen Zeit hebt meine
beste Kuh, die schwarzrückete Stallmeisterin, gottskläglich an zu
plärren. Ich schau nach, da steht sie im Stall, zittert am ganzen Leib
und schwitzt, als wenn sie einer geritten hätt. Ich hab sie gleich
melken wollen, da hat sie nit ein bißlein Milch gegeben, nur ein
Tropfen Blut ist ihr aus dem Euter geronnen. He, was hast du meine Kuh
verzaubert, Hex?« rannte er.
Sie rang die dürren Hände. »Das ist nit wahr, der Erdspiegel lügt. Ich
bin ein frommes Weib und keine Schlangenköchin.«
Er fuhr fort: »Im ersten Zorn bin ich in das Vogeltänd gelaufen, hab
dir die Milch vom Ofen wegreißen wollen. Da seh ich durch die Luft
einen Strohwisch schießen, in deinen Rauchfang schießt er hinein, er
sprüht vor lauter Feuer. Ist das nit dein Liebhaber gewesen, Hex?«
Sie starrte ihn mit den blöden Augen an. »Du irrst dich, Dullhäubel, du
irrst dich dreimal. Es wird nur ein Sternlein in den Rauchfang gefallen
sein. O weh, wie redest du so schrecklich von mir armem Weib! Ich tu
ja niemand nix, ich tu nur beten, allweil hab ich die Nase im Betbuch,
wenn ich auch nit lesen kann.«
»Jetzt weiß ich, Ulla, wer mir im Stadel die Mäus wachsen laßt und im
Haus das Unziefer. Jetzt weiß ich, wer den Nebel her winkt und das
schwarze Wetter. Du bist es, Hex!«
»Ich hab ja gar keine Kraft,« jammerte sie, »wie könnt ich das tun? Es
ist ja alles nit wahr, nit wahr.«
Unbarmherzig redete er: »Aus deiner Geiß springt die Milch wie der
Brunnen aus der Erd, die Milch rinnt dir ums Haus nach, Ulla. Zum Lusen
bist du auf einem Besen geflogen, der hinter dir gebrannt hat. Du
zauberst und zinzelst und zanzelst und machst Weiber und Küh galt.«
»O du Unfang, du bodenloser, was bringst du mich in Kummer? Deine üble
Nachred wird mir schaden, niemand wird mir eine Gabe schenken wollen.
Aber jetzt geh ich hin und laß dich am Gericht verklagen.«
»Der Richter ist mein bester Freund, der tut mir nix,« lachte der
Schelm. »Und wenn die armen Leut klagen, so gilt es nit. Und wer steht
gegen mich auf? Ich bin der Dullhäubel aus Fuxloh!«
»Das ist eine bitterliche Wahrheit,« lispelte sie, »an der Armut wischt
ein jeder seinen Schuh. Aber, lieber Kasper, ich bin keine Hex.«
»Du bist es. Dein ganzer Leib legt Zeugenschaft dafür ab: deine Finger
sind wie Krallen, dein Kinnbein ist dürr und krumm, dein Gesicht ist
runzlig, als ob die Hennen drin gekratzt hätten. Die Augen rinnen dir
aus.«
»Ich bin ja alt! Alt bin ich!« wimmerte sie. »Blut könnt ich weinen. Du
wirst mich verschreien in ganz Fuxloh.«
»Wenn du ein gerades Weib wärst, die Augen frisch, die Wangen weiß und
rot und glatt,« der Dullhäubel schnalzte, »und wenn du sonst am Leib
schön fest und dick wärst, da könnt der Erdspiegel zehnmal sagen, daß
du hexest. Niemand tät ihm glauben.«
»Das laßt sich nimmer ändern,« sprach sie traurig. »Und wenn ich noch
so gut essen könnt, mein Leib ist alt und laßt sich nimmer frisch
aufbauen.«
Da flüsterte er: »Und doch weiß ich einen Rat. Geh in die
Altweibermühl!«
Wie Abendsonnenlicht glitt es über die enge Stirn der Ulla. »Ja, die
Altweibermühl! Ich hab schon davon reden hören. Aber sie ist weit,
meine Füß ergehen den Weg nimmer.«
»Geh in die Mußmühl! Der Gid mahlt dich blitzsauber und blutjung.
Zweifelst du? Ich lüg dich nit an. Du könntest mich sonst mit einem
Buschen Haberstroh erschießen in der Thomasnacht.«
Lachend trollte er sich.
Die Alte stand wie verzaubert. Noch einmal jung werden, Kraft haben in
Händen und Füßen, klar und stark sein im Hirn, von den Leuten geehrt
werden, tanzen und springen können, und es noch einmal und besser und
schlauer versuchen mit dem Leben!
Sie ging im Ring um diesen lichten Wunsch, sie bestaunte ihn von allen
Seiten und lugte scheu hin, wie ein Bettelkind durch die Zaunstecken
in einen fremden, feinen Garten lugt voll edler Lilien und lieber
Rosenstauden und Bäume mit gelbem Obst.
Sie glaubte es gern, daß es ein Mühlrad gebe, das die Alten wieder jung
mahle. Wie hätten denn sonst die Leute davon reden können!
Sie packte vor Freude die Geiß bei den Füßen, hob sie auf und schwenkte
und schleifte mit dem glotzenden Tier einen gelinden Tanz. --
Als sie am dritten Tag das Herz nimmer bezwang, nahm sie ihren Stecken
und ging in die Mußmühle.
Den Weg hin pflasterte sie mit vielen Träumen, die holder glitzerten
als der Tau an den Gräsern. Und die Vögel pfiffen die kreuz und
die quer, der Baumhackel jauchzte wie ein Hochzeiter, der Himmel
droben war glasblau, und die Erde war zart und freundlich wie ein
Kränzelgarten.
Die Ulla wanderte die Erlen und Weiden entlang bis zum grünen Weiher,
darein der Bach sich sammelnd und verrastend mündete.
Der Gid schleppte eben dem Glöckelbauer die Säcke in die Mühle.
»Bin ich da recht in der Altweibermühl?« fragte sie, und das Herz
schlug ihr hellauf.
Der Gid ließ den Sack von der Achsel gleiten und schaute sie wild an.
»Die bringt der Mußmühl einen neuen Namen auf,« lachte der Glöckelbauer.
»Jung sollst du mich mahlen,« redete sie ein wenig scheuer. »Der
Dullhäubel schickt mich her.«
»Zu Trutz und Neid tut er mir alles!« rief der Gid in weinerlicher Wut.
Und er rollte sie an: »Komm mit!«